Buddhismus und Gewalt Ein Blick auf die Situation in Sri Lanka corner

Buddhismus und Gewalt

Ein Blick auf die Situation in Sri Lanka

von ALOYSIUS PIERIS SJ

Buddhistische Mönche vor dem Regierungssitz in Colombo. Führende buddhistische Mönche beklagen, dass die heutige Ausbildung von Mönchen die Tiefe und Spiritualität früherer Zeiten vermissen lässt. Sie fordern deshalb eine innere Erneuerung des Buddhismus. Demgegenüber sehen extremistische Organisationen andere Religionen als Verantwortliche für den Niedergang des Buddhismus.

Der Buddhismus wird in erster Linie als eine Religion des Friedens beschrieben. Umso schockierender ist für viele Beobachter das Erstarken eines buddhistischen Extremismus, dessen Protagonisten buddhistische Mönche sind. Sowohl in Sri Lanka als auch Myanmar haben diese Bewegungen in jüngster Zeit viel Gewalt und Leid verursacht. Der renommierte katholische Theologe Aloysius Pieris, der als einer der profiliertesten Vertreter des christlich-buddhistischen Dialogs gilt, gibt im folgenden Beitrag Einblicke in Entwicklungen, die diesen Extremismus in Sri Lanka ermöglicht haben. Dabei wird deutlich, dass die führenden Protagonisten dieser Entwicklungen geblendet sind von einer Ideologie, die dem Buddhismus den Vorrang vor allen anderen Religionen gibt. Zugleich verstehen sie den Buddhismus vor allem als ein historisches Erbe, dass es zu erhalten gilt, aber nicht als einen Weg, der in einen Lebensstil umzusetzen ist. Der betonte buddhistische Nationalismus ist Ausdruck der Unfähigkeit, den Buddhismus von innen her zu erneuern.

Der historische Hintergrund: Das buddhistische Selbstverständnis

Das Volk der Singhalesen, das sich im heutigen Sri Lanka als eine eigene ethnische Gemeinschaft von Flüchtlingen niedergelassen hatte, die etwa im 5. Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung aus Nordindien vertrieben worden war, hatte den Buddhismus angenommen und versucht, seine Identität durch eine Geschichtsschreibung, die erste ihrer Art in ganz Südasien, zu definieren. Es ist diese nationale Biographie, bekannt als Mahavamsa – die große Chronik –, in der seine monastischen Mentoren ihr Selbstverständnis als auserwähltes Volk beschreiben. Das heißt, ein Volk, auserwählt vom sterbenden Buddha, um die Nation zu sein, der die Praxis und die Bewahrung seiner heiligen Doktrin und Disziplin anvertraut worden ist (Dhamma – Vinaya). Auf diese Weise ist der Buddhismus zum bestimmenden Aspekt der singhalesischen Nation geworden. Diese Sichtweise scheint ihre Grundlage in der historischen Tatsache zu haben, dass der Buddhismus in Indien, dem Ort seiner Geburt, verschwand. Der Buddhismus wurde zur offiziellen Religion des Staates Sri Lanka, der wiederum letzten Endes das missionarische Zentrum bildete, von wo aus der Buddhismus in andere Länder Südostasiens getragen wurde.

Diesem Selbstverständnis singhalesischer Buddhisten widersprach nicht der Koexistenz anderer Glaubensrichtungen, insbesondere des Hinduismus und verschiedener Formen der Volksreligiosität. In der Tat sind verschiedene Elemente dieser Religiosität in die Praxis des Buddhismus absorbiert worden. Man darf in diesem Zusammenhang aber auch nicht vergessen, dass Sri Lanka nur im geographischen Sinne eine Insel war. Historisch und soziologisch gesehen war Sri Lanka ein Highway, offen und gastfreundlich für viele Menschen unterschiedlichster Provenienz: Griechen, Römer, Araber, Chinesen, Indonesier, Inder, später dann auch Portugiesen, Niederländer und Briten. Für einige von ihnen war Sri Lanka lediglich ein Zwischenstopp auf dem Weg zu anderen Zielregionen, einige haben sich in Sri Lanka niedergelassen, andere haben Sri Lanka zeitweise erobert. Ganz gleich, ob man dem zustimmt oder nicht, Tatsache bleibt, dass in den Adern der Menschen Sri Lankas das Blut vieler ethnischer Gruppierungen fließt, die Teil dieser Nation geworden sind. Und alle haben sie ihre Spuren in diesem Land hinterlassen, sei es in den Sprachen und Gebräuchen, sei es in den religiösen Überzeugungen. Das einzige Identitätsmerkmal, das die große Mehrheit des Volkes der Singhalesen in solch einem pluralen und sich diversifizierenden Kontext bewahrte, war das Festhalten an Buddha und seiner Botschaft der Erlösung, wenngleich mit vielen Höhen und Tiefen in Fragen der Orthodoxie und Orthopraxie.

