»Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt« Das Miteinander im christlichen Zeugnis vertiefen corner

»Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt«

Das Miteinander im christlichen Zeugnis vertiefen

von MONIKA KLING

»Mission« wurde während des internationalen ökumenischen Kongresses MissionRespekt, der am 27. und 28. August 2014 in Berlin stattfand, zu einem »Hauptstadtwort«. Hohe Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen, des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog und der Weltweiten Evangelischen Allianz verorteten den Kongress nicht nur im weltweiten Rezeptionsprozess des Dokumentes »Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt«, sondern zeigten angesichts der sich verschärfenden Krisen im Irak, in Syrien etc. die Dringlichkeit eines respektvollen Umgangs im interreligiösen wie christlichen Miteinander auf.

Erzbischof em. Anders Wejryd, Geoff Tunnicliffe und Msgr. Miguel Ángel Ayuso Guixot (von links nach rechts) stellten als Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) und des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog (PCID) eine Verbindung zum internationalen Rezeptionsprozess des Dokumentes »Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt« her. FOTO: MISSIO AACHEN / MARKUS NOWAK

Im Juni 2011 wurde das ökumenische Dokument »Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt« (ChZ) vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog (PCID) und der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) veröffentlicht. Ein gemeinsames Dokument mit Empfehlungen zum Umgang miteinander in der Mission hatte es in dieser Breite bisher noch nicht gegeben. Vorangegangen war ein fünfjähriger Konsultationsprozess, den das Büro für Interreligiöse Beziehungen und Dialog (IRRD) des Weltkirchenrates und der Päpstliche Rat nicht nur aufgrund des gemeinsamen Interesses am interreligiösen Dialog gemeinsam initiiert hatte, so Erzbischof em. Anders Wejryd. »Gerade das Zusammentreffen von Mission, Konversion und Dialog erforderte und erfordert es, tiefer in die damit verbundenen Fragestellungen und Diskussionsfelder einzusteigen.« Der Präsident des ÖRK für die Region Europa, der Sekretär des PCID, Miguel A. Ayuso Guixot, und der Internationale Direktor der WEA, Geoff Tunnicliffe, unterstrichen durch ihre Präsenz in Berlin, wie bedeutsam es ist, die im Dokument festgehaltenen Verhaltensempfehlungen für den eigenen Kontext zu überdenken.

Vor allem unterschwellige Spannungen und unausgesprochene Probleme im interreligiösen, aber auch christlichen Miteinander standen im Mittelpunkt des ersten Treffens 2006 im italienischen Lariano. Konversion sei in der Realität, so Ayuso weiter, mit Anspannung und nicht selten mit Unbehagen verbunden. Dass verschiedene christliche Denominationen und Dachverbände zusammenkommen und sich zum Beispiel mit dem »Phänomen des ›Sheep stealing‹ in Asien« auseinandersetzen, sei dringend nötig, wenn auch schwierig. Im Fokus der zweiten Begegnung 2007 standen folglich die mit Konversionsbemühungen verbundenen ethischen Fragestellungen. Zu dieser nun allein innerchristlichen Konsultation in Toulouse, Frankreich, kam auf Einladung des ÖRK die WEA offiziell und nicht nur in beratender Funktion dazu. Diese Einladung lag »ganz natürlich« auf der Hand, so der Präsident des ÖRK für Europa: »Wir haben gesehen, dass uns die Punkte, die uns angeblich trennen, in Wirklichkeit verbinden. Über die Jahre hinweg sind wir uns viel näher gekommen. Und das zeigte uns deutlich, dass alle drei Traditionen zusammenkommen können.« Die beim dritten Treffen im Januar 2011 im thailändischen Bangkok diskutierte Frage der Konversion von bereits getauften Christen mündete schließlich zusammen mit den Ergebnissen aus den vorangegangenen Arbeitstreffen in die Erstellung eines Textentwurfs. Der Konsultationsprozess fand jedoch seinen Niederschlag nicht nur in dem am 28. Juni 2011 in Genf öffentlich vorgestellten Dokument ChZ, sondern auch in einem vertieften gegenseitigen Respekt. Gerade »miteinander ins Gespräch zu kommen, voneinander zu ›hören‹« veranlassten die WEA beziehungsweise deren Theologische Kommission und Kommission für Religionsfreiheit (RLC), sich in den Prozess einzubringen. Als weitere Motivation nannte Tunnicliffe, die jeweiligen Missionspraktiken in den Blick zu nehmen und auch Kritik hören zu wollen. Er betonte aber auch, dass die Konsultations- und Arbeitstreffen, in denen um die einzelnen Formulierungen gemeinsam gerungen wurde, in den Rahmen eines weiterführenden ökumenischen Einsatzes für Gerechtigkeit und Religionsfreiheit einzuordnen seien. Die Reichweite der Kooperation sei – so der Tenor – beachtlich, schließlich ständen der ÖRK, der PCID und die WEA für circa 90 Prozent der Christen weltweit.

