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Eine Spiritualität der Schöpfung

Wie Papst Franziskus sie sieht

von MICHAEL AMALDOSS SJ

Im Zentrum der Enzyklika Laudato si’ (LS) von Papst Franziskus steht das Anliegen, unsere Schwester Erde, unser gemeinsames Haus, davor zu bewahren, dass wir Menschen sie durch unseren unverantwortlichen Umgang völlig zerstören. Wir haben inzwischen ein Stadium erreicht, in dem die Erde in nicht allzu ferner Zukunft für uns unbewohnbar werden könnte, wenn wir keine geeigneten Maßnahmen ergreifen, um sie zu retten. Papst Franziskus tritt für die Verteidigung der Erde ein und hat dabei eine Theologie und eine Spiritualität der Schöpfung entwickelt, die in vieler Hinsicht neu sind und an religiöse Traditionen Asiens erinnern.

»Gott hat einen Plan für dieses schöpferische Projekt.« Der Ganges in Buxar im indischen Bundesstaat Bihar.
FOTO: ANNE KNöRZER

In diesem Beitrag möchte ich mich dieser »neuen« Sichtweise und Spiritualität zuwenden, damit wir die prophetische Vision und die Forderungen von Papst Franziskus besser verstehen und leichter mit allen Menschen guten Willens zusammenarbeiten, um die Erde zu retten – nicht nur um der künftigen Generationen willen, sondern um ihrer eigenen, gottgewollten Vollendung willen. Zunächst möchte ich mit einer kurzen Darstellung der Sichtweise von Papst Franziskus beginnen.

Die Schöpfung ist Gottes Geschenk für die Menschheit. Wir sind dazu aufgerufen, im Zusammenwirken mit Gott, der weiter in seiner Schöpfung anwesend ist, und mit der Schöpfung selbst diese in kreativer Weise zu pflegen und sie jener Fülle in Christus entgegenzuführen, zu der wir und sie gleichermaßen berufen sind. Wir müssen die Schöpfung mit jedermann teilen und dürfen sie nicht in egoistischer Manier ausbeuten und zerstören. Unsere eigene Erfüllung als verleiblichte geistbegabte Wesen (spirits-in-bodies) hängt von ihr ab. Unser Verhältnis zu Gott, zu den anderen und zur Schöpfung wurde aufgrund unserer Sündhaftigkeit gestört. Doch wenn wir im auferstandenen Christus zu unserer ursprünglichen Unschuld zurückfinden wie Franziskus von Assisi, können wir Gott lobpreisen: »Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.« (1; diese und die folgenden Nummern beziehen sich auf Laudato si’.) Ich will diese Vision nun genauer erkunden.

Warum Schöpfung?

Gott ist es, der dieses Universum erschaffen hat, und zwar nicht aus irgendeinem Zwang heraus oder als eine Art Ausströmung (emanation) seines Wesens, sondern aus Liebe. Diese Liebe gilt nicht nur dem Universum, sondern auch uns, die Gott erschaffen und denen er das Universum anvertraut hat. Gott hat uns aufgefordert, es nicht zu beherrschen und auszuplündern, sondern es in kreativer Weise zu pflegen und zum Wohl aller zu nutzen. Hier sehen wir die Wechselbeziehung zwischen Gott, den Menschen und der Schöpfung. Gott hat einen Plan für dieses schöpferische Projekt. Gott hat die Menschen und die Erde nicht vollkommen erschaffen. Sie sollen wachsen und sich in wechselseitiger Interaktion entwickeln. Gott führt alles der Fülle in Christus entgegen. Paulus stellt uns diese Sichtweise vor Augen, wenn er von Christus spricht, und sagt (singt?): »Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare…Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut.« (Kol 1,15–16.19–20)

Franziskus zeigt uns, wie die Dreieinigkeit in dieses Schöpfungsgeschehen einbezogen ist: »Der Vater ist der letzte Ursprung von allem, der liebevolle und verbindende Grund von allem, was existiert. Der Sohn, der ihn widerspiegelt und durch den alles erschaffen wurde, hat sich mit dieser Erde verbunden, als er im Schoß Marias menschliche Gestalt annahm. Der Geist, das unendliche Band der Liebe, ist zutiefst im Herzen des Universums zugegen, indem er neue Wege anregt und auslöst.« (238) Die Schöpfung ist also die Selbsthingabe des dreieinigen Gottes. Durch die Menschwerdung vereint sich der Sohn mit der Erde. Der Geist ist im Herzen des Universums. Als Papst Johannes Paul II. feierlich erklärte, dass Gottes Geist in allen Kulturen und Religionen am Werk sei, stieß dies auf große Zustimmung. Nun wird uns versichert, dass der Geist auch »im Herzen des Universums« selbst anwesend ist. Das Universum ist nicht als ein materieller Gegenstand irgendwo da draußen. Es ist ein »Subjekt«, das von der Energie des Geistes durchdrungen ist, der jedoch sowohl die Grenzen als auch die Eigenständigkeit des Geschaffenen respektiert, um Neues ins Werk zu setzen. Papst Franziskus erläutert dies im Zusammenhang von Gottes Schöpfungsplan für das Universum: »In gewisser Weise wollte er [Gott] sich selbst beschränken, als er eine Welt schuf, die der Entwicklung bedarf, wo viele Dinge, die wir als Übel, Gefahren oder Quellen des Leidens ansehen, in Wirklichkeit Teil der ›Geburtswehen‹ sind, die uns anregen, mit dem Schöpfer zusammenzuarbeiten. Er ist im Innersten aller Dinge zugegen, ohne die Autonomie seines Geschöpfes zu beeinträchtigen, und das gibt auch Anlass zu der legitimen Autonomie der irdischen Wirklichkeiten. Diese göttliche Gegenwart, die das Fortbestehen und die Entwicklung allen Seins sicherstellt, ›ist die Fortsetzung des Schöpfungsaktes‹. Der Geist Gottes erfüllte das Universum mit Wirkkräften, die gestatten, dass aus dem Innern der Dinge selbst immer etwas Neues entspringen kann.« (80)

