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Die Präposition der Mission

Ziel und Methode der christlichen Sendung in Asien

PETER C. PHAN

Denkt man Mission vom eigentlichen Zweck des Wirkens Jesu, von der Herrschaft Gottes her, ergibt sich eine neue Zielbestimmung. Unbeschadet ihrer Notwendigkeit stehen dann nicht mehr Bekehrung und Taufe an erster Stelle. Und das Verhältnis der Mission zu den Nicht- Christen wird nicht mehr nur als missio ad gentes, sondern auch als missio inter gentes und missio cum gentibus bestimmt.

Eine Taufe in Südafrika in den 1950er Jahren. Jahrhundertelang galten Bekehrung und Taufe als das Ziel der missio ad gentes. Nach Peter Phan endet dieses Dogma jedoch »in einer theologischen Zwickmühle«. FOTO: BR. ANDREAS STOLZ

Es ist nicht zu leugnen, dass die frühen christlichen Missionen fast ausschließlich auf »Bekehrungen« abzielten. Getrieben von der Erfüllung des »Missionsbefehls « (Mt 28,19–20) und »gedrängt von der Liebe Christi« (2 Kor 5,14) machten sich Ordensleute unter der Schirmherrschaft der portugiesischen und spanischen Krone von Europa aus in fremde Länder auf, um die Seelen der »Heiden« zu retten. Dasselbe gilt auch für Asien, wenn wir die Missionen der – missverständlich als Nestorianer bezeichneten – Ostkirche in Indien und China einmal außen vor lassen. Auch hier misst sich der Erfolg des Missionswerks fast ausschließlich an der Zahl der durchgeführten Taufen. In der Franz-Xaver-Kapelle im rechten Querschiff der Kirche Il Gesù in Rom wird über dem Altar in einem Reliquienschrein der mumifizierte rechte Arm des Heiligen gezeigt. Es heißt, er habe mehr als 300.000 Menschen getauft – angesichts der Kürze seiner Zeit als Missionar eine nicht nachvollziehbare Zahl.

David J. Bosch sieht die Gründe für diese Fokussierung auf die Bekehrung in der »Individualisierung« und »Ekklesiastizierung« der Erlösung. Er nennt es das »mittelalterliche Paradigma der Römisch-Katholischen Kirche«. Dieses Paradigma beharrt auf der Bekehrung – Abkehr vom früheren Glauben, sofern es diesen gab, Empfang der Taufe und Beitritt zur Kirche – als unverzichtbare Voraussetzung für das Seelenheil. Es bestimmte nicht nur das Denken der römisch-katholischen Missionare, sondern auch das der Protestanten, die im 19. Jahrhundert nach Asien kamen – wobei deren missionarische Methoden stärker von den Idealen und Werten der Aufklärung getragen waren.

Natürlich haben sowohl die Theologie als auch die Praxis der Missionen seit Mitte des 20. Jahrhunderts einen enormen Wandel erfahren. In der katholischen Kirche hatte das Zweite Vatikanische Konzil – vor allem durch seine Dokumente zur Kirche (Lumen Gentium), zur Mission (Ad Gentes), zu den nichtchristlichen Religionen (Nostra Aetate) und zur Kirche in der Welt von heute (Gaudium et spes) – einen großen Einfluss auf den Wandel im Denken bezüglich der christlichen Missionen. Auch im Ökumenischen Rat der Kirchen gab es tiefgreifende Änderungen, vor allem mit der Gründung der Abteilung »Dialog mit Menschen verschiedener Religionen und Ideologien« im Jahr 1971 als Ergänzung zur Kommission für Weltmission und Evangelisation. Die Evangelikalen/Pfingstkirchen belebten mit ihrer rasanten globalen Expansion das Gefühl der Notwendigkeit und Dringlichkeit des Evangelismus und konkreter noch der Bekehrung neu.

