Pastoral, Inkulturation und Mission Die Kulturen und der Glaube in Burkina Faso corner

Pastoral, Inkulturation und Mission

Die Kulturen und der Glaube in Burkina Faso

von ANATOLE TEINDRÉBÉOGO

Kirche als Familie Gottes – dieses Bild prägt die Kirche in Burkina Faso und in weiten Teilen Afrikas. Es ist ein herausragendes Beispiel für die Inkulturation des Christentums in Afrika und vermag das kirchliche Leben immer wieder neu zu inspirieren. Doch wie die afrikanische Familie steht auch die Familie Gottes heute vor zahlreichen Herausforderungen.

Sonntagsgottesdienst in der Paroisse Christ Roy de Pissy in Ouagadougou.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Die Verbreitung des Evangeliums in Afrika fand in verschiedenen Phasen statt. In der dritten Phase der missionarischen Bewegung im 19. Jahrhundert ist das Evangelium nach Burkina Faso, damals Haute Volta, gekommen. Dieses Jahrhundert war das große Jahrhundert der politischen Expansion Europas, in deren Zuge die afrikanischen und asiatischen Länder kolonisiert wurden; diese politische Expansion bot auch eine Gelegenheit zu missionieren.

Das damalige Verständnis von Mission war von der Mentalität des Jahrhunderts der Aufklärung geprägt. David Bosch, ein zeitgenössischer südafrikanischer Missionswissenschaftler, erklärt, dass das »gesamte missionarische Unterfangen der Moderne ein Produkt der Aufklärung« sei.Zweifellos großherzig und von Gott erfüllt wollten die Missionare den Afrikanern das Licht und die Wahrheit des Evangeliums bringen; man konnte sich damals nicht vorstellen, dass Afrikaner eine Religion und eine Kultur haben könnten. Gefangen in dieser Mentalität der kulturellen Überlegenheit Europas, verwendete die missionarische Bewegung eine Methode, die man als Tabula rasa beschreiben könnte; eine Methode, die die Kultur der Menschen, die man evangelisierte, nicht berücksichtigte, weil man sie als kulturell unberührt betrachtete. Es ist leicht einzusehen, dass unter diesen Bedingungen die Mission der Evangelisierung tatsächlich auch eine Mission der Verwestlichung war!

Der Stil des Christentums vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil war der Stil des Konzils von Trient, dominiert von einer Theologie des Seelenheils. Dem liturgischen und sakramentalen Leben kam eine besondere Bedeutung zu. Die damalige Seelsorge war daher eine Seelsorge der Eroberung von Christen, die dem Heidentum oder dem Islam zu entreißen waren.

Der Begriff der Mission selbst war restriktiv. Er wurde ausschließlich auf die »zu missionierenden« Gebiete angewandt, und das Ziel der Mission bestand darin, die Kirche dort einzupflanzen, wo sie noch nicht existierte. Es galt, dort eine christliche Gemeinde, einen Klerus und eine einheimische Hierarchie dauerhaft zu etablieren. Diese Ansiedlung der Kirche ging in den meisten Fällen in der Art einer »Transplantation« vonstatten. Man transportierte ein etabliertes Modell kirchlicher Realität, so wie es sich im Abendland entwickelt hatte, in das zu missionierende Land. Folglich kam es nur selten zur Inkulturation. Trotz seiner Mängelwurde das Missionswerk insgesamt positiv bewertet und 1994 von der ersten Afrikasynode begrüßt.

Im Zweiten Vatikanischen Konzil geschah im missionarischen Bewusstsein der Kirche eine große Veränderung. Der Begriff Evangelisierung wurde gewählt, um sowohl die Mission in Ländern, die schon christlich waren, als auch die fernen Missionen außerhalb christlich geprägter Länder zu bezeichnen. In Evangelii Nuntiandi (1975) ist die Evangelisierung als Konzept enthalten, das alle in die Welt hinausgetragenen Aktivitäten der Kirche umfasst. In diesem Sinne sind die Verkündigung, die Übersetzung, der Dialog, der Dienst und die Präsenz ebenso wie die menschliche Entwicklung, die Befreiung, die Gerechtigkeit und der Frieden integrale Dimensionen des Dienstes der Evangelisierung.

