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Mission Barmherzigkeit

Herausforderungen für die Kirche in Indien

von SHAJI GEORGE KOCHUTHARA

Wie können Christen von Barmherzigkeit reden in einem Land, das von zahlreichen sozialen Spannungen geprägt ist? Sie können es nur, wenn sie die Barmherzigkeit in Beziehung setzen zur gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Die St.-Francis-Kirche in Suwar, Uttar Pradesh, Indien. Christen sind in Indien eine Minderheit. Dennoch überlegen sie, wie sie die Botschaft der Barmherzigkeit Gottes an Menschen anderer Glaubensrichtungen weitergeben können.
FOTO: FRIEDRICH STARK

Barmherzigkeit ist von größter Wichtigkeit in jedem Kontext und zu jeder Zeit. In diesem Artikel werden wir unter dem Blickwinkel von Misericordiae vultus, der Verkündigungsbulle des außerordentlichen Jubiläums der Barmherzigkeit von Papst Franziskus, über die Bedeutung dieses Jubiläums der Barmherzigkeit nachdenken und dabei besonders auf die aktuelle Situation in Indien eingehen.Wir werden zunächst einen Überblick über die wichtigen Empfehlungen des Papstes geben und anschließend auf den Kontext Indiens übertragen, wobei wir davon ausgehen, dass Barmherzigkeit der Auftrag ist, den die Kirche gegen alle Widrigkeiten mit Entschlossenheit und Treue übernehmen und voranbringen soll.

Was verlangt Barmherzigkeit?

Papst Franziskus betont, dass Barmherzigkeit die Grundlage der Beziehungen zwischen Gott und den Menschen und der persönlichen Beziehungen der Menschen untereinander ist (Misericordiae vultus 2). In den Augen von Franziskus wird das Heilige Jahr eine besondere Gelegenheit sein, »die tröstende Liebe Gottes [zu] erfahren, welcher vergibt und Hoffnung schenkt« (MV 3). Es sollte ausdrücklich festgehalten werden, dass das Heilige Jahr am 8. Dezember 2015 beginnt, dem 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Vatikanischen Konzils, so dass die Kirche daran erinnert wird, wie wichtig es ist, die vom Konzil propagierten Werte lebendig zu erhalten und sich insbesondere als »sehr liebevolle […] Mutter aller« zu erweisen (MV 4).

Gottes Barmherzigkeit wird durch seine Liebe, Vergebung und die Heilung ausgedrückt, die er all denen anbietet, die krank oder gebrochenen Herzens sind. Nachdem der Papst zunächst auf Passagen des Alten Testaments Bezug nimmt, die Gottes Barmherzigkeit beschreiben, geht er auf die Evangelien ein, um zu zeigen, dass Jesus die Verkörperung von Barmherzigkeit und Mitleid ist: »Seine Zeichen, gerade gegenüber den Sündern, Armen, Ausgestoßenen, Kranken und Leidenden, sind ein Lehrstück der Barmherzigkeit. Alles in Ihm spricht von Barmherzigkeit. Nichts in Ihm ist ohne Mitleid« (MV 8). Als Kommentar zum Gleichnis des »unbarmherzigen Knechts« meint Franziskus, dass Jesus durch dieses Gleichnis zeigt, dass »Barmherzigkeit nicht nur eine Eigenschaft des Handelns Gottes ist. Sie wird vielmehr auch zum Kriterium, an dem man erkennt, wer wirklich seine Kinder sind« (MV 9). Der Papst betont, dass die Kirche den Auftrag hat, die Barmherzigkeit Gottes zu verkünden, und führt aus: »Wo die Kirche gegenwärtig ist […], das heißt überall wo Christen sind, muss ein jeder Oasen der Barmherzigkeit vorfinden können« (MV 12).

