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Mensch sein heißt Familie sein

Herausforderungen der Familie in Lateinamerika

von STEFAN SILBER

Familienbeziehungen haben in Lateinamerika eine ganz besondere Bedeutung. Jeder Mensch weiß um seine Zugehörigkeit zu einer Familie, die ihm Schutz und Halt bietet, aber auch Verantwortung verlangt. Der gesellschaftliche Wandel bringt dieses traditionelle Netz jedoch gehörig durcheinander. Die katholische Kirche hat daher die Familienpastoral als einen wichtigen Schwerpunkt angenommen.

»Zur Familie gehören fast immer auch Tanten und (seltener) Onkel, Großeltern und Enkel, Schwägerinnen und Schwiegertöchter, die entfernte Verwandte, ein Nachbar und einige Freundinnen.« Agostina Farias mit ihrem Mann im Kreis ihrer großen Familie im brasilianischen Amazonasgebiet.
FOTO: JÜRGEN ESCHER/ADVENIAT

Kurz bevor meine Familie und ich nach mehr als fünf Jahren in Bolivien wieder nach Deutschland zurückkehren wollten, baten uns unsere Nachbarn, ihnen als Paten, quasi als Trauzeugen, für ihre Hochzeit zur Verfügung zu stehen. Das wäre an sich nicht überraschend, denn wir hatten uns mit ihnen in dieser Zeit sehr gut angefreundet und waren uns in vielen Tagen von Freud und Leid sehr nahegekommen. Bemerkenswert war eher die Tatsache, dass die beiden nun doch um einiges älter waren als wir, sieben Kinder und einen Enkel zur Hochzeit mitbrachten (bei einem der Kinder waren wir bereits Taufpaten) und überhaupt schon seit 25 Jahren miteinander verheiratet waren. Standesamtlich. Die Feier der Trauung aus Anlass der Silberhochzeit war dennoch sehr romantisch: Die Frage nach »reiflicher Überlegung« und »freiem Entschluss« klingt zwar einerseits sonderbar bei einem Paar, das schon so lange verheiratet ist. Auf der anderen Seite wussten wir, wussten die Kinder und Freunde, und wussten vor allem die Eheleute ziemlich genau, worauf sie sich einließen mit dem jeweils anderen. Umso überzeugender klang für uns alle das »Ja«!

Ein starkes Beziehungsnetz

Die bürgerliche Kleinfamilie – Vater, Mutter, Kind(er) – stellt in Lateinamerika die große Ausnahme dar. Zum einen dominieren die zerbrochenen und die Patchwork-Familien. Die Kinder leben oft nicht mit ihren beiden leiblichen Eltern zusammen, sondern mit Stiefvater oder Stiefmutter, mit einem alleinerziehenden Elternteil oder sie leben bei Verwandten. Zum anderen gehören zur Familie fast immer auch Tanten und (seltener) Onkel, Großeltern und Enkel, Schwägerinnen und Schwiegertöchter, die entfernte Verwandte, ein Nachbar und einige Freundinnen. Für Außenstehende (und manchmal nicht nur für diese) ist es oft schwer nachzuvollziehen, wer mit wem auf welche Weise verwandt ist. Das ist auch nicht so wichtig. Wichtiger ist, dass man dazugehört, dass niemand sich ausgeschlossen fühlt, dass man zu einem großen Netz von Verwandtschaften gehört, in dem man sich gegenseitig hilft und unterstützt, aber auch miteinander feiert und sich freut.

Ein wichtiger Aspekt dieser komplexen Familienbeziehungen sind die Patenschaften: Nicht nur zu Taufe und Firmung, sondern auch für die Trauung, die Erstkommunion, das Abitur und viele andere Gelegenheiten werden Paten und Patinnen gesucht, nicht nur, um einen Teil des Festes zu finanzieren, sondern auch, um engere Beziehungen zu knüpfen. Patenkinder und eigene Kinder werden wie Geschwister behandelt, ja, vielerorts ist die Heirat zwischen ihnen verboten. Paten und Patinnen gelten als Ansprechpartner in allen Lebensfragen, vor allem gelten sie als Förderer in sozialer, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. Mit dem System der vielfachen Patenschaften wachsen die Familien, vernetzen und stärken sich.

