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Ohne Wirklichkeit geht es nicht

Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt

NORBERT STROTMANN

Die Bedingungen des christlichen Zeugnisses haben sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Wenn die Kirche den christlichen Glauben in einer multireligiösen Welt zur Sprache bringen will, kommt sie an dieser Wirklichkeit nicht vorbei. Sie kann und sollte von dieser Wirklichkeit sogar etwas lernen.

Zu Fuß ist Bischof Norbert Strotmann in seinem Bistum, hier im Stadtzentrum von Chosica, unterwegs. So lernt er die Wirklichkeit kennen, die ihm unverzichtbare Impulse für sein pastorales Denken und Handeln gibt.
FOTO: STEFFEN/ADVENIAT

Unter dem Titel »Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt« haben der Ökumenische Rat der Kirchen, der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog und die Weltweite Evangelische Allianz nach fünfjähriger Arbeit 2011 einen Verhaltenskodex für die Missionsarbeit der Kirchen veröffentlicht (vgl. Forum Weltkirche 1/2015). Man kann diese ökumenischen Handlungsempfehlungen so zusammenfassen: Die ›Form‹ des christlichen Zeugnisses muss geprägt sein von seinem ›Inhalt‹. Die Art des Miteinanders darf nie gegen den grundlegenden Inhalt des Glaubens verstoßen. Das betrifft den gegenseitigen Umgang der christlichen Kirchen und Denominationen in ihren missionarischen Aktionen, aber auch die Missionstätigkeiten im Kontext nichtchristlicher Religionen. Dem Papier liegt das übliche, klassische Religionsverständnis zugrunde. Den folgenden Überlegungen legen wir ein breiteres Religionsverständnis zugrunde. Wenn wir unter ›Kultur‹ die gesellschaftlich geformten menschlichen Möglichkeiten des Erfassens und Gestaltens von Wirklichkeit verstehen, so ist Religion der ›innere Kern‹, die Kernkompetenz einer Kultur, also »solches, was sich zunächst und zumeist gerade nicht zeigt,… was wesenhaft zu dem, was sich zunächst und zumeist zeigt, gehört, so zwar, dass es seinen Sinn und Grund ausmacht« (Martin Heidegger). Erst eine so erweiterte Sicht erlaubt es, die multireligiöse Welt der Gegenwart in Augenschein zu nehmen, unabhängig von klassischen Religionen, Theologien, Kirchen und Denominationen.

Wirklichkeit wahrnehmen

Das Motiv für unseren versuchten Tiefenschnitt liegt nicht nur in der gegenwärtigen Diskussion und ihren wenig befriedigenden Resultaten, sondern auch in persönlichen Erfahrungen: 2007 durften wir am lateinamerikanischen Bischofstreffen in Aparecida, 2008 an der römischen Bischofssynode teilnehmen. Zweifellos haben beide Treffen Wertvolles zu ihrer jeweiligen Thematik gesagt, aber in beiden Fällen wurde die außerkirchliche Wirklichkeit nicht sachentsprechend aufgearbeitet, sondern floss eher als Zufallsinformation ein. Schaut man auf die Vorbereitung der Familiensynode, so wurde dabei die binnenkirchlich-zirkuläre Perspektive zwar erweitert, aber nicht überwunden. Die Verfeinerung innerkirchlicher Selbstregulierungsmechanismen mag sinnvoll und notwendig sein, hinreichend ist sie nicht. Was nottut, ist der Blick auf die Wirklichkeit, auf die neuen Bedingungen kirchlicher Tätigkeit, auf das geänderte Umfeld für das christliche Zeugnis.

Im Folgenden möchten wir die derzeitige Wirklichkeit des christlichen Zeugnisses beleuchten, indem wir erstens die weltweite Trendsituation der katholischen Kirche und dazu zweitens die Differenzen der ›Neuen Religiösen Bewegungen‹ beobachten. Drittens schauen wir mit einer feineren Abstimmung auf das, was sich in den letzten Jahrzehnten für das christliche Zeugnis verändert hat.

