Der Glaube hilft beim Wiederaufbau Die Kirche und der Klimawandel im asiatisch-pazifischen Raum corner

Der Glaube hilft beim Wiederaufbau

Die Kirche und der Klimawandel im asiatisch-pazifischen Raum

von PEDRO WALPOLE SJ

So friedlich, wie sein Name es vermuten lässt, ist der pazifische Ozean nicht. Alljährlich bringen ihn außergewöhnliche Wetterereignisse in die Schlagzeilen. Für die Menschen, die dort auf unzähligen Inseln leben, sind die Bedrohung durch Wind und Wasser nichts Neues. Aber Häufigkeit und Härte dieser Wetterextreme haben zugenommen. Wie leben die Menschen damit?

Der Wiederaufbau in Tacloban City auf der philippinischen Insel Leyte erfolgt nach dem Prinzip des Building back better: Die beschädigten oder zerstörten Gebäude werden nicht nur ersetzt, sondern auch verbessert.
FOTO: PEDRO WALPOLE

Der pazifische Ozean erstreckt sich an seiner breitesten Stelle südlich der Philippinen über nahezu 20.000 Kilometer von Ost nach West – von Kolumbien bis Malaysia und Indonesien. Vor allem auf der südlichen Hemisphäre finden sich in diesem Ozean mehr als 25.000 Inseln. Und auch die Vielfalt der Kulturen und Gebräuche, die direkt mit dem ozeanischen Leben zu tun haben, ist spektakulär. Mit einem Drittel der Erdoberfläche ist der Pazifik größer als alle Kontinente zusammen; er ist quasi ein eigener Kontinent anderer Art! Wenn ich mir das Wunder der Welt vergegenwärtige, in der ich so vergänglich lebe, erfüllt mich große Dankbarkeit.

Das Leben in diesem Ozean ist ein bedeutender Teil des Lebens auf unserem Planeten – auch wenn es sich fernab von den meisten Menschen abspielt. Mit seiner durchschnittlichen Tiefe von vier Kilometern ist er ein gigantischer Lebensraum und -speicher. Er speichert riesige Mengen an Sonnenenergie, darunter die Wärmeenergie, die durch den Treibhauseffekt daran gehindert wird, aus der Atmosphäre zu entweichen. Die Temperaturdifferenzen im Ozean bewirken die Abgabe von Oberflächenenergie in die Atmosphäre. Und weil sich die Erde ostwärts dreht, entstehen so pro Saison mehr als 20 nach Westen ziehende Taifune oder Stürme. Die sich über Jahre hinziehende Umkehr von Meeresströmungen, deren volles Ausmaß die Wissenschaft noch nicht erforscht hat, trägt zum Auftauchen des Wetterphänomens El Niño bei, dessen Folgen im Indischen Ozean, im Himalaya und letztlich auf der gesamten Welt spürbar sind. Abgelöst wird das Phänomen dann im Folgejahr von La Niña.

Wir mögen der Meinung sein, fast alles Wichtige zu wissen und zu kennen. Aber unser Wissen wird nie vollständig sein. Der Klimawandel eröffnete buchstäblich eine ganz neue Welt. Die jahrelange Forschung hat ergeben, dass sich der Ozean in entscheidenden Zonen schneller erwärmt als je zuvor. Das ist einer der Auslöser für die schwere Dürre, unter der viele Länder leiden. Auch die Stärke der Taifune auf der Nordhalbkugel nimmt dadurch zu. Wie jedes andere Wasser auch dehnt sich der Ozean aus, wenn er wärmer wird. Die steigenden Meeresspiegel werden nicht durch das Wasser der Eisschmelze, sondern durch lokale kurzzeitige oder saisonale Änderungen verursacht, die zur »falschen« Zeit eintreten können. Zu dem Zeitpunkt, an dem solche Änderungen eintreten, können sich andere Gefahren verschärfen und lokale Katastrophen ausgelöst werden. Was wird aus den Menschen, die auf den kleinen und großen Inseln in diesem Wasser-Wunder-Kontinent leben?

