Ökumene in Asien 50 JAHRE NACH DEM ZWEITEN VATIKANISCHEN KONZIL corner

Ökumene in Asien

50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil

von GEORG EVERS

Als am 21. November 1964 das Zweite Vatikanische Konzil das so wichtige Dokument »Unitatis Redintegratio« verabschiedete, war dies ein historischer Wendepunkt im Selbstverständnis der Katholischen Kirche. Ein Blick auf die asiatischen Kirchen verdeutlicht, dass die Missionstätigkeit in Asien immer auch verbunden war mit dem Export christlicher Spaltung und Zersplitterung. Aus asiatischer Sicht sind die historisch bedingten Fragestellungen der Ökumene in Europa nur von untergeordneter Relevanz. Die Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche und damit verbunden zu einer bestimmten Konfession oder Denomination war immer auch bedingt durch die Kolonialgeschichte und die »Zufälligkeit« der Kolonialherren in dem entsprechenden Gebiet. Im Vordergrund der ökumenischen Bemühungen in Asien stehen demgegenüber die gemeinsamen Anstrengungen für das Leben, gegen Armut und Ausbeutung. Nicht so sehr die Überwindung der Spaltung ist Priorität der christlichen Kirchen Asiens, sondern die Feier der versöhnten Verschiedenheit.

Auszug der Bischöfe aus der Konzilsaula in der Peterskirche zum Ende der 3. Session am 21. November 1964. Direkt zuvor hatten die Konzilsväter das bedeutende Ökumenedokument »Unitatis Redintegratio« verabschiedet, ein wegweisendes Dokument, das einen Wendepunkt im Selbstverständnis der Katholischen Kirche darstellt und die Ökumene erst ermöglicht hat. FOTO: KNA-BILD

Die konfessionelle Vielfalt der christlichen Kirchen in Asien ist das Ergebnis einer Missionstätigkeit, die neben dem gemeinsamen Hauptziel der Verkündigung der christlichen Botschaft immer auch »Export der Spaltung« der Christenheit in diese Länder bedeutet hat. Neben der Last dieser Geschichte hat sich die Aufspaltung der Christenheit durch die Gründung einheimischer christlicher Kirchen und Gemeinschaften dann noch weiter verschärft. Das Gegeneinander der verschiedenen christlichen Gruppen hat dazu geführt, dass in einer Reihe von asiatischen Ländern wie China, Korea, Japan, Vietnam und Indonesien in den staatlichen Verfassungen dieser Länder die Katholische Kirche und die Protestantischen Kirchen als selbstständige verschiedene Religionsgemeinschaften in den Verfassungen genannt und anerkannt werden. Diese Last der Geschichte hat das gegenseitige Verhältnis der Christen in den verschiedenen asiatischen Kirchen lange negativ bestimmt. In den letzten Jahrzehnten hat sich dies jedoch entschieden zum Positiven gewendet. Die christlichen Kirchen in Asien sind – mit der Ausnahme der Philippinen, Osttimors und eingeschränkt Südkoreas – kleine Minderheiten, die es sich eigentlich nicht leisten können, wie in der Vergangenheit, sich gegenseitig zu befehden. Um in den religiös, kulturell und ideologisch so verschiedenen asiatischen Gesellschaften wahrgenommen zu werden und einen eigenen Beitrag zu einer gerechteren menschlicheren Gesellschaft leisten zu können, sind die Christen in den verschiedenen asiatischen Kirchen und Gemeinschaften aufgerufen, trotz ihrer Verschiedenheiten so weit, wie es irgendwie geht, zusammenzuarbeiten.

