Kinderschutz in der katholischen Kirche Reflexionen aus Theorie und weltweiter Praxis corner

Kinderschutz in der katholischen Kirche

Reflexionen aus Theorie und weltweiter Praxis

von HANS ZOLLNER SJ

Ein Mädchen auf dem Weg zur Schule in Mount Hagen, Papua-Neuguinea. Die katholische Schule mit 800 Kindern ist die erste und größte Schule im Ort.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

In Deutschland taucht das Thema sexueller Missbrauch von Minderjährigen durch Kleriker nur noch selten in den Nachrichten auf. Aber es steht außer Frage, dass der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt ein Thema bleibt. Der weltweite Einsatz der Kirche für Prävention von sexuellem Missbrauch trifft dabei auf ganz unterschiedliche kulturelle Voraussetzungen.

Im Frühjahr 2016 ging es Schlag auf Schlag: der Vorwurf der Vertuschung von Missbrauch gegen Kardinal Philippe Barbarin von Lyon, die öffentliche Anhörung von Kardinal George Pell durch die australische Royal Commission – ebenfalls wegen Vertuschungsvorwürfen – und die Auszeichnung des Films »Spotlight«, der die Aufdeckung der Missbrauchsskandale in Boston im Jahr 2002 behandelt, mit dem Oscar. All dies hat den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch Kleriker wieder auf die Titelseiten der Zeitungen und in die Social Media gebracht. Natürlich ist es besonders für Katholiken hochgradig verstörend, wenn Woche für Woche, Monat für Monat ungeheuerliche Fälle von Missbrauch und dessen Vertuschung in verschiedenen Formen bekannt werden, die von Klerikern oder Mitarbeitern der Kirche verübt wurden. Menschlich gesehen ist es verständlich, wenn man dann entweder den Kopf einzieht, zum Gegenschlag ausholt oder sich über die allgemeine Unfähigkeit der Kirchenführung beklagt. Doch man kann auch andere Schlüsse ziehen und entsprechend handeln.

Immer wenn in den nächsten Monaten und Jahren ähnliche Berichte vorgelegt werden – und davon wird es noch viele geben, besonders wenn wir auf die Situation weltweit blicken –, dann sind dies furchtbare Zeugnisse von wissentlicher oder zugelassener Vernachlässigung der grundlegenden menschlichen und christlichen Fürsorgepflichten, aber auch aufrüttelnde Zeichen für einen Aufbruch. Nur dort, wo die Eiterbeule aufgestochen wird, kann ein Heilungsprozess einsetzen. Dieser kommt um Jahrzehnte zu spät, keine Frage, und er geht nicht überall gleich schnell voran. Das erklärt sich schon daraus, dass die katholische Kirche mit ihren Institutionen angesichts ihrer globalen Dimension unweigerlich ein sehr gemischtes Bild davon zeigt, welche Einstellung zur Missbrauchsaufklärung und zu Präventionsmaßnahmen gegen sexuellen Missbrauch von Minderjährigen vorherrscht. Dazu muss man sich nur vor Augen führen, dass die katholische Kirche etwa 1,3 Milliarden Mitglieder in etwa 200 Ländern hat – und dass sie keineswegs in einer uniformen Einheit existiert. Es gibt beispielsweise mehr als 220.000 Schulen in katholischer Trägerschaft, und diese existieren in den unterschiedlichsten finanziellen, rechtlichen und kulturellen Kontexten. Gleiches gilt für die etwa 1.450 katholischen Universitäten sowie Hunderttausende Kindergärten, Kinderheime, Behindertenwerkstätten, Sozialstationen, Krankenhäuser, Hospize und vieles mehr. In einigen Ländern – zum Beispiel USA, Australien, Irland, Deutschland, Österreich – hat die Kirche als Reaktion auf die dort öffentlich gewordenen Skandale flächendeckend Präventionsmaßnahmen eingeführt und schult professionell und regelmäßig Mitarbeiter aller Ebenen und Bereiche. Doch es gibt auch viel passiven Widerstand, der dem Engagement in Aufklärung, Intervention und Prävention von sexuellem Missbrauch in manchen Ortskirchen entgegenschlägt. Schon daran lässt sich ersehen, dass die katholische Kirche – entgegen der geläufigen Außenwahrnehmung und Eigendarstellung – mindestens in diesem Bereich keine klar strukturierte Weisungshierarchie hat, und dass Kontrollmechanismen, die im öffentlichen Bereich und in der Wirtschaft selbstverständlich wären, schlichtweg nicht vorhanden sind.

