Im Einsatz für die Würde und die Freiheit der Menschen Die Kirche + die Verteidigung der Menschenrechte in Bolivien corner

Im Einsatz für die Würde und die Freiheit der Menschen

Die Kirche und die Verteidigung der Menschenrechte in Bolivien

von CARLOS DERPIC SALAZAR

In Bolivien gibt es nicht nur eine grundsätzliche und theoretischeVerbindung zwischen dem Katholizismus und der Verteidigung der Menschenrechte, sondern auch – indem man die Praxis von Bartolomé de Las Casas wieder aufgegriffen hat – ein klares und entschiedenes Handeln der Kirche. Der folgende Artikel gibt einen Überblick über das, was in der Zeit von 1964 bis 2015 geschehen ist. Damit kommen zwei Etappen in den Blick: die Diktaturen der Nationalen Sicherheit (1964–1982) und die Demokratie (1982–2015).

»Die Bergarbeiter sind Opfer ihrer harten Arbeit und leben im Allgemeinen unter sehr ärmlichen, gar unmenschlichen Bedingungen.« Eine Goldwäscherin in der Bergbaustadt Chulumani nahe der Mine von Chojlla.
FOTO: ACHIM POHL/ADVENIAT

Das Ziel ist es, so an die Vergangenheit zu erinnern, dass daraus ein positives Lernen für die Gegenwart mit Blick auf die Zukunft erwachsen kann. Dazu braucht man eine Didaktik der Erinnerung. Diese Didaktik benötigt nach Washington Uranga, einem aus Argentinien stammenden katholischen Journalisten, »eine Darstellung der historischen Ereignisse auf eine Art und Weise, dass sich die Erinnerung daran in ein dynamisierendes Werkzeug der Gegenwart verwandelt, indem sie sich auf Werte stützt und die Stärkung der Rechte in der Zukunft im Blick hat. Für die Protagonisten der Vergangenheit muss die Erinnerung an ihre Verletzungen und Schmerzen den grundsätzlichen Zweck haben, die Zukunft neu zu gestalten. Für die jungen Menschen geht es darum, den Aufbau dieser Zukunft auf ein historisches Fundament zu stellen. […] Wer die Geschehnisse, an die man erinnert, nicht miterlebt hat, auf welche Art auch immer, kann sie in ihrer Dimension […] nicht angemessen erfassen. So wie schon Unterschiede zwischen den einzelnen Berichten existieren, werden diese Geschehnisse heute aus einem anderen Kontext heraus gesehen, in dem andere Werte gelten, die sich inzwischen in der Gesellschaft herausgebildet und gefestigt haben und die im bürgerlichen Leben heute als selbstverständlich gelten. Wenn dies geschieht, wenn die Rechte selbstverständlich sind, verliert sich das Gefühl für ihren Wert. […] Diejenigen, die heute in der Demokratie leben, können nur schwer die Erfahrung des autoritären Staates, der Repression, der Gewalt und der Entrechtung in ihrer ganzen Reichweite erfassen.«

Von der Doktrin der Nationalen Sicherheit zur Demokratie

»Ideologisch aufgerüstet mit der auch von den USA inspirierten Doktrin der Nationalen Sicherheit begründeten lateinamerikanische Militärs seit den [1960er Jahren] ihren Anspruch auf eine zentrale Rolle in Staat und Gesellschaft. Sie sahen sich als einzige Kraft, die in der Lage sei, den Nationalstaat zu führen. Die Militärdiktaturen übernahmen die Kontrolle über die nationale Entwicklung und die Innere Sicherheit. Legitimiert wurde dies mit dem Konstrukt eines ›inneren Feindes‹, der zur Verteidigung der ›nationalen Interessen‹ physisch vernichtet und zu dessen Bekämpfung weite Teile der Bevölkerung kontrolliert werden mussten.«

In Bolivien setzte sich die Doktrin der Nationalen Sicherheit mit dem Staatsstreich von René Barrientos Ortuño im Jahr 1964 durch und erfuhr ihre stärkste Ausprägung unter Hugo Banzer Suárez, der 1971 in einem blutigen Putsch die Macht übernahm. Ihm folgten verschiedene Militärregierungen und zivile Interimsregierungen.

