Länderbericht ÄTHIOPIEN corner

Eine inkulturierte, theologische Ethik ist gefordert

Die Kirche Äthiopiens im Kampf gegen HIV/AIDS

von GREGOR BUSS

Schüler an einer katholischen Schule in Adigrat. Auch wenn die katholische Kirche eine kleine Minderheit in Äthiopien darstellt, leistet sie durch ihre Einrichtungen im Bildungs- und Gesundheitsbereich einen wichtigen Beitrag in der äthiopischen Gesellschaft. Etwa 80.000 Studierende besuchen in Äthiopien katholische Bildungseinrichtungen.
FOTO: GREGOR BUß / ALBERT-PETER RETHMANN

Obwohl die katholische Kirche in Äthiopien eine kleine Minderheit darstellt, hat sie durch ihre Bildungs- und ihre Gesundheitseinrichtungen einen recht hohen Stellenwert in der Gesellschaft des Landes. Insbesondere im Kampf gegen HIV/AIDS spielt sie eine wichtige Rolle. Doch die Kirche stößt an ihre Grenzen, wenn westliche Moralvorstellungen und afrikanische Traditionen kollidieren. Eine neue Ethik ist gefordert, die kultursensibel vorherrschende Traditionen und Denkmuster aufgreift und so den Christen hilft, die Zerrissenheit zwischen westlich geprägten Moralvorstellungen und afrikanischen Traditionen zu überwinden. Der positiven und ganzheitlichen Sichtweise von Sexualität aus Sicht der Kirchen kommt in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle zu.

Äthiopien – Land der Kontraste

Äthiopien wird gerne als das »Land der Kontraste« bezeichnet – und diese Charakterisierung ist nicht ganz unberechtigt. Spontan assoziiert man mit Äthiopien eine der ältesten Kulturen auf dem afrikanischen Kontinent. Legendär ist beispielsweise die Königin von Saba, die im 10. Jahrhundert v. Chr. eine Reise zum Hof von König Salomo in Jerusalem unternommen haben soll. Sie muss für ihre Zeit eine so herausragende Gestalt gewesen sein, dass von ihr beide Testamente der Bibel (zum Beispiel 1 Kön 10, 1–13; Mt 12,42) und auch der Koran (27. Sure, Verse 22–44) berichten. Das Antike Reich von Aksum, das in etwa das heutige Nordäthiopien und Eritrea umfasste, gilt als eines der ersten christlichen Königreiche der Welt. Äthiopien blickt auf eine deutlich ältere christliche Geschichte zurück als Deutschland.

Bei aller Faszination für den kulturellen Reichtum des Landes beherrschen noch immer die großen Hungerkatastrophen der 1970er und 1980er Jahre die öffentliche Wahrnehmung des Landes. Besonders die Bilder der abgemagerten Kinder infolge der großen Hungersnot von 1984/85 – also genau vor 30 Jahren – haben sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Bis heute gilt Äthiopien als Inbegriff von Armut und Hunger, und das, obwohl es als zweitbevölkerungsreichstes Land Afrikas (knapp 100 Mio. Einwohner) und aufstrebender Wirtschaftsstandort mittlerweile zu den dynamischsten Nationen auf dem afrikanischen Kontinent zählt. Die Afrikanische Union (AU) hat ihren Sitz in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba – ein weiterer Beleg dafür, dass Äthiopien für den gesamten afrikanischen Kontinent zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Auch landschaftlich ist Äthiopien ein Land der Kontraste. Einerseits ist Äthiopien (nach Lesotho) das höchstgelegene Land Afrikas. Das malerische äthiopische Hochland ist in deutschen Wohnzimmern durch zahlreiche Kaffeewerbungen bekannt. Auf der anderen Seite durchzieht der Große Afrikanische Graben das Land. Gegenden wie die Afar-Senke, 116 Meter unterhalb des Meeresspiegels gelegen und extrem niederschlagsarm, bilden im Gegensatz zum fruchtbaren Hochland ein lebensfeindliches Umfeld. Umso erstaunlicher ist es, dass die Afar-Region als eine der Wiegen der Menschheit gilt. Spätestens seit dem sensationellen Fund eines sehr gut erhaltenen Skeletts eines Australopithecus afarensis – besser bekannt als »Lucy« – im Jahr 1974 gilt diese Gegend als einer der Hotspots der Paläontologie.

