Christlich-islamischer Dialog in Tansania Dialog fördert nationale Einheit corner

Christlich-islamischer Dialog in Tansania

Dialog fördert nationale Einheit, Toleranz, Respekt und Wertschätzung

von MATHEW THOMAS THAZHATHUKUNNEL MSFS

In den meisten Regionen Tansanias leben Christen und Muslime miteinander. Auf Sansibar, wo nur wenige Christen leben, ist der Alltag von den Muslimen geprägt, die ihre Gebete öffentlich praktizieren.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Tansania ist das einzige Land in Subsahara-Afrika, in dem ähnlich viele Christen und Muslime leben. Es wird angenommen, dass der Anteil an Christen und Muslimen in Tansania jeweils 40 Prozent beträgt. Die restliche Bevölkerung gehört anderen traditionellen afrikanischen Religionen an. Seit den 1960er Jahren wird die Frage nach der Religionszugehörigkeit in Tansania allerdings nicht mehr im Rahmen der Volkszählung erfragt, da diese Frage immer schon brisant gewesen ist. Unter den vielen Faktoren, die zum Frieden in der Welt beitragen, finden sich auch die Religionen. Diese schaffen oftmals Frieden, bergen unter Umständen aber auch erhebliches Konfliktpotenzial.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verbreiteten sich der Islam und das Christentum ganz bewusst und systematisch in Tansania. Beide Religionen wollten die einheimischen Afrikaner für ihren Glauben gewinnen. Der Islam verbreitete sich von der Küste aus bis zum Tanganjika-See. Die christlichen Missionare, die aus Europa gekommen waren, wollten keine Konfrontation mit dem Islam, weshalb sie die Küste und Sansibar, wo die meisten Muslime lebten, mieden und weiter ins Inland zogen, um das Evangelium zu verkünden. Papst Pius X. bat die Missionare des Benediktinerordens, mit den Muslimen an der Küste in Dialog zu treten. Dieser Kontaktversuch scheiterte jedoch aufgrund des Ersten Weltkrieges.

Zu jener Zeit diente der Dialog als bloßes Mittel, die Anhänger der jeweils anderen Religion für sich zu gewinnen und vom eigenen Glauben zu überzeugen. Die Muslime und Christen dieser Zeit waren nicht von der Notwendigkeit eines interreligiösen Dialogs im heutigen Sinne überzeugt. Beide hielten an der Überzeugung fest, die einzig richtige Wahrheit und die wahre Religion zu besitzen. Die christlichen Missionare dachten, der Dialog sei in einem Land, wo ohnehin viele Menschen bereit waren, sich taufen zu lassen, nur Zeitverschwendung. Der Wettbewerb, Menschen für die eigene Religion zu gewinnen, fand dabei nicht nur zwischen Christen und Muslimen statt, sondern auch zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen.

Unter der deutschen Kolonialherrschaft in Tansania hatten die Muslime einige Vorteile, da die Swahili-Muslime im Gegensatz zu weiten Kreisen der Bevölkerung in Ostafrika in der Regel gut ausgebildet waren. Aus diesem Grund wurden sie von den Deutschen zur Verwaltung der Kolonie herangezogen, wodurch sie den Islam auch auf dem Festland weiter verbreiten konnten. Nach dem Ersten Weltkrieg verstärkte sich unter der britischen Kolonialherrschaft der Einfluss der Christen im Land: Der christliche Glaube verbreitete sich durch Schulen, durch Spitäler und andere soziale Einrichtungen. Obwohl es in dieser Zeit keinen Dialog zwischen Christen und Muslimen gab, traten zwischen den verschiedenen religiösen Gruppen keine gravierenden Probleme auf, denn sowohl die Christen als auch die Muslime waren aktiv in der Unabhängigkeitsbewegung tätig, wodurch eine Annäherung stattfand.

Christlich-islamischer Dialog nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil

Tansania wurde am 8. Dezember 1961 in die Unabhängigkeit entlassen. Das Land vereinigt über 120 Volksstämme, von denen jeder seine eigene Sprache besitzt. Swahili wurde als Nationalsprache eingeführt, und das Bemühen um Einigkeit und nationale Integration wuchs. Die Pluralität in der Gesellschaft wurde von den Tansaniern positiv wahrgenommen. Julius Nyerere, der erste Präsident des Landes, betonte einst, er fürchte sich nicht vor Problemen zwischen den Volksstämmen, sondern vor jenen zwischen den Christen und Muslimen.