Jungen beim Cricketspiel im Asha Kiran Zentrum in Katni, Indien. Im Asha Kiran Zentrum kümmern sich Ordensleute um Bahnhofskinder, die sich sonst mit Gelegenheitsarbeiten, Betteln und Stehlen über Wasser halten.
FOTO: FRIEDRICH STARK

Päpstliche Initiativen

Und doch: Nach allem, was sich in der Weltkirche beobachten lässt, neigt sich die Waage langsam, aber sicher auf die richtige Seite. Hohe und höchste Amtsträger der Kirche, allen voran Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus, haben die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch von Minderjährigen durch Kleriker unmissverständlich eingefordert. Schon bevor er Papst wurde, hatte der damalige Kardinal Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation einige wichtige Beschlüsse gefasst. Insbesondere hat er wichtige Weichen für die Behandlung von Missbrauchsfällen gestellt: So wurden die Verjährungsfristen im Sinne des Opferschutzes verlängert, und der sexuelle Missbrauch an geistig Behinderten wurde als Straftatbestand hinzugefügt. Papst Franziskus hat die Linie seines Vorgängers vor allem durch die Einrichtung der Päpstlichen Kinderschutzkommission (Pro Tutela Minorum) fortgeführt und gestärkt. Er hat damit auf höchster weltkirchlicher Ebene die strukturelle und materielle Bedingung dafür geschaffen, dass der Kinderschutz in der gesamten katholischen Kirche konsequent und wirkungsvoll vorangetrieben werden kann. Papst Franziskus hat die Kommission zu seinem Beratungsgremium in diesen Fragen bestimmt. Vorschläge der Kommission, wie beispielsweise für einen Gebetstag für Betroffene von Missbrauch oder für ein kirchliches Strafverfahren gegen Bischöfe und Höhere Obere, die Missbrauch vertuscht oder nicht geahndet haben, hat der Papst aufgegriffen. Hier ist ein guter, aber auch ein langer und aufwendiger Weg eingeschlagen worden.

Schon 2011 hat die Glaubenskongregation alle Bischofskonferenzen aufgefordert, »Leitlinien zum Umgang mit Missbrauch« zu verfassen. Die großen Ordensgemeinschaften haben sich dieser Aufgabe ebenfalls gestellt. In den Leitlinien soll unter anderem dargelegt werden, was in den einzelnen Ländern getan wird, um Missbrauch zu verhindern, wie auf Betroffene zugegangen werden soll, wie mit Tätern zu verfahren ist und was in der Priesterausbildung für die Präven- tion von Missbrauch getan wird. Immer wieder wird gefragt, warum es keine einheitlichen Leitlinien für die gesamte Weltkirche gibt. Dazu ist zunächst zu sagen, dass die Rechtsnormen in der katholischen Kirche selbstverständlich überall gleich gelten. Das heißt etwa im Blick auf Anschuldigungen, dass der jeweilige Ortsbischof überall auf der Welt dem gleichen Prozedere folgen muss: Es beginnt mit einer Voruntersuchung; wenn festgestellt wird, dass die Anschuldigungen glaubhaft sind, müssen die Dokumente an die Glaubenskongregation in Rom weitergeleitet werden, wo dann entschieden wird, auf welcher Ebene die weiteren Schritte des Prozesses ablaufen. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn diese Strafverfahren regional stattfinden könnten. Das würde für schnellere und transparentere Abläufe sorgen. Doch dem steht entgegen, dass es in fast keiner Ortskirche genügend und genügend gut ausgebildete Kirchenrechtler mit Spezialisierung in Strafrecht gibt, und deswegen die Prozesse nicht mit der nötigen Kompetenz durchgeführt werden könnten. Darüber hinaus muss man bedenken, dass die Zentralisierung der Verfahren auch hilft, den sonst zu befürchtenden Vertuschungs- und Verheimlichungsmechanismen vorzubeugen. Es ist ja nicht nur in afrikanischen oder asiatischen Ländern so, dass Vorgesetzte ihre Untergebenen quasi im Reflex schützen oder dass durch entsprechende »Aufmerksamkeiten« Zugeständnisse erreicht werden.

