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Vom Zusammenbruch zum Wiederaufbau?

Die Zentralafrikanische Republik heute

von PATERNE MOMBE SJ

Mit einer neuen Verfassung, einem neuen Präsidenten, einem neuen Parlament und einer neu aufgestellten Regierung besteht die berechtigte Hoffnung auf einen Neustart für die Zentralafrikanische Republik. Werden die neuen Machthaber – und mit ihnen zusammen das zentralafrikanische Volk – endlich die Lehren aus der Vergangenheit ziehen, die durch das Versagen des Staates geprägt war? Werden sie den Aufbau der Republik so vorantreiben, dass das Land sich wieder aus den Trümmern erhebt und den Weg des Fortschritts beschreitet?

Ende November 2015 reiste Papst Franziskus in die Zentralafrikanische Republik. In der Hauptstadt Bangui besuchte er ein Flüchtlingslager.
FOTO: KNA/PAUL HARING/CNS PHOTO

»Ich schwöre, die Verfassung gewissenhaft zu respektieren… und den Frieden zu erhalten… Ich verspreche, meine Pflichten ohne ethnische Vorurteile auszuüben und meine Macht niemals zu persönlichen Zwecken zu missbrauchen.« Das ist die Kernaussage des Eides, den der neue Präsident der Zentralafrikanischen Republik Faustin-Archange Touadérabei seiner Vereidigung am 30. März 2016 in der Hauptstadt Bangui ablegte, die linke Hand auf der Verfassungruhend und die rechte Hand erhoben. Für viele Völker mag diese Geste banal erscheinen, doch für das zentralafrikanische Volk ist dieses Ereignis von höchster Bedeutung. Denn mit der Amtseinsetzung des neuen, demokratisch gewählten Präsidenten beginnt das Land unwiderruflich seine Rückkehr zur Verfassungsordnung – nach drei Jahren der Krise und der politischen Instabilität, den dramatischsten Jahren in der Geschichte dieses Staates, der seit 56 Jahren besteht. Dazu ist anzumerken, dass die Zentralafrikanische Republik (ZAR) mit militärischen und politischen Wirren durchaus »vertraut« ist. Kaum ein Jahrzehnt war von umfassender Stabilität und einem demokratischen Leben geprägt, das diesen Namen verdient.

»Interreligiöse Gewalttaten«

Für viele, die heute etwas dazu sagen können, ist die ZAR ein afrikanisches Land, in dem es bis vor kurzem einen interreligiösen Konflikt gab, in dem Christen und Muslime gegeneinander kämpften, und das Papst Franziskus trotz der unsicheren Lage im November 2015 bereist hat. Ein solches Bild ist nicht ganz abwegig, wenn man bedenkt, dass dieses über viele Jahre schwächelnde Land von einer extremen Krise heimgesucht wurde, die fast zu einem kompletten Zusammenbruch geführt hat. Alles begann mit dem Sturz des Staatspräsidenten François Bozizé durch eine Koalition aus mehreren Rebellengruppen mit dem Namen Selekaund der Machtergreifung durch ihren Anführer Michel Djotodja am 24. März 2013. Durch Waffengewalt kam so zum ersten Mal ein Muslim, unterstützt von mehrheitlich muslimischen Rebellen und Söldnern, an die Spitze eines mehrheitlich christlichen Landes.Bei dieser Sachlage machte die These eines interreligiösen Konflikts, in dem eine christliche Mehrheit die muslimische Minderheit massakriert, schnell die Runde, umso mehr nach dem erzwungenen Rücktritt des Rebellen- Präsidenten und der Amtsübernahme durch Catherine Samba-Panza im Januar 2014. Was in den ausländischen Medien Schlagzeilen machte, waren Übergriffe und Massaker von Christen an der muslimischen Minderheit und die massenhafte Flucht der Muslime in die Nachbarländer. Doch die Lage war wesentlich komplizierter, und die Beschreibung der Krise als »interreligiöser Konflikt« trifft die Sache nur ungenau.

