Afrikanische Kirche oder Kirche in Afrika? Die Lehren von Papst Paul VI. und Papst Johannes Paul II. corner

Afrikanische Kirche oder Kirche in Afrika?

Die Lehren von Papst Paul VI. und Papst Johannes Paul II.

NATHANAEL YAOVI SOÉDÉ

Es scheint nur eine sprachliche Variante zu sein: afrikanische Kirche oder Kirche in Afrika. Hinter diesem sprachlichen Detail verbergen sich allerdings unterschiedliche Kirchenbilder. Und diese wirken sich auch darauf aus, wie die Evangelisierung der Kirche auf dem afrikanischen Kontinent interpretiert wird.

Als erster Papst reiste Paul VI. 1969 nach Afrika. Im ugandischen Kampala hielt der Papst vor den versammelten afrikanischen Bischöfen eine historische Ansprache. FOTO: HANS KNAPP/KNA-BILD

Heute ist allgemein anerkannt, dass die Welt geeint ist. Die Menschheit bildet ein »globales Dorf«. Das führen uns Tag für Tag die sozialen Kommunikationsmittel und unterschiedliche Formen der Solidarität sowie Konflikte mit ihren globalen Auswirkungen vor Augen. Diese Situation stellt die Theologie vor die Herausforderung, die harmonische, organische Beziehung zwischen dem Universellen und Partikularen zu fördern, damit die Einheit der Welt nicht in Einförmigkeit umschlägt. Die Theologie einer geeinten Welt erscheint als der Ort, an dem sich zeigt, ob die Einheit in der Vielfalt und die Gemeinschaft in der Unterschiedlichkeit in der Weltkirche Einförmigkeit bedeuten und ob den Teilkirchen ein einziges Modell des Christentums auferlegt wird.

Dieser Beitrag betrachtet die Lehre der Päpste über den Auftrag der Kirche Afrikas im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil: Misst diese Lehre der Evangelisierung ad intra, der an einer Förderung des afrikanischen Christentums gelegen ist, eine ebenso große Bedeutung bei wie der Evangelisierung ad extra? Die Untersuchung beschränkt sich auf die Päpste Paul VI. und Johannes Paul II. und zwei ihrer wichtigsten Texte: die Ansprache Pauls VI. zum Abschluss der ersten Zusammenkunft des Symposions der Bischofskonferenzen Afrikas und Madagaskars (SECAM) und das Nachsynodale Apostolische Schreiben Ecclesia in Africa von Johannes Paul II.

Paul VI. und der Evangelisierungsauftrag der Kirche Afrikas

Wir schreiben das Jahr 1969, den Rahmen bildet die Heiligsprechung der Märtyrer von Uganda in Kampala. Zum Abschluss der ersten Vollversammlung des SECAM, die aus diesem Anlass tagt, feiert der Papst am 31. Juli eine Messe und hält eine Ansprache zum Evangelisierungsauftrag der afrikanischen Kirche.

In seiner Ansprache mit der Überschrift »In der afrikanischen Stunde der Kirche« bezeichnet sich der Papst selbst als »Euer Bruder und Vater, als Euer Freund und Diener«, als Papst der katholischen Kirche, der »alle Gemeinden Christi« (Röm 16,16) versammelt und der als erster Papst afrikanischen Boden betritt. Er überbringt die Grüße »alle[r] Eure[r] Glaubensbrüder « auch allen Priestern und Gläubigen der Schwesterkirche in Afrika. Ihn bewegen zwei Empfindungen: einerseits das Gefühl der Communio – er ist froh, in Afrika zu sein, und glücklich darüber, dass wir in der Kirche »ein Leib und ein Geist« (Eph 4,4) sind; andererseits die Achtung vor den Afrikanern, »Eurem Land und Eurer Kultur«.