Erwartungsgemäß sahen die kirchlichen Hüter der Orthodoxie die neuen Trends in der Missiologie mit Sorge. So gab es in der römisch-katholischen Kirche in den 1980ern Unmut wegen der asiatischen Theologen unterstellten Tendenz, die Evangelisierung, vor allem die missio ad gentes – Mission, die auf Nichtchristen abzielt – zugunsten eines dreifachen Dialogs aufzugeben: Dialog mit den Armen (Befreiung), Dialog mit Kulturen (Inkulturation) und vor allem Dialog mit Religionen (interreligiöser Dialog). Besonders problematisch ist in den Augen des römischen Magisteriums die dritte Form des Dialogs, weil sie die Bekehrung als Ziel der Mission zu verneinen scheint.

In Reaktion auf neue und offenbar gefährliche Richtungen in der Missiologie verfasste Papst Johannes Paul II. im Jahr 1990 die Enzyklika Redemptoris Missio: Über die fortdauernde Gültigkeit des missionarischen Auftrages. Dort schreibt er: »Die eigentliche Sendung ad gentes scheint nachzulassen«. Zur Forcierung dieser Art der Evangelisierung bekräftigt Johannes Paul II. mit Nachdruck nicht nur die Notwendigkeit, sondern auch die Dringlichkeit der Verkündung Christi an jene, die ihn noch nicht kennen. Der Papst liefert eine breit gefasste Definition der »gentes« in der heutigen Zeit, die nicht nur weite Landstriche einschließt, die noch zu evangelisieren sind (konkret nennt er Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien), sondern auch die neuen sozialen Welten und Phänomene (wie Urbanisierung, Jugend und Migration) sowie kulturelle Bereiche (wie soziale Medien, Friedensbewegungen, Entfaltung und Befreiung von Menschen, individuelle und gruppenbezogene Menschenrechte, besonders die Rechte von Minderheiten, die Förderung von Frauen und Kindern und der Schutz der Umwelt).

Der polnische Missionar Pater Marianus SVD und ein Hindu-Priester in Puri, Indien. Ein aufrichtiger Dialog ist der erste Schritt einer missio inter gentes als wechselseitiger Vorgang.
FOTO: KARL-HEINZ MELTERS

Bekehrung und Taufe als Ziele der missio ad gentes

Die breit gefasste Definition Johannes Pauls II. bezüglich der gentes, auf die christliche Missionen heute ausgerichtet sein müssen, hat den unbestreitbaren Vorteil der »zeitgemäßen Adaption« des alten und inzwischen theologisch diskreditierten Verständnisses von gentes als »Heiden«. Nicht dass der Papst damit sagen will, Bekehrung und Taufe seien nicht mehr so wichtig. Weit gefehlt! Vielmehr erklärt er zu diesem Thema kategorisch: »Die Verkündigung des Wortes Gottes hat die christliche Bekehrung zum Ziel, das heißt die volle und ehrliche Zugehörigkeit zu Christus und seinem Evangelium durch den Glauben.« Johannes Paul knüpft die Bekehrung ausdrücklich an die Taufe: »Die Bekehrung zu Christus ist eng mit der Taufe verbunden«. Er nennt dafür drei Gründe: Erstens sei es die Praxis der Kirche, zweitens sei es der Wille Christi und seines Aussendungsauftrags, und drittens erhalte der Bekehrte in der Taufe die Fülle des neuen Lebens in Christus. Die Taufe, so der Papst, ist nicht »einfach die Besiegelung der Bekehrung, gleichsam ein äußerliches Zeichen der Bestätigung; sie ist vielmehr das Sakrament, das diese Neugeburt im Geist bezeichnet und bewirkt, das reale und unlösbare Bande mit der Trinität knüpft und die Getauften zu Gliedern Christi und seiner Kirche macht.«

