»Wir brauchen eine Erziehung zum Frieden!« Zu den jüngsten fremdenfeindlichen Angriffen in Südafrika corner

»Wir brauchen eine Erziehung zum Frieden!«

Zu den jüngsten fremdenfeindlichen Angriffen in Südafrika

von PHILIPPE DENIS

Fremdenfeindlichkeit ist in Südafrika wieder ein Thema. Leider. Im Mai 2008 starben mehr als 60 Menschen bei einer Serie von Unruhen, die Ausländer bleibend in Angst versetzten. Danach hörte die Gewalt gegen Ausländer nicht auf, aber sie blieb mehr oder weniger unter Kontrolle. Bis zum März 2015.

Frauen und Kinder nehmen ein schnelles Frühstück zu sich, bevor sie in ein Vertriebenenlager in Chatsworth in der Nähe von Durban gebracht werden. Rund 5.400 Ausländer waren von den fremdenfeindlichen Übergriffen im Mai 2015 betroffen. Tausende Migranten, Flüchtlinge und Asylsuchende wurden vertrieben.
FOTO: UNHCR/PUMLA RULASHE

Ende März 2015 löste die Wahrnehmung, dass ein lokaler Supermarkt in Isipingo bei Durban zu viele Ausländer einstellte, eine neue Welle der Gewalt aus. Von Durban griff diese Welle auf Pietermaritzburg, die Hauptstadt der Provinz KwaZulu-Natal, und auf Johannesburg über, besonders im Gebiet von Hostels, die von Angehörigen der Zulu besetzt waren. In besonderer Weise betroffen war Alexandra, ein von Schwarzen bewohntes Township im Norden von Johannesburg.

Dabei ist die Verantwortung des Zulu-Königs Goodwill Zwelithini für das Wiederaufleben der Gewalt unbestreitbar. Der Zulu-König ist ein traditionelles Oberhaupt, das keine verfassungsmäßige Macht hat, aber Ansehen in der Zulu-Bevölkerung genießt und von der Regierung ein ansehnliches Gehalt bekommt. Ein paar Tage, bevor die Gewalt in Durban begann, hatte er in einer Rede in Pongola gefordert, dass »diejenigen, die von außen in unser Land kommen, ihre Sachen packen und dahin zurückgehen sollen, woher sie gekommen sind«. Er weigerte sich hartnäckig, sich zu entschuldigen, und gab wider den Augenschein vor, dass seine Worte falsch interpretiert worden seien. Einige der Mörder bezogen sich ausdrücklich auf seine Rede, als sie Ausländer angriffen. Bis heute diskutieren Experten darüber, wie seine Verantwortung im Zusammenhang mit der wieder aufflammenden fremdenfeindlichen Gewalt zu bewerten sei.

Die genaue Zahl der Opfer ist unbekannt, denn viele wurden gar nicht gemeldet. Zum Beispiel Etebo Kebede, ein 42 Jahre alter Flüchtling aus Äthiopien, der am 30. April 2015 in seinem Tuckshop in Imbali bei Pietermaritzburg erschossen wurde. Einige Tage zuvor hatte er Morddrohungen erhalten. Zwei Tage später wurde in Greytown Lumona Ziko, eine 37 Jahre alte Kongolesin, ermordet. Die Polizei weigerte sich, diese Anschläge als fremdenfeindlich einzustufen, aus Mangel an Beweisen. Was wir aber sicher wissen, ist, dass diese Morde eine Atmosphäre der Angst unter Ausländern schaffen. Im April und Mai wurden zahlreiche Geschäfte und Privathäuser, die von Ausländern betrieben und bewohnt wurden, geplündert und angezündet. Tausende Migranten suchten Zuflucht in Camps an den Rändern der großen Städte in KwaZulu-Natal und Gauteng. Viele kehrten in ihre Länder zurück. Diejenigen, die blieben, zogen irgendwann in ihre Wohnorte zurück. Heute, im Juli 2016, ist die Situation ruhig. Aber niemand weiß, wie lange.

Nach den Vorfällen dauerte es einige Tage, bis die Regierung Südafrikas reagierte. Innenminister Malusi Gigaba bat die Opfer um Entschuldigung. Einige der Mörder wurden verhaftet. Aber man muss abwarten, ob sie auch strafrechtlich verfolgt werden. Im Jahr 2008 waren es nur sehr wenige.