Barmherzigkeit ist kein bloßes Gefühl oder eine oberflächliche Empfindung, sondern eine grundlegende Geisteshaltung und tiefgreifende Grundeinstellung, die uns auffordert, uns selbst »leiblichen und geistigen Werke[n]« hinzugeben. Der Papst freut sich auf die Erfahrung, »wie es ist, wenn wir unsere Herzen öffnen für alle, die an den unterschiedlichsten existenziellen Peripherien leben, die die moderne Welt in oft dramatischer Weise hervorbringt«. Barmherzigkeit verlangt eine vorrangige Option für die Armen, denn: »Wie viele prekäre Situationen und wie viel Leid gibt es in unserer Welt! Wie viele Wunden sind in das Fleisch so vieler Menschen gerissen, die keine Stimme mehr haben, weil ihr Schrei, aufgrund der Teilnahmslosigkeit der reichen Völker, schwach geworden oder gar ganz verstummt ist« (MV 15).

Barmherzigkeit geht über die Forderung nach Gerechtigkeit als bloßer Einhaltung des Rechts hinaus. Barmherzigkeit ist jedoch nicht gegen Gerechtigkeit gerichtet, vielmehr verlangt Barmherzigkeit die Erfüllung von Gerechtigkeit.

Kurzum, das Heilige Jahr der Barmherzigkeit lädt uns ein, die Liebe, die Barmherzigkeit und das Mitleid Gottes noch tiefer zu erfahren, Jesus als das barmherzige Antlitz Gottes des Vaters zu entdecken und zu jedem barmherzig zu sein, insbesondere zu den Armen und Ausgestoßenen. Barmherzigkeit ist der neue Evangelisierungsauftrag, den wir in dieser Welt zu verwirklichen aufgerufen sind. Barmherzigkeit verlangt Gerechtigkeit.

Ein Slum in Ranchi, Jharkhand, Indien. Auf dem Subkontinent leben Millionen von Menschen wortwörtlich an den existentiellen Peripherien der Gesellschaft.
FOTO: MISSIO

Barmherzigkeit in Indien

Barmherzigkeit und Mitleid sind fundamentale Werte und Tugenden in allen Religionen. In der indischen Tradition stehen »Daya« und »Karuna« für Barmherzigkeit/Mitleid. Buddhismus und Hinduismus messen »Daya« und »Karuna« große Bedeutung bei. Diese Begriffe sind im Zusammenhang mit Freundlichkeit und Liebe zu verstehen und schließen den Wunsch und die Anstrengungen ein, andere von Leid zu befreien. Im Hinduismus wird Mitleid als eine der drei Kardinaltugenden verstanden. Auch ist bemerkenswert, dass Mitleid im Zusammenhang mit ahimsa (Gewaltlosigkeit) zu verstehen ist. Mahatma Gandhi sprach für gewöhnlich von satya (Wahrheit), ahimsa (Gewaltlosigkeit) und karuna (Mitleid) nicht nur als Mittel der politischen Befreiung, sondern auch der persönlichen und sozialen Befreiung. Mitleid ist nicht nur eine passive Tugend, sondern bedeutet, aktiv etwas zu tun, um das Leiden anderer zu lindern.

In Indien sind Christen mit nur 2,5 Prozent der Bevölkerung in der Minderheit, nur 1,5 Prozent der Inder sind katholischen Glaubens. In einigen Regionen Indiens sind Christen stark vertreten, zum Beispiel in Kerala, Mangalore, Goa und im Nordosten Indiens. Wenn wir über die Bedeutung der Barmherzigkeit für die Kirche in Indien nachdenken, ist es angebracht, nicht nur zu überlegen, wie Christen die Barmherzigkeit Gottes erfahren können, sondern auch zu bedenken, wie Christen die Botschaft der Barmherzigkeit Gottes an Menschen anderer Glaubensrichtungen weitergeben können.

Barmherzigkeit als Vergebung und Versöhnung

Eine der wichtigsten Botschaften des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit besteht darin, denen, die unter der Last der Sünde leben, zu helfen, das barmherzige Antlitz Gottes zu sehen. Sünder und Sünderinnen sehen sich selbst als unwürdig an, sich Gott zu nähern, und daher ist es die Aufgabe der Kirche, in ihnen die Hoffnung und das Vertrauen in die Barmherzigkeit und Vergebung Gottes zu wecken. Der sakramentale Dienst der Kirche und insbesondere das Sakrament der Versöhnung sollten entsprechend ausgerichtet sein. Der Priester sollte sich selbst nicht als Richter verstehen, sondern als jemand, der es seinen Brüdern und Schwestern leichter macht, die Barmherzigkeit Gottes zu erfahren.