Menschsein heißt vielerorts in Lateinamerika Familie sein. Nur in einer Familie kann man richtig Mensch sein. Das konnten wir kurz nach unserer Ankunft in Bolivien spüren, als unsere Tochter geboren wurde und wir nicht mehr als Paar, sondern als Familie auftauchten: Plötzlich wurden wir als wirkliche und vollständige Menschen anerkannt. Mensch sein heißt Familie sein: Kleinkinder und Säuglinge gehören in der Öffentlichkeit in jeder Form dazu. Schwangerschaft und Stillen sind der Alltag. Kinder dürfen, ja sollen auch mal laut sein, gern auch bei Sitzungen, Gottesdiensten und Konzerten.

In den allermeisten Bevölkerungsschichten werden auch die sogenannten irregulären Familiensituationen als völlig normal empfunden: Ledige Mütter, Scheidungen, Zusammenleben, Wiederheirat, Witwenschaft usw. gehören zum Familienleben dazu. Trotz aller Not, die aus der einen oder anderen Situation entstehen kann, versucht man, das Beste daraus zu machen, indem man die Menschen weiterhin in die Großfamilie integriert. Schwieriger ist es da schon mit homosexuellen Beziehungen und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, denen traditionellerweise in Lateinamerika die gesellschaftliche Anerkennung verweigert wird. Aber auch hier beginnt die gesellschaftliche Akzeptanz zu wachsen, auch diese »alternativen« Familien- und Beziehungsmodelle können in manch einer Großfamilie ihren Platz finden.

Dies ist nicht unbedingt ein Zeichen von Toleranz, sondern eher für den hohen Wert der Familie in Lateinamerika. Denn diese ist nicht nur ein Netz verwandtschaftlicher Beziehungen, sondern auch ein soziales Netz in oft sehr unsozialen Gesellschaften: Arbeitslosenversicherung, Stipendienwerk und politische Seilschaft in einem. Wer in der Großstadt oder in den USA einen Studienplatz oder eine Arbeitsmöglichkeit sucht, wendet sich am besten an ein Familienmitglied, das schon dort lebt. Das gleiche gilt für Geschäftsbeziehungen. Die Familie ist ein umfassender Lebensraum, der hilft, den Alltag zu bewältigen. Die Familienbeziehung übersteht die Migration in fremde Kulturkreise und behält ihre zentrale Bedeutung auch in Zeiten der social media. Gerade diese interkulturelle Beharrlichkeit der Familie belegt ihre wichtige Stellung in den lateinamerikanischen Kulturen.

»Mensch sein heißt Familie sein: Kleinkinder und Säuglinge gehören in der Öffentlichkeit in jeder Form dazu.« Familie vor ihrer Hütte in einem Armenviertel in Honduras.
FOTO: ACHIM POHL/ADVENIAT

Familien auf dem Land

Auf dem Land haben Familien in Lateinamerika eine noch größere Bedeutung als in den Städten. Man lebt zusammen, bearbeitet gemeinsam das Land und pflegt die Tiere. Jedes Familienmitglied hat seine eigenen Aufgaben, schon die Vorschulkinder. In Bolivien gibt es die Tradition, dass die Kinder schon zur Geburt ihr erstes Tier – ein Schaf, ein Lama, ein Schwein – geschenkt bekommen und auch dessen Nachkommenschaft behalten. Mancher junge Erwachsene kann mit etwas Glück schon eine kleine Herde in die Volljährigkeit mitnehmen.

Auch die Beziehungen in das Dorf und in die Nachbardörfer sind von Familienbeziehungen und Patenschaften geprägt, die oft schon seit Generationen bestehen. Man weiß, wo man dazugehört, wer zur eigenen Großfamilie gehört und wer nicht, welche zuverlässigen Ansprechpartner man auch in der Kleinoder Großstadt hat. Dieses stabile Beziehungsnetz trägt in den meisten traditionellen Unglücksfällen wie Krankheit, Verwaisung und Missernten. Auch in der Moderne ist es ein wichtiges Hilfsmittel für die Orientierung in einer komplexer gewordenen Welt.

Das Leben auf dem Land ist jedoch in den letzten Jahrzehnten einem massiven Wandel unterworfen: Dank einer zurückgehenden Kindersterblichkeit wachsen sehr viel mehr junge Menschen zu Erwachsenen heran und gründen Familien. Das zur Verfügung stehende Ackerland wird aber nicht mehr, sondern wegen der Umweltzerstörung (zum Beispiel durch Bergbau), durch die Ausdehnung des Großgrundbesitzes und das Wachstum der Großstädte eher weniger.