Folgen des Klimawandels

Menschen, die in Küstennähe wohnen, sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Ihre Anfälligkeit für Veränderungen, vor allem Veränderungen großen Maßstabs, wächst. Grund für die Anfälligkeit sind in erster Linie schlechtes Baumaterial und eine gefahrenträchtige Wohnlage, Bedingungen, die wiederum mit niedrigen Einkommen, geringer Bildung und fehlenden Möglichkeiten, den Wunsch nach Sicherheit zu befriedigen, einhergehen. Arme Menschen sind besonders gefährdet von Taifunen, Dürren, steigendem Meeresspiegel sowie unsicherer Versorgung mit Nahrung und Wasser, die durch die genannten Faktoren oder die schwankenden Weltmarktpreise für Nahrungsmittel hervorgerufen werden. Ironischerweise stammen viele dieser Rohstoffe sogar aus der Landwirtschaft und Fischerei am und im Pazifik, verteuern sich in diesem globalen Prozess aber so stark, dass ihre Erzeuger sie sich nicht leisten können. Der globale Markt wirkt nicht ausgleichend, sondern verknappend – durch ungünstig belastete Systeme für lokale Erzeuger und Preismanipulationen ohne Verbindlichkeit.

Seinem Namen nach ist der Ozean friedlich. Für seine Ostküsten mag das stimmen, an den Westküsten bietet sich von Juni bis Januar jedoch ein anderes Bild. Am 20. Februar 2016 erreichte der Taifun Winston die Fidschi-Inseln und ließ kaum ein Haus intakt. 2015 verheerte der Taifun Maysak den mikronesischen Bundesstaat Chuuk. 2013 zog Taifun Haiyan über die Inseln Leyte und Samar und dann weiter zur philippinischen Insel Culion, wo mehr als 6.000 Menschen starben; nicht zu vergessen auch Bopha (2012) und Washi (2011), wo jeweils mehr als tausend Menschen ihr Leben verloren und viele weitere umgesiedelt werden mussten. China und Taiwan litten in jüngster Zeit am stärksten unter den Taifunen Fitow (2013) und Fanapi (2010). Auch Japan, Vietnam und Kambodscha sind mitunter betroffen. Taifune sind kein neues Phänomen, aber ihre Stärke nimmt zu. Die Wissenschaft schreibt diese Zunahme der steigenden Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre zu.

Die Dürre von 2015/16 ist eine schleichende Katastrophe, die sich hinter dem harmlos klingenden Namen El Niño versteckt. Ihre Folgen übertreffen die Prognosen: 5 Millionen Menschen von Papua-Neuguinea bis zu den Philippinen sind direkt betroffen, weltweit könnten 60 Millionen die indirekten Auswirkungen spüren. Auf Atollen im Pazifik lebende Bevölkerungsgruppen sind besonders gefährdet, weil Wasser dort für alle zum Problem wird. Gepaart mit einem mangelhaften Verständnis für das Problem vor Ort ergeben sich mitunter besorgniserregende soziale Folgewirkungen. Auf der philippinischen Insel Mindanao wird inzwischen mehr Mais zum Mästen von Schweinen als für die menschliche Ernährung angebaut. Viele Menschen leiden dadurch unter einer unsicheren Ernährungslage, die durch die gegenwärtige Dürre noch verschärft wird. Im Januar rief das Land eine Krise aus, aber noch im März war die Regierung nicht in der Lage, Nahrungsmittel zu verteilen. Stattdessen schoss die Polizei auf Bauern, die aus Protest eine Schnellstraße in der Nähe der Stadt Kidapawan blockiert hatten. Menschen, die keinen Hunger leiden, können nur schwer verstehen, was Hunger mit Menschen macht, und wie ungerecht es ist, zum Nichtstun verdammt zu sein.

