Offenheit und Gastfreundschaft Die pastorale Reaktion auf einen Terroranschlag in Côte d’Iv corner

Offenheit und Gastfreundschaft

Die pastorale Reaktion auf einen Terroranschlag in Côte d’Ivoire

von BISCHOF RAYMOND AHOUA FDP

Fischer auf dem Meer vor Grand Bassam.
FOTO: WIKIMEDIA COMMONS

Am 13. März 2016 wurden bei einem Terroranschlag in der Hafenstadt Grand Bassam in Côte d’Ivoire 19 Menschen getötet. Sechs bewaffnete Männer schossen auf Badegäste am Strand und griffen anschließend drei Hotels an. Zu dem Anschlag bekannte sich Al-Qaida im islamischen Maghreb. Raymond Ahoua, der zur Ordensgemeinschaft »Söhne der göttlichen Vorsehung« gehört, ist seit 2010 Bischof von Grand Bassam. In seinem Text, den er im September 2016 in Nairobi auf einer Konferenz zum Thema »Religion und Gewalt « vorgetragen hat, beschreibt Ahoua, wie er die Ereignisse im März 2016 erlebte. Vor dem Hintergrund biblischer Positionen reflektiert er die pastorale Reaktion der Kirche.

Gewalt und ihre Erwiderung in der Bibel

Gewalt wird gemeinhin als Ungestüm definiert, als ungehemmte Kraft. So kennen wir die Gewalt des Windes und des Sturms, die Gewalt des Bösen, die Gewalt des Schmerzes, Gewalt als eine Art Stimmung, den Gewaltcharakter von Menschen und Tieren, gewaltsame Leidenschaften, die Gewalt von Wörtern und der Sprache.

Diese von Andrè Lalande stammende Definition von Gewalt ist jener der Bibel ganz ähnlich; diese betrachtet Gewalt als »unkontrollierte Kraft, die auf den Menschen einwirkt, entweder durch die Natur, durch andere Ereignisse oder durch das böswillige Handeln anderer Menschen«.

Wenn die Bibel die existentiellen Fragen nach den Anfängen stellt (Genesis 1–11), spricht sie auch das Problem der Gewalt an, und zwar in drei Dimensionen: Gewalt in der Welt, Gewalt unter den Völkern und Gewalt zwischen Einzelnen.Den Autoren des Alten Testaments zufolge nimmt die Gewalt ihre Kraft von jener Kraft, die das Leben in der Schöpfung empfangen hat; aber diese Kraft ist von ihrem eigentlichen Ziel abgelenkt. Alles beginnt mit Kain und Abel (Gen 4) und steigert sich bis zur Sintflut (Gen 6,11–13).Es beginnt damit, dass die Menschen, da sie es ablehnen, von Gott geschaffen zu sein, ihr eigenes Wertesystem geschaffen haben und versuchen, es anderen mit Gewalt aufzuerlegen.

Wie wird Gott reagieren, wenn er mit der Weigerung des Menschen, seine Beziehung als Geschöpf gegenüber dem Schöpfer anzunehmen, konfrontiert wird? Grundsätzlich wird Gottes Antwort Vergebung sein, da Gott kein Gott der Gewalt ist. Oft trugen seine Reaktionen zu seinem Heilsplan und zur Erziehung seines Volkes bei.Auf Gewalt mit Gegengewalt zu reagieren heißt, Gottlosigkeit zu wählen. So sehen das Buch der Weisheit und die Psalmen Gewalt als Privileg der Gottlosen. Deshalb ziehen die Propheten – selbst jene, die die Gewalttätigen und die Folgen der Gewalt für die Menschen am stärksten verurteilen – den Ruf zur Umkehr und zum messianischen Frieden der Verurteilung und Vernichtung der Gottlosen vor. Darüber hinaus nimmt Gott hin, dass seine Propheten, besonders der leidende Gottesknecht (Jes 52,13–53,12), Opfer der Gewalt werden. Mehr noch – sein Sohn Jesus zahlt selbst den Preisder Gewalt, indem er am Kreuz stirbt.

In der Tat, Jesus lehnt Gewalt radikal ab. Deshalb lehnte er auch den gewaltsamen Widerstand gegen das Vorgehen seiner Henker ab. Deshalb prangerte er den Missbrauch der Macht und die Verletzung des Gewissens an (Mt 23,13–35). Er befreite Menschen (Lk 4,18f.; 13,15f.), besonders die Gewalttätigen, von ihrem bösen Tun, mit dem Gewinn der Vergebung. Diesen Wert zu leben, verlangt er von all denen, die ihm folgen (Lk 22,37; 23,33–46; auch Lk 6,27–38).