Am 10. Oktober 1982 machten der Widerstand des bolivianischen Volkes gegen die Diktaturen und externe Faktoren wie die Verteidigung der Menschenrechte durch die US-Regierung unter Jimmy Carter den Weg frei für die Einrichtung demokratischer Regierungen. Hernán Siles Zuazo, Víctor Paz Estenssoro, Jaime Paz Zamora, Gonzálo Sánchez de Lozada, Hugo Banzer Suárez und noch einmal Sánchez de Lozada lösten sich nacheinander an der Spitze der Regierung ab. Ihnen folgten Interimsregierungen unter Carlos Mesa Gisbert und Eduardo Rodríguez Veltze, bis im Jahr 2006 Evo Morales Ayma Präsident wurde.

Die Regierung Morales hat als Staat die gesellschaftlichen Organisationen gespalten, die – direkte oder indirekte – Kontrolle vieler Massenmedien übernommen und die Kirche angegriffen. Trotz Anklagen wegen Korruption und Vetternwirtschaft lässt die Regierung bis heute nicht von ihrem Versuch ab, einen totalitären, die Rechte der Menschen einschränkenden Staat zu schaffen.

Veränderungen in der Kirche

Von 1962 bis 1965 fand in Rom das Zweite Vatikanische Konzil statt, das von Papst Johannes XXIII. einberufen worden war, um ein »aggiornamiento« der Kirche zu bewirken, damit diese sich erneuere, um den Herausforderungen der modernen Welt gewachsen zu sein. Der vorzeitige Tod Johannes’ XXIII. hat gewiss größere Veränderungen verhindert. Doch man kann die Wandlungen nicht leugnen, die die Kirche im Blick auf die Liturgie und auch in Bezug auf die Beziehung von Kirche und Gläubigen zur Welt gemacht hat. Letztere kommt in der pastoralen Konstitution Gaudium et spes zum Ausdruck, deren Anfang lautet: »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.«

Vom 24. August bis zum 6. September 1968 fand die zweite Generalversammlung der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz in Medellín, Kolumbien, statt. Dieses Treffen, das als »Mündigwerden« des lateinamerikanischen Episkopats angesehen wird, markiert einen Wendepunkt in der Beziehung der lateinamerikanischen Kirche zu ihrem Volk. Im abschließenden Aufruf der Bischöfe heißt es: »Aus eigener Berufung heraus wird Lateinamerika unter Inkaufnahme jedweden Opfers seine Befreiung [zu verwirklichen] versuchen, nicht um sich in sich selbst einzuschließen, sondern um sich der Verbindung mit dem Rest der Welt zu öffnen, indem es im Geiste der Solidarität empfängt und gibt« (Abschlussdokument von Medellín, 1969, 93).

Vom 27. Januar bis zum 13. Februar 1979 fand die dritte Lateinamerikanische Bischofskonferenz in Puebla, Mexiko, statt. Das aus diesem Ereignis hervorgegangene Dokument ist eindeutig: »Im Licht des Glaubens betrachten wir den sich immer mehr auftuenden Abgrund zwischen Reichen und Armen als ein Ärgernis und einen Widerspruch zum Christsein. […] Wir halten daher fest, dass die unmenschliche Armut, unter der Millionen von Lateinamerikanern leiden, eine verheerende und erniedrigende Geißel ist. Sie kommt zum Ausdruck in der Kindersterblichkeit, dem Wohnungsmangel, den Gesundheitsproblemen, den Hungerlöhnen, der Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, der Unterernährung, der Instabilität der Arbeitsplätze, der Massenauswanderung, die unter Druck und ohne gesetzlichen Schutz vonstattengeht, u. a. […] Zu diesen Ängsten kommen andere hinzu, die sich aus dem Machtmissbrauch ergeben, der in Gewaltregimen typisch ist. Es sind dies die Ängste, die das Ergebnis einer systematischen oder selektiven Repression sind, die von Denunzierungen, der Verletzung der privaten Sphäre, einem unangemessenen Druck, Foltern und Verbannung begleitet sind. Es sind die Ängste, die in so vielen Familien aufgrund des Verschwindens geliebter Angehöriger aufsteigen, von denen sie keinerlei Nachricht erhalten. Es ist die völlige Unsicherheit, die durch Verhaftungen ohne richterliche Anweisung entsteht. Es sind die Ängste, die sich aus einer Ausübung der Justiz ergeben, die abhängig oder gefesselt ist.« (Puebla 1979, Nr. 28, 29, 42)