Obwohl wir über die Barmherzigkeit Gottes sprechen, geschieht es nicht selten, dass die Kirche zu sehr an Vorschriften klebt und sich so selbst hindert, ein Zeichen der Barmherzigkeit und des Mitleids Gottes zu sein. Unnötiger Legalismus, Rigidität in der Auslegung von Regeln und Vorschriften, Institutionalisierung etc. entfernen die Menschen von der Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes. Wie Christen Barmherzigkeit, Mitleid, Akzeptanz, Gastfreundschaft und Großzügigkeit innerhalb der Kirche erleben, ist für den Evangelisierungsauftrag in Indien wichtig. Dies beinhaltet auch, dass diejenigen, die sich selbst aus verschiedenen Gründen als Sünder sehen, das barmherzige Antlitz Gottes in der Gestalt der Kirche erkennen können und eine herzliche Aufnahme, Verständnis und Akzeptanz erfahren. Als menschliche Gesellschaft braucht die Kirche zwar Regeln und Vorschriften, aber die Kirche sollte aufpassen, dass sie nicht zum Hindernis für Menschen wird, die Barmherzigkeit Gottes zu erfahren.

Die Erfahrung der Barmherzigkeit und Vergebung Gottes ruft uns auf, anderen zu vergeben und ihnen barmherzig zu begegnen, ob sie nun Christen sind oder nicht. In den letzten Jahren und insbesondere in den letzten Monaten haben in Indien Konflikte, Hassreden und Gewalt im Namen der Religion zugenommen. Auch wenn es gelegentlich Probleme zwischen den Religionen gab, so hat die indische Gesellschaft doch in der Vergangenheit versucht, Frieden und Harmonie zwischen den Religionen zu bewahren. Aber in den letzten Monaten haben Konflikte zwischen den Religionen insbesondere wegen politischer Parteien, die durch kommunale Kräfte und religiöse Fundamentalisten an die Macht gekommen sind, zugenommen und sogar zur Tötung unschuldiger Menschen geführt. Beispielsweise wurde am 28. September 2015 in Uttar Pradesh in einem Dorf namens Dadri der 50-jährige Muslim Mohammad Akhlaq getötet und seine Familie von einem von Fundamentalisten angeführten Hindu-Mob brutal verprügelt, nachdem es Gerüchte gab, Akhlaq und seine Familie hätten eine Kuh getötet und das Fleisch in ihrem Haus aufbewahrt. (Hindus halten Kühe für heilig; in einigen Staaten Indiens ist das Schlachten von Kühen gesetzlich verboten.) Viele solcher Ausbrüche von Intoleranz und Gewalt sowie Tötungsdelikte sind in den letzten Monaten zu verzeichnen, insbesondere seit der letzten Parlamentswahl, bei der die Bharatiya Janata Party (Indische Volkspartei) an die Macht gekommen ist. Den Christen, die 2008 in Kandhamal im Bundesstaat Odisha (früher Orissa) angegriffen wurden, ist immer noch keine Gerechtigkeit widerfahren, sondern sie werden auf verschiedenste Weise verfolgt. Zahlreiche Übergriffe auf Christen und ihre Einrichtungen sind in den letzten Jahren zu beobachten. Man muss solche Angriffe und Gewaltausbrüche anprangern. Aber es ist auch wichtig, daran zu erinnern, dass die Beziehungen zwischen den verschiedenen Religionen aus unterschiedlichsten Gründen tiefgreifend gestört sind und die Herzen vieler Menschen voll sind von Intoleranz, Hass und Rachsucht. Nur der Geist der Vergebung und Versöhnung kann die Wunden des Hasses und der Rachsucht heilen. In einem wahren christlichen Geist sollten auch die Verursacher solcher Gewalttaten eingeladen sein, das Mitleid und die Vergebung Gottes zu erfahren. Egal, ob diese Einladung angenommen wird oder nicht, Christen, die an die bedingungslose und grenzenlose Barmherzigkeit und Vergebung Gottes glauben, sollten jeden zu dieser Erfahrung der Versöhnung und Vergebung einladen, die von der Barmherzigkeit verlangt wird.

