Die Zukunft des Landes Die Situation der Jugend in Burkina Faso corner

Die Zukunft des Landes

Die Situation der Jugend in Burkina Faso

von EMANUEL SAWADOGO

Burkina Faso ist ein junges Land. Ein sehr junges Land. Etwa die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 17 Jahre. Die Kinder und Jugendlichen sind die Zukunft ihres Landes. Aber finden sie in ihrem Land eine Zukunft?

Schülerin im Mathematikunterricht an der katholischen Schule der Erzdiözese Koupela.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Burkina Faso ist wirtschaftlich gesehen eines der ärmsten Länder der Welt. Trotz eines wirtschaftlichen Wachstums von circa fünf Prozent müssen heute noch 44,8 Prozent der Gesamtbevölkerung mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen. Im Human Development Index 2015 liegt das Land auf Rang 183 von 188 Ländern weltweit. Burkina Faso ist ein Binnenstaat, der eine Gesamtfläche von 274.200 kmin der Sahelzone von Westafrika umfasst. Der Name des Landes »Burkina Faso«, das bis 1984 Obervolta hieß, bedeutet übersetzt »Land der aufrechten Menschen« oder »Vaterland der Gerechtigkeit«. Die Einwohner werden sowohl im Singular als auch im Plural als »Burkinabé« bezeichnet.

Die Gesamtbevölkerungszahl Burkina Fasos wurde für 2015 vom Nationalen Statistischen Amt (Institut National de la Statistique et de la Démographie, INSD) auf 18.105.000 geschätzt. Die Bevölkerungsverteilung innerhalb des Landes ist gekennzeichnet durch eine sehr differenzierte Population mit circa 70 unterschiedlichen Stammesgruppen, die sich aus geschichtlichen Gründen sprachlich nicht verständigen können. So muss im öffentlichen Leben und Bildungswesen über eine fremde Sprache – Französisch – kommuniziert werden. Die Bevölkerung betreibt überwiegend Subsistenzwirtschaft. Rund 80 Prozent der Gesamtbevölkerung leben von der Landwirtschaft, von Ackerbau und Viehhaltung. Die Lebenserwartung ist mit etwa 50 Jahren sehr niedrig.

Mit einem durchschnittlichen Wachstum von 3,1 Prozent pro Jahr wächst die Bevölkerung rasant. Von 4.432.600 im Jahr 1960, in dem das Land von der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich unabhängig wurde, ist die Gesamtbevölkerung auf rund 19 Millionen gestiegen, das heißt, sie hat sich in 55 Jahren vervierfacht. Die Gesamtbevölkerung ist durchschnittlich sehr jung. 46 Prozent der Burkinabé sind jünger als 15 Jahre und nur 3 Prozent sind älter als 65 Jahre. Diese demografische Situation bietet sicherlich große Chancen für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes, aber sie stellt die vielen ungebildeten jungen Menschen vor erhebliche Probleme. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Bevölkerung sehr jung, sogar zu jung ist, bekommt die Thematik eine besondere Brisanz.1

Die Situation der jungen Menschen in Burkina Faso

Die Jugend bildet die Hälfte der Weltbevölkerung. Nach einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisationleben 90 Prozent dieser jungenMenschen nicht in den Industrieländern, sondern in den Entwicklungsländern, in denen tiefgreifende Armut sowie ein großer Mangel an Grundbildung, an Ausbildung und festen Arbeitsplätzen herrschen. Das Land Burkina Faso spiegelt diese weltweite Situation der Jugend wieder. Ca. 80 Prozent der Gesamtbevölkerung leben auf dem Land. Dabei darf man nicht vergessen, dass jeder zweite Burkinabé jünger als 15 Jahre ist. Doch dieser große Anteil der Jugend hat entweder keine Schule besucht oder die Schule nicht abgeschlossen.

Es ist schwierig, von der Situation der Jugend in Burkina Faso allgemein zu sprechen. Denn dieser große Anteil der Jugend ist nicht homogen, sondern umfasst verschiedene soziale Gruppen mit vielen Facetten und Sorgen. Das Hauptproblem besteht darin, dass jede Jugendgruppe mit ihren spezifischen Fragen konfrontiert ist. Die Jugend in Burkina Faso hat viele Gesichter, zum Beispiel die ländliche Jugend, die städtische Jugend, die eingeschulte Jugend, die weibliche Jugend, die Behinderten und die Straßenjugend. Jede Jugendgruppe wird von ihren ganz spezifischen Problemen gekennzeichnet.