Diese skizzenhafte Annäherung an Gewalt und die Antwort Gottes in der Bibel klingt wie die Lehre des Herrn selbst. In diesem Zusammenhang musste unsere Reaktion auf die Gewalt, die wir in unserer Diözese erfahren haben, das prophetische Handeln Jesu Christi nachvollziehen, das heißt Offenheit und Gastfreundschaft.

Der Anschlag in Grand Bassam im März 2016

Am 13. März 2016 fand eine Frauenversammlung im »Haus des Klerus« statt, das in dem Dorf Samo liegt, etwa 30 Kilometer von Grand Bassam entfernt. Dort war ich zusammen mit dem Generalvikar, dem emeritierten Bischof und rund 2.000 Frauen, die gekommen waren, um den Frauentag zu feiern. Diese Zusammenkunft folgte auf ein kleines Symposium über Frauen, das vom 10. bis zum 12. März 2016 stattgefunden hatte.

Um 12.30 Uhr erhielt ich eine SMS mit der Information, dass es im »Quartier France«, einem Viertel der Stadt, Schüsse gegeben habe. Wenige Minuten später meldete eine zweite Nachricht einen Schusswechsel nahe dem Bischofssitz. Die Szenen spielten sich im Hotel L’Étoile du Sud ab, das 150 Meter vom Bischofssitz, der Kathedrale und dem Priesterhaus entfernt ist. Die Nachrichten wurden immer eindringlicher, aber ich ließ mir nichts anmerken, weil ich keine Panik bei denen auslösen wollte, die über Bassam nach Abidjan zurückkehren mussten. Diskret rief ich den diözesanen Militärgeistlichen an, um verlässliche Informationen zu bekommen.

Da die Kathedrale von Grand Bassam nahe dem Ort des Geschehens liegt, dachte ich an die Besucherinnen und Besucher der 11-Uhr-Messe. Sie könnten um diese Uhrzeit nach Hause gehen, und in mir wuchs die Sorge, dass sie in den Schusswechsel geraten könnten. 20 Minuten später empfahl die Polizei, dass jeder an seinem Platz bleibe, da die Schüsse immer näher kämen, vom Strand in Richtung bewohnter Gegenden, und einige Viertel der Stadt abgeriegelt seien. Dann wurde immer klarer, dass es sich um einen terroristischen Anschlag handelte.

Insgesamt starben 19 Menschen, mehrere wurden verletzt. Grand Bassam kann nun einen weiteren »historischen Rekord« verzeichnen. Es war die allererste Hauptstadt des Landes, es war die erste christianisierte Gemeinschaft des Landes, und es ist nun die erste Stadt des Landes, die Opfer eines Terroranschlags wurde. Es war ein Schock, ein gewaltiger Schock. Aber wir mussten uns erholen und unverzüglich eine christliche und persönliche Antwort geben auf die psychische Störung und Lähmung, die dieser unmenschliche Akt hervorgerufen hatte. Alles wurde schnell entschieden, den komplementären Punkten Reaktion und Aktion folgend.

Kränze aus Plastikblumen am Strand von Grand Bassam an der Mauer des Hotels L’Étoile du Sud. Sie erinnern an die 19 Toten, die Terroristen am 13. März 2016 ermordet haben.
FOTO: KNA

Reaktionen und Aktionen

Unsere Reaktionen auf dieses unfassbare Geschehen lassen sich folgendermaßen beschreiben.

  • Unmittelbare und planmäßige Offenheit für alle, ohne Unterscheidung, vergessend, dass wir selbst auch Opfer waren… Wir wurden selbst aufgeschlossen für die Nöte der verängstigten Bevölkerung, ohne zuerst nach unseren Verwandten oder den Gläubigen zu fragen.
  • Einige Leute suchten Zuflucht in der Kathedrale, andere wurden von der Polizei dorthin gebracht. Sie wurden von den Priestern willkommen geheißen, alle wurden betreut. Später begleiteten unsere Priester und unsere Gläubigen jene, die in Bassam leben, zu ihren Häusern.