Die Invasion der Insel durch die Tamilen im Mittelalter während der Herrschaft der Cholas in Indien war Teil dessen, was Historiker eine »Politik der Plünderung «, die zur damaligen Zeit vorherrschte, bezeichnen, und eben nicht eine bewusste religiös-rassistische und linguistische Aggression von Seiten der indischtamilischen Hindus gegenüber den singhalesischen Buddhisten Sri Lankas, auch wenn das gnadenlose Pogrom nordindischer Maghas, das das Erbe der singhalesischen Buddhisten zerstörte und viele Mönche zwang, in Südindien Zuflucht zu suchen, eine unvergessliche und schreckliche Kerbe im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung Sri Lankas hinterlassen hat. Es kam zu kulturellen und demographischen Veränderungen, doch die singhalesischen Buddhisten überlebten die Krise.

Die Kolonialisierung durch die Europäer, begleitet von christlicher Mission, war die nächste Herausforderung, der sich das Selbstverständnis singhalesischer Buddhisten zu stellen hatte. Dieses Geschehen wurde als eine euro-kirchliche Expansionspolitik erfahren und eben nicht als eine Botschaft der Erlösung, die Jesus, der heilige Mann aus Westasien, mit den Menschen Sri Lankas zu teilen wünschte. Der verstörende Eindruck, dass während des letzten Jahrhunderts des Kolonialismus die religiösen und ethnischen Minderheiten durch die euro-christliche Regierung »benutzt« wurden, um die ethnisch-religiöse Mehrheit der singhalesischen Buddhisten in eine politische Minderheit zu verwandeln, begann das bis dahin schlummernde Selbstverständnis zu demaskieren, dass singhalesische Buddhisten nämlich nicht einfach das auserwählte Volk waren, sondern auch das verfolgte Volk. Die sozio-politischen und wirtschaftlichen Umstände führten zu weiteren Veränderungen des Selbstverständnisses: Sie waren zugleich eine auserwählte und verfolgte Rasse. Die Überfülle apologetischer Literatur, veröffentlicht im Medium der Singhalesen zum Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zeugt von dem, was später als »singhalesisch-buddhistische Wiederauferstehung « bezeichnet worden ist. Noch im August diesen Jahres beklagte Champika Ranawaka, ein Mitglied des Parlaments und Minister, der der Hela Urumaya Party (»Partei des singhalesischen Erbes«) angehört, in einem öffentlichen Statement, dass zum Ende diesen Jahrhunderts das Volk der singhalesischen Buddhisten aufhören werde, eine Mehrheit zu sein. Die Angst vor dem Aussterben wird auf verschiedene Art und Weise immer wieder zum Ausdruck gebracht.

Die tamilische Sprache – ein altes Erbe dieser Insel und eine Sprache, die die Gelehrten der buddhistischen Mönche noch im späten Mittelalter neben Singhalesisch, Pali und Sanskrit beherrschten – verkam allmählich zu einer kulturellen Requisite für monastische Gelehrte. Viele buddhistische Beobachter haben herausgestellt, dass buddhistische Missionare zwar bis in den Westen vordrangen, um Europäern und Amerikanern den Buddhismus zu bringen, jedoch kaum in Berührung mit der tamilischen Bevölkerung im Osten unseres eigenen Landes gekommen sind. Mit anderen Worten: Religion ist zum Kennzeichen sowohl ethnischer als auch sprachlicher Spaltung geworden. Solch eine Situation, ganz gleich wie man über die Ereignisse denkt, die diese hervorgerufen haben, ist kein ideales Umfeld für gegenseitiges Verständnis.

Dies bedeutet nun nicht, dass die Sri Lanker aller vier großen religiösen Glaubensrichtungen angesichts dieser brisanten Situation untätig sind. Massive Anstrengungen sind von allen Seiten unternommen worden, um einen Ethos hervorzubringen, der der interreligiösen Harmonie förderlich ist, bevor letztlich die Dinge nicht mehr zu handhaben sind.

Eine Buddha-Statue im berühmten Tempel von Kandy. Die
Ursprünge der Tempelanlage gehen auf das 16. Jahrhundert zurück. Extremistische Buddhisten sehen den Buddhismus als Erbe an, das sie bewahren müssen. In den Hintergrund tritt demnach ein Verständnis, das den Buddhismus als einen Weg ansieht, den es zu verfolgen gilt.