Der Versuch von Johannes Paul, die neuen Formen der »Areopag-Predigt« als Ziele von missio ad gentes in die Neuzeit zu überführen, hat einen hohen Preis – so nutzbringend er in pastoraler Hinsicht auch sein mag. Auch wenn wir um des Argumentes willen einmal davon ausgehen, dass es stimmt, was Johannes Paul II. über Bekehrung und Taufe als Ziele von missio ad gentes sagt, ist nur schwer vorstellbar, wie sich diese ohne erhebliche Änderung und sogar komplette inhaltliche Entleerung auf die breiter gefassten Kategorien anwenden ließen, die der Papst heute zu den gentes zählt: Wie können, ja wie sollen wir Urbanisierung, Jugend, Migration, soziale Medien, Friedensbewegungen, Entfaltung und Befreiung von Menschen, Menschenrechte von Einzelnen und Gruppen, besonders Minderheiten, die Förderung von Frauen und Kindern und den Schutz der Umwelt »bekehren« und »taufen«? Wird ein derartiges Unterfangen nicht zwangsläufig eine neue Form des Christentums hervorbringen? Sollen diese Ziele die (versteckte) Agenda von missio ad gentes sein? Wahr ist, dass in diesen Bereichen des modernen Lebens christliche Werte zum Tragen kommen müssen. Theologisch gesehen ergibt es jedoch nur wenig Sinn, sie zu »bekehren« und zu »taufen«. Zwänge man uns dazu, wäre der Preis untragbar hoch: Wir dürften dann nicht überrascht sein, wenn die Menschen, die sich im wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Bereich engagieren, sich vom Christentum und der katholischen Kirche abwenden.

Deshalb sind Bekehrung und Taufe als Ziele von missio ad gentes ausschließlich auf die Anhänger nichtchristlicher Religionen und Atheisten ausgerichtet. Muss die auf diese gentes abzielende Mission jedoch ihre Bekehrung und Taufe zum Ziel haben, wie Johannes Paul II. dies fordert? Falls ja, stehen wir vor einer bitteren Wahl: Entweder erklären wir bei unserer auf die gentes ausgerichteten Mission vorbehaltlos, in aller Ehrlichkeit und von Beginn an, dass es unsere eigentliche Absicht ist, sie zum christlichen Glauben zu bekehren, sie zu taufen und damit zu Mitgliedern der Kirche zu machen. Können wir dann aber allen Ernstes erwarten, dass die Anhänger anderer Religionen und die Atheisten uns wohlwollend Gehör schenken? Oder wir verbergen unsere Absicht trickreich unter dem Deckmantel des »Dialogs« oder der sozialenWohlfahrt, um uns das Wohlwollen zu erschleichen. Wie wir es auch drehen: Das Dogma, die Ziele von missio ad gentes bestünden in der Bekehrung und Taufe, endet in einer theologischen Zwickmühle.

Missio ad gentes – wofür und wie?

Die Hoffnung auf einen Ausweg aus dieser Zwickmühle und eine Neufassung der Ziele von missio ad gentes in ihrer traditionellen Auslegung beruht auf jüngsten theologischen Entwicklungen: Erstens eine tiefere Wertschätzung des wirksamen Willens Gottes, alle Menschen zu erlösen, was der rettenden Gnade Gottes unbegrenzte Horizonte öffnet. Zweitens ein geschärftes Bewusstsein für die Gegenwart und das Wirken des Heiligen Geistes und der göttlichen Gnade außerhalb der sichtbaren und institutionellen Grenzen der Kirche – und damit die Bejahung der Möglichkeit der Erlösung der Menschen außerhalb der Kirche. Drittens ein klareres Verständnis der fortdauernden Gültigkeit von Gottes Bund mit Israel und der Verbindung zwischen Judentum und Christentum, was die christliche Mission in Richtung der Juden theologisch in Frage stellt. Viertens ein geschärftes Bewusstsein für den jüdischen Hintergrund Jesu, was einerseits Christentum und Judentum enger miteinander verknüpft und andererseits die historischen, kulturellen und religiösen Grenzen Jesu als All-Erlöser und seiner Lehre offenbart. Fünftens ein größeres Wissen – akademisches und Erfahrungswissen – über nichtchristliche Religionen, was den spirituellen Reichtum ihrer Lehren und Praktiken offenbart, aus denen Christen lernen können und sollen, bessere Christen zu sein. Und sechstens ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass keine Religion – christlich oder anderweitig – beanspruchen darf, das Göttliche lückenlos und perfekt zu verstehen, und keine religiöse Organisation, auch wenn sie vorgibt, sich im Besitz der endgültigen Offenbarung Gottes zu befinden, beanspruchen darf, die bekannten Wahrheiten perfekt zu praktizieren – was jeden Überlegenheitsanspruch einer Religion ausschließt und die Religionen anhält, voneinander zu lernen und einander zu korrigieren.

