2017 – Jahr der Jubiläen 50 Jahre ökumenischer Dialog corner

2017 – Jahr der Jubiläen

50 Jahre ökumenischer Dialog zwischen dem Lutherischen Weltbund und der römisch-katholischen Kirche

von ANNE BURGHARDT

Das Jahr 2017 ist nicht nur das Jahr des Reformationsjubiläums. Es ist zugleich das Jahr, in dem man den 50. Jahrestag des internationalen Dialogs zwischen Lutheranern und Katholiken feiert. Der Dialog zwischen dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen (Päpstlicher Einheitsrat) und dem Lutherischen Weltbund (LWB) gehört für beide Seiten zu den ersten ökumenischen Dialogen, in denen sie sich auf internationaler Ebene engagiert haben.

Zum Beginn des Reformationsjahres fand in der »Malmö Arena« am 31. Oktober 2016 ein großes Ökumene-Fest statt.
FOTO: PAUL HARING/CNS PHOTO/KNA

Für die ökumenische Öffnung der römisch-katholischen Kirche spielte das Zweite Vatikanische Konzil und besonders dessen Dekret Unitatis redintegratio eine bedeutende Rolle. Für den LWB war seit seiner Gründung die ökumenische Bewegung, die Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden war, äußerst relevant. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts existierten die lutherischen Kirchen weltweit eher als Monaden und pflegten Beziehungen meistens nur zu ihren Mutter- beziehungsweise Tochterkirchen und eventuell zu geografisch nahe gelegenen lutherischen Nachbarkirchen. Die ökumenische Bewegung hat seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts wesentliche Impulse zum engeren Zusammenwachsen der lutherischen Kirchen gegeben. Schon vor der Gründung des LWB im schwedischen Lund im Jahre 1947 fanden vor dem Zweiten Weltkrieg drei lutherische Weltkonvente statt (1923, 1929 und 1935). Eine der Persönlichkeiten, die dabei entscheidend mitgewirkt hat, war der berühmte Ökumeniker Nathan Söderblom (1866–1931), der Erzbischof der lutherischen Kirche in Schweden. Schon beim ersten Lutherischen Weltkonvent in Eisenach im Jahre 1923 stand die Frage der Ökumene auf der Tagesordnung, und als 1947 der LWB gegründet wurde, nahm man den ökumenischen Auftrag auch in die Verfassung des LWB auf. Im dritten Abschnitt »Das Wesen und das Ziel des LWB« werden unter Punkt 2 die Ziele des LWB aufgezählt; dort heißt es unter anderem, dass der LWB die lutherische Teilnahme an ökumenischen Bewegungen kultivieren soll.

Der ökumenische Dialoggedanke in den 1960er Jahren

Der erste bilaterale Dialog, den der LWB mit einer anderen weltweiten Kirche beziehungsweise Kirchengemeinschaft aufnahm, war derjenige mit der römisch- katholischen Kirche. Der Dialoggedanke im heutigen Sinne fasste in der ökumenischen Bewegung bekanntlich erst seit den 1960er Jahren Fuß; dies geschah gleichzeitig mit der Renaissance des Dialoggedankens im säkularen Umfeld. Zum Teil kann die Wiederentdeckung des Dialoggedankens dem Religionsphilosophen Martin Buber zugeschrieben werden, der in seiner Schrift »Ich und Du« (1923) diesem Gedanken seine Tiefe gegeben hatte; der eigentliche Rezeptionsprozess des Begriffs setzte allerdings erst mit seinem Tode im Jahre 1965 ein. Der Dialoggedanke passte gut in die geistige Landschaft der zunehmend pluralistischen Gesellschaft, in der verschiedene weltanschauliche, religiöse und politische Ansichten nebeneinander existierten. Sehr schnell beheimatete sich der Dialogbegriff auch in der ökumenischen Bewegung; für das Ökumene-Dekret Unitatis redintegratio wurde er, erläutert durch das »par cum pari«, geradezu zu einem Schlüsselbegriff. Nebenbei bemerkt: Es ist interessant zu beobachten, dass das renommierte Lexikon »Religion in Geschichte und Gegenwart« noch im Jahre 1958 den Begriff »Dialog « lediglich als die Bezeichnung einer »geistlich musikalischen Gattung im Drama des Mittelalters« aufführte. Bald nach dem Zweiten Vatikanum war der Dialogbegriff aus der kirchlichen Ökumene allerdings nicht mehr wegzudenken.