Kinderkatechese im Seminar Saint Augustin de Baskoure der Erzdiözese Koupela.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Die Notwendigkeit der Inkulturation

»Die Inkulturation zielt darauf ab, den Menschen in die Lage zu versetzen, angesichts der vollen Anhänglichkeit an Gottvater und eines heiligmäßigen Lebens durch die Wirkung des Heiligen Geistes, Jesus Christus in der Gesamtheit seines persönlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Seins aufzunehmen.« (Ecclesia in Africa 62) Die Inkulturation geht darauf zurück, dass sich in den 1950er Jahren ein Bewusstseinswandel in der missionarischen Bewegung vollzog. Die Missionare erkannten, dass die westliche Theologie, die die Grundlage der Evangelisierung bildete, sich nicht sonderlich gut an nichtwestliche Kulturen anpasste.

Die Kirchen in den zu missionierenden Gebieten stellten Fragen, auf die die Theologen keine zufriedenstellenden Antworten fanden. So zum Beispiel Fragen zu Elementen der Eucharistie: Wie erklärt man Völkern, die kein Brot kennen, die Eucharistie? Oder: Wie soll man die Taufe im Umfeld der Massai in Ostafrika feiern, wo das Zeichen, Wasser über das Haupt einer Frau zu schütten, bedeutet, sie zu verwünschen und zu einem unfruchtbaren Leben zu verurteilen? Oder wie sind die Beziehungen zwischen Staat und Kirche in Ländern zu verstehen, wo es repressive und autoritäre Regime gibt und wo die Kirche eine Kirche der Armen ist? Wie ist der interreligiöse Dialog zu verstehen oder die Stellung Christi in Gebieten Asiens, wo die christliche Religion eine Minderheit angesichts der großen Religionen wie Buddhismus, Konfuzianismus oder Hinduismus darstellt?

Diese neuen Fragen zeigten an, dass sich eine neue christliche Identität entwickelte. Diese Christen kamen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten und versuchten, die Bedeutung der Botschaft des Evangeliums in ihrem jeweiligen Umfeld zu verstehen.

Der Priester Abbé Pascal Silga leitet das Centre de Formation des Catechistes de Dialgaye, ein Ausbildungszentrum für Katechisten.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Der Wendepunkt des Konzils

Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Evangelisierung revolutioniert. Es hat die Kirchen in den verschiedenen sozio-kulturellen Gebieten eingeladen, im Licht der Tradition der Gesamtkirche, die von Gott geoffenbarten Taten und Worte neuerlich zu durchforschen. »So wird man klarer erfassen, auf welchen Wegen der Glaube, unter Benutzung der Philosophie und Weisheit der Völker, dem Verstehen näherkommen kann und auf welche Weise die Gepflogenheiten, die Lebensauffassung und die soziale Ordnung mit dem durch die göttliche Offenbarung bezeichneten Ethos in Einklang gebracht werden können« (vgl. Ad Gentes 22). Was ist in der Kirche in Burkina Faso seit dem Aufruf des Konzils geschehen? Viele Dinge wurden schon in den Bereichen der Liturgie, der Katechese sowie der theologischen und pastoralen Forschung verwirklicht. Bevor wir genauer auf diese Umsetzungen eingehen, ist es wichtig festzuhalten, dass die gesamte pastorale Ausrichtung der Kirche in Burkina Faso ein großes Projekt der Inkulturation ist, nämlich die Verwirklichung einer Kirche als Familie Gottes.

Die Erfahrung der Kirche als Familie Gottes geht praktisch und offiziell auf das Jahr 1962 zurück. Vor dem Aufbruch zum Konzil haben die Bischöfe von Obervolta, von denen nur zwei Einheimische des Landes waren – Dieudonné Yougbare, der 1956, und Paul Zoungrana, der 1960 zum Bischof geweiht wurde –, einen Hirtenbrief mit dem Titel Le chrétien dans la cité (»Der Christ in der Welt«) veröffentlicht, in dem die Kirche ausdrücklich mit der Familie der Menschen verglichen wurde, während sie gleichzeitig endlos über diese hinausgeht.