Ein wenig verzweifelt an der Form und der geringen Wirklichkeitsfähigkeit der erwähnten Bischofstreffen machten wir uns vor einigen Jahren an die Arbeit, mit Hilfe des offiziellen kirchlichen Statistik-Handbuchs die globalen Trends in der katholischen Kirche von 1974 bis 2004 aufzuzeigen – mit folgendem Ergebnis:

  • Im beobachteten Zeitraum ist das weltweite Kirchenmitgliedswachstum um 14 Prozent hinter dem Weltbevölkerungswachstum zurückgeblieben, was vor allem durch Europa und Lateinamerika induziert wurde, also durch die Kontinente, die zwei Drittel des Weltkatholizismus ausmachen.
  • Die Kontinente mit der größten kirchlichen Wachstumsdynamik sind Afrika (221 Prozent Katholiken-Zuwachs) und Asien (111 Prozent); beide Kontinente machen zusammen 24 Prozent der Katholiken auf Weltebene aus.
  • Lateinamerika (43 Prozent des Weltkatholizismus) nimmt auf der Wachstumsskala mit 67 Prozent eine Mittelposition ein, bleibt aber – aufgrund seiner Verluste an evangelikale Gruppen – um 10 Prozent hinter seinem eigenen Bevölkerungswachstum zurück.
  • Die Regionen mit dem geringsten Katholiken- Wachstum sind Europa (5,8 Prozent) und die USA (43 Prozent), beide – auf sehr verschiedene Weise – christliche Kernregionen.

Der Blick auf die hauptamtlichen kirchlichen Glaubenszeugen (Priester und Ordensfrauen) ergibt Folgendes. Mit Ausnahme Asiens verschlechtert sich auf allen Kontinenten das Verhältnis »Priester pro Katholiken«: in Amerika, Europa und Ozeanien mit Australien aufgrund rückläufiger Priesterzahlen, in Afrika und Lateinamerika aufgrund größerer Zuwachsraten bei den Katholiken insgesamt. Der Sektor Ordensfrauen ging in besagtem Zeitraum weltweit um 21,9 Prozent zurück, bei einer Zunahme an Katholiken von 55,8 Prozent.

Was bedeuten diese Zahlen für das ›christliche Zeugnis in unserer Welt‹? Die Zeugnissituation der katholischen Kirche ist außerordentlich delikat, und man versteht Papst Franziskus, wenn er mit seinem apostolischen Schreiben Evangelii gaudium (zumindest auch) einer generellen innerkirchlichen Mutlosigkeit entgegentritt.

Eine Stadtrandsiedlung in Lurigancho. In den Stadtrandgebieten ist das gesellschaftliche Leben schwerer zu durchschauen. Das Leben des Einzelnen hängt mehr von sozialen Einrichtungen und technischen Entwicklungen ab.
FOTO: ACHIM POHL/ADVENIAT

›Neue Religiöse Bewegungen‹

Aus der Sicht auf die Trendsituation der katholischen Kirche kann man den Eindruck gewinnen, dass es um das christliche Zeugnis insgesamt in unserer gegenwärtigen Welt schlecht bestellt ist. Dem widerspricht die Erfolgsstory der Neuen Religiösen Bewegungen während der letzten Jahrzehnte.

Unter den Neuen Religiösen Bewegungen fassen wir die Pfingst-, die charismatischen und die evangelikalen Bewegungen und ihre Neuerungen zusammen. Unter dem Vorbehalt ihrer Vielfalt lässt sich ihr gemeinsamer Kern folgendermaßen skizzieren. Es geht den Neuen Religiösen Bewegungen um (1) einen entschiedenen christlichen Glauben, der (2) durch die persönliche Umkehr zu Christus (Erweckung) und (3) durch die Bindung dieses Glaubens an die Hl. Schrift als Lebensnorm verankert ist. Dieser Glaube (4) ›rettet‹ und ›heilt‹. (5) Ihn an die Nicht-Bekehrten weiterzugeben, ist Grundauftrag eines jeden Mitglieds der Neuen Religiösen Bewegungen. Mit dieser evangelikalen Radikalität verbinden Pfingstkirchler und Charismatiker dann noch (6) eine besondere Insistenz in das gegenwärtige Wirken des Hl. Geistes, wie es in der Schrift von der jungen Christengemeinde berichtet wird. Als Bewegungen grenzen sie sich normalerweise von den Kirchen und Denominationen ab. Das katholisch-theologische Grundproblem des Glaubens in den Neuen Religiösen Bewegungen ist in allen erwähnten Punkten seine kirchen-freie Unvermitteltheit.