Wir sind es so sehr gewohnt, das Universum zu objektivieren (82) und es als nackte Materie ohne Leben zu betrachten, wie es uns die Naturwissenschaften eingeredet haben, dass uns diese Sichtweise schockiert. (Nebenbei bezieht sich Franziskus auch auf einen Aspekt des sattsam bekannten »Problems des Bösen«.) Franziskus betont beharrlich, dass das materielle Universum seine eigene Würde und seinen eigenen Zweck besitzt, die wir zu respektieren haben (84 – 85). Seine Bestimmung ist die Fülle Gottes, die im auferstandenen Christus bereits erreicht ist, wie uns Paulus versichert.Der Sinn des Universums ist nicht einfach nur der Mensch. Alle Geschöpfe »gehen mit uns und durch uns voran auf das gemeinsame Ziel zu, das Gott ist, in einer transzendenten Fülle, wo der auferstandene Christus alles umgreift und erleuchtet« (83). Auch die Menschen haben eine Rolle dabei, dieses Ziel zu erreichen. Das Universum ist nicht einfach das »Feld«, auf dem die Menschen ihr Heil wirken. Es ist auch kein Objekt, das dafür da wäre, von den Menschen für ihre eigenen Bedürfnisse und Zwecke benutzt zu werden. »Denn der Mensch, der mit Intelligenz und Liebe begabt ist und durch die Fülle Christi angezogen wird, ist berufen, alle Geschöpfe zu ihrem Schöpfer zurückzuführen.« (83) Die Menschen sind deshalb nicht nur für ihr eigenes Heil oder ihre eigene Erfüllung verantwortlich. Sie sind auch für das Universum und dafür verantwortlich, dass dieses sein Ziel erreicht. Die Menschen wurden mit »Intelligenz und Liebe« nicht nur deshalb ausgestattet, um untereinander und mit Gott in Beziehung zu treten, sondern auch, um dem Universum zu helfen. Die Menschen müssen dies tun, und zwar nicht, indem sie den Prozessen der Natur Gewalt antun, sondern indem sie in Einklang mit diesen Prozessen handeln.

Deshalb zeigt uns Papst Franziskus eine Vision des geschaffenen Universums und seines Zieles sowie der Rolle des Menschen darin auf. Bislang haben wir uns meistenteils nur um unseren eigenen Weg hin zur Fülle gekümmert. Nun wissen wir, dass wir auch für den Weg der Schöpfung zu ihrem letzten Ziel der Fülle in Christus und Gott verantwortlich sind. Die gesamte Geschichte des Universums seit dem Urknall wird zu einer Heilsgeschichte, wenn sich diese auch in Stufen und in differenzierter Art und Weise verwirklicht.

»Der Geist ist im Herzen des Universums.« Ein Baum in Ranchi im indischen Bundesstaat Jharkhand.
FOTO: ANNE KNöRZER

Die Schöpfung und die Menschen

Wie können wir Menschen dem Universum helfen, seine Ziele zu erreichen? Papst Franziskus unterscheidet zwischen »Natur« und »Schöpfung« (76). Wir können das Universum als »Natur« betrachten, als etwas Gegebenes, als ein Objekt, mit dem wir »spielen« können, das wir manipulieren und für unsere eigenen Zwecke ausbeuten können. Das Universum ist aber nicht einfach »Natur«. Es ist »Schöpfung«, von Gott aus Liebe geschaffen (77). Da es geschaffen ist, ist es nicht göttlich 78). Wir müssen es nicht verehren. Doch wir müssen es respektieren und gemäß seiner eigenen inneren Eigenart und dem Ziel behandeln, das Gott ihm gesetzt hat. Es ist zerbrechlich, und wir müssen es schützen. Wir können es in guter Weise benutzen oder es missbrauchen (79).

Innerhalb der Schöpfung sind nicht alle Geschöpfe gleich. Die Menschen haben eine herausragende Position (90). Ihnen kommt die besondere Würde zu, als »Ebenbild Gottes« (Gen 1,27) geschaffen zu sein. Sie sind mit Selbstbewusstsein, Selbstbesitz und der Fähigkeit der Selbstgabe ausgestattet. Sie sind bewusster Beziehungen fähig (65). Sie setzen sich ins Verhältnis mit Gott, den anderen und der Erde (66). Diese Beziehungen wurden aufgrund der Sünde konfliktbehaftet. Doch sie können wiederhergestellt werden, wie der heilige Franziskus von Assisi durch sein Leben und insbesondere durch seine Beziehung zur Erde und zu den Tieren deutlich machte.

