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Die wichtigste Keimzelle der Gesellschaft

Was die Kirche in Asien für die Familie tun kann

von WENDY M. LOUIS

DieWertschätzung für die Familie ist in Asien traditionell groß. Ebenso groß sind heute die Schwierigkeiten, denen sich die Familie ausgesetzt sieht. Welche Hilfen kann die Kirche in dieser Situation anbieten? Oder wird sie gar nicht mehr gehört?

»In vielen Ländern Süd-, Ost- und Südostasiens beobachten wir drückende Armut.« Obdachlose Familie in Manila, Philippinen.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Geistliche und politische Würdenträger in Asien loben die Menschen häufig für ihre Familienwerte. Asiaten lieben Kinder, ehren ihre Alten und leben in Großfamilien zusammen. Dies gilt natürlich nicht nur für Asien. Dennoch genießt die Familie hier noch einen hohen Stellenwert, und das Familienleben bringt nach allgemeiner Überzeugung viel Gutes. Wenn es in diesem Beitrag um die Herausforderungen geht, vor denen Familien stehen – und der Umgang der Kirche mit ihnen –, dann ist das nicht als Abwertung der Familie in Asien zu verstehen. Auch soll es kein nostalgischer Blick zurück auf die Zeit sein, in der Familien noch engere Bande pflegten, größer waren, mehr Zeit miteinander verbrachten usw. Die »guten alten Zeiten« waren in vielen asiatischen Gesellschaften oft gar nicht so gut. Dennoch erwies sich die Familie im Wandel der Zeiten als so beständig, dass diejenigen, die sich um sie kümmern sollen, dies als selbstverständlich erachteten. Sowohl in der Kirche als auch im Staat war stets der Einzelne und nicht die Familie Bezugspunkt für Leistungen, Planung, Arbeit und Zuwendung. Dank den Humanwissenschaften und den Lehren der Kirche sind wir uns der fundamentalen Bedeutung der Familie und ihrer Verortung als »System innerhalb des Systems« heute viel stärker bewusst. Die Kirche bezeichnet sie als »Hauskirche«, also eine kleine Kirche innerhalb der Kirche. Die Keimzelle muss gedeihen – so weiß man inzwischen –, wenn dem Ganzen Erfolg beschieden sein soll. Viel deutlicher erkennen wir heute, dass die Fäden, die das familiäre Leben zusammenhalten, vielerorts bis zum Zerreißen gespannt sind. Und wir sind uns einig, dass das Wohlergehen der Familie für das Gedeihen von Kirche und Gesellschaft von größter Bedeutung ist.

Familien unter der Last äußerer Faktoren

In vielen asiatischen Ländern fehlt es an politischer und wirtschaftlicher Stabilität, die Voraussetzung für das Gedeihen der Familie ist. In fast allen Ländern Süd-, Ost- und Südostasiens beobachten wir lang andauernde Konflikte zwischen den Angehörigen verschiedener religiöser, politischer und ethnischer Gruppen sowie drückende Armut in weiten Teilen der Bevölkerung. In den asiatischen Tigerstaaten – Taiwan, Singapur, Südkorea und Hongkong – sowie in Japan ist der Lebensstandard deutlich höher, hier müssen Familien auf andere Art unterstützt werden. Die Anzeichen für Unzufriedenheit sind unübersehbar: Die Selbstmordraten sind hoch, die Scheidungsraten steigen und die Schere zwischen den reichsten fünf Prozent und dem Rest geht immer weiter auseinander.