Ein Brunnen im Chunnawala Village in Uttar Pradesh, Indien. Für große Teile der indischen Gesellschaft ist Wasser nur schwer zugänglich und ein knappes Gut. Schuld daran ist Korruption, die die Armen der Mittel beraubt, die nötig sind, um ihre grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen.
FOTO: FRIEDRICH STARK

Barmherzigkeit gegenüber den Armen

Papst Franziskus’ Einladung ist ermutigend: »Öffnen wir unsere Augen, um das Elend dieser Welt zu sehen, die Wunden so vieler Brüder und Schwestern, die ihrer Würde beraubt sind. Fühlen wir uns herausgefordert, ihren Hilfeschrei zu hören. Unsere Hände mögen ihre Hände erfassen und sie an uns heranziehen, damit sie die Wärme unserer Gegenwart, unserer Freundschaft und unserer Brüderlichkeit verspüren. Möge ihr Schrei zu dem unsrigen werden und mögen wir gemeinsam die Barriere der Gleichgültigkeit abtragen, der wir gerne freie Hand geben, um unsere Heuchelei und unseren Egoismus zu verbergen!« (MV 15)

In meinen Augen ist diese Einladung für die Situation Indiens besonders wichtig, wo Millionen von Menschen an den existenziellen Peripherien der Gesellschaft leben. Obwohl Indien als Schwellenland mit einer aufstrebenden Wirtschaft gilt, leben mehr als 30 Prozent der Inder immer noch unterhalb der Armutsgrenze. Dies bedeutet, dass mehr als 350 Millionen Inder unterhalb der Armutsgrenze leben. Anderen Statistiken zufolge leben sogar mehr als 40 Prozent der Inder unterhalb der Armutsgrenze. Die Armutsgrenze liegt in der Stadt bei 32,5 Indischen Rupien (INR) und auf dem Land bei 29,3 INR, wobei 1 Euro mehr als 70 Rupien ist. Folglich müssen mindestens 350 Millionen Menschen von weniger als 50 Cent pro Tag leben! Armut ist nicht auf einen bestimmten Bundesstaat oder eine Region beschränkt, auch wenn einige Regionen besonders betroffen sind. Solange die Hungrigen nicht genug zu essen, Kleidung und ein Dach über dem Kopf haben, wie können sie die Barmherzigkeit und das Mitleid Gottes erfahren? Den Hungrigen erscheint Gott in Form von Brot! Wenn wir nichts gegen die Leiden der Armen tun, bleiben alle Reden über einen barmherzigen Gott leere Worte für sie.

Aktuell ist die internationale Migration kein großes Thema in Indien. Interne Wanderungsbewegungen nehmen jedoch zu. Zahlreiche Menschen aus armen, unterentwickelten Regionen, Bauern, die ihr Land oder ihre Ernte verloren haben, ziehen in Massen in die reicheren Bundesstaaten und Städte. Oft werden sie diskriminiert und ausgebeutet. Sie werden in ihrer neuen Umgebung, in der sie leben und arbeiten, nicht integriert; außer als Arbeitskräfte sind sie nicht willkommen. Vorurteile und Vorbehalte gegenüber Migranten sind weit verbreitet. Beispielsweise wandern zahlreiche Menschen aus Bihar, Jharkhand, Westbengalen und anderen Bundesstaaten im Nordosten Indiens in die südindischen Bundesstaaten und die großen Städte ab. Oft sind sie gezwungen, unter ungesunden und unmenschlichen Bedingungen zu leben. Gastfreundschaft gegenüber Fremden und insbesondere Migranten ist eine wesentliche Dimension von Mitleid und Barmherzigkeit. Die Kirche sollte zunehmend konkrete Schritte einleiten, um die Gastfreundschaft gegenüber Migranten zu fördern, so dass sie die Liebe, das Mitleid und die Barmherzigkeit Gottes erfahren können.