Ein Junge beim Müllsammeln in Kaolack, Senegal. Viele Straßenkinder kommen aus zerrütteten Familien und fliehen vor Armut und Gewalt.
FOTO: FRIEDRICH STARK

Unterschiedliche kulturelle Rahmenbedingungen

Neben dem, was an Gutem und Schlechtem überall gleich ist, ist im Blick auf die Weltkirche festzuhalten, dass in den jeweiligen Ländern ganz unterschiedliche Rahmenbedingungen zum Umgang mit Missbrauch und seiner Prävention gegeben sind. Das fängt schon damit an, wie Sexualität, Emotionen und Beziehungen gelebt werden, wie man darüber spricht beziehungsweise ob man überhaupt darüber spricht. Die katholische Kirche existiert in einem traditionell konfuzianischen Land wie Südkorea, in einem, was die Geschlechterbeziehungen angeht, sehr konservativen Land wie dem großteils hinduistischen Indien, in den Tausenden von Kulturen Afrikas und bei den indigenen Völkern der Andenländer. Die Begegnung des christlichen Glaubens mit dieser Vielgestalt menschlichen Lebens – Inkulturation genannt – beeinflusst, wie Liturgie gefeiert wird, in welchen Feldern sich die Kirche besonders engagiert und eben auch, wie man sich dem überall als schwierig empfundenen Thema des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Kleriker stellt – oder sich eben nicht stellt. Auch fast sechs Jahre nach der Aufforderung durch die Glaubenskongregation haben fünf von 112 Bischofskonferenzen weltweit noch nicht einmal einen ersten Entwurf für »Leitlinien zum Umgang mit Missbrauch« vorgelegt. Diese Bischofskonferenzen befinden sich vorwiegend im französischsprachigen Westafrika.

Unterschiedliche Herangehensweisen lassen sich auch in der zivil- und strafrechtlichen Behandlung von Missbrauchsfällen durch die jeweiligen staatlichen Organe beobachten, und das hat Auswirkungen auch auf kirchliche Vorgehensweisen. Eine viel diskutierte Frage, für die es mitunter sogar in den Bundesstaaten eines Landes sehr unterschiedliche Maßgaben gibt, ist in diesem Zusammenhang der Verpflichtungsgrad, mit dem entweder jeder Bürger oder bestimmte Berufsgruppen dazu gehalten sind, Missbrauchsfälle bei den Behörden anzuzeigen. Die unübersichtliche Spannbreite der Regelungen reicht hier von unbedingter Anzeigepflicht bei der Polizei für alle, die einen Missbrauch vermuten, über Zwischenpositionen – Länder, in denen Ärzte oder Psychologen entweder bei der Polizei oder beim staatlichen Sozialdienst anzeigen können, Letzterer aber dann über eine Anzeige bei der Polizei entscheiden kann – bis hin zu Staaten, wo es gar keine spezifischen Regelungen gibt. Hinzu kommt, dass in nicht wenigen Ländern dieser Welt Gesetze und Normen, selbst wenn sie schwarz auf weiß festgelegt und definiert sind, noch lange nicht als »wirklich« verbindlich angesehen werden – und das gilt für den gesamten öffentlichen Raum.