Der Einfluss dieser beiden Glaubensgruppen war in Politik und Gesellschaft groß: Die Christen waren durch ihre missionarischen Schulen inzwischen gut ausgebildet und wurden oft als Beamte eingestellt. Zu dieser Zeit wurden mehr als 50 Prozent der Schulen von christlichen Kirchen unterhalten. Um einer religiös einseitigen Ausbildung entgegenzuwirken und allen Bewohnern des Landes die Gelegenheit zur Ausbildung zu geben, verstaatlichte Nyerere die Schulen.

Obwohl Probleme in Bezug auf schulische Ausbildung und die Verteilung von Arbeitsstellen meist in politische, soziale und wirtschaftliche Fragen hineinspielen, hatte die Reform des Bildungswesens zunächst eine religiöse Dimension. Die Muslime fühlten sich bereits seit der Unabhängigkeit des Landes benachteiligt und unterdrückt, da sie in der Regierung nicht ausreichend vertreten waren und das Mitspracherecht somit gering war. Es kam immer wieder zur Konfrontation und zu Konflikten zwischen dem Staat und den Muslimen. Der afrikanische Sozialismus, auf Swahili mit dem von Nyerere geprägten Begriff »Ujamaa« beschrieben, führte sukzessive zur Akzeptanz der religiösen und kulturellen Pluralität in Tansania.

Die Kirche fand durch das Zweite Vatikanische Konzil einen neuen Zugang zu den nicht-christlichen Religionen: Das Dokument »Nostra Aetate« vermittelte ein neues Verständnis vom Islam. Im Jahr 1969 wurde in Tansania ein Seminar zum Thema »Die Kirche und der Islam« organisiert, welches einen Anstoß zum interreligiösen Dialog geben sollte. Im Kontext dieser Pionier-Veranstaltung für den interreligiösen Dialog in Tansania wurden vertrauensbildende Maßnahmen zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Christen und Muslimen initiiert. Ein katholischer Priester wurde in Mwadui in eine Moschee eingeladen, um im Rahmen des Id Festes eine Predigt zu halten; in Mtama wurde von Christen und Muslimen gemeinsam ein Gotteshaus gebaut; in Tansania versuchten die Weißen Väter, Beziehungen zwischen Christen und Muslimen aufzubauen, indem sie 1972 eine Pfarre (Makakola) in der Diözese Tabora eröffneten, in der Muslime die Mehrheit der Bevölkerung bilden.

Auch im Rahmen der theologischen Ausbildung wurden verschiedene Initiativen gestartet, um Muslime und Christen zusammenzubringen. Zudem ermutigten Priester ihre Gemeindemitglieder zu einem Besuch von muslimischen Festen und Begräbnissen. Ebenso nahmen Muslime an christlichen Feierlichkeiten und Traditionen teil.

Die Pfarre Manzeze in der Erzdiözese Daressalaam ist ein lebendiges Beispiel für den Dialog in Tansania: Manzeze ist ein Armenviertel, in dem vorwiegend Muslime leben. Es gibt 20 Moscheen innerhalb der Grenzen der Pfarre. Die Priester besuchen die Moscheen und unterstützen verschiedene soziale Projekte (Ausgabe von Lebensmitteln und Medikamenten, Nachhilfe im Fach Englisch usw.). Die Beziehungen zwischen den Muslimen und Christen an diesem Ort sind seit jeher gut, so dass oftmals in der gleichen Familie sowohl Christen als auch Muslime miteinander leben.

Im Hintergrund der katholischen Kathedrale von Sansibar ragt ein Minarett in die Höhe und zeugt davon, dass ein friedliches Zusammenleben von Christen und Muslimen möglich ist.
FOTO: HANNELORE EDL

Dialog für Afrika

Beide Afrikasynoden (im Jahr 1994 und 2009) betonten die Notwendigkeit des Dialoges zwischen Christen und Muslimen in Afrika. Die Bischöfe waren überzeugt, dass ohne Dialog der Frieden nicht erreichbar sei. Obwohl sich der Dialog mit den Muslimen oftmals schwierig gestaltete, warben die Bischöfe dafür, dass sich beide Gruppen weiter um den Dialog bemühen, um Frieden, Gerechtigkeit und religiöse Freiheit zu fördern. Trotz der klaren Bekenntnisse beider Afrikasynoden bleibt der interreligiöse Dialog für die christlichen Kirchen des Landes, vor allem für die Katholiken, weiter eine zentrale Herausforderung.