Barmherzigkeit und Gerechtigkeit

Wie bereits gesagt, verlangt Barmherzigkeit Gerechtigkeit; Gerechtigkeit ist eine Vorbedingung für Barmherzigkeit. »Unter Gerechtigkeit versteht man auch, dass einem jeden das gegeben werden muss, was ihm zusteht« (MV 20). Jesus kritisierte die Pharisäer und Sadduzäer, die für sich in Anspruch nahmen, gerecht zu sein, da sie das Gesetz erfüllten, dabei aber Liebe und Barmherzigkeit als die Grundlage der Gerechtigkeit missachteten. Gleichzeitig können wir nicht über Barmherzigkeit sprechen, wenn wir nicht für Gerechtigkeit sorgen. Die Armen, denen ein Auskommen und ihre Grundrechte verwehrt werden, Menschen, deren Würde und Gleichberechtigung verletzt werden, Menschen, die ausgebeutet werden, Menschen, die Opfer von Korruption sind – solange ihnen keine Gerechtigkeit widerfährt, können sie niemals die Barmherzigkeit Gottes erfahren. Liebe und Barmherzigkeit Gottes erscheinen ihnen vor allem in Form von Gerechtigkeit. Während Papst Franziskus betont, dass Barmherzigkeit nicht im Namen des Legalismus verweigert werden sollte, stellt er klar, dass Korruption, das Vorenthalten von Gerechtigkeit und die Verletzung der Menschenwürde, insbesondere der Armen, den Idealen von Barmherzigkeit und Mitleid widerspricht.

Das Kastensystem ist in Indien zwar gesetzlich verboten, in der Praxis existiert es aber weiter. Unberührbare (Dalits), Ureinwohner (Adivasis) und Menschen niedriger Kasten werden diskriminiert. Auch in jüngster Zeit gab es organisierte Verbrechen gegen Unberührbare. Das Kastensystem ist eine Narbe der indischen Gesellschaft, durch die Millionen von Menschen Gerechtigkeit und Gleichberechtigung verwehrt wird. Rechtsgerichtete Fundamentalisten unterstützen nach wie vor direkt oder indirekt das Kastensystem. Für die Unberührbaren bedeuten Barmherzigkeit und Mitleid in erster Linie die Anerkennung ihrer unveräußerlichen menschlichen Würde und Gleichheit.

Ein Bauer in Baruipur, Westbengalen, Indien. Tausende Bauern haben in den vergangenen Jahren Selbstmord begangen, weil sie ohne Entschädigung von ihrem Land vertrieben wurden. Ohne Gerechtigkeit können diese Menschen keine Barmherzigkeit erfahren!
FOTO: MISSIO

Krebsgeschwür Korruption

Die schönen Reden der Politiker über Entwicklung haben nicht dazu geführt, die Korruption in Indien einzudämmen. Die enge Verbindung zwischen Politikern, Bürokraten und Unternehmern fördert und schützt eher die Kultur der Korruption. Im Korruptionswahrnehmungsindex (Corruption Perceptions Index) 2014 liegt Indien nur auf Rang 85, was darauf hindeutet, dass Korruption weiterhin grassiert. Korruption ist das Krebsgeschwür der indischen Gesellschaft, das deren Lebensgrundlage von oben nach unten auffrisst. Von lokalen Politikern zu Bundesministern, von Tagelöhnern zu Bürokraten in Spitzenpositionen, Polizeibeamten, Rechtsanwälten, Richtern, nahezu jeder ist durch Korruption verdorben. Ohne Schmiergeld ist es fast unmöglich, irgendetwas zu erreichen. Nicht nur die Politik und die öffentliche Verwaltung, sondern auch Dienstleistungsbereiche wie das Gesundheits- und Bildungswesen, Nichtregierungsorganisationen, Sport und Unterhaltungsindustrie usw. sind verdorben von Korruption. Sogar private Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser und andere Gesundheitseinrichtungen sowie IT-Unternehmen etc. sind nicht frei von Korruption. Korruption ist zu einem gewöhnlichen Lebensstil geworden.