In dieser Epoche begannen viele junge Christen, eine radikale Haltung einzunehmen. Inspiriert durch das Beispiel Christi gingen sie im Dialog mit den Marxisten den Weg der Befreiung. In Chile, Bolivien, Argentinien, Uruguay und Brasilien konnten die Linksparteien auf die entschiedene Beteiligung engagierter Katholiken zählen. In den Reihen der Guerilla von Teoponte (1970) gab es zahlreiche Jugendliche, die die (Partei der) Christdemokraten verließen. Unter dem Einfluss des Beispiels und des Denkens von Gustavo Gutiérrez, Leonardo und Clodovis Boff, Pedro Casaldáliga, Ignacio Ellacuría, Ronaldo Muñoz, Hugo Echegaray und anderen entstand die Theologie der Befreiung. Sie stellt einen neuen Ansatz der Theologie und des Engagements der Katholiken in der Welt dar: Theologie als kritische Reflexion des gelebten Lebens im Lichte des Wortes Gottes und ein Hinausgehen über die Theologie als rationales Denken über Gott, das die Katholiken motiviert, sich angesichts der Unrechtssituation in den lateinamerikanischen Ländern konkret zu engagieren. Die von der Befreiungstheologie angewandte Methode ist der Dreischritt »Sehen – Urteilen – Handeln«.

Blick auf La Paz in der Nacht. La Paz ist die drittgrößte Stadt Boliviens mit fast einer Million Einwohner. Die Stadt liegt 3.200 bis 4.100 Meter über dem Meeresspiegel und ist damit der am höchsten gelegene Regierungssitz der Erde.
FOTO: JüRGEN ESCHER/ADVENIAT

Die Menschenrechte in den zwei Zeitabschnitten

Ein Charakteristikum der Menschenrechte ist ihre Ganzheitlichkeit. Man kann ein Menschenrecht nicht auf Kosten eines anderen zur Geltung bringen. (Zum Beispiel kann man das Recht auf Bildung nicht verwirklichen, indem man das Recht auf freie Versammlung negiert.) Aus didaktischen Gründen ist es angebracht, den Unterschied zwischen individuellen (Bürgerrechten und politischen Rechten) und kollektiven (wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen) Rechten und Völkerrechten wieder aufzunehmen. Tatsächlich wurde ja die Allgemeine Menschenrechtserklärung von 1948 im Jahre 1966 durch den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte und den Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte erweitert.

In diesem Rahmen betrachtet, wurden während der diktatorischen Regierungen eher die bürgerlichen und politischen Rechte verletzt. Im Gegensatz dazu wurden in der Zeit der Demokratie eher die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte verletzt: Im Namen eines fragwürdigen Zukunftsversprechens wurden die Menschen gezwungen, den Gürtel enger zu schnallen. Selbstverständlich berührte jede Verletzung der Rechte deren Gesamtheit. Dennoch soll hervorgehoben werden, dass in der einen Epoche stärker die einen, in der anderen Epoche stärker die anderen Rechte verletzt wurden. Es sollte auch nicht übersehen werden, dass die Verletzung der Bürgerrechte und der politischen Rechte offensichtlicher ist als die der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte. Das ist auch daran zu erkennen, dass sich die Reaktionen auf die Verletzung der Rechte im einen und im anderen Fall unterscheiden.

Die Kirche und ihr Handeln zur Verteidigung der Menschenrechte in Bolivien

In den 1960er Jahren besetzten junge Katholiken aus den Reihen der »Juventud Universitaria Católica« (JUC) Schlüsselstellen an den Universitäten. Die Berater der JUC waren Priester wie Carlos Parent in Potosí und Timoteo Sullivan in Cochabamba. Daraus entstand später die Bewegung des »Movimiento de la Izquierda Revolucionaria« (MIR), aus der auch einige der Kämpfer der Guerilla von Teoponte im Jahre 1970 kamen. Die Priester aus dem Oblaten-Orden, die in den 1960er Jahren in das Bergbaugebiet von Potosí kamen, um den Kommunismus zu bekämpfen, machten eine Wandlung durch und standen schließlich auf Seiten der Bergarbeiter.