Äthiopien als Wiege der Menschheit und Zivilisation, andererseits aber auch als Schauplatz gewaltsamer Kriege und Auseinandersetzungen. Aus der jüngeren Vergangenheit könnte man hier an den jahrzehntelangen Konflikt mit Eritrea erinnern. Diese Spannungen und Widersprüchlichkeiten, die für Äthiopien typisch sind, hängen nicht zuletzt mit der kulturellen Vielfalt des Landes zusammen. Äthiopien ist ein Vielvölkerstaat mit über 80 verschiedenen Ethnien und Sprachen. Auch die religiöse Landschaft ist vielfältig. Knapp zwei Drittel der Bevölkerung (62,8 Prozent) sind christlich, die meisten davon äthiopisch-orthodox (43,5 Prozent). Protestanten umfassen 18,6 Prozent der Gesamtbevölkerung, Katholiken nicht einmal ein Prozent (0,7 Prozent). Ein Drittel der Äthiopier (33,9 Prozent) ist muslimisch, 2,6 Prozent gelten als Anhänger traditioneller Religionen.

Grafik 1: HIV-Prävalenz in Äthiopien bei Menschen zwischen 15 und 49 Jahren zwischen 1990 und 2012 (Quelle: UNAIDS).

Katholische Kirche und HIV/AIDS in Äthiopien

Trotz ihrer zahlenmäßig marginalen Rolle kam der katholischen Kirche in Äthiopien eine bedeutende Rolle bei der Prävention und Behandlung von HIV und AIDS zu. Seitdem 1984 erstmalig ein HIV-Fall in Äthiopien bekannt wurde, hat sich die Kirche stark bei der Bekämpfung der Immunschwächekrankheit engagiert. Die Verbreitung von HIV und AIDS erreichte von Mitte der 1990er Jahre bis zur Jahrtausendwende ihren Höhepunkt.

Zu den Bevölkerungsgruppen, die traditionell am stärksten gefährdet sind, sich mit HIV zu infizieren, zählen: Sexarbeiter, Soldaten, Fernfahrer, unverheiratete Frauen, diskordante Paare (bei denen also nur ein Partner mit HIV infiziert ist), Wanderarbeiter und Internatsschüler oder Studenten. Knapp eine Million Kinder in Äthiopien leben aufgrund von HIV und AIDS als (Halb-)Waisen.

Grafik 2: Jährliche Neuinfektionen mit HIV in Äthiopien zwischen 1990 und 2012 (Quelle: UNAIDS).

Die katholische Kirche in Äthiopien hat HIV und AIDS seit Ende der 1980er Jahre als einen wichtigen Teil ihrer Arbeit angesehen. Ausgelöst durch Patienten und Notleidende, die in den kirchlichen Gesundheitseinrichtungen Hilfe und Heilung suchten, sah sich die Kirche zum Handeln aufgefordert. Man rief zunächst »Home Based Care«-Programme ins Leben, die eine Behandlung und Begleitung der Kranken in ihren Häusern ermöglichen sollten. Der palliative Aspekt stand im Vordergrund. Oft waren es die Ordensgemeinschaften, die diese Programme aufbauten. Durch Kongregationen in anderen Teilen Afrikas waren sie oftmals schon für die durch HIV und AIDS gestellten Herausforderungen sensibilisiert. Eine wichtige Aufgabe sah die Kirche von Anfang an auch darin, Stigma und Diskriminierung zu bekämpfen. In weiten Teilen der Gesellschaft stießen die Menschen mit HIV – insbesondere in den ersten Jahren der Epidemie – auf Ablehnung und Angst. Die Kirche wollte ihnen Zuflucht bieten und ihnen auch den Austausch mit anderen Betroffenen ermöglichen.

Mehr und mehr entwickelten sich aus diesen verschiedenen und oftmals von den Orden getragenen Initiativen breiter angelegte Programme. Ab Mitte der 1990er Jahre hat die katholische Kirche in Äthiopien umfangreiche und systematische Antworten auf HIV und AIDS auf den unterschiedlichen Ebenen des kirchlichen Lebens gesucht. Um die verschiedenen Anstrengungen besser zu koordinieren, wurde 2001 ein HIV/AIDS-Büro im Sekretariat der Äthiopischen Bischofskonferenz eingerichtet.