Gott ist der Schöpfer des Universums. Gott ist der Herr, und »die Erde ist des Herrn« (Ps 24,1). Die Menschen sind nicht die absoluten Eigentümer des Universums (67). Sie sind Treuhänder, die die Erde den Zielen Gottes gemäß benutzen müssen. In der Vergangenheit haben einige den Vers aus dem Buch Genesis, »Erfüllt die Erde und unterwerft sie euch« (Gen 1,28), dazu benutzt, um die totale Herrschaft der Menschen über die Erde zu rechtfertigen. Papst Franziskus befreit von diesem Missbrauch und legt den Akzent eher auf den Vers: »Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und hüte.« (Gen 2,15) »Während ›bebauen‹ kultivieren, pflügen oder bewirtschaften bedeutet, ist mit ›hüten‹ schützen, beaufsichtigen, bewahren, erhalten, bewachen gemeint. Das schließt eine Beziehung verantwortlicher Wechselseitigkeit zwischen dem Menschen und der Natur ein. Jede Gemeinschaft darf von der Erde das nehmen, was sie zu ihrem Überleben braucht, hat aber auch die Pflicht, sie zu schützen und das Fortbestehen ihrer Fruchtbarkeit für die kommenden Generationen zu gewährleisten.« (67)

Das Alte Testament zeigt verschiedene Wege auf, wie man für die Erde Sorge tragen muss (68). Wir sollen gefallenen Tieren helfen. Wir sollen Vögeln, die brüten, keinen Schaden zufügen (vgl. Dtn 22,4.6). Der Sabbat ist nicht nur für die Menschen gedacht, sondern auch dafür, »dass dein Ochse und dein Esel ausruhen können « (Exodus 23,12). Auch die Erde soll alle sieben Jahre ihre Ruhepause haben (vgl. Lev 25,1–4). Alle fünfzig Jahre muss das Land neu verteilt werden (vgl. Lev 25).

Die Psalmen fordern alle Geschöpfe dazu auf, in unser Lob Gottes einzustimmen (vgl. Ps 148,3–5). Franziskus von Assisi tat dasselbe mit seinem Sonnengesang. Der einzige Unterschied besteht darin, dass er von Bruder Sonne, Wind und Feuer beziehungsweise von Schwester Erde, Mond und Wasser spricht (87). Die Aufgabe der Menschen im Hinblick auf die Schöpfung ist es, für sie zu sorgen und sie zu befähigen, das Ziel zu erreichen, das Gott für sie vorgesehen hat. Gott als den Schöpfer der Erde anzuerkennen heißt einerseits, davon Abstand zu nehmen, irdische Mächte zu verehren, und andererseits darauf zu verzichten, Gottes Stelle einnehmen zu wollen, indem man versucht, die Erde zu beherrschen (75).

Doch Papst Franziskus betont mit Nachdruck, »dass die gesamte Natur Gott nicht nur kundtut, sondern auch Ort seiner Gegenwart ist. In jedem Geschöpf wohnt sein lebenspendender Geist, der uns in eine Beziehung zu ihm ruft« (88). Doch wir sollten den unendlichen Abstand zwischen Gott und Schöpfung nie vergessen. Als Geschöpfe verbindet uns ein gemeinsames Band, und wir bilden zusammen »eine Art universale Familie […], eine sublime Gemeinschaft, die uns zu einem heiligen, liebevollen und demütigen Respekt bewegt « (89). Papst Franziskus fährt fort, indem er eine starke Textpassage seines apostolischen Schreibens Evangelii gaudium zitiert: »Ich möchte daran erinnern, dass ›Gott uns so eng mit der Welt, die uns umgibt, verbunden [hat], dass die Desertifikation des Bodens so etwas wie eine Krankheit für jeden Einzelnen ist, und wir […] das Aussterben einer Art beklagen [können], als wäre es eine Verstümmelung.« (89; Zitat aus EG 215)

Solch eine Sorge für die Schöpfung sollte Hand in Hand gehen mit der Sorge für die Armen. Papst Franziskus beklagt die Tatsache großer Ungleichheit unter den Menschen, wobei einige Menschen sich anmaßen, ein größeres Recht darauf zu haben, die Güter der Erde zu genießen, als andere (90). Echte Zuwendung und echtes Mitleid können nicht selektiv sein. »Die Ungereimtheit dessen, der gegen den Handel mit vom Aussterben bedrohten Tieren kämpft, aber angesichts des Menschenhandels völlig gleichgültig bleibt, die Armen nicht beachtet oder darauf beharrt, andere Menschen zu ruinieren, die ihm missfallen, ist offensichtlich.« (91) Alles in der Welt ist mit allem anderen verbunden, und unsere gemeinsame Pilgerschaft zu Gott anerkennt die Liebe, die er jeder Kreatur entgegenbringt, und vereint uns mit diesen Geschöpfen (92).