Wie schon 2008 wurde auch 2015 die Zivilgesellschaft mobilisiert. In Kirchen, Stadthallen und Universitäten fanden Treffen statt, öffentliche Stellungnahmen wurden abgegeben. In Pietermaritzburg übernahm der KwaZulu-Natal Christian Council eine führende Rolle bei der Koordination der Solidaritätsleistungen. Die muslimische Organisation Gift of the Givers (Geschenk der Geber) gehörte zu den ersten, die materielle Unterstützung für die Flüchtlinge bereitstellten. Auf nationaler Ebene prangerten verschiedene Kirchen, darunter auch die katholische Kirche, die Gewalt gegen Ausländer an und ermutigten ihre Mitglieder, den Ausländern ihre volle Unterstützung zu gewähren.

Die gute Nachricht ist, dass die Universitäten des Landes, an denen derzeit rund 70.000 Ausländer studieren, nicht direkt betroffen waren. Gleichzeitig ist festzuhalten, dass ausländische Studentinnen und Studenten unter einer anderen Art von Fremdenfeindlichkeit leiden. In den letzten Jahren ist es für sie immer schwerer geworden, eine Studienerlaubnis zu bekommen. Das Innenministerium, die südafrikanische Polizei und die südafrikanischen Botschaften in den verschiedenen Ländern vervielfachen die Hindernisse für jene, die in Südafrika studieren oder arbeiten wollen.

Woher kommt diese Gewalt? Es ist, so könnte man sagen, eine schlechte Antwort auf ein reales Problem. Die Schere zwischen Armen und Reich geht in Südafrika immer weiter auseinander. Im Großen und Ganzen hat die Regierung des ANC (African National Congress) ihre Versprechen nicht gehalten. Sündenböcke werden gesucht im vergeblichen Bemühen, die Frustration, die aus dieser Situation erwächst, zu bewältigen. Es gibt durchaus Ressourcen im Land, aber aufgrund von Korruption und Ineffizienz auf allen staatlichen Ebenen kommt davon bei den Armen nichts an. In den vergangenen fünf Jahren haben die gewaltsamen Proteste gegen die fehlende Einlösung der Versprechen zugenommen. Die jüngsten fremdenfeindlichen Angriffe ähneln diesen Protesten. Sie haben dieselben Wurzeln. Südafrika ist und bleibt eine gewalttätige Gesellschaft. Und Gewalt hat viele Formen. Fremdenfeindlichkeit ist nur eine davon.

Ein eher generelles Problem ist das Fehlen einer kohärenten Willkommenspolitik für Ausländer. In dieser Perspektive unterscheidet sich Südafrika nicht besonders von Europa, Nordamerika oder Australien. Getrieben vom Wunsch nach einem besseren Leben überqueren jedes Jahr Hunderttausende Menschen die Grenzen, legal oder illegal. Einige von ihnen sind Kriminelle, und deshalb gibt es die Tendenz, jeden Ausländer als möglichen Kriminellen zu betrachten. Die meisten Migranten sind indes friedliche Menschen. Sie haben ihr Geburtsland wegen Krieg oder Armut verlassen. Sie sind bekannt dafür, hart zu arbeiten. Sie betreiben kleine Geschäfte in schwarzen Townships und informellen Siedlungsgebieten oder arbeiten in den Stadtzentren, zum Beispiel als Friseure.

Niederschmetternd ist vor allem die Tatsache, dass die Anstifter der fremdenfeindlichen Gewalt erfolgreich gewesen sind. Sie wollten, dass die Ausländer ihre Sachen packen und gehen, und genau das haben sie erreicht. Zumindest einige der Ausländer haben das Land verlassen. Es wird lange Zeit dauern, um sich von dieser beschämenden Situation zu erholen.

Was wir jetzt brauchen, ist, mehr als je zuvor, eine Erziehung zum Frieden. Es müssen Räume geschaffen werden, in denen Einheimische und Ausländer lernen, miteinander zu reden und einander zuzuhören. Alle sind ein Geschenk für das Land. Ignoranz und falsche Wahrnehmungen, wie in Isipingo, sind die schlimmsten Feinde. Gewalt beginnt, wenn eine Gruppe beginnt, eine andere abzustempeln und zu stigmatisieren. Massive Anstrengungen in der Erziehung sind nötig, um diesen perversen sozialen Mechanismus zu besiegen.

PHILIPPE DENIS
Emaphetelweni Dominican Community, Pietermaritzburg Professor für Geschichte des Christentums an der Universität KwaZulu-Natal

Ausgabe 5/2016

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