Wie verschieden die einzelnen Zielsetzungen der unterschiedlichen bilateralen Dialoge seit Ende der 1960er Jahre auch waren, sie teilten doch alle die Überzeugung, dass das Ziel des Dialogs eine Konsensbildung war, und hegten nicht die Erwartung, dass ein Dialogpartner vor den Lehransichten des anderen »kapitulieren « sollte, noch dass man zu neuen Lehrformulierungen kommen sollte, mit denen beide Seiten übereinstimmen. Es entwickelte sich der Begriff »differenzierter Konsens« – ein Konsens, der sich darauf beschränkt, die Anliegen beider Seiten und damit das gemeinsame Glaubensgut zu sichern, während im Bereich der theologischen Formulierung Unterschiede fortbestehen können, solange der Grundkonsens gesichert ist. Obwohl dieser Begriff überwiegend mit der Leuenberger Konkordie, die 1973 eine Kirchengemeinschaft zwischen mehreren europäischen reformierten, lutherischen und unierten Kirchen begründete, in Verbindung gebracht wird, haben die meisten bilateralen Dialoge de facto nach demselben Prinzip gearbeitet. Es ist allerdings zurecht darauf hingewiesen worden, dass es genauer ist, vom »differenzierenden« Konsens zu reden, der differenziert zwischen dem, was im Inhalt gemeinsam ist und sein muss, und dem, was verschieden sein kann, etwa die Bedeutungen bestimmter Worte, Unterscheidungen, Anliegen usw.

Der Präsident des Lutherischen Weltbundes, Christian Krause, und der Präsident des Päpstlichen Einheitsrats, Edward Idris Kardinal Cassidy, beim Gottesdienst anlässlich der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre am 31. Oktober 1999.
FOTO: KNA-BILD

Phasen des bilateralen Dialogs

In gewisser Hinsicht kann man sagen, dass der lutherisch-katholische Dialog grundlegend ist für die Versöhnung der westlichen Kirchen. Da die Reformation im 16. Jahrhundert in Wittenberg ihren Anfang nahm, bald danach in anderen Teilen Europas durch verschiedene Reformatoren Fuß fasste und letztendlich zur Entstehung neuer protestantischer Kirchen führte, hat der lutherisch- katholische Dialog auch einen hohen symbolischen Stellenwert.

Der lutherisch-katholische Dialog hat seit 1967 in fünf Phasen stattgefunden. Das Thema der ersten Phase war »Das Evangelium und die Kirche« (1967–1972). Dem folgten in der zweiten Phase in den Jahren 1973 –1984 die Themen »Das Amt in der Kirche« und »Die Eucharistie«. In diese Phase gehören zwei Stellungnahmen anlässlich zweier aus lutherischer Sicht wichtiger Jubiläen, des 450. Jahrestages der Augsburger Konfession (1980) und des 500. Jahrestages der Geburt Martin Luthers (1983). Das Thema der dritten Dialogphase, die letztendlich zur Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre führte, war »Kirche und Rechtfertigung « (1986–1993). In der vierten Phase konzentrierte sich der Dialog auf »Die Apostolizität der Kirche « (1995–2006). Die letzte Phase, die bis heute andauert, nahm ihren Anfang im Jahre 2009 und hat sich bislang sowohl mit dem gemeinsamen Verständnis der Taufe und deren ekklesiologischen Implikationen als auch mit dem gemeinsamen Reformationsgedenken beschäftigt.

Von den bisherigen Dialogberichten und -ergebnissen ist vor allem zweien besondere und breitere Aufmerksamkeit zuteilgeworden. Dies gilt zum einen für die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die von Edward Kardinal Cassidy, dem damaligen Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates, und Bischof Christian Krause, dem Präsidenten des LWB, am 31. Oktober 1999 in Augsburg unterzeichnet wurde. Auf breites Interesse gestoßen ist zum anderen das Dokument »Vom Konflikt zur Gemeinschaft« (2013), das die internationale Dialogkommission anlässlich des 500. Jahrestages der Reformation verfasst hat.