Das Land zählt rund 80 Prozent Christen, 15 Prozent Muslime und 5 Prozent Animisten/indigene Religionen (laut der Volkszählung 2003). Die Geschichte der Beziehungen zwischen den Konfessionen ist überwiegend durch ein friedliches Zusammenleben und Toleranz geprägt. Nie hat die Zugehörigkeit zu einer Religion, egal welcher, ein Problem dargestellt. Es kommt durchaus vor, dass die Mitglieder einer Familie unterschiedlichen Bekenntnissen angehören. Muslime tragen manchmal christliche Vornamen, Christen muslimische. Ehen zwischen Christen und Muslimen sind in der ZAR keine Seltenheit. Fakt ist aber auch: Muslime können oft kaum lesen und schreiben, sie sind überwiegend Viehzüchter und Händler (auch von Diamanten) und haben das Gefühl, vom politischen Leben ausgeschlossen zu werden. Die religiöse Spaltung, die dem Anschein nach die zentralafrikanische Krise geprägt hat, geht auf die Machtergreifung durch die Seleka zurück.

Tatsache ist: Nachdem die Rebellen an der Macht waren, folgten die neun tragischsten und chaotischsten Monate der Geschichte der ZAR. Die Seleka ist keine einheitliche Gruppierung. Nachdem ihr Anführer, Michel Djotodja, Präsident geworden war, verlor er die Kontrolle über die Rebellen. Das ganze Land fiel der Plünderung von öffentlichem und privatem Eigentum anheim, Dörfer wurden zerstört und niedergebrannt, Frauen und Mädchen sexuell misshandelt. In großem Stil wurden Massaker an der Zivilbevölkerung, Folterungen und außergerichtliche Exekutionen begangen, und zwar insbesondere durch junge Männer und Soldaten, die vermutlich mit dem gestürzten Präsidenten in Verbindung standen.

Diese Zeit des blutigen Terrors war das Werk einer Gruppe von Personen, die nicht die nötigen Kompetenzen besaßen, um ein Land zu regieren, und kein anderes Ziel hatten, als die Kontrolle über die natürlichen Ressourcen des Landes, insbesondere Gold und Diamanten, sowie über das Projekt der Erdölförderung zu gewinnen. Die Verbrechen und die massiven Menschenrechtsverletzungen, die die Seleka-Rebellen gezielt an der nicht-muslimischen Zivilbevölkerung begingen, wurden von den westlichen Medien weitestgehend ignoriert. Dokumentiert wurden sie hingegen von Human Rights Watch, wie Daniel Berkeley, der Direktor der Afrikaabteilung von Human Rights Watch, berichtet: »Die Welt scheint es zu ignorieren, dabei ist die Lage in der Zentralafrikanischen Republik wirklich katastrophal. Die Seleka-Kämpfer töten Zivilisten und legen Dörfer in Schutt und Asche. Derweil sterben die Dorfbewohner im Busch, weil sie keine Hilfe erhalten.«

Angesichts der massiven Menschenrechtsverletzungen und der Gleichgültigkeit der internationalen Staatengemeinschaft formierte sich im Volk Widerstand gegen die Seleka. Die »Antibalakas« genannte Bewegung rekrutierte sich anfänglich aus Jugendlichen aus den ländlichen Gebieten, die traditionelle Waffen und vergiftete Pfeile einsetzten; später, als sie erste Erfolge gegen die Seleka zu vermelden hatte, schlossen sich ihr Teile der ehemaligen Präsidentengarde an. Was danach kam, ist eine Geschichte von Kämpfen zwischen Seleka und Antibalakas – mit den Zivilisten im Kreuzfeuer. Morde und Repressalien gegen die Zivilbevölkerung waren an der Tagesordnung, wobei die Seleka die nichtmuslimische und die Antibalakas die muslimische Bevölkerung im Visier hatten. Die Folge waren eine Spaltung der Gesellschaft und eine identitäre Verwerfung in der Bevölkerung, was den Anschein erweckte, es handele sich um einen interreligiösen Konflikt zwischen Christen und Muslimen.

In der Nähe des internationalen Flughafens der Hauptstadt Bangui haben sich Vertriebene unter alten Flugzeugen eine Bleibe geschaffen.
FOTO: UNHCR/OLIVIER LABAN-MATTEI

Ein Land mit vielen Möglichkeiten

Die ZAR ist weit mehr als ein Land mit interreligiösen Konflikten. Die Welt weiß fast nichts von diesem Land im Herzen Afrikas. Seinen Namen verdankt es seinem Gründungsvater Barthélemy Boganda, der als erster Schwarzer in diesem Land zum Priester geweiht wurde und als erster Präsident des Landes gilt. Boganda war Vordenker und ein unbeirrbarer Kämpfer für die Unabhängigkeit des Landes, die Frankreich am 13. August 1960 gewährte. Boganda selbst erlebte die Unabhängigkeit nicht mehr, da er am 29. März 1959 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Nicht wenige meinen, dass sich der Lauf der Geschichte der ZAR mit seinem zu frühen, tragischen Tod zum Schlechten gewendet hat.