Es ist nicht nur der Klimawandel, der das Leben im asiatisch-pazifischen Raum bedroht. In vielen der noch verbliebenen Wälder kommt es zu Brandrodungen – um Plantagen zu vergrößern oder um kleine Ackerflächen zu schaffen. Selbst im philippinischen Mount Apo National Park und in den Torfwäldern Indonesiens brannte es in jüngster Zeit. Darunter leiden die Artenvielfalt und die nachhaltige Versorgung mit sauberem Wasser. Zudem werden Unmengen von bislang gebundenem Kohlenstoff freigesetzt. Wie setzt man eine nationale Politik um, die eine Waldbewirtschaftung durch örtliche Kommunen sowie eine neue gesellschaftliche Mentalität fördert?

Ein weiteres verdrängtes Problem ist der Müllteppich von der Größe des US-Bundesstaates Texas, der auf dem Pazifik treibt; wir nutzen die Ozeane auch weiterhin zum Verklappen von Müll und zum Ausspülen unserer Öltanker. Es mag ehrenwert sein, sich für den Schutz der Wale einzusetzen, man muss jedoch auch seinen Lebensstil ändern, um der Überfischung der Bestände an Thunfisch und anderen Fischen Einhalt zu gebieten. Andernfalls drohen viele Hochseefische zu verschwinden. All diese Lebens- und natürlichen Ressourcen lassen sich nicht endlos ausbeuten. Bei dieser Zerstörung geht es nicht in erster Linie um die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse: Ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt 48 Prozent des gesamten Vermögens; angesichts dessen ist die fehlende gerechte Verteilung das Problem. Die Kirche ist mit der Enzyklika Laudato si’ des Heiligen Vaters aufgerufen, sich stärker für jene zu engagieren, die marginalisiert sind, und für den Planeten, der unsere Lebensgrundlage ist.

Jason Menaling erklärt Besuchern den Team-Management-Ansatz, in dem Jugendliche sich bei der Wiederaufforstung engagieren.
FOTO: PEDRO WALPOLE

Begleitung durch die Kirche

In Katastrophenzeiten sind Kirchen naturgemäß Zufluchtsorte. Im Vertrauen darauf, dass sie solide gebaut sind, werden sie zum Anlaufpunkt sowie zum Kommunikations- und Verteilzentrum. Das Gefühl von Gemeinschaft und Fürsorge ist groß; viele der Helfer arbeiten über die örtlichen Pfarrgemeinden. Droht ein Taifun, sind die Gemeindepriester in den Philippinen in Alarmbereitschaft – bereit, die Kirchen zu öffnen und Vorräte für den Notfall einzulagern. Es werden Teams zusammengestellt, die sich um die Logistik kümmern. Jeder Helfer ist willkommen. Taifun Haiyan war so stark, dass in den Philippinen Dutzende von Kirchen und Hunderte von Kapellen zerstört wurden. Viele der Kirchen, die nicht direkt in der Schneise der Verwüstung lagen, boten jedoch Zuflucht. Der Wiederaufbau der zerstörten Kirchen wurde vielerorts zum Symbol für einen Neustart im Leben. Schwester Zaida aus dem Dorf Magay im Distrikt Tanunan auf Leyte erzählt: »Wenn die Menschen ihre zerstörte Kapelle sehen, raubt ihnen das die Energie. Mit Hoffnung gewinnen sie die Motivation, die eigenen Häuser wiederaufzubauen. Deshalb haben sie dem Wiederaufbau der Kapelle oberste Priorität gegeben.«

Der Glaube leistet einen äußerst wichtigen Beitrag für den gesellschaftlichen Wiederaufbau. Freiwillige Helfer und Besucher sind oft überrascht, welche Hoffnung die Menschen trotz ihrer katastrophalen Lage ausstrahlen. Im Glauben verankerte Organisationen bringen sich mit einer mitfühlenden Fürsorge ein, die in die gesamte Gesellschaft ausstrahlt. Die Zeit, die Menschen dafür opfern, und die Mittel sind eine echte Gabe und Zeichen wahrer Großherzigkeit. Eine Glaubensgemeinschaft kann gestärkt aus einer Katastrophe hervorgehen, wenn sie die Notwendigkeit erkennt, stets zusammen im Dienst der Bedürftigen zu stehen – nicht nur in Katastrophenzeiten.