Das vatikanische Dokument »Dialog und Mission« spricht von vier Formen des interreligiösen Dialogs: Zunächst einmal vom Dialog des Lebens (Menschen wollen in einer offenen und nachbarschaftlichen Atmosphäre zusammenleben, Freude und Leid, ihre menschlichen Probleme und Beschwernisse miteinander teilen) und dem Dialog des Handelns (Christen und Angehörige anderer Religionen kooperieren zur Förderung der integralen Entwicklung und Befreiung der Menschen). Zahlreiche Maßnahmen zur Förderung des Dialogs des Lebens sowie des Dialogs des Handelns wurden in Tansania inzwischen tatsächlich von christlichen und islamischen Organisationen initiiert. Der Dialog des theologischen Austausches (Spezialisten lernen das Verständnis ihres jeweiligen religiösen Erbes zu vertiefen und gegenseitige Werte zu schätzen) und der Dialog der religiösen Erfahrung (Menschen, die in ihrer eigenen religiösen Tradition verwurzelt sind, teilen ihren spirituellen Reichtum, zum Beispiel Gebet und Kontemplation, Glaube und Suche nach Gott oder dem Absoluten) stecken nicht nur in Tansania noch »in den Kinderschuhen«.

Christliche Organisationen für den Dialog

Die Evangelische und Katholische Kirche sind in Tansania gut organisiert. Jede Kirche hat ihre eigenen Organisationen für den interreligiösen Dialog. Sie halten Seminare und Vorträge gemeinsam mit muslimischen Organisationen ab.

Die Katholische Bischofskonferenz (TEC) hat einen eigenen Bereich zur Förderung des interreligiösen Dialogs eingerichtet. Im Jahr 1972 verfasste die TEC einen Pastoralbrief, der über das gemeinsame Ziel der Menschen spricht. Die Bischöfe riefen die Christen dazu auf, die Muslime als ihre Schwestern und Brüder anzuerkennen und auch in der Politik und auf sozialer Ebene eng mit Muslimen zusammenzuarbeiten. Die Katholische Kirche kooperiert vor allem mit der Evangelischen Kirche und mit der muslimischen Organisation BAKWATA: Gemeinsam organisieren sie interreligiöse Programme und helfen dadurch, die Probleme zwischen Christen und Muslimen zu verringern.

Der Christian Council of Tanzania (CCT) ist eine Organisation, der 15 protestantische Kirchen in Tansania angehören. Im Jahre 1970 starteten sie gemeinsam das Projekt »Islam in Afrika«. Durch dieses Projekt sollte der Unwissenheit und den Vorurteilen gegenüber dem Islam durch verschiedene Kurse und Seminare entgegengetreten werden. Auch wurden Studenten gefördert, die ein Studium des Islam und der arabischen Sprache anstrebten. Der CCT hat einen eigenen Ausschuss für den interreligiösen Dialog gebildet. Mitglieder dieses Ausschusses besuchen Dörfer und Städte, in denen es Probleme zwischen Christen und Muslimen gibt, und engagieren sich vor Ort bei der Konfliktlösung.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Tansania (ELCT) hat ebenfalls Maßnahmen zur Förderung des interreligiösen Dialogs angeregt, die im Jahr 2000 zur Gründung der Muslimisch-Christlichen Kommission für Frieden, Entwicklung und Konfliktlösung (Tuwwamuta Tume ya Waislam na Wakristo ya Amani, Maendeleo na Usuluhishi Tanzania) führten. »Tuwwamuta« hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Frieden zwischen Muslimen und Christen zu fördern und sich für gute Regierungsführung und Demokratie in Tansania sowie für die Anliegen religiöser Gemeinschaften im öffentlichen Leben einzusetzen. Außerdem möchte die Organisation gemeinsame Entwicklungsprojekte zwischen den Konfliktparteien ins Leben rufen, beispielsweise im Bereich der Bildung: Viele Muslime beschweren sich, dass sie nach wie vor im Erziehungswesen benachteiligt werden. Tuwwamut hilft Muslimen, von religiösen Gemeinschaften getragene Schulen, vor allem Grundschulen, zu gründen. Die Arbeit von Tuwwamuta konzentriert sich auf die ärmsten Gebiete, die vorwiegend entlang der Küste liegen.