Auf dem Weg zu größerer ökumenischer Verständigung hat es in jüngerer Zeit viele Fortschritte gegeben. Erste Anstöße zu größerer ökumenischer Zusammenarbeit kamen schon Mitte des 19. Jahrhunderts aus weltkirchlichen Entwicklungen wie der Gründung der »Vereinigung christlicher Männer« (YMCA) und der »Vereinigung christlicher Frauen« (YWCA) sowie der »Weltunion christlicher Studenten «, die in den asiatischen protestantischen Kirchen aufgenommen wurden und zu ersten ökumenischen Kontakten über die Grenzen der eigenen Kirchenzugehörigkeit führten. Die Weltmissionskonferenz 1910 in Edinburgh sowie die Konferenzen in Jerusalem 1928 und in Tambaran 1938 gaben wichtige Anregungen für eine Zusammenarbeit protestantischer Missionswerke und Kirchen weltweit. Bei diesen Konferenzen haben asiatische protestantische Theologen wichtige und wegweisende Beiträge geleistet. Mit der Gründung des »Ökumenischen Rates der Kirchen« (ÖRK) 1948 nach Ende des Zweiten Weltkrieges kamen neue Impulse für die ökumenische Bewegung, allerdings noch weitgehend ohne Beteiligung der katholischen Kirche hinzu. Ein für die ökumenische Bewegung wichtiges Ereignis war die Missionskonferenz in New Delhi 1961, in der es zur Vereinigung des »Internationalen Missions- rates« (International Missionary Council) mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) kam, wodurch das Anliegen des gemeinsamen christlichen Zeugnisses in der Missionsarbeit in das Bewusstsein gebracht und in die Programme der Partnerkirchen aufgenommen wurde. In einigen asiatischen protestantischen Kirchen hat es Zusammenschlüsse verschiedener Kirchen in Kirchenunionen gegeben. Die bekanntesten Beispiele sind die »Kirche Südindiens« (Church of South India), die 1947 aus dem Zusammenschluss der anglikanischen Kirche mit den Presbyterianern und Methodisten entstand, sowie die Gründung der »Kirche Nordindiens« (Church of North India), die 1970 als »vereinte« (united) und »sich vereinende« (uniting) Kirche im Zusammenschluss von Anglikanern, Baptisten, Methodisten, der Brüdergemeinde und den Disciples of Christ entstanden ist.

Papst Paul VI. besucht im November 1970 Manila, um an der Gründungsversammlung der Föderation asiatischer Bischofskonferenzen (FABC) teilzunehmen. Die FABC arbeitet heute eng mit der Christian Conference of Asia (CCA) zusammen. FOTO: KNA-BILD

Ökumenischer Aufbruch im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils

Auf der katholischen Seite hat das Zweite Vatikanische Konzil der ökumenischen Bewegung ganz neue Impulse gegeben, aus denen viele neue Initiativen erwachsen sind. Vor allem das vor 50 Jahren am 21. November 1964 verabschiedete Dekret über den Ökumenismus »Unitatis Redintegratio« markiert einen Wendepunkt in der Haltung der katholischen Kirche zu den anderen christlichen Kirchen und Gemeinschaften. In der Sprache und Mentalität wird seitens der katholischen Kirche Neuland betreten und die bisher vertretene Position, dass einzig die katholische Kirche die »wahre Kirche Jesu Christi« sei und eine Einheit der Christenheit nur als »Rückkehr« in die katholische Kirche verstanden werden könne, wurde relativiert und den getrennten Kirchen und Gemeinschaften wird bescheinigt, »dass der Geist Christi sie gewürdigt hat, sie als Mittel des Heils zu gebrauchen« (UR 3). Im Hinblick auf die Missionstätigkeit der Kirche wird festgehalten, dass die »Spaltung ganz offenbar dem Willen Christi widerspricht, ein Ärgernis für die Welt ist und ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums darstellt« (UR 1). In den meisten asiatischen Ländern markiert das Zweite Vatikanische Konzil den gezielten Beginn des Aufbaus eigenständiger Ortskirchen mit eigenen nationalen Bischofskonferenzen. Bis dahin bestanden die meisten asiatischen Kirchen aus einem Flickenteppich von Missionsgebieten, die bestimmten Ordensgemeinschaften zugeteilt waren, die oft sehr selbständig und wenig abgestimmt ihre Interessen verfolgten. Durch den Ausbau des einheimischen Klerus und die Einsetzung von einheimischen Bischöfen entstanden erst allmählich selbständige Ortskirchen in Asien. Mit der Gründung der »Vereinigung Asiatischer Bischofskonferenzen « (Federation of Asian Bishops’ Conferences – FABC) in Manila 1970 erhielt die innerkatholische Zusammenarbeit der asiatischen Ortskirchen eine feste Organisationsstruktur und mächtigen Auftrieb. Die ökumenische Zusammenarbeit mit den anderen asiatischen Kirchen und Religionsgemeinschaften wurde vom »Büro für ökumenische und interreligiöse Aktivitäten « (Office of Ecumenical and Interreligious Affairs) gezielt vorangetrieben. In enger Zusammenarbeit mit der »Konferenz Christlicher Kirchen in Asien« (Christian Conference of Asia), dem Zusammenschluss der ökumenisch offenen protestantischen Kirchen in Asien, wurde die ökumenische Zusammenarbeit zwischen den katholischen und protestantischen Christen in Asien weiterentwickelt. Es ist ein Verdienst von P. Albert Poulet-Mathis S.J., des langjährigen Sekretärs des Büros für ökumenische und interreligiöse Zusammenarbeit, für diese verstärkte Zusammenarbeit entscheidende Impulse gegeben zu haben. Die ihm nachfolgenden Sekretäre P. Tom Michel S.J. und Br. Edmund Chia haben die Arbeit erfolgreich weitergeführt. 1995 kam es zur Gründung des »Asiatischen Ökumenischen Komitees« (Asian Ecumenical Committee), das, von der FABC und CCA gemeinsam getragen, den Auftrag erhielt, Aktivitäten und Konferenzen zu organisieren, die zur verstärkten ökumenischen Zusammenarbeit auf lokaler, nationaler und gesamtasiatischer Ebene unter den beteiligten christlichen Kirchen in Asien führen sollten. Die Zielvorgabe der Arbeit des Komitees drückt das gemeinsame Motto aus: »Alles, was wir gemeinsam tun können, sollten wir nicht getrennt tun«. In den Folgejahren wurden von dem Komitee eine Reihe von Aktivitäten durchgeführt, wie die ökumenische Zusammenarbeit für Migranten, die Ausarbeitung ökumenischer Studienpläne, die Organisation von gemeinsamen interreligiösen Begegnungen mit Angehörigen anderer Religionen sowie die Entsendung einer Delegation der CCA zur Asiatischen Bischofssynode in Rom 1998. Die verstärkte ökumenische Zusammenarbeit der christlichen Kirchen führte in den meisten christlichen Kirchen dazu, Gemeinsamkeit bei den biblischen Namen und Bezeichnungen anzustreben und vor allem auf dem Gebiet der Bibelübersetzungen gemeinsam verantwortete Ausgaben der Bibel herzustellen.

»Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt«

Auch die Gründung der »Asiatischen Bewegung für die Einheit der Christen« (Asian Movement for Christian Unity) ging aus der Arbeit des Komitees hervor. Im Zeitraum 1996–2010 hat es fünf Konferenzen der »Asiatischen Bewegung für die Einheit der Christen« gegeben: 1996 in Hongkong zum Thema »Ökumenische Theologie«, 1998 in Bali zum Thema »Ökumenische Ausbildung«, 2001 in Chiangmai zum Thema »Entwicklung einer neuen ökumenischen Vision in Asien«, 2007 in Kuala Lumpur zum Thema »Unser gemeinsames Zeugnis im zeitgenössischen Asien«, 2010 in Bangkok zum Thema »Eins in der Lehre der Apostel und im Brotbrechen«; die bis dato letzte Konferenz fand im Dezember 2013 in Bangkok statt. Diese Konferenz befasste sich intensiv mit dem vom Ökumenischen Rat der Kirchen, dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog und der Weltweiten Evangelischen Allianz veröffentlichten Dokument »Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt«, das neben allgemeinen Überlegungen zur Ökumene praktische Ratschläge für den gegenseitigen Umgang im ökumenischen und interreligiösen Dialog enthält. In ihrer Schlusserklärung hielten die Teilnehmer aus den Kirchen der FABC, der CCA und der Asiatischen Evangelischen Allianz fest, dass die in diesem Papier enthaltenen Richtlinien wichtige konkrete Verhaltensweisen vorgeben, die für die asiatischen Christen in der multireligiösen Welt Asiens wegweisend sind. Als konkretes Ergebnis nannten die von der Konferenz verabschiedeten Richtlinien, dass dieses wichtige Dokument in die lokalen Sprachen übersetzt werden sollte, um in den theologischen Ausbildungsstätten, aber auch in örtlichen Bibelkreisen und anderen Veranstaltungen als Studienmaterial dienen zu können. Ziel der Umsetzung des Dokuments sollte eine größere Sensibilisierung für die Unterschiede der verschiedenen religiösen Traditionen im interreligiösen Dialog in Asien sein. Daraus sollten sich dann neue Formen des interreligiösen Dialogs und Miteinanders ergeben. Christen sollten falschen Formen der Verkündigung und des Zeugnisses gegenüber Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften eine Absage erteilen und jede Form von Proselytismus vermeiden. Es ist bezeichnend für die Arbeitsweise der asiatischen ökumenischen Bewegung, dass bei den Beratungen und Konferenzen nicht so sehr innerchristliche Kontroverspunkte debattiert wurden, sondern es vorrangig um das gemeinsame Zeugnis der christlichen Kirchen in der religiös so vielfältigen Welt Asiens ging. Das Wissen um die gemeinsame Verantwortung, das christliche Zeugnis möglichst überzeugend zu leben, hat eindeutig Vorrang gegenüber den aus der Tradition einer getrennten Christenheit kommenden Problemen.