Buddhismus und Nationalismus: die zweifelhafte Rolle der Ideologie

Vor dem zuvor beschriebenen Hintergrund wird das Aufkommen dessen verständlich, was wir als buddhistischen Nationalismus bezeichnen. An dieser Stelle müssen wir unterbrechen, um in aller Kürze zu reflektieren, welche Rolle Ideologien in der Praxis und Verbreitung von Religionen spielen. Religionen postulieren eine absolute Zukunft, während Ideologien eine unmittelbare Zukunft zu realisieren suchen. Es ist für Religionen ganz natürlich, wenn auch nicht unbedingt notwendig, sich der Hilfe von Ideologien zu bedienen, um ihre spirituellen Ideale im Hier und Jetzt einer gegebenen Gesellschaft zu inkarnieren.

Ideologie ist gemäß Marx die Korrumpierung der Vernunft durch Klasseninteressen. Folglich werden alle Ideologien als schlecht gebrandmarkt. Zu einem späteren Zeitpunkt jedoch hat die politische Linke begonnen, zwischen guten und schlechten Ideologien zu unterscheiden, solchen, die in einer bestimmten Krisensituation hilfreich sind und jenen, die der Weiterentwicklung von Religionen abträglich sind. Wir haben oftmals gehört, dass während der Kolonialismus eine schlechte Ideologie ist, wie auch der Rassismus, das Gleiche nicht unbedingt von Patriotismus und Nationalismus gesagt werden kann, die nicht notwendigerweise übel sind.

Nun traf das Christentum nicht in seiner reinen Form auf diesen buddhistischen Ethos, sondern traurigerweise gepaart mit einer aggressiven Ideologie, bekannt als Euro-Nationalismus oder auch Kolonialismus. Folglich haben die Buddhisten Sri Lankas Zuflucht genommen bei ihrem »eigenen« Nationalismus, um der fremden Religion und ihrer politischen Dominanz zu begegnen. Dieses Phänomen ist in allen Unabhängigkeitskämpfen in Asien zu beobachten gewesen. Inder paarten den Hinduismus mit Nationalismus; Indonesier verbanden den Islam mit Nationalismus; die Buddhisten Myanmars wie auch Sri Lankas kombinierten den Buddhismus mit Nationalismus.

Dies alles ist verständlich, jedoch gibt es einen gefährlichen Fallstrick, dann nämlich, wenn die Religion sich dieser Ideologie nicht entledigt, sobald diese ihren Zweck erfüllt hat. Und genau dies ist die traurige Geschichte vieler asiatischer Nationen, die die Unabhängigkeit von ihren europäischen Kolonialherren erkämpft haben. Denn eine Ideologie ist wie die sprichwörtliche Bananenstaude. Sobald die Staude die Bananen-Frucht hervorgebracht hat, wird sie heruntergeschnitten und bis auf die Wurzeln und den Stamm beseitigt. Denn ansonsten würde die gesamte Staude für immer unfruchtbar. Nach den Unabhängigkeitsbewegungen in den meisten Ländern lebten die nationalistischen Ideologien als untrennbare Verbündete von Religionen weiter. Die Religionen ihrerseits litten darunter, bis zu dem Punkt, dass sie unfähig geworden sind, sich den Herausforderungen der Modernität und Globalisierung zu stellen. Ein Mangel an geeigneten sozialen Analysen führte einige dieser religiösen Erweckungsprediger dahin, Zuflucht in Ideologien zu suchen, die darin versagt hatten, den guten Intentionen zu dienen. Rassistische, religiös-fanatische, linguistische und klassenkämpferische Haltungen fanden Eingang in die Ideologie des Nationalismus.

Ich sehe zunächst einmal nichts Falsches in einem Konzept des »singhalesischen Buddhismus«, der eine soziologische Realität darstellt, wie übrigens auch der deutsche Protestantismus oder der italienische Katholizismus. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Ausdrücke in einer Weise interpretiert werden, derzufolge alle Deutschen Protestanten sein müssen, alle Italiener Katholiken und alle Singhalesen Buddhisten. Solch eine Interpretation ist unter jenen Buddhisten möglich, die das Gefühl haben, dass ihre religiöse Heimat durch Christen (angeblich mit Hilfe ausländischer Gelder und unethischer Bekehrungen) und Muslime (angeblich vervielfachen diese ihre Anzahl in alarmierender Weise) überfallen wird. Bevor ich jedoch diejenigen Buddhisten, die so denken, verurteile, habe ich zu bekennen, dass die Leitung meiner eigenen Kirche soweit ging, eine staatliche Intervention zu fordern, um »fundamentalistische« Christen daran zu hindern, nicht nur Buddhisten, sondern auch Katholiken zu bekehren.