Herrscht Armut in einer Familie, ist es das dringlichste Anliegen, das tägliche Essen zu beschaffen. Erst dann kommt ein sicheres Dach über dem Kopf. Viele der Bedürftigsten leben in der Nähe von Deponien, an Flussufern und in Flussniederungen und damit nahe an ihrer Broterwerbsquelle. Selbst wenn die Nutzung des Nahverkehrs nur einen Euro pro Tag kostet, können sie es sich nicht leisten, in sichereren Gegenden zu wohnen. Dieser ursächliche Zusammenhang in der Gesellschaft muss sich ändern; die Sicherheit aller Menschen ist ein Teil von Nachhaltigkeit, den wir neu entdecken müssen.

Die Fähigkeit, den Menschen zuzuhören und ihre Sorgen auf höherer Autoritäts- und Entscheidungsebene vorzutragen, ist ein großer Wert. Genau das ist dem Heiligen Vater bei seinen Treffen in aller Welt gelungen, er hat damit die Herzen der Menschen berührt. »Der Klimawandel ist ein globales Problem mit schwerwiegenden Umwelt-Aspekten und ernsten sozialen, wirtschaftlichen, distributiven und politischen Dimensionen; er stellt eine der wichtigsten aktuellen Herausforderungen an die Menschheit dar. Die schlimmsten Auswirkungen werden wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten auf die Entwicklungsländer zukommen. Viele Arme leben in Gebieten, die besonders von Phänomenen heimgesucht werden, die mit der Erwärmung verbunden sind, und die Mittel für ihren Lebensunterhalt hängen stark von den natürlichen Reserven und den ökosystemischen Betrieben wie Landwirtschaft, Fischfang und Waldbestand ab. Sie betreiben keine anderen Finanzaktivitäten und besitzen keine anderen Ressourcen, die ihnen erlauben, sich den Klimaeinflüssen anzupassen oder Katastrophen die Stirn zu bieten, und sie haben kaum Zugang zu Sozialdiensten und Versicherung.« (LS 25)

Die fünf Phasen der Katastrophenbewältigung

In den Entwicklungsländern wächst das Verständnis dafür, was Katastrophenbewältigung heißt. Jedes Jahr, wenn die Bedrohung durch Wetterextreme begrenzt ist, lernen die Regierung und die Bürger, wie wichtig es ist, die Folgen zu dämpfen und sich auf den Klimawandel einzustellen. Das ist die Zeit für Workshops, die sich mit Planung und Kapazitätsbildung befassen; Zeit, Regeln und Standards für die Nutzung von Land zu entwickeln; Zeit, sich auf die Minderung bestimmter Gefahren wie Erdrutsche zu fokussieren.

Die zweite Phase umfasst die Warnung vor unmittelbaren Gefahren und das Ereignis selbst. Die meisten Länder haben ihre Kapazitäten aufgestockt, um vor Katastrophen zu warnen und Evakuierungsstrategien zu entwickeln. Arme Menschen haben große Angst vor Katastrophen, weil sie ihnen so schutzlos ausgeliefert sind. Bei der Arbeit mit Gemeinden in den illegalen Siedlungsgebieten von Payatas im Großraum Manila oder den Bergen von Mindanao war es sehr wertvoll, mit den Gemeinden zu sprechen, ihre Erfahrungen aus der Vergangenheit zu diskutieren, die Wettervorhersage zu erklären und zu erläutern, was dies angesichts der verschiedenen speziellen Gefahren für ihre Gegend bedeutet (Überschwemmungen, Erdrutsche, Murgänge …) und für wen in der Gemeinde das Risiko am höchsten ist.

In der dritten Phase – der Bewältigungsphase – geht es darum, in Erfahrung zu bringen, wo sich die Menschen nach einem Sturm oder einer Überschwemmung befinden und was sie am dringendsten benötigen. Ist ein abgelegener Ort stark betroffen, kann es mehrere Tage, mitunter zwei Wochen dauern, die Gegend zu erreichen. Unmittelbar nach der Katastrophe liegt der Fokus darauf, die Nothilfemaßnahmen gemäß den Berichten aus dem betroffenen Gebiet zu verteilen. Die große Einsatzbereitschaft auswärtiger Helfer muss mittels sorgfältiger Planung und einer Bedarfsanalyse koordiniert werden.

