Der Mensch als Teil der Natur Was die Kirche von den Menschen Boliviens lernen kann corner

Der Mensch als Teil der Natur

Was die Kirche von den Menschen in den Anden Boliviens lernen kann

von DIETMAR MÜSSIG

Pachamama, Mutter Erde, nennen die Völker in den Anden Boliviens ehrfürchtig und liebevoll ihren Lebensraum. Sie bringen damit die göttliche Dimension der Schöpfung zum Ausdruck. Im Westen scheint die Heiligkeit der Natur weithin in Vergessenheit geraten zu sein. Die christliche Theologie könnte diese Sicht von den indigenen Völkern der Anden neu lernen.

Traditionelle Elemente der indigenen Kultur finden auch Eingang in das Leben der christlichen Gemeinden: Pachamama-Andacht in der Gemeinde Luz y Esperanza in Cochabamba, Bolivien.
FOTO: JüRGEN ESCHER/ADVENIAT

Ende vergangenen Jahres ist der Lago Poopó ausgetrocknet. Boliviens zweitgrößter See war bis dahin fast 3.000 Quadratkilometer groß. Wo einst rosafarbene Flamingos im seichten Wasser nach Nahrung schnäbelten und seltene Vogelarten ein Refugium auf der unwirtlichen Hochebene der Anden fanden, bilden sich nun tiefe Risse auf dem ehemaligen Grund des Sees. Schlimmer noch als die Tiere trifft es die Anwohner. Die Volksgruppe der Urus, vermutlich eine der ältesten im bolivianischen Hochland, hat ihre Lebensgrundlage verloren. Früher haben sich die Urus vor allem von Fischen und Wasservögeln ernährt. Aber schon in den letzten Jahren hat die zunehmende Verschmutzung des Seewassers durch die giftigen Abwässer der umliegenden Minen diese Existenzgrundlage bedroht.

Das vollständige Verschwinden des Gewässers ist eine der Folgen des Klimawandels, der Bolivien mit voller Härte trifft. Während das tropische Tiefland von immer heftigeren Überschwemmungen heimgesucht wird, leiden die Menschen in den Anden unter der zunehmenden Dürre. Der unaufhörliche Rückgang der Gletscher auf den Gipfeln der Sechstausender, von deren Schmelzwasser viele Kleinbauern abhängig sind, wird die Wasserknappheit radikal verstärken. So hat in Bolivien vor allem die indigene Landbevölkerung unter den Folgen der globalen Erderwärmung zu leiden. In ihrem Hirtenwort »Zur Umwelt und menschlichen Entwicklung in Bolivien« aus dem Jahr 2012 bezeichneten die bolivianischen Bischöfe die Umweltzerstörungen als ein Zeichen der Zeit, welches eine persönliche und strukturelle Bekehrung verlange. Dabei bilde der Klimawandel aktuell die größte ökologische Herausforderung. Weil 75 Prozent der historischen Treibhausgase von den Industrieländern verursacht worden seien, müssten diese Nationen aufgrund des Verursacherprinzips für die von der globalen Erderwärmung verursachten Schäden in Ländern des Südens aufkommen. Mit dieser Forderung befinden sich die Bischöfe in Einklang mit ihrem Staatspräsidenten Evo Morales, der ebenfalls Ausgleichszahlungen an die ärmsten Länder fordert. Die selbstkritische Anregung aus dem Pastoralschreiben, Bolivien müsse seinerseits die massive Rodung von Regenwäldern reduzieren, weil der dadurch verursachte Ausstoß von Kohlendioxid den Klimawandel verschärfe1, lässt Morales dabei lieber unerwähnt – ebenso wie die Tatsache, dass die Regierung durch die Abholzung zusätzliches Land für die Landwirtschaft gewinnen möchte. Schließlich hat sie der Agrarindustrie den Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen erlaubt, obwohl dies nach der Verfassung verboten ist. Die Bischöfe positionieren sich in ihrem Hirtenwort zwar nicht grundsätzlich gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel, weisen aber deutlich auf die Gefahr der Abhängigkeit von einigen wenigen transnationalen Firmen hin. Diese verdrängten aufgrund ihrer Monopolstellung kleine Bauern vom Markt und gefährdeten dadurch die traditionelle Vielfalt an Saatgut. Außerdem sei es nicht gerecht, wenn die Welthandelsorganisation diesen Firmen erlaube, Teile der Biodiversität aus den Ländern des Südens zu patentieren. Pflanzen, Tiere und Mineralien seien ein Geschenk Gottes an die gesamte Menschheit und nicht nur für diejenigen, welche das technische Wissen oder die finanziellen Möglichkeiten besäßen, diese Gaben zu vermarkten.