Korruption ist ein Verbrechen. Korruption untergräbt das Ideal der universellen menschlichen Solidarität, die zum Aufbau einer besseren Welt notwendig ist. Daher wirkt die Korruption als menschenfeindliche Macht, die Ungleichheiten in der menschlichen Gesellschaft erzeugt. Korruption vergrößert die Kluft zwischen Arm und Reich: die Mächtigen werden noch mächtiger, die Reichen noch reicher, die Schwachen werden noch schwächer, die Armen noch ärmer. So fördert Korruption anstatt Solidarität den Zerfall der menschlichen Gesellschaft. Korruption betrifft alle, aber die am schlimmsten Betroffenen sind die Armen. Was Papst Franziskus in Misericordiae vultus über Korruption sagt, darf nicht außer acht bleiben: »Diese schwärende Wunde der Gesellschaft ist eine schwere himmelschreiende Sünde, denn sie untergräbt das Fundament des Lebens des Einzelnen und der Gesellschaft. Die Korruption nimmt Menschen die Hoffnung auf die Zukunft, denn in ihrer Rücksichtslosigkeit und Gier zerstört sie die Zukunftspläne der Schwachen und erdrückt die [Ärmsten der] Armen« (MV 19). In einer seiner morgendlichen Predigten prangerte Papst Franziskus »den korrupten Politiker, den korrupten Geschäftemacher und den korrupten Kleriker« an: »Alle drei fügten Unschuldigen Schaden zu, den Armen; denn die Armen sind es, die das Fest der Korrupten bezahlen! Die Rechnung geht an sie.« Durch Korruption werden die Armen der Mittel beraubt, ihre grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen.

Richter N. Santosh Hegde, eine der unbeugsamen Gallionsfiguren der Anti-Korruptions-Bewegung in Indien, sagt über ein herzzerreißendes Zeitungsfoto: »Vor etwa einem Jahr veröffentlichte eine landessprachliche Zeitung ein Foto aus Karnataka, auf dem ich eine Frau sah, die mit einem Topf neben sich auf dem Boden saß und mit den Fingern über die Oberseite kratzte; im Artikel unter dem Foto war zu lesen, dass sie hoffe, einen Topf Wasser zu bekommen, und für diesen Topf Wasser müsse sie vier Kilometer weit laufen und dann die vier Kilometer wieder nach Hause laufen und ihre ganze Familie müsse mit diesem einen Topf Wasser auskommen. Es sind fast 65 Jahre vergangen, seit wir unabhängig geworden sind, und fast 61 Jahre, seit wir die Demokratie eingeführt haben, und dann so ein Foto zu sehen und die Bildunterschrift zu lesen, ist wirklich herzzerreißend.«

Warum passiert so etwas in Indien? Schuld daran ist einzig die Korruption. Hegde erinnert daran, was Rajiv Gandhi 1988 gesagt hat, nämlich dass von einer Rupie, die die Regierung für die Armen ausgibt, nur 15 Paise bei ihnen ankommen. Nicht nur Essen, Wasser und Unterkunft, sondern auch andere grundlegende Dinge wie Bildung und Gesundheitswesen sind für die Armen wegen der Korruption unerreichbar. Korruption enthält den Armen die Wohltaten der wirtschaftlichen Entwicklung vor. Korruption begünstigt ungerechter- und unrechtmäßigerweise diejenigen, denen solche Vergünstigungen gesetzlich oder moralisch gar nicht zustehen. Dadurch berauben sie die Armen ihrer rechtmäßigen Privilegien. Globalisierung und Neoliberalismus haben der Korruption neue Erscheinungsformen gegeben. Nach einer von Global Financial Integrity (GFI), einem internationalen Interessenverband, veröffentlichten Studie hat die Korruption in Indien nach der Liberalisierung beträchtlich zugenommen. Laut diesem Bericht hat die Regierung von 2002 bis 2006 16 Milliarden US-Dollar (720 Milliarden INR) pro Jahr verloren. Obwohl Globalisierung nicht die Ursache von Korruption ist, kann festgehalten werden, dass die Globalisierung zur Globalisierung der Korruption und ihrem Wiedererstarken geführt hat. Leider werden viele multinationale Unternehmen, die Transparenz und ethische Praktiken in ihren Heimatländern propagieren, zu Kollaborateuren der Korruption, wenn sie Tochterunternehmen in Ländern wie Indien gründen. Profit um jeden Preis wird zur einzigen Norm!

