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Führende islamische Gelehrte verurteilen in Rechtsgutachten die IS

Für den Münsteraner Islamtheologen Mouhanad Khorchide zeichnet sich mit den Fatwas der wahabitischen Gelehrten aus Saudi- Arabien und der islamischen Gelehrten aus aller Welt gegen die IS ein Umdenken innerhalb der strengen Form des wahabitischen und salafistischen Islam ab. Beide Formen des Islam, so Khorchide, müssten nun erkennen, dass ihre fundamentalistische Art der Koranauslegung die Wegbereiter für die Gewalt der IS seien. FOTO: KNA-BILD

In einem Aufsehen erregenden Brief haben führende islamische Gelehrte aus der ganzen Welt Mitte September 2014 die Terrororganisation IS verurteilt und Punkt für Punkt den Aussagen des selbst ernannten Kalifen der IS, Abu Bakr al-Bagdadi, widersprochen. In dem Rechtsgutachten verurteilen sie die menschenverachtende Brutalität der Terrororganisation, die in keinster Weise mit dem Islam vereinbar sei. Der Brief der 120 Gelehrten ist zunächst nicht an die breite Öffentlichkeit gerichtet, sondern versteht sich als Antwort islamischer Gelehrter auf die Aussagen des so genannten Kalifen. Von daher tauchen in dem Brief viele Fachtermini und Verweise auf islamische Quellen auf, die auch für viele Muslime nur schwer zu verstehen sind. Dem etwa 20-seitigen Dokument haben die Verfasser eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte des Briefes vorangestellt, die da lauten:

1. Es ist im Islam verboten, ohne die dafür jeweils notwendige Bildung und Kenntnis zu haben, fatwa¯ (Rechtsurteile) zu sprechen. Sogar diese Fatwa¯s müssen der islamischen Rechtstheorie, wie sie in den klassischen Texten dargelegt wurde, folgen. Es ist ebenfalls verboten, einen Teil aus dem Koran oder eines Verses zu zitieren, ohne auf den gesamten Rest zu achten, was der Koran und die Hadithe über diese Angelegenheit lehren. Mit anderen Worten gibt es strikt subjektive und objektive Vorbedingungen für Fatwa¯s. Bei der Sprechung einer Fatwa¯, unter Verwendung des Korans, können nicht »die Rosinen unter den Versen herausgepickt« werden, ohne Berücksichtigung des gesamten Korans und der Hadithe.

2. Es ist im Islam vollkommen verboten, Recht zu sprechen, wenn die Arabische Sprache nicht gemeistert wurde.

3. Es ist im Islam verboten, Scharia-Angelegenheiten zu stark zu vereinfachen und festgelegte islamische Wissenschaften zu missachten.

4. Es ist im Islam [den Gelehrten] gestattet, Meinungsverschiedenheiten über bestimmte Angelegenheiten zu haben, außer in all jenen, welche als die Fundamente der Religion gelten, die allen Muslimen bekannt sein müssen.

5. Es ist im Islam verboten, bei der Rechtsprechung die Wirklichkeit der Gegenwart zu missachten.

6. Es ist im Islam verboten, Unschuldige zu töten.

7. Es ist im Islam verboten, Sendboten, Botschafter und Diplomaten zu töten; somit ist es auch verboten, Journalisten und Entwicklungshelfer zu töten.

8. Jihad ist im Islam ein Verteidigungskrieg. Er ist ohne die rechten Gründe, die rechten Ziele und ohne das rechte Benehmen verboten.

9. Es ist im Islam verboten, die Menschen als Nichtmuslime zu bezeichnen, außer sie haben offenkundig den Unglauben kundgetan.

10. Es ist im Islam verboten, Christen und allen »Schriftbesitzern« – in jeder erdenklichen Art – zu schaden oder zu missbrauchen.

11. Es ist eine Pflicht, die Jesiden als Schriftbesitzer zu erachten.

12. Die Wiedereinführung der Sklaverei ist im Islam verboten. Sie wurde durch universellen Konsens aufgehoben.

13. Es ist im Islam verboten, die Menschen zur Konvertierung zu zwingen.

14. Es ist im Islam verboten, Frauen ihre Rechte zu verwehren.

15. Es ist im Islam verboten, Kindern ihre Rechte zu verwehren.

16. Es ist im Islam verboten, rechtliche Bestrafungen sowie Körperstrafen (hudu¯d) ohne dem Folgen des korrekten Prozedere, welches Gerechtigkeit und Barmherzigkeit versichert, auszuführen.

17. Es ist im Islam verboten, Menschen zu foltern.

18. Es ist im Islam verboten, Tote zu entstellen.

19. Es ist im Islam verboten, Gott – erhaben und makellos ist Er – böse Taten zuzuschreiben.

20. Es ist im Islam verboten, die Gräber und Gedenkstätten der Propheten und Gefährten zu zerstören.

21. Bewaffneter Aufstand ist im Islam in jeglicher Hinsicht verboten, außer bei offenkundigem Unglauben des Herrschers und bei Verbot des Gebets.

22. Es ist im Islam verboten, ohne den Konsens aller Muslime ein Kalifat zu behaupten.

23. Loyalität zur eigenen Nation ist im Islam gestattet.

24. Nach dem Tod des Propheten – Frieden und Segen seien auf ihm – verpflichtet der Islam niemanden irgendwohin auszuwandern.

(Anmerkung: Zu finden ist das Dokument auf der Internetseite www.letter tobaghdadi.com; dort findet sich auch eine deutsche Übersetzung.)

Eine Woche später haben zudem führende Gelehrte des wahabitischen Islam Saudi-Arabiens eine Fatwa gegen die IS erlassen und allen Muslimen verboten, sich dieser Terrororganisation anzuschließen. Für den Münsteraner Islamtheologen Mouhanad Khorchide bedeutet dies ein Umdenken vor allem in der sehr strengen Schule des wahabitischen Islam. Seiner Meinung nach müssten vor allem der Wahabismus und Salafismus nun erkennen, dass ihre strenge Auslegung des Korans letztlich eine solch entsetzliche Gewalt, wie sie die IS praktiziere, befördert habe. Nie zuvor habe sich der wahabitische Islam von der Gewalt im Namen des Islam distanziert.

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