»Die Menschen sind Treuhänder, die die Erde den Zielen Gottes gemäß benutzen müssen.« Eine Frau erntet Senfpflanzen in Chunnawala Village im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh.
FOTO: FRIEDRICH STARK

Eine Schöpfung, die allen gemeinsam ist

Wie wir bereits gesehen haben, ist die Erde (das Universum) Gottes Gabe für alle Völker und soll miteinander geteilt werden. Jeder Mensch hat das Recht auf einen Anteil an der Erde, der ausreicht, um seine Bedürfnisse zu befriedigen (94). Die Erde und ihre Früchte gehören allen, insbesondere aber den Armen, den Waisen, den Witwen und den Fremden (71). Das, worum es geht, wird anschaulich beschrieben: »Wenn ihr die Ernte eures Landes einbringt, sollt ihr das Feld nicht bis zum äußersten Rand abernten. Du sollst keine Nachlese von deiner Ernte halten. In deinem Weinberg sollst du keine Nachlese halten und die abgefallenen Beeren nicht einsammeln. Du sollst sie den Armen und dem Fremden überlassen.« (Lev 19,9–10)

Papst Franziskus sagt klar, dass das Recht auf Privateigentum der allgemeinen Bestimmung der Güter untergeordnet ist. Jeder hat das Recht, sie zu benutzen (93). Er zitiert die Bischöfe Paraguays, die sagen, dass die Bauern nicht nur das Recht auf ein Stück Land haben, um darauf eine Wohnstatt zu errichten und es zu bebauen, sondern dass sie auch das Recht auf andere Mittel haben, um aus diesem Eigentumsrecht Nutzen zu ziehen (94). »Die Umwelt ist ein kollektives Gut, ein Erbe der gesamten Menschheit und eine Verantwortung für alle. Wenn sich jemand etwas aneignet, dann nur, um es zum Wohl aller zu verwalten.« (95)

Der Blick Jesu

Jesus zeigt, dass er eng mit der Natur verbunden ist. Er spricht von den Lilien auf dem Feld und den Vögeln in der Luft, von Samenkörnern, von den Bäumen und von der Ernte. All dies enthält Lehren für uns. Anders als Johannes der Täufer führte er ein normales Leben in der Welt und erfreute sich an den Gütern der Welt. Er arbeitete mit seinen Händen als Zimmermann (96– 98). »Von Anbeginn der Welt, in besonderer Weise jedoch seit der Inkarnation, wirkt das Christusmysterium geheimnisvoll in der Gesamtheit der natürlichen Wirklichkeit, ohne deswegen dessen Autonomie zu beeinträchtigen.« (99) Von den Toten auferstanden, ist er auch »mit seiner allumfassenden Herrschaft in der gesamten Schöpfung gegenwärtig« (100). Wir haben es hier mit dem Bild des »kosmischen Christus« zu tun, wie es von Teilhard de Chardin und anderen entworfen wird.

Persönliche Umkehr

Wenn wir uns heute auf der Welt umschauen, dann kann uns eine Mentalität des Anthropozentrismus bewusst werden, die den Rest der Schöpfung nicht respektiert, sondern ihn vielmehr missbraucht und ausplündert; dann können uns die ungezügelte Konsumgier, die Macht und die Technik bewusst werden, die diesen Anthropozentrismus fördern und ohne zu zögern die Ressourcen der Erde in unausgewogener Weise gebrauchen; dann kann uns die einseitige Aneignung der Güter der Erde bewusst werden, die zu wachsender Ungleichheit zwischen den Völkern, Verarmung und Wüstenbildung auf der Erde führt; dann können uns der Aufschwung der Biotechnologien, die in die Prozesse der Natur eingreifen, und das Wachstum der Technik insgesamt bewusst werden sowie das daraus resultierende Machtgefühl, das einige wenige glauben lässt, sie seien die Herren der Erde; dann kann uns eine Haltung des Säkularismus bewusst werden, die keinen Platz für Gott in der Welt und im Leben der Menschen hat; dann kann uns eine ungerechte Wirtschaft bewusst werden, deren Grundlage ein freier Markt ist, dessen einziges Ziel wachsende Profite sind; dann kann uns ein Geist des Relativismus bewusst werden, der keine universalen Werte anerkennt; dann kann uns eine Wegwerfkultur bewusst werden, die Berge von Müll hervorbringt. Ich will diese Themen hier nicht vertiefen. Doch sie zeigen uns, was mit den Gruppen von Menschen, die die Welt heute beherrschen, nicht in Ordnung ist. Sie weisen auf eine Kultur hin, die auch auf die Armen eine Anziehungskraft ausübt.

Die Spiritualität der Schöpfung gemäß Papst Franziskus, wie ich sie dargestellt habe, wird zu einer Änderung der Haltung und der Praxis beitragen. Wir brauchen einen neuen Lebensstil. Wir müssen in Einklang mit der Natur leben und uns unserer Verantwortung bewusst sein, sie zur kosmischen Fülle in Christus zu führen, zu der sie berufen ist. Praktisch bedeutet das, dass wir den Konsumismus und jegliches Tun, jede Art von Ernährung und jeden Lebensstil vermeiden, die die Natur und deren Ressourcen zerstören können. Wir sollten keine industriellen Prozesse befördern, die schädlich für die Natur sind. Wir müssen die Wegwerfkultur vermeiden. Papst Franziskus ist sehr konkret, wenn er folgende Verhaltensweisen anspricht: »die Vermeidung des Gebrauchs von Plastik und Papier, die Einschränkung des Wasserverbrauchs, die Trennung der Abfälle, nur so viel zu kochen, wie man vernünftigerweise essen kann, die anderen Lebewesen sorgsam zu behandeln, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen oder ein Fahrzeug mit mehreren Personen zu teilen […], unnötige Lampen auszuschalten« (211).