In Harmonie mit der Natur leben

Dass Morales sich als erster indigener Staatspräsident Boliviens als Verfechter der Rechte von »Mutter Erde« inszenierte, hat ihm – neben seiner antiimperialistischen Rhetorik – in bestimmten Kreisen in Europa durchaus Sympathien eingebracht. So proklamierte er 2008 vor den Vereinten Nationen die »Zehn Gebote zur Rettung des Planeten, der Menschheit und des Lebens«2. Dabei übte er radikale Kritik am aktuellen Wirtschaftssystem mit seiner Logik des unbegrenzten Wachstums und dem daraus resultierenden ungebremsten Ressourcenverbrauch. Während der Kapitalismus die Erde als bloße Materie, als reinen Rohstoff und als verkäufliche Handelsware ansehe, müsse endlich die Erfahrung der indigenen Völker wieder zur Geltung gebracht werden: »Der Respekt vor der Mutter Erde«, so Morales, »ist grundlegend, wenn wir den Planeten Erde retten wollen «. Doch leider lässt auch Morales’ eigene Partei, die in Bolivien nun im elften Jahr in Folge die Regierung stellt, diesen Respekt oft vermissen. Vielmehr setzt die Politik massiv auf die Ausbeutung von Rohstoffen und kümmert sich dabei nicht einmal um die Umweltauflagen in der eigenen Verfassung. Auch wenn die so erwirtschafteten Devisen erfolgreich zur Bekämpfung der Armut eingesetzt werden, wird dadurch das von Morales viel beschworene vivir bien desavouiert. Trotz dieser Widersprüche sollte man jedoch dieses Konzept eines guten Lebens, das allen Menschen eine Existenz in Würde und in Harmonie mit der Natur garantieren soll, nicht vorschnell begraben. Denn kein geringerer als Papst Franziskus hat die lateinamerikanische Diskussion aufgegriffen und ruft dazu auf, Alternativen zu einem Wirtschaftssystem zu finden, das »tötet« (EG 53). In diesem Zusammenhang ist die Tatsache nicht zu unterschätzen, dass 2009 auf Betreiben Boliviens der 22. April von den Vereinten Nationen zum Internationalen Tag der Mutter Erde erklärt wurde. Ein Jahr später hat die bolivianische Regierung ein »Gesetz über die Rechte der Mutter Erde« erlassen. Dieses definiert die Erde explizit als Rechtsträgerin und garantiert ihr Rechte wie den Schutz vor Verschmutzung, aber auch auf umfassende Regeneration. Die Basis dieser juristischen Festlegung findet sich in der Weltanschauung der Menschen aus den Anden.

Im Dezember 2015 erklärten die Behörden den Lago Poopó,
den zweitgrößten See Boliviens, offiziell für ausgetrocknet.
Die Satellitenbilder wurden im April 2013 (links) und im Januar 2016 aufgenommen.
FOTO: JESSE ALLEN, NASA EARTH OBSERVATORY

