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PAKISTAN

Bombenattentate in Lahore

Mehr als 1500 Gläubige besuchten die beiden Gottesdienste in Lahore, als diese zur Zielscheibe von muslimischen Terroristen wurden.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Christlich-muslimischer Dialog in der Krise

Bei einem Doppel-Selbstmordanschlag der Taliban in der nordpakistanischen Stadt Lahore sind am 15. März 2015 insgesamt 21 Menschen getötet und über 70 Menschen verletzt worden. Während der Sonntagsgottesdienste sprengten sich zwei radikal-islamische Taliban vor der Christ Church und der katholischen St. John’s Church in die Luft und rissen bei ihrem Selbstmordanschlag unschuldige Frauen, Männer und Kinder mit sich in den Tod. Die Attentäter hatten zuvor versucht, in die Kirchengebäude einzudringen, wurden dabei aber von der Polizei sowie von freiwilligen Sicherheitskräften, die für den Schutz der Kirche zuständig sind, gehindert. Insgesamt waren zum Zeitpunkt der Attentate mehr als 1.500 Gläubige in den beiden Kirchen, als die Detonationen die morgendliche Ruhe in Yohanabad, einem vornehmlich von Christen bewohnten Stadtteil von Lahore, zerriss. Sechs Personen starben unmittelbar nach den Explosionen, ein weiterer Gottesdienstbesucher erlag kurz darauf im Krankenhaus seinen Verletzungen. Nach einer Woche war die Zahl der Todesopfer auf 21 angestiegen – unter ihnen ein Polizist sowie zwei muslimische Jugendliche, die von aufgebrachten Christen unmittelbar nach dem Vorfall gelyncht worden sind. Zwei weitere Todesopfer waren zu beklagen, als eine muslimische Frau versuchte, den durch das Attentat ausgelösten Protesten zu entkommen und dabei einen Unfall verursachte. Die Stimmung in der Stadt Lahore war dramatisch angespannt, es kam zu Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen in der pakistanischen Millionenstadt, in der rund zehn Prozent der Einwohner Christen sind.

Mit Hilfe von Fernsehaufnahmen konnte die Polizei zahlreiche Christen identifizieren und verhaften, die sich im Anschluss an das Bombenattentat an der Lynchjustiz an den beiden muslimischen Jugendlichen beteiligt hatten. Dieser rasche Fahndungserfolg der Polizei wurde in Pakistan von vielen Christen aber auch als Akt der Diskriminierung betrachtet, da zunächst einmal Christen und nicht Muslime, die die Bombenattentäter bei der Planung und Durchführung ihrer Anschläge unterstützt hatten, inhaftiert worden sind. In den folgenden Tagen protestierten Christen in allen größeren Städten Pakistans gegen die brutale Gewalt gegen die christliche Minderheit im Land. Sie warfen der Regierung vor, dass sie gegenüber den religiösen Übergriffen blind sei und die wiederholten Angriffe auf Gotteshäuser und christlichen Siedlungen ignoriere. Auch ein Großteil der Muslime in Pakistan verurteilte die religiös motivierte Gewalt. Die Mehrheit der Muslime betrachtet den Terrorismus als Bedrohung der gesamten pakistanischen Gesellschaft und erwartet von den Christen Zurückhaltung, auch wenn sie davon ausgehen, dass die beiden am Tatort angetroffenen muslimischen Jugendlichen am Anschlag beteiligt waren. Es ist tragisch, dass es weder der Polizei noch den Politikern oder religiösen Führern gelungen ist, den Mob von Plünderungen und Gewalt abzuhalten. Die Ausschreitungen nach dem Attentat zeigen, dass Jahrzehnte der Diskriminierung und Intoleranz zu einer religiösen Spaltung der pakistanischen Gesellschaft geführt haben. Peter Jacob, katholischer Menschenrechtsaktivist in Pakistan, sieht dringenden Handlungsbedarf, um das gesellschaftliche Klima religiöser Intoleranz in Pakistan zu verändern: »Der katholischen Kirche in Pakistan ist es gelungen, sowohl unter den Medienvertretern als auch bei den muslimischen religiösen Führern Partner für den interreligiösen Dialog zu gewinnen. Doch es stellt eine zentrale Herausforderung dar, dass die Dialoginitiativen auch bei den einfachen Leuten ankommen «, betonte Jacob nach den Anschlägen von Lahore. (pj)

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