In der vierten Phase zählen Schuttbeseitigung, Wiederherstellung der Grundversorgung und Wiederaufbau der Infrastruktur zu den wichtigsten Maßnahmen. Häufig steht auch die Errichtung von Übergangsbehausungen für Betroffene im Mittelpunkt. Geld-für- Arbeit-Programme erleichtern es den Betroffenen, die Abhängigkeit von Hilfsgütern zu verringern. Jetzt bekommt die psychosoziale Begleitung größere Bedeutung, weil viele Überlebende der Katastrophe Hilfe bei der Bewältigung des Verlusts benötigen. Die Phase der Nothilfemaßnahmen kann sich zwar verlängern, häufig geht sie aber in die Phase des langfristigen Wiederaufbaus über.

Die großen Katastrophen – vom Tsunami, der Banda Aceh zerstörte, bis hin zum Taifun Haiyan – machen deutlich, dass man nicht einfach alles wie zuvor wiederaufbauen kann. »Resilienz«, das mit »Katastrophenfestigkeit « übersetzt werden kann, ist hier das Schlagwort. Dabei fließen gemachte Erfahrungen in den Wiederaufbau ein, damit die Anfälligkeit bei Katastrophen sinkt. Dieser Zyklus des wiederkehrenden Risikos ist nicht hinnehmbar. Nach zwei Jahren des Wiederaufbaus verschwinden die meisten Hilfsorganisationen wieder, und mit der Übergabe von Unterkünften und Infrastruktur an die lokalen Behörden beginnen neue Probleme. Hier muss zu einem früheren Zeitpunkt eine fünfte Phase der Restrukturierung und Neugestaltung eingebaut werden, um den längerfristigen Fragen der Nachhaltigkeit (»building back better«-Konzept) einschließlich der sozialen Inklusion Rechnung zu tragen. Es bedarf einer Neuausrichtung, die Kommunen in die Lage versetzt, Katastrophenfestigkeit zu erlangen.

Mehr als zwei Jahre nach Haiyan schaute ich mir zusammen mit staatlichen und Gemeindevertretern im letzten April die örtlichen Wiederaufbaumaßnahmen in Samar an. Die verschiedenen besichtigten Orte wiesen einen unterschiedlichen Belegungsgrad auf. Die Wohnbedingungen sind oft besser und sicherer geworden. Auch wenn viel erreicht wurde, muss noch einiges an neu gewonnenen Erkenntnissen einfließen. So war offensichtlich, dass minderwertiges Material verbaut wurde, in der Regel bei eilig errichteten Dächern oder Fundamenten. Das beeinträchtigt die zukünftige Widerstandsfähigkeit. Bei einigen der Bauvorhaben wurde nur die Hälfte der geplanten Häuser realisiert. Wenn den lokalen Behörden minderwertige Häuser und Schulen übergeben werden, akzeptieren diese nur ungern, dass die Mängel ab diesem Zeitpunkt in ihre Verantwortung fallen. Aber angesichts der Tatsache, dass nach der Katastrophe gutes Baumaterial nur schwer zu bekommen ist, sowie der humanitären Dringlichkeit des Problems und mehrerer weiterer Rückschläge mussten Entscheidungen getroffen werden. Jetzt besteht die Herausforderung darin, den Prozess so voranzutreiben, dass derartige Probleme bei zukünftigen Katastrophen weitgehend vermieden werden.

Nach dem Tsunami, der Aceh traf, war klar, dass die Hilfs- und Wiederaufbaubemühungen in den ersten beiden Jahren schwierig waren, obwohl das Engagement anfänglich am größten war. Es gab bereits Verbesserungen, aber wie in den Philippinen folgten viele Nachrüstungen. Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen heißt, mehr Arbeit in folgende Bereiche zu investieren: die Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse, die Entwicklung der besten Vorgehensweisen sowie die besten Pläne für unabhängig finanzierte Gebäude, damit die örtlichen behördlichen Auflagen besser berücksichtigt werden.