In verschiedenen Ländern Asiens sind die protestantische und die katholische Kirche als unterschiedliche Religionsgemeinschaften registriert. Dies ist auch Ergebnis der früheren Missionstätigkeit in Asien, die die Spaltung der christlichen Kirchen nach Asien exportiert hat. Das Foto zeigt Mitglieder des Shouwang Chores während eines Gottesdienstes in Pekings Haidian Distrikt in der protestantischen Shouwang Hauskirche. FOTO: KNA-BILD

Ökumenische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Theologie der asiatischen Kirchen

Die Theologen, die sich seit 1976 in der »Ökumenischen Vereinigung von Theologen der Dritten Welt« (EATWOT) zusammengeschlossen haben, sahen ihre Aufgabe als Theologen vorrangig darin, in der Bekämpfung von Armut und Ausbeutung ein Programm integraler menschlicher Entwicklung zu fördern. Das »Ökumenische « in ihrem Namen verstehen sie daher eher als Auftrag, das Verhältnis zu den anderen Religionen und Ideologien zu klären, sind aber an innerchristlichen ökumenischen Fragen kaum interessiert. In einer Erklärung des Grundsatzprogramms von EATWOT hat das der indische Theologe D.S. Amorpavadass klar ausgedrückt: »Das eigentliche ökumenische Problem unserer Tage ist nicht mehr die Frage einer konfessionellen Einigung der christlichen Kirchen, sondern das Verhältnis von Nord und Süd, von Erster und Dritter Welt. Hier liegt die eigentliche Trennung der Menschheit in verschiedene Gruppen und Klassen.« Die in der theologischen Vereinigung EATWOT zusammengeschlossenen asiatischen Theologen haben wichtige Beiträge zum Verhältnis einer Theologie der Inkulturation und des interreligiösen Dialogs sowie zu einer Theologie der Befreiung im sozialem Engagement für die Armen in Asien geleistet. Zusammen mit afrikanischen Theologen haben asiatische Theologen den lateinamerikanischen Ansatz einer Theologie der Befreiung weiterentwickelt und verbessert. Der eigentlich asiatische neue Ansatz ergab sich aus der kontroversen Diskussion zwischen Theologen aus den Philippinen, die aus ihrer Situation, in ihrem Land die Mehrheitsreligion zu sein, in erster Linie für den Kampf gegen die Armut eintraten und den indischen Theologen, die sich aus ihrer Minderheitssituation heraus für eine Theologie der Inkulturation stark machten. Der sich daraus ergebende neue Ansatz einer gemeinsamen asiatischen Theologie wurde auf die von dem aus Sri Lanka stammenden Theologen Aloysius Pieris S.J. entwickelte Formel gebracht: »Theologie im Kontext der Religionen und der Armut«; sie macht deutlich, dass im asiatischen Kontext eine Theologie immer diese beiden Komponenten im Blick haben muss, wenn sie sowohl »kontextuell« als auch »inkulturiert« sein will.