Die ZAR ist ein Binnenstaat mit einer Fläche von knapp 623.000 km² (und damit 1,75 Mal so groß wie Deutschland). Die ZAR grenzt im Westen an Kamerun, im Norden an den Tschad, im Osten an den Sudan und an den Südsudan sowie im Süden an die Demokratische Republik Kongo und an die Republik Kongo. Von der Hauptstadt Bangui im Südwesten ist der nächstgelegene Zugang zum Meer, der Hafen von Douala in Kamerun, 1.500 Kilometer entfernt. Die Bevölkerung der ZAR betrug 2013 geschätzt rund 4,6 Millionen Einwohner, von denen rund 43 Prozent unter 15 Jahre alt sind.

Die ZAR verfügt über einen weit größeren Naturreichtum als viele andere afrikanische Länder. Dazu zählen der dichte tropische Regenwald im Süden und unterschiedliche Vegetationszonen mit einer üppigen und artenreichen Flora und Fauna, die das Land zu einem attraktiven Reiseziel für Ökotouristen machen könnten. Im Übrigen ist die Holzwirtschaft ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Das Land ist reich an Bodenschätzen. Es gibt Vorkommen an Diamanten, Gold, Uran, Eisen, Kupfer, Erdöl, Kalk und vieles mehr. Hinzu kommt ein riesiges Binnengewässernetz, das ein großes Potential nicht nur für die Wasserwirtschaft, sondern auch für eine extensive Landwirtschaft bereithält.

Doch die ZAR ist ein Land, das seit der Unabhängigkeit schlecht regiert wird. Die natürlichen Ressourcen werden sehr schlecht verwertet. Das Land verharrt in einem Zustand fortgeschrittener Unterentwicklung, die Bevölkerung zählt zu den ärmsten weltweit. Der Bergbausektor trägt Schätzungen zufolge nur 5 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Obwohl die ZAR potentiell ein reiches Land ist, mangelt es hier an fast allem.

Ein Blick auf das Gesundheitswesen reicht aus, um deutlich zu machen, welcher Rückstand im Land herrscht. Gesundheitseinrichtungen gibt es nur sehr vereinzelt, und die wenigen, die existieren, sind schlecht ausgestattet. Bis heute hat kein öffentliches Krankenhaus einen Computertomografen oder ein Dialysegerät. Für entsprechende Untersuchungen und Behandlungen muss man nach Kamerun oder in die Republik Kongo fahren. Ohne den Einsatz von Nichtregierungsorganisationen wie »Ärzte ohne Grenzen« wäre die Gesundheitsversorgung katastrophal. Letztere schlugen Ende 2011 Alarm, nicht nur wegen der anhaltenden medizinischen Unterversorgung, sondern auch, weil die Sterblichkeitsrate den Notfallgrenzwert überschritten hatte. Dazu kommt noch der schlechte Zustand der Straßen, die die verschiedenen Landesteile miteinander verbinden. Von 5.000 Kilometern sind nur 650 asphaltiert. Die Schulen im Hinterland sind oft nur verfallene Hütten mit Tischen und Bänken, die diesen Namen gar nicht verdienen.

Zwischen politischen Krisen und einer desolaten Wirtschaft

Während das gesellschaftliche und politische Leben jetzt langsam wieder seinen normalen Gang geht, erkennt man, dass mit der Machtergreifung durch die Seleka-Rebellen der trostlose Zustand und der Zerfall der ZAR nur noch offenkundiger geworden sind. Die staatlichen Strukturen befanden sich in völliger Auflösung, der Staat besaß keine institutionelle Kapazität mehr und stand kurz vor der Spaltung. Der Staat war in keiner Weise mehr in der Lage, für die Sicherheit der Bürger zu sorgen, die elementaren öffentlichen Dienstleistungen zu gewährleisten und die Ordnung auf dem Staatsterritorium aufrechtzuerhalten. Die internationale Staatengemeinschaft musste erst intervenieren, um den Anstoß für eine gewisse Stabilisierung des Landes und seine Rückkehr zur Normalität zu geben.