Wir müssen gegen den bloß am Profit orientierten Kapitalismus des freien Marktes und die industrielle Infrastruktur kämpfen, die diesen unterstützt und voraussetzt. Wir müssen sensibel für die Armen und ihre Bedürfnisse sein und uns bemühen, ökonomische und soziale Gleichheit zu fördern. »Die christliche Spiritualität regt zu einem Wachstum mit Mäßigkeit an und zu einer Fähigkeit, mit dem Wenigen froh zu sein.« – »Es handelt sich um die Überzeugung, dass ›weniger mehr ist‹.« (222)

»Wir müssen in Einklang mit der Natur leben und uns unserer Verantwortung bewusst sein, sie zur kosmischen Fülle in Christus zu führen, zu der sie berufen ist.«
Ein Garten in Baruipur im indischen Bundesstaat Westbengalen.
FOTO: ANNE KNöRZER

Einfachheit, Demut, Genügsamkeit, ein Bewusstsein der Grenzen der Bedürfnisse und Ressourcen und ein Gespür für die Gemeinschaft mit der Schöpfung und mit anderen können uns ein Gefühl von Frieden und Freude vermitteln. Papst Franziskus erwähnt sogar Kleinigkeiten, wie etwa das Licht auszumachen, wenn man es nicht braucht. Franziskus spricht »von einer Haltung des Herzens, das alles mit gelassener Aufmerksamkeit erlebt; das versteht, jemandem gegenüber ganz da zu sein, ohne schon an das zu denken, was danach kommt; das sich jedem Moment widmet wie einem göttlichen Geschenk, das voll und ganz erlebt werden muss« (226). (Das klingt wie ein buddhistischer Ratschlag.) Dies ist ein Weg, um jene »krankhafte Ängstlichkeit zu überwinden, die uns oberflächlich, aggressiv und zu hemmungslosen Konsumenten werden lässt« (226).

Wir müssen uns ein sakramentales Verständnis des Lebens aneignen und dabei zu Mystikern werden. Papst Franziskus sagt: »Das Universum entfaltet sich in Gott, der es ganz und gar erfüllt. So liegt also Mystik in einem Blütenblatt, in einem Weg, im morgendlichen Tau, im Gesicht des Armen Das Ideal ist nicht nur, vom Äußeren zum Inneren überzugehen, um das Handeln Gottes in der Seele zu entdecken, sondern auch, dahin zu gelangen, ihm in allen Dingen zu begegnen …« (233). Diese Sichtweise finden wir bei vielen Mystikern: natürlich beim heiligen Franziskus, beim heiligen Ignatius von Loyola in seiner Betrachtung über die Erlangung der Liebe in seinen Geistlichen Übungen, beim heiligen Johannes vom Kreuz (vgl. 234) und vielen anderen. Diese sakramentale Perspektive erreicht ihren Höhepunkt in der Eucharistie. Jesus kommt zu uns in Gestalt des Brotes, und mit ihm vereint richtet der gesamte Kosmos seinen Dank an Gott. »Darum ist die Eucharistie auch eine Quelle des Lichts und der Motivation für unsere Sorgen um die Umwelt und richtet uns darauf aus, Hüter der gesamten Schöpfung zu sein.« (236)

Kosmisch und trinitarisch

Normalerweise ist unsere Spiritualität anthropozentrisch, auf die Erlösung hin orientiert und christozentrisch. Wenn wir an das Heil und daran denken, wie wir dieses erreichen, dann denken wir nur an uns Menschen, die gerettet werden wollen. Wir denken kaum an die Schöpfung – Natur, Pflanzen und Tiere –, die ebenfalls am Heil teilhat. Es stimmt, dass Paulus davon spricht, dass Gott alles vereinen (Eph 1,3–10), dass Gott alles in allem sein wird (1 Kor 15,28) und dass er alles zur Fülle in Christus führt (Kol 1,15 –20). Doch wir denken normalerweise nicht daran, die Schöpfung in diese Zusammenfassung aller Dinge einzubeziehen. Nun aber macht Papst Franziskus dies ausdrücklich. Für ihn ist das Heil kosmozentrisch, wobei die Menschen natürlich darin inbegriffen sind, und nicht nur anthropozentrisch.

Zweitens: Wenn wir vom Heil sprechen, dann denken wir unmittelbar an unsere Sünden, an die aus ihnen resultierenden Strafen und daran, dass wir von ihnen allen erlöst sind. Papst Franziskus bezieht sich einmal auf die Sünde Adams, sofern sie unser Verhältnis zum Universum gestört hat. Doch da ist keine Rede von Genugtuung, von Christus am Kreuz. Der Akzent liegt eher auf der Schöpfung und auf der Neuschöpfung. Im traditionellen Verständnis nimmt man an, dass sich eine vollkommene Neuschöpfung oder Erlösung erst am Jüngsten Tag vollzieht. Wir befinden uns bis dahin im »Jammertal«, obwohl wir durch die Taufe zu Kindern Gottes geworden sind. Doch Papst Franziskus meint: »Der heilige Bonaventura sagte, dass Franziskus, ›da er mit allen Geschöpfen in Frieden war‹, wieder in ›den Zustand vor der Ursünde‹ gelangte.« (66) Der heilige Franziskus musste nicht auf den Jüngsten Tag warten. Ich habe mich immer gefragt, warum wir, wenn wir nun die Folgen des sündigen Handelns des ersten Adam tragen, uns nicht auch der Folgen der Verdienste des zweiten Adam durch seine Liebe und seinen Gehorsam erfreuen (vgl. Röm 5,12–21; Phil 2,6–11). Dem heiligen Franziskus scheint dies möglich gewesen zu sein (10–12). Ich gehe davon aus, dass ein jeder, der eine ernsthafte Bekehrung durchgemacht hat, auf diese Weise zum Zustand der ursprünglichen Unschuld zurückkehren kann und dass dies wenigstens vielen Heiligen und Mystikern möglich gewesen ist.