Schülerinnen und Schüler in der Diözese Kaya im Norden von Burkina Faso.
FOTO: EMANUEL SAWADOGO

Die Jugend hat viele Gesichter

Die ländliche Jugend bildet zahlenmäßig einen wichtigen Anteil der Gesamtjugendgruppe. Auf dem Land ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung jünger als 35 Jahre. Doch diese vielen jungen Menschen sind ungebildet, weil sie aus Gründen tiefgreifender Armut keine Schule besuchen können. Laut Gesetzgebungbesteht für alle Kinder in Burkina Faso zwischen dem 6. und 16. Lebensjahr Schulpflicht, wobei der Schulbesuch normalerweise kostenlos ist. Die Realität aber sieht anders aus, weil der burkinische Staat nicht über genügend Schulen verfügt. Trotz vieler Schulreformen und großer Investitionen im Bildungsbereich ist das Bildungssystem Burkina Fasos äußerst ungenügend. 24 Prozent des nationalen Budgets wurden vom Staat nur für den Sektor der Grundbildung ausgegebe, trotz eines geringen nationalen Gesamtbudgets und weiteren vernachlässigten sozialen Bereichen, wie beispielsweise der fehlenden Grundgesundheitsversorgung, großen Umweltproblemen, schlechter Infrastruktur und chronischer Arbeitslosigkeit.

Noch immer ist die Einschulungsrate in den Grundschulen sehr niedrig. In den Städten besuchen 52 Prozent der Jungen und 42 Prozent der Mädchen eine Schule. Die Einschulungsrate auf dem Land, wo circa 80 Prozent der Gesamtbevölkerung leben, ist noch niedriger. In manchen Gebieten, zum Beispiel im Norden des Landes, wo ich als Diözesanschulleiter im Einsatz bin, liegt die Einschulungsrate in den Dörfern bei drei Prozent. Die Hauptsorgen der ländlichen Jugend sind Unterbeschäftigung, eine sehr hohe Arbeitslosigkeit mit steigender Tendenz, die Flucht in die Goldminen auf der Suche nach Geld für bessere Lebensbedingungen etc. Diese Situation hat sich seit Beginn der 1990er Jahre durch die Einführung der Strukturanpassungsprogramme der Weltbank sehr verschlechtert. Die schwerwiegenden Folgen daraus lauten: Ausschluss von den Anbauflächen, Unsicherheit beim Grundeigentum, Analphabetismus, Landflucht, Auswanderungsströme in die westlichen Industrieländer, Volkskrankheiten, Mangel an Ausbildung, Kommerzialisierungs- und Absatzschwierigkeiten der landwirtschaftlichen Produkte, Mangel an wasserwirtschaftlichen Bauprojekten, Unzulänglichkeit der Produktionsmittel, Verarbeitungs- und Erhaltungsschwierigkeiten der landwirtschaftlichen Produkte, Ausbreitung von Infektionskrankheiten wie Aids etc.

Die städtische Jugend setzt sich aus den Jugendlichen zusammen, die in den Städten geboren wurden oder deren Eltern vom Land in die Stadt geflohen sind; letztere bilden den Großteil. Sie werden mit denselben Problemen wie die ländliche Jugend konfrontiert. Hauptsächlich kämpfen sie mit folgenden Problemen: Arbeitslosigkeit, Jugendkriminalität, Mangel an Berufsausbildung, Analphabetismus, Infektion mit HIV/Aids, Krankheiten, negative Wirkungen der Medien etc.

Die schulische Jugend umfasst die ländliche und die städtische Jugend, die eine weiterführende Schule, eine Fachhochschule oder eine Universität besuchen. In den Städten liegt die Einschulungsrate in den Grundschulen bei 66,5 Prozent (71 Prozent bei den Jungen, 61,2 Prozent bei den Mädchen). In den weiterführenden Schulen liegt sie bei 17,7 Prozent (20,8 Prozent bei den Jungen, 14,6 Prozent bei den Mädchen). In den Universitäten und in den Fachhochschulen ist die Quote mit 2,22 Prozent noch niedriger (3,51 Prozent bei den Studenten, 1,22 Prozent bei den Studentinnen).

Die eingeschulte Jugend in den Grundschulen ist mit folgenden Problemen konfrontiert: eine in qualitativer und quantitativer Hinsicht mangelhafte Infrastruktur, Mangel an pädagogischem und didaktischem Lehrmaterial, fehlende Schulkantinen hauptsächlich in den ländlichen Schulen, wo die Not am größten ist; Missverhältnis zwischen Schul-, Ausbildungs- und Arbeitsplätzen, Tabakkonsum, Sittenverfall etc.

Die Studenten hingegen kämpfen mit folgenden Problemen: qualitativ und quantitativ mangelhafte Infrastruktur (Hörsäle, Labore, Bibliotheken); knappe finanzielle Mittel, Mangel an qualifizierten Professoren, an Stipendien und an Kantinen, unsicheres Angebot an guten Arbeitsplätzen, Verlust von traditionellen Werten etc.

All diese Probleme beeinträchtigen die Leistung der Studenten sowie die Qualität der Vorlesungen und führen dazu, dass sie schlechte Schulergebnisse erzielen.

Die weibliche Jugend. Die Frauen in Burkina Faso machen 52 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Die weiblichen Jugendlichen sind von denselben Problemen wie die anderen Jugendgruppen betroffen. Man muss jedoch unterstreichen, dass sie zusätzlich mit spezifischen Problemen kämpfen: niedriger sozialer Status von Frauen im Vergleich zu Männern, niedrige Einschulungs- und Alphabetisierungsrate von Frauen, die Zunahme von Aidserkrankungen, Beschneidung, Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt und in Verantwortungspositionen, frühzeitige Eheschließungen (unter 20 Jahren), ungewollte Schwangerschaften und der Ausschluss aus den Familien, Armut und Prostitution, Verlust von traditionellen und Familienwerten etc.