Darüber hinaus bringt es der kulturelle Wandel mit sich, dass das Leben in der Stadt oder im Ausland vielen jungen Leuten attraktiver erscheint. Die Migration beginnt vielleicht mit dem Schulbesuch oder dem Studium in der Stadt, mit der Saisonarbeit in der Nähe oder im Nachbarland. Anfangs orientieren sich viele Migranten am Netz der familiären Beziehungen, das ihnen auch in der Fremde Halt und Orientierung bietet. Langfristig jedoch bedroht die Migration im Zusammenspiel mit den anderen Faktoren des gesellschaftlichen Wandels das traditionelle Familienleben auf dem Land. Es kann sein, dass Familienväter, die für einen Zusatzerwerb ins Ausland gegangen sind, dort eine neue Familie gründen und die Familie zuhause nichts mehr von ihnen hört. Aber auch in den Fällen, in denen die Migranten ihre eigene Familie nach einiger Zeit nachkommen lassen, wird das gewohnte Netz der Großfamilie erschüttert. Umgekehrt sind es aber gerade die engen Familienbeziehungen der Migranten vom Land, die das soziale Leben auch in den Städten prägen, weil die Menschen sich selbst im Dschungel der Großstädte an dieses traditionelle Netz halten, so lange es möglich ist.

»Pastorale Basisformen wie die kirchlichen Basisgemeinden gehen häufig von der Bezugsgröße Familie aus und wachsen über diese – meist in der unmittelbaren Nachbarschaft – hinaus.« Katechistin Rita Cassia Souza Lima zu Besuch bei einer Nachbarsfamilie in Barra, Brasilien.
FOTO: JÜRGEN ESCHER/ADVENIAT

Jenseits der Romantik

Die große Bedeutung der Familie verschärft auch die Probleme, die vielen Familien in Lateinamerika zu schaffen machen. An erster Stelle ist die Armut zu nennen, die einen Großteil der lateinamerikanischen Familien direkt betrifft und viele andere permanent bedroht. Sofern in einer Familie überhaupt beide Elternteile vorhanden sind, müssen in der Regel beide, und dazu noch einige der Kinder, versuchen, zum Familieneinkommen beizutragen. Dies ist oft nur durch Gelegenheitsarbeiten oder im informellen Sektor möglich.

Klein- und Schulkinder können deswegen häufig nicht angemessen betreut werden. Manchmal ist es möglich, sie zum »Arbeitsplatz« mitzunehmen, also zum Beispiel in den winzigen Laden im eigenen Haus oder zum Verkaufsstand auf dem Markt. Kinder wachsen so völlig selbstverständlich von klein auf in die Arbeitswelt mit hinein. Andere verbringen einen Großteil des Tages alleine zuhause oder auf der Straße. Kinder mit erhöhtem Fürsorgebedarf, vor allem mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung, finden oft keine angemessene Betreuung.

Armut führt auch zu Mangelernährung, schlechten Bildungschancen, gesundheitlichen und manch anderen Problemen. Vielfach ist in den Familien nicht genügend Wohnraum für alle vorhanden, Trinkwasser und Sanitäreinrichtungen fehlen. Kinder werden oft zu wohlhabenderen Verwandten in die Stadt abgeschoben, wo sie Bildungschancen oder Arbeitsmöglichkeiten finden sollen, nicht selten jedoch unter Ausbeutung und Misshandlungen leiden oder sogar auf der Straße landen.

In vielen Familien werden Kinder daher auch als Probleme angesehen. In einem Krankenhaus in Bolivien wurde uns berichtet, dass es immer wieder vorkommt, dass junge Mütter nach der Entbindung heimlich verschwinden und das Kind zurücklassen. Die bei der Aufnahme angegebene Adresse stellt sich dann als falsch heraus – die Krankenhausverantwortlichen müssen das Kind in ein Waisenhaus geben. Dies sind extreme Ausnahmefälle, aber sie verweisen auf die Not vieler Familien, die mit jedem weiteren Kind wächst.

Ein weiteres Grundproblem ist die als machismo bekannte kulturell verankerte Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. »Männer schreien, Frauen heulen« ist ein Klischeebild, das auch durch die täglichen »Telenovelas « immer wieder neu geprägt wird: Das sind in Lateinamerika äußerst beliebte Familienserien im Fernsehen, deren Beziehungsdramen im Alltag mindestens so ausführlich diskutiert werden wie die aus dem richtigen Leben.