Für dieses Scheitern des Staates ist allerdings nicht allein die Seleka verantwortlich. Es ist das Ergebnis einer langen Phase der Instabilität, die geprägt war von wiederkehrenden politisch-militärischen und sozioökonomischen Krisen vor dem Hintergrund einer schlechten Regierungsführung. Die jüngste, durch die Seleka ausgelöste Krise stellt lediglich den Höhepunkt dieser Phase dar.

Von der Unabhängigkeit bis heute standen nacheinander acht Staatschefs an der Spitze des Landes, darunter eine Frau. Diese vergleichsweise große Zahl hat allerdings wenig mit demokratischen Machtwechseln zu tun. Bis zum heutigen Tag hat es fünf Staatsstreiche gegeben. Den ersten führte Jean-Bedel Bokassa in der Nacht vom 31. Dezember 1965 zum 1. Januar 1966 an. Jedes Regime hat seinen Teil an bösen Überraschungen in die desaströse Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten eingebracht und hat dazu beigetragen, dass der Staat zusehends verkümmerte. Neben den Staatsstreichen seien auch noch Meutereien und Aufstände erwähnt.

Zentralafrikanische Republik auf einen Blick
Fläche: 622.436 km²
Bevölkerung: 4.709.000
Amtssprachen: Sango, Französisch
Religionen:
25 % Katholiken
25 % Protestanten
10 % Muslime
Animisten/Indigene Religionen
Quelle: Fischer Weltalmanach 2016

Diese Ereignisse blieben nicht ohne negative Folgen für die Wirtschaft des Landes. Mehr als einmal führte die politische Instabilität zum Stillstand in den zentralen Produktionssektoren Viehzucht, Landwirtschaft und Bergbau sowie schlicht und einfach zum Rückzug ausländischer Investoren. In die Liste der Negativfolgen gehört außerdem ein Phänomen, das im Lauf der letzten beiden Jahrzehnte fast systematisch mit den politisch-militärischen Krisen einherging: Plünderungen. Die erste Plünderungswelle erlebte das Land nach dem Sturz von Kaiser Bokassa I. am 20. September 1979, getragen durch die unter seiner Diktatur verarmte Bevölkerung. Die folgenden wurden durch Meuterer oder Rebellen organisiert, die auch ein Stück vom Kuchen abhaben wollten und nicht davor zurückschreckten, öffentliche Gebäude ebenso wie Geschäfte, Produktionsstandorte und sogar arme Häuser zu plündern.

Ein weiterer, für eine gute Wirtschaftsentwicklung hinderlicher Faktor ist die schlechte – oder schlicht fehlende – Regierungsweise, die systematisch zum Führungsprinzip der Republik erhoben wurde. Ausgerechnet diesen schlechten Regierungsstil, verbunden mit Korruption, fehlendem Sinn für das Gemeinwohl, Vetternwirtschaft und der Bevorzugung der eigenen Ethnie oder Familie (der biologischen wie der politischen), hatten in diversen Varianten alle Führer dieses Landes gemeinsam. Didier Niewiadowski, von 2008 bis 2012 Entwicklungs- und Kulturattaché in der französischen Botschaft in Bangui, hat dies so auf den Punkt gebracht: »Die Präsidenten der ZAR haben ihre Macht immer ohne jegliche Kontrolle ausgeübt und sich Kompetenzen herausgenommen, die laut Verfassung der Regierung zustehen. Das betrifft insbesondere den finanziellen Bereich. Alle Präsidenten haben den Staatssäckel für ihre Privatschatulle gehalten.«

Ein weiterer Aspekt der schlechten Regierungsführung, der die Wirtschaft des Landes in Mitleidenschaft gezogen hat, sind die »Unterlassungssünden« der Staatschefs, die es nicht fertigbrachten, die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um das Wirtschaftswachstum des Landes zu fördern. Beispielsweise werden die Diamanten, einer der großen Schätze des Landes, heute noch größtenteils von Hand geschürft und von Schmugglern gehandelt. Fachleuten zufolge fördert die ZAR weniger als ein Prozent seiner potentiellen Bodenschätze.Für die problematische Lage als Binnenstaat wurde nie eine adäquate Lösung gefunden. Seit der Unabhängigkeit vor 55 Jahren hat die ZAR es nicht geschafft, eine asphaltierte Straße von der Hauptstadt Bangui bis zur kamerunischen Grenze zu bauen, um von dort Zugang zum Hafen von Douala und damit zum Meer zu haben. Die meisten Straßen und Pisten werden nicht instand gehalten. Die Flüsse sind nur sechs Monate im Jahr schiffbar, im Bereich Luftfracht ist die Infrastruktur völlig unzureichend. Das erschwert den Prozess der Modernisierung der Produktionsstrukturen enorm. Die Produktions- und Distributionseinheiten für Wasser und Strom können den Bedarf des Landes längst nicht decken.

