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Evangelisierung in Tansania

Aussichten und Herausforderungen

von PIUS RUTECHURE

Im Küstenort Bagamoyo begannen die Spiritaner im Jahr 1868 ihre Missionstätigkeit in Tansania und errichteten eine erste Kirche.
FOTO: JOHANNES SEIBEL/MISSIO

Die Anfangsphase der Evangelisierung der Kirche in Tansania ist von unterschiedlichen missionarischen Initiativen geprägt. Die ersten Träger der katholischen Evangelisierung in Tansania waren die portugiesischen Augustinermissionare, die mit Vasco da Gama im Jahr 1499 in Ostafrika eintrafen. Mit der Eroberung der Ostküste Afrikas durch die Osmanen endete ihre Missionsarbeit – und damit die erste Phase einer Missionierung Ostafrikas – im Jahr 1698. Zur wirklich erfolgreichen Verbreitung des Evangeliums kam es dann im 19. Jahrhundert. Speerspitze der Mission bildeten dabei die Spiritaner, die Afrikamissionare (Weiße Väter) und die Benediktiner.

Die Spiritaner erreichten 1863 als erste Missionare die Insel Sansibar. 1868 setzten sie zum Festland über nach Bagamoyo, wo sie ein Dorf für ehemalige Sklaven gründeten, die aus der Gewalt arabischer Sklavenhändler befreit worden waren. Die Spiritaner evangelisierten erfolgreich den Norden Tansanias sowie das Gebiet bis Mombasa und der späteren Metropole Nairobi. DieWeißen Väter, die im Jahr 1878 in Ostafrika eintrafen, drangen über den wichtigsten Sklavenhandelsweg in das tansanische Hinterland bis nach Unyanyembe vor; eine Gruppe zog weiter zum Tanganjika-See, die andere zum Viktoriasee. Die Weißen Väter hatten großen Anteil an der Evangelisierung des Gebiets, das heute die Großen Seen, den Südwesten von Uganda, Ruanda, Burundi und den Osten der Demokratischen Republik Kongo umfasst. Die Benediktinermönche von St. Ottilien trafen 1887 in Daressalam ein. Sie evangelisierten den südlichen Teil bis zum Fluss Ruvuma und gründeten die Klöster von Ndanda und Peramiho.Weitere Missionare aus Europa – unter ihnen Kapuziner, Consolata-Missionare, Passionisten und Pallottiner – kamen nach dem Ersten Weltkrieg (1914–1917) und setzten mit ihrem Engagement die Evangelisierung in Tansania fort. Während der Jahre des ZweitenWeltkrieges engagierten sich auch Salvatorianer, Rosminianer und die Maryknoll-Missionare im heutigen Tansania. Jeder Missionsorden brachte sein eigenes Charisma ein und prägte die Mission mit spezifischen Evangelisierungsmethoden.

Große Zuwachszahlen

Die Kirche in Tansania erlebt bis heute ein stürmisches Wachstum im Hinblick auf die Zahl der Gläubigen, der Priester und Ordensleute, der Pfarrgemeinden und Diözesen, der Schulen und höheren Bildungseinrichtungen. In seinem Buch The Next Christendom sieht Philip Jenkins die Gründe für das starke Wiederaufleben des Christentums in Tansania in der Einbindung afrikanischer Kulturen in das Christentum – das Inkulturationsprogramm – sowie in der Entstehung der Kleinen Christlichen Gemeinschaften. Tansania ist eines der Länder in Afrika, das als positives Beispiel für die Entwicklung des Christentums genannt werden kann. Die Zahl der Katholiken wächst, und das Land entwickelt eine starke kirchliche Struktur. Einerseits ist dieses rasche Wachstum Zeichen für die Ausstrahlung und Stärke der Kirche. Andererseits fordert es dazu heraus, Evangelisierung auch unter qualitativen Gesichtspunkten zu entwickeln. Aus diesem Grund hat die 17. AMECEA-Generalversammlung gefordert, einen theologisch-kontextuellen Rahmen für die Evangelisierung und in Weiterführung dessen pastorale Pläne auf Landes- und Diözesen-Ebene zu entwickeln.