Jean-Louis Kardinal Tauran, Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, hatte die Veröffentlichung des Dokumentes 2011 als »historischen Moment« bezeichnet. Laut Ayuso, der Tauran in Berlin vertrat, gelte dies auch für den Kongress in Berlin. Die drei internationalen Vertreter, die in Berlin nicht nur zu Beginn des Kongresses den Zusammenhang zur Genese des Dokumentes herstellten, unterstrichen, dass es sich bei ChZ eben weder um ein theologisches noch um ein kirchenrechtliches Dokument handle. Vielmehr intendiere es eine Auseinandersetzung mit den im Text aufgeworfenen Fragestellungen und ziele darauf ab, »Kirchen, nationale Kirchenräte und Missionsgesellschaften dazu zu ermutigen, ihre gegenwärtige Praxis zu reflektieren und die Empfehlungen in diesem Dokument zu nutzen, um dort, wo es angemessen ist, eigene Richtlinien für Zeugnis und Mission unter Menschen zu erarbeiten, die einer anderen Religion oder keiner bestimmten Religion angehören. Wir hoffen, dass Christen in aller Welt dieses Dokument vor dem Hintergrund ihrer eigenen Praxis studieren, ihren Glauben an Christus in Wort und Tat zu bezeugen. (ChZ, Präambel)

INFO-TIPP

Weitere Informationen zum Kongress MissionRespekt, zur Berichterstattung und zum weiteren Rezeptionsprozess in Deutschland finden Sie unter www.missionrespekt.de .

Ein Rezeptionsprozess braucht Zeit und Geduld

Wejryd warnte davor, nicht zu unterschätzen, welche Zeit es von der Veröffentlichung bis zur Umsetzung eines Dokuments brauche: »Wir brauchen Zeit. Gerade angesichts des weiten Spektrums brauchen wir Zeit und müssen geduldig sein.«

Das »kleine, aber schöne Dokument«, berichtete Ayuso, sei auf verschiedenen Kanälen verteilt worden. So wurde auf katholischer Seite das Papier seit 2011 den Bischofskonferenzen über die jeweiligen Präsidenten der Konferenz zur Verfügung gestellt und ist allgemein über Vatikan-Diplomaten und in zahlreichen Gremien verbreitet worden. Tunnicliffe berichtete, dass das Papier im Bereich der Evangelischen Allianzen bereits an zahlreichen Orten und auf verschiedenen Ebenen diskutiert worden sei, zum Beispiel in Brasilien, Indien, Norwegen, Kanada usw. Spannend sei es, so die Beobachtungen des theologischen Direktors der WEA, wie Missionsgesellschaften beziehungsweise Hilfswerke ChZ sowohl als Anregung für den Aufbau ökumenischer Beziehungen als auch für interne Überlegungen zu ihren Methoden und ihrem Selbstverständnis nutzten. Der ÖRK habe das Papier seinen Mitgliedskirchen gesandt und nicht zuletzt in die Beratungen auf der letzten Vollversammlung im Herbst 2013 im südkoreanischen Busan miteinbezogen. Alle drei Vertreter verwiesen auf verschiedene Konferenzen und Meetings, die teilweise auch mit den anderen beiden internationalen Organisationen zusammen organisiert worden waren und das Dokument aufgriffen hatten. Tunnicliffe machte seine Beobachtungen und die anstehenden Aufgaben mithilfe des Bildes einer Brücke deutlich: Er verglich ökumenische Beziehungen beziehungsweise Gespräche mit einem Fluss und einer Brücke. Änderten sich diese Beziehungen zum Beispiel durch einen vertieften Austausch und eine offene Diskussion, zöge dies auch eine Veränderung des Kontextes, also des Flussbettes, nach sich. Eine neue Brücke müsse folglich gemeinsam konstruiert und gebaut werden.