Die Mitglieder dieser Bewegungen verstehen sich in ihrer ›sozialen Verbundenheit‹ von der miteinander geteilten Entschiedenheit eines christozentrischen Glaubens, der von der Schrift lebt. Dieses Bindemittel ist bei den Bewegungen so stark, dass sie weitgehend auf institutionelle Minimalisierung und Informalität setzen. Ihre religiöse Bindung ist dabei in der Regel gleichzeitig ›trans-denominational‹, das heißt, die meisten Mitglieder der Neuen Religiösen Bewegungen gehören gleichzeitig einer Kirche oder Denomination an.

Das Pew Research Center in Washington gibt für Dezember 2011 folgende Daten für Pfingstler und Charismatiker an, die zugleich die Evangelikalen einschließen: 584 Millionen Mitglieder und damit einen Anteil von 8,5 Prozent an der Weltbevölkerung beziehungsweise von 26,7 Prozent an der weltweiten christlichen Bevölkerung. Von einem überzeugten Glauben geprägte Laienchristen mit weitgehend trans-denominationaler Kirchenbindung und minimalen eigenen kirchlichen Strukturvorgaben erreichen innerhalb von fünfzig Jahren eine weltweite Nachfolgerschaft, die der Hälfte – wenigstens aber einem Drittel – der katholischen Kirchenmitgliedschaft mit zweitausendjähriger Vergangenheit gleichkommt!

Unterschiede der Missionsmodelle

Die Versuchung ist groß, einfach anzunehmen, dass die Lösung der katholischen Zeugnisprobleme der Gegenwart in der schlichten Übernahme der Missionsmodelle der Neuen Religiösen Bewegungen liegt. Das wäre ›leichtgläubig‹; man würde ein außerordentlich erfolgreiches Partial-Modell des christlichen Zeugnisses auf ein wesentlich komplexeres Universal-Modell übertragen.

  • Das Modell der Neuen Religiösen Bewegungen ist zunächst nicht fokussiert auf Glaubensweitergabe an Glaubenslose (im Sinne der klassischen Mission), sondern zumeist, wenn auch nicht ausschließlich, auf die Neubelebung des Glaubens von getauften Christen, also Menschen, die bereits einer Kirche oder deren Äquivalent vor allem ›nominal‹, jedenfalls aber ›nicht-engagiert‹ angehören.
  • Die konkrete Glaubensbelebung geht in jedem Kontinent und sicherlich auch länderspezifisch unterschiedlich vor. Waren und sind es in Lateinamerika die katholischen Christen, die ›bekehrt‹ wurden und werden, sind es in Afrika vor allem anglikanische und reformierte Christen; den Katholiken wird dort eine höhere Resistenz gegenüber den Neuen Religiösen Bewegungen nachgesagt. In Asien ist die Situation wiederum eine andere: Im einzigen katholischen Land, den Philippinen, sind und bleiben die meisten Anhänger Neuer Religiöser Bewegungen katholisch und bilden zugleich eine große Mehrheit gegenüber nichtkatholischen Anhängern.
  • Entsprechend variiert die Strategie. In Lateinamerika sind es die ›langzeit-priesterlosen‹, also relativ verkündigungs- und kultfreie oder -ferne Gesellschaftssektoren oder Regionen, die den Erweckungskern der Neuen Religiösen Bewegungen bilden. In Afrika hat das Christentum eine hohe Konfessions-Variabilität, die auf die wechselhafte Kolonialgeschichte zurückgeht; entsprechend vervielfältigen sich die kirchlichen ›Erweckungs-Objekte‹ für die Neuen Religiösen Bewegungen. Dagegen hat die katholische Kirche auf den Philippinen ihre Kernkompetenz zur eigenen Selbsterneuerung übernommen.
  • Entscheidend ist die folgende Beobachtung. Der Erfolg der Neuen Religiösen Bewegungen ist zweifelsfrei überwältigend, aber begrenzt. Er äußert sich erstens im gesellschaftlichen Übergang von der Landkultur zur modernen Gesellschaft und zweitens vor allem in den Großstadtrandbezirken.
  • Je fortgeschrittener eine Gesellschaft ist, desto geringer ist der Erfolg der Neuen Religiösen Bewegungen. Ihre Strategien zeigen kaum Wirkung in jenen Kontinenten mit dem höchsten Entwicklungsstand, also genau jenen Gesellschaften, in denen die Situation der katholischen Kirche besonders prekär ist.
  • Über die Entwicklung der Neuen Religiösen Bewegungen und ihrer Mitglieder nach dem Sprung von der Übergangs- zur entwickelten Gesellschaft können wir so gut wie nichts sagen. Angesichts einer nur marginalen Effizienz in hochentwickelten Gesellschaften tendiert die Prognose zu einer eher negativen Sicht.

