Lebendige Zellen einer partizipatorischen Kirche Die kirchlichen Basisgemeinden auf den Philippinen corner

Lebendige Zellen einer partizipatorischen Kirche

Die kirchlichen Basisgemeinden auf den Philippinen

AMADO L. PICARDAL cssr

Ein Kinderorchester im Slum. Die Mitglieder des klassischen Jugendorchesters »Tondo Chamber Orchestra« stammen alle aus den Armenvierteln Aroma und Happyland in der katholischen San Pablo Apostol Gemeinde. Das Ziel der Initiative ist es, den Kindern durch klassische Musik eine kulturelle und berufliche Perspektive zu bieten.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Die Kleinen Christlichen Gemeinschaften sind ein Exportschlager der katholischen Kirche auf den Philippinen. Auch in der deutschen Ortskirche inspirieren sie neue Aufbrüche. Unterdessen stehen die kirchlichen Basisgemeinschaften des Inselstaates vor eigenen Herausforderungen. Wie werden sie den gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht? Wie bleiben sie zukunftsfähig?

Die ersten kirchlichen Basisgemeinden (Basic Ecclesial Communities: BECs) auf den Philippinen entstanden in den späten 1960ern in der Region Mindanao und später auch in Teilen von Visayas und Luzon. Ursprünglich hießen sie Gagmayng Kristohanong Katilingban oder Munting Sambayanang Kristiano (Kleine Christliche Gemeinschaften). Ihre ersten Gründer waren ausländische Missionare; später wurden sie vom einheimischen Klerus gefördert. Die Mindanao- Sulu Pastoral Conference (MSPC) – ein im Dreijahresrhythmus stattfindendes Treffen von Bischöfen, Geistlichen, Ordensleuten und Laien als Vertreter aller Diözesen in Mindanao – setzte sich für die Bildung von BECs in Mindanao ein. Das Sekretariat der MSPC half bei der Entwicklung der Programme und Dienste. Diese wurden dann von den einzelnen Diözesen und Pfarrgemeinden übernommen und in den BECs umgesetzt (Programm für Laien-Führungskräfte, Programm zur christlichen Erziehung, soziale Aktivitäten, gemeindebasiertes Gesundheitsprogramm, Familienleben, Jugend, philippinische Stammesbevölkerung).

Die erste Welle von BECs in Mindanao, Visayas und Luzon entstand in der Zeit des Kriegsrechts, das Präsident Ferdinand Marcos im Jahr 1972 verhängt hatte. In dieser Anfangszeit in den 1970er Jahren breiteten sich die BECs mehr oder weniger ungehindert aus. Viele Diözesen nahmen die Bildung von BECs als ihre pastorale Aufgabe an (Tagum, Davao, Kidapawan, Cotabato, Ipil, Bacolod, Boac, Isabela und weitere). In vielen Fällen, vor allem in Luzon und Visayas, geht die Gründung der BECs auf die Initiative von Gemeindepriestern zurück. Mitunter halfen externe pastorale Akteure wie Kriska-Basic Ecclesial Communities – Service Office, Redemptorist Mission Teams, Basic Christian Community – Community Organizing, Philippine Lay Mission Program, Daughters of Charity Teams und viele andere.

Die entstehenden BECs versuchten, nach der von der MSPC angeregten ganzheitlichen/ integralen Vision zu leben: Zeugnis ablegen, Andachten feiern und den Gemeinden dienen. Es fanden Seminare zur Bewusstseinsbildung statt, die die Mitglieder der BECs für die Realität der Lage sensibilisierten. Beim Bibel-Teilen (bibliambit) und beim gemeinsamen Feiern von Gottes Wort (Kasaulogan sa Pulong, Panimbahon) reflektierten die BECs ihre aktuelle Situation im Hinblick auf das Wort Gottes. Theater-Workshops warfen Schlaglichter auf die Lage in einem unterdrückerischen, diktatorischen Regime. Bei den im Advent, zu Weihnachten, in der Fastenzeit und in der Karwoche gefeierten Liturgien wurde das Leiden der Menschen thematisiert: Armut, Unrecht, Unterdrückung und Verletzung der Menschenrechte. Die Bibelandachten und Liturgien in vielen BECs gaben den Menschen Gelegenheit, sich zu den Übergriffen des diktatorischen Regimes zu äußern. Viele BECs gründeten zudem Hilfsprojekte sowie gemeindebasierte Landwirtschafts- und Gesundheitsprogramme und Kooperativen. Einzelne BECs nahmen an Gebetskundgebungen und Protestmärschen teil, um ihrem Standpunkt zu verschiedenen Themen (Übergriffe durch das Militär, Ungerechtigkeit, Menschenrechtsverletzungen, Staudammprojekte, Zerstörung von Häusern usw.) Ausdruck zu verleihen.

