Barmherzigkeit ohne Grenzen Der Zuzug von Flüchtlingen im Libanon corner

Barmherzigkeit ohne Grenzen

Bedroht der Zuzug von Flüchtlingen das politische Gleichgewicht im Libanon?

von ROUPHAEL ZGHEIB

Barmherzigkeit kennt keine Grenzen und macht keinen Unterschied zwischen Rassen und Religionen. Der Nahe Osten braucht in diesen Tagen dringend das Wirken der Barmherzigkeit, um die Wunden der Kriege, des Hasses und der Konflikte zu heilen. Wir brauchen die Barmherzigkeit Gottes, um uns vor Krieg, Anschlägen, Massakern zu schützen und um uns die Kraft zu geben, dass wir die wirtschaftliche und soziale Krise überstehen, in der sich der Libanon und der ganze Nahe Osten befinden.

Flüchtlingskinder in einem inoffiziellen Flüchtlingscamp in der libanesischen Stadt Jdita. Wegen des Krieges in Syrien
können viele Kinder keine Schule besuchen.
FOTO: ELISABETH SCHOMAKER/KNA

Das kleine Land Libanon – 10.452 km², vier Millionen Menschen – ist ein demokratischer Staat, dessen politisches System die Konfessionseinteilung in der Regierung institutionalisiert – und das bei bis zu 18 religiösen Bekenntnissen. Seine Verfassung legt fest, dass der Präsident ein maronitischer Christ sein muss, der Ministerpräsident ein sunnitischer Muslim und der Sprecher des Parlaments ein Schiit. Vielfalt ist unsere große Stärke, aber falsch verstanden kann sie auch unsere größte Schwäche sein.

Vor dem Bürgerkrieg (1975) machten Christen 50 Prozent der Bevölkerung aus – heute sind es gerade einmal 35 Prozent. Die libanesische Diaspora ist sehr groß, sie ist vor allem auf dem amerikanischen Kontinent konzentriert. Allein in Brasilien beläuft sich die Zahl der Libanesen auf sieben Millionen, beinah doppelt so viele Libanesen wie in ihrem Heimatland leben. Zusätzlich zu den vier Millionen libanesischen Einwohnern hat das Land zwei Millionen Kriegsflüchtlinge aufgenommen, mehrheitlich Muslime, und 600.000 Palästinenser, die in den Libanon vertrieben wurden. Bedauerlicherweise ist es Fundamentalisten gelungen, in die Reihen dieser Flüchtlinge einzudringen und terroristische Anschläge zu planen mit dem Ziel, das Land zu destabilisieren.

Wir bemerken das Fehlen von Flüchtlingslagern im Libanon aufgrund von politischen Spannungen und aufgrund des Fehlens einer klaren Grenze zwischen dem Libanon und Syrien. Unsere größte Sorge ist das demographische Gleichgewicht zwischen Christen und Muslimen, das das Miteinander im Libanon erhält. In Syrien bleiben große Gebiete vom Konflikt unberührt und können Flüchtlinge aufnehmen oder Standort von Notlagern und Hilfsstationen sein. Solche Einrichtungen sollte es auch an der Grenze zwischen dem Libanon und Syrien geben. Davon erhoffen wir uns eine große Wirkung. In seinem letzten Bericht hat der UN-Generalsekretär die Länder, die Flüchtlinge aufgenommen haben, aufgerufen, ihnen Bürgerrechte zu gewähren. Dies ruft wiederum große Sorgen bei den christlichen Gemeinschaften hervor, da es das empfindliche demographische Gleichgewicht in diesem kleinen Land stören würde.

Im Folgenden möchte ich einige Beispiele nennen, die die verheerende Situation im Libanon beschreiben:

  • Unsere Jugend hat Schwierigkeiten, Beschäftigungsmöglichkeiten zu finden, da Flüchtlinge aus Syrien oder Irak, die niedrigere Löhne bekommen und nicht von der sozialen Sicherung profitieren, die freien Stellen in verschiedenen Bereichen übernommen haben.
  • Knapp drei Millionen syrische Kinder besuchen wegen des Kriegs keine Schule, rund 550.000 von ihnen sind Flüchtlinge im Libanon.
  • Öffentliche und private Schulen im Libanon nehmen eine große Zahl von Schülerinnen und Schülern auf, von denen die meisten die Schulgebühren nicht zahlen können.
  • Flüchtlinge sind über das ganze Land verteilt, und manchmal haben internationale Organisationen Schwierigkeiten, sie zu erreichen und mit der nötigen Hilfe zu versorgen.
  • Kinder sind während des Krieges Opfer von Gewalt geworden oder haben andere traumatisierende Erfahrungen gemacht. Einige waren Opfer von häuslicher Gewalt und leben jetzt in unzulänglichen oder überfüllten Heimen. Bei vielen jungen Menschen wirken sich Traumatisierungen negativ auf ihr Verhalten aus, so dass es für sie unmöglich ist, sich in der Schule zu konzentrieren und dem Unterricht zu folgen.
  • Kinder, die mit ihren Familien vor dem Krieg in Syrien geflohen sind, werden weiterhin ausgebeutet, missbraucht und zu frühen Eheschließungen gezwungen.
  • Christliche Flüchtlinge aus dem Irak, die im Libanon leben, haben nicht den Status von Asyl suchenden und leben in der Hoffnung, in westliche Länder einreisen zu dürfen. Für sie ist es unmöglich, Arbeit zu finden. Ihnen wird jegliche Unterstützung durch staatliche oder internationale Organisationen vorenthalten. Irakische Flüchtlinge im Libanon werden in ihrem Kampf schlicht vergessen! Alle helfen syrischen Flüchtlingen, während die Iraker sich darum bemühen, ihre Papiere und einen rechtlichen Status zu bekommen, ohne den sie kaum Zugang zu grundlegenden Rechten im Land erhalten.
  • Das ganze System der internationalen Hilfe für syrische und irakische Flüchtlinge steht kurz vor dem Zusammenbruch. Die Vorräte sind aufgebraucht, und die Hilfsorganisationen können diese chronische Notlage nicht länger bewältigen.
  • Zusätzlich zu den genannten ist ein weiteres Problem aufgetreten: die Umweltverschmutzung. In diesem kleinen Land mit fast sechs Millionen Einwohnern
  • Libanesen und Syrer – ist die Situation katastrophal. Das zeigt sich in vielen Krankheiten, die es vorher nicht gab. Viele Kinder sind betroffen, und die Krankenhäuser sind nicht in der Lage, grundlegende Gesundheitsdienste bereitzustellen, um die Kranken zu versorgen.

Trotz all dieser Probleme geben wir die Hoffnung nicht auf. Viele Institutionen wie die Päpstlichen Missionswerke, die Caritas und andere sind aktiv, um die Opfer zu unterstützen, indem sie

  • soziale, medizinische und rechtliche Hilfe für Menschen in Not anbieten;
  • in verschiedenen Gefangenenlagern im Land Hilfe für Arbeitsmigranten und Flüchtlinge zur Verfügung stellen;
  • rund 200.000 Flüchtlinge unterstützen und Gesundheitsversorgung für 55.000 Menschen bereitstellen;
  • für Nahrungsmittel und Hygiene sorgen, zum Beispiel durch Notunterkünfte, Kleidung, Betten und Hygieneprodukte;
  • spezielle psychologische Hilfe anbieten;
  • teilweise die Krankenhauskosten oder den Transport zu öffentlichen Schulen bezahlen.

Wir danken allen, die uns helfen, diese Mission für die Bedürftigsten zu erfüllen. Wir wissen die Unterstützung der Länder und Hilfsorganisationen zu schätzen, die uns helfen, die Krise zu überwinden. Die Kirche hat die Pflicht, das Bewusstsein der internationalen Gemeinschaft zu wecken, den Frieden zu fördern und ihre Verantwortung für die Flüchtlinge wahrzunehmen. Ich bitte Gott, uns Frieden zu geben und seinen Frieden besonders Syrien zu schenken, denn darin liegt die dauerhafte und wirkliche Lösung des Konflikts und der Flüchtlingskrise. Ich möchte Sie bitten, die Syrer darin zu unterstützen, dass sie in ihrem Heimatland bleiben können, indem Sie besonders jene unterstützen, die noch dort sind und um ihr Land kämpfen.

ROUPHAEL ZGHEIB
Direktor des Päpstlichen Missionswerks im Libanon

Ausgabe 5/2016

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