LWB-Generalsekretär Martin Junge und Kardinal Kurt Koch bei der Vorstellung des Dokuments »Vom Konflikt zur Gemeinschaft « am 17. Juni 2013 in Genf.
FOTO: LWF/S. GALLAY

Meilensteine im lutherisch-katholischen Dialog

Die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die einen Konsens in den grundlegenden Wahrheiten der Rechtfertigungslehre zwischen Lutheranern und Katholiken bestätigt, wäre ohne jahrelange ökumenische Vorarbeit nicht möglich gewesen. Diesbezüglich soll neben dem internationalen Dialog auch auf lokale Dialoge und Projekte hingewiesen werden, beispielsweise auf das Projekt des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen in Deutschland »Lehrverurteilungen – kirchentrennend? «, oder auf die Arbeit des US-Dialogs »Rechtfertigung durch den Glauben«.

Der in der Gemeinsamen Erklärung festgehaltene Grundkonsens umfasst das Urteil, dass die einstmals ausgesprochenen Verurteilungen nicht mehr die Lehre der je anderen Konfession treffen. Der erzielte Konsens besagt in § 15: »Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht auf Grund unseres Verdienstes werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken.« Die lutherischen Reformatoren betrachteten die Rechtfertigung allein aus dem Glauben als den »articulus stantis et cadentis ecclesiae« (Artikel, mit dem die Kirche steht und fällt). Dieser Artikel besagt, dass die Kirche ihr Kirche-Sein verfehlt, wenn sie das richtige Verständnis der Rechtfertigung verfehlt. Dieses Verständnis wurde im »Annex« zur Gemeinsamen Erklärung bejaht, wo es in § 18 heißt: »[Die] Rechtfertigung [ist] nicht nur ein Teilstück der christlichen Glaubenslehre. Sie steht in einem wesenhaften Bezug zu allen Glaubenswahrheiten, die miteinander in einem inneren Zusammenhang zu sehen sind. Sie ist ein unverzichtbares Kriterium, das die gesamte Lehre und Praxis der Kirche unablässig auf Christus hin orientieren will.« Da die Gemeinsame Erklärung aber dem Prinzip des differenzierenden Konsenses folgt, werden gleich nach diesem Satz auch die Differenzen genannt: »Wenn Lutheraner die einzigartige Bedeutung dieses Kriteriums betonen, verneinen sie nicht den Zusammenhang und die Bedeutung aller Glaubenswahrheiten. Wenn Katholiken sich von mehreren Kriterien in die Pflicht genommen sehen, verneinen sie nicht die besondere Funktion der Rechtfertigungsbotschaft.«

Mit der Gemeinsamen Erklärung ist etwas geschehen, was bis dahin noch nie gelungen war: Zum ersten Mal haben die im bilateralen Dialog beteiligten Kirchen durch ihre repräsentativen Organe sich das Ergebnis eines ökumenischen Gutachtens offiziell zu eigen gemacht – und das gegen alle Verhinderungsbemühungen und Kritik vorher und trotz aller noch offenen Fragen, die die Gemeinsame Erklärung selbst benennt.