Eine Quechua-Bäuerin mit ihrem Pferd in Combayo. Auf dem Land lebt der Mensch ›in‹ und ›von‹ der Natur. Sein Lebensraum ist begrenzt und überschaubar. FOTO: ACHIM POHL/ADVENIAT

Lernpotential

Das derzeit erfolgreiche christliche Zeugnis der Neuen Religiösen Bewegungen ist nicht einfach die Lösung für die schwerwiegenden Zeugnisprobleme der katholischen Kirche in den entwickelten Gesellschaften. Dennoch kann die katholische Kirche etwas von den Neuen Religiösen Bewegungen lernen:

1. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gab es in der Kirche zahlreiche theologische Bemühungen um den Glauben in der Welt der Entwicklungsländer. Aber der Kern der sozialen Veränderung, der Sprung von der Agrar- zur Stadtkultur mit seinen kulturellen und religiösen Umwälzungen, wurde nie zum Kern der pastoralen StrategieÜberlegungen. Die Neuen Religiösen Bewegungen waren sensibel für die neuen Erfordernisse angesichts des gesellschaftlichen Wandels.

2. Die katholische Kirche sollte in Erwägung ziehen, die Strategie der Kirche in den Philippinen so rasch wie möglich ›angepasst‹ in Lateinamerika und Afrika anzuwenden.

3. Die Erneuerung des Glaubens durch Laien sollte für die Kirche in der entwickelten Welt angesichts ihrer dortigen Institutionen-Misere neu durchdacht werden, denn in ihrer derzeitigen Pastoralpraxis ist hier die intergenerationale Glaubensweitergabe extrem gefährdet.

4. Die ›organisationale‹ Flexibilität und ›institutionelle‹ Abstinenz der Neuen Religiösen Bewegungen sollten in der Universalkirche zu einer gewichtigen Besinnung über die Adäquatheit der Kircheninstitution in der Gegenwart führen. Dabei kann es nicht darum gehen, ihre Institutionen ›de jure divino‹ abzuschaffen, sondern sie – so weitgehend wie möglich – flexibler zu gestalten und zu verschlanken

Eine Aymara-Familie am Markttag in Arapa am Titicacasee. In agrarisch geprägten Gesellschaften ist die Familie eine Lebensgemeinschaft, sie vermittelt Sinn und Lebensorientierung. FOTO: ACHIM POHL/ADVENIAT