Sr. Justa Tesha leitet auf Sansibar ein landwirtschaftliches Frauenprojekt, um notleidende muslimische und christliche Familien zu fördern. Die Frauen bauen gemeinsam Gemüse und Orangen an.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Religiöser Fundamentalismus

Der interreligiöse Dialog in Tansania ist vor allem durch den christlichen und islamischen Fundamentalismus bedroht, der seit den 1980er Jahren viele neue Anhänger gefunden hat. Die Auseinandersetzungen, die durch öffentliche Predigten der Religionsführer gegen die jeweils andere Religion provoziert wurden, erreichten ihren Höhepunkt in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Im Frühjahr 1993 gaben die katholischen Bischöfe ihre Erklärung »Tamko Rasmi la la Baraza Maaskofu Katoliki Tansania Mintarafu Kashfa za Kidini« (Eine Erklärung der Bischofskonferenz Tansania über religiöse Lästerungen) ab und wandten sich gegen Provokationen durch die Muslime. Seitdem führen die Christen und die gemäßigten Muslime von BAKWATA, dem Muslimischen Rat von Tansania, einen gemeinsamen Kampf gegen die Extremisten auf beiden Seiten. Es gibt die landesweite Organisation »Peace Building«, deren Ziel es ist, auf der einen Seite die Tansanische Bischofskonferenz und den CCT und auf der anderen Seite BAKWATA und das Büro des Mufti von Sansibar zusammenzubringen. Die Mitglieder der Organisationen treffen sich regelmäßig, um gemeinsame Erklärungen zu kontroversen Themen abzugeben.

Zu den kontrovers diskutierten Themen gehörte in den letzten Jahren vor allem die Frage, ob Tansania ein Mitglied der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) und ob das muslimische Gesetz (Sharia) in Tansania eingeführt werden soll. Diese beiden Fragen führten zu immensen Spannungen zwischen den religiösen Gruppen des Landes.

Interreligiöser Dialog an der Basis

Im Jahr 2010 wurde eine empirische Studie über den christlich-islamischen Dialog in Tansania veröffentlicht. Der Schwerpunkt der Interviews betraf die Frage, wie Christen in Tansania mit ihren muslimischen Schwestern und Brüdern besser umgehen und wie Christen einen Dialog mit Muslimen führen und friedlich leben können. Die folgenden Vorschläge wurden von den Interviewpartnern als Handlungsstrategien für den interreligiösen Dialog an der Basis vorgebracht.

Interreligiöses Lernen

Die Interviewpartner meinten, dass die gegenseitige Unwissenheit über die Religion der anderen den Dialog zwischen Christen und Muslimen verhindere. Es gebe Vorurteile und Stereotype, die die Stimmung zwischen Christen und Muslimen negativ beeinflussen. Aus diesem Grund seien für gegenseitige Achtung und Toleranz nicht nur Kenntnisse der eigenen Religion notwendig, sondern auch Formen des interreligiösen Lernens, die über beide Religionen informieren und um Verständnis werben.

Pastoraler Dialog

Pastoraler Dialog meint einen interreligiösen Dialog in der Seelsorge, der eine Herausforderung und eine Chance für die Kirche in Tansania darstellt. Die Kirche in Tansania ist in vielen Bereichen der Gesellschaft engagiert, vor allem im Bildungsbereich. Die Muslime beklagen allerdings, die Christen und der Staat würden Muslime im Bereich der Ausbildung benachteiligen. Hier sind Dialoginitiativen notwendig, die Vorurteile abbauen und zu gesellschaftlichem Ausgleich führen. Eine besondere Herausforderung für den Dialog besteht darin, dass Muslime die Einführung des islamischen Rechts für Muslime in Tansania fordern. Religiöse Splittergruppen in beiden Religionen machen den Dialog ebenfalls schwierig.

Der interreligiöse Dialog stellt eine wesentliche Chance für das Land dar, da Christen und Muslime in vielen Bereichen konstruktiv zusammenarbeiten können (beispielsweise im Bildungs- und Gesundheitsbereich), um ethische und moralische Werte zu fördern, die für beide Religionen gemeinsam von zentraler Bedeutung sind: Dazu zählen die Achtung für das Leben, die Bewahrung der Menschenrechte, ökologische Fragen etc. Christen und Muslime können sich in diesen Bereichen näher kommen, sich gegenseitig kennen lernen und einen fruchtbaren Dialog führen.

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht leicht erscheint, den Dialog auch im theologischen Bereich zu führen, da es bei allen Gemeinsamkeiten zahlreiche Unterschiede in wesentlichen Glaubensfragen gibt, können Vertreter beider Religionen dennoch ihre Theologie diskutieren und lernen, die Unterschiede zu respektieren. Eine besondere Bedeutung kommt dabei vor allem dem christlichen Zeugnis zu.