Drittens sind auch unsere Spiritualität und unsere Theologie christozentrisch. Für Franziskus haben beide ihre Mitte im dreieinigen Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Das geht ganz klar aus dem zweiten Gebet am Schluss der Enzyklika hervor. Wir sind alle Geschöpfe des Vaters, erfüllt von seiner Gegenwart und zärtlichen Liebe; Jesus wurde Teil der Erde und ist in seiner Herrlichkeit als Auferstandener in jedem Geschöpf lebendig; der Heilige Geist leitet diese Welt und begleitet diese Schöpfung, die sich in Wehklage ergeht (vgl. 246). Wenn er in LS 99 über Jesus spricht, beginnt er mit dem ewigen Wort, geht dann zur Menschwerdung über und fährt mit der Auferstehung fort. Der Blick konzentriert sich auf den dreieinigen Gott, der Christus mit einschließt. Die Spiritualität der Schöpfung von Papst Franziskus ist also kosmisch und trinitarisch.

Eine dialogische Spiritualität

Papst Franziskus spricht von zwei Arten von Dialog. Der Dialog mit den Naturwissenschaften sollte nicht wirklich schwerfallen, da die Naturwissenschaften und die Religion zwei verschiedene Formalobjekte haben. Während die Naturwissenschaft nach Fakten sucht, geht es der Religion um ethische und spirituelle Werte. Ohne eine ethische Inspiration können bloß technische Lösungen nicht funktionieren (199–200)Der zweite Dialog ist der zwischen den Religionen. Für die Religionen ist es unabdingbar, »einen Dialog miteinander aufzunehmen, der auf die Schonung der Natur, die Verteidigung der Armen und den Aufbau eines Netzes der gegenseitigen Achtung und der Geschwisterlichkeit ausgerichtet ist« (201). Das gemeinsame Gebet, das Papst Franziskus zum Schluss seiner Enzyklika wiedergibt, ist ein großes Geschenk für Menschen, die versuchen, eine dialogische Spiritualität zu leben. Als Papst Johannes Paul II. im Jahr 1986 führende Repräsentanten aller Religionen nach Assisi zum gemeinsamen Gebet um den Frieden einlud, war es ihnen nicht möglich, miteinander zu beten. Als Benedikt XVI. 25 Jahre später, im Jahr 2011, sie zu einem ähnlichen Treffen versammelte, beteten sie überhaupt nicht. Doch nun schlägt Papst Franziskus ein gemeinsames Gebet vor, »das wir mit allen teilen können, die an einen Gott glauben, der allmächtiger Schöpfer ist«. Ich lade die Leser dazu ein, das Gebet bei interreligiösen Versammlungen zu benutzen, und möchte die Aufmerksamkeit auf einen kleinen Ausschnitt lenken: »Lehre uns, den Wert von allen Dingen zu entdecken und voll Bewunderung zu betrachten; zu erkennen, dass wir zutiefst verbunden sind mit allen Geschöpfen auf unserem Weg zu deinem unendlichen Licht.« (246)

»Wir müssen uns ein sakramentales Verständnis des
Lebens aneignen und dabei zu Mystikern werden.«
Ein Kind hält frisch geschlüpfte Küken in der Hand.
FOTO: DAVID SüNDERHAUF

Eine indische Perspektive

Die Spiritualität der Schöpfung, wie sie Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato si’ skizziert hat, ist tatsächlich etwas Großartiges und Originelles innerhalb der katholischen Kirche. Einige der Themen mag man vereinzelt in verschiedenen Schriften vor Franziskus finden, wie man an seinen Fußnoten sehen kann. Doch Papst Franziskus hat eine neue, ganzheitliche Sicht dargeboten. Das ist insbesondere für uns aus dem Osten sehr attraktiv. Ich will dies hier nicht zu detailliert herausarbeiten, um den Einsichten des Papstes nicht ihre Frische zu nehmen. Doch ermutigt von Franziskus’ Aufruf zum Dialog, möchte ich einige Richtungen für die künftige Reflexion und Ausarbeitung aufzeigen, um als Inder die Perspektiven des Papstes stärker zu verinnerlichen.

Was die Schöpfung betrifft, gab es im Westen üblicherweise zwei grundlegende Tendenzen. Die eine besagt, Gott habe die Welt außerhalb seiner selbst als ein Objekt da draußen erschaffen, so wie ein Uhrmacher eine Uhr herstellt. Die Welt besteht für sich und funktioniert gemäß den ihr innewohnenden eigenen Gesetzen. Wissenschaftler erforschen natürlich dieses Universum und versuchen, es aus sich heraus zu verstehen. Sie brauchen keinen Gott, um es zu erklären. Viele Gläubige würden dem heute fast zustimmen, mit Ausnahme der Tatsache, dass einige von ihnen hin und wieder irgendeinen göttlichen Einfluss in Form von Wundern zugestehen würden. Die zweite Tendenz versteht das Universum als aus Gott hervorgehend. Dies würde man eher Emanation (Ausfluss) und nicht Schöpfung nennen. Die Welt ist demnach göttlich. Dies wäre pantheistisch.