Papst Paul VI. betrachtet die Kirche Afrikas als eine reife Kirche, der er beweisen möchte, dass die Communio, die sie mit der katholischen Kirche und dem Nachfolger Petri verbindet, die »ursprüngliche Wesensart der Persönlichkeit [der Afrikaner] im privaten, kirchlichen und bürgerlichen Leben in keiner Weise unterdrücken, sondern im Gegenteil fördern will«. Er bekräftigt außerdem, dass sein Amt der Verwirklichung der Wünsche und Vorhaben der afrikanischen Kirche, die sich unter dem Dach des SECAM versammelt hat, dienen soll: »Nicht unseren, sondern Euren Anliegen gilt unser apostolischer Dienst.«

Die Versammlung des SECAM sei zu sehr schätzenswerten Überlegungen gelangt. Daher bittet der Papst die Bischöfe, ihr Vorgehen bei der Evangelisierung im Rahmen des SECAM zu koordinieren, sich »stets um Klarheit und Einigkeit in den Ideen« zu bemühen und sich dabei immer »des großen Auftrages bewusst« zu sein, »die Kirche aufzubauen«. Der Papst legt den Bischöfen nahe, möglichst nicht beim Status quo zu bleiben, sondern voranzuschreiten und die Evangelisierung methodisch und mutig voranzutreiben. Mit der Heiligsprechung der Märtyrer von Uganda und der Einrichtung des SECAM steht die afrikanische Kirche tatsächlich an einem historischen Wendepunkt und muss die Gesichtspunkte, »die das katholische Leben im Afrika der Gegenwart kennzeichnen «, berücksichtigen.

Papstbilder schmücken das Tuch einer Frau in Tansania. Johannes Paul II. berief 1994 die erste Afrikasynode ein. FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

»Seid Eure eigenen Missionare«

Der erste Gesichtspunkt betrifft die Mission in Afrika heute und morgen. Unmissverständlich, kurz und prägnant legt der Papst den Afrikanern dar, was sie »in dieser [afrikanischen] Stunde« der Evangelisierung wissen und sein müssen: »Ihr Afrikaner seid nunmehr Eure eigenen Missionare«. Der Papst erinnert daran, dass die Kirche Christi durch Missionare in Afrika »eingepflanzt« wurde. Die Dankesschuld ihnen gegenüber verlange von den Afrikanern, dass sie ihrem Glauben nachfolgen und der »örtlichen Kirche den Charakter authentischer Echtheit und Würde« verleihen. Darauf erklärt der Papst, was das bedeutet: »Ihr Afrikaner müsst selbst Eure Kirche auf diesem Kontinent weiter aufbauen.«

Die Verwirklichung dieses Traums hängt davon ab, wie gut sämtliche Glieder der afrikanischen Kirche vorbereitet und ausgebildet sind, ihre eigenen Missionare zu werden. Weil »die Kirche von ihrem Wesen her immer missionarisch« ist, bekundet der Papst die Hoffnung, dass »wir keinen Augenblick mehr Eure Seelsorge missionarisch nennen in der rein ›technischen‹ Bedeutung des Wortes, sondern wir werden sie als einheimisch, ortsgewachsen und ursprünglich bezeichnen.« Dem Papst zufolge werden »Leben, Entwicklung und Zukunft der afrikanischen Kirche […] von der Ausbildung dieser örtlichen Elemente des Gottesvolkes, von ihrer Auswahl und ihrem Wirken abhängen«.

Der Papst verbindet mit dieser Problematik die drängende Frage der Inkulturation, die damals »Angleichung der Glaubensverkündigung« genannt wurde. Was die »Angleichung« betrifft, sieht der Papst seine Aufgabe vor allem darin, die Vorsätze der afrikanischen Kirche zu ermutigen und zu segnen. Gleichzeitig betont er, die afrikanische Kirche müsse in ihrem Wunsch nach Schärfung der eigenen Identität »vor allem katholisch sein. Sie muss sich voll und ganz auf das gleiche, wesentliche und konstitutionelle Erbe der Lehre Christi gründen und sich zur authentischen und maßgeblichen Überlieferung der einen und wahren Kirche bekennen« – und alles Religiöse vermeiden, das dem zuwiderläuft.