Diese theologischen Grundsätze nehmen der Notwendigkeit und Dringlichkeit der missio ad gentes mit ihrer Ausrichtung auf Bekehrung und Taufe die Schärfe. Missio ad gentes erfolgt nicht mehr aus der Sorge heraus, dass die gentes (Heiden) ohne Bekehrung und Taufe zur ewigen Hölle verdammt sind und dass nichtchristliche Religionen und ihre Anhänger ohne die christliche Offenbarung in Unwissen, Aberglaube und Sittenlosigkeit verharren. Die Geschichte hat gezeigt, dass Christentum und Christen keineswegs stärker gegen diese Fehler und Sünden gefeit sind als nichtchristliche Religionen und ihre Anhänger und – wichtiger noch – dass sich Nichtchristen nicht weniger als Christen durch Heiligkeit auszeichnen.

Diese Missiologie schafft missio ad gentes keineswegs ab, sondern besagt vielmehr, dass missio ad gentes unbeschadet ihrer Notwendigkeit nicht auf Bekehrung und Taufe als Ziel ausgerichtet sein darf. Ganz im Gegenteil: Die Ziele dieser Mission müssen der grundlegenden Realität untergeordnet werden, die der eigentliche Zweck des Wirkens Jesu ist, nämlich das Königreich beziehungsweise die Herrschaft Gottes. Fraglos gibt es eine immanente Einheit zwischen der Herrschaft Gottes und der Kirche, aber die eine darf nicht mit der anderen gleichgesetzt werden. Vielmehr ist die Herrschaft Gottes viel breiter gefasst als die Kirche und findet sich auch dort, wo es die Kirche nicht gibt, mitunter sogar trotz der Kirche, vor allem dann, wenn die Kirche ihren Idealen nicht gerecht wird. Die Kirche ist nicht mehr als das (mehr oder weniger glaubwürdige) Symbol und Instrument (»Sakrament«) der Herrschaft Gottes, der sie sich als ihrem telos unterordnen muss.

Wie müssen vor diesem in religiöser Hinsicht komplexen Hintergrund die Aufgaben und Ziele der christlichen Missionen aussehen? Die Antwort wird in starkem Maß davon abhängen, wie bestimmte Schlüsseltexte des Neuen Testaments in Bezug auf den sogenannten Missionsbefehl ausgewählt und interpretiert werden (beispielsweise Mt 28,19f., Mk 16,15–18, Lk 24,47f.). Vergegenwärtigt man sich die sechs erläuterten theologischen Grundsätze, wird deutlich, dass diese Texte ungeachtet ihrer Auslegung nicht mehr so verstanden werden dürfen, dass die Frohbotschaft allen Völkern und überall verkündet werden muss, um Bekehrung und Taufe zu erreichen. Folglich lässt sich mit diesen Texten auch nicht mehr die Notwendigkeit und Dringlichkeit von Bekehrung und Taufe als Ziele der christlichen Missionen begründen.

Mehr noch: Die gentes dürfen nicht mehr als bloßer Gegenstand und Empfänger der Evangelisierung verstanden werden. Vielmehr sind sie Subjekte ihrer eigenen Evangelisierung, nicht nur in dem Sinne, dass sie aktiv, aus freiem Willen und aus Liebe heraus antworten müssen – und nicht aus Furcht vor der ewigen Verdammnis oder getrieben vom Wunsch nach materiellen und spirituellen Vorteilen –, sondern auch in dem Sinne, dass sie das Ziel (»wofür«) und die Art (»wie«) der Evangelisierung bestimmen.

