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Barmherzigkeit geht zu Fuß

Eine indische Begegnung im Rheinland

von STEFAN VOGES

Schwester Prema Packumala ist seit 2014 Generaloberin der »Genossenschaft der Cellitinnen nach der Regel des hl. Augustinus«. Die 72-Jährige ist die zweite Inderin, die mit der Gesamtleitung der Kongregation betraut ist. Diese Aufgabe hat sie nach Deutschland geführt, nach Königswinter im Rheinland. Von dort aus betreut Schwester Prema nun die deutsche und die indische Provinz des Ordens, der 1838 in Köln gegründet wurde und Aufgaben in der Krankenpflege sowie im Erziehungs- und Bildungsbereich übernimmt. Forum Weltkirche hat Schwester Prema in Königswinter besucht und mit ihr über Barmherzigkeit gesprochen, über persönliche Erfahrungen, über Eindrücke aus Indien und Deutschland und über Impulse von Papst Franziskus.

Schwester Prema Packumala ist seit 2014 Generaloberin der »Genossenschaft der Cellitinnen nach der Regel des hl. Augustinus« und betreut von Königswinter aus die deutsche und die indische Provinz des Ordens.
FOTO: VOGES

Schwester Prema, wo erleben Sie hier in Deutschland Barmherzigkeit?

»Ich arbeite hier im Altenheim und erlebe, dass die Leute sehr hilfsbereit sind. Wenn jemand im Rollstuhl sitzt oder gehbehindert ist, gibt es immer eine helfende Hand. Hier wird den älteren Menschen von der jüngeren Generation viel geholfen. Bei uns in Indien kommen die älteren Menschen gar nicht raus, sie sind meistens zuhause. Auf der Straße sind sie nur, wenn sie Bettler sind.«

Gibt es also in Indien mehr Möglichkeiten, barmherzig zu sein?

»Man kann immer helfen. Vielleicht zeigen sich in Indien mehr offensichtliche Möglichkeiten, aber es gibt sie auch in Deutschland. Wenn sie zu den Menschen hingehen, wenn sie sie hören, dann verstehen sie, welche Schwierigkeiten es hier in Deutschland gibt. Mir erscheint zum Beispiel das Familienleben in Deutschland nicht so sicher, so verlässlich. Ich kenne viele Menschen, die geschieden sind oder in Trennung leben. Aber auch in Indien gibt es jetzt mehr Scheidungen, besonders unter den Gebildeten.«

Die Armen sind »die Bevorzugten der göttlichen Barmherzigkeit«, schreibt Papst Franziskus (MV 15). Was heißt das für die Kirche?

»In Indien ist die Kirche bei den Armen, das ist immer so gewesen und es ist immer noch so. Aber die Kirche hat beide Seiten, Arme und Reiche. Und Barmherzigkeit brauchen nicht nur die Armen, weil sie arm sind und ihnen notwendige Dinge fehlen. Barmherzigkeit verstehe ich anders: Barmherzigkeit braucht der Mensch, wenn er in Not ist, egal in welcher Hinsicht. Auch reiche Menschen können arm sein, nicht in materiellen Dingen, aber in ihrer Lebensweise. Wie geht es ihnen in ihren Familien, mit Vater und Mutter, mit ihren Kindern, mit den älteren Menschen? Da, wo man helfen kann, ist die Barmherzigkeit.«

Papst Franziskus wünscht sich, dass die Ortskirchen das Jahr der Barmherzigkeit als »Moment spiritueller Erneuerung leben« (MV 3) mögen. Wie könnte diese Erneuerung aussehen?

»Zuerst muss ich sehen, wie ich ein Beispiel sein kann. Wenn ich kein Beispiel geben kann, dann brauche ich ja gar nicht zu reden. Zu reden alleine hilft mir nicht, und hilft den anderen auch nicht. Ich muss ein Beispiel sein, ein Beispiel der Barmherzigkeit. Wenn wir Christ sein wollen, müssen wir zeigen, dass wir Christ sind.«

Welche Rolle spielt die Barmherzigkeit für Ihren Orden?

»Unsere Genossenschaft hieß früher ›Barmherzige Schwestern nach der Regel des Hl. Augustinus‹. Irgendwann ist die ›Barmherzigkeit‹ herausgenommen worden. Wir haben dann gesagt: Das muss man reinbringen! Heute beschreiben wir unser Charisma so: ›Bewegt von der barmherzigen Liebe Gottes, antworten wir auf die Zeichen der Zeit.‹«

Der Papst schreibt in seiner Ankündigung: »Barmherzigkeit ist ein Ziel, zu dem es aufzubrechen gilt und das Einsatz und Opfer verlangt« (MV 14).

»Immer! Es gibt keine andere Möglichkeit, barmherzig zu sein. Wenn sie eine Institution haben, dann sind sie daran gebunden und finden keine Zeit, hinauszugehen zu den Menschen. Wenn sie sich aber engagieren, werden sie Zeit finden! Sie müssen ihre Bequemlichkeit und ihre Zeit opfern. Manchmal wer- den sie um Mitternacht gerufen, dann müssen sie anderen zuliebe auch ihren Schlaf opfern. Aber es geht!«

Was muss die Kirche opfern auf ihrem Weg zur Barmherzigkeit?

»Die Kirche sind zuerst die Menschen, die zu ihr gehören. Sie sollten sich gegenseitig helfen. Und wenn sie das tun, sollten sie auch in Lage sein, hinauszugehen zu den Menschen und ihnen zu helfen. Das ist in Deutschland und in Indien dasselbe. Die Hierarchie in der Kirche ist nicht selten ein Problem – ihr fehlt die Einfachheit. Und wenn ein Mensch nicht einfach ist, kann er nicht ›herauskommen‹. Wenn ich mich mit anderen nicht auf eine Stufe stelle, kann ich nicht herauskommen. Der Papst ist in dieser Hinsicht einfach, er mischt sich unter die Leute. In Indien würden sich die Bischöfe nicht unter die Leute mischen.«

Ist Einfachheit also eine Voraussetzung für Barmherzigkeit?

»Ich habe in Indien in den Dörfern gearbeitet und bin viel zu Fuß gelaufen. Da kannte ich jeden Menschen im Dorf, ganz egal, wer das war. Wenn ich einen Wagen hatte, war ich von einem Ort zum anderen mit dem Wagen unterwegs – da kenne ich ja keine Leute mehr! Wenn ich zu Fuß gehe, spricht mich jeder Mensch an. So viele haben mich gefragt: Schwester, warum gehen Sie zu Fuß? Weil ich Füße habe! Im Ernst: Weil ich die Leute sehen kann, weil ich mal mit ihnen sprechen kann. Sonst müssen die Leute zu mir kommen, damit sie mit mir sprechen können. Ich muss raus, zu den Menschen hin, egal, was das für Leute sind. Da kann man viel Barmherzigkeit zeigen, wenn man sich Zeit nimmt, um mit ihnen zu sprechen.«

Schwester Prema, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch!

DR. STEFAN VOGES

Ausgabe 1/2016

Weitere Informationen:

Zu Geschichte und Spiritualität, Arbeit und Projekten der »Genossenschaft der Cellitinnen nach der Regel des hl. Augustinus« siehe www.cellitinnen-osa.de

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