Massenfriedhof Mittelmeer? Flüchtlingsströme fordern Europa heraus corner

Massenfriedhof Mittelmeer?

Flüchtlingsströme fordern Europa heraus

MICHAEL GMELCH

3419 Flüchtlinge haben deutsche Marineschiffe im Frühsommer 2015 aus dem Mittelmeer gerettet. Als Seelsorger hat Militärdekan Michael Gmelch den Einsatz begleitet. Seine Erfahrungen schildert er im Kontext politischer Herausforderungen und päpstlicher Solidarität. Und vor dem Hintergrund, dass die Flüchtlingsproblematik in der Bundesrepublik Deutschland inzwischen einen ganz neuen Stellenwert hat.

Die überfüllten Flüchtlingsboote können häufig nicht gesteuert werden. Am 21. Juni 2014 rettete die Besatzung der Fregatte Schleswig-Holstein bei Seegang mehr als 500 Personen aus einem Holzboot.
FOTO: BUNDESWEHR/WINKLER

Es gibt Erlebnisse, in denen verdichten sich bisherige Erfahrungen des eigenen Lebens. Es ist, als ob »der Groschen fällt«, als ob uns etwas nicht nur existentiell berührt, sondern die gesammelten bisherigen theologischen Überzeugungen und spirituellen Erlebnisse ins Fließen bringt. Möglicherweise war die erste Pastoralreise von Papst Franziskus von solcher Art.

Es heißt, der jetzige Papst habe sich schon immer als Priester der Armen verstanden. Er hatte sie gleichsam vor seiner Haustür, wenn er in eines der Ärmstenviertel von Buenos Aires ging. »Wer Papst Franziskus verstehen will« – so stand es kurz nach seiner Wahl in einer Pressemeldung unter dem Titel »Hirte vom Ende der Welt« – »muss sich in den Slums von Buenos Aires auf die Spuren des leisen und kämpferischen Seelsorgers begeben.« Aus der Befreiungstheologie übernahm er die Auffassung, dass die Kirche eindeutig an der Seite der Armen zu stehen und solidarisch deren Rechte und Teilhabe in Kirche und Gesellschaft einzufordern habe: »Nur wenn die Kirche die Armut als solche zurückweist und arm wird, um gegen sie zu protestieren, wird sie in der Lage sein, das zu predigen, was ihr eigen ist, ›geistige Armut‹ nämlich, das heißt die Offenheit von Mensch und Geschichte gegenüber der von Gott verheißenen Zukunft« (Gustavo Gutiérrez).

Der Papst und die Flüchtlinge

Während man sich trefflich darüber auseinandersetzen kann, wer in Europa als arm gilt, macht der Papst deutlich: Wer wie die Flüchtlinge nichts anderes mehr hat als sein nacktes Leben, der gehört im Ranking der Armen dieser Welt auf die ersten Plätze. Wenige Wochen nach seinem Amtsantritt machte er sich am 8. Juli 2013 auf ans Mittelmeer zu seiner ersten Pastoralreise. Sie sollte für ihn zu einem Paradigma seines Pontifikats werden. Auf der kleinen Insel Lampedusa feiert er – tief erschüttert vom Drama Hunderter von ertrunkenen Migranten – den ersten Gottesdienst außerhalb Roms. Diese Menschen gehen ihm nahe, rühren ihn zu Tränen. »Wir sind eine Gesellschaft, die die Erfahrung des Weinens, des Mit-Leidens vergessen hat«, beklagt er. Es ist, als ob er in ihnen und all den anderen 50 Millionen Flüchtlingen wieder den Armen »vom Ende der Welt« seiner argentinischen Heimat begegnet. »Franziskus kämpft für sie alle, und weißt du warum? Weil das seine Leute sind.« Mit diesem Satz beschließt der Journalist Andrea Englisch sein Buch »Franziskus – Zeichen der Hoffnung«.