Auf lokaler und regionaler Ebene war und ist die Kirche ein wichtiger und willkommener Partner bei HIV-Programmen. Groß angelegte Hilfsprogramme konnten so in Kooperation mit internationalen Hilfsorganisationen wie Catholic Relief Services (CRS), CAFOD/Trocaire oder Caritas durchgeführt werden. Mit ihren insgesamt 67 Gesundheitseinrichtungen im Land konnte die kleine katholische Kirche einen wichtigen Beitrag für die gesamte Gesellschaft leisten. Nicht zu unterschätzen ist auch der Bildungsauftrag, dem sich die Kirche stark widmet: etwa 80.000 Schüler/innen und Student/innen gehen in Äthiopien auf katholische Bildungseinrichtungen.

Ein besonderes Merkmal der kirchlichen Antwort auf HIV und AIDS ist das Bemühen, interreligiöse Allianzen zu bilden. Ein prominentes Beispiel hierfür ist OMCA, die Orthodox Muslim Catholic Association in Adigrat in Nordäthiopien, die sich für eine interreligiöse Arbeit im Bereich von HIV und AIDS stark macht.

Eine weitere Stärke der kirchlichen Antwort auf HIV und AIDS lag von Anfang an darin, dass sie den betroffenen Menschen in all seinen Dimensionen – körperlich, geistig, spirituell, sozial – ernst genommen hat. Auch wenn dieser holistische Ansatz in der Praxis nicht immer umsetzbar war – was zum Teil praktische Gründe hatte, wie beispielsweise mangelnde finanzielle Ressourcen, zum anderen aber auch in der ungeheuren Komplexität der durch HIV und AIDS gestellten Probleme begründet liegt –, so bildete er doch das Ideal, das für die kirchliche Arbeit in diesem Feld handlungsleitend war.

Ethische Herausforderungen

Dass HIV und AIDS alle Dimensionen des menschlichen Lebens betreffen, ist auch bei der Diskussion ethischer Fragestellungen zu berücksichtigen. Solche Fragen reichen von der persönlichen Reife und Gewissensbildung über die Stellung der Frau in der Gesellschaft und das Verhältnis der Geschlechter zueinander bis hin zur gerechten Güterverteilung, sei es im Dorf- oder Weltmaßstab. Eine durchdachte Antwort auf HIV und AIDS sollte all diese Dimensionen im Blick haben, auch wenn es dann in der konkreten Praxis zu einer Fokussierung auf einen bestimmten Aspekt kommt. Um die unterschiedlichen Diskussionsebenen klarer hervorzuheben, soll im Folgenden zwischen einer strukturellen, kulturellen und individuellen Ebene differenziert werden.

Auf struktureller Ebene ist es vor allem der Mangel an distributiver Gerechtigkeit, der die Verbreitung von HIV und AIDS beschleunigt. Durch ungerechte Strukturen im Bereich der Bildung, der Lebensmittelversorgung, des Handels, der Gesundheitsversorgung, der Ressourcenverteilung oder gar des Patentrechts werden viele Menschen im subsaharen Afrika der Möglichkeit beraubt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Für die katholische Kirche hat dies zur Konsequenz, dass sie ihre Sorge um die Menschen, die von HIV direkt oder indirekt betroffen sind, nicht nur als karitatives Engagement, sondern letztlich als Einsatz für mehr Gerechtigkeit begreifen sollte. Oftmals mangelt es dem kirchlichen Engagement an einer strukturierten und systematischen Ausrichtung. Das hängt ganz wesentlich mit der finanziellen Abhängigkeit von Spenden aus dem Ausland ab, lässt sich aber letztlich auch darauf zurückführen, dass die Leitkategorie für das Handeln der Kirche meist die caritas und weniger die justitia ist.

Äthiopien auf einen Blick
Fläche: 1.104.300 km2
Einwohner: 85.847.000
Katholiken: 903.000
Diözesanpriester: 274
Ordenspriester: 274
Ordensbrüder: 78
Ordensschwester: 758
Laienmissionare: 54
Katechisten: 2.699
Quelle: Statistisches Jahrbuch der Katholischen Kirche 2011

Auf kultureller Ebene sollte man sich damit auseinandersetzen, dass bestimmte kulturelle Muster und Traditionen die Verbreitung von HIV/AIDS eindämmen, aber auch begünstigen können. Ethisch gilt es zu prüfen, welche Wertmaßstäbe, Praktiken und Konventionen zur Verbreitung der Epidemie beitragen. Hierbei handelt es sich um eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe, da es nicht darum gehen kann, bestehende kulturelle Werte abzuwerten, sondern vielmehr darum, eine kultursensible Ethik auszuformulieren.