In der Öffentlichkeit großer Teile Afrikas oder Asiens, teils auch in Lateinamerika ebenso wie in Teilen Osteuropas wird der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen bis heute noch nicht als drängendes und häufiges Problem wahrgenommen.In den meisten Ländern des Südens der Weltkugel müssen Verantwortliche in Staat, Gesellschaft und Kirche erst ein Problembewusstsein und eine Sprache entwickeln, um gegen Missbrauch effektiv und entschlossen vorgehen zu können. Bis heute findet man dort die Einstellung, sexuelle Gewalt durch Geistliche sei ein Problem der dekadenten, liberalen Kirchen und Länder des Westens. Dazu ein Beispiel: Ich habe im letzten Jahr auf den Philippinen mit den Bischöfen sowie mit den Ordensoberen in Ruanda über Prävention und Kindesschutz gesprochen. Dabei lernte ich, dass diese Bischöfe und Provinziale die Ausführungen zu sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in einen anderen, weiteren Kontext stellen, als wir dies in den reichen Ländern tun. In armen Ländern erleiden Kinder und Jugendliche brutal viel: Krieg, kein sauberes Trinkwasser, Hunger, Mangel an Sicherheit, der Zwang, über die Erschöpfung hinaus schwer arbeiten zu müssen. In dieser Gewaltwelt bildet die erlittene sexuelle Gewalt kein isolierbares Verbrechen. Sexueller Missbrauch wird vielmehr als ein Teil des umfassenden Elends der Kinder und Jugendlichen wahrgenommen. Wenn in diesen Ländern kirchliche und nichtkirchliche Stellen für den Kampf gegen sexuelle Gewalt gewonnen werden sollen, dann muss dies im Zusammenhang mit dem Einstehen für alle Kinderrechte – zum Beispiel auf Gesundheit und Bildung – begründet werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass das Insistieren auf dem Kampf gegen sexuellen Missbrauch als westliche Ideologie abgetan wird, die die oft unmenschliche Lebenswirklichkeit in diesen Ländern verkennt und die außerdem ein neurotisches Problem der »Westler« in ihrem Umgang mit Sexualität anzeigt.

Kinder in Agua Blanca, der größten Armensiedlung in Cali, Kolumbien. Weltweit sind besonders Kinder von Armut betroffen.
FOTO: ACHIM POHL/ADVENIAT

Bewusstsein und Engagement für Prävention wachsen

Auf der anderen Seite glaube ich, nach Begegnungen und Vorträgen in mehr als 40 Ländern auf fünf Kontinenten sagen zu können, dass das Thema mittlerweile in der Kirchenöffentlichkeit angekommen ist. Das gilt für das Zentrum und die Peripherie (um ein Wort des Papstes aufzugreifen): ob in Fidschi oder Malawi, ob in Mexiko oder Polen – es wird über Missbrauch in der Kirche (und damit auch in der jeweiligen Gesamtgesellschaft) und seine Prävention öffentlich gesprochen. Vielerorts wird ernsthaft an der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen gearbeitet und eine konsequente Präventionsarbeit geleistet oder wenigstens angestrebt. Und Prävention wirkt, das lässt sich statistisch belegen. In den USA etwa, dem Land mit den weltweit strengsten Präventionsmaßnahmen, gibt es nur sehr wenige Meldungen zu Übergriffen, die in den letzten Jahren begangen wurden. In Deutschland und Österreich hat die katholische Kirche flächendeckend Präventionsleitlinien für alle Diözesen, Orden, Schulen und die Jugendarbeit erlassen und entsprechende Schulungsmaßnahmen aufgelegt. Die Kirche ist hier in einer Vorreiterrolle, und das wird ihr auch von nichtkirchlichen Stellen bestätigt. Eine Gefahr bestünde allerdings darin, zu glauben, nun habe man seine Hausaufgaben gemacht und damit sei »es auch wieder gut«. Das Thema darf nicht in den Hintergrund rücken. Zum einen ist mit Missbrauchsfällen in Kirche, Gesellschaft und den Familien immer zu rechnen; es wäre eine Illusion zu glauben, jemals das Böse, das Kindern angetan wird, mit Präventionsmaßnahmen vollständig ausrotten zu können. Zum anderen ist ein nachhaltiges Engagement in diesem Feld eine »natürliche« Konsequenz aus dem, wie Jesus Kindern begegnet ist. Das allein sollte die Verantwortungsträger auf allen Ebenen anspornen, alles zu tun, um Kinder zu schützen.