Einige indische Philosophen beziehungsweise Theologen schlugen einen Mittelweg ein. Sie nahmen kein Universum außerhalb Gottes an. Gott ist absolutes Brahman. Das Universum ist völlig abhängig von Gott. Einige würden sagen, dass diese Abhängigkeit so absolut ist, dass die Welt fast nichts, nicht-seiend, maya, ist. Andere würden die Welt als etwas völlig abhängig Seiendes annehmen. Diese Abhängigkeit ist solcherart, dass Gott und die Welt weder zwei Seiende noch ein einziges Seiendes sind, sondern nicht-zwei: a-dvaita. Es werden sowohl die Absolutheit Gottes als auch die absolute Abhängigkeit der Schöpfung behauptet. Die Upanischaden benutzen verschiedene Bilder, um dies verständlich zu machen. Brahman ist der »innere Kontrolleur « (Brihadaranyaka-Upanischad).»Von seinem Licht geben all diese Licht, und seine Ausstrahlung erleuchtet die ganze Schöpfung.« (Katha-Upanischad, auch Mundanka-Upanischad) »Dies ist der Gott, dessen Licht alle Schöpfung erleuchtet, der Schöpfer von allem von Anfang an.« (Swetaswatara-Upanischad) »Siehe das Universum in der Herrlichkeit Gottes […].

Der Geist erfüllte alles mit seiner Strahlkraft. Er ist unkörperlich und unverwundbar, rein und vom Bösen unberührt. Er ist der oberste Seher und Denker. Er stellte alle Dinge auf den Pfad der Ewigkeit.« (Isa-Upanischad) Der heilige Dichter Nammalvar aus der Tradition des Vaishnavismus singt: »Mein Herr, der mich an diesem Tag für immer in die Freude hineingeschwemmt hat, verwandelte mich in sich selbst und sang auf Tamilisch seine eigenen Lieder durch mich.«Basavanna, ein Dichter aus der Tradition des Virashaivismus, singt: »Mach aus meinem Leib den Steg einer Laute, aus meinem Kopf die tönende Kalebasse, aus meinen Nerven die Saiten, aus meinen Fingern die zupfenden Stäbe. Umklammere mich fest und spiele deine zweiunddreißig Lieder.« Die Upanischaden und die Dichter verwenden eine symbolische Sprache.

Ramanuja, ein Philosoph und Theologe, schlägt das Bild einer Welt als Leib Gottes vor. Die Welt hat eine gewisse Eigenständigkeit, doch sie hängt völlig von Gott ab, sodass sie nicht aus sich selbst existieren und funktionieren kann. Gott ist unendlich transzendent. Doch er lässt sich immer noch dazu herab, die Welt zu beseelen, so dass er immanent wird. In der Bhagawadgita hat Arjuna eine Vision von Krishna: »Wenn das Licht von tausend Sonnen plötzlich am Himmel erstrahlte, dann könnte dieser Glanz mit der Ausstrahlung des Höchsten Geistes verglichen werden. Und Arjuna sah in dieser Ausstrahlung das ganze Universum in seiner Vielfalt, in einer umfassenden Einheit im Leib des Gottes der Götter stehend« (11,12–13). Wir können also sagen, dass in diesem Bild Gott und das Universum weder eins noch zwei, sondern nicht-zwei, a-dvaita, sind.Tatsächlich wird die Welt in Jesus, durch seine Menschwerdung, der »Leib Gottes«. Die griechischen Kirchenväter bestanden darauf, dass der Sohn Gottes das annehmen musste, was er verwandeln und vergöttlichen musste, nämlich das gesamte Universum. Vor diesem Hintergrund können wir uns all das, was Papst Franziskus im Hinblick auf Gott und die Schöpfung sagt, zu eigen machen.

So wie der heilige Franziskus von »Bruder Sonne« und »Schwester Mond« gesprochen hat, betrachten auch die Hindus die Natur als beseelt und fassen die Sonne, den Mond, das Feuer und die Erde als Götter und Göttinnen auf. Erinnern wir uns daran, dass im Hinduismus Götter und Göttinnen auch Geschöpfe sind – so wie Engel innerhalb der christlichen Tradition. Die Praxis der Gewaltfreiheit oder ahimsa betrifft nicht nur die Menschen, sondern auch den Kosmos. Der traditionelle indische Tänzer holt die Erlaubnis der Erde ein, bevor er auf ihr herumstampft. Im traditionellen Ritus gibt es die Praxis des »fünffachen Opfers« (panchayagna). Vom Hausherrn wird erwartet, dass er vor der Hauptmahlzeit des Tages ein wenig vom Essen den Göttern, den Ahnen, den Vögeln/Tieren und menschlichen Gästen opfert, bevor er selbst isst. Es gibt hier zweifellos ein Gespür für die kosmische Verantwortung, und wir können uns davon inspirieren lassen. Ein Experte für die indischen religiösen Traditionen sagt: »In Ruhe vollzogene Riten, vielleicht eine Begrüßung der Sonne oder das Entzünden einer Flamme oder das sorgfältige Blumenarrangement, fördern eine tiefe Verbindung mit der Erdgöttin, dem Gott des Atems und Windes, und der riesigen Ausdehnung der Himmel. Durch Yoga nimmt man die Verbundenheit zwischen dem eigenen Selbst, anderen Menschen, dem, was über einem ist, und dem, was unter einem ist, wahr. Für jemanden, der auf die Riten und die Kunst der Hindu-Tradition eingestimmt ist, kann das Praktizieren der Religion nicht von einer Wertschätzung der Erde getrennt werden. Die Hindu-Ökologie lässt uns den Atem anhalten und uns in einen besonderen Augenblick versenken, in dem unsere Sinne erfüllt werden und unser Geist ruhig wird, und wir befinden uns, wenn auch nur für einen Augenblick, in einem Zustand der Vollkommenheit und Dankbarkeit.«