FABC und CCA haben gemeinsam Initiativen einer verstärkten Zusammenarbeit auf den Gebieten der theologischen Ausbildung und der Zusammenarbeit von asiatischen Theologen entwickelt. Zu nennen sind hier die Konferenzen asiatischer Theologiestudenten und vor allem die Gründung des »Kongresses Asiatischer Theologen« (Congress of Asian Theologians: CATS). Auf gesamtasiatischer Ebene wurden nach Beschluss der zweiten Konferenz der »Asiatischen Bewegung für die Einheit der Christen« (AMCU) regionale ökumenische theologische Ausbildungsprogramme entwickelt. 1999 wurde die erste Konferenz dieses »Gemeinsamen ökumenischen Ausbildungsprogramms« (Joint Ecumenical Formation Program) in Bangalore für die Region Südasien durchgeführt, bei der Fragen des interreligiösen Dialogs und der Beziehungen zu den Pfingstkirchen im Mittelpunkt standen. 2002 folgte eine zweite Konferenz in Taiwan für die Region Nordostasien, die sich hauptsächlich mit der Thematik »Gemeinsam eine Kultur des Friedens entwickeln« befasste. Wichtige Beiträge für die ökumenische Zusammenarbeit von Theologiestudenten leisteten die »Asiatischen Konferenzen von Theologiestudenten« (Asia Conference of Theologicial Students: ACTS), die 2000 in Kuala Lumpur zum Thema »Die Ökumenische Bewegung im Wandel«, 2004 wieder in Kuala Lumpur zum Thema »Trends und Entwicklungen in der Theologie Asiens« und 2007 in Davao zum Thema »Theologisieren im ökumenischen Kontext« abgehalten wurden. Andere Anstöße für die Ökumene in den christlichen Kirchen in Asien kamen von der Organisation »Kongress Asiatischer Theologen« (Congress of Asian Theologians: CATS), die seit ihrer Gründung im Jahr 1997 bis heute siebenmal in verschiedenen asiatischen Ländern getagt hat und sich mit zentralen Fragen einer asiatischen Theologie befasste. Dabei ging es um Thematiken wie »Asiatische Theologie in einem Asien im Wandel«, »Feier des Lebens in Asiens« oder »Neues Missionsverständnis «, »Aufbau von Gemeinschaften« oder »Theologie der Hoffnung«.

Der Export der Zersplitterung und Spaltung

Bei dem Treffen der »Asiatischen Bewegung für christliche Einheit« (Asian Movement for Christian Unity) in Chiangmai im Jahr 2001 musste KardinalWalter Kasper, der als frisch ernannter Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen an dieser Konferenz teilnahm, erleben, dass sein Beitrag über die in Augsburg gerade erzielte Einigung in der Rechtfertigungsfrage bei den aus verschiedenen asiatischen Kirchen stammenden Theologen kaum auf Interesse stieß. Es gab keinerlei Begeisterung über die Einigung, die, wie Walter Kasper berichtete, nach mühsamen, sich über Jahre erstreckenden Bemühungen endlich zustande gekommen war. Die asiatischen Theologen fragten nur, wie viele solcher Probleme noch zur Lösung anstünden und in welchen Zeiträumen mit einer möglichen Lösung zu rechnen sei. Zugleich machten sie aber auch deutlich, dass für sie diese aus der europäischen Kirchengeschichte stammenden Fragen nicht länger relevant seien. Das Desinteresse asiatischer Theologen an der ökumenischen Diskussion in den europäischen Kirchen hat seine geschichtlichen Gründe. Die Christen in den asiatischen Ländern haben die Zersplitterung der Christenheit, die im 16. Jahrhundert begann und dann durch die Missionsbestrebungen in den nachfolgenden Jahrhunderten in die asiatischen Länder exportiert wurde, nie als für sich relevant oder bestimmend angesehen. Es hing doch von historischen Zufälligkeiten ab, welche Kolonialmacht jeweils vorherrschte, die bestimmten, ob französische Missionare der Pariser Mission, holländische Calvinisten, deutsche katholische Steyler Patres, englische Methodisten oder amerikanische Baptisten in einem bestimmten asiatischen Land missionarisch tätig werden durften. Neben der christlichen Hauptbotschaft, die bei aller Zersplitterung den verschiedenen christlichen Kirchen und Denominationen gemein war, mussten asiatische Christen auch jeweils die geschichtlich entstandenen konfessionellen Unterschiede »mit« lernen, ohne dass sie Teil der historischen Entwicklung gewesen wären, die in Europa das konfessionelle Bewusstsein prägte. Ein chinesischer Christ beklagt den Zustand, dass die Annahme des Christentums für den Neuchristen immer auch die Übernahme von Spaltung bedeutet: »Es ist eine traurige Tatsache, dass die jungen Kirchen in Asien, bevor sie in ihrer missionarischen Situation eigenständige bekennende Kirchen werden konnten, zunächst einmal in eine Situation gebracht wurden, sich für eine ›Konfession‹ zu entscheiden , die nicht die ihre ist. Denn ehe sie eine eigenständige ›Gemeinschaft in Christus‹ werden konnten, wurde ihnen gesagt, dass sie eine ›presbyterianische‹, ›lutherische‹, ›methodistische‹ oder ›anglikanische‹ Kirche werden müssten. Sie wurden getrennt, ohne zu wissen, warum.« (Vgl. A. Gnanadason, Contribution of the EcumenicalMovement in Asia toWorld Ecumenism, in: The Oxford Handbook on Christianity in Asia, F. Wilfred (ed.), New York 2014, S. 136).