Vor einer neuen Auslegung von missio ad gentes, vor allem in Asien, muss man sich eines vergegenwärtigen: Trotz der jahrhundertelangen christlichen Mission sind die Christen in Asien nach wie vor eine verschwindend geringe Minderheit. Außer auf den Philippinen sowie in Ost-Timor, Südkorea und Vietnam machen Christen nur einen winzigen Teil der Bevölkerung aus. Das gilt vor allem für die drei bevölkerungsreichsten Länder: China, Indien und Indonesien. Auch wenn aufgeregt von Bekehrungen in riesiger Zahl berichtet wird, vor allem bei den Evangelikalen/Pfingstkirchen in China, sind Massenübertritte von Asiaten zum Christentum äußerst unwahrscheinlich. Der Hauptgrund dafür dürfte darin zu sehen sein, dass es in Asien bereits mehrere heimische Religionen gibt, von denen die meisten fromm praktiziert werden und selbst weltweit missionieren. Dies soll Missionare jedoch nicht abschrecken oder den missionarischen Eifer dämpfen. Man sollte sich dieser Tatsache jedoch bewusst sein. Nur so lässt sich vermeiden, dass Missionare unrealistische Erwartungen wecken und die geringe Zahl von Bekehrungen und Taufen als Beweis für das Scheitern der christlichen Missionen ausgelegt wird.

Dem Umstand Rechnung tragend, dass die gentes das Wofür und Wie der missio ad gentes bestimmen, schlage ich vor, die Präposition ad um zwei weitere Präpositionen zu ergänzen: inter (missio inter gentes) und cum (missio cum gentibus). Inter in missio inter gentes bedeutet unter oder inmitten von: missio inter gentes ist folglich eine wechselseitige Mission zwischen den Missionaren und den gentes. Sowohl die Missionare als auch die gentes »missionieren« (als Akteure) und »werden missioniert« (als Empfänger). Mehr noch: Neben der Wechselseitigkeit zwischen Missionaren und gentes erfolgt Mission gemeinsam. Das heißt missio inter gentes ist gleichzeitig missio cum gentibus. Das impliziert, dass es eine gemeinsame Sache gibt, für die sich sowohl die Missionare als auch die gentes einsetzen und auf die sie gemeinsam hinarbeiten.

Der spanische Jesuit Pater Swami Shub Mananda vor seiner Kirche im Hindu-Stil in Gujarat, Indien. Missionare sind auch Empfänger in dem Volk, in dessen Mitte sie leben und arbeiten.
FOTO: KARL-HEINZ MELTERS

Missio inter gentes als wechselseitige Evangelisierung

In ihrer Missionstätigkeit in Asien (und natürlich auch andernorts) machen die Missionare häufig die Erfahrung, dass sie bei der Evangelisierung der gentes selbst von diesen evangelisiert werden, ja dass der Erfolg ihres Wirkens sogar davon abhängt, wie offen sie dafür sind, von den gentes evangelisiert zu werden. Damit meine ich den Umstand, dass es in nicht wenigen Bereichen des christlichen Lebens Lehren und Praktiken der Religionen und Kulturen der gentes gibt, die Missionare tunlichst übernehmen sollten, um bessere Christen und Missionare zu sein. Das gilt beispielsweise für heilige Schriften, Ethik, Andacht, Spiritualität und Mönchtum.

Die Tugend und Heiligkeit von Menschen, die nicht der eigenen religiösen Tradition und Kultur angehören, zu erkennen und zu feiern, ist keine Erfindung fortschrittlich denkender Missionare. Jesus selbst lebte dies vor. Er pries den Aussätzigen aus Samarien, der als einziger der zehn von ihm geheilten Aussätzigen umgekehrt war, um ihm zu danken (Lk 17,17–18). Und er preist einen Samariter als Vorbild für gelebte Nächstenliebe (Lk 10,33–35). Bei Matthäus heißt es, Jesus sei erstaunt über einen »solchen Glauben« eines römischen Hauptmanns gewesen (Mt 8,10). Dass Jesus tatsächlich »erstaunt« war und dies nicht nur vorgab, heißt auch, dass er die Existenz eines solchen Glaubens bei einem goy nicht erwartete. Also offenbarte das glaubenserfüllte Handeln des römischen Hauptmanns Jesus gleichsam, wie universell Gottes rettende Gnade ist. Noch stärker verdeutlicht dies die Geschichte der Kanaaniterin: Durch ihren »großen Glauben« (Mt 15,28) und ihre Beharrlichkeit, mit der sie trotz der barschen, fast beleidigenden Weigerung Jesu, ihre Tochter zu heilen, demütig antwortet, dass selbst »die Hunde (ein abwertender jüdischer Begriff für die goyim, den Jesus selbst verwendete) von den Brotresten bekommen, die vom Tisch ihrer Herren fallen« (Mt 15,27), gelingt es ihr, Jesu Glaube zu ändern, er sei nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Hier ist es die ethnozentrische Auffassung Jesu von seinem Dienst, die von einem Heiden und obendrein von einer Frau gewandelt wird!