Papst Franziskus verdeutlichte den tansanischen Bischöfen während seines Ad-Limina-Besuches im Jahr 2014, dass das missionarische Handeln »das Paradigma für alles Wirken der Kirche« sein muss (Evangelii gaudium 15). Aufbauend auf dem Eifer und den Opfern der ersten Evangelisierer muss die Kirche in Tansania ihr missionarisches Wirken fortsetzen, so dass das Evangelium jedes Werk des Apostolats immer mehr durchdringt und sein Licht auf alle Bereiche der tansanischen Gesellschaft wirft. Das Evangelisierungswerk in Tansania realisiert sich jeden Tag in der kirchlichen Pastoralarbeit in den Pfarreien, in der Liturgie, im Sakramentenempfang, im Bildungsapostolat, in den Initiativen der Krankenpflege, in der Katechese und im Leben der einfachen Christen. Es stellt eine große Herausforderung für die Kirche in Tansania dar, ein überzeugendes Zeugnis von der liebevollen Erlösung der Menschheit durch Jesus Christus, die die Gemeinschaft der Gläubigen in der Kirche erfährt und feiert, zu geben.

Ausbildung und Erziehung

Die Kirche in Tansania ist reich an Bildungseinrichtungen – von Kindergärten über Grund-, Mittel- und Sekundarschulen bis hin zu Hochschulen. Eine große Herausforderung besteht für die Kirche in Tansania darin, in ihren Bildungseinrichtungen die katholische Identität und Tradition eines ganzheitlichen Bildungsansatzes zu bewahren. Gleichzeitig steht die Kirche in Tansania vor dem Problem, in ihren anerkannten Institutionen eine hohe Qualität zu halten und elitäre Tendenzen zu überwinden. Sie muss vermeiden, überwiegend hoch qualifizierte Angebote für die Begüterten unter Ausschluss der Armen und Ausgegrenzten anzubieten und muss der Versuchung widerstehen, ihren Bildungseinrichtungen den Stempel des Kommerziellen aufdrücken zu lassen. Bildung, gerade auch kirchliche Bildungsarbeit, muss ganzheitlich, erschwinglich und auch für die Armen und Marginalisierten zugänglich sein.

Exemplarisch steht für das Bildungsengagement der Kirche in Tansania die Entwicklung der Saint Augustine University of Tanzania (SAUT) mit ihren rund 20.000 Studenten. Neben der Wahrung der katholischen Identität und Qualität reagiert die Kirche auf die Erfordernisse der Studenten aus armen und bedürftigen Familien, indem sie Stipendien vergibt. Zur ständig wachsenden Saint Augustine University of Tanzania gehören das Archbishop Mihayo University College of Tabora, das Archbishop James University College, das Jordan University College, das Mwenge University College of Education, das Ruaha University College, das St. Francis University College of Health and Allied Sciences sowie das Stella Maris Mtwara University College. Das 2003 am Bugando Medical Centre in Mwanza gegründete Weill Bugando University College of Health and Allied Sciences (WBUCHS) war ehemals Teil der Saint Augustine University of Tanzania, wurde aber zur Catholic University of Health and Allied Sciences, einer vollwertigen Universität.

Kirche und Gesellschaft in Tansania sind jung. Mehr als die Hälfte aller Menschen in dem ostafrikanischen Land sind unter 15 Jahre alt.
FOTO: NIEDERMEIER/FOCUSWELTEN