Sprung in eine andere Kultur

Weshalb läuft das christliche Zeugnis in den hochentwickelten Gesellschaften so schlecht? In dieser Frage fassen wir den Problemüberhang unserer Wirklichkeitsprüfungen zusammen. Wir nähern uns dem Problem über die eigene Erfahrung: In den 1970er Jahren durften wir für einige Jahre im südlichen Andenhochland Perus, einem armen Gebiet mit noch nahezu reiner Subsistenzlandwirtschaft, als Missionar arbeiten; seit 1996 als Bischof einer neuen Diözese am östlichen Rand der peruanischen Landeshauptstadt Lima. Diese Kontrast-Erfahrung haben wir in den letzten Jahren verschiedentlich im Kontext eines Projekts zur Mega-City-Pastoral durchdacht unter der Perspektive: Was sind für den Menschen wichtige Orientierungsdifferenzen, die den Unterschied zwischen der Agrarsubsistenz und dem Stadtrandleben ausmachen? Wir kommen durch diese Gegenüberstellung der Antwort auf zwei Fragen näher: Weshalb sind die Neuen Religiösen Bewegungen so hilfreich für die Agrarmigranten am Stadtrand? Weshalb läuft der Glaube so schlecht in den fortgeschrittenen Gesellschaften der Gegenwart?

In den Ländern des Übergangs von der Land- zur modernen Stadtkultur verzeichnen die Neuen Religiösen Bewegungen Erfolge. In diesen Ländern ist der Übergang ein Sprung von einer Kultur in eine andere. Diese Sprung-Erfahrung der ›Entwicklungsmigranten‹ ist sehr verschieden von der europäischen Erfahrung, bei der die Menschen nahezu unbemerkt in den letzten fünfzig Jahren einen Wirklichkeitsumbau mitgemacht haben.

Der Migrant in der Entwicklungsregion springt ungeschützt in eine neue Welt, in der die alten Lebensregeln des überschaubaren Eingebettet-Seins in die Natur und in die enge Sozialgemeinschaft nur noch begrenzt greifen. Die neuen Regeln beherrscht er noch nicht. Da kommen ›pass-genau‹ die Neuen Religiösen Bewegungen mit ihrem Angebot: Erstens ersetzen sie die Einsamkeit des Migranten, die er mit dem Wegfall der Herkunftsgemeinschaft (Familie und Dorf) durchleidet, durch eine intensive Glaubensgemeinschaft, die auf Vis-à-vis-Beziehung angelegt ist. Zweitens lernt er mit der Neufassung seines Glaubens den entscheidenden Umgang mit seiner eigenen Subjektivität. Diese hatte in der Agrarsituation nur begrenzten Spielraum; am Stadtrand muss er ständig auf neue Menschen, neue Sozialeinrichtungen und neue Situationen reagieren. Da kommt eine subjektzentrierte und in der kirchlichen Institutionalität reduzierte Glaubensform im reformatorischen Erbe (Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?) gerade gelegen, um Selbstreferentialität zu trainieren. Schlussendlich repräsentieren die Glaubenszeugen in den Neuen Religiösen Bewegungen die moderne Welt. Diese hat ›magische‹ Anziehungskraft, wie die weltweiten Migrations- und Verstädterungsstatistiken zeigen.

Die grundlegenden Sorgen der Gegenwart und die Sinnanfragen zur Zukunft des Menschen sind in der globalisierten Welt sozialer Natur. Im Gegensatz zum Bauern im kargen Andenhochland, der um den Regen bangt, um das angemessene Wetter, damit seine Saat wächst, um problemlosen Zuwachs beim Vieh, hat der Stadtrand-Mensch – und wir mit ihm – andere Sorgen, andere Unwägbarkeiten. Diese sind sozialer Natur: In seinem Leben hängt er von dieser Gesellschaft ab, von ihrem Wohl und Wehe. Und als Einzelner kann er diese Situation nur in geringem Maße beeinflussen.

Nach unserer Betrachtung der gegenwärtigen Wirklichkeit des christlichen Zeugnisses können wir feststellen: Die Kirche hat die Verbindungsfähigkeit ihres Glaubens zu den Sinn- und Grundfragen des postmodernen Menschen in seiner alltäglichen Wirklichkeit und Problematik in nicht geringem Maße eingebüßt. Sie hat wenig Zugang zu Sinn- und Grundfragen seines sozialen Lebens, also zu Religion in unserem Sinn, und kann daher den christlichen Glauben für die Gegenwart nicht zum Schwingen bringen. In der Regel ist er kein Impulsgeber, weder für die Feier der sozialen Erfolge der Gegenwart, noch für die Trauer über die Misserfolge oder für den Ausdruck der tiefen Sorgen um eine kaum kalkulierbare soziale Zukunft. Der Grund für die gegenwärtige Malaise der christlichen Verkündigung liegt nicht im Glauben, sondern in der mangelnden Wirklichkeitsfähigkeit seiner Verkündiger angesichts einer multireligiösen Welt.