Für diese »Brücken«, so Ayuso, sei auch die akademische Reflexion und die Einordnung des Papieres im Rahmen von wissenschaftlichen Artikeln etc. bedeutsam. Vor allem aber die Übersetzung in die jeweilige Landessprache sei grundlegend dafür, dass das Anliegen des Dokumentes auch an die Basis gelänge. So läge das Dokument zum Beispiel in Pakistan nun in Urdu vor. Aber auch in anderen Bereichen und Erdteilen versuchten Bischofskonferenzen – so das Ergebnis einer Umfrage des Päpstlichen Rates – die im Dokument genannten Verhaltensempfehlungen für ihren Bereich zu bedenken. Ayuso nannte beispielhaft die australische Bischofskonferenz.

»Gerade die Empfehlungen«, die den letzten Teil des Dokumentes ChZ bilden, »sind einfach formuliert, beinhalten aber universell geltende Prinzipien, die helfen können, unsere alltäglichen Probleme zu lösen«, so der katholische Vertreter. Daher sei er erfreut über die Themen der Workshops im zweiten Teil des Kongresses MissionRespekt gewesen. Ihre Erfahrungen aus Berlin, so die internationalen Gäste, würden sie in ihre jeweiligen Kirchen und Institutionen einbringen.

Erzbischof Felix Machado (Diözese Vasai, Indien) war als Untersekretär des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog in die Konsultationsprozesse involviert; heute setzt er sich auf Ebene der FABC und der Indischen Bischofskonferenz für die Anliegen des Dokumentes ein. FOTO: MISSIO AACHEN / MARKUS NOWAK

Der Kongress MissionRespekt im Rahmen eines weltweiten Rezeptionsprozesses

Nachdem bereits 2012 auf verschiedenen ökumenischen Treffen und Studientagen das Dokument ChZ, das in der offiziellen deutschen Übersetzung den englischen Untertitel »Recommendations for conduct« misslich als »Empfehlungen für einen Verhaltenskodex« wiedergibt, aufgegriffen worden war, nahmen etwa zwanzig kirchliche Organisationen und Dachverbände in Deutschland die Impulse des ökumenischen Dokumentes auf. Ein ökumenischer Kongress mit internationalen Gästen sollte das Thema und die Fragestellung auch in die deutsche Öffentlichkeit bringen. Als Träger des Kongresses fungierten die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) und die Deutsche Evangelische Allianz (EAD), Vorbereitung sowie Durchführung der Veranstaltung erfolgten durch das Evangelische Missionswerk in Deutschland (EMW), Hamburg, und das Internationale Katholische Missionswerk missio in Aachen. Der Kongress MissionRespekt, zu dem schließlich 250 Teilnehmende in Berlin zusammenkamen, sollte daher als Gesprächsplattform dienen und einen breit gefächerten ökumenischen Rezeptionsprozess des Dokumentes innerhalb Deutschlands vorantreiben.

Dass das Dokument, wie Ayuso unterstrich, nicht nur die religiösen Führer, sondern auch Politiker dazu anregen solle, sich dem Thema des respektvollen Umgangs in der Mission anzunehmen, sah er in der Podiumsdiskussion zwischen Politikern und Kirchenvertreten am Abend des ersten Kongresstages aufgenommen. [Vgl. Forum Weltkirche 6/2014, S. 5f.] Gerade die Zusammenarbeit über Denominations- und Konfessionsgrenzen hinweg sei nicht nur eine wesentliche Dimension des gegenseitigen Respekts und der Solidarität, so Tunnicliffe: »Wir müssen als Christen zusammenstehen – für unsere Mitchristen und Minderheiten im Allgemeinen!«

Wejryd weitete den Fokus: »Es gilt immer wieder neu, die Welt um uns herum in den Blick zu nehmen […] und Zeuge beziehungsweise Zeugin zu sein in einer Welt, die zwar zu Gott gehört, aber nicht an ihn glaubt.«

»Viele kleine Brücken bauen« – Konkretion und Regionalisierung

Nachdem am ersten Kongresstag nach der Einordnung des Dokumentes und der Vorstellung von Länderstudien und Rezeptionsprozessen in Brasilien, Indien und den Niederlanden am Abend eine Dankliturgie und eine Begegnung zwischen Kirche und Politik folgten, wurden am zweiten Tag konkrete Spannungsfelder in Kleingruppen diskutiert. Die Workshops zu Themen wie Diakonie, Taufe und Asyl oder zu den unterschiedlichen Missionsverständnissen etc. machten den großen Bedarf an Begegnungsräumen und Gesprächsplattformen deutlich. Sie dienten aber auch als Anstoßpunkt für die Diskussion im Sinne einer Regionalisierung und Vertiefung. Es gelte, diese und ähnliche Fragestellungen und Problemfelder vor Ort, an der Basis zu diskutieren, so die Ermutigungen Ayusos. »Haben Sie keine Angst, das Anliegen an die Basis zu bringen!« Er verwies auf die Berichte aus Rotterdam als gutes Beispiel und zitierte Papst Franziskus und dessen Plädoyer für ein Leben in einem Geist des Respekts und der Freundschaft. Wir alle seien dafür verantwortlich, so Ayuso, der selber lange Zeit als Missionar im Sudan tätig war.