Bemühungen um Eigenständigkeit und Nachhaltigkeit

Das Bemühen um Eigenständigkeit und Nachhaltigkeit durchzieht alle Ebenen und Institutionen der Kirche in Tansania. Deutlich wird dies auf Ebene der Diözesen in den pastoralen Strategieplänen und den aus ihnen hervorgehenden Projekten und Programmen. Diese sollen so gestaltet werden, dass die Kirche in Tansania finanziell weitgehend auf eigenen Füßen steht. Damit setzt die Kirche in Tansania ihre bisherigen Ansätze fort. Mit Beginn des Ujamaa-Sozialismus in den 1970ern entwickelte die Kirche auf verschiedenen Ebenen Capacity-Building-Programme und -Projekte, um die finanzielle Unabhängigkeit der Kirche, ihrer Pfarrgemeinden, der katholischen Kindergärten, Grundschulen, Colleges, Sekundar- und Hochschulen zu erreichen. Bis heute ist die Förderung der finanziellen Unabhängigkeit der Kirche eine zentrale Herausforderung in Ostafrika. Die Kirche muss es sich zum Ziel setzen, im Rahmen ihrer Evangelisierung wirtschaftlich stabile Einrichtungen zu etablieren und einen Beitrag zur Beseitigung der Armut und zur Stabilisierung der desolaten Wirtschaft in vielen Teilen des Landes zu leisten. Eine besondere Bedeutung haben dabei langfristig angelegte sozial-ökonomische Nachhaltigkeitsprojekte.

Der Schwerpunkt des diakonischen Wirkens der Kirche muss auf der Sensibilisierung für die Verantwortung und das Engagement für eine ganzheitliche Entfaltung der Menschen liegen. Im Sinne dessen muss der Fokus auf die ganzheitliche Entwicklung gelegt werden, die sich mit der gesamten Person des Menschen – mit Körper und Geist – befasst. Der physische und der spirituelle Aspekt des Menschen lassen sich nicht voneinander trennen.

Die prophetische Stimme der Kirche

Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit des Sendungsauftrags der Kirche in Tansania hängen im hohen Maß davon ab, dass sich die Kirche mit einer prophetischen Stimme zu Wort meldet. Sie ist herausgefordert, sich mutig für die Grundrechte des Menschen einzusetzen und sich für eine soziale Einheit und das Gemeinwohl zu engagieren, damit die Menschen in dem ostafrikanischen Land in Frieden miteinander leben können. Jahrzehntelang galt Tansania als Insel des Friedens. Die gegenwärtige politische Polarisierung und die Anzeichen eines religiösen Fundamentalismus verschieben die Balance derzeit jedoch gefährlich in Richtung Intoleranz, Gewalt und Verfolgung. In Zusammenarbeit mit der Regierung sowie mit Vertretern der Zivilgesellschaft muss die Kirche daran arbeiten, dass die Kräfte im Land gestärkt werden, die sich für Vergebung, Frieden und Dialog einsetzen. Der Einsatz gerade auch im Bereich der kirchlichen Medienarbeit für Gerechtigkeit, Frieden und interreligiösen Dialog wird dabei auch weiterhin eine gewichtige Rolle spielen.

Mit ihrem Bildungsengagement trägt die Kirche in Tansania wesentlich zur Entwicklung
des Landes bei.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Laien, Familien und Kleine Christliche Gemeinschaften

Viel wurde bereits geschrieben über die Notwendigkeit, im heutigen Afrika die Familien, die Jugend und die Kirche an der Basis – in den Familien und in den Kleinen Christlichen Gemeinschaften – zu stärken. Papst Franziskus beschreibt es als »große Herausforderung «, vor der das Gottesvolk in Tansania heute steht, »ein überzeugendes Zeugnis zu geben« von der liebevollen Erlösung der Menschheit durch Jesus Christus. Dabei betont er insbesondere die Bedeutung des Zeugnisses der im kirchlichen Krankenapostolat Tätigen – »nicht zuletzt« durch ihre Betreuung von HIV-infizierten/aidskranken Menschen – und »jene, die präventiv im Bereich der Aufklärungsarbeit im Bereich der sexuellen Verantwortung und der Keuschheit aktiv sind«.