Nach der 75-Jahr-Feier der Evangelisierung haben die Bischöfe von Obervolta einen historischen Appell an die christliche Bevölkerung gerichtet und sie aufgefordert, darüber nachzudenken, wie man den Glauben treu leben und dabei seine afrikanische Identität wahren kann. Die Bischöfe wollten, ganz wie das Konzil, eine Kirche klerikalen Typs überwinden hin zu einer christlichen Gemeinschaft, in der gebildete Laien ihre materielle, spirituelle und apostolische Verantwortung in Zusammenarbeit mit den Priestern, den Ordensmännern und -frauen übernehmen. Die christlichen Gemeinden haben diesen Aufruf positiv aufgenommen. Sie haben Antworten überlegt und eingesandt, die dann Gegenstand einer landesweiten Zusammenfassung (November 1976) wurden. In diesen Antworten haben die Gemeinden das Bild der afrikanischen Familie als Bild für die Kirche vorgeschlagen. Nachdem sie die Antworten der Bistümer erhalten hatten, haben die Bischöfe 1977 ihren historischen Hirtenbrief verfasst. Er trägt den Titel Message pascal: Options fondamentales pour un nouveau départ (»Österliche Botschaft: Grundlegende Optionen für einen neuen Anfang«). Dieser Brief hat die Kirche als Familie Gottes als Modell der Kirche in Obervolta begründet, deren ursprüngliche Ausdrucksform die christliche Basisgemeinde (Communauté Chrétienne de Base, CCB) geworden ist. Nach diesem pastoralen Impuls, den die Bischöfe in dieser österlichen Botschaft 1977 gegeben haben, hat jedes Bistum das Modell »Kirche als Familie Gottes« als seine Grundausrichtung übernommen. Heute hat die gesamte Kirche Afrikas dieses Modell der Kirche angenommen; Anlass war die erste Afrikasynode 1994 in Rom, wie das nachsynodale apostolische Schreiben Ecclesia in Africa aus dem Jahr 1995 belegt (vgl. Ecclesia in Africa 63).

Vor der Einführung von grundlegenden Optionen gab es schon in mehreren Bereichen große Errungenschaften. Zum Beispiel in der Liturgie: Der Stil der Liturgie hat sich seit dem Konzil geändert, etwa durch die Verwendung lokaler Sprachen, die Einführung verschiedener Musikinstrumente (Tam-Tam, Balafon, Flöten, Trommeln etc.), die Herstellung liturgischer Kleidung und liturgischer Gefäße aus lokalen Materialien. Bestimmte Teile der Messe werden durch Prozessionen oder durch Tanz besonders gestaltet und hervorgehoben. Es wurden bestimmte liturgische Haltungen aufgenommen, die unserem Umfeld entsprechen, zum Beispiel das Hören des Evangeliums im Sitzen als Ausdruck des Respekts, der Bereitschaft und der besonderen Aufmerksamkeit für das Wort Gottes.

Aus dem Gedanken der Kirche als Familie Gottes heraus werden bei den Priesterweihen und den Ordensgelübden häufig die Eltern der Anwärter und Verantwortliche aus den christlichen Gemeinden miteinbezogen. Sie nehmen teil an der Verpflichtung ihres Sohnes oder ihrer Tochter, indem sie ihr Kind begleiten oder Zeugnis über es ablegen. Die Rituale der Ordenseintritte sind oft von traditionellen Heiratsriten inspiriert. Auch hat man versucht, traditionelle Bestattungsformen zu übertragen, um so die christlichen Bestattungsfeiern zu bereichern. Auf ähnliche Weise ist die traditionelle Initiation zur Quelle der Erneuerung und Vertiefung des Taufritus geworden. Man könnte auch die Architektur einiger Kirchen wie derjenigen in Po, Boni, Fada oder Koumi- Village anführen. Die Form dieser Kirchen ist gemäß ihrem kulturellen Umfeld gestaltet worden. Es gibt auch Tabernakel, afrikanische Statuen Marias oder des verherrlichten Christus, zum Beispiel in der Gemeinde Saint Joseph Mukassa in Koudougou oder im Priesterseminar von Koumi.