Floating Houses Slum auf dem Fluss Navotas in Tondo. Der Dominikaner Fr. Patrick hilft den Menschen im Rahmen seiner sozialpastoralen Arbeit in ihrem täglichen Kampf ums Überleben. Die Menschen leben in Slumhütten aus Restholz und Wellblech auf schwimmenden Häusern und unter einer Brücke.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Im Visier der politischen Machthaber

All dies nährte den Verdacht, die BECs würden von revolutionären Gruppen unterwandert, die gegen das Marcos- Regime kämpften. In seiner Examensarbeit zum »Religiösen Radikalismus der Neuzeit auf den Philippinen«, die er im Jahr 1979 dem National Defense College vorlegte, behauptete Major Galileo Kintanar, religiöse Radikale würden die BECs zur »Infrastruktur der politischen Macht« aufbauen, die sich zur Bedrohung der nationalen Sicherheit auswachsen könne.

Der Vorwurf, alle BECs seien kommunistisch unterwandert, entbehrt jeder Grundlage. Es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass einige BECs, die sich im Einflussgebiet des bewaffneten Arms der Kommunistischen Partei der Philippinen (Communist Party of the Philippines – New People’s Army) befanden, aus Sorge um ihre Sicherheit ihre unabhängige Haltung nicht aufrechterhalten konnten. Zudem gab es BEC-Programme/- Förderer mit eigenen ideologischen/politischen Auffassungen. Der Großteil der BECs und ihrer Förderer waren jedoch nicht von einer Ideologie, sondern von ihrem Glauben und den Lehren der Kirche motiviert. Die Gleichsetzung der BECs mit der radikalen Linken führte dazu, dass die BECs von den Militärs schikaniert wurden. Viele ihrer Entwicklungsprojekte wie Kooperativen sowie gemeindeeigene Landwirtschafts- und Gesundheitsprogramme wurden in ihrer Arbeit behindert, weil sie angeblich der Unterstützung der revolutionären Bewegung dienten. Kapellen wurden geschlossen und den Menschen wurde es verboten, sich zur Andacht und zum gemeinsamen Studium der Bibel zu versammeln. Einige Leiter und Mitglieder von BECs kamen in Haft. Andere wurden ermordet.

Die Gängelung durch das Militär und das Misstrauen einiger Bischöfe und Priester und ihre fehlende Unterstützung schwächten viele BECs. Diejenigen, die trotzdem weitermachten, konzentrierten sich auf die liturgischen Aktivitäten, um keinen Argwohn zu erregen. Es gab jedoch auch BECs, die an ihren sozialen und wirtschaftlichen Projekten festhielten und gegen das diktatorische Regime kämpften. In einem derart repressiven und von Misstrauen geprägten Umfeld war es schwer, die BECs zu fördern und zu erhalten.

Nach dem Sturz des Marcos-Regimes und der Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse im Jahr 1986 wurde es einfacher, BECs zu gründen und sich gesellschaftlich zu engagieren. BECs in San Fernando in der Provinz Bukidnon wehrten sich erfolgreich gegen die Rodung von Wald und setzten 1989 ein umfassendes Holzeinschlagverbot durch Präsidentin Corazon Aquino durch. Andere BECs in Zamboanga beteiligten sich an Kampagnen gegen Waldrodung, Rohstoffabbau und den Bau von Wasserkraftwerken. Die philippinische Bischofskonferenz (Catholic Bishops’ Conference of the Philippines) gab einen Hirtenbrief zum Thema Umweltschutz heraus, in dem sie auf diese Erfolge als Zeichen der Hoffnung verwies.