1967 wurde in Bolivien »Iglesia y Sociedad en América Latina« (ISAL) gegründet, eine Gruppe von Priestern, die sich eindeutig hinter die Bestrebungen des Volkes stellten. Zu ihnen gehörten José Prats, Federico Aguiló, Pedro Negre und Mauricio Lefebvre. Filemón Escobar, ein ehemaliger atheistischer Bergarbeiterführer, schrieb vor einigen Jahren ein Buch mit dem Titel »Das Evangelium ist die Inkarnation der Menschenrechte […] Die katholische Kirche und ihr Kampf für die Wiedererlangung der Demokratie«. In diesem Buch erwähnt Escóbar weitere Priester wie Padre Lino und Padre Gabriel, Luis Espinal, Gregorio Iriarte, Roberto Durette, Pedro Basiana, Alfonso Pedrajas, Jorge Centellas, Miguel Parrilla, Antonio Berta, die Mütter Gabriela und Ángeles sowie die Bischöfe Julio Terrazas, Tito Solari und Nino Marzoli.

Während der Diktatur wirkten vier spanische Priestern der OCSHA (Obra de Cooperación Sacerdotal en Hispanoamérica) in Potosí: Francisco Dubert Novo, Jesús Bello, Ricardo Senande und Luis Alfredo Díaz. Hinzuweisen ist auch auf die Jesuiten Luis Roma, Miguel Esquirol und Ramon Alais, die sich für die Menschenrechte engagierten. Dasselbe kann man auch von Pater Jesús Pascual Serrano sagen. Pater Paco bildete eine Generation von Jugendlichen aus, die sich später für verschiedene Optionen der politischen Linken engagierten. Schließlich verdienen die Franziskaner Sergio Castelli und Franco Valli als Mitglieder der Ständigen Versammlung für Menschenrechte in Potosí besondere Erwähnung. Valli starb 1985 in der Nähe von Cuevo, als er half, einen im Schlamm steckengebliebenen Kleinlastwagen zu befreien.

Das Handeln zur Verteidigung der Menschenrechte war auch eine Sache der Bischöfe. In Potosí zeichnete sich Bischof Bernardo Fey durch den Einsatz für die »garantías ciudadanas« aus. Er feierte einmal eine Heilige Messe »de cuerpo presente«, nachdem ein Schüler bei einer Auseinandersetzung mit der Polizei gestorben war. Er war zudem ein entschiedener Verteidiger der Priester seiner Diözese. Jorge Manrique verhängte als Erzbischof von La Paz in seiner Erzdiözese das »Interdikt «, als die Regierung Banzer begann, die Streikposten des Hungerstreiks zu räumen, mit dem diese Anfang 1978 allgemeine und unbeschränkte Amnestie forderten. Das Verbot der Feier von Heiligen Messen und der Sakramentenspendung brachte die Diktatur dazu, die Amnestie zu gewähren. Während der Diktatur von García Meza stellte sich Erzbischof Manrique öffentlich und offen dem damaligen Innenminister Luis Arce Gómez entgegen, der die Bolivianer gelehrt hatte, »mit dem Testament unter dem Arm zu marschieren «. Erzbischof Manrique wurde öffentlich von Arce Gómez bedroht, als er sich eines Morgens dem Fahrzeug des Ministers entgegenstellte und ihn der Verletzung der Menschenrechte anklagte.

Die bolivianischen Bischöfe handelten nicht nur als Einzelne, sondern auch als Gemeinschaft, wie zwei Grundsatzdokumente zeigen: der Pastoralbrief über Erziehung und Bildung und der Brief mit dem Titel »Würde und Freiheit«. Der erstgenannte entstand 1972. Er behandelt das Thema der Erziehung und Bildung mit einer Kritik, die bis heute von Aktualität ist:

»Die Menschen in der Stadt haben die Möglichkeit, in den Genuss des größeren Teils der Güter und Dienstleistungen, die die Gesellschaft anbietet, zu kommen, besonders in den der Bildung. Vielleicht leiden sie auch deswegen an den Übeln, wie sie den relativ weiter entwickelten Ländern eigen sind, die den Menschen in der Stadt in irgendeiner Weise als nachzuahmendes Vorbild gelten.

An den Rändern der Städte kommt die Bevölkerung meist ländlicher Herkunft zusammen, die, angezogen durch die besseren Unterhaltsmöglichkeiten, die die Großstädte bieten, die ländliche Region verlassen haben. Die Campesinos (Landbewohner) […] leben unter höchst prekären Bedingungen, und dies obwohl sie der wichtigste Teil der Bevölkerung sind, weil sie den höchsten Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt, zur bolivianischen Wirtschaft, leisten. Teilhabe an den Gütern und Dienstleistungen der Gesellschaft gibt es für sie quasi nicht. Das bringt sie dazu, sobald wie möglich die städtischen Lebensformen nachzuahmen, denn die Stadt ist zum Zentrum ihrer Bestrebungen geworden.