Sprechstunde der mobilen Gesundheitsequipe in einem Flüchtlingslager in Yaloké, rund 200 Kilometer nordwestlich
der Hauptstadt Bangui.
FOTO: KINDERMISSIONSWERK/ANNETTE FUNKE

Die Wirtschaft der ZAR heute

Die Wirtschaft der ZAR ist heute auf dem niedrigsten Stand seit mindestens 30 Jahren. In der jüngsten Ausgabe des »Human Development Report« (2015) des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) steht die ZAR auf Rang 187 von insgesamt 188. Außerdem liegt der für 2015 angegebene »Human Development Index« (HDI) von 0,350 weit unter dem Mittelwert der Ländergruppe mit niedrigem HDI (0,505). Die Konflikte und Gewaltexzesse, denen das Land in den letzten drei Jahren ausgesetzt war, haben die Entwicklung des Bruttonationaleinkommens pro Einwohner gehemmt und unweigerlich zu einem Rückgang der HDI-relevanten Werte geführt.

Die ZAR ist mit 338,7 US-Dollar BIP pro Kopf im Jahr 2015 in die traurige Riege der Länder abgestiegen, die nur wenig Wohlstand erwirtschaften konnten. Das Bruttonationaleinkommen (BNP) pro Kopf geht seit Jahrzehnten kontinuierlich zurück. Die vier Sektoren, die seit langem Wohlstand generieren, sind Diamanten, Holz, Baumwolle und Viehzucht. Der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt beträgt rund 55 Prozent, an den Exporten sogar 90 Prozent.

Wie die Afrikanische Entwicklungsbank (African Development Bank, AfDB) zu Recht betont, verfügt die ZAR zwar über große Rohstoffvorkommen, doch die politische Instabilität, die fehlende Infrastruktur und das allgemeine Geschäftsklima stellen ebenso große Hindernisse für den wirtschaftlichen Strukturwandel dar. Trotz reichlich vorhandener natürlicher Ressourcen sei der wirtschaftliche Strukturwandel – die Voraussetzung für ein starkes, anhaltendes Wirtschaftswachstum und die Reduzierung der Armut – noch nicht eingeleitet worden. Die Armut hat in diesem Land inzwischen pandemische Ausmaße angenommen: 2013 lebten annähernd 80 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. 2012 waren es noch 67 Prozent.

Dieudonné Nzapalainga, der Erzbischof von Bangui, im Gespräch mit muslimischen Würdenträgern. Für den Aufbau
einer interreligiösen Plattform wurde der Erzbischof zusammen mit seinem protestantischen und seinem muslimischen Partner im Jahr 2015 mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet.
FOTO: KINDERMISSIONSWERK/ANNETTE FUNKE

Die Geschichte eines Volkes, das leben will

Was man mit Blick auf die drei Jahre äußerster Krise, die die ZAR zuletzt durchgemacht hat, sagen kann, ist: Das Land ist gerade noch einmal davongekommen! Nie zuvor hatten die Gewaltsamkeiten und Verbrechen der bewaffneten Gruppen ein solches Ausmaß erreicht. Nie zuvor hatte das künstlich unter religiösen – christlichen und islamischen – Vorzeichen entzweite Land einer Spaltung näher gestanden. Nie zuvor mussten so viele Menschen von zu Hause fliehen und anderswo Zuflucht suchen: in Flüchtlingslagern in den Nachbarländern oder in Vertriebenenlagern im Land selbst, die um die Kirchen, auf dem internationalen Flughafen von Bangui oder mitten im Busch eingerichtet wurden.

Doch die Geschichte der ZAR ist vor allem die Geschichte eines mutigen, widerstandsfähigen Volkes, das jenseits religiöser Verwerfungen friedlich zusammenleben will. Es wartet nur darauf, gestärkt am Wiederaufbau des Landes mitzuwirken, das nach Jahren schlechter Regierungsführung und vieler Konflikte daniederliegt. Die katholische Kirche arbeitet Hand in Hand mit den anderen Glaubensgemeinschaften (Protestanten, Muslime) am gesellschaftlichen Wiederaufbau – eine Arbeit, die durch den Besuch von Papst Franziskus einfacher geworden ist, weil er die Mauern der Zwietracht und Trennung niedergerissen und die Brüderlichkeit unter den Menschen im Land wieder gestärkt hat.