In diesem Kontext mögen extremistische Gruppen unter den Buddhisten, die eindeutig eine sehr intolerante Haltung gegenüber anderen Religionen eingenommen haben, insbesondere gegenüber Christen und Muslimen, auf der einen Seite ein gewalttätiger Ausdruck dieser zuvor schlummernden Angst sein, während es auf der anderen Seite auch eine allgemeine Frustration anzeigt, dass der Buddhismus seinen Zugriff auf die Bevölkerung verliert, entweder weil es zu internen Spaltungen gekommen ist, oder weil es eine allgemeine Krise religiöser Glaubensüberzeugungen gibt. In solch einem Kontext besteht die Gefahr, dass gewisse Individuen mit einer »ungesunden« Neigung eine kämpferische Haltung gegenüber anderen Religionen einnehmen, anstatt einen internen Erneuerungsprozess der eigenen religiösen Institutionen zu initiieren. Dieses Phänomen ist jedoch nicht auf den Buddhismus beschränkt. Wir beobachten aktuell ähnliche Kampagnen unter Hindus in Indien und Muslimen in Pakistan.

Die extremistische Organisation buddhistischer Mönche forderte im vergangenen Jahr durch zum Teil gewaltsame Proteste das Verbot des Schächtens von Tieren. Diese Aktion, die sich gegen die Muslime in Sri Lanka richtete, war nur eine von inzwischen zahlreichen Angriffen auf die muslimische Gemeinschaft.

Die Angst vor anderen Religionen

Einige wenige Gruppen von Buddhisten, wenige sowohl in der Zahl als auch im Einfluss, haben in jüngster Zeit eine bösartige und sogar gewalttätige Kampagne gegen muslimische und christliche Minderheiten begonnen, etwas, das die große Mehrheit der Buddhisten als sehr beschämend empfindet. Eine große Zahl christlicher und muslimischer Gotteshäuser sind angegriffen worden. Die Angst vor anderen Religionen, davor, dass sie den prominenten Platz einnehmen, der bisher die eigene Religion besetzt, wie auch das verunsicherte Festklammern an der eigenen institutionellen Religion, anstatt ihre Regeln zu praktizieren, sind die zwei entscheidenden psycho-soziologischen Faktoren in diesem Konflikt. Für die Minderheit der Extremisten ist ihre eigene Religion zu etwas geworden, das zu besitzen, zu bewachen und zu bewahren ist. Für sie stellt sich nicht die Frage, ihre Religion in einen Lebensstil zu übersetzen. Religion ist zu einem Erbe geworden, das geschützt werden muss, statt zu einem Weg, der zu verfolgen ist.

Es gibt zudem gegen diese buddhistischen Extremisten innerhalb der herrschenden Regierung eine anwachsende Opposition, die sich mit Absicht dem weit verbreiteten Verdacht entgegenstellt, dass der Verteidigungsminister die unsichtbare Hand ist hinter der uneingeschränkten Freiheit, der sich diese bösartige Gruppe von Mönchen erfreut. Jedoch ist es Fakt, dass diese bösartige und gewalttätige Gruppe von Mönchen einen Gegenprotest veranstaltete und die Polizei dazu veranlasste, einen Protestmarsch von Muslimen gegen Israels Bombardierung des Gazastreifens zu unterbrechen. Diese Muslime wurden von der Polizei auf halbem Wege gehindert, ihren Protestmarsch fortzuführen, bevor sie eine öffentliche Arena erreichten, wo die Abschlussveranstaltung stattfinden sollte. Beobachter runzeln mit der Stirn und fragen sich, wieso diese anti- muslimische Gruppe buddhistischer Mönche plötzlich einen solchen Eifer an den Tag legt, um Israel zu verteidigen und warum das Büro für öffentliche Ordnung der Regierung sich gezwungen sah, den Forderungen dieser Mönche zu entsprechen. Die Spekulationen im Land greifen wild um sich. Einige sprechen von einem ausländischen Komplott, in dem viel Geld im Spiel ist (zumal diese Mönche nur in Luxuswagen mit Chauffeuren reisen). Andere sehen darin einen Beleg, dass der Staat ein starkes politisches Übereinkommen (Memorandum of Understanding) mit Israel getroffen hat und dass unser Lippenbekenntnis hinsichtlich der Befreiung der Palästinenser völlig widerlegt wird durch eine mutmaßliche politisch-ökonomische Unterwürfigkeit gegenüber Israel.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Die Gewalttäter unter den Buddhisten legen ein weiteres Phänomen offen, das in interreligiösen Dialogveranstaltungen unbedingt diskutiert werden muss: Religionen verderben vor allem aufgrund der Gleichgültigkeit ihrer eigenen Anhänger und der Korruption ihrer eigenen Institutionen und nicht durch die aktive Opposition, die von anderen Religionen herrührt. Tatsächlich ist es sehr bequem, für Bekehrungen hin zu anderen Religionen diese verantwortlich zu machen. So hat zum Beispiel die katholische Kirche in Sri Lanka evangelikale Gruppierungen beschuldigt, ihre Schafe zu stehlen. Niemals jedoch hat sie auch nur ansatzweise ihre eigenen armseligen pastoralen Auftritte untersucht, geschweige denn ihr Versagen, trotz eines Zweiten Vatikanums, die Gläubigen mit dem Wort Gottes zu nähren. Wir sehen ein vergleichbares Spiel bei bestimmten Buddhisten, die andere Religionen angreifen. Viele meiner buddhistischen Freunde, Mönche eingeschlossen, beklagen, dass die monastische Ausbildung in Sri Lanka in den vergangenen Dekaden einen ernsthaften Rückschlag erlitten hat und dass die doktrinäre und spirituelle Tiefe ihrer Vorgänger im Niedergang begriffen ist.