Die Bergarbeiter sind Opfer ihrer harten Arbeit und leben im Allgemeinen unter sehr ärmlichen, gar unmenschlichen Bedingungen. Sie sind es, die sich – vielleicht bedingt durch die Härte ihrer Tätigkeit – der Ungerechtigkeiten, denen sie ausgeliefert sind, am meisten bewusst sind. Auch im bolivianischen Urwald leben ganz an den Rand gedrängte Menschen, die man kaum kennt und die fast vollständig unbeachtet bleiben. Sie nehmen am Leben des Staates praktisch nicht teil. Ihre Verbindung mit der Welt besteht durch die missionarischen Werke.

Sowohl in der Stadt wie auf dem Land, im Bergbau wie im Urwald zeichnen den bolivianischen Menschen Eigenschaften aus, die heute nicht selbstverständlich sind: ein tiefer religiöser Sinn, die Qualität seiner Beziehung zu den Mitmenschen, die sich ausdrückt in Freundschaft, Gastfreundschaft, Verständnis und anderem, sein ständiges Streben nach Fortschritt und eine bewundernswerte Widerstandsfähigkeit angesichts schwieriger Situationen.«

»Im bolivianischen Urwald leben ganz an den Rand gedrängte Menschen, die man kaum kennt und
die fast vollständig unbeachtet bleiben.« Eine Schwester vom Orden Jesus, Verbo y Victima besucht eine Familie im TIPNISUrwald (Schutzgebiet »Indigenes Territorium Nationalpark Isiboro Sécure«).
FOTO: JüRGEN ESCHER/ADVENIAT

Würde und Freiheit

Im September 1980, während der schlimmsten Momente der Diktatur von García Meza, als Hinrichtungen zur Tagesordnung gehörten, veröffentlichte die Bolivianische Bischofskonferenz einen Brief mit dem Titel »Würde und Freiheit« (»Dignidad y Libertad«), der in der katholischen Tageszeitung »Presencia« veröffentlicht wurde. Einige Punkte dieses Briefes lauten:

»Bolivien und seine Kirche durchleben schwierige Momente, in denen die Würde des Menschen und die Freiheit des Evangeliums einer schweren Prüfung unterworfen werden. Ganzheitliche Evangelisierung geschieht durch Verkündigung [der Frohen Botschaft] und Anklage [der Missstände] und konkrete Aktionen, die mit Gottes Plan für den Menschen übereinstimmen.

[Während der letzten Wochen] haben wir mit Schmerz vom gewaltsamen Tod von Bürgern, von Gefangennahmen, von körperlichen und seelischen Folterungen, von gewaltsamen Hausdurchsuchungen und Diebstählen, von der Zerstörung von Funk- und Radiostationen, von Verfolgungen auch unschuldiger Menschen, von Drohungen, massenhaften Entlassungen von angestellten Arbeitern, Ablehnung von freiem Geleit für Asylsuchende in diplomatischen Vertretungen, Einsperrungen, Verbannungen und anderen Missbräuchen erfahren.

Viele Priester und Ordensleute wurden festgenommen, einige gefoltert und, obwohl dann freigelassen, fast alle demütigend behandelt. Etwa 30 Ordenshäuser wurden durchsucht und viele geplündert. Nachdem sie bedroht worden waren, musste sich eine große Zahl von Priestern und Ordensschwestern verstecken. […]

Wie können diejenigen sich Christen nennen, die die höchste Würde des Menschen verletzen, oder diejenigen, die Lehren unterstützen, nach denen viele Menschen nicht als Geschwister, sondern als Feinde betrachtet werden?«

Dieser Brief, in dem die Bischöfe ausdrücklich eine Reihe individueller und gesellschaftlicher Rechte proklamierten, verhinderte, dass die Diktatur von García Meza das angekündigte »Gesetz der Staatssicherheit« (»Ley de Seguridad del Estado«) in Kraft setzte.