Die unmissverständliche Botschaft an die Kirche in Tansania lautet: Evangelisierung beginnt zu Hause. Von der Zweiten Sonderversammlung der Bischofssynode für Afrika im Jahr 2009 bis zur jüngsten Synode, die der Familie gewidmet ist, war die Familienpastoral eines der Hauptanliegen der Kirche. Die Kirche in Tansania ist aufgerufen, ein noch dynamischeres Familien-Apostolat zu entwickeln, das in einem selbstlosen geistlichen und materiellen Beistand seinen Ausdruck finden (vgl. Africae Munus, 43). Sie ist aufgerufen, auch weiterhin einen Beitrag zum sozialen Wohlergehen der Bürger zu leisten, was zusammen mit dem Bildungs- und Krankenapostolat mit Sicherheit zu mehr Stabilität und größerem Fortschritt im Land beitragen wird.

Wie eingangs erwähnt setzt die Kirche in Tansania die pastorale Option der AMECEA, Kleine Christliche Gemeinschaften zu etablieren, mit großem Engagement um. Es ist ein glücklicher Umstand, dass diese Gemeinschaften im Kontext der tansanischen Kirche sowohl in den Städten als auch auf dem Land einen neuen Weg aufgezeigt haben, den christlichen Glauben zu leben und christliches Zeugnis abzulegen. Die Kleinen Christlichen Gemeinschaften geben Zeugnis von der Liebe Christi und schaffen unter ihren Mitgliedern Bindungen, die von Zugehörigkeit und gegenseitiger Unterstützung geprägt sind. Über das Akzeptieren und Fördern dieser Gemeinschaften als reine pastorale Strukturen hinaus besteht die Notwendigkeit, die Mitglieder so anzuleiten und zu befähigen, dass sie Interaktion ermöglichen und den Glauben mit den Herausforderungen und Chancen des täglichen Lebens verbinden. Kleine Christliche Gemeinschaften bieten innerhalb der Kirche von Tansania eine Möglichkeit, als Katalysatoren einer tiefen, ganzheitlichen Evangelisierung zu wirken – wobei der Kirche als Familie Gottes die Rolle zukommt, Brücken zu schlagen, um die Familien und insbesondere die Jugend zur Evangelisierung zu befähigen.

Die Oblatenschwestern (Sisters Oblates of the Assumption) arbeiten mit den Maasai im Ngorongoro Distrikt in der Gemeinde Loliondo. In Wasso unterhalten sie das in der abgelegenen Region einzige und sehr wichtige Krankenhaus.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH/ARGUS

Werte des Evangeliums leben

Die Kirche in Tansania hat in ihrem Sendungsauftrag auch zu Beginn des dritten Jahrtausends nichts von ihrer Relevanz eingebüßt. Sie muss wachsam bleiben und die missionarische Bereitschaft haben, zu neuen Horizonten aufzubrechen. Das Engagement der Kirche in den Bereichen der Ausbildung, des Laienapostolats, der prophetischen Verkündigung sowie der Zusammenarbeit mit anderen Vertretern der Zivilgesellschaft werden dazu beitragen, dass die Stimme der Kirche in Tansania auch künftig Gehör finden wird. Der Sendungsauftrag der Kirche in Tansania muss auch weiterhin aus dem reichen historischen Erbe schöpfen und die inkulturierten Werte des Evangeliums fördern. Die Mission in Tansania impliziert, dass der Glaube mit Überzeugung gelebt und bezeugt wird. Dabei muss ein Einklang zwischen dem praktischen Leben und dem Glauben der Kirche bestehen. Die Einbeziehung aller Träger der Evangelisierung – von der Familie über die Kleinen Christlichen Gemeinschaften, Pfarreien, Diözesen und nationalen Institutionen – ist dafür eine entscheidende Voraussetzung.

PIUS RUTECHURA

Dr. theol., ist Vize-Kanzler der Catholic University of Eastern Africa (CUEA) sowie ehemaliger Generalsekretär von AMECEA (2005 –2011) und der Tansanischen Bischofskonferenz (2000 –2005).

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