Aufbau eines afrikanischen Christentums

Im Zusammenhang mit dem zweiten Aspekt stellt sich dem Missionspapst die Frage, ob die Kirche europäisch, lateinisch und orientalisch bleiben oder in Afrika afrikanisch werden muss. Zunächst weist er darauf hin, dass wir nicht »die Erfinder unseres Glaubens« seien, sondern nur seine Bewahrer. Dann gibt er zu verstehen, dass die »Ausdrucksformen, das heißt die sprachliche Form und die Bekundung dieses einen Glaubens vielgestaltig sein und somit durchaus die ursprüngliche Eigenart beibehalten [können]. Sie können der Sprache, dem Stil, dem Wesen, dem Geist und der Kultur desjenigen entsprechen, der diesen Glauben bekennt.« Er führt weiter aus: »Unter diesem Aspekt ist ein Pluralismus durchaus angebracht, ja sogar erwünscht. Eine Anpassung der christlichen Lebensformen an die Belange der Seelsorge, der Liturgie und der Glaubensverkündigung sowie des geistlichen Lebens ist nicht nur möglich, sondern wird von der Kirche gefördert.« Der Missionspapst endet mit dem Satz: »In diesem Sinn könnt und sollt Ihr Euer eigenes afrikanisches Christentum haben.«

Paul VI. gibt zu bedenken, dass es Zeit brauchen wird, um dieses Ziel zu erreichen. Aber er versichert, dass es erreicht wird, weil das Christentum den einen Glauben in einer Vielfalt der Kulturen zum Ausdruck bringt. Afrika habe dies in der Vergangenheit bewiesen. Der Papst empfiehlt den Priestern und Gläubigen unter anderem, den Austausch zwischen der afrikanischen und der abendländischen Kirche zu ermöglichen, aber auch, »die katholische Religion in Formen zum Ausdruck zu bringen, die mit [der afrikanischen] Kultur eng verwandt sind. Damit leistet Ihr der katholischen Kirche den wertvollen und durchaus originellen Beitrag der afrikanischen Mentalität. Sie braucht ihn gerade in dieser geschichtlichen Stunde ganz besonders«.

Die Empfehlungen münden in der Aufforderung, zugunsten von Bildung und nachhaltiger Entwicklung zu handeln. Die afrikanische Kirche hat »eine eigene und große Aufgabe vor sich«: Sie muss ein traditionsgebundenes und doch modernes Lebensverständnis in Einklang miteinander bringen, »neue bürgerliche Gesellschaftsformen « schaffen und die Menschen dazu erziehen, »den Anstoß zur Bildung der persönlichen und sozialen Tugenden und Redlichkeit, des gesunden Empfindens und der Loyalität geben« und »jede Aktivität für das Gemeinwohl […] fördern, vor allem das Schulwesen und die soziale Hilfe für arme und kranke Menschen.«

Zum Schluss bekräftigt Papst Paul VI., die afrikanische Kirche müsse »Afrika in seiner Entwicklung unterstützen und ihm in seinem Streben nach Eintracht und Frieden beistehen.« Diese Verantwortung stelle sie, mit den vorgenannten, vor »fürwahr große und immer wieder neue Aufgaben«, die sie bewältigen müsse. Seine Ansprache beschließt der Papst mit Worten, die den Afrikanern angesichts der hochanspruchsvollen Aufgaben Mut machen sollen: »Wir möchten Euch aber […] sagen, […] dass Ihr dazu auch die Kraft und die Hilfe besitzt. Ihr seid ja Glieder der katholischen Kirche, Ihr seid Christen, und Ihr seid Afrikaner.«

Das Wichtigste an der Lehre von Papst Paul VI. war es, zum ersten Mal den Evangelisierungsauftrag der afrikanischen Kirche als deren Recht und Pflicht zu bestimmen, ein afrikanisches Christentum zu fördern, das den einen Glauben an Jesus Christus in der Sprache, den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Institutionen und in allen Lebensbereichen des afrikanischen Volkes zum Ausdruck bringt, ohne diesen zu verfälschen. Was ist im Apostolischen Schreiben Ecclesia in Africa (1995) von Johannes Paul II. daraus geworden?