Ein politisches Zeichen

Es ist wohl etwas Tiefes undWichtiges für ihn geschehen, an jenem Morgen, als er in einem Fischkutter an der Mole von Favarolo ankommt; etwas von jener gleichsam mystischen Erfahrung, die einen zuinnerst ergreift. Keinen Minister, keinen Kardinal, auch keinen päpstlichen Zeremonienmeister, der während der Messe das Mikrofon hält – niemanden wollte Papst Franziskus bei sich haben. Hatte der Gründer des Ordens der Krankendiener, Kamillus von Lellis, das Krankenbett als seinen Altar bezeichnet, auf dem er Christus begegnet, feiert Papst Franziskus den Gottesdienst auf einem zum Altar zusammengeschreinerten Fischerboot. Als Ambo dienen ein Steuerrad und ein paar Paddel. Diese Utensilien stammen vom Schiffsfriedhof der Insel. In Sichtweite verrotten dort Boote mit arabischen Schriftzügen. Sie stammen aus Tunesien oder Libyen. Sie haben eine gefährliche Reise übers Mittelmeer hinter sich, die viele ihrer Insassen nicht überlebten. »Willkommen bei den Letzten«, steht auf dem Transparent an einer Hauswand. Auf einem anderen: »Der Papst bringt Hoffnung, die Politiker fressen«. In der Predigt bekennt der Papst: »Flüchtlinge, im Meer umgekommen, in den Booten, die, anstatt ein Weg der Hoffnung zu sein, ein Weg des Todes wurden… Als ich vor einigen Wochen die Nachricht bekommen habe,… wurde das Denken daran mir zu einem Stachel im Herzen, der Leiden bringt. Und ich wusste, dass ich hierher kommen muss, um zu beten, um ein Zeichen der Nähe zu setzen, aber auch um unsere Gewissen zu wecken, so dass sich das, was passiert ist, nicht wiederholt. Nie wieder!« Einige Vatikanisten bemühten sich, den Besuch auf Lampedusa als apolitisch darzustellen und die pastorale Seite hervorzuheben. Vor allem ging es ihnen darum, die politisch brisante Einwanderungsfrage in den Hintergrund zu stellen. Innerkirchlich bringen die ultrakonservativen Piusbrüder ihre Kritik so auf den Punkt: »So wahr es ist, dass niemandem in Lebensgefahr die nötige Hilfeleistung verweigert werden darf, kann aber gleichzeitig auch der freimaurerische Plan zur Schaffung einer multikulturellen Gesellschaft nicht unterschätzt werden, besonders nicht, wenn man Papst ist«. Doch (auch) in dieser Frage bleibt der Papst sich selbst und seinem Namenspatron treu, von dem er in seiner Enzyklika »Laudato Si’« schreibt, er sei »das Beispiel schlechthin für die Achtsamkeit gegenüber dem Schwachen.« Er möchte das »Stöhnen der Verlassenen« (Laudato Si’ 53) hören und die »verwahrlosten und misshandelten Armen« (Laudato Si’ 2) wahrnehmen. Seither lässt er kaum eine Gelegenheit verstreichen, um die Flüchtlinge zu einem seiner privilegierten Themen zu machen. Lampedusa ist zu einem Symbol des Pontifikats geworden. Papst Franziskus setzt die Option für die Armen, die hierzulande fast schon ein wenig den nostalgischen Charme einer befreiungstheologischen Bewegung der 1980er Jahre in Lateinamerika trägt, praktisch-theologisch um.

Flüchtlinge warten auf eine ungewisse Zukunft. Die Fregatte Schleswig-Holstein nahm 435 Personen auf, die am 31. Juli 2015 von italienischen Patrouillenbooten gerettet worden waren.
FOTO: BUNDESWEHR/NORMAN WALD