Welche Werte erkennen wir in unserer Reaktion? Zuerst nehmen wir Gottes Gegenwart wahr, die beruhigt und Mut macht. Dann erkennen wir, dass die Unterstützung der Kirche gut bekannt ist und Sicherheit gibt – deshalb haben die Menschen und die Polizei Schutz in der Kirche gesucht. Dann haben wir verstanden, dass wir folgende unverzichtbare Dinge brauchen und leisten müssen:

  • Begegnungen von Menschen fördern;
  • jederzeit und überall den Notleidenden helfen;
  • Familien besuchen, sie durch unsere Gegenwart und unser Gebet unterstützen.

Was wir aus den Ereignissen und der Reaktion gelernt haben, ist Folgendes: Das Leben muss weitergehen. Wir müssen Liebe füreinander entwickeln und gegenseitigen Respekt füreinander als Glaubende. Wir müssen eine Kultur des Lebens aufbauen. Leben darf nicht bedroht oder zerstört werden.

Eine kurze Reflexion

Bekehrung geschieht nicht ohne Gewalt, diejenige Gewalt, die das Reich Gottes im glaubenden Menschen verursacht (vgl. Mt 11,12). Denn sich zu bekehren heißt, in uns zu töten, was zu Gewalt führen könnte. Sich zu bekehren heißt, der Welt ein Ideal anzubieten, das Ideal des von Jesus geschenkten Friedens (Joh 14,27) und ein besseres geschwisterliches Zusammenleben.

An jenem Tag, als wir in der Kirche dem Kreuz Jesu begegneten, haben wir verstanden, dass Jesus selbst bereit ist, jeden Tag jede und jeden in Situationen des Leidens zu empfangen. Wirklich, an jedem Tag wurden niemandem diese Fragen gestellt: Bist du ein Christ? Bist du ein Gläubiger oder ein Atheist? Bist du ein Munzungo [afrikanischer Ausdruck für Weiße, Anm. d. Redaktion] oder ein Schwarzer? Kommst du aus Côte d’Ivoire oder aus dem Ausland? Die Türen der Kirche und des Priesterhauses standen allen offen. Unter ihnen hätten auch Eltern oder Verwandte von einem der Attentäter sein können.

Unsere Reaktion und unsere Aktionen scheinen von der Notlage und den Ereignissen selbst bestimmt worden zu sein. Doch wir können nicht sagen, dass sie nur das Ergebnis spontaner Gefühle waren. Sie sind verwurzelt in einer langen Tradition der Kirche. Es ist aufschlussreich, Folgendes wahrzunehmen: Ohne dass wir uns dessen bewusst waren, haben das Wort Gottes und die Tradition der Kirche, der Dienerin der Armen, uns in der Spur des Herrn handeln lassen. Mit Blick auf das Thema »Religion und Gewalt« gesprochen: Indem wir immer wieder die Bibel lesen, können wir die Richtigkeit unseres täglichen pastoralen Handelns überprüfen, mit dem wir Gewalt im Allgemeinen und religiöser Gewalt im Besonderen entgegentreten.

RAYMOND AHOUA FDP
Bischof von Grand Bassam

Ausgabe 2/2017

ANMERKUNGEN

1 Vgl. André Lalande, Art. »Violence«, »Violent«, in: Vocabulaire technique et critique de la philosophie, Paris 2006.
2 Jean Radermakers, Art. »Violence«, in: Dictionnaire Encyclopédique de la Bible, Paris 1987.
3 Thomas Römer, Dieu obscur. Le sexe, la cruauté et la violence dans l’Ancien Testament, Genf 1998, 97–110.
4 Ebd., 97: »Im Anfang … war die Gewalt, so drückt es der französische Philosoph Roger Dadoun in einer Präsentation des Buches Genesis aus. In der Tat scheint es so, dass Gott – von Beginn der Bibel an – in Akte der Gewalt verwickelt ist. Steht er nicht in gewisser Weise am Ursprung des ersten Mordes der Menschheit? Eine erste Lektüre der sehr berühmten Geschichte von Kain und Abel scheint diesen Eindruck zu bestätigen.«
5 Jean Radermakers, Art. »Violence«, in: Dictionnaire Encyclopédique de la Bible, Paris 1987.
6 Vgl. Thomas Römer, Dieu obscur, a. a. O., 122–128.
7 Joh 11,51f.
8 Paul Poupard/Jacques Vidal, Art. »Rencontre des religions«, in: Dictionnaire des religions, Paris 1984.
9 Gisbert Greshake, Pourquoi l’amour de Dieu nous laisset- il souffrir? Paris 2010, 8. Der Autor stellt fest, dass die Reflexion über das Leiden, die seit einigen Jahren nachgelassen hat, immer neu gefragt ist.

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