Die »Mission der Barmherzigkeit« verlangt von uns, nicht nur denen nahe zu sein, die unter der Korruption leiden, sondern auch gegen das Übel der Korruption zu kämpfen, so dass Menschen und insbesondere die Armen die Gegenwart eines gerechten und barmherzigen Gottes erfahren können.

Schneiderinnen im Janata Colony-Slum, Delhi, Indien. Obwohl Frauen und Männer vor dem Gesetz gleich sind, werden Frauen weiterhin oft als minderwertig angesehen. Verbrechen gegen Frauen haben in den letzten Jahren in Indien beträchtlich zugenommen.
FOTO: FRIEDRICH STARK

Ungerechtigkeit im Agrarsektor

Aufgrund der neoliberalen Wirtschaftspolitik, die nur multinationale und große Unternehmen unterstützt, hat die Landwirtschaft stark gelitten. Die Anbauflächen von Kleinbauern werden enteignet, um Sonderwirtschaftszonen (Special Economic Zones) zu bilden, ohne die Bauern angemessen zu entschädigen oder anderweitig in die Gesellschaft einzugliedern. Seit Subventionen gekürzt oder gestrichen werden, müssen viele Bauern die Landwirtschaft aufgeben. In den letzten Jahren haben tausende Bauern Selbstmord begangen. Angeblich haben sich in den letzten 10 Jahren allein in Gujarat, dem Bundesstaat, der oft als Entwicklungsmodell dargestellt wird und den der derzeitige Premierminister als Chief Minister 15 Jahre lang regiert hat, mehr als 16.000 Bauern das Leben genommen. Dazu kommen noch tausende Bauern, die in Bihar, Uttar Pradesh, Karnataka, Andhra und Kerala Selbstmord begingen! Um Schulden aufgrund von Ernteausfällen, gestiegenen Kosten oder zurückgegangenen Erträgen und Landverlust zu entgehen, sehen sie keinen anderen Ausweg als Selbstmord! Seit die derzeitige Regierung, die unaufhörlich von Entwicklung spricht, an die Macht gekommen ist, hat sich das Elend der Bauern noch verschlimmert und die Zahl der Bauern, die Suizid begehen, ist beträchtlich gestiegen.

Übersehen dürfen wir auch nicht die Adivasis, die wahre indigene Bevölkerung Indiens, deren Land für den Bergbau, für große Firmen zwangsenteignet wurde. Diese Menschen, in deren Besitz dieses Land für mehr als hunderte oder tausende von Jahren war, sind jetzt ohne Grundbesitz. Dabei müssen wir uns auch vor Augen halten, dass die Identität der Adivasis untrennbar mit ihrem Land verbunden ist. Ihnen ihr Land wegzunehmen, bedeutet, sie ihrer Identität zu berauben und sie zu einem Volk ohne Gesicht zu machen.

Können die Bauern und die Adivasis die Barmherzigkeit Gottes erfahren, solange nicht ihre Würde wiederhergestellt und ihnen Gerechtigkeit widerfahren ist? Es ist wichtig, daran zu erinnern, was Solidarität meint: von Barmherzigkeit durchdrungene Gerechtigkeit zu garantieren. Wie Papst Franziskus auf seiner Lateinamerikareise in Paraguay sagte: »Ein Glaube ohne Solidarität ist ein Glaube ohne Christus, ein Glaube ohne Gott, ein Glaube ohne Geschwister«.