Die Weltanschauung der Menschen in den Anden …

Dort konnten Menschen jahrhundertelang nur dadurch überleben, dass sie sorgsam mit den natürlichen Ressourcen umgegangen sind. Von Hand angelegte Terrassenfelder auf den Abhängen der Anden schützten die Böden bis in 4.000 Meter Höhe vor Erosion, und künstliche Kanäle dienten nicht nur der Bewässerung, sondern auch dem Schutz der Pflanzen vor nächtlichem Frost. Dabei war ein tiefes Verständnis für die Zusammenhänge der sie umgebenden Natur für die Menschen in den Anden unverzichtbar. Ihre nachhaltige Lebensweise hat sich auch in der Spiritualität der Urus, Aymaras und Quechuas niedergeschlagen. So hat die Fruchtbarkeit der Erde für sie eine zutiefst religiöse Dimension. Bevor die Bauern den Pflug ansetzen, bitten sie Pachamama um Erlaubnis dafür und bitten gleichzeitig um eine reiche Ernte. Kartoffeln, Mais oder das Korn der Quinua, die Früchte, die Mutter Erde ihnen zukommen lässt, wurden ursprünglich mit großer Ehrfurcht behandelt. In zahlreichen Riten drückt sich der tiefe Respekt der Männer und Frauen in den Anden für die Pacha aus, den Lebensraum, der sie umgibt. So sind die Gipfel der Berge Aufenthaltsort der Ahnen und Schutzgottheiten zugleich. Der Blitz überträgt göttliche Energie und wer seinen Einschlag überlebt, ist zum Schamanen oder zur Heilerin berufen. Hagelschlag und Frost können ganze Ernten vernichten und das Überleben der Familie gefährden und werden deshalb mit unterschiedlichen Riten angefleht, die Dorfgemeinschaft zu verschonen. Tiere erweisen sich als göttliche Boten, wenn sich aus der Art, wie bestimmte Vögel ihre Nester bauen, darauf schließen lässt, ob das neue Jahr ein niederschlagsreiches oder trockenes wird.

Das Bewusstsein, dass sich menschliches Leben immer auch Anderen verdankt, ist bei den Bewohnern der Anden tief verankert. Die meisten ihrer Rituale zielen darauf ab, das Gleichgewicht zwischen dem Menschen und seiner natürlichen Umgebung zu bewahren oder wiederherzustellen. Dabei spielt die Idee der Gegenseitigkeit für das andine Denken eine große Rolle. Alles ist mit allem Anderen verbunden. Und der Mensch ist ein Teil des Kosmos. Niemals käme er auf die Idee, sich als Mittelpunkt der Welt oder gar als Krone der Schöpfung zu verstehen.

… und die Sicht der westlichen Welt

Das westliche Denken steht dieser Vorstellungswelt diametral gegenüber. Dort hat sich im Zuge der Aufklärung der Mensch selbst zum Maß aller Dinge erklärt. Er sieht sich im Zentrum des Universums und degradiert alle anderen Elemente seiner Mit-Welt zu reinen Objekten seiner absoluten Verfügungsgewalt. Als vermeintliche »Krone der Schöpfung« schreibt er sich wie selbstverständlich das Recht zu, Pflanzen, Tiere und alle Rohstoffe der Erde für seine eigenen Zwecke zu nutzen. Dabei verhält er sich wie ein »interplanetarischer Eroberer «, so der Naturphilosoph Klaus Michael Meyer- Abich, der weiterzieht, sobald er an einem Ort alle verfügbaren Ressourcen ausgeplündert hat. Dass dies innerhalb des begrenzten Systems Erde nicht mehr funktioniert, wird uns in den letzten Jahren immer deutlicher bewusst. Doch das technokratische Paradigma, so kritisiert Papst Franziskus in Laudato si’, hat sich längst der Wirtschaft und der Politik bemächtigt (LS 108f.). Dabei entspringe dieser prometheische Traum von der Beherrschung der Welt einer falschen Darlegung der christlichen Anthropologie (LS 116). Damit antwortet der Papst selbstkritisch auf den Vorwurf, der Anthropozentrismus des westlichen Christentums trage eine Mitschuld an der momentanen ökologischen Krise. Bereits Ende der 1960er Jahre hatte der US-amerikanische Historiker Lynn White Jr. argumentiert, die Welt sei im Gefolge des biblischen Monotheismus entsakralisiert und die Natur damit der menschlichen Verfügung unterworfen worden. Daneben habe die biblische Aufforderung, der Mensch solle sich die Erde unterwerfen und über alle Lebewesen herrschen (Gen 1,28), den ausbeuterischen Umgang mit der Natur zusätzlich befördert. Obwohl die ursprüngliche Absicht des sogenannten Herrschaftsbefehls vermutlich darin bestand, die nach Babylon exilierten Israeliten auf die Heimkehr in ihr mittlerweile verwildertes und entvölkertes Land vorzubereiten, wurde diese situationsbezogene Ansage im Laufe der abendländischen Geschichte zu einer philosophischen Wesensaussage hochstilisiert. Und deren Wirkungsgeschichte war ökologisch so fatal, dass sich Franziskus in seiner Umweltenzyklika zu folgender Richtigstellung gezwungen sieht: »Heute müssen wir mit Nachdruck die Ansicht zurückweisen, dass sich aus der Erschaffung [des Menschen] nach Gottes Ebenbild und dem Befehl, die Erde zu beherrschen, eine absolute Herrschaft über die anderen Kreaturen ableiten ließe« (LS 67).