Es bringt pastoraltheologisch wenig, über das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt nachzudenken, ohne die gegenwärtigen Probleme zur Kenntnis zu nehmen. Abschließend sollen stichwortartig die Herausforderungen für das christliche Zeugnis vorgestellt werden.

Christliches Zeugnis in der globalisierten Gesellschaft

In seiner jüngsten Ekklesiologie stellt Kardinal Walter Kasper für die Kirche in Europa das »Ende der konstantinischen Epoche« fest, in der sie das »gesellschaftliche Leben weitgehend bestimmen konnte«. Dieses Ende gilt weitgehend für diejenigen Gesellschaften, die von der Globalisierung während der letzten dreißig Jahre erfasst wurden. In ihnen können wir nicht mehr einfach von homogenen Kulturräumen ausgehen, denn kirchliche Verkündigung lebt in dieser neuen Situation auf Schritt und Tritt, also räumlich und zeitlich parallel mit anderen Überzeugungen und – daher – mit einer weitgehenden Partial-Identifizierung ihrer Mitglieder. Das Leben mit ›Andersheit‹ ist das Kernproblem dieser neuen Situation. »Die zentrale Herausforderung der globalisierten Welt ist es, die Dialektik von gleichzeitiger Unterscheidung und gegenseitiger Abhängigkeit in eine Solidarität der Anderen zu verwandeln, eine wechselseitige Solidarität jener, die sich unterscheiden« (Anselm Min).

Kirche und ihr Glaube müssen erst lernen, die unhintergehbare Andersheit in unseren Gegenwartsgesellschaften in Solidarität aufzuheben. Diese Lernaufgabe ist nicht leicht. »Sklavendienst leisten« und »Dienen« bilden den Grundwortschatz Jesu, den es neu zu buchstabieren gilt. Macht ist jedenfalls – wenn sie es denn angesichts der Botschaft Jesu je war – kein angemessenes Mittel der christlichen Verkündigung mehr. Denn in einer pluralistischen Gesellschaft eint sie nicht; sie zerreißt. Gleichzeitig steht das christliche Zeugnis unter dem unaufgebbaren Wahrheitsanspruch seiner Botschaft. Dabei darf Kirche nicht mit der ›Überzeugung der Macht‹, sondern nur mit der ›Macht der Überzeugung‹ arbeiten. Dass sie sich hierbei unter den gegebenen Umständen oft mit einem Minderheitenstatus zufriedengeben muss, ist die Konsequenz. Es geht aber noch weiter: Wenn sie ihren Verkündigungsauftrag ernst nimmt, darf sie nicht einmal ihren Mehrheitskontrahenten diskreditieren (vgl. Mt 5,43). Ein Gutteil kirchenpolitischer Gewohnheiten muss damit wohl neu gefasst werden. Das ist eines der großen Probleme der Zukunft, aber auch eine Chance. Zukunft hat Kirche, wenn sie zu einer unabdingbaren Institution wird, um gesellschaftliche Gegensätze zu überwinden. Das gilt ganz besonders für die Armut in der Welt.