Anfangen könnten solche Reflexionen sinnvollerweise bei der erhöhten Vulnerabilität von Frauen und Mädchen. Sie stehen in deutlich höherer Gefahr, sich mit HIV zu infizieren. Mit Gillian Patterson lässt sich fragen, inwieweit die immer noch gängigste Strategie zur Bekämpfung von HIV/AIDS – das berühmte ABC – überhaupt für Frauen angemessen ist:

»Nehmen wir nur einmal die gemeinhin unter dem Kürzel ABC (»abstinence, being faithful, condom-use«: Abstinenz, Treue, Kondomgebrauch) bekannte Präventionsstrategie. Sie ist aus dem (derzeit vorherrschenden) biomedizinischen Diskurs hervorgegangen und ist ein klassisches Beispiel für ein Mantra, das Allgemeingültigkeit beansprucht, in Wirklichkeit aber auf den autonomen erwachsenen westlichen Mann zugeschnitten ist. Abstinenz? In vielen Teilen der Welt ist Abstinenz keine Option für Frauen. Heirat ist eine kulturelle Notwendigkeit, und dasselbe gilt für Kinder; frühe Heirat ist üblich und häufig sehr erwünscht; Frauen sind wirtschaftlich von ihren Männern abhängig; und die Umstände des sexuellen Verkehrs werden in der Regel nicht von den Frauen kontrolliert. Treue? Viele Frauen sind treu, doch sie werden von ihren untreuen oder drogenabhängigen Partnern mit HIV infiziert. In diesem Zusammenhang ist das Problem der Wanderarbeit in den Blick zu nehmen. Was heißt es, wenn sich Eheleute vielleicht noch einmal im Jahr sehen, da die Wanderarbeit die einzige Möglichkeit ist, den Lebensunterhalt zu sichern? Kondomgebrauch? Welche Frau oder welches Kind hätte je einen Mann gegen seinen Willen davon überzeugt, ein Kondom zu benutzen?«

Die katholische Klinik in Alitena, im Norden Äthiopiens. 67 Gesundheitseinrichtungen werden von der katholischen Kirche in Äthiopien geführt.
FOTO: GREGOR BUß / ALBERT-PETER RETHMANN

Auch wenn die Aussagen Pattersons teilweise polemisch daherkommen, treffen sie doch einen wunden Punkt in vielen Strategien der HIV/AIDS-Bekämpfung: In diesen Strategien sind die besonderen Probleme der Frauen unzureichend berücksichtigt. Daher gilt es bei jeder Antwort auf diese Pandemie die Fragen zu beachten: Was sind die kulturellen Faktoren, die diese besorgniserregende Lage von Frauen und Mädchen begünstigen? Lassen sich, auf der anderen Seite, in den kulturellen Traditionen nicht auch Vorstellungen und Handlungsweisen finden, die auch für den besonderen Schutz von Frauen von Bedeutung sein können? Der Kirche kommt also hier die Aufgabe zu, sich für die Rechte der Frauen besonders stark zu machen und jede Form der Unterdrückung oder Diskriminierung zu bekämpfen.

Neben dem Empowerment von Frauen und Mädchen, das sich als moralische Pflicht aus ihrer besonderen Vulnerabilität ergibt, kann man ethische Fragen auf kultureller Ebene aber noch in eine zweite Richtung hin diskutieren. Die Wirkmächtigkeit kultureller Denkmuster und Konventionen macht deutlich, dass eine ethische Weisung erfolglos bleibt, wenn sie sich nicht gegenüber diesen Faktoren sensibel zeigt. Was also geboten ist, ist eine Inkulturation ethischer Richtlinien und Wertvorstellungen. Ansonsten kann es passieren, dass afrikanische Christen irritiert sind, da sie zwischen ihren traditionellen und den christlichen, stark westlich geprägten Moralvorstellungen hin- und hergerissen sind. Hierauf macht auch Paul Chummar aufmerksam: »African Christians walk with one foot in African religion and culture and the other in the church and Western culture (…). People are confused.«

HIV und AIDS weisen somit indirekt auf die Notwendigkeit einer inkulturierten theologischen Ethik hin. Statt die Denkkonzepte der westlichen Welt blind zu übernehmen, sollte die katholische Morallehre im afrikanischen Raum stärker an einheimische Traditionen anknüpfen.

Die ethischen Fragen auf individueller Ebene sind diejenigen, die in den öffentlichen, aber auch wissenschaftlichen Debatten immer noch den größten Raum einnehmen. Dies mag damit zusammenhängen, dass es sich hierbei vor allem um sexualethische Fragestellungen handelt, die im Zusammenhang mit der katholischen Kirche immer noch besondere Aufmerksamkeit hervorrufen.