Im Bereich der Katechese hat es verschiedene Forschungen und Ansätze gegeben, die dazu geführt haben, dass Programme für unterschiedliche Niveaus entwickelt wurden. In den Bistümern, in denen Mòoré gesprochen wird, ist die Katechese von Robert Ouedraogo Krista Roagdba ein bleibender Bezugspunkt. Das Interesse an der Inkulturation spiegelt sich auch in der Forschung wider. Schaut man sich die Titel der verschiedenen Magister- und Doktorarbeiten an, die in unseren Seminaren und an den katholischen Universitäten erstellt wurden (Koumi, Saint Jean, L’université catholique de l’Afrique de l’Ouest/UCAO), erkennt man unschwer das Anliegen der Inkulturation: Es geht um Bestattungen, Hochzeiten, Gesänge, traditionelle Mediationen und Ähnliches.

Der sozioökonomische Aspekt wurde erst relativ spät zu einem Anliegen unserer lokalen Kirche. Sie hat sich zuerst auf sozioökonomische Verbesserungen zu Gunsten armer Bevölkerungsgruppen konzentriert und weniger an die Konsolidierung ihrer eigenen Strukturen gedacht. Es muss auch gesagt werden, dass eine gewisse »katholische« Auffassung von Geld und Reichtum die katholischen Christen nicht immer dazu ermutigt hat, sich ernsthaft um materielle und finanzielle Güter zu bemühen. Die Frage nach eigenverantwortlicher Verwaltung ist heutzutage eine ganz entscheidende Frage geworden.

Sonntagsgottesdienst in dem kleinen Dorf Balga bei Fada N’Gourma. Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist so groß, dass die Messe im Freien vor der Kirche unter Bäumen stattfindet.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Die Nationalsynode im Jahr 1999

Nach der Afrikasynode von 1994 und im Rahmen der Vorbereitung auf das Jubiläum des Jahrs 2000 hat die Kirche von Burkina Faso eine Nationalsynode einberufen, um die Umsetzung des Projekts der Kirche als Familie Gottes zu beurteilen, die vor 23 Jahren bei der 75-Jahr-Feier auf den Weg gebracht worden war, und um den Weg für ihre Sendung und die Evangelisierung im 3. Jahrtausend zu bereiten. Der nationalen Versammlung gingen Diözesansynoden in den zwölf verschiedenen Diözesen voraus, die damals zur Bischofskonferenz gehörten. Die Nationalsynode wurde vom 22. bis zum 28. November 1999 in Ouagadougou abgehalten. Im Anschluss an die Synode wurden am 21. Januar 2001 postsynodale pastorale Weisungen in einem Dokument mit dem Titel Eglise-famille de Dieu ferment d’un monde nouveau (»Kirche als Familie Gottes – Nährboden einer neuen Welt«) veröffentlicht.

Diese Synode bot die Möglichkeit, alle Probleme zu erörtern, vor denen unsere nationale Kirche steht, und Reflexions- und Lösungsansätze zu entwickeln. Vor allem hat die Synode sich mit dem Umsetzungsgrad des Projekts einer Kirche als Familie Gottes in Burkina auseinandergesetzt. Die Synode hat die riesige Arbeit der Missionare anerkannt und begrüßt. Sie hat die Richtigkeit der Option für ein Kirchenmodell bestätigt, das unser Leben als lokale Kirche revolutioniert hat und als Modell von allen Kirchen des Kontinents übernommen wurde, ist aber auch auf die Schwächen, die Niederlagen und die Herausforderungen eingegangen, vor denen unsere nationale Kirche steht.