Während der Strukturanpassung

Das Präsidialdekret Nr. 21060 (»Decreto Supremo No. 21060«) war das emblematische juristische Instrument, mit dessen Hilfe die Strukturanpassung in Bolivien durchgeführt wurde. Als Reaktion darauf organisierten die Gewerkschaften eine Reihe von Mobilmachungen, die in einigen Fällen durch den Belagerungszustand unterdrückt wurden. Dazu gehörte auch der »Marsch für das Leben « (marcha por la vida) im Jahre 1986. Die Kirche und ihre Mitglieder waren gemeinsam mit dem bolivianischen Volk und seinen Organisationen bei der Verteidigung der Menschenrechte präsent. Ein Beispiel gab Bischof Edmundo Abastoflor, damals Bischof von Potosí. Während des »Marsches für das Leben« stand in den Berghängen des Cerro Rico von Potosí eine Auseinandersetzung zwischen den Bergarbeitern und dem Militär bevor. Bischof Abastoflor ging hin und vermittelte, so dass ein Massaker vermieden wurde.

Als Jahre später, 1993, die Verkehrspolizei zum zweiten Mal brannte, waren zwei Priester anwesend, um eine Konfrontation zu verhindern, indem sie mit den Autoritäten einen Rückzug der Polizeikräfte aushandelten. Es waren die Priester Eugenio Natalini und Pedro Marmilloud. Auch Ordensschwestern und Laien setzten sich für die Wahrung der Menschenrechte ein. Tatsächlich hatte die Ständige Menschenrechtsversammlung in Potosí ihren Sitz im Kloster St. Franziskus, in dem bei unterschiedlichen Gelegenheiten auch verfolgte Gewerkschaftsführer oder Aktivisten Unterschlupf fanden.

Eine Saftverkäuferin in Cochabamba,
der viertgrößten Stadt Boliviens.
Viele Menschen verlassen die ländlichen Regionen, weil sie durch die vermeintlich besseren Unterhaltsmöglichkeiten in den Großstädten angezogen werden.
FOTO: JüRGEN ESCHER/ADVENIAT

Menschenrechte heute

Was die Geltung der Menschenrechte angeht, so erlebt Bolivien im Augenblick nicht seine beste Zeit. Der Staat versucht, Organisationen zu spalten, und kontrolliert die Presse. Justiz und Staatsanwaltschaft sind der Exekutive untergeordnet, die wegen des korrupten Verhaltens mehrerer ihrer Mitglieder in der Kritik steht. Die Kirche hat in dieser Situation nicht aufgehört, ihre prophetische Stimme zu erheben. Am 12. April 2011 erschien der Hirtenbrief »Boliviens Katholiken heute: Präsenz von Hoffnung und Engagement«. Das Schreiben enthält Abschnitte über Fortschritte und Widersprüche in sozialer und politischer Hinsicht. So heißt es in Abschnitt 28: »Die Politik sozialer Inklusion gegenüber den zuvor Marginalisierten darf nicht Grund für neue Ausschlüsse oder die Furcht anderer Gruppen sein. Auch dürfen nicht nur die Bestrebungen derjenigen als legitim angesehen werden, die mit der vorherrschenden Ideologie übereinstimmen, ohne die anderen zu berücksichtigen, die sie ergänzen und bereichern könnten, da alle zu Gerechtigkeit und Versöhnung beitragen.« Und über Politik und Gerechtigkeit heißt es in dem Hirtenbrief: »Unser Land ist ein Rechtsstaat, deswegen sind die Gesetze unverzichtbare Instrumente, um das gerechte und harmonische Zusammenleben im Dienste des Gemeinwohls zu regeln. Es gibt jedoch bei der Rechtsprechung Fälle offensichtlicher Ungerechtigkeit und fehlender Transparenz, wenn nicht die Suche nach der Wahrheit Priorität hat, sondern politische oder wirtschaftliche Interessen. […] Außerdem ist die Anwendung einiger Gesetze von der subjektiven Interpretation von Menschen und Autoritäten abhängig, was die Angeklagten oder Prozessbeteiligten wehrlos macht.«

Am 22. März 2012 brachte die Bolivianische Bischofskonferenz das Pastoralschreiben über Umwelt und Entwicklung in Bolivien mit dem Titel »Das Universum, Gottes Geschenk an das Leben« heraus. Gemäß dem kollegialen Führungsstil in der Kirche, der ihn bewegt, hat Papst Franziskus dieses Schreiben in der Enzyklika Laudato si’ zitiert. In der Enzyklika hebt der Papst die Unentgeltlichkeit des Geschenks der Natur und die Verpflichtung des Staates und der Gesellschaft hervor, für die Natur Sorge zu tragen. Und er betont die Rolle der Natur in der Weisheit der indigenen Völker.