Zweifellos sind bei den Kirchenoberen in den letzten fünf Jahren die Sensibilität für das Thema und die Bereitschaft zum Handeln gewachsen. Aber eine durchgängige Einstellung, dem Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Missbrauch höchste Priorität einzuräumen und dies auch durch konkrete und nachhaltige Maßnahmen zu manifestieren, ist nicht überall festzustellen. Das hat ganz unterschiedliche Gründe. Einer davon könnte kulturell-soziologisch genannt werden. Die Möglichkeit, beim Thema Prävention mit staatlichen Stellen oder NGOs zusammenzuarbeiten, hängt davon ab, welche Stellung die Kirche in dem jeweiligen Land hat. In Indien etwa sind Christen eine verschwindende Minderheit, leiten aber viele und sehr gute Schulen und Universitäten. In einem mehrheitlich muslimischen, hinduistischen oder buddhistischen Land ergibt sich eine Kooperation je nach dem Grad von Toleranz und Wohlwollen der zuständigen Behördenleiter. In vielen afrikanischen Ländern muss zunächst darauf hingearbeitet werden, dass die verfassungs- und zivilrechtlichen Normen eingehalten werden, unter anderem das Mindestalter für eine Heirat.

P. Hans Zollner SJ, der Autor des Artikels, bei einem Vortrag an der Ateneo de Manila University, Philippinen.
FOTO: HANS ZOLLNER

Das Centre for Child Protection der Gregoriana

Spezifische Präventionsprogramme zielen nicht nur darauf, das Verüben einer Sexualstraftat zu vermeiden, sondern vor allem darauf, ein breites und tiefesWissen um die Gründe, Begleitfaktoren und Auswirkungen von sexuellem Missbrauch zu fördern und konsequentes Handeln anzuregen. Die Kirche mit ihren schulischen, akademischen, caritativen und pastoralen Einrichtungen könnte hier weltweit eine Vorreiterrolle auch für andere Religionsgemeinschaften, alle möglichen Arten von Organisationen und die Regierungen spielen, wie sie es in einigen Ländern besonders der südlichen Hemisphäre heute schon tut. Das Centre for Child Protection (CCP), das mit großzügiger Unterstützung der Erzdiözese München und Freising, von missio und dem Kindermissionswerk Aachen an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom betrieben werden kann, stellt sich ganz in den Dienst der Prävention von Missbrauch von Minderjährigen.Das CCP fördert Präventionsarbeit gezielt in jenen Ländern, wo bisher wenig dafür getan wurde, und qualifiziertMenschen für ihre Aufgabe vor Ort. Es geht darum, kirchlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in Pfarreien, Schulen und Kindergärten Hilfen für den Schutz von Kindern und Jugendlichen anzubieten: Wie erkenne ich, dass ein Kind miss- braucht wird oder wurde? Was muss ich tun, um dem Kind zu helfen? Was muss ich tun, um den Täter zu stellen? Was kann ich tun, um in einer Institution wie einer Pfarrei, einer Diözese oder einer katholischen Schule sichere Räume für Kinder und Jugendliche zu schaffen? In der weltweiten Kirche den sexuellen Missbrauch zu bekämpfen, ist eine Herkulesaufgabe, bei der sehr viele Akteure in Kirche und Gesellschaft zusammenwirken müssen. Es geht um die Veränderung von Einstellungen, und diese wandeln sich bekanntermaßen nur langsam. Das CCP setzt bei der Bildung an: bei Unterricht und Ausbildung (E-Learning, Diplom in Safeguarding of Minors), in der Forschung und durch die Ausrichtung von Konferenzen.