Mit Blick auf das, was Jesus vorlebte, müssen Missionare in Asien in ihrem Wirken willens und in der Lage sein, Herz und Hirn dafür zu öffnen, sich geistig und geistlich durch die »umgekehrte Mission« der gentes Asiae wandeln zu lassen. Zugegebenermaßen erschweren ihnen dies die traditionellen Auffassungen von Mission als »Lehre«, »Verkündung«, »Evangelisierung « und »Bekehrung«, wie sie die missio ad gentes- Theologie vermittelt. Sie stellen die Missionare nicht darauf ein, eine Haltung des Zuhörens, des Lernens, des Schweigens und der Demut einzunehmen. Wenn einer mit der festen Überzeugung an einen fremden Ort kommt, nur die eigene Kirche besitze alle Wahrheiten in ihrer ganzen Fülle, und seine vorrangige Aufgabe darin sieht, diese Wahrheiten zu »verkünden«, ganz so, als stünde er auf einer Kanzel oder hinter einem Pult mit einem Megaphon in der Hand, um den unwissenden und sittenlosen gentes wie ein allwissender Professor eine Vorlesung zu halten, und das Ziel seiner Mission darin sieht, sie zu »bekehren«, nimmt es nicht Wunder, dass er die gentes lediglich als Ziel seiner Mission – impliziert durch die Präposition ad – sieht und den Erfolg an der Zahl der Taufen misst.

Stellen wir uns einfach einmal vor, wir würden keine Begriffe mehr verwenden, die überlegenes Wissen und eine hervorragende Moral implizieren – wie »evangelisieren «, »bekehren«, »lehren« und »verkünden« –, um die Ziele und Aufgaben der christlichen Mission zu beschreiben, wie dies in lehramtlichen Texten als Lackmustest für Orthodoxie noch so häufig der Fall ist. Was würden Missionare tun und wie würden sie agieren, wenn sie nach Asien kommen – nicht als Verkünder und Lehrer und Bekehrer und Evangelisierer, sondern als Gäste – und in diesem Fall sogar als ungeladene, ja unerwünschte Gäste, die im Hinblick auf ihr physisches und geistiges Überleben komplett auf die Freundlichkeit und Großzügigkeit der gastgebenden gentes angewiesen sind? Was, wenn wir unseren christlichen Glauben nicht als etwas zu Verkündendes und zu Lehrendes mitbrächten, um die asiatischen gentes zu evangelisieren und zu bekehren, sondern als eine bescheidene Gabe, als ein Zeichen unserer Dankbarkeit für die entgegengebrachte Gastfreundschaft, ein Geschenk, das der Gastgeber ganz nach Belieben annehmen oder ablehnen, nutzen oder ignorieren darf? Was, wenn wir – wie es sich für dankbare Gäste gehört – nicht darauf bestehen, dass die Gastgeber ihrem Glauben abschwören und unseren annehmen, ihre moralischen Normen verwerfen und unsere übernehmen, ihre Rituale ablegen und unsere praktizieren, ihre Religionen aufgeben und sich taufen lassen, um unsere anzunehmen? Stellen wir uns mit Demut im Herzen vor, wir ließen es zu, dass die Glaubensvorstellungen, moralischen Werte, die Arten der Anbetung und die religiösen Zugehörigkeiten unserer Gastgeber uns »lehren«, »verkünden«, »evangelisieren« und »bekehren«, weil es in ihnen tatsächlich Dinge gibt, die von großer, ja größerer Wahrheit als bei uns sind.