In kirchenfernen Kreisen wird das Beharren der katholischen Morallehre auf Abstinenz und Treue oftmals als weltfremd verspottet. Nicht nur im Hinblick auf ihre eigene Tradition, aber auch im Hinblick auf wissenschaftliche Untersuchungen zu den Gründen für die Verbreitung der Immunschwächekrankheit hat die katholische Kirche aber gute Gründe, weiterhin an diesen Idealen festzuhalten.

Gemeindeversammlung der katholischen Kirche in Adigrat. Bischof Tesfay Medhin spricht zu den Gläubigen. Die katholische Kirche setzt sich zusammen mit anderen Glaubens- und Religionsgemeinschaften intensiv für die Menschen mit HIV/AIDS ein.
FOTO: GREGOR BUß / ALBERT-PETER RETHMANN

Gleichzeitig muss jedoch festgehalten werden, dass die Alltagserfahrung nicht immer diesen Idealen entspricht, teilweise auch nicht entsprechen kann. Das Beispiel der diskordanten Paare ist hier vielleicht am einschlägigsten. Die Ehepartner wollen ja treu sein und ihren ehelichen Pflichten nachkommen, müssen andererseits jedoch anerkennen, dass der gesunde Partner gefährdet wäre, wenn man sich beispielsweise beim Geschlechtsverkehr nicht entsprechend schützen würde.

In einem Statement aus dem Jahr 2002 empfiehlt die Bischofskonferenz des Tschad daher den Gläubigen, sich in solchen Fällen durch Kondomgebrauch zu schützen:

»With regard to the condom, the Church wishes to recall here (…) that its use is subjected to the normal moral rules as for the other human acts. The ultimate moral rule is our conscience. It is up to each and everyone of us to train one’s conscience (…). Because ›no one is bound to do the impossible‹, spouses cannot be asked to abstain from sexual intercourse; we therefore understand that if a person, through love, may be led to use the condom to protect himself/herself or to protect his/her partner. But everybody must understand that the condom does not provide 100 Prozent protection and that it does not ultimately solve the real problems raised by AIDS.«

Ein Patientengespräch in einer katholischen Klinik in Äthiopien.
FOTO: GREGOR BUß / ALBERT-PETER RETHMANN

Bei all der Bedeutung, die dem Kondomgebrauch bei der AIDS-Prävention zukommt, darf man jedoch nicht aus dem Blick verlieren, dass sexualethische Diskussionen nicht immer nur um diese Frage kreisen. Ganz allgemein muss es der katholischen Theologie verstärkt darum gehen, eine neue Sicht auf die menschliche Sexualität als Ganze zu gewinnen. So wie es Erzbischof Ludwig Schick in einem Zeitungsinterview formuliert hat, gilt es in kirchlichen Kreisen noch stärker zu verinnerlichen, dass Sexualtät nichts »Schmutziges« oder »Sündhaftes« ist, sondern vor allem »ein Geschenk Gottes«.

Um der Tabuisierung von HIV/AIDS im Besonderen und Sexualität im Allgemeinen in vielen kirchlichen Kreisen zu entgehen, wäre ein offenerer Umgang mit diesen Fragestellungen wünschenswert. Zu beherzigen wäre eine positivere Sicht auf Sexualität, so wie sie die Bischofskonferenz des Tschad einklagt: »Sexuality therefore participates in our fulfillment as men and women. The Church looks positively on sexuality that it views as a task to accomplish, a responsibility to assume.«

GREGOR BUSS
Theologe, Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz, Bonn

ANMERKUNGEN

1 Gillian Patterson: »Der Gender-Falle entkommen. Die Aufdeckung patriarchalischer Strukturen in Zeiten von AIDS«, in: Concilium 43 (2007), Nr. 3, S. 342–352.
2 Paul Chummar: »HIV/AIDS in Africa: An Urgent Task for an Inculturated Theological Ethics«, in: Linda Hogan (Hrsg.), Applied Ethics in a World Church, Maryknoll, NY: Orbis Books 2006, S. 155–162.
3 Bishops of Chad’s Statement on AIDS, 2002.
4 »Sexualität ist von Gott geschenkt«. Interview mit dem Bamberger Erzbischof Schick, in: Süddeutsche Zeitung, 3. September 2012.
5 The Bishops of Chad’s statement on AIDS, 2002.

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