Mehrere Schwierigkeiten sind bei der Verfolgung der Ideale und Ziele der Kirche als Familie Gottes aufgetreten. Diese lassen sich in vier Hauptpunkte zusammenfassen.

1. Der Zerfall der christlichen Basisgemeinden, der vornehmlich auf einen Mangel an Unterstützung, Bildung und Vertiefung des Glaubens der Mitglieder zurückzuführen ist. Dies hat selbstverständlich zu einem Rückgang des Engagements der Christen geführt.

2. Ein Fortbestehen der heidnischen Mentalität innerhalb der christlichen Gemeinden.

3. Die unzureichende tatsächliche Beteiligung der Priester und Ordensleute sowie der Klerikalismus und die autoritäre Einstellung der verantwortlichen Laien in den Gemeinschaften.

4. Der Mangel an adäquaten finanziellen Ressourcen, um die Basisgemeinden und ihre Aktivitäten am Leben zu halten.

Im Laufe der Zeit, in der die Pfarrer keine erneuten Anstrengungen unternommen haben, die verantwortlichen Laien der christlichen Basisgemeinden zu unterstützen und anzuleiten, haben viele dieser Gemeinschaften ihre Dynamik und ihre Wirksamkeit verloren. Die anfängliche Begeisterung ist verflogen und die Gemeinschaften lösten sich nach und nach auf. In diesen Gemeinschaften, in denen der Glaubenseifer zurückgegangen ist, zeigen sich nun erneut die alten Dämonen. Verwandtschaftliche Beziehungen und persönliche Affinitäten haben wieder Vorrang vor geschwisterlichen Beziehungen und den Interessen der Gemeinschaft. Althergebrachte Einstellungen tauchen wieder auf und führen zu einer mangelnden Achtung bestimmter Personengruppen wie Frauen und Kindern. Die wirtschaftliche und finanzielle Situation verschiedener Diözesen und kirchlicher Institutionen ist weiterhin besorgniserregend. Die Frage der Selbstverantwortung wie auch die nach einem besseren Einsatz der menschlichen, materiellen und finanziellen Ressourcen unserer Institutionen stellt sich mit Dringlichkeit.

Angesichts dieser Schwächen und Grenzen, die das Gesicht der Kirche Burkina Fasos entstellen, und angesichts der vielen Herausforderungen haben die Bischöfe das Christenvolk gedrängt, aus der Kirche als Familie Gottes den Nährboden einer neuen Welt zu machen, indem sie sich der eigentlichen Mission der Kirche verschreiben, die darin besteht, das Schicksal der Welt zu teilen und sie in eine Familie Gottes zu verwandeln und sich in den Dienst an der Welt zu stellen. Zuerst wurde die Notwendigkeit der Bildung erneut betont. Dann haben die Bischöfe die Christen eingeladen, den wahren Geist der Familie zu kultivieren, der von einem wahren Gefühl der Zugehörigkeit und Abhängigkeit geprägt sein muss; ein Leben der Brüderlichkeit, das anderen gegenüber offen ist und Unterschiede akzeptiert; und ein Leben wirklicher Solidarität, in dem man sich gegenseitig in den jeweiligen Nöten und Prüfungen unterstützt. Werden diese Tugenden des Familienlebens in einem christlichen Geist angenommen, tragen sie sicherlich dazu bei, das Leben in den christlichen Basisgemeinden wiederzubeleben.

Seelsorger und gläubige Laien wurden aufgerufen, eine Symbiose von Leben und Handeln innerhalb der christlichen Gemeinden und Pfarreien zu entwickeln. Gegenseitige Information und Abstimmung, das Teilen von Verantwortung und der Geist des Dienstes müssen in den gegenseitigen Beziehungen den Vorrang haben. Zu diesen Forderungen ist noch ein Mentalitäts- und Verhaltenswandel hinzuzufügen, besonders im Hinblick auf die gleiche Würde aller Getauften unabhängig von ihrem Stand oder ihren Lebensbedingungen.