Gabenbereitung bei einer Messe in Ndola, Sambia. Papst Paul VI. wünschte ein afrikanisches Christentum, das den Glauben in der Sprache des afrikanischen Volkes zum Ausdruck bringt.
FOTO: FRIEDRICH STARK

Johannes Paul II. und die Lehre über die Evangelisierung in Afrika

Die Bischofssynode, deren Ergebnis Ecclesia in Africa ist, fand als Antwort auf die von Theologen und Bischöfen seit dem Papstbesuch in Kampala 1969 geäußerte Idee der Einberufung eines afrikanischen Konzils statt. Diese Idee geht auf die Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil zurück und kam zwischen 1978 und 1980 wieder auf. Der Wunsch nach einem afrikanischen Konzil wurde Papst Johannes Paul II. mehrfach vorgebracht. Mit der Veröffentlichung von Ecclesia in Africa ist eine positive Entwicklung des Interesses der Nachfolger des Apostels Petrus für die Probleme der Verkündigung des Evangeliums in Afrika festzustellen. Johannes Paul II. nimmt sich der Sache eigens an, was in einer Sonderversammlung für Afrika der Bischofssynode der Universalkirche mündet.

Einzelne Punkte, die Papst Paul VI. in seiner Ansprache nur kurz angerissen hatte, werden in Ecclesia in Africa ausführlich behandelt, etwa: Bedeutung und Grundlagen der Evangelisierung, Verkünder des Evangeliums, Zeugenschaft, Ausbildung der Träger der Seelsorge, Inkulturation und Entwicklung. Johannes Paul II. vertieft die Lehre seines Vorgängers und stellt sie in eine neue Problematik hinein. Mit Interesse nimmt man den Begriff der »Inkulturation« zur Kenntnis, der das Verhältnis von Glaube und Kultur viel besser trifft als das Wort »Angleichung«, liest man die Ausführungen über die pneumatologischen und christologischen Grundlagen der Inkulturation und der Evangelisierung sowie ihre holistische Dimension, über die Mission der afrikanischen Kirche in der Welt, die Ekklesiologie der Kirche als Familie Gottes, die heutigen Herausforderungen auf dem afrikanischen Kontinent und die Problematik der Ausbildung der Träger der Evangelisierung.

Doch immer noch dienen die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils und die Reflexionen von Papst Paul VI. als Grundlage. Ecclesia in Africa schreibt die päpstlichen Schriften Pauls VI. – insbesondere die Botschaft Africae terrarum (1967), die Ansprache von Kampala (1969) und das Apostolische Schreiben Evangelii nuntiandi (1975) – fort und vermag sich davon nicht zu emanzipieren. In anthropologischer Hinsicht lehnt sich die pastorale Option der Kirche als Familie Gottes an die Aufforderung von Paul VI. an, sich der Ausdrucksmöglichkeiten des afrikanischen Kulturgeistes zu bedienen, um den katholischen Glauben auf dem Kontinent verständlich zu machen und zu leben.

Die genuinen Ideen von Ecclesia in Africa beziehen ihre Eigentümlichkeit einerseits aus der kontextbezogenen Wiederaufnahme der prophetischen Überlegungen Pauls VI. zur Evangelisierung und deren Verhältnis zur Teilkirche, zur Kultur und zum Christentum, andererseits aus einer recht traditionalistischen Annäherung an diese. Das wird insbesondere an der in Ecclesia in Africa festgelegten Beziehung zwischen afrikanischer Kirche (Teilkirche) und Weltkirche sowie zwischen den Aufgaben des afrikanischen Christentums und der Mission ad extra deutlich.