In vielen asiatischen Ländern fielen die Geburtenziffern infolge von Geburtenkontrolle oder »Familienplanung « unter das Reproduktionsniveau. Eine weitere Ursache für die sinkenden Geburtenraten liegt darin, dass viele Frauen und Männer später heiraten und weniger oder gar keine Kinder haben. Zu den niedrigen Geburtenziffern kommt hinzu, dass weibliche Nachkommen stark diskriminiert werden, was besonders in Ländern wie China, Indien und Nepal zu einem enormen Ungleichgewicht in der Bevölkerung führt. Ein Ergebnis dieses zweifelhaften Fortschritts ist, dass der Bevölkerungsanteil der Menschen über 60 Jahre viel stärker wächst. Es gibt viel mehr allein lebende alte Menschen, weil ihre Kinder und Enkel in Städten leben und sich nicht um die Alten daheim kümmern können. In ganz Asien wird die kapitalistische Wirtschaftsund Finanzordnung bedingungslos bejaht. Einige Länder kombinieren gar Militärdiktatur, kommunistische Herrschaft oder Ein-Parteien-System mit der freien Marktwirtschaft. Daraus resultiert ein skrupelloses Billiglohnsystem, das ausländisches Kapital anziehen oder das Exportaufkommen steigern soll. Billige Arbeitskräfte sind in der Regel ausgebeutete Arbeitsmigranten. Die Folgen von Unruhen, Instabilität und Armut einerseits und des hohen Entwicklungstempos andererseits sind zahlreich und für die Familie verheerend: Die erzwungene Migration und Massenflucht von Menschen trennt Familien, ja reißt sie auseinander, wenn sie vor Verfolgung und Kriegen fliehen. Tausende von Männern und Frauen haben in der Hoffnung auf ein besseres Leben in der Stadt oder einem anderen Land ihre Familien verlassen. In beiden Fällen sind sie dort partnerlos, einsam und besonders gefährdet durch Arbeitsausbeutung, aber auch durch Menschenhandel und Zwangsprostitution. 2010 betrug die Zahl der ausländischen Hausangestellten in Singapur rund 200.000. Im Baugewerbe sind ebenfalls circa 250.000 Menschen aus Bangladesch oder Südindien beschäftigt. Sie werden in Männerunterkünften oder in Wohncontainern auf der Baustelle zusammengepfercht. Sie können ihre Familien nicht nachholen und sind daher gezwungen, zwei Jahre lang als Single und zölibatär zu leben. Selbstredend ist dies kaum durchzuhalten und lässt unter Arbeitsmigranten viele soziale und emotionale Probleme entstehen. Noch viel mehr legale und illegale Arbeitsmigranten gibt es in Malaysia, wo sie in Fabriken, Häfen und auf Plantagen arbeiten. In erster Linie stammen sie aus Indonesien. Durch die Globalisierung lassen sich Arbeitskraft und Fachwissen in viel größerem Maße ausbeuten.

Korruption und Missmanagement der öffentlichen Hand führen in vielen Ländern dazu, dass die Infrastruktur schwach ausgebaut ist und besonders Frauen und Kinder unter den Folgen einer instabilen Wasserversorgung sowie unzureichender oder fehlender Bildung leiden, bei der zudem die Jungen den Vorzug erhalten, wenn Bildung zu teuer ist. Frauen, die das Familieneinkommen mit dem Verkauf von Obst und Gemüse aufbessern, müssen ihre Ware kilometerweit auf örtliche Märkte schleppen, weil es keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt.

Das Internet, moderne Kommunikationsmittel und vor allem die sozialen Medien haben die Art und Weise verändert, wie Familien kommunizieren und ihr familiäres Leben gestalten. Von den positiven Effekten der neuen Kommunikationsmittel profitieren jene, die auf eine flexible Arbeitsgestaltung angewiesen oder die aufgrund von Auswanderung oder geschäftlichen Reisen von der Familie getrennt sind. Die Nutzung digitaler Geräte für Computerspiele, Glücksspiel und die soziale Vernetzung hat bei Jugendlichen neue Abhängigkeiten geschaffen, die Spielsucht unter Erwachsenen und Teenagern verschärft und zur Ausbreitung von Pornografie und pädophilen Inhalten beigetragen. All dies hat Folgen für das Familienleben und ist so allgegenwärtig, dass wir uns unsozial verhalten, ohne es zu merken, und unsere Beziehungen »veroberflächlichen «. Wirklich präsent zu sein und vernünftig miteinander in Dialog zu treten, wird immer schwieriger.

Zudem gibt es anerkanntermaßen einen Zusammenhang zwischen dem Verbrennen fossiler Brennstoffe und dem Klimawandel sowie einen Zusammenhang zwischen Umweltschutz und der Sorge für die Armen. Für alle Familien besteht eine große Herausforderung darin, den eigenen Lebensstil so zu ändern, dass wir den Klimawandel nicht verschärfen und einen Beitrag für eine nachhaltigere Zukunft leisten. Für Papst Franziskus ist klar, dass wir dem wichtigen Zusammenhang zwischen der Umwelt und den Bedürfnissen der Armen dringend Rechnung tragen müssen.