Viele junge Leute haben auf dem Höhepunkt der Krise Facebook-Seiten eingerichtet mit Namen, die eine neue Zentralafrikanische Republik beschwören. Man muss daran glauben, aber vor allem daran arbeiten. Mit der Wiederherstellung der Sicherheit, der öffentlichen Ordnung und des Friedens in diesem schönen Land ist der Aufbau eines neuen Staates noch lange nicht geschafft. Eine neue demokratische Regierung mit der Aussicht auf tiefgreifende institutionelle Reformen ist notwendig. Es ist an der Zeit, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die natürlichen Ressourcen, die das Land im Überfluss hat, zum gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel und zu seiner Entwicklung beitragen. Dann wird die ZAR ein gutes Reiseziel sein oder einfach nur ein guter Ort, um zu leben.

PATERNE MOMBE SJ
Direktor des African Jesuit AIDS Network (AJAN), Nairobi

Ausgabe 5/2016

ANMERKUNGEN
1 Der ehemalige Rektor der Universität von Bangui und Premierminister unter Staatspräsident François Bozizé (2008 bis 2013) konnte sich im zweiten Wahlgang gegen seinen Konkurrenten Anicet-Georges Dologuélé, Bankier und ebenfalls ehemaliger Premierminister, durchsetzen und erhielt 62,71 Prozent der Stimmen.
2 Der Eid auf die Verfassung statt auf die Bibel oder auf den Koran hat nichts mit den jüngsten sogenannten »interkonfessionellen « Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen zu tun, die das Land gespaltet haben. Die Wahl der Verfassung dürfte eher mit der Zugehörigkeit des neuen Präsidenten zu den Freimaurern zusammenhängen.
3 Seleka bedeutet auf Sango, der Nationalsprache der ZAR, »Bündnis«. Die Koalition aus vier Rebellengruppen hat viele Jahre im Norden und Nordosten des Landes gewütet. Einige von ihnen unterstützten den abtrünnigen General Bozizé, als dieser am 15. März 2003 mit Waffengewalt die Macht an sich riss.
4 Die Seleka-Rebellen sind überwiegend Muslime aus dem Norden und Nordosten des Landes sowie aus dem Tschad und dem Sudan (Darfur). Sie unterliegen vermutlich dem Einfluss durch die salafistische Bewegung, die den afrikanisch-orthodoxen Islam stärken will und von Saudi-Arabien und Katar unterstützt wird.
5 Human Rights Watch, »Central African Republic: Seleka Forces Kill Scores, Burn Villages«, 27. Juni 013, online unter Internet-Links .
6 Für das zusammengesetzte Kunstwort »Antibalakas« kursieren verschiedene Erklärungen. Die plausibelste ist »Antiballes AK« (gemeint ist die AK-47), was so viel bedeutet wie »gefeit gegen Kalaschnikowkugeln«. In der Widerstandsbewegung, fälschlicherweise »christliche Milizen« genannt, schlossen sich junge Animisten zusammen, die sich Amulette umhängten, die sie angeblich vor Gewehrkugeln schützten.
7 An dieser Stelle sei noch einmal betont, dass die Krise, die das Land in jüngster Zeit erschüttert hat, im Wesentlichen eine militärisch-politische Krise war, bei der die sichtbaren und unsichtbaren Akteure die Religion für ihre Zwecke instrumentalisierten.
8 Vgl. Médecins Sans Frontières, »République centrafricaine, des taux de mortalité au-dessus du seuil d’urgence«, Bangui, 13.12.2011, online unter: Internet-Link
9 Didier Niewiadowski, »La République centrafricaine: le naufrage d’un Etat, l’agonie d’une Nation«, 20.1.2014, S. 13, als PDF unter: PDF-Datei
10 Tirthankar Chanda, »Centrafrique: une économie dévastée «, Rfi Afrique, 20.12.2013, online unter:
Internet-Link.
11 Das Infoblatt vom Februar 2016 der Generaldirektion für Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der Europäischen Kommission (ECHO) berichtete von 450.000 Binnenflüchtlingen und 463.500 Flüchtlingen in den Nachbarländern. Außerdem seien rund 2,5 Millionen Menschen von Ernährungsunsicherheit betroffen.

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