Seelsorger auf deutschen Schiffen

Als Militärpfarrer habe ich das 1. Einsatzkontingent der Bundeswehr auf dem Einsatzgruppenversorger »Berlin« begleitet; wir waren Teil des Einsatzes der Deutschen Marine »Humanitäre Hilfe zur Rettung von in Seenot geratenen Flüchtlingen im Mittelmeer« (HumHiMed). Seit dieser Zeit ist mir dieses Thema auf eine ganz neue Weise nahegekommen. Ich habe als Mitglied des Verpflegungstrupps an Oberdeck gestanden und die Flüchtlinge versorgt, die wir aus überfüllten Booten aus dem Meer gefischt hatten. Es waren im gesamten Zeitraum auf beiden beteiligten Schiffen 3419 Personen. Ich wollte sehen, wer da an Bord kommt, was das für Menschen sind. Ich habe in Hunderte von Gesichtern und Augenpaaren geschaut, für einen kurzen Augen- Blick nur und einen flüchtigen Kontakt. Für ein paar Sekunden halte ich jeden am Handgelenk fest und markiere auf dem roten Plastikbändchen, was er gerade von mir bekommen hat: Decke, Wasser, Handtuch und eine Schale Gemüsereis. Meistens sind es junge Leute: todesmutig – lebensdurstig – zukunftsbegierig. Was hat sie getrieben loszugehen, alles und alle zurückzulassen? Welche Hoffnungen haben sie? Welchen falschen Versprechungen vom Paradies in Europa sind sie auf den Leim gegangen? Wie viele Eltern, Verwandte und Bekannte haben alles an Geld gegeben, damit es der eine oder die andere mal besser haben kann, als so ein beschissenes Leben zu führen in einem dreckigen und gefährlichen Winkel eines zerfallenden afrikanischen Landes? Sie haben nichts weiter dabei als das, was sie am Leib tragen.Manchmal haben sie zwei T-Shirts und zwei Hosen übereinander an, oder einen Anorak mit Mütze mitten im Sommer.Manche besitzen keine Schuhe, sind barfuß unterwegs. Sie setzen alles auf eine Karte. Tod oder Leben! Vielleicht stehen die Chancen gut? Viele ertrinken, aber bei weitem nicht alle! Nachdem wir die Flüchtlinge an Bord genommen haben, schießen unsere Schützen das Schlauchboot mit scharfer Munition in Brand, damit es kein Hindernis für andere Schiffe ist. Spätestens in diesem Moment begreifen die Geretteten, dass es kein Zurück mehr gibt, wenigstens kein freiwilliges. Ruhig sind sie, diese Menschen, gelassen, friedlich, unaufgeregt. Nicht allen sieht man die Strapazen des Fluchtweges an, der irgendwo in einem afrikanischen Land vor Wochen oder Monaten begonnen hat, in einem überfüllten Boot an der libyschen Küste fortgesetzt worden ist und auf einem deutschen Kriegsschiff – nein! – kein Ende findet, sondern nur ein wenige Stunden währendes Aufatmen, bis es weiter ins Ungewisse geht. Die Gesichter der Flüchtlinge sind nicht verbittert, nicht abgehärmt oder ausdruckslos. Manche sind ziemlich wackelig auf den Beinen und machen nur ganz kleine Schritte. Die meisten haben Kleidungsstücke an, die wir irgendwann einmal in eine deutsche Kleidertonne geschmissen haben und die in Afrika wieder aufgetaucht sind. Noch ein bisschen weniger Textil, dann hätten wir’s mit dem nackten Überleben nicht mehr nur im sprichwörtlichen Sinn zu tun

Vom Deck des Tenders Werra blicken Flüchtlinge auf die italienische Küste. Das Schiff der deutschen Marine rettete am 15. Juli 2015 211 Menschen aus Seenot und brachte sie im italienischen Catania an Land. FOTO: BUNDESWEHR/CELINE HOCHHOLZER