Julio Terrazas Sandoval war der erste Kardinal Boliviens und
ein herausragender Verteidiger der demokratischen Rechte.
Das Bild zeigt ihn bei einem gemeinsamen Gebet für den Frieden aller Religionen vor der Kathedrale in Santa Cruz.
FOTO: JüRGEN ESCHER/ADVENIAT

Am 1. April 2016 hat die Bolivianische Bischofskonferenz ein pastorales Schreiben über Rauschgifthandel und Drogensucht mit dem Titel »Heute bringe ich vor dich das Leben oder den Tod« (»Hoy pongo ante ti la vida o la muerte«) veröffentlicht. Die Reaktionen der Regierung ließen nicht auf sich warten und enthielten ein Ultimatum, um »Namen zu nennen«. Die Kirche hat geantwortet: Wir leben in einem Rechtsstaat, in dem Ultimaten keinen Platz haben. Einige Aspekte dieses Pastoralbriefes:

»Der Rauschgifthandel stigmatisiert unterschiedslos unser Land und alle Bolivianer vor der internationalen Gemeinschaft und besonders den angrenzenden betroffenen Ländern und deren öffentlicher Meinung. Produzent zu sein, kennzeichnet uns als ein Hauptglied in der Kette des Rauschgifthandels. Transitland zu sein, stellt die Wirksamkeit des Verbots in Frage, ja, kann sogar als Komplizenschaft unserer Institutionen gedeutet werden. Konsumierendes Land zu sein, ist Ursache ernster Probleme im Zusammenhang mit Gewalt, Korruption und dem Verlust kultureller Werte. […] Die Gewalt in unseren Städten und Gemeinden hat durch die Beziehung zwischen Rauschgifthandel und organisierter Kriminalität wesentlich zugenommen. […] Da er frei zugänglich ist, dringt der Rauschgifthandel mit seiner Strategie der Expansion und Straffreiheit, und indem er Gewissen kauft, sogar in die Strukturen des Staates und der Ordnungsmächte ein.« (Nr. 24, 31, 35)

Wegen seiner Anklage, dass in der Provinz Chapare sogar Kinder in den Rauschgifthandel eingebunden sind, wurde Erzbischof Tito Solari von den Gewerkschaftsführern der Kokabauern bedroht, die seine Ausweisung verlangten, wenn er nicht um Verzeihung bäte oder sich zurückziehe.

Am Schluss steht der Hinweis auf den im Dezember 2015 verstorbenen Erzbischof von Santa Cruz und ersten Kardinal Boliviens, Julio Terrazas Sandoval. Als er Bischof von Oruro war, hat er die Bildung von kirchlichen Basisgemeinden vorangebracht, indem er klar die Option für die Armen ergriff. Auch in Santa Cruz blieb er ein herausragender Verteidiger der demokratischen Rechte. Die Predigt seines Nachfolgers in Santa Cruz, Sergio Gualberti, im Requiem für den Kardinal belegt sein Handeln: »Sein unerschütterliches und beständiges Engagement zugunsten der Letzten und ihrer Würde, seine Anklage des Rauschgifthandels, der Korruption und der manipulierten Justiz provozierten Reaktionen von Seiten der machthabenden Personen und Gruppen, die aus kleinlichen Interessen heraus oder aufgrund totalitärer Ideologien ihm Drohungen und Angriffe nicht ersparten. Man versuchte, den Propheten, die Stimme der Stimmlosen, unter dem Vorwand einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen, dass die Kirche in der Sakristei zu bleiben habe. Aber er schwieg nicht, denn die Kraft und der Mut des Gottes des Lebens und der Wahrheit in ihm war stärker: ›Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.‹«

CARLOS DERPIC SALAZAR
Professor an der Universidad Católica Boliviana in La Paz Aus dem Spanischen übersetzt von Gertrud Schwarzenbarth

Ausgabe 6/2016

ANMERKUNGEN

1 Internet (15. August 2016; Einfügung der Redaktion).
2 Der spanische Originaltext ist zu finden auf www.iglesia.org.bo (3. April 2016).
3 Der spanische Originaltext ist zu finden auf www.iglesia.org.bo (3. April 2016).
4 Der spanische Originaltext ist zu finden auf www.iglesia.org.bo (3. April 2016).
5 Der spanische Originaltext ist zu finden auf www.iglesia.org.bo (3. April 2016).

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