Auch in den Tieren ist Gottes Atem präsent. Eine Lamaherde auf einem nebeligen Bergpass auf der Straße nach Titicachi.
FOTO: ACHIM POHL/ADVENIAT

Von den indigenen Völkern lernen

Auf ihrer Generalversammlung im Jahr 2012 hat die Ökumenische Vereinigung von Theologinnen und Theologen aus der Dritten Welt Folgendes formuliert: »Wir werden nur dann aufhören, die Natur zu zerstören, wenn wir ihre göttliche Dimension entdecken und uns eingestehen, dass wir selbst Natur sind.«3 Dieser Satz bringt auf den Punkt, was christliche Theologie und Kirchen von indigenen Völkern lernen können. Doch ist er für viele heutige Menschen schwer zu akzeptieren. Denn die Moderne hat sich über lange Zeit vornehmlich auf den Schöpfungsbericht aus Genesis 1 bezogen. Als Kronzeuge sei nur Francis Bacon erwähnt, der den Herrschaftsbefehl zitiert, um die von ihm propagierte Ausbeutung der Natur durch den Menschen zu rechtfertigen. Aber die Bibel hält mit Gen 2 einen alternativen Schöpfungsbericht parat. Dieser deckt sich sowohl mit der Weltsicht indigener Menschen als auch mit den Ergebnissen der modernen Evolutionsforschung: Aus Lehm geformt wie die Tiere ist der Mensch ein Teil der Schöpfung wie sie. Selbst Gottes Atem, den er dem Menschen verleiht, ist auch in den Tieren präsent, wie es in Ps 104,29f. zum Ausdruck kommt. Und der Prediger Kohelet resümiert, wenn er über das Verhältnis von Mensch und Tier nachsinnt: »Beide haben ein und denselben Atem. Einen Vorteil des Menschen gegenüber dem Tier gibt es da nicht… Beide gehen an ein und denselben Ort. Beide sind aus Staub entstanden, beide kehren zum Staub zurück« (Koh 3,19f.). Der letzte Satz wird zu Beginn der Fastenzeit bei der Austeilung des Aschenkreuzes zitiert. Daran wird deutlich, dass sowohl die Bibel als auch die Liturgie der Kirche die Erinnerung wachhalten an einen nachhaltigen Lebensstil. Und dass sie ein Selbstbild des Menschen kennen, wo dieser sich als Teil der Erde versteht und nicht als ihr Herr.