Für Gebäude, die als Evakuierungszentren dienen, müssen höhere Sicherheitsstandards entwickelt werden. Zudem sollte klar sein, für welche Szenarien und für wie viele Menschen diese Zentren ausgelegt sind. Die häufige Nutzung von Schulen als Evakuierungszentren ist insofern problematisch, als dass sie die Rückkehr zur Normalität erschwert. Schließlich müssen die Kinder wieder zur Schule gehen – auch damit ihre Wohnhäuser wieder aufgebaut werden können. Aufgrund ihrer einzigartigen Architektur – mitunter offen und mit großflächiger Bedachung – bedürfen Kirchen besonderer Aufmerksamkeit, wenn sie als Evakuierungszentren dienen sollen. Bei der Überprüfung der Evakuierungspläne ist es wichtig, die Betroffenen einzubeziehen. Hier kann die Kirche weiterhin einen Beitrag leisten.

Es wurde bereits viel erreicht. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass die Lage nach einer Katastrophe keine idealen Entwicklungsbedingungen bietet. Es wartet noch viel unerledigte Arbeit, aber der Schutt wird weniger und der Kampf geht weiter – länger als 2013 ursprünglich geplant. Ständig mit dem Risiko einer Katastrophe konfrontiert zu sein, das ist für viele Alltag. Dies zu ändern, erfordert letztlich den Zugang zu sicherem Land, größere Kapazitäten in der kommunalen Verwaltung sowie die Förderung der örtlichen Gemeinwirtschaft, der Existenzgrundlagen und des Unternehmertums.

Im Institute of Environmental Science for Social Change diskutieren wir wie in vielen anderen Organisationen mit den Gemeinden die biophysikalischen Bewegungen ihrer Umgebung sowie die notwendigen sozio-politischen und ökonomischen Veränderungen. Auf diesem Weg, so hoffen wir, machen wir den Menschen bewusst, welche Möglichkeiten die jeweilige Gemeinde hat, welchen Fragen sie sich widmen muss und wie sie sich auf den verschiedenen Ebenen mit den Behörden vernetzen sollte. Von Hoffnung und Frieden bewegt, können sie verstehen, dass alle zur Mitarbeit aufgerufen sind.

Am Earth Day vermitteln Jugendliche auf dem Atoll Chuuk Schülerinnen und Schülern die Bedeutung natürlicher Ressourcen und des Ökosystems.
FOTO: PEDRO WALPOLE

Anpassung

Gerechtigkeit herrscht dort, wo wir die Wahrheit aussprechen. In den meisten Autokratien erfahren die leidgeplagten Menschen jedoch während ihres Lebens keine Gerechtigkeit. Denn eine Gesellschaft braucht Zeit, um ihre – oft negierte – Schuldverstrickung anzuerkennen. Umweltgerechtigkeit umfasst Jahrzehnte der Zerstörung, derer man sich seinerzeit nur unzureichend bewusst war, weil sich ihre Folgen zeitlich und örtlich weit entfernt vom Verursacher zeigen.

Aus der Sicht der anawim wird es immer Imperien geben. Jesus verschwendete jedoch keine Gedanken an das römische Reich, er kümmerte sich um jeden, der ihm auf seinem Weg begegnete. Dies ist das wichtigste Element von Gerechtigkeit: die tagtägliche Demut und Fürsorge – und nicht das Urteilen. Die Armen brauchen Gerechtigkeit – nicht als Schuldzuweisung an Andere, sondern um ihr Leben wieder aufzubauen, auch wenn das Verlorene in vielen Fällen für immer verloren ist. Auf lokaler Ebene gelingt dies durch die mitfühlende Fürsorge anderer und das tägliche Gefühl der Zugehörigkeit, das es ihnen ermöglicht, aus den Umständen das Beste zu machen. Die auf globaler Ebene angestrebte Gerechtigkeit ist etwas völlig anderes, aber gleichwohl notwendig. Lokale Umweltgerechtigkeit kann im Einsatz auf nationaler oder gelegentlich auch Unternehmensebene bestehen. Genauso geht es dabei aber auch um das Finden gangbarer Wege in die Zukunft.