Die Gemeinsame Erklärung ist anders als die Ergebnisse anderer bilateraler Dialoge, die für die Kirchen nicht bindend sind, ein offizielles Dokument und bindend für beide der unterzeichnenden Kirchen. Die Gemeinsame Erklärung war ein wesentlicher Meilenstein auf dem Weg zum Studiendokument »Vom Konflikt zur Gemeinschaft«, dem ersten Versuch, zumindest auf internationaler Ebene die Geschichte der Reformation von Lutheranern und Katholiken gemeinsam zu erzählen. Das Dokument ist von lokalen Kirchen sehr positiv aufgenommen worden und ist inzwischen, knapp drei Jahre nach dem Erscheinen, in mehr als zehn Sprachen erhältlich – mehrere weitere Übersetzungen werden zurzeit angefertigt. Gerade heute, da man auch im säkularen Bereich mit dem Ziel der Versöhnung immer wieder daran arbeitet, aus unterschiedlichen Geschichtsdeutungen eine gemeinsame »Story« zu bilden, die alle Beteiligten miterzählen können, bietet »Vom Konflikt zur Gemeinschaft« einen wichtigen Beitrag. Das Dokument weist u. a. auf die neuen Entwicklungen sowohl in der römisch-katholischen als auch in der evangelischen Lutherforschung hin, die beiden Seiten dabei geholfen haben, ihre von gegenseitiger Polemik beeinflussten Stellungnahmen kritisch zu überprüfen. In der katholischen Forschung war man zum Durchbruch gelangt mit der These, dass Luther in sich einen Katholizismus überwand, der nicht voll katholisch war. Das Verständnis, dass Luther in erster Linie die Reform der katholischen Kirche und nicht die Kirchenspaltung zum Ziel hatte, war ebenfalls hilfreich beim Beseitigen alter Vorurteile. Auf lutherischer Seite wiederum hatte der Dialog mit katholischen Theologen dabei geholfen, einseitige konfessionelle Betrachtungsweisen zu überwinden und selbstkritischer mit Aspekten der eigenen Tradition umzugehen.

Hinsichtlich des gemeinsamen Reformationsgedenkens nimmt »Vom Konflikt zur Gemeinschaft« die gemeinsam anerkannte Taufe als Ausgangspunkt. Durch die Taufe sind beide, Katholiken und Lutheraner, Glieder des einen Leibes Christi. Als Glieder des einen Leibes sollten Katholiken und Lutheraner gemeinsam des Reformationsgeschehens gedenken, das zu dem Ergebnis führte, dass sie seitdem in getrennten Gemeinschaften leben, obwohl sie immer noch zu dem einen Leib gehören – ein Zustand, der als »unmögliche Möglichkeit« beschrieben werden könnte.

Das gemeinsame Reformationsgedenken bedeutet sicherlich nicht, dass man die Trennung der Kirche feiert. Es bietet aber die Gelegenheit, gemeinsam über Licht- und Schattenseiten der Reformation nachzudenken. Während die gemeinsame Freude am Evangelium und die Wiederentdeckung der zentralen Rolle des Evangeliums durch die Reformation sicherlich Anlass geben zu Dankbarkeit, sind gegenseitig zugefügtes Leid und gegeneinander gerichtete Polemik Anlass für Bedauern und Klage. »Vom Konflikt zur Gemeinschaft « betont beide Aspekte: Dankbarkeit und Freude am Evangelium einerseits, Schmerz und Klage über die Trennung und gegenseitig zugefügtes Leid andererseits als wichtige Teile des gemeinsamen Reformationsgedenkens. Das Dokument bringt aber noch einen dritten Aspekt ein, der im letzten der fünf ökumenischen Imperative, mit denen »Vom Konflikt zur Gemeinschaft« endet, folgendermaßen ausgedrückt wird: »Katholiken und Lutheraner sollen in der Verkündigung und im Dienst an der Welt zusammen Zeugnis für Gottes Gnade ablegen.«

Papst Franziskus und Munib Younan, Präsident des Lutherischen Weltbunds, nach der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung anlässlich des katholisch-lutherischen Reformationsgedenkens in der lutherischen Kathedrale von Lund am 31. Oktober 2016.
FOTO: OSSERVATORE ROMANO/ROMANO SICILIANI/KNA

Das gemeinsame Reformationsgedenken in Lund

Rund um diese drei Aspekte Freude am Evangelium – Bedauern und Klage – gemeinsames Zeugnis in der Welt gestaltete sich auch das gemeinsame Reformationsgedenken in Form des historischen ökumenischen Gottesdienstes in Lund (Schweden) am 31. Oktober 2016. Also lieferte »Vom Konflikt zur Gemeinschaft « die Grundlage für diese Gottesdienstordnung – ein mehr als seltenes Beispiel dafür, wie die Ergebnisse eines bilateralen Dialogberichts in liturgische Form gegossen und die Botschaft eines Berichts gottesdienstlich gefeiert werden können. (Aus dem Bereich des multilateralen Dialogs beziehungsweise der Arbeit des Ökumenischen Rats der Kirchen könnte man hier – allerdings nicht ganz vergleichbar, weil die liturgische Anbindung deutlich im Vordergrund stand – an die Lima-Liturgie erinnern, die quasi ein liturgischer Ausdruck der Erklärung »Taufe, Eucharistie und Amt« aus dem Jahr 1982 war.)