Die einleitenden Beschreibungen sollen zeigen, dass es faktisch nur sehr wenige Menschen mit politischem und wirtschaftlichem Einfluss gibt, die sich tatsächlich für die Familie als wichtigste Keimzelle der Gesellschaft stark machen, die es unbedingt zusammenzuhalten, zu fördern und zu beschützen gilt. Man geht einfach davon aus, dass die Familienbande die Trennung, das Konsumdenken, die Armut und die Angriffe der Medien überstehen. Sicher, um die eigene Familie kümmert man sich. Aber Menschen, die trotz Arbeit arm sind, männliche und weibliche Arbeitsmigranten, Flüchtlinge, arbeitende Kinder oder Obdachlose bleiben dabei außen vor. Wenn wir uns die Folgen unserer Wirtschafts-, Sozial- und sonstigen Politik anschauen, tun wir das selten aus der Perspektive der gesamten Familie in ihrem kulturellen Kontext.

»Korruption und Missmanagement der öffentlichen Hand führen in vielen Ländern dazu, dass die Infrastruktur schwach ausgebaut ist.« Familie in einem Dorf der Kutchi Kohli, Gemeinde Tando Allah Yar, Pakistan.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Herausforderungen für die Familie in der Kirche

Statistikdaten für Singapur, die die Bevölkerung nach Glaubenszugehörigkeit aufschlüsseln, zeigen nur einen geringen Unterschied zwischen der katholischen Bevölkerung und anderen Gruppen. Offensichtlich gibt es bei Scheidungsraten, Verhütungspraktiken und Schwangerschaftsabbrüchen keinen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen. Viele Katholiken folgen anscheinend dem Rat, ›ihrem Gewissen zu folgen‹, wenn sie vor schwierigen oder komplexen Problemen stehen. Ohne Daten ist es schwer, dies auf andere asiatische Länder zu übertragen, aber wahrscheinlich sieht es dort ähnlich aus.

Eine der großen Herausforderungen der heutigen Zeit für katholische Familien besteht darin, im Einklang mit den Lehren der Kirche und des Evangeliums zu leben – angesichts von Pragmatismus und Bequemlichkeit als Werten der heutigen Gesellschaft. Viele katholische Paare verstehen die Lehre der Kirche als eine Liste von Ge- und Verboten. Viele kennen die Lehre der Kirche, aber ohne von ihr überzeugt zu sein; oder sie sind nicht in der Lage, zu artikulieren, warum die Kirche in Bezug auf Verhütung, Scheidung, Wiederheirat und vorehelichen Geschlechtsverkehr das lehrt, was sie lehrt. Vielen Paaren fehlt der Glaube an die der kirchlichen Lehre innewohnende Weisheit, und sie gehorchen der Kirche auch nicht aus einem formalen Autoritätsverständnis heraus. Es gibt aber auch viele gläubige Paare, die ihr Leben nach der Kirchenlehre ausgerichtet haben und im Hinblick auf das, was die Kirche von ihnen fordert, im Einklang mit ihren Auffassungen und Überzeugungen leben.

Wie unterstützt und begleitet die Familienpastoral der Kirche diese beiden Arten von Familien? Für die erste Gruppe gilt: Stehen Glaube und Leben nicht in Einklang, kann dies einen negativen Einfluss auf die Beziehung des Paares und die Erziehung seiner Kinder im Glauben haben. Ein Grund dafür, dass viele Paare die Verantwortung für die Glaubensbildung ihrer Kinder ablehnen, ist der, dass sie dies als Heuchelei empfänden oder sich dieser Aufgabe nicht gewachsen fühlen. Die zweite Gruppe benötigt eine dauerhafte Unterstützung, um ihre Entschlossenheit und die Spiritualität von Ehe und Familie zu stärken.

In den meisten asiatischen Ländern bilden die Katholiken eine kleine Minderheit. Oft heiraten sie deshalb Partner anderer Glaubensrichtungen. In Singapur sind mehr als 50 Prozent der Ehen Verbindungen zwischen Ehepartnern unterschiedlichen Glaubens. In Studien, in denen Stella Quah die Ursachen für das Scheitern von Ehen in Singapur untersucht hat, machte sie als einen der häufigsten Scheidungsgründe die Konflikte aus, die aus verschiedenen Werten, Sichtweisen, Glaubensüberzeugungen und Kulturen erwachsen. Kirchliche Programme sowie die Prozesse und Inhalte von Ehevorbereitungskursen tragen diesen potentiellen Konfliktquellen nicht genügend Rechnung.