Die Bischöfe haben das christliche Volk aufgerufen, das Werk der Evangelisierung, welches die Missionare unternommen haben, mit seinen eigenen Möglichkeiten, Mitteln und Methoden fortzuführen und dabei die materiellen und sozialen Bedingungen, denen es unterworfen ist, zu akzeptieren und zu überwinden: Armut, Distanzen, Kommunikationsschwierigkeiten, Vielfalt der Ethnien und Sprachen.

In der Linie der Missionare, die vom ersten Moment an Werke zur Förderung des Menschen, zur Befreiung und zur Entwicklung organisiert haben – in den Bereichen Gesundheit, Landwirtschaft, Wasserwirtschaft, Bildung und berufliche Ausbildung –, haben die Bischöfe das christliche Volk aufgerufen, diese sozialpastorale Arbeit fortzusetzen. Denn »die Evangelisierung muss jene Initiativen fördern, die dazu beitragen, den Menschen in seiner geistigen und materiellen Existenz zur Entfaltung zu bringen und zu adeln« (Ecclesia in Africa 70). Sie ist die Aktualisierung und die Ankunft des Reichs Gottes im soziopolitischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bereich der Menschen, die es willkommen heißen (vgl. Postsynodale pastorale Weisungen, 31). Die Schaffung von OCADES-CARITAS BURKINA (Organisation Catholique pour le Développement et la Solidarité – Katholische Organisation für Entwicklung und Solidarität) trägt diesem Anliegen Rechnung.

Ein Affenbrotbaum – Baobab – bei Namoungou in der Diözese Fada N’Gourma. Der Affenbrotbaum mit seinen markanten Ästen prägt weite Teile der afrikanischen Landschaft. Der Legende nach riss der Teufel den Baum heraus und steckte ihn verkehrt herum wieder in die Erde.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Im selben Zug hatte die Schaffung der Commission Justice et Paix (Kommission Gerechtigkeit und Frieden) auf nationaler und diözesaner Ebene das Ziel, Gerechtigkeit und Frieden zu fördern, indem die Gewissen geweckt und gebildet sowie Aktivitäten zur Verteidigung der Menschenrechte angestoßen werden. Insbesondere wurden gläubige Laien dringend aufgefordert, sich im politischen Leben zu engagieren und den Geist des Gemeinwohls durch konsequentes und verantwortliches Engagement zu fördern.

Angesichts der Defizite, vor denen unsere nationale Kirche und die Kirchen Afrikas stehen, stellt sich uns eine schwierige und dringende Aufgabe. Wir müssen eine neue Form der Verkündung des Evangeliums andenken und finden, eine Evangelisierung, die ohne Umschweife die zahllosen Probleme angeht, die uns und ganz Afrika bedrängen. Hierzu bedarf es Kreativität und Mut, die zu einer wahren Befreiung unserer selbst und unserer Kirchen führen werden. Diese neue Evangelisierung wird unter dem Zeichen des Dialogs zwischen dem Glauben und der Kultur oder den Kulturen stattfinden. Es gilt, nicht mehr zu versuchen, eine Kirche auf der Grundlage eines Modells zu gründen, das von irgendwoher kommt, sondern eine Kirche, die von der gegenwärtigen Situation unserer Gesellschaften und unseres Kontinents ausgeht.

ANATOLE TIENDRÉBÉOGO,
s.t.d. Hochschulpfarrer in Ouagadougou

Ausgabe 3/2017

ANMERKUNGEN

1 David Bosch, Transforming Mission: Paradigm Shifts in Theology of Mission, New York: Orbis Books 1991, 274.
2 Vgl. Papst Paul VI. in seiner Erklärung Africae Terrarum vom 29. Oktober 1967, wiederaufgenommen 1969 in Kampala.
3 Der französische Ausdruck lautet »Eglise-Famille de Dieu«, hier und im Folgenden übersetzt als »Kirche als Familie Gottes« (Anm. d. Red.).

Gratis-Ausgaben

Ich möchte Forum Weltkirche mit 2 Gratis-Ausgaben kennen lernen.

/ Bestellen bei HerderShop24