Gerechtigkeit für Frauen

Geschlechtergerechtigkeit ist eine andere wichtige Dimension von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Verbrechen gegen Frauen, insbesondere sexuelle Gewalt gegen Frauen, Vergewaltigung minderjähriger Mädchen oder gar von Kindern, haben in den letzten Jahren beträchtlich zugenommen. Jeden Tag werden viele Geschichten von Vergewaltigungen oder Gruppenvergewaltigungen publik. Häusliche Gewalt, Gewalt aus Gründen der Mitgift, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz etc. sind auf dem Vormarsch. Die geschätzte Zahl der Mitgiftmorde in Indien liegt bei mehr als 25.000 jährlich. Laut offiziellen Statistiken gibt es jedes Jahr 2.500 Brautverbrennungen. Inoffizielle Schätzungen gehen jedoch von mehr als 25.000 Fällen von Brautverbrennungen jährlich aus. Noch mehr Frauen bleiben nach einem Mordversuch verstümmelt oder vernarbt zurück. Obwohl die Mitgift in Indien gesetzlich offiziell verboten ist, lässt sich in den letzten Jahrzehnten ein stetiger Anstieg bei den Fällen von Gewalt wegen der Mitgift beobachten – mit einer Zuwachsrate von 10 bis 15 Prozent jährlich.

Die selektive Abtreibung weiblicher Föten ist laut einiger Studien der Grund für das Fehlen von bis zu 12 Millionen Mädchen in Indien in den letzten 30 Jahren. Einige Studien gehen sogar von bis zu 35– 40 Millionen abgetriebener weiblicher Embryonen in Indien aus. Obwohl Frauen und Männer vor dem Gesetz gleich sind, werden Frauen weiterhin oft als minder- wertig angesehen. Ich glaube nicht, dass Frauen in der Kirche gerecht behandelt werden und gleichgestellt sind.

Nur wenn Gerechtigkeit gewährleistet ist, wird die Erfahrung von Barmherzigkeit und Mitleid für Frauen Wirklichkeit werden, denen die Gleichwertigkeit abgesprochen wird und deren Würde und Rechte verletzt werden.

Die Worte von Papst Franziskus sollten uns die Augen öffnen: »Dieses Heilige Jahr bringt den Reichtum der Sendung Jesu mit sich, so wie es in den Worten des Propheten anklingt: den Armen ein Wort und eine Geste des Trostes bringen, denen, die in den neuen Formen der Sklaverei der modernen Gesellschaft gefangen sind, die Freiheit verkünden, denen die Sicht wiedergeben, die nicht mehr sehen können, weil sie nur noch auf sich selbst schauen, denen die Würde zurückgeben, denen man sie geraubt hat« (MV 16).

»Missionare der Barmherzigkeit« zu sein, das heißt den »Auftrag der Barmherzigkeit« zu erfüllen, bedeutet zuallererst, Liebe, Mitleid und Barmherzigkeit Gottes zu erfahren und diese Erfahrung mit allen, die wir treffen, zu teilen und jede Situation durch diese Erfahrung der Barmherzigkeit zu verändern. Regeln und Strukturen sollten niemanden von der Erfahrung der Barmherzigkeit und des Mitleids Gottes abhalten. Die Kirche als Gemeinschaft und alle Christen sollten zu »Missionaren der Barmherzigkeit« werden und jeden zur Vergebung und Barmherzigkeit Gottes des Vaters einladen, der seine mitfühlende Liebe und seine Barmherzigkeit in seinem Sohn Jesus Christus so wunderbar offenbart hat. In einer multireligiösen, multikulturellen Gesellschaft hat die christliche Gemeinschaft auch den Auftrag zu Versöhnung, Frieden und Harmonie, um alle in die barmherzige Umarmung Gottes einzuladen und einzuschließen. Barmherzigkeit verlangt ebenfalls Gerechtigkeit, insbesondere für die Armen, Ausgestoßenen und diejenigen, die an den »existentiellen Peripherien der Gesellschaft« leben. Lasst uns die Barmherzigkeit Gottes tiefer erfahren! Lasst uns zu »Missionaren der Barmherzigkeit« werden!

SHAJI GEORGE KOCHUTHARA CMI
Professor für Moraltheologie, Dharmaram Vidya Kshetram, Bangalore, Indien

Übersetzung: Robert Bryce

Ausgabe 1/2016

WEITERE INFORMATIONEN

Zur Korruption in Indien siehe Link und Link

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