Eine Straßenszene in Chosica, in der Nähe der peruanischen Hauptstadt Lima. »Der Migrant in der Entwicklungsregion springt ungeschützt in eine neue Welt, in der die alten Lebensregeln nur noch begrenzt greifen.« FOTO: STEFFEN/ADVENIAT

Glaubenszeugnis ›in der Kirche‹

Zeiten nach einem Konzil weisen in der Kirchengeschichte regelmäßig ein großes kirchliches Durcheinander auf. Das ist fünfzig Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht anders. Die Positionen zwischen den zahlreichen postkonziliaren Adjektiv- und Genitiv- Theologien haben sich mit ihren oft fruchtbaren Partialperspektiven und den Verteidigern der ›reinen‹ Lehre bis heute gründlich polarisiert. Die zwei grundsätzlichen Positionsvorgaben zum derzeitigen Pastoral- Szenario und deren postkonziliare Grundspannung lassen sich folgendermaßen auf den Punkt bringen: »Die Kirche wird zur Sekte und erliegt dem Fundamentalismus, wenn die Treue zum Ursprung und die Sorge um die Identität unverhältnismäßig sind oder zur Besessenheit werden. Sie ist am Rande der Selbstauflösung und schließlich der Insignifikanz, wenn sie die Sorge um ihre Gesellschaftsrelevanz und ihre Mitarbeit an den Gemeinschaftsaufgaben der Menschheit so weit treibt, dass sie ihre eigenen Quellen und Mittel vergisst« (Olegario González de Cardedal).

Konservative setzen auf Glaubensidentität; Progressive auf Glaubensrelevanz. Dabei handelt es sich nicht um ein Entweder-Oder. Vielmehr kann man es – Kant paraphrasierend – so ausdrücken: Glaubensidentität ohne Relevanz ist ›leer‹; Glaubensrelevanz ohne Identität ist ›blind‹. Ohne den Glauben gibt es kein Relevanzproblem; ohne Relevanz wird der Glaube zur Leerformel. Vielleicht ist es nicht unnütz, zwei alte theologische Erkenntnisregeln in Erinnerung zu rufen: zum einen die christologische des Konzils zu Chalkedon (451), die des ›unvermischt‹ und ›ungetrennt‹; zum anderen die des Vierten Laterankonzils (1215), die besagt: »Zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf kann man keine so große Ähnlichkeit feststellen, dass zwischen ihnen keine noch größere Unähnlichkeit festzustellen wäre«.

Die ›ganze‹ Wirklichkeit – auch die ›ganze soziale‹ Wirklichkeit der Gegenwart mit all ihren Erfolgen und Fraglichkeiten – ist glaubensrelevant; der ›ganze‹ Glaube ist wirklichkeitsrelevant. Die Suche nach der Relevanz des Glaubens für die Wirklichkeit ist Aufgabe der Kirche mit Hilfe des ihr zugesprochenen Geistes; die Suche nach der Relevanz der Wirklichkeit Aufgabe des menschlichen Geistes in seiner Geschichte, in seinen Erfolgen und Misserfolgen. Beide, die Wahrheit der Wirklichkeit und die Wahrheit des Glaubens, haben – unvermischt und ungetrennt – ihre je eigene Gültigkeit. Die bleibende Gültigkeit des christlichen Glaubens und sein Zeugnis können in unserer Welt nur in dem Maße erneut an Relevanz gewinnen, in dem dieser Glaube die neue religiöse Lage des Menschen versteht und auf sie eingeht. Dies setzt einen kirchlichen Glaubenskonsens voraus, der das christliche Zeugnis erst ermöglicht. Denken wir an die oben erwähnte Erfolgsstory der Neuen Religiösen Bewegungen: Ohne einen einfachen und zündenden Glauben an Christus gibt es wenig zu unserem Thema zu sagen. ›

Zeugnis‹ des christlichen Glaubens

Mit einem Beispiel möchten wir zeigen, dass dort, wo und in dem Maße, in dem man die soziale Wirklichkeit und den eigenen Glauben unvermischt und ungetrennt ernst nimmt, christliches Zeugnis in unserer pluralistischen und multireligiösen Welt auch heute noch Inspirations- und Sprengkraft hat.

Wir wählen als Beispiel die kirchliche Kernkompetenz, das Credo:

  • »Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich.« (Gen 1,26) Die Würde eines jeden Menschen hat ihren Grund in Gottes Schöpfungstat.
  • Jesus Christus, Mensch und Gottes Sohn, verwirklicht in seinem Leben, seiner Verkündigung, in Kreuz und Auferstehung Gottes liebevolle Gemeinschaft mit den Menschen, das Reich.
  • Der Heilige Geist ist als Person das Band der Liebe zwischen Vater und Sohn; für die, die den Sohn zum Maßstab ihres Lebens machen und so am Reich teilhaben, ist der Geist definitives Gott-verbunden- Sein.