Oben habe ich die Diskussionen über die Herausforderungen für die Familie auf die sozio-ökonomischen Faktoren ausgeweitet. In der Kirche geht es in den Gesprächen über Familie und Ehe häufig darum, wie man sicherstellen kann, dass die Paare, die vor der Heirat stehen, über die Lehren der Kirche zu Ehe und Familie informiert sind. Die Lehre der Kirche zu Sexualität, Fortpflanzung, Elternschaft und Ehe als Sakrament ist ein großartiges Geschenk an die Familie. Gleichzeitig ist sie eine große Herausforderung. Richtig verstanden ist die Lehre eine Quelle der Liebe und Heiligkeit für das Paar, das seiner Berufung gerecht wird, gemeinsam mit Gott am Schöpfungswerk teilzuhaben. Der Kern der kirchlichen Ehe- und Familienlehre ist ein hoher Ruf an alle Menschen, Gottes Plan treuer Liebe mit Leben zu erfüllen.

Heute ruft Papst Franziskus dazu auf, die Lehre der Kirche in einer einfachen Sprache und mit einer zeitgemäßen Methodik zu vermitteln. Ohne die Kirchenlehre ändern zu wollen, will er uns helfen, sie für unsere Familien, die im dritten Jahrtausend leben, zu interpretieren. Dabei legt er den Schwerpunkt auf die Familienpastoral. Ein Fragebogen zur Vorbereitung der Familiensynode enthielt Fragen zu unserer Familienpastoral, es ging darum, wie Paare ihre Situation gedanklich und gefühlsmäßig einschätzen. Dass viele Kirchen nicht in der Lage waren, diese Fragen adäquat zu beantworten, offenbart die großen Lücken in unserer pastoralen Arbeit.

Aus den Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre mit Ehevorbereitungsprogrammen für gläubige Paare und vielen Workshops und Kursen wissen wir, dass Wissen allein nicht automatisch zu einem Leben nach den Lehren der Kirche und zu beständigen Ehen führt – wie das Beispiel Singapur zeigt. Neben dem bloßen Wissen bedarf es einer seelsorgerischen Betreuung, die ungezwungen, warm, persönlich und stimmig ist.

»Wenn wir uns die Folgen unserer Wirtschafts-, Sozial- und sonstigen Politik anschauen, tun wir das selten aus der Perspektive der gesamten Familie in ihrem kulturellen Kontext.« Familie in Mendi, Papua-Neuguinea.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Familienseelsorge

In der Apostolischen Präfektur von Battambang in Kambodscha sind Armut sowie körperliche und geistige Behinderungen weit verbreitet. Die Betreuung der Familien ist persönlich, kontinuierlich und praktisch sowie spirituell/emotional und auf die jeweiligen Familien ausgerichtet. Alle Familien – nicht nur die katholischen – werden von einem integrierten Team aufgesucht, das aus einem Sozialarbeiter, einer Erzieherin, einem Gesundheitshelfer, einer Ordensschwester usw. besteht. Ziel ist es, fürsorglich präsent zu sein und Beziehungen aufzubauen. Wenn die Kinder die Schulreife erreichen, werden die Eltern unterstützt, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Sie werden besucht und erhalten Unterstützung bei ihren persönlichen, gesundheitlichen und sozialen Fragen und Problemen. Die Teammitglieder werden so geschult, dass sie »präsent« sind und die betreuten Familien lieben und respektieren. In katholischen Familien werden spirituelle Aspekte nicht vernachlässigt, sie werden durch die Vorbereitung auf die Sakramente und durch liturgische Feiern angeboten.

Begleitung und Präsenz – davon können die asiatischen Kirchen noch mehr geben. Sie müssen erkennen, dass die vorrangige Fokussierung auf die Einhaltung von Regeln die Familien von der Kirche entfremdet. Die Kirche muss ihre Ansätze auf den Prüfstand stellen. Die gegenwärtige Praxis, einen Studienkurs oder einen Wochenend-Workshop anzubieten, ist ein programmorientierter Ansatz. Er geht davon aus, man müsse nur ermitteln, was fehlt, und die Lücke dann mit einem Programm füllen. Beim ganzheitlichen Ansatz werden die Familien begleitet, jemand holt sie dort ab, wo sie stehen, und hört ihnen mit Liebe und Respekt zu. Auf diesem gemeinsamen Weg werden die Momente genutzt, in denen Wissen vermittelt werden kann. Die Lehre der Kirche wird auf die konkrete Situation der betreffenden Familie in ihrem besonderen Kontext angewendet. Wir können nie genug Priester oder Ordensleute für diese Art der Begleitung haben, aber wir können katholische Ehepaare finden, die diesen Dienst übernehmen.