Folgenminderung ist eine technische Antwort auf eine bestimmte Anfälligkeit; sie ist wichtig, aber ohne einen fundamentalen Mentalitätswandel der Gesellschaft und daraus resultierender Kurs- und Politikänderungen kann sie auch in die nächste Katastrophe führen. Die Armen betreiben permanent Anpassung, indem sie sich nach besten Kräften von den Rändern der Gefahr zurückziehen. Eine breitere gesellschaftliche Anpassung umfasst sowohl Maßnahmen, die auf Katastrophenvermeidung abzielen, als auch einen Wandel der Lebensstile. Im Umkehrschluss dessen muss man sich fragen: Was will ich wirklich vom Leben und bin ich mutig genug, mich mit anderen in diesem Prozess des Wandels zu verbünden? Religiöse Organisationen und im Glauben verankerte Institutionen, die sich unterstützend für Entwicklungsbelange einsetzen, sind auch gefordert, sich zu professionalisieren und einen von Aufklärung getragenen guten Willen zu erzeugen.

Während der Earth Week auf dem Atoll Chuuk feiern die Menschen das heimische Essen, das die Verantwortlichen und die Gemeinschaft zubereitet haben.
FOTO: PEDRO WALPOLE

Gemeinschaft, Frieden und Jugend

Echter Wandel kommt von innen heraus – durch Ausbrechen aus starren Mustern, die von simpler technischer Hochrüstung und Selbstzufriedenheit geprägt sind. An jeder Schule muss Nachhaltigkeit gelehrt werden. »Zur Erziehung eines Kindes bedarf es einer Gemeinschaft«, heißt es in Afrika. Dies müssen wir in die Praxis umsetzen und uns im Umkehrschluss fragen, ob statt des persönlichen Erfolgs nicht vielmehr die Gemeinschaft im Mittelpunkt der Erziehung stehen sollte.

Zeichen der Hoffnung kommen oft unerwartet. Die Verhandlungen über die Klimavereinbarung auf der COP21 in Paris liefen schleppend. Die Verhandlungsführer versuchten, das Optimum herauszuholen, aber niemand übernahm die Führung. Dann die überraschende Wende: Außenminister Tony de Brum von den Marshall- Inseln rief zu einer ›Koalition mit hohen Ambitionen‹ auf – schließlich würden bei einem Anstieg der globalen Temperatur um 2 Grad Celsius neben anderen auch die Marshall-Inseln einfach im Meer versinken. Er forderte die Einigung auf ein Ziel von 1,5 Grad als langfristig anzustrebendes Ziel, die genaue Festlegung der Senkung des weltweiten Kohlendioxidausstoßes sowie die Zusage entsprechender Mittel bis 2020. Der Koalition gehören 100 Länder an, darunter die Europäische Union. Diese Länder streben zudem eine Erhöhung der Länderziele für die kommenden fünf Jahre an. Der richtige Augenblick und eine charismatische Person können Kreativität und Hoffnung entstehen lassen.

Die gemeinsam mit den Schülern der Xavier High School auf der Insel Weno während der Fastenzeit gefeierte Earth Week (Planet-Erde-Woche) war eine wunderbare Erfahrung. Einige Schüler hatten ansprechende Zeichnungen von verschiedenen Vögeln und wollten eine Liste mit allen wandernden und auf der Insel lebenden Tierarten zusammenstellen. Die Namen der einzelnen Vögel zu kennen, so sagte ich ihnen, ist eine wunderbare Art und Weise, Wertschätzung zu zeigen; ihre Namen erhielten sie zum Zeitpunkt der Schöpfung, damit wir sie achten. Eine Auflistung der Fischarten wäre genauso wichtig. Jeder auf diesen Inseln isst Fisch. Die meisten leben von ihm. Wir dürfen ihren Lebensraum und ihr Ökosystem nicht zerstören.

