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IRAK

Muslime brauchen Christen im Nahen Osten

Yousif Thomas Mirkis OP empfing die deutschen Journalisten, die sich auf der von missio organisierten Pressereise »vor Ort« über das Leben der Menschen im Irak informierten.
FOTO: KNA-BILD

Journalistenreise in den Irak und Libanon

»Wir brauchen einen muslimischen Gandhi.« Das sagt der Dominikaner Yousif Thomas Mirkis OP, chaldäischkatholischer Erzbischof von Kirkuk- Sulaimaniya im Norden des Iraks. Er meint damit: Eine friedlichere Zukunft der arabischen Welt kann der Islam nur aus seiner eigenen Kultur heraus schaffen. Dafür taugt kein Import oder keine Kopie aus dem Westen. Und es braucht außergewöhnliche arabische Persönlichkeiten, die die zerstrittenen muslimischen Glaubensrichtungen zu einer friedlichen Koexistenz führen können.

Bischof Mirkis denkt darüber – Mitte März dieses Jahres – zu einer Zeit nach, in der die Terrormilizen des so genannten Islamischen Staates nur wenige Kilometer entfernt von seinem Bischofssitz liegen. Er ist vier Stunden nach Sulaimaniya gefahren und redet mit fünf Journalisten aus Deutschland, die eine Reise des Internationalen Katholischen Missionswerkes missio Aachen in den Libanon und Irak begleiten. »Ich bin zu hundert Prozent ein Iraker, aber ich fühle mich fremd in meinem eigenen Land«, sagt er. Er fürchtet eine Art Balkanisierung des Landes, das in einen schiitischen, sunnitischen und kurdischen Staat zu zerfallen droht. »Meine Generation ist mit dem Nationalgedanken aufgewachsen, der lange der verbindende ›Kit‹ für die Gesellschaft war. Für die heutige Generation ist die Religion die entscheidende Bezugsgröße für ihre Identität, und das reißt alles auseinander«, so der 65-Jährige. Er sieht den Irak an der Schwelle zu einem gescheiterten Staat. Mit allen Folgen einer humanitären Katastrophe und über 400.000 Flüchtlingen, die Krieg und Terror heimatlos machen.

»Der Islamische Staat ist nicht vom Himmel gefallen, seit zehn Jahren schon wächst die Bewegung«, sagt Bischof Mirkis. Sicher gibt es dafür politische, ökonomische oder strategische Gründe. Sicher hat der Westen Fehler gemacht. Aber eine aus seiner Sicht sozialpsychologische Ursache betont er eigens: Die arabischen religiösen und gesellschaftlichen Eliten versäumten die richtigen Antworten auf die Globalisierung, die tradierte Kulturen erschüttert und mit anderen Wertvorstellungen konfrontiert. »Der Irak kann nicht mit dem Anderen umgehen.« Der so genannte Islamische Staat ist dann als die radikalste Reaktion auf diese Infrage- Stellung durch die Globalisierung zu verstehen.

Die Journalisten hören von anderen Kirchenvertretern ähnliches. »Die innere Reformfähigkeit des Islam, die eine pluralistische Gesellschaft voraussetzt, ist der Knackpunkt – und genau daran müssen wir arbeiten«, sagt etwa Fadi Daou. »Despotische Regime und religiöse Extremisten wollen diese innere Reform nicht.« Der Priester der maronitischen Kirche leitet die christlich-muslimische Adyan-Stiftung in Beirut. Sie versucht, Führungspersönlichkeiten auszubilden, die den Gedanken einer bürgerlichen Gesellschaft aus den eigenen Kulturen des Nahen und Mittleren Ostens heraus realisieren. »Wir Muslime brauchen die Christen hier«, pflichtet ihm der schiitische Sheikh Hussein Shehade bei. Ein muslimischer Gandhi wird gesucht. (js)

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