Versöhnte Verschiedenheit

Was das Ziel ökumenischer Aktivitäten der christlichen Kirchen in Asien angeht, so ist es sicher nicht die Aufhebung der Verschiedenheiten in eine große kirchliche Einheit, sondern das Modell einer »Einheit in Verschiedenheit«, das der Vielfalt der kirchlichen Wirklichkeit in Asien gerecht werden kann. Auf einer theologischen Beratung in Seoul, die von der Christlichen Konferenz in Asien (CCA) im Vorfeld der letzten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Busan in Südkorea 2013 organisiert wurde, heißt es in einem Bericht zum Thema »Zusammen leben in Gottes Gerechtigkeit und Frieden«: »Die ökumenische Bewegung in Asien hat immer wieder betont, dass das Ziel der ökumenischen Bemühungen nicht die Überwindung der Verschiedenheit und der Vielfalt sein kann, sondern die Feier der Verschiedenheit, sowie die Fähigkeit, mit diesen Verschiedenheiten zu leben, geleitet von den Werten der Offenheit und der Inklusion. Um diesem Ziel gerecht zu werden, gingen die Bestrebungen immer dahin, sich für die Entwicklung von theologischen Ansätzen einzusetzen, die aus dem Kampf für das Leben erwuchsen. Dazu zählen die Minjung Theologie in Korea, die Dalit Theologie in Indien, die Theologie des Kampfes in den Philippinen, die Theologie des Heimatlandes in Taiwan, asiatische feministische Theologien, die Theologie der Stammesbevölkerungen und auch die vielen indigenen und kontextuellen Theologien, um nur die wichtigsten zu nennen.« (Vgl. A. Gnanadason, op. cit 142.)

Asiatische Christen und Kirchen können daher aus ihrer besonderen Situation, in der Regel Minderheitenkirchen innerhalb der kulturell und religiös so vielfältigen Welt Asiens zu sein, wichtige Anstöße und Beiträge für die ökumenische Bewegung weltweit geben. Das Bewusstsein für die Dringlichkeit der Aufgabe, sich für die Einheit der Christen einzusetzen, ist in den verschiedenen Ortskirchen Asiens aus den jeweils gegebenen historischen Entwicklungen unterschiedlich entwickelt. In Indien ist die ökumenische Zusammenarbeit der verschiedenen christlichen Kirchen sehr weit gediehen. Anders ist es in der Volksrepublik China, wo die christlichen Kirchen in der Zeit der Verfolgung sich zwar gemeinsam in Gefängnissen und Arbeitslagern befanden, aber nach Gewährung einer relativen Freiheit, sich wieder öffentlich betätigen zu können, sich zunächst nur auf den Wiederaufbau ihrer eigenen Strukturen konzentrierten. Erst in letzter Zeit haben sich Formen ökumenischer Zusammenarbeit auf dem Gebiet der sozialen, karitativen und gesundheitlichen Sektoren sowie der Katastrophenhilfe ergeben. Bei einer Reise des deutschen Ökumenischen China-Arbeitskreises nach China 2012 hatten wir die Gelegenheit, an einer Konferenz in Nanjing teilzunehmen; verschiedene christliche chinesische Hilfsorganisationen berichteten hier von ihrer Sozialarbeit, von ihrem Einsatz für Behinderte und Leprakranke sowie der Katastrophenhilfe. Dieser ökumenische Austausch zeigte, wie groß inzwischen der Beitrag der christlichen Kirchen auf dem Gebiet der sozialen Entwicklung in der VR China geworden ist und dass es den chinesischen Christen immer besser gelingt, ein gemeinsames Zeugnis in der chinesischen Gesellschaft abzulegen.

GEORG EVERS
Missionswissenschaftler

Gratis-Ausgaben

Ich möchte Forum Weltkirche mit 2 Gratis-Ausgaben kennen lernen.

/ Bestellen bei HerderShop24