Der gemeinsame Gottesdienst in der Kathedrale von Lund wurde geleitet von Bischof Dr. Munib Younan, Präsident des LWB, von Pfr. Dr. Martin Junge, Generalsekretär des LWB, und von Papst Franziskus. Es ist das erste Mal, dass der Papst einen Gottesdienst anlässlich des Reformationsgedenkens mit geleitet hat. Man darf dabei nicht vergessen, dass der Papst in Lund quasi einer der Einladenden und nicht der Eingeladene war – der LWB, der Vatikan, die lutherische Kirche Schwedens und die katholische Diözese Stockholm waren gemeinsam Gastgeber, sowohl in Lund als auch beim darauffolgenden Event in Malmö. Die Tatsache, dass das gemeinsame gottesdienstliche Reformationsgedenken ausgerechnet in Lund stattfand, hatte auch einen hohen symbolischen Stellenwert, da der LWB vor fast 70 Jahren gerade dort gegründet worden war. Symbolisch war auch die Tatsache, dass die vom Anfang des 12. Jahrhunderts stammende Kathedrale von Lund etwa die Hälfte ihres Daseins als katholisches und die andere Hälfte als lutherisches Gotteshaus gedient hat.

Im Rahmen des Gottesdienstes haben Papst Franziskus und der Präsident des LWB, Bischof Munib Younan, eine Gemeinsame Erklärung unterzeichnet, die schon im ersten Paragraphen eine Erkenntnis aus »Vom Konflikt zur Gemeinschaft« in Erinnerung ruft: »Wir haben gelernt, dass das, was uns verbindet, größer ist als das, was uns trennt.«Die Gemeinsame Erklärung ruft dazu auf, weiterhin die Einheit zu suchen, sich weiter mit den theologischen Fragen zu beschäftigen, in denen noch keine ausreichende Übereinkunft erreicht worden ist und die das Zusammenkommen um den Tisch des Herrn verhindern, und bei dieser Suche den Dienst am Nächsten nicht zu vergessen. Gerade im Hinblick auf den gemeinsamen Dienst in der Welt gibt es schon jetzt ein großes Potential für die Zusammenarbeit. Dieser Ansatz der ökumenischen Zusammenarbeit wurde gestärkt durch die Unterzeichnung des Kooperationsvertrags zwischen dem Weltdienst des LWB und Caritas Internationalis in der Malmö-Arena am Abend des 31. Oktober.

Im Oktober 2016 unternahmen Mitglieder der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz eine ökumenische Pilgerreise ins Heilige Land. Das Bild zeigt (v. l.) Ludwig Schick, Erzbischof von Bamberg, und Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, beim Auftaktgottesdienst in Tabgha.
FOTO: HARALD OPPITZ/KNA

Wie geht es weiter?

Zweifelsohne gibt es Personen und Gruppen, denen das gemeinsame Reformationsgedenken nicht weit genug ging. Die Erwartungen etwa derer, die von »Lund« eine Erklärung zur Abendmahlsgemeinschaft erwartet haben, sind nicht in Erfüllung gegangen. Für andere wiederum ging das Reformationsgedenken viel zu weit: Eine verbreitete Frage aus katholischen Kreisen ist wohl die Frage, wie man überhaupt die Trennung der Kirche feiern kann. Auf lutherischer beziehungsweise evangelischer Seite wiederum bekommt man die Frage zu hören, ob man im Zuge des Dialogs mit der römisch-katholischen Kirche nicht einige der eigenen zentralen theologischen Positionen geschwächt habe. Andere fragen, warum man beim Reformationsjubiläum nur neutral vom »Gedenken « und nicht vom »Feiern« spreche.