Andere Schüler verpflichteten sich, die auf der Insel geltenden Richtlinien zum Schutz der Umwelt kennenzulernen. Diese Richtlinien lassen sich auch als Haltung der Versöhnung interpretieren. Diese Generation muss sehr vorsichtig sein, welche technischen Entwicklungen sie nutzt und wie sie das tut. Auf der Welt gibt es mehr als 100.000 chemische Verbindungen, viele davon sind sehr gut – wir müssen einfach eine Wahl treffen. So hat sich die Weltgemeinschaft beispielsweise gegen FCKW entschieden. Ein Student fragte: »Kann ich für einen Tag auf Styropor verzichten und meine Nudeln aus einem anderen Behältnis essen? « (Der beliebte Nudel-Snack wird in einer Styropor- Schale verkauft.) Andere befassten sich mit der Frage, inwieweit der anfallende Müll getrennt werden kann, damit der LKW nur noch einmal pro Woche zur Deponie fahren muss? »Wenn ich nach Hause gehe und durch mein Dorf wandere, kann ich dann weggeworfene Netze auflesen und damit das Leben von Vögeln und Schildkröten retten?« Keine dieser Aktionen verspricht Renommee; sie sind einfach Ausdruck der Liebe zum Leben.

Jugendliche in Bendum, einem Dorf im Bergland von Mindanao, der Insel, die so stark mit Gewalt assoziiert wird, haben wundervolle Wege gefunden, Frieden und Hoffnung auszudrücken. Nachdem sie jahrelang die Folgen der seit Jahrzehnten währenden Abholzung der Wälder miterleben mussten, beschlossen sie, ein Zeichen zu setzen. Jason Menaling leitet das Team, das in den El Niño-Monaten vor der Herausforderung steht, Tausende zur Wiederaufforstung gepflanzte heimische Bäume am Leben zu erhalten. Jeden Morgen zweigen acht von ihnen Wasser aus dem von ihnen geschützten Fluss ab und bewässern für zwei Stunden die Setzlinge.

Dann arbeiten sie weiter auf dem Regenerationspfad, einem Pfad, der durch fünfzig Hektar ausgelaugter Böden führt. Ihr Ziel ist es, dass der Nashornvogel und andere Tierarten zurückkehren. Zudem soll das Dorf auf nachhaltige Weise seinen Lebensunterhalt erwirtschaften, was durch Ausweitung des kommerziellen Tierfutteranbaus nicht gewährleistet wäre. Ihren Elan wollen sie an andere Studenten weitergeben, die benachbarte indigene Gemeinschaften besuchen, wo die Wälder langsam verschwinden. Die Regeneration des Waldes ist ein Akt der Versöhnung mit dem Land und dem Leben, das die Gemeinschaft vom Schöpfer erhielt und als heilig ansieht. Angesichts des Waldrückgangs in Asien und der Intensivierung des industrialisierten Nutzpflanzenanbaus ist dies vielleicht zum Scheitern verurteilt. Für diese Jugendlichen ist es jedoch ein Weg, das Leben zu feiern, ganz gleich, wie gering die Bedeutung dessen auch sein mag.

Der Heilige Vater schreibt: »Das Wachstum in Gerechtigkeit erfordert etwas, das mehr ist als Wirtschaftswachstum, auch wenn es dieses voraussetzt; es verlangt Entscheidungen, Programme, Mechanismen und Prozesse, die ganz spezifisch ausgerichtet sind auf eine bessere Verteilung der Einkünfte, auf die Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten und auf eine ganzheitliche Förderung der Armen, die mehr ist als das bloße Sozialhilfesystem.«

PEDRO WALPOLE SJ
Leiter des Institute of Environmental Science for Social Change in Manila und Koordinator des Programms Reconciliation with Creation der asiatisch-pazifischen Konferenz der Jesuiten

Ausgabe 4/2016

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