Ein bisschen Würde

Einige haben Rosenkränze um den Hals oder große Holzkreuze, andere spärlichen Billigschmuck. Viele Mädchen haben Restspuren von Nagellack an den Fingern. Wenigstens ein bisschen religiöse Würde und menschliche Schönheit muss sein, wenn man ansonsten verlaust und verkrätzt ist und ziemlich verludert ausschaut. Manche fragen, wo Osten sei, und setzen sich mitten im Chaos auf den Boden und verrichten ihre Gebete. Viele ziehen an Bord ihre Schuhe aus, oder schon, wenn sie die Stelling hochkommen: Heiliger Boden? Boden der Rettung? So wie eine Kirche, eine Moschee oder die gute Stube zuhause, die man – selbst in der Armenhütte – nicht mit dem Staub und Morast der dreckigen Straßen in Berührung bringen will? Auch eine ganze Reihe von kleinen Kindern und Babys sind dabei, geschickt eingewickelt im Huckepack-Tuch ihrer Mütter. Sie sind ganz ruhig, schauen mit großen Augen die Welt um sich herum an. Ob sie sich später daran erinnern werden? Werden sie irgendwann einmal diese Flucht als Trauma bezeichnen, von dem sie nicht mehr loskommen? In-Processing heißt das »An-Bord-Nehmen«. Es klingt technisch und kühl. Wer weiß, wie viele dieser Processings diese Leute noch auf sich nehmen müssen, bis sie im »Tanker Europa« entweder drin oder für immer von Bord sein werden? Sie können einem jetzt schon leidtun. Zwei Tage seien sie auf dem Meer unterwegs und hätten 1.000 bis 2.000 Dollar für die Überfahrt bezahlt, erzählen einige. Dafür fliegt unsereiner zwei bis drei Wochen in den Urlaub: Fünf-Sterne-Hotel, all-inclusive, irgendwo an einem Strand des warmen Mittelmeers. Wohin geht die Reise? Nach Deutschland möchten sie, nur nicht nach Italien. Doch genau dorthin kommen sie, um weiterverteilt zu werden wie Stückgut, das man auf Bestellung durch Europa karrt. »Da sind ein paar hübsche Mädels dabei«, sagt mir ein Feldjäger, als sie wieder der Reihe nach »out-processed« werden. »Die werden wahrscheinlich in irgendeinem Puff landen. Was sollen die denn bei uns schon machen, ohne Geld und ohne Ausbildung?« Auch das wird wohl eine realistische Geschäftsidee dieses Menschenhandels sein, um das geliehene Geld für die Flucht wieder zurückzubezahlen. Wo werden sie letztendlich landen? Welches Land wird sie dulden, notgedrungen per Quotenregelung aufnehmen müssen, aber nicht so richtig gerne? Aufnahmequoten werden in der EU verhandelt wie beim Feilschen auf einem orientalischen Bazar: je billiger und je weniger, desto besser. Für manche Länder ist jeder abgewimmelte und einem andern Land aufgedrückte Flüchtling ein Gewinn. Als wir die Flüchtlinge wieder abgeben, beugen sich manche – bevor sie von Bord gehen – herunter und berühren mit der Hand den Boden des Schiffes. Andere bekreuzigen sich und steigen erst dann die Trittstufen hinunter. Religion und Glaube spielen für diese Menschen offensichtlich eine Rolle. Für die meisten unserer Besatzungsmitglieder sind das inzwischen schon Fremdwörter geworden.

Herausforderung für Europa

Populisten regen sich auf: »Unser Boot ist voll, sagen sie. Return to sender« – das wäre ihnen am liebsten. So Marine Le Pen vom Front National in Frankreich: Patrouillieren, Schiffe stoppen, zurückschicken – fertig. »Das macht man zwanzig Mal, und beim 21. Mal werden sich die Flüchtlinge überlegen, ob sie das Geld für den Schleuser nicht lieber woanders ausgeben. Aber je mehr wir uns in Europa überlegen, wie wir die Flüchtlingsströme kanalisieren, desto mehr werden bei den Schleusern die Champagnerkorken knallen.« Ähnlich äußert sich der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán. Er möchte, »dass keiner mehr kommt, und dass die, die schon da sind, wieder nach Hause gehen.« Solche Redensarten klingen in den Ohren von so manchen chauvinistischen Menschenverächtern durchaus gut, selbst wenn sie es nicht so offen sagen wie manch einer, der kolportiert: »Wir können ja schließlich nicht ganz Afrika bei uns aufnehmen!«

Nach Angaben des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen sind derzeit so viele Menschen weltweit auf der Flucht wie seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr: 51 Millionen, von denen rund 17 Millionen gezwungen waren, außerhalb ihres Heimatlandes Zuflucht zu suchen. Dass sich diese dramatische Steigerung auch auf Deutschland und Europa auswirkt, ist nicht überraschend. Überraschend ist jedoch, in welch geringem Maße Menschen überhaupt nach Europa kommen. Die weitaus meisten Menschen werden von Ländern aufgenommen, die sehr viel ärmer sind als die europäischen: Weniger als ein Prozent der Flüchtlinge kam 2014 nach Europa. Im Jahr 2014 zählte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 173.000 Erstanträge auf Asyl. Während der Libanon mehr als einer Million syrischer Flüchtlinge Zuflucht geboten hat, sind seit 2011 nur etwa 79.000 Syrer in Deutschland aufgenommen worden. Die interkontinentale Flucht bleibt im internationalen Maßstab immer noch die Ausnahme. Wie auch immer die zum Teil unterschiedlichen Statistiken lauten – sie ändern sich sowieso täglich. Man muss sich vergegenwärtigen: Es handelt sich um eine gigantische Zahl von Migranten im historischen Ausmaß einer Völkerwanderung. »Es kommen ganze Bevölkerungen, und wenn ganze Bevölkerungen sich in Bewegung setzen, heißt das immer, dass eine neue Seite der Geschichte zu schreiben ist«, so Kardinal Francesco Montenegro nach seiner Rede im Europarat im März 2015. Erst im Februar dieses Jahres hatte der Papst Montenegro zum Kardinal ernannt. Sein Bistum umfasst auch die Insel Lampedusa, und er war der Gastgeber des Papstes vor Ort!