Das E-Learning-Programm ist so konzipiert, dass es an die jeweiligen sozio-kulturellen und sprachlichen Besonderheiten angepasst werden kann. Dieses Programm wird im Verbund mit akademischen und edukativen Partnerinstitutionen angeboten. Diese integrieren es in ihre Ausbildungscurricula und begleiten alle, die daran teilnehmen. Seit dem Sommersemester 2015 bietet das CCP einen einsemestrigen »Diploma Course in Safeguarding of Minors« an. Darin werden, unter anderem mit Unterstützung der Kongregation für die Evangelisierung der Völker, Präventionsbeauftragte von Bischofskonferenzen, Ordensgemeinschaften und Diözesen ausgebildet. Das Programm, das weltweit anerkannte Experten durchführen, beinhaltet psychologische, soziologische, juristische und theologische Thematiken. Ein Schwerpunkt der Forschung liegt neben internationalen Forschungskooperationen in der Untersuchung von Ursachen und Faktoren von Missbrauch in Ländern, aus denen bisher noch keine derartigen Daten vorliegen. In diesem Bereich sind fünf Doktorandinnen und Doktoranden tätig, im Feld »Priesterausbildung und Prävention von Missbrauch« sind es drei. Die acht Forscherinnen und Forscher stammen aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Schließlich organisiert das CCP internationale Konferenzen; so findet zum Beispiel seit einigen Jahren die sogenannte »Anglophone Safeguarding Conference« in der Gregoriana statt. Das CCP arbeitet eng mit der Päpstlichen Kommission für den Kinderschutz zusammen, besonders im Bereich der Ausbildung von Priesterkandidaten und der Schulung von Leitungspersonal in der Kirche. Das CCP versteht sich als nachhaltigen Impulsgeber zur Präventionsarbeit in der Kirche weltweit und als Plattform für den länder- und kontinenteübergreifenden Austausch von best practice-Beispielen in der Missbrauchsprävention.

Der Kampf gegen sexuellen Missbrauch wird noch lange dauern, und dabei muss man Abschied nehmen von der Illusion, dass das bloße Einführen von Regeln oder Leitlinien die Lösung ist. Es geht um eine grundsätzliche Umkehr, um eine Einstellung, bei der das Streben nach Gerechtigkeit für die Opfer und der Einsatz für eine umfassende Prävention nicht als etwas Lästiges abgehakt werden, wenn die Öffentlichkeit nicht mehr so genau hinschaut. Die Botschaft vom Gott Jesu Christi ist die Quelle und die Kraft für diese kontinuierliche Besinnung auf den Kern des Evangeliums. Denn Gott liebt besonders die Kleinen und Verwundbaren: »Lasst die Kinder zu mir kommen. Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes.«

HANS ZOLLNER SJ
Professor für Psychologie und Präsident des Centre for Child Protection des Instituts für Psychologie der Päpstlichen Universität Gregoriana, Rom Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission

Ausgabe 2/2017

LITERATURHINWEISE

– Charles J. Scicluna/Hans Zollner/David J. Ayotte, Auf dem Weg zu Heilung und Erneuerung. Das Symposium zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger. Päpstliche Universität Gregoriana, 6.– 9. Februar 2012. Ausgabe in deutscher Sprache hg. von Rafael M. Rieger, München: DonBosco 2012.
– Bettina Böhm/Jörg Fegert/Hubert Liebhardt/Hans Zollner, Child Sexual Abuse in the Context of the Roman Catholic Church: A Review of Literature from 1981–2013, in: Journal of Child Sexual Abuse 23 (2014), 635 – 656; doi:10.1080/10538712.2014.929607.
– Susanne Witte/Bettina Böhm/Katharina A. Fuchs/ Hans Zollner/Jörg M. Fegert, E-Learning Curriculum »Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch für pastorale Berufe«. Forschungsergebnisse, in: Nervenheilkunde 34 (2015), 547–554.
– Katharina A. Fuchs/Hans Zollner, Prävention in der katholischen Kirche: Drei Beispiele aus der Praxis katholischer Institutionen, in: Jörg Fegert/Mechthild Wolff (Hg.), Kompendium »Sexueller Missbrauch in Institutionen«: Entstehungsbedingungen, Prävention und Intervention, Weinheim und Basel: Beltz Juventa 2015.

ANMERKUNGEN

1 Vgl. dazu den Bericht über die diesbezügliche Diskussion bei der 36. Generalkongregation des Jesuitenordens: Stefan Kiechle, Ins tiefe Wasser rudern. Die 36. Generalkongregation des Jesuitenordens, in: Herder Korrespondenz 70 (2016), S. 29–32.
2 Weitere Informationen zum CCP unter http://childprotection.unigre.it/de-DE/Pages/home.aspx und http://ccpblog.unigre.it/ .

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