In der Vergangenheit, insbesondere während der Kolonialzeit, haben die gebildeten und heiligen Mönche ein internes Erneuerungsprogrammbegonnen durch die Errichtung zweier wichtiger monastischer Einrichtungen, bekannt als Vidyodaya und Vidyalamkara Privenas, beide auf die intellektuelle und spirituelle Ausbildung von Mönchen und Laien abgestimmt. Solche Versuche, authentische Erneuerungsprojekte zu initiieren, sind zurzeit nicht zu erwarten, obwohl ihre Notwendigkeit in verschiedenen Dialogforen artikuliert worden ist.

In diesem Zusammenhang zeigt sich eine weitere Charakteristik dieser extremistischen buddhistischen Mönche: In der ungehobelten und pöbelhaften Art und Weise, in der sie ihre Anklage über die Rolle anderer religiöser Fanatiker für den Niedergang des Buddhismus artikulieren, veranschaulichen sie offensichtlich ihren eigenen Mangel an angemessener monastischer Disziplin und spiritueller Ausbildung, da sie in den Köpfen und Herzen der gewöhnlichen Bevölkerung Aufregung verursachen. Da die sozialen Netzwerke diese kruden Szenen erfasst haben, hat dies dem Buddhismus mehr Schaden zugefügt als jede andere Religion ihm jemals wird zufügen können.

Dies ist auch in der Vergangenheit bereits geschehen. Einige wenige Mönche sind in der Lage, über die gesamte Gemeinschaft der Buddhisten Schande zu bringen. Beim anti-tamilischen Pogrom im Jahr 1983 waren auch buddhistische Mönche am Morden beteiligt. Als Reaktion auf dieses entsetzliche Ereignis hat sich eine Gruppe von über einhundert Mönchen im gleichen Jahr getroffen und eine Vereinigung gegründet, die als The Humanist Bhikkhu Association bekannt geworden ist. Zielsetzung dieser Vereinigung war es, sich in der wichtigen Aufgabe zu engagieren, Minderheiten Schutz zu geben und Gerechtigkeit zu ermöglichen. Die Mönche entschieden sich deshalb in den Norden zu gehen und sich mit den Tamil Tigers zu treffen, um ein Friedensabkommen zu erreichen. Doch die damalige Regierung hat diese Initiative unterbunden. Während der so genannten »Periode des Terrors« (1989–1990) sind viele dieser noblen Mönche umgebracht worden oder aber gezwungen worden, im Ausland Zuflucht zu suchen, wiederum andere mussten das Mönchsleben aus Sicherheitsgründen aufgeben. Nur wenige haben diese Zeit der staatlichen Gewalt überlebt und sind auch weiterhin engagiert, sich für interreligiöse Harmonie und ethnische Gerechtigkeit einzusetzen. Ebenso wie es wenige Fanatiker gibt, die Gewalt hervorbringen, gibt es wenige Getreue, die für den Frieden kämpfen. Wer von ihnen am erfolgreichsten sein wird, ist eine Frage, die nur die Zukunft beantworten kann.

ALOYSIUS PIERIS SJ
Ordensmann und Theologe, Pionier des christlich-buddhistischen Dialogs, Gründer und langjähriger Leiter des Tulana Research Centre / Sri Lanka

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