Besatzungsmitglieder betreuen eine Frau mit ihrem Baby. Die Fregatte Hessen nahm am 14. Mai 2015 Flüchtlinge auf, die in einem Boot nördlich von Tripolis gesichtet worden waren.
FOTO: BUNDESWEHR/JONACK

Handeln auf vielen Ebenen

Wenn ein übervolles Flüchtlingsboot kentert, ertrinken mit einem Schlag so viele Menschen wie etwa beim Absturz eines Airbusses. 170.000 Menschen seien 2014 über das Mittelmeer nach Italien geflohen – das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Saarbrücken. 130.000 davon hat allein das inzwischen beendete italienische Seenotrettungsprogramm Mare Nostrum gerettet. Bis zu 25.000 seien seit Ende der 1980er Jahre ertrunken, davon viele Kinder und Jugendliche. Die italienische Sprecherin des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge, Carlotta Sami, spricht vom »schlimmsten Massensterben im Mittelmeer «, das auch als »tödlichste Flüchtlingsroute der Welt« bezeichnet wird. Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi ruft dazu auf, das »Massaker im Mittelmeer« zu beenden. Der Papst vergleicht das Mittelmeer in seiner Rede vor dem Europaparlament mit einem »großen Friedhof«. Zusammenfassend kann man sagen: Offensichtlich ist nur der Gebrauch von Superlativen in der Lage, jene Odysseen, Dramen und Tragödien angemessen zu beschreiben, die sich vor unseren Grenzen in Europa abspielen. Deshalb ist UN-Flüchtlingskommissar António Guterres zuzustimmen, der am 12. März 2015 sagte: »Die schlimmste humanitäre Krise unserer Zeit sollte einen globalen Aufschrei zur Unterstützung hervorrufen, stattdessen schwindet die Hilfe.«

Angesichts dieser Lage ist die Europäische Union aufgefordert, ihre Asylpolitik zu ändern. Notwendige Schritte scheitern am Egoismus der nationalstaatlichen Regierungen, die sich mit Blick auf populistische Gruppen davor scheuen, vernünftige Verpflichtungen einzugehen, die vielleicht auch dazu führen könnten, dass wirklich ein paar Leute mehr kommen. Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi sprach nach dem Scheitern seines Vorschlags, die Flüchtlinge gerechter in Europa zu verteilen, davon, dass Europa seine Werte verraten hätte. Der EU-Rat steht – wenn er auf eine gesamteuropäische Lösung drängen will – nicht nur vor einem Zahlenroulette! Vielmehr muss sich das nach den Erfahrungen von zweiWeltkriegen erworbene Wertesystem von Menschenwürde, Humanität, Freiheit und Gerechtigkeit angesichts der Flüchtlingskatastrophe neu unter Beweis stellen. »Das Fehlen gegenseitiger Unterstützung innerhalb der Europäischen Union läuft Gefahr, partikularistische Lösungen des Problems anzuregen, welche die Menschenwürde der Einwanderer nicht berücksichtigen und Sklavenarbeit sowie ständige soziale Spannungen begünstigen« – so der Papst in seiner Rede vor dem Europaparlament in Straßburg am 25. November 2014. Auf dieser Ebene argumentiert auch das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, das in seiner Vollversammlung am 9. Mai 2015 folgende Erklärung abgegeben hat: »Ein umfassendes europäisches Konzept für den Umgang mit der gegenwärtigen Flüchtlingssituation muss wirksame Rettungsprogramme, ein entschiedenes Vorgehen gegen Menschenhandel und verbrecherische Schleuser, die Verbesserung der Lebensperspektiven in den Herkunftsländern und auch die gerechte Verteilung zwischen den europäischen Staaten umfassen. Zu einer ernsthaften Bekämpfung von Fluchtursachen gehören auch die Stärkung der Prinzipien einer guten Regierungsführung in den Heimatländern und die kritische Auseinandersetzung mit unserer eigenen Handelspolitik, den deutschen Waffenexporten und den klimatischen Auswirkungen unserer Wirtschafts- und Lebensweise.« Eine wahrhafte Herkulesaufgabe für die nächsten Jahrzehnte, die Sofortmaßnahmen und mittelfristige Strategien erfordert!