Eine Synode der Universalkirche

Johannes Paul II. berief die Synodenversammlung der Universalkirche als Antwort auf das Ersuchen der Afrikaner ein, auf das Paul VI. in Kampala, auf dem afrikanischen Kontinent, eingegangen war. Gleich mehrfach wird in Ecclesia in Africa betont, dass dies nicht nur eine Synode der afrikanischen Bischöfe gewesen sei, sondern eine Synode aller Bischöfe der Universalkirche unter Führung des Papstes. So viel Insistenz erweckt den Eindruck, dass gar nicht erwünscht ist, dass die Priester der afrikanischen Kirche untereinander – in Communio mit der Universalkirche cum et sub Petro – über das schon lange aufgeworfene Problem der Evangelisierung ihres Kontinents diskutieren. Wäre dann aber Ecclesia in Africa im Kern nicht rückschrittlich gegenüber den Überlegungen Pauls VI.? DieWorte, die der Papst mit Ecclesia in Africa an die afrikanische Kirche richtet, hätten einen echten Fortschritt der päpstlichen Lehre markiert, wären sie im Anschluss an eine Begegnung der afrikanischen Kardinäle und Bischöfe geäußert worden, die sich versammelt hätten, um das afrikanische Christentum im Sinne der Empfehlungen des Missionspapstes zu fördern. Dann hätten wir bekommen, was bis heute fehlt: eine zweite Zusammenkunft von Kampala…

War es möglich, auf einer Synode der Universalkirche ein Evangelisierungsproblem glaubwürdig zu beleuchten, das die afrikanische Kirche nach Papst Paul VI. im Hinblick auf das afrikanische Christentum gezielt angehen wollte? Finden sich in Ecclesia in Africa dennoch Ansätze, die einen Fortschritt der Lehre über das afrikanische Christentum darstellen?

Das Paradigma des afrikanischen Christentums, das Papst Paul VI. verwendet, taucht in Ecclesia in Africa nicht auf. Da ist von »Christentum in Afrika« die Rede, oder es wird bekräftigt: »So erweist sich […] das Christentum für Afrika geeignet«. Der Satz »Ihr Afrikaner seid aufgerufen, Eure eigenen Missionare zu sein« wird übernommen, um die Aufmerksamkeit der Afrikaner besonders auf ihre Mission ad extra zu lenken: »Die Sonderversammlung ihrerseits hat die Verantwortung Afrikas für die Mission ›bis an die Grenzen der Erde‹ mit folgenden Worten nachdrücklich unterstrichen: Der prophetische Satz Pauls VI. – ›Ihr Afrikaner seid aufgerufen, eure eigenen Missionare zu sein‹ – muss so verstanden werden: ›Ihr seid Missionare für die ganze Welt‹ […]. An die Teilkirchen Afrikas wurde ein Aufruf erlassen für die Mission über die Grenzen ihrer eigenen Diözesen hinaus.« Über die Herausforderung, die mit der Aufforderung Pauls VI. an die Afrikaner einhergeht, ihre eigenen Missionare zu sein, das heißt, ihr eigenes afrikanisches Christentum aufzubauen, wird nichts gesagt.

Musiker und Chor bei einer Sonntagsmesse in Kuru, Nigeria. In der Liturgie wird die Inkulturation des Christentums besonders augenfällig – und hörbar. FOTO: FRIEDRICH STARK

Mission der afrikanischen Kirche und universelle Mission der Kirche

Identität und Berufung der Kirche in Afrika werden in Ecclesia in Africa gleichbleibend mit Bezug auf die Universalkirche und ihre Mission präsentiert, die bis an die Grenzen der Erde reicht. Diese Lehre hat das Verdienst, dass Afrika nicht nur als Missionsgebiet betrachtet wird. Johannes Paul II. erkennt die missionarische Reife Afrikas durch dessen Teilnahme an der Mission ad extra der Universalkirche an. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass die universelle Mission der Kirche sich in einem jeweils spezifischen, historisch gewachsenen Kontext bewähren muss. Jede Evangelisierung ist eine Antwort der Kirche an einem konkreten Ort auf die Aufforderung, die Frohe Botschaft überall in der Welt zu verkünden.