Etwa zu jener Zeit erklärten BECs Gebiete in Nord-Cotabato und Negros zu Friedenszonen. Diese Gegenden litten unter dem bewaffneten Konflikt zwischen Regierungstruppen und den Guerilleros der New People’s Army. Einige BECs riefen zudem Entwicklungsprojekte, Kooperativen und Projekte für eine nachhaltige Landwirtschaft ins Leben oder belebten sie neu.

Auftrieb durch das Zweite Plenarkonzil

1991 beschloss man auf dem Zweiten Plenarkonzil die konsequente Förderung und Bildung von BECs auf den gesamten Philippinen als pastorale Priorität. Ergebnis des Plenarkonzils war folgender Beschluss: »BECs mit ihren unterschiedlichen Bezeichnungen und Ausprägungen – christliche Basisgemeinden, kleine christliche Gemeinschaften, Bundesgemeinschaften – bedürfen im Sinne des vollen Lebens der christlichen Berufung in der Stadt und auf dem Land einer konsequenten Förderung.«

Auf dem Plenarkonzil wurde der Bischofskonferenz der Auftrag erteilt, »eine offizielle Erklärung zu BECs, zu ihrem Wesen und ihren Aufgaben gemäß dem Verständnis der Kirche herauszugeben und darin zu verdeutlichen, dass BECs nicht einfach nur eine andere Organisationsform darstellen. Diese offizielle Erklärung der CBCP soll unter anderem der Orientierung von Priestern und Seminaristen dienen. Die Ausbildung zur Arbeit mit BECs muss in den Lehrplan der Priesterseminare aufgenommen werden«.

Damit löste das Plenarkonzil die zweite Welle von BEC-Gründungen aus. Im Rahmen der Umsetzung der Impulse des Zweiten Plenarkonzils legten viele Diözesen in Visayas und Luzon erstmals ein BEC-Programm auf; andere verstärkten ihre bisherigen Bemühungen. Seitdem wächst die Zahl der BECs in diesen Regionen mit ungebrochenem Tempo. In Mindanao, der Wiege der BECs, musste man den bestehenden BECs, die aufgrund der Gängelei durch das Militär geschwächt waren oder stagnierten, nur einen neuen Schub geben. In den Folgejahren setzten sich die Bemühungen um die Bildung und Neubelebung von BECs fort.

Die Bischofskonferenz unterstützte diese Prozesse. Nach dem Zweiten Plenarkonzil war das National Secretariat for Social Action das führende Organ für die Förderung von BECs. 2005 wurde das Episcopal Committee on Basic Ecclesial Communities der Bischofskonferenz gegründet, dessen erster Leiter der scheidende CBCP-Vorsitzende Erzbischof Orlando Quevedo wurde. Die ex-officio-Mitglieder dieses BEC-Ausschusses sind seitdem die Leiter der acht Ausschüsse (Soziales Handeln – Gerechtigkeit und Frieden, Bibel-Apostolat, Liturgie, Christliche Erziehung, Laien, Jugend, Familie & Leben, Kirchenrecht). Der BEC-Ausschuss hat als Aufgaben,

  • die BECs als neuer Weg, Kirche zu sein, zu fördern;
  • die landesweiten BEC-Aktivitäten zu koordinieren;
  • Wesen und Aufgabe der BECs innerhalb der Kirchenstruktur zu klären;
  • der Bischofskonferenz Leitlinien für die BECs vorzuschlagen;
  • die Mitwirkung der bischöflichen Kommissionen zu koordinieren

2005 fand in Cebu die erste BEC-Nationalversammlung statt, die der BEC-Ausschuss der CBCP organisiert hatte. 2008 und 2011 fanden die zweite und dritte BEC-Nationalversammlung in Cagayan de Oro und Manila statt.