Wir können auch die Rolle der »Energie« innerhalb der indischen und chinesischen Traditionen erforschen. Beim »großen arathi«, das die Doxologie am Ende des eucharistischen Hochgebetes in der indischen Version der Liturgie des lateinischen Ritus begleitet, werden Feuer, Weihrauch und Blumen als Zeichen der Ehrerbietung und Selbsthingabe an Gott geschwenkt. Hier wird ganz sicher eine kosmische Dimension gelebt.

Der Autor des Artikels, der Jesuit Michael Amaladoss, bei einer Tagung in Sri Lanka im November 2015.
FOTO: STEFAN VOGES

Schlussfolgerung

Die Evolutionstheorie fügt heute eine neue Dimension hinzu. Das Universum und sein Lauf sind nicht ein für allemal festgelegt wie ein Uhrwerk oder eine Maschine. Das Universum entwickelt sich. Es verfügt über eigene innere Prinzipien der Veränderung und Transformation, die nicht vorhersehbar sind. Ein Gläubiger kann sich die Frage stellen, ob die Evolution des Universums einfach dem Zufall überlassen ist oder ob sie in gewisser Weise von Gott gelenkt werden kann, der in der Schöpfung anwesend und am Werk ist. Heilige wie Franziskus von Assisi und Ignatius von Loyolasagten das, und Papst Franziskus bekräftigt dies freudig. Das verändert die Art und Weise, wie wir die Schöpfung sehen, auch im Zeitalter der Evolution.

Ich möchte mit den Worten von Papst Franziskus schließen: »Inzwischen vereinigen wir uns, um uns dieses Hauses anzunehmen, das uns anvertraut wurde, da wir wissen, dass all das Gute, das es darin gibt, einst in das himmlische Fest aufgenommen wird. Gemeinsam mit allen Geschöpfen gehen wir unseren Weg in dieser Welt – auf der Suche nach Gott… Gehen wir singend voran! Mögen unsere Kämpfe und unsere Sorgen um diesen Planeten uns nicht die Freude und die Hoffnung nehmen.« (244) Ja, schließen wir uns dem heiligen Franziskus und Papst Franziskus an, indem wir den Sonnengesang intonieren. Laudato si’: Gepriesen seist du!

MICHAEL AMALADOSS SJ
Direktor des Institute for Dialogue with Cultures and Religions in Chennai

Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Bruno Kern M.A.

Ausgabe 4/2016

ANMERKUNGEN

1 Vgl. Redemptoris missio, 28.
2 Es ist bezeichnend, dass Papst Franziskus sich in Fußnote 53 der Enzyklika unter anderem auf Pierre Teilhard de Chardin bezieht.
3 Papst Franziskus bezieht sich hier auf den Sufi-Mystiker Ali al-Khawas: Zum ersten Mal anerkennt ein feierliches päpstliches Dokument einen Schriftsteller einer anderen Religion als einen Mystiker.
4 Als Beispiel eines solchen Dialogs zwischen Religion und Naturwissenschaften möchte ich Teilhard de Chardin zitieren: »Seitdem uns der ›Sinn für Evolution‹ bewusst gewordenist, ist es uns physisch unmöglich geworden, etwas anderes als einen organischen Ersten Bewegergott ab ante zu denken oder zu verehren.« (Aus: Christianity and Evolution, in: Ilia Delio [Hrsg.], From Teilhard to Omega. Co-creating an Unfinished Universe, Bangalore 014, 5).
5 Ich benutze die Übersetzung von Juan Mascaro, The Upanishads, Harmondsworth 1965.
6 A. K. Ramanujan, Hymns for the Drowning. Poems for Visnu by Nammalvar, New Delhi 1993, 85.
7 A. K. Ramanujan, Speaking of Siva, Harmondsworth 1973, 83.
8 Juan Mascaro, The Bhagavad Gita, New Delhi 1994, 90.
9 Vgl. Raimon Panikkar, The Rhythm of Being, Maryknoll 2010. Ich meine, dass dies eine metaphysische Grundlage für das bietet, was Papst Franziskus sagt. Ein weiteres Buch Panikkars kann ebenfalls hilfreich sein, um die wechselseitige Beziehung zwischen Gott, dem Menschen und der Welt zu erhellen: Raimon Panikkar, Der Dreiklang der Wirklichkeit. Die kosmotheandrische Offenbarung, Salzburg 1995. In einfacher populärer Sprache gehalten ist: Michael Amaladoss, Quest for God. Doing Theology in India, Amand 2013, 119 –122.
10 Christopher Key Chapple, Hinduism and Ecology, in: Tikkun 20/2 (2005), 32.
11 Vgl. »Die Betrachtung, um Liebe zu erlangen« in den Geistlichen Übungen, 230–237.
12 Vgl. Anm. 4 zu Pierre Teilhard de Chardin.

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