Deutsche Soldaten versorgen Flüchtlinge mit Essen und Kleidung. Am 23. Juni 2015 rettete die Besatzung des Tenders Werra 627 Menschen aus einem Holzboot 55 Kilometer nordwestlich von Tripolis. FOTO: BUNDESWEHR/KLEEMANN

Antworten der Kirche in Deutschland

Die hoch emotionalen und betroffen machenden Warnungen des Papstes auf Lampedusa, wo er von einer »Globalisierung der Gleichgültigkeit« und einer »Betäubung des Herzens « spricht, durch die sich die Christen fernhalten von den »Wunden des Leibes Christi«, haben in Deutschland ein Echo gefunden. Denn unbestreitbar ist: An Leib, Seele und Leben bedrohte Menschen, die unter den Folgen von Staatszerfall, Krieg, Gewalt oder Menschenrechtsverletzungen leiden, werden auch weiterhin das Weite suchen und ungeachtet aller europäischen Vorschriften ihre eigenenWege gehen, Richtung Frankreich, nach Skandinavien, Deutschland oder England. Sie sind auf der Suche nach einem besseren Leben, in der Hoffnung auf die auch vom Papst dringend beschworene Solidarität. Solidarität macht in der Welt der Reichen Angst. Manche möchten diesesWort gar nicht mehr aussprechen, als wäre es ein Schimpfwort. Ausländerfeindliche, rassistische und populistische Dummsprüche machen die Runde. Aber es gibt viele überaus positive Initiativen in den Kommunen, Verbänden und kirchlichen Gemeinden. Die Menschen lassen sich davon alarmieren, dass die Gesamtzahl der Flüchtlinge, Binnenvertriebenen und Asylsuchenden in zehn Jahren um etwa 20 Millionen gestiegen ist und damit den höchsten Stand seit Beginn der Erhebung aussagefähiger Daten erreicht hat. »Flucht und Asyl – dieses Thema bewegt die Gemüter in Kirche und Gesellschaft derzeit wie kaum ein anderes. In Deutschland wird für das laufende Jahr mit bis zu 450.000 Asylanträgen gerechnet. Angesichts der zunehmenden Zahl von Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, hat die Kirche ihr Engagement imBereich der Flüchtlingshilfe spürbar intensiviert«, heißt es in einer Pressemitteilung der katholischen Bischöfe. Die Internetseite der Deutschen Bischofskonferenz fasst in einem Dossier »Flüchtlingshilfe« die Aktivitäten der 26 deutschen (Erz-)Bistümer, der katholischen Hilfswerke und Orden zusammen. Allein im Jahr 2014 haben die Bistümer und kirchlichen Hilfswerke mehr als 73 Millionen Euro für die Flüchtlingshilfe in Deutschland und in den Krisenregionen bereitgestellt. Im laufenden Jahr dürfte diese Summe noch einmal deutlich übertroffen werden. In der öffentlichen Debatte versteht sich die Kirche als Anwältin der Flüchtlinge und Schutzbedürftigen. Die kirchlichen Verantwortungsträger setzen klare Zeichen für die Solidarität mit Flüchtlingen sowie gegen fremdenfeindliche Tendenzen und weisen beharrlich auf Missstände in der gegenwärtigen Asyl- und Flüchtlingspolitik hin. »Nicht der Hauch eines Zweifels ist erlaubt: Wo Flüchtlinge bedroht sind, steht die Kirche an ihrer Seite!«, so Kardinal Reinhard Marx in einer Presserklärung vom 17. Juli 2015 zum Anschlag auf ein Flüchtlingsheim. »Wer gegen Flüchtlinge, Fremde, Migranten und Menschen anderer Hautfarbe hetzt, der hat die Kirche gegen sich«, sagt Bischof Norbert Trelle, Vorsitzender der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz. Die Initiativen der Bistümer, Caritasverbände, Kirchengemeinden, Ordensgemeinschaften und kirchlichen Gruppen leisten neben materieller auch seelsorgliche Unterstützung. Es werden Rechts- und Verfahrensberatung sowie Maßnahmen zur Sprach- und Integrationsförderung angeboten. Es gibt Berufsberatungs- und Bildungsangebote sowie besondere Hilfeleistungen für minderjährige Flüchtlinge. Unterkünfte werden bereitgestellt, und es wird auch für psychologi sche und ärztliche Betreuung gesorgt. Sonderfonds der Diözesen stellen dabei sicher, dass rasch und unkompliziert geholfen werden kann. Ein vielfältiges ehrenamtliches Engagement zeugt von einer weitverbreiteten Willkommenskultur, zum Beispiel in einem gleichnamigen Projekt des Bistums Limburg. Auf populistische Blogger gibt die Social Media Kampagne im Bistum Essen eine deutliche Antwort: »Wir haben die Schnauze voll von ›besorgten Bürgern‹, die hier bei Facebook rechtes und fremdenfeindliches Gedankengut verbreiten. Lass uns gemeinsam ein Zeichen setzen und deutlich machen: Bei uns sind Flüchtlinge willkommen! Mach mit und poste ein Foto von dir mit einem ›W‹!« Dass man »Flüchtlingshilfe « nicht einfach so kann, sondern professionelles Wissen und interkulturelle Fähigkeiten braucht, haben die Caritas und das Bistum Essen erkannt; sie bieten ein vierteiliges Schulungsprogramm mit dem Titel »Fit für Flüchtlinge« an. Gleichzeitig beschränkt sich der Einsatz der Kirche für Flüchtlinge nicht auf Deutschland. Zahlreiche Projekte der Hilfswerke in den Krisenregionen verstehen sich – soweit dies angesichts von Krieg und Gewalt möglich ist – auch als Beitrag zur Bekämpfung von Fluchtursachen.