Später vielleicht, wenn wir einander kennengelernt und Freundschaft geschlossen haben und uns vertrauen, können wir unsererseits Gastgeber sein und die gentes als geschätzte Gäste in unser spirituelles Heim einladen, das wir ›Kirche‹ nennen. Dann können wir stolz ihre Herrlichkeit und Gemütlichkeit, ihre einladende Atmosphäre und ihre herzliche Gastlichkeit präsentieren. Dann können wir mit unseren Gästen über unseren Glauben und unsere Praktiken sprechen, ihnen unsere Familiengeschichte erzählen, von den alten Hebräern über Jesus bis hin zu uns als seinen Jüngern, mit all unseren Fehlern und Schwächen, und sie einladen, gemeinsam eine größere Familie zu bilden. Dann müssen wir allerdings auch damit rechnen, dass sie als Gäste ebenfalls die Gaben ihres Glaubens und die spirituellen Praktiken mitbringen – die für uns sehr wohl von großem Nutzen sein können oder sich sogar als dringend benötigt erweisen. Auf diese Weise ist unsere Mission nicht mehr ad gentes, sondern inter gentes. Die »Evangelisierer« werden »evangelisiert« und die »Evangelisierten« werden zu »Evangelisierern« – in beiderseitiger Achtung und Wertschätzung, in offener Ehrlichkeit und echter Freundschaft, einander korrigierend, wo nötig, und stets nach größerer Wahrheit und Tugend strebend.

Schwester Damien im Asha Dham Ashram in Udaipur, Indien. Es liegt nahe, Mission als missio cum gentibus zu verstehen, wenn es ihr Ziel ist, das Königreich Gottes zu verwirklichen.
FOTO: FRIEDRICH STARK

Missio cum gentibus – die »Herrschaft Gottes« als gemeinsames Ziel

Mission sollte nicht darauf abzielen, die gentes einfach zu Gliedern unser gegenwärtig existierenden Kirche zu machen – die mit all ihren gegenwärtigen Glaubensvorstellungen, Praktiken und Institutionen noch zu klein und zu eng ist in ihrem strukturellen Aufbau, zu limitiert und provinziell (das heißt westlich und römisch) in ihrer theologischen Ausrichtung, zu unvollkommen und sogar sündig in der institutionellen Führung, um den gentes ein gemütliches Heim bieten zu können. Bevor wir Gäste in unser Heim einladen, müssen wir dieses Heim als gute Gastgeber aufräumen und nett herrichten, ja vielleicht sogar Umbauten vornehmen, um den besonderen Bedürfnissen der Gäste Rechnung zu tragen und dafür zu sorgen, dass sie sich »zuhause« fühlen. Dasselbe gilt für die Kirche – und die gentes müssen uns dabei helfen. Zudem ist es üblich, dass der Gastgeber die Gäste vorher fragt, was sie essen und trinken möchten und was ihnen nicht zusagt. Das müssen wir auch tun, wenn wir die gentes einladen, zur (oder in die) Kirche, unser spirituelles Zuhause, zu kommen: Gibt es etwas, das sie als anstößig oder verletzend empfinden können, etwas, das aufgegeben, geändert oder verbessert werden muss? Auf diese Weise wird unsere Kirche wahrhaftig zum Haus Gottes für alle Menschen. Nur auf diese Weise, so wage ich zu behaupten, lassen sich die eigentlichen Ziele der missio ad gentes erreichen – und noch wirksamer durch eine missio inter gentes. Natürlich ist nicht garantiert, dass die Zahl der Bekehrungen dadurch größer wird. Zweifelsohne wird jedoch die Qualität, das heißt die Tiefe und Authentizität des Glaubens wachsen. Und nicht zuletzt wird die »Kirche« selbst dem von Gott vorgesehenen Ideal näherkommen.