Die Heiligkeit der Erde wiederentdecken

Die zweite Anregung aus dem genannten Abschlussdokument mahnt dazu, die göttliche Dimension der Natur wiederzuentdecken. Auch dies ist ein Ansinnen, das christlichen Theologen aus Europa noch immer schwer fällt. Aber auch die bolivianischen Bischöfe haben damit ihre Schwierigkeiten. So enthält ihr Pastoralschreiben zwar eine hervorragende Analyse der Umweltproblematik in Bolivien. Und die sozialethische Bewertung dieser Situation mit ihrer klaren Option für die Armen und die indigene Bevölkerung ist ebenso wegweisend wie die Vorschläge für konkretes Handeln angesichts der ökologischen Krise. Doch bleibt demgegenüber die theologische Grundlegung des Hirtenworts stark dem klassischen, katholischen Anthropozentrismus verhaftet, wenn die Bischöfe schreiben: »Als Christen teilen wir keinerlei Form von Animismus noch irgendeine Form der Zuschreibung von Göttlichkeit an die Erde.« Und sie halten ausdrücklich fest, »dass die Erde kein Rechtssubjekt ist, denn einzig und allein die menschliche Person, Gipfelpunkt der Schöpfung, hat Rechte und Pflichten gegenüber allem Geschaffenen«. Zwar befindet sich die hier vorgenommene Überhöhung des Menschen in guter Gesellschaft anderer lehramtlicher Aussagen bis hinein in den Katholischen Katechismus4. Sie ist aber biblisch zumindest nicht mit dem ersten Schöpfungsbericht zu begründen, da dort der Sabbat Gottes Schöpfungswerk krönt und nicht der Mensch. Ebenfalls biblisch nicht haltbar ist die Behauptung, die Erde könne kein Rechtssubjekt sein. So kennt die Thora neben Tierrechten (Dtn 22,6f.; 25,4) auch das Recht des Bodens auf eine Brachzeit (Lev 25,4). Und wenn Gott selbst in Gen 9,13 mit der Erde einen Bund schließt, dann ist es gewagt, ihr jegliche Form von Rechtspersönlichkeit abzusprechen.

Die Achachilas, die Berge, gelten in der andinen Kultur als Personifizierung der Natur. Die Bergwelt bei Titicachi.
FOTO: ACHIM POHL/ADVENIAT

Alte Ausschließungen überwinden

Nun lässt sich dieses bischöfliche Verdikt zwar aus der Sorge des Lehramtes heraus verstehen, die Pachamama-freundliche Politik der Regierung öffne dem Pantheismus Tür und Tor. Aber es entbehrt doch nicht eines gewissen Ressentiments und widerspricht vor allem der Intention des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dieses hatte die Kirche zum Dialog mit allen Menschen, sogar mit ihren Gegnern, verpflichtet und Ausgrenzungen verworfen: »Der Wunsch nach einem solchen […] Dialog schließt unsererseits niemanden aus«, heißt es in Gaudium et Spes 92. Einen solchen Geist respektvollen Umgangs seitens der Kirche mit der andinen Spiritualität spiegeln die Schlussdokumente dreier Treffen wider, bei denen sich Bischöfe aus Bolivien, Peru und Chile in den 1990er Jahren darüber ausgetauscht haben, wie denn eine inkulturierte Evangelisierung für die Andenvölker aussehen könnte. Unter expliziter Berufung auf die Pastoralkonstitution bezeichneten sie damals die Pachamama, also die Mutter Erde, und die Achachilas, die Berge, als andine Personifizierungen der Natur. In solchen Symbolen für die heilschaffende Präsenz Gottes drücke sich die Sakralität der Natur aus. Diese sei für die andinen Völker immer selbstverständlich, aus dem Bewusstsein der westlichen Welt dagegen lange Zeit verschwunden gewesen. Damit haben die Anden-Bischöfe nach Jahrhunderten der Ausschließung die Weltanschauung ihres Volkes als Autorität für die Rede von Gott anerkannt. Zugleich haben sie die strategische Option des Konzils ernst genommen. Denn dieses wollte »Weltkirche« nicht mehr länger nur geografisch verstanden wissen, sondern vielmehr als theologische Kategorie. Indem sie die bisher verpönte Redeweise der Aymara und Quechua von Gott für die pastorale Arbeit ernst nahmen, haben die Bischöfe den theologischen Diskursraum in der Kirche maßgeblich erweitert.