Begründung des Dialoges durch Inkulturation

Die Begriffe des Dialoges sind westlich. In Tansania braucht man Dialogbegriffe, die in Kultur und Tradition begründet sind, denn das Leben in Afrika ist im Wesentlichen kommunal und nicht individuell: Jede Person ist ein Teil der Gemeinde. Dieser Kommunalcharakter der Gesellschaft ist die Grundlage in Tansania, um unter Christen und Muslimen den interreligiösen Dialog zu fördern. Ecclesia und Umma (Gesellschaft) sind dafür die Schlüsselworte.

Gegenseitige Bewirtung und Gastfreundschaft sind fundamentale kulturelle Werte in Tansania. In früherer Zeit übernahmen die Ältesten der Gemeinde die Aufgaben des Gemeindevertreters, Richters und Friedensstifters. Obwohl ihre Arbeit in der neuen Demokratie nicht so sichtbar ist wie in früheren Zeiten, spielen die Ältesten noch eine wichtige Rolle in der Gemeinde. Die Ältesten können unter den Anhängern beider Religionen, sowohl bei den Christen als auch bei den Muslimen, für einen Dialog werben, der religiöse Einheit betont. Die Weisheit der Ältesten und die traditionellen Sprichwörter sind wertvolle Kommunikationsmittel für den Dialog, weil Christen und Muslime in Tansania den gleichen kulturellen Hintergrund besitzen. Traditionelle und kulturelle Werte können daher den Dialog zwischen Christen und Muslimen ermöglichen.

Der christlich-muslimische Dialog kann gegenseitige Achtung, Offenheit für eine religiöse Pluralität der Gesellschaft und das Streben nach nationaler Einheit in Tansania fördern.

Dialog: Zeichen der Zeit

Die christlich-muslimische Beziehung in Tansania wurde in den letzten Jahren viele Male auf die Probe gestellt. Das Misstrauen zwischen den Anhängern der Religionen ist noch immer vorhanden. Umso wichtiger ist es, auch künftig an einer Verbesserung der Beziehung durch interreligiösen Dialog zu arbeiten. Dialog und die Begegnung von Menschen unterschiedlicher Religionen sind auch in Ostafrika möglich. Hier ist nicht der Austausch zwischen Christentum und Islam gemeint, sondern zwischen Christen und Muslimen, zwischen Menschen und nicht zwischen Systemen. Wenn man in Systemen denkt, kann man in Tansania nicht zusammenkommen – menschliche Begegnung findet nicht statt. Erst durch das persönliche Gespräch und den Austausch wird die gegenseitige Akzeptanz unter Christen und Muslimen wachsen. Es gibt gesellschaftliche Probleme, die alle Menschen in Tansania betreffen: Probleme bei der Wasserversorgung, der Ausbildung, Krankheiten, Korruption, Aberglaube usw. Dies alles betrifft sowohl Muslime als auch Christen, und nur gemeinsam können die Menschen in Tansania diese Probleme lösen, um dadurch gemeinsam ein besseres Leben zu haben.

Oft kommen Christen und Muslime in Tansania erst dann zusammen, wenn es gravierende Probleme zwischen den Religionsgruppen gibt. Der interreligiöse Dialog in Tansania aber sollte proaktiv sein: Dialog auf nationaler, Bezirks- und Dorfebene sollte stets ein Weg des Lebens für die Christen und Muslime sein. Solch ein proaktiver Dialog fördert nationale Einheit, Toleranz, Respekt und gegenseitige Wertschätzung.

Für die Gesellschaft in Tansania gilt der Aufruf, der als »Wiener Erklärung« der Internationalen Christlich-Islamischen Konferenz »Friede für die Menschheit« formuliert worden ist: »Wir rufen alle Christen und Muslime auf, im Interesse einer Vertiefung und Festigung des Friedens unter den Menschen die belastete Geschichte ihrer Beziehungen endlich zu überwinden und Wege zu finden, um einander besser verstehen, Vorurteile beseitigen und die religiösen Überzeugungen der anderen achten und schätzen zu lernen.« Christen und Muslime in Tansania sind eingeladen, die Liebe und das Erbarmen in ihrem alltäglichen Leben zu praktizieren und Zeugnis für den einen Gott abzulegen, den sie beide anbeten.

MATHEW THOMAS THAZHATHUKUNNEL MSFS

gehört zur Ordensgemeinschaft der Missionare des Franz von Sales (MSFS) und ist seit 2001 als Missionar in Tansania tätig. Seit 2011 ist er Direktor des Lumen Christi Institutes in Arusha, Tansania – einem Zentrum für pastorale Ausbildung von Laien, Ordensleuten und Priestern, sowie dem Philosophikum für Priesteramtskandidaten.

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