Wer diesen Kern unseres Glaubens annimmt und ernst nimmt, erfährt: Jegliche Form der Exklusion oder der Marginalisierung des Menschen durch den Menschen sind unvereinbar mit der grundlegenden christlichen Gotteserfahrung. Das betrifft unsere soziale Welt in jederlei Hinsicht. Der lebendige Glaube lebt aus der Erfahrung, dass Gott den Menschen ernst nimmt. Er klagt daher Gottes Sensibilität für den Menschen und seinen Wert ein. Der Lebenssinn des Christen ist Gottes- und Menschendienst.

Eine neue Sensibilität für den Sinnwert des Menschen impliziert zugleich eine ›kritische Würdigung‹ unserer menschengemachten Wirklichkeit: Unsere selbstgemachte Welt ist nicht ›schlecht in sich‹, aber sie ist noch weniger ›gut in sich‹. Ihr Wert hängt ab von dem Maß,

1. in dem sie die Natur achtet, die der Mensch bei seiner Tätigkeit nutzt (schöpfungsökologische Dimension),

2. in dem sie in ihrem Vorgehen den Menschen als Person respektiert und fördert (christologischpersonale Dimension) und

3. in dem sie in ihrem Vorgehen und ihren Produkten ›allen‹ Menschen dient (pneumatologisch/universal- gemeinschaftliche Dimension),

4. vor allem aber den Ausgeschlossenen und/oder Marginalisierten (Präferenz-Dimension).

Wer seinen christlichen Glauben und die aus ihm folgenden Handlungsanweisungen ernst nimmt, hat schon die Leitlinien einer christlichen Zukunftsvision vor sich, sowohl einer Weltwirtschaftsordnung und einer globalen politischen Ordnung auf Weltebene als auch die wichtigsten Eckpunkte für all das, was sich im eigenen Land ändern muss. Er blockiert damit zugleich die voranschreitende Funktionalisierung des Menschen, eine Umwertung der Werte, bei der der Mensch immer mehr zum Mittel oder zur Funktion von Technik, Wirtschaft und Politik verkommt. Insofern lässt sich mit einem Fazit des reformierten Missionstheologen David J. Bosch schließen: »Jesus Christus, sein Leben, seine Verkündigung, sein Tun, sein Tod und seine Auferstehung sind das bleibende Kriterium für das Zeugnis unseres christlichen Glaubens.«

NORBERT STROTMANN
Herz-Jesu-Missionar, Bischof von Chosica in Lima (Peru)

Literatur:

  • Zur globalen Situation des Christentums: Pew Research Center, Global Christianity. A Report on the Size and Distribution of the World’s Christian Population (The Pew Forum on Religion & Public Life, Dezember 2011), PDF-Link (01.09.2014).
  • Zu den Neuen Religiösen Bewegungen: Valentin Feneberg/Johannes Müller, Evangelikale – Pfingstkirchen – Charismatiker. Neue Religiöse Bewegungen als Herausforderung für die katholische Kirche (Weltkirche/Forschungsergebnisse Nr. 6), Bonn 2014.
  • Zur Mega-City-Pastoral: Nobert Strotmann, »Pastoral der mega-urbanen Randbereiche. Grundsätzliche Überlegungen zu Soziologie und Pastoral«, in: Margit Eckholt/Stefan Silber (Hrsg.), Glauben in Mega-Citys. Transformationsprozesse in lateinamerikanischen Großstädten und ihre Auswirkungen auf die Pastoral (Forum Weltkirche Bd. 14), Ostfildern 2014, S. 36–56. Der Artikel ist die gekürzte Fassung eines Beitrags in Klaus Krämer/Klaus Vellguth (Hrsg.), Evangelisierung – Die Freude des Evangeliums miteinander teilen (ThEW 9), Freiburg i. Br. 2015.

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