Es stellt sich die Frage, welche Tragweite dieses Insistieren auf der Teilnahme der afrikanischen Kirche an der Mission der Universalkirche in Ecclesia in Africa hat. An welche Kirche erlaubt der Text zu denken, wenn er von der Universalkirche oder vom Universalismus der Mission spricht? Ist es die Kirche, die einzige, das heißt die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche? Oder eher eine ihrer Ausprägungen, sprich: die abendländische Teilkirche? Vieles spricht dafür, dass es um Letztere geht, denn wenn im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Ecclesia in Europa von der Mission der Kirche in Europa die Rede ist, wird diese nicht im Verhältnis zur Universalkirche bestimmt. Da geht es um die Aufgaben, die die Kirche in Europa betreffen, oder um kirchenspezifische Herausforderungen. Wenn in Ecclesia in Europa eingeräumt wird, dass es milieuspezifische Fragen gibt, auf die die Kirche in Europa selbst vorrangig antworten muss, warum wird dann in Ecclesia in Africa die Kirche in Afrika nicht aufgefordert, die gleiche Verantwortung zu übernehmen, sondern stattdessen immer wieder daran erinnert, sie habe die Mission der Universalkirche zu erfüllen?

Das in Ecclesia in Africa beschriebene Verhältnis der Kirche in Afrika zur Universalkirche bedeutet einen Rückschritt gegenüber der ekklesiologischen Reflexion von Papst Paul VI. Diese fordert uns heraus, zu schauen, wie wir die Einheit und die Vielfalt des Ausdrucks des einen Glaubens vorantreiben können, ohne einer Teilkirche – aus Angst, das Universelle könnte sich im Partikularen auflösen – ein Christentum aufzudrängen, das nicht aus der Verwurzelung des Evangeliums in der eigenen Kultur heraus entstanden ist (vgl. Gal 2,2–16); und sie ermutigt die afrikanische Kirche, ihre Stimme zu erheben und das Projekt des Christentums in einer Weise voranzutreiben, die keinen Anlass zu Misstrauen bei den anderen Teilkirchen oder zu Ermahnungen seitens des Nachfolgers Petri bietet.

Afrikanische Kirche oder Kirche in Afrika?

Während Papst Paul VI. in seiner Ansprache in Kampala den Ausdruck »afrikanische Kirche« verwendet, zieht sein Nachfolger in Ecclesia in Africa die Bezeichnung »Kirche in Afrika« vor, ebenso wie in Ecclesia in Europa die Bezeichnung »Kirche in Europa« oder in Ecclesia in Asia die Bezeichnung »Kirche in Asien«. Warum optiert Ecclesia in Africa für die Kategorie »Kirche in Afrika«? Kann sie so darauf aufmerksam machen, dass Afrika eine Teilkirche beziehungsweise eine Gesamtheit von Teilkirchen ist und zusammen mit den Teilkirchen anderer Völker die Universalkirche bildet, die über die einzelnen Teilkirchen hinausweist und zugleich durch sie sichtbar wird?

Dass in Ecclesia in Africa durchgehend die »Kirche in Afrika« erörtert wird, soll zweifellos ausdrücken, dass die Universalkirche in Afrika Gestalt annimmt, sich manifestiert und ihren Evangelisierungsauftrag ausübt. Wenn solchermaßen betont wird, dass die Mission der Kirche in Afrika die Mission der Universalkirche ist und die Mission ad extra einschließen muss – und der Diskurs auf dieser Ebene stehenbleibt –, dann erinnert Ecclesia in Africa nur an eine der Aufgaben der Universalkirche. Diese verweist nicht explizit auf die Glieder, die jeweils partikulär und kontextabhängig an der Bekräftigung des Evangeliums teilhaben, das es bis an die Grenzen der Erde zu verbreiten gilt, eine Aufgabe, die den Rahmen für die Verwirklichung und Bezeugung des Universalismus der Kirche stellt.