Einer der besten Wege, Familien zu unterstützen und zu begleiten, ist ihre Mitgliedschaft in Kleinen Christlichen Gemeinschaften (Small Christian Communities/ SCCs; Basic Ecclesial Communities/BECs). Eine SCC kann auch als Familie von Familien bezeichnet werden; sie ist »Kirche in der Nachbarschaft«, während die Familie die »Hauskirche« ist. Familien, die in Städten, aber auch in ärmeren ländlichen Gegenden Mitglieder von SCCs sind, haben erfahren, dass das gemeinsame Gebet mit der Heiligen Schrift und das Leben in Gemeinschaft Familien wichtige Unterstützung bietet – in guten wie in schlechten Zeiten. SCCs bieten katholischen Familien auch die Möglichkeit, mit Menschen unterschiedlichen Glaubens zusammenzuarbeiten, um gemeinsame Probleme in ihrer Nachbarschaft zu lösen.

Weil die Katholiken eine Minderheit sind, arbeiten Menschen verschiedenen Glaubens häufig Seite an Seite. Das kann beispielsweise der Bau einer Tagesstätte für Familien mit behinderten Kindern in Kooperation mit buddhistischen Mönchen, der Kommunalverwaltung oder der katholischen Kirche sein. Es kann aber auch sein, dass die Mitglieder des Seelsorge-Teams mit anderen kooperieren, um mehr Menschen zu erreichen und ihr Angebot auszuweiten. Beispiele für die interreligiöse Familienarbeit gibt es viele in Asien. Im Kontext einer Minderheitenkirche mit limitierten Mitteln und Kapazitäten ist das nur logisch.

»Beim ganzheitlichen Ansatz werden die Familien begleitet, jemand holt sie dort ab, wo sie stehen, und hört ihnen mit Liebe und Respekt zu.« Schwester Namrata besucht die Familie von Roxanna (vorne im Bild) in Uttar Pradesh, Indien.
FOTO: FRIEDRICH STARK

Der Familie Gehör verschaffen

In Gottes Plan ist die Familie ein Quell der schöpferischen Liebe und des Heils. Impulse aus dem Familienleben können eine enorme Bereicherung für die Art und Weise sein, in der die Kirche ihre Mission erfüllt. Mit dem »theological action research framework of theology in four voices« hat die englische Theologin Clare Watkins (University of Roehampton) einen Vorschlag gemacht, wie sich die Stimmen der Familien in die theologische Arbeit der Kirche einbinden lassen. Sie zitiert Papst Gregor, der sagte: »Praktizierte und gelebte Erfahrung gibt das Recht, Theologie zu betreiben.«

In Asien haben Familien nur wenig Gelegenheit, ihre gelebte Erfahrung in theologische oder pastorale Planungsdiskussionen einzubringen. Die Kirche könnte viel mehr tun, um zuzuhören und Strukturen zu schaffen, die es Familien ermöglichen, sich an den Diskussionen zu beteiligen und ihren alltäglich gelebten Glauben zu teilen. Davon profitieren beide Seiten, wenn sie erkennen, dass das Leben in der Familie zutiefst heilig und heilbringend ist. Familien werden in ihrem jeweiligen Kontext betreut, und die Ehe- und Familienlehre der Kirche wird eine Sprache finden, die von den Menschen verstanden wird.

Die Realitäten in Asien und ihre Folgen für Familien bedürfen unserer Aufmerksamkeit. Wenn wir überlegen, wem wir dienen und wie wir dies tun, müssen uns leidende Familien immer eine Herzensangelegenheit sein. Die Planung aus Perspektive der Familie erfordert neue Denkmuster, beschert uns aber letztlich eine Familienpastoral, die das Gebot des Vaters erfüllt, Barmherzigkeit zu zeigen.

WENDY M . LOUIS
Geschaftsfuhrerin des Office of Laity and Family und des Women’s Desk der Federation of Asian Bishops’ Conferences (FABC)

Ausgabe 2/2016

LITERATUR

  • Kathleen Fischer Hart/Thomas N. Hart, The Call to Holiness in Christian Marriage. Link
  • Elz˙bieta Osewska/Józef Stala, The Contemporary Family: Local and European Perspectives, Krakau 2015.
  • Stella Quah, Families in Asia – Home and Kin, Routledge, 22009.
  • Die pastoralen Herausforderungen der Familie im Kontext der Evangelisierung. Vorbereitungsdokument für die dritte außerordentliche Vollversammlung der Bischofssynode, Vatikanstadt 2013. Link
  • Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Familiaris Consortio über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute, 22. November 1981 (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 33), Bonn 72011.

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