Gewalt gegen Frauen und Kinder, Alkoholexzesse und außereheliche Beziehungen gehören für viele Männer in Lateinamerika zum gesellschaftlich erwarteten Rollenbild eines »echten Mannes«. Nicht wenige Männer trennen sich nach einigen Jahren von ihren Familien, sei es um der Arbeitsmigration willen, sei es aus Flucht vor der familiären Verantwortung, wegen der zunehmenden Konflikte oder um anderswo eine neue (oder dritte) Partnerschaft und Familie zu gründen. Dann bleibt nicht selten die Zahlung von Alimenten aus, obwohl sie rechtlich meist einklagbar wäre, aber auch mit Hilfe der Behörden nicht durchgesetzt werden kann. Da kann es schon mal sein, dass sich die Ex-Frauen eines Mannes zu einer Solidargemeinschaft zusammentun und aus Rivalinnen Freundinnen werden.

Zu den problematischen Seiten der lateinamerikanischen Familien gehören auch die Hausangestellten.

Wegen der großen sozialen Ungerechtigkeit können es sich auch Familien der dünnen Mittelschicht leisten, eine junge Frau oder ein Mädchen aus der armen Bevölkerungsmehrheit für die Haushaltsarbeit anzustellen. Für die Angehörigen der Mittelschicht erscheint dies zunächst wie ein Segen: Haushalt und Küche werden erledigt; die Kinder werden betreut oder wenigstens beaufsichtigt, und die Eltern können ihrer Berufstätigkeit nachgehen.

Für die Hausangestellten selbst kann sich diese Arbeitsmöglichkeit jedoch als ein endloses Martyrium erweisen: Viele dieser Frauen leben in einem völlig rechtsfreien Raum, ohne eigenes Zimmer im Haushalt, in sklavenähnlicher Abhängigkeit und in Extremfällen zudem noch sexuell ausgebeutet. Wenn die Hausangestellte indigener oder afroamerikanischer Herkunft ist, enthält diese moderne Sklavinnenhaltung darüber hinaus vielfach eine rassistische Komponente.

Familienvergünstigungen, die wir aus Deutschland kennen, würden vielen Familien in Lateinamerika tatsächlich helfen. Dort können Familien in der Regel aber nur davon träumen, staatliches Kinder- und Erziehungsgeld zu erhalten, Müttererholung und Familienferien in Anspruch nehmen oder wenigstens eine verbilligte Familieneintrittskarte lösen zu können. Eine Familie zu ernähren stellt in Lateinamerika immer eine Herausforderung dar: für die Angehörigen der Mittelschicht ein Armutsrisiko, für die Armen ein täglicher Überlebenskampf.

»Es werden die sozialen Herausforderungen, die sich den Familien stellen, aufgenommen, und man sucht nach praktikablen und nachhaltigen Lösungen.« In einer heruntergekommenen Sozialbausiedlung in der Trabantenstadt Morón, Buenos Aires, Argentinien, hat die katholische Wohnungsbauorganisation »Madre Tierra« ein kooperatives Siedlungsprojekt gestartet. Pfarrer Rodrigo besucht eine Familie im neuen Haus.
FOTO: JÜRGEN ESCHER/ADVENIAT

Familienpastoral als Schwerpunkt der lateinamerikanischen Kirche

Bei ihrer kontinentalen Versammlung in Santo Domingo 1992 sprachen die lateinamerikanischen Bischöfe von der »vorrangigen und zentralen Bedeutung der Familienpastoral« für die Diözesen in Lateinamerika. Dieses Interesse gilt auch heute noch, gerade angesichts der drängenden Probleme der Familien und der grundlegenden Bedeutung, welche die Familienbeziehungen für Menschen in Lateinamerika besitzen.