Wejryds Schlussfazit ging in eine ähnliche Richtung: »Seien Sie stolz! Viele denken, Mission sei etwas aus der Vergangenheit. Aber: Worüber wir nicht sprechen, darüber spricht keiner […] Wir sollten unterschiedliche Meinungen respektieren, aber auch unsere Meinung nach außen vertreten.« Tunnicliffe griff erneut das Bild des Brückenbaus auf. Eine Herausforderung werde es sein, diese Brücken zu bauen. Wolle man neue Brücken bauen, müsse man den Zweck und das Ziel kennen. Er konkretisierte: »Finden Sie etwas, das Sie zusammen tun können, etwas Praktisches, Bedeutungsvolles, etwas, das machbar ist. Das, was wir gemeinsam tun können, lassen Sie es uns machen.«

Das gegenseitige Kennenlernen und das gemeinsame Gespräch in Kleingruppen standen neben den Vorträgen im Mittelpunkt des Kongresses MissionRespekt. FOTO: MISSIO AACHEN / MARKUS NOWAK

Mission – Respekt!

Dieses Anliegen unterstrich der Trägerkreis des Kongresses in dem am Ende des Kongresses vorgestellten Statement: »Der Kongress hat gezeigt, dass dieser breit angelegte Prozess der Beschäftigung mit dem Dokument hilfreich ist für ein vertieftes Miteinander in unserem christlichen Zeugnis. Wir sind ermutigt durch viele Einsichten, die wir trotz unterschiedlicher kirchlicher Prägung gemeinsam tragen. Wir sind zuversichtlich, auch über strittige Positionen miteinander in fruchtbaren Gesprächen zu bleiben.«

In den nächsten drei Jahren sollen an zahlreichen Orten in Deutschland, in Kirchengemeinden, an kirchlichen Hochschulen und staatlichen Universitäten, auf Kirchentagen, in Missionswerken etc. Veranstaltungen zum Thema stattfinden. Auf Weltebene wird eventuell zum fünften Jahrestag des Dokumentes 2016 eine gemeinsame Veranstaltung die Rezeptionsprozesse des ChZ in den verschiedenen Ländern bündeln und vorstellen. Eine erste mögliche Richtungsanzeige könne sich auf einem Treffen zwischen Papst Franziskus und Vertretern der WEA bereits gegen Ende des Jahres abzeichnen, so Tunnicliffe.

Der Kongress MissionRespekt wurde als »Missionskongress « wahrgenommen und hatte nicht zuletzt durch die Vertreter des ÖRK, des PCID und der WEA sowie durch die internationalen Gäste eine weitläufige Ausstrahlung. In Ungarn, zum Beispiel, wurde die Konferenz als eine Art »Versöhnungskonferenz« eingeordnet und als Ermutigung verstanden, auch dort zu versuchen, einen Kongress zum selben Thema zu veranstalten.

Auch in Deutschland wird es spannend sein, zu beobachten, wie die Erfahrungen von Berlin in ähnliche oder andere Veranstaltungsformate auf den verschiedenen Ebenen einmünden können. Besonders das Interesse am »Missionsverständnis« meines Gegenübers sowie eine Offenheit gegenüber (auch kritischen) Rückfragen im gemeinsamen Gespräch könnten einen unerlässlichen Beitrag dazu leisten, »Mission« nicht nur kurzzeitig zu einem »Hauptstadtwort« (Traugott Hopp, Leiter der Akademie für Weltmission in Korntal) zu machen. Ziel sollte vielmehr sein, dass an vielen Orten »Mission« automatisch mit einem respektvollen Umgang untereinander verbunden wird.

MONIKA KLING
Referentin für »Weltkirchliche Pastoral« bei missio Aachen

ANMERKUNGEN

1 Internet-Link
2 Tunnicliffe verwies dabei auf Schirrmacher, Thomas, Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt – zweieinhalb Jahre später, PDF-Datei .
3 Trägerkreis MissionRespekt, Statement/ Entwurf, 28.8.2014, PDF-Datei (zuletzt geprüft: 18.11.14), S. 1.

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