Diese Theologie schließt implizit auch die Auffassung ein, dass Mission ein gemeinsames Unterfangen ist, in das sich sowohl die christlichen Missionare als auch die gentes Asiae einbringen und bei dessen Umsetzung sie sich gegenseitig helfen. Dagegen ließe sich einwenden, es sei naiv, zu erwarten, dass gentes Asiae einen Beitrag zur christlichen Mission leisten. Dieser Einwand greift aber nur, wenn Mission als missio ad gentes begriffen wird. Natürlich kann man von gentes in Asien kaum erwarten, dass sie den Missionaren beim Wachstum der Kirche helfen. Auch ihr Misstrauen und die Ablehnung christlicher Missionen darf man ihnen nicht vorwerfen – zielen diese doch auf etwas ab, das von ihnen als Vernichtung ihrer Religionen durch ihre Bekehrung zum Christentum empfunden wird –, unbeschadet der offiziellen Sprachregelung der katholischen Kirche, nach der »Elemente der Wahrheit und Gnade«, die sich in ihren Religionen finden mögen, zu respektieren seien.

Eine völlig andere Situation ergäbe sich, wenn Mission als missio inter gentes verstanden werden würde. In diesem Fall wäre das Ziel der Mission und die endgültige Bestimmung der Menschheit nicht die Expansion der Kirche, sondern die Verwirklichung des Königreichs Gottes. Diese Zielbestimmung der Mission ist keine neue Erfindung der Theologie. Ganz im Gegenteil: Sie würde Treue zu Jesus bedeuten, denn zweifelsohne machte Jesus selbst die Herrschaft Gottes – und nicht der Kirche – zum Mittelpunkt seines Lebens und Wirkens.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum in Asien missio inter gentes auch missio cum gentibus sein muss. Eingangs sprach ich über die vergleichsweise kleine Zahl von Christen in Asien und die geringe Wahrscheinlichkeit von Massenübertritten der asiatischen gentes zum Christentum. Unter praktischen Gesichtspunkten hieße dies, dass Christen in Asien niemals in der Lage sein würden, wirksam auf die Errichtung von Gottes Herrschaft der Gerechtigkeit, des Friedens und der Versöhnung hinzuarbeiten, ohne dass dabei die gentes mithelfen. »Im Alleingang« wird dies einfach nicht gelingen. Dies gilt vor allem für sozialistischkommunistische Länder (wie China, Vietnam und Nordkorea) und Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit (wie Indonesien und Malaysia), wo den Christen die nötigen Ressourcen fehlen und ihre Missionen starken Beschränkungen unterliegen. Man kann und darf von den gentes zwar nicht erwarten, dass sie bei der Expansion der Kirche mithelfen, man kann sie jedoch ermutigen, mit den Christen auf die Herrschaft Gottes hinzuarbeiten (Vorsicht allerdings mit den Begriffen; bei den Buddhisten beispielsweise wird Gott nicht einmal erwähnt) – durch Förderung von Gerechtigkeit und Frieden, Versöhnung und Liebe.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Herrschaft Gottes erfordert heute dringlicher denn je Missionen. Ihre wirksame Gegenwart außerhalb der sichtbaren Grenzen der Kirche unter den »Heiden« in deren Leben, Kulturen und Religionen lässt die missio ad gentes, deren Ziele nach traditionellem Verständnis die Bekehrung und Taufe sind, jedoch zu einer missio inter gentes und missio cum gentibus werden. Und bei diesen Missionen sind Christen und »Heiden« gleichzeitig Evangelisierende und Evangelisierte – in wechselseitiger Missionierung und Bekehrung.

PETER C. PHAN
Inhaber des Ignacio Ellacuría Chair of Catholic Social Thought an der Georgetown University in Washington
Übersetzung: Jürgen Waurisch

Literatur:

  • David Bosch, Mission im Wandel. Paradigmenwechsel in der Missionstheologie, Gießen 2012.
  • Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris Missio über die fortdauernde Gültigkeit des missionarischen Auftrages, 7. Dezember 1990 (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 100), Bonn 1991.
  • Jonathan Y. Tan, Christian Mission among the Peoples of Asia (American Society of Missiology Series Nr. 50), Maryknoll 2014. Der Artikel ist eine gekürzte Fassung eines Beitrags in Klaus Krämer/Klaus Vellguth (Hrsg.), Evangelisierung – Die Freude des Evangeliums miteinander teilen (ThEW 9), Freiburg i. Br. 2015.

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