In der Praxis werden die sehr unterschiedlichen Wege der einzelnen Familien durchaus anerkannt, auch wenn die kirchliche Heirat und die gemeinsame Erziehung der Kinder nach wie vor als Ideal gelten. Einige Fragen, die sich bei der letzten Bischofssynode in Rom im Herbst 2015 aus europäischer Perspektive als Sollbruchstellen erwiesen haben, wie der Ausschluss Wiederverheirateter von der Kommunion, spielen in der Praxis der meisten Gemeinden keine Rolle. Wenn man sich ausschließlich auf die Familien in völlig »regulären « Situationen beschränken wollte, müsste man vielerorts die Kirchentüren abschließen. Stattdessen sind die Gemeinden bemüht, den schwierigen Alltagssituationen der Familien möglichst gerecht zu werden. Vielerorts steht die Sozialpastoral an erster Stelle. Es werden also die sozialen Herausforderungen, die sich den Familien stellen – Armut, Gewalt, Trennung, Drogen, Migration und anderes –, aufgenommen und man sucht nach praktikablen und nachhaltigen Lösungen. In vielen Gemeinden existieren regelmäßige »Mütterclubs «, in denen jüngere und ältere Mütter konkrete Hilfen mit Gesprächsangeboten und Halt durch eine Gemeinschaft von Frauen in ähnlichen familiären Lebenslagen finden können.

Die Familienkatechese besitzt in Lateinamerika eine ganz eigene Prägung. Anlässlich der Erstkommunion eines Kindes werden die Eltern in Gruppen zu Glaubensgesprächen eingeladen, in denen die unterschiedlichen kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Voraussetzungen und Möglichkeiten der Familien berücksichtigt werden. Familienverbände und Bewegungen zielen in Lateinamerika oft auf die Familien der Mittelschicht. Pastorale Basisformen wie die kirchlichen Basisgemeinden und Hauskirchen, die eher in armen Milieus verankert sind, gehen häufig ebenfalls von der Bezugsgröße Familie aus und wachsen über diese – meist in der unmittelbaren Nachbarschaft – hinaus. Oft werden dabei erneut ganze Großfamilien in die pastoralen Gruppen einbezogen. Auf diese Weise entstehen neue Bereiche der Familienpastoral, ohne dass sie als solche benannt werden.

Die kirchliche Pastoral kann damit an das soziale Netz der Familien und ihre zentrale kulturelle Bedeutung anknüpfen. Sie übernimmt und verstärkt damit aber gleichzeitig auch problematische kulturelle Denkmuster. Familienpastoral bedeutet sehr oft Frauen- und Kinderpastoral, da Männer sich zwar als Repräsentanten der Familie ansehen, aber die konkrete Ausgestaltung des Alltags oft den Frauen überlassen. Umgekehrt werden Angebote für berufliche und politische Förderung von Familien in erster Linie von Männern wahrgenommen. Die Wirkungen dieser Angebote gehen dann für die Familien verloren, wenn die Väter sich nicht für sie verantwortlich fühlen. Auch die immer noch existierende Benachteiligung lediger Mütter und vor allem von homosexuellen Menschen wird durch die Orientierung der Pastoral am lateinamerikanischen Familienideal verschärft.

Familien für die Zukunft

Für Menschen aus Europa ist es erstaunlich, wie hartnäckig sich in Lateinamerika das familiäre Netz auch im gesellschaftlichen Wandel immer wieder erneuert. Menschen in Lateinamerika ist dieses Beziehungsgeflecht sehr wichtig, sie nehmen viel in Kauf, um es aufrechtzuerhalten und zu leben. Gleichzeitig schöpfen sie Kraft und Orientierung aus der Großfamilie.

Erstaunlich ist auch, wie flexibel und anpassungsfähig dieses Netz ist. Nicht nur werden über Hochzeiten und Patenschaften immer neue Menschen (und mit ihnen neue Beziehungsnetze) aufgenommen. Auch Familiensysteme, die nicht in das klassische Familienbild passen, wie Patchwork-Familien, homosexuelle Paare und nichteheliche Partnerschaften, werden in der Gegenwart immer besser in die Großfamilie integriert, ebenso wie das Single-Dasein. Trotz aller Schattenseiten und Risiken, die nicht übersehen werden sollten, kann daher erwartet werden, dass in Lateinamerika auch in Zukunft gelten wird: Mensch sein heißt Familie sein.

STEFAN SILBER
Pastoralreferent in der Diözese Würzburg, 1997 bis 2002 Leiter des diözesanen Katechistenzentrums im bolivianischen Potosi, 2011 bis 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt ≫Pastoral Urbana – Großstadtpastoral in Lateinamerika≪ der Universität Osnabrück

Ausgabe 2/2016

LITERATUR

  • Augusta Carrara, Der Weg der Catequesis Familiar in Peru, Essen: Adveniat 1999.
  • Elisabeth Hüttermann (Hrsg.), Ich bin … Lebensgeschichten aus Bolivien, Zürich: Rotpunktverlag 2007.

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