So gesehen kann man sich fragen, ob der Ausdruck »Kirche in Afrika« die Kategorie Teilkirche, die mit der Kategorie Universalkirche einhergeht, umfassend wiedergibt. Die eine wie die andere ist eine göttliche Stiftung. Am 6. Oktober 2014 bekräftigte Papst Franziskus in seiner Grußadresse zur Eröffnung der Bischofssynode in Rom: »Die Weltkirche und die Teilkirchen sind eine göttliche Stiftung«. Um jedweden ekklesiologischen Ansatz, der nicht holistisch ist, und jedwede Zweideutigkeit im Gebrauch dieser unterschiedlichen Paradigmen zu vermeiden, möchten wir vorschlagen, vom Paradigma »Kirche in Afrika« abzurücken und stärker als bisher vom Paradigma »afrikanische Kirche« beziehungsweise »Kirche Afrikas« oder »Teilkirche Afrika« Gebrauch zu machen. Der heilige Paulus macht die Bedeutung einer solchen Ekklesiologie deutlich, wenn er in seinem ersten Brief an die Thessalonicher Gemeinde von und nicht in Thessalonich schreibt: »Paulus, Silvanus und Timotheus an die Gemeinde von Thessalonich« (1 Thess 1,1).

Die Botschaft der Evangelisierung ist überall auf der Welt gleich. Das Heil aber, das sie im Namen des menschgewordenen Gottessohnes verkündet, macht sie zu einem Wort, das, wenn es in die Vielfalt der Erwartungen, Zusammenhänge, Herausforderungen und Kulturen der Völker eingeht, nichts von seiner Wahrheit und Einheit verliert. Vielmehr erweist sie sich als eine universelle Heilsbotschaft und breitet sich immer weiter bis an die Grenzen der Erde aus. Sie eint die Welt, eine Welt, die freilich schon geeint ist durch das Netz menschlicher Beziehungen, der Solidarität, der neuen Informationstechnologien, des Wirtschaftsaustauschs, der religiösen Überzeugungen, der herrschenden kulturellen, politischen und religiösen Ideologien und Praktiken. Die Evangelisierung ist nunmehr eine Chance für diese Welt, wenn sie dazu beiträgt, sie von der Gefahr der Einförmigkeit zu befreien, um sie in der Bekräftigung der Vielfalt zu einen, einer Vielfalt, die eins ist in Christus, durch den, in dem und für den alles erschaffen wurde. Für die seelsorgerlich Tätigen sollte es darum gehen, die Teilkirchen zum Ort des Aufbaus und der Sichtbarwerdung der Universalkirche zu machen, von der sie ihre Identität, Berufung und Mission erhalten. In diesem Sinne sollten Priester und Gläubige den Reichtum des prophetischen Gedankens wiederentdecken, den Paul VI. in die Worte gekleidet hat: Ihr »könnt und sollt […] Euer eigenes afrikanisches Christentum haben«.

NATHANAEL YAOVE SOÉDÉ
Professor für Moraltheologie und theologische Ethik an der Katholischen Universität von Westafrika in Abidjan
Übersetzung: Caroline Gutberlet

Literatur:

  • »Die Afrikareise des Papstes«, in: Herder Korrespondenz 23 (1969), S. 421– 426.
  • Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Afrika über die Kirche in Afrika und ihren Evangelisierungsauftrag im Hinblick auf das Jahr 2000, 14. September 1995 (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 123), Bonn 1995.
  • Africa Faith & Justice Network (Ed.), The African Synod. Documents, Reflections, Perspectives, Maryknoll 1996. Der Artikel ist die gekürzte Fassung eines Beitrags in Klaus Krämer/Klaus Vellguth (Hrsg.), Evangelisierung – Die Freude des Evangeliums miteinander teilen (ThEW 9), Freiburg i. Br. 2015.

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