Leider scheint jedoch von diesem Geist heute wenig erhalten zu sein. So ist das Secretariado de Culturas in der Bolivianischen Bischofskonferenz, das über Jahre hinweg einen intensiven interreligiösen Dialog mit den unterschiedlichsten indigenen Kulturen Boliviens und deren spirituellen Führungspersönlichkeiten initiiert hatte, vor einigen Jahren ohne adäquaten Ersatz geschlossen worden. Damit hat man den Anschluss an die internationale Diskussion über interkulturelle und indigene Theologien gerade in einer Zeit verloren, in der sie aufgrund der politischen Lage im Land dringend nötig gewesen wäre. So bleibt zu hoffen, dass der Besuch von Papst Franziskus im vergangenen Jahr in Verbindung mit seiner wegweisenden Enzyklika den pastoraltheologischen Diskurs in Bolivien wieder in Bewegung bringen wird.

Bevor die Menschen die Felder bebauen, bitten sie Mutter Erde, die Pachamama, um Erlaubnis und bitten gleichzeitig um eine reiche Ernte

Mensch und Erde neu denken

Papst Franziskus hatte bereits in Laudato si’ auf die wichtige Rolle der Kulturen verwiesen. Auf seiner Reise nach Mexiko am Beginn dieses Jahres hat er mit der expliziten Erwähnung des Popol Vuh, des heiligen Buches der Maya, auch der indigenen Spiritualität eine tragende Rolle zugewiesen. Von den vormals Ausgeschlossenen, so der Papst, könnten wir gerade angesichts der aktuellen ökologischen Katastrophe lernen, in einer harmonischen Beziehung zur Natur zu leben.Wenn Franziskus in Laudato si’ immer wieder davon spricht, dass in unserem Universum alles mit allem verbunden ist, dann findet sich darin ein zentraler Punkt der andinen Kosmovision wieder: Der Mensch kann nur in respektvoller Verbindung zu seiner Mitwelt überleben, aber nicht als Herrscher über die Natur. Konsequenterweise hat der Papst vor den Vereinten Nationen reklamiert, dass »es ein wirkliches ›Recht der Umwelt‹ gibt«. Mit seinen wiederholten Hinweisen auf den Schrei der geschundenen »Schwester Erde« erhebt Papst Franziskus die Erde quasi zur Person. Und indem er sie wörtlich zu den am meisten misshandelten Armen zählt, wie in Chiapas geschehen, spricht er der ökologischen Frage insgesamt (befreiungs)theologische Relevanz zu. So darf man einen wesentlichen theologischen Fortschritt von Franziskus’ Pontifikat schon jetzt darin sehen, dass mit ihm die Ausschließung der indigenen Spiritualität sowie der christliche Anthropozentrismus in ökologischen Fragen überwunden worden sind. Damit ist dem Nachdenken über die Mutter Erde in der Theologie ein ganz neuer Platz eingeräumt. Hoffen wir, dass er weidlich genutzt wird!

DIETMAR MÜSSIG
Pastoralreferent und Geschäftsführer der Bolivienstiftung Justitia et Participatio im Bistum Hildesheim, 2011–2013 Dozent am Instituto Superior Ecuménico Andino de Teología in La Paz

Ausgabe 4/2016

ANMERKUNGEN

1 Während die von Bolivien produzierten klimaschädlichen Gase nur 0,3 Prozent der weltweit emittierten Menge entsprechen, erreicht der Pro-Kopf-Ausstoß fast US-amerikanisches Niveau, wenn man die Folgen der Entwaldung mit einkalkuliert.
2 Online verfügbar unter PDF-Datei .
3 Online ist dieses wegweisende Dokument mit dem Titel »Ecological Vision and planetary Survival« zugänglich unter: PDF-Datei .
4 So findet sich in Band I des Katholischen Erwachsenen-Katechismus die Kapitelüberschrift: »Der Mensch – Mitte und Krone der Schöpfung«.
5 Reflexiones sobre una Pastoral Andina inculturada. Tres encuentros de obispos de zonas andinas. Online verfügbar unter: Internet-Link .
6 Vgl. dazu Hans-Joachim Sander, Von der kontextlosen Kirche im Singular zur pastoralen Weltkirche im Plural – ein Ortswechsel durch Nicht-Ausschließung prekärer Fragen, in: P. Hünermann/ B. J. Hilberath (Hrsg.), Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil V, Freiburg 2005, 383–394.
7 Vgl. Internet-Link .
8 Rede vor der UNO am 25. September 2015. Internet-Link .

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