Heimatlose Menschen stellen die Kirche auf den Philippinen vor eine große Herausforderung. In Zamboanga auf Mindanao leben die Bajau, ehemalige Seenomaden, in einem Flüchtlingslager.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Jüngste Entwicklungen und Trends

In vielen Diözesen bilden die BECs inzwischen die Basiseinheit der Pfarrgemeinden, die als Netzwerk von BECs verstanden werden. Viele Diözesen halten einmal pro Jahr eine BEC-Versammlung auf Ebene der Diözese ab. Auch regionale BEC-Treffen oder -Versammlungen gab es schon (Nord-Luzon, Metro Manila, Region Mindanao). 2011 kamen die BEC-Leiter der Diözesen zu einer landesweiten Versammlung zusammen. Eine weitere folgte im September 2013. An der nationalen BEC-Versammlung im November 2015 nahmen 1100 Delegierte aus 74 (von 85) Diözesen teil. Die Bischofskonferenz erklärte 2017 zum Jahr der Pfarrgemeinde als Gemeinschaft von Gemeinschaften (BECs).

Im Land entstanden BECs in vielfältigen Formen und Ausprägungen. Es gibt beispielsweise Kapellengemeinden. Das sind Gemeinschaften mit 30 bis 200 Familien, meist in ländlichen Gegenden, aber in Mindanao auch in Städten. Die meisten Zusammenkünfte und Aktivitäten der BEC finden in der Kapelle statt. Sie gilt als gesellschaftlicher Raum oder Mittelpunkt der Gemeinschaft.

Darüber hinaus gibt es BECs, die sich ebenfalls um eine Kapelle sammeln, jedoch in Nachbarschaftszellen und Familiengruppen untergliedert sind (8 –15 Familien pro Gruppe). Die BEC im Barangay oder Dorf ist ein Netzwerk aus Nachbarschaftszellen. Die Mitglieder der einzelnen Zellen kommen an Wochentagen in privaten Räumlichkeiten zusammen. Zur regulären Versammlung und zum Feiern der Eucharistie treffen sich alle Zellen der BEC dann in einer Kapelle (in monatlichen oder zweimonatlichen Abständen). In diese Kategorie fällt der größte Teil der BECs.

Ferner gibt es Nachbarschaftszellen oder Familiengruppen ohne Kapelle. Sie befinden sich meist in großen Städten. Die meisten, wenn nicht alle Aktivitäten finden in den Wohnungen oder Häusern der Mitglieder dieser Zellen statt. Die Zusammenkunft der größeren Gemeinschaft zur Versammlung und Eucharistiefeier erfolgt oft an öffentlichen Orten – auf überdachten Basketballfeldern, in Seitenstraßen, in Gemeindesälen oder in Schulen. Es gibt die Tendenz, die aus acht bis 15 Familien bestehende Nachbarschaftszelle bereits als BEC anzusehen – statt als Zelle, die Teil einer größeren Gemeinschaft ist.

Eine wachsende Zahl von BECs engagiert sich auch sozial. Verschiedene Programme entstanden auf BEC Ebene: nachhaltige Landwirtschaft, Projekte zur Verbesserung des Lebensunterhalts, Friedensarbeit, Umweltschutz, Mikrokredite, gemeindebasierte Gesundheitsprogramme, Ausbildung, verantwortungsbewusstes Führen usw. Das National Secretariat for Social Action (NASSA) hat das BEC-basierte Programm der ganzheitlichen Evangelisierung vorangetrieben. Die Mehrheit der BECs (rund 74 Prozent) muss ihre Aktivitäten jedoch noch um die soziale Komponente erweitern.

Wachstum der BECs in Städten

Es gibt die Auffassung, nur auf dem Lande, wo die Gemeinschaften von Natur aus homogen sind und jeder den anderen kennt, sei den BECs Erfolg beschieden. Viele glauben, dass dies in den Städten, vor allem in der Mittel- und Oberschicht, ganz anders aussieht. Über die Jahre entstanden aber auch in den Städten viele BECs – in Davao, Surigao, Cebu, Ormoc, Metro-Manila, Lingayen, Dagupan, Aparri und weiteren Großstädten. Selbst in großbürgerlichen Gegenden bildeten sich BECs. Dies erfordert neue Wege und Herangehensweisen für den Aufbau von BECs sowie neue Formen und Strukturen, weil die im ländlichen Raum genutzten Methoden hier nicht greifen. Bewährte Vorgehensweisen müssen erst noch zusammengetragen und propagiert werden. Im September 2012 kamen Delegierte aus sechs Diözesen der Hauptstadtregion sowie Malolos und Antipolo zu einer Konferenz »BECs in der Stadt« zusammen. Die Erzdiözese Manila und ihre Suffragan-Diözesen waren Gastgeber der dritten BEC-Nationalversammlung der CBCP. Die Delegierten waren in Pfarrgemeinden untergebracht und gewannen hier einen eigenen Eindruck von den BECs im Großraum Manila. Den Höhepunkt der Nationalversammlung besuchten mehr als 10.000 BEC-Mitglieder aus städtischen BECs in der Metropolregion. Das widerlegte die Auffassung, BECs könnten nur im ländlichen Raum gedeihen.