»Vom Konflikt zur Gemeinschaft« und das gemeinsame Reformationsgedenken in Lund haben klar signalisiert, dass man auf internationaler Ebene gewillt ist, den 50 Jahre währenden, fruchtbaren Dialog weiterzuführen. Die weitere Annäherung und das Zusammenwachsen sind aber nur möglich, wenn beide Seiten zur Versöhnung bereit sind und das nicht nur auf der globalen Ebene. Oft sind die alten Vorurteile oder verinnerlichte Polemik gegen die andere Kirche die Faktoren, die die Rezeption und Implementierung der Ergebnisse aus den bilateralen internationalen Dialogen verhindern. Der bilaterale internationale Dialog zwischen Katholiken und Lutheranern hat schon vor Jahren weitreichende Ergebnisse hervorgebracht, beispielsweise in Fragen des Abendmahls, des Amtsverständnisses oder gemischter Ehen. Anders als etwa die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre besitzen sie aber für die Kirchen keinen bindenden Charakter. Es bleibt zu hoffen, dass das gemeinsame Reformationsgedenken und »Vom Konflikt zur Gemeinschaft « zur Entstehung einer neuen Atmosphäre beigetragen haben und weiterhin beitragen. Es ist wunderbar zu sehen, wie an vielen unterschiedlichen Orten, von Peru bis Deutschland, lutherisch-katholische Lesergruppen entstanden sind, die gemeinsam das ebengenannte Dokument lesen und durch das Zusammenkommen Neues übereinander entdecken. Gerade in Ländern, in denen die lutherischen Kirchen Minderheitskirchen in einem überwiegend römischkatholischen Kontext sind, ist »Vom Konflikt zur Gemeinschaft « oft ein wahrer Türöffner gewesen.

Anstatt des Schlusswortes möchte ich einen lutherischen Theologen aus einer der kleineren LWB-Mitgliedskirchen zitieren. Am Abend des 31. Oktobers 2016 schrieb er: »Mein langjähriger Freund, ein katholischer Theologe aus Polen, hat mich zum ersten Mal zum Reformationstag beglückwünscht und unserer Kirche Gottes Segen gewünscht. Ich bin zutiefst berührt.«

PFARRERIN ANNE BURGHARDT
Referentin für ökumenische Beziehungen beim Lutherischen Weltbund in Genf

ANMERKUNGEN

1 Constitution of the Lutheran World Federation (as adopted by the LWF First Assembly, Lund, Sweden, 1947), § III. (NATURE AND PURPOSE), 2. The purposes of The Lutheran World Federation are: (d): To foster Lutheran participation in ecumenical movements.
2 Vgl. Harding Meyer, Versöhnte Verschiedenheit. Aufsätze zur ökumenischen Theologie I, Frankfurt/Paderborn 1998, S. 38.
3 Unitatis redintegratio 4, 9, 11.
4 Die Religion in Geschichte und Gegenwart. 3. Auflage, Bd. 2, Tübingen 1958.
5 Theodor Dieter, Zu einigen Problemen ökumenischer Hermeneutik, in: Una Sancta. Zeitschrift für ökumenische Begegnung 70 (2015), S. 167.
6 Siehe zum Beispiel Karl Lehmann/Wolfhart Pannenberg (Hrsg.), Lehrverurteilungen – kirchentrennend? Bd. 1: Rechtfertigung, Sakramente und Amt im Zeitalter der Reformation und heute, Göttingen 1988, und weitere Titel aus der Reihe.
7 George Anderson/T. Austin Murphy/Joseph A. Burgess (eds), Justification by Faith. lutherans and Catholics in Dialogue VII, Minneapolis, MN 1985.
8 Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, Frankfurt am Main/Paderborn 1999, S. 14 (dort auch die folgenden Zitate).
9 Vom Konflikt zur Gemeinschaft. Gemeinsames lutherisch- katholisches Reformationsgedenken im Jahr 2017, Leipzig/Paderborn 2013, S. 97. Das Dokument ist im Internet verfügbar unter PDF-Datei (15. November 2016).

10 PDF-Datei

11 Zum Rezeptionsprozess in Deutschland siehe http://2017gemeinsam.de .

Gratis-Ausgaben

Ich möchte Forum Weltkirche mit 2 Gratis-Ausgaben kennen lernen.

/ Bestellen bei HerderShop24