Teil der christlichen Kultur

Ohne hier die vielen Flüchtlingsgeschichten der Bibel zu bemühen, sollten wir uns zumindest bewusst machen, dass Jesus selbst ein Flüchtlingskind mit Migrationserfahrung war. Um dem Gemetzel in Bethlehem zu entgehen, fliehen Josef und Maria nach Ägypten und erhalten dort »Asyl«. Sie kommen erst wieder zurück, als sich die politische Lage verändert hat. Koptische Christen zeigen noch heute eine Karte mit der Fluchtroute, die Josef, Maria und das Jesuskind genommen haben sollen. Für die ägyptischen Christen ist ihre Heimat heiliges Land, weil die heilige Familie dort Zuflucht gefunden hat. Sicherlich haben die Eltern Jesu ihrem Sohn später davon erzählt, wie sie alles stehen und liegen lassen mussten, um im sicheren Ausland sein Leben vor den blutrünstigen Schergen des Königs Herodes zu retten, die kleine Jungen unter zwei Jahren abschlachteten. So bekommt das Wort Jesu »Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen« (Mt 25,35) auch eine biografische Konnotation. Papst Franziskus stellte in Lampedusa diesen Bezug her: »Herodes hat den Tod gesät um sein eigenes Wohl zu verteidigen, seine eigene Seifenblase. Und es wiederholt sich«. Um sich aus einer »Seifenblasenexistenz « ohne einen Schimmer von Sozialempathie zu lösen und zu einer barmherzigen wie aktionsfähigen solidarischen Mitmenschlichkeit zu bekehren, ist auch die Hilfe Gottes notwendig, die der Papst so ins Wort bringt: »Bitten wir den Herrn, dass er das auslösche, was von Herodes auch in unserem Herzen geblieben ist. Bitten wir den Herrn um die Gnade, wieder weinen zu können über unsere Gleichgültigkeit und über die Grausamkeit, die in der Welt herrscht und in uns und auch in jenen, die in der Anonymität sozio-ökonomische Entscheidungen treffen, die Tragödien wie dieser hier den Weg bereiten.«

DR. DR. MICHAEL GMELCH
Pastoraltheologe und -psychologe, Militärdekan in Flensburg

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