In den Pfarreien sind viele BEC-Ausbildungsteams entstanden. Diese Teams bestehen meist aus ehrenamtlichen Laien, die Hilfe bei der Gründung und Förderung von BECs leisten. Sie brauchen stetige Weiterbildung, um ihr Engagement zu vertiefen und ihre Fähigkeiten zur Evangelisierung, Strukturierung und Mobilisierung weiterzuentwickeln.

In vielen Umfragen wird als eines der Hindernisse für das Wachstum von BECs die fehlende Unterstützung und Initiative des Klerus genannt. Umgekehrt wurde bestätigt, dass BECs aufblühen, wenn der Klerus sie aktiv fördert. In Reaktion auf dieses Problem haben einige Priesterseminare und Ausbildungsprogramme auf den Philippinen die BECs zum Ausbildungsgegenstand gemacht. Die Strukturen mancher Seminare und Ausbildungshäuser wurden am Vorbild der BEC-Zellen ausgerichtet. Dort wird nicht nur über BECs gesprochen, sondern nach ihrem Beispiel gelebt. Einige Seminare unterhalten im Hinblick auf BECs Kennenlern- und Vertiefungsprogramme für ihre Seminaristen. Andere nahmen die BEC-Thematik in Form eines Kurses oder Workshops in ihre theologischen Programme auf. Die überarbeitete Ratio Formationis für Priesterseminare auf den Philippinen wurde um die BEC-Thematik erweitert.

Einige Diözesen lassen den frisch geweihten Diakonen und Priestern eine BEC-Ausbildung angedeihen. In anderen ist dieses Thema bereits fester Bestandteil der Weiterbildungsprogramme für Geistliche. Seminare und Exerzitien zum Thema »Priesteramt und BECs« wurden ebenfalls abgehalten. Dies steht im Einklang mit der Erkenntnis, dass ein neuer Weg, Kirche zu sein, einen neuen Weg, Priester zu sein, erfordert – ein erneuerter Klerus für eine erneuerte Kirche. 2013 organisierte die für Seminare zuständige Kommission der Bischofskonferenz ein landesweites Treffen der Leiter und Dozenten von Priesterseminaren. Eines der Themen: BEC und Priesterseminar- Ausbildung.

Auf den Friedhöfen der philippinischen Millionenstadt Cebu leben Hunderte Familien mit ihren Kindern. Nachts schlafen sie zwischen den Grabsteinen, tagsüber kämpfen sie ums Überleben.
FOTO: DAVID SüNDERHAUF

Problemfelder und Herausforderungen

Die skizzierte Situation der kirchlichen Basisgemeinschaften lässt verschiedene Probleme erkennen:

1. Es fehlen wirksame Instrumente für die Bildung und Pflege von BECs.
2. Viele BECs verstehen die vom Zweiten Plenarkonzil verfolgte Vision nicht vollständig und machen sie sich nicht zu eigen.
3. In vielen Diözesen versteht man die BECs nur als Rahmen für Aktivitäten (Bibel-Teilen) statt als Kultur oder Lebensweise.
4. Es gibt Diözesen, in denen sich die BEC auf eine Handvoll Menschen/Zellen oder Familiengruppen mit 6 bis 10 Mitgliedern beschränkt, die zum Teilen des Evangeliums zusammenkommen. Es gibt die Tendenz, die BEC-Zelle/Nachbarschaftsgruppe schon als BEC zu sehen – statt als Teil der örtlichen Gemeinschaft.
5. Aktiv engagiert in BECs sind vorrangig Frauen – nur wenige Männer und Jugendliche.
6. Die Ärmsten der Armen (vor allem in den Städten) sind nicht in BECs eingebunden.
7. Viele BECs bleiben Gebets- beziehungsweise Bibelgruppen ohne soziales Engagement. 8. Viele BEC-Sozialprogramme sind nicht nachhaltig oder wirksam genug und bewirken keinen gesellschaftlichen Wandel oder Armutsabbau.
9. Es gibt nach wie vor viele Priester, denen es an Initiative und Unterstützungsbereitschaft bei der Gründung von BECs fehlt.
10. Es gibt BECs, die sich im »Erhaltungsmodus« befinden und stagnieren.
11. Vielen BEC-Ausbildungsprogrammen fehlt eine systematische und nachhaltige Evangelisierungskomponente.
12. Einige Diözesen und Pfarrgemeinden arbeiten mit Sanktionen, umdieMenschen zur Teilnahme an den BEC-Aktivitäten zu zwingen (Zertifizierung). Denen, die nicht aktiv teilnehmen, wird nicht erlaubt, ihre Kinder taufen zu lassen oder in der Kirche zu heiraten, oder es gibt für sie keine Totenmesse.

Aus dieser Bestandsaufnahme ergibt sich für die BECs und ihre Förderer eine Reihe von Herausforderungen, nämlich

1. den Gründungs- und Förderungsprozess von BECs, wo diese noch nicht voll etabliert sind, fortzusetzen;
2. bereits voll etablierte BECs, die gegenwärtig stagnieren, neu zu beleben;
3. sich in der Neuevangelisierung zu engagieren, die ein integraler Bestandteil des Prozesses der Bildung oder Neubelebung von BECs ist – der Schwerpunkt sollte auf der persönlichen Begegnung mit Christus liegen, die in persönlicher Wandlung und Jüngerschaft in Gemeinschaft mündet;
4. spezielle Evangelisierungsprogramme für Familien, Männer und Jugendliche zu entwickeln, ohne die Frauen zu vernachlässigen;
5. im Klerus für die BECs zu werben, damit sie als integraler Bestandteil des Priesteramtes akzeptiert werden;
6. pastorale Mitarbeiter (Laien in Vollzeit und im Ehrenamt) und BEC-Leiter angemessen auszubilden;
7. einen umfassenderen Gemeinschaftssinn (sambayanan, katilingban) zu entwickeln, statt sich ausschließlich auf kleine Zellen/Nachbarschaftsgruppen (kapitbahayan, kasilinganan) zu konzentrieren;
8. die Gemeinschaften weiterzuentwickeln vom liturgisch- evangelikal ausgerichteten Typ hin zu ganzheitlichen BECs mit sozialem Engagement, das relevant und wirksam ist;
9. die Sanktionspolitik hinter sich zu lassen, mit der die Beteiligung an BEC-Aktivitäten erzwungen wird (Vorsicht vor einem bürokratischen, institutionellen und autoritären BEC-Modell), und ein Modell der Anteilnahme und Inklusion zu fördern, das diejenigen, die nicht aktiv sind, motiviert und inspiriert, sich stärker in ihre BECs einzubringen;
10. die BEC-Kultur als Lebenseinstellung statt als bloßes Programm oder bloße Aktivität zu fördern.

BECs haben sich noch nicht vollständig durchgesetzt. In den meisten Diözesen und Pfarrgemeinden gibt es sie bereits. Durch die BECs erfahren die gläubigen Laien die Kirche als Communio und als partizipatorische Kirche. BECs ermöglichen es den Gläubigen, als echte Jünger Jesu zu leben und in prophetischen, priesterlichen und dienenden Gemeinschaften sowie als Kirche der Armen aktiv teilzuhaben an seiner Mission. Die Realisierung der Vision von einer erneuerten Kirche im Sinne des Zweiten Vatikanums und des Zweiten Plenarkonzils in den BECs bleibt ein andauernder Prozess.

AMADO L. PICARDAL CSSR
Geschäftsführer des Committee on Basic Ecclesial Communities der Catholic Bishops’ Conference of the Philippines

Ausgabe 3/2016

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