Die Behinderten. Es gibt unter den Jugendlichen in Burkina Faso viele, die mit einer angeborenen Behinderung oder einem Handicap leben müssen, dass sie sich später zugezogen haben. Sie werden häufig mit folgenden Problemen konfrontiert: Ausgrenzung und sozialer Ausschluss an den Schulen, Mangel an entsprechenden Facheinrichtungen, die hohen Kosten dieser Behindertenzentren, Mangel an Ausbildung, Diskriminierung etc.

Zur Straßenjugend zählen die Jugendlichen, die unter 18 Jahre alt sind und ohne Familienbindung auf der Straße leben. Sie sind von folgenden Problemen betroffen: Betteln, Jugendkriminalität, Drogen, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung etc.

In einer Schule in der Diözese Kaya im Norden Burkina Fasos müssen die Schüler hinter den knappen Schulbänken zusammenrücken.
FOTO: EMANUEL SAWADOGO

Auf der Suche nach Lösungen

Es ist den Verantwortlichen im Staat Burkina Faso absolut bewusst, dass man in einem Land, in dem es so viele große und brisante Probleme gibt, auf der Suche nach Lösungen Prioritäten setzen muss. Dabei kommt der Bildung als erstem Schritt zu einer nachhaltigen Lösung eine Schlüsselrolle zu. Denn jedes zweite Kind in Burkina Faso bricht die Grundschule vorzeitig ab. Die schlimme Folge davon ist, im Teufelskreis der Armut gefangen zu bleiben.

Nach Aussage der Weltbank (2012) ist die dringendste Herausforderung die Schaffung von Arbeitsplätzen, um das schwankende Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Dafür hat der Staat seit dem Jahr 2000 mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft eine neue Politik zur Förderung der Jugend sowie entsprechende Ziele und Einrichtungen eingeführt.

Dabei lautet die Vision: Der Staat hat die Jugend als größten Anteil der Gesamtbevölkerung, als Kernpunkt und wichtigsten Faktor wahrgenommen und infolgedessen in den Mittelpunkt der nationalen Entwicklung gestellt. Die Jugend Burkina Fasos soll durch konkrete Ziele und Aktionen verantwortlicher, kreativer und dynamischer werden und so zur Entwicklung des ganzen Landes beitragen. Diese Vision für die Jugend bildet die Grundlage für die politische Stabilität, den Frieden zwischen den unterschiedlichen Stammesgruppen sowie eine bessere und nachhaltige Entwicklung des Landes.

Das Hauptziel der Jugendpolitik Burkina Fasos ist die Verbesserung der allgemeinen Situation der Jugend. Darin sollen die Jugendlichen sowohl Hauptakteure als auch Empfänger sein. Die konkreten Ziele lauten:

  • Verbesserung der allgemeinen Situation der Jugend;
  • Sicherung des Jugendschutzes;
  • Förderung des staatsbürgerlichen Pflichtgefühls und des Patriotismus;
  • Teilnahme der Jugend am nationalen Entwicklungsprozess.

Damit diese Ziele verwirklicht werden können, hat der Staat entsprechende Einrichtungen ins Leben gerufen, so beispielsweise am 6. Januar 2006 Le Ministère de la Jeunesse et de l’Emploi, das Arbeits- und Jugendministerium. Dieses Ministerium hat mehr als 20 Projekte und Pläne zur Verbesserung der Lage der Jugend konzipiert. Einer davon ist Le cadre stratégique de lutte contre la pauvreté (CSLP), der strategische Rahmen zur Bekämpfung der Armut. Dabei wurden mit Hilfe einer neuen Politik mit Mikrokrediten Arbeitsplätze für 500.000 Jugendliche geschaffen.

Bei seinem Besuch hat der Schuldirektor der Diözese Kaya, Emanuel Sawadogo, der Autor dieses Beitrags, Kugelschreiber für die Schüler mitgebracht.
FOTO: EMANUEL SAWADOGO

Herausforderungen für die nachhaltige Entwicklung

Trotz all dieser Bemühungen um die Jugend auf nationaler Ebene gibt es heute immer noch neue Herausforderungen für eine nachhaltige Entwicklung des Landes. Eine brennende Frage dabei ist der Orientierungsverlust durch den Kontakt mit den fremden Kulturen. Denn die Jugend Burkina Fasos steckt heute aufgrund der fremden Einflüsse westlicher Kulturen in einem Zwiespalt zwischen Tradition und Moderne.

In Burkina Faso, ebenso wie in vielen anderen afrikanischen Ländern, findet der Schulunterricht immer noch in einer fremden Sprache statt. Für die meisten Schulkinder beginnt mit 7 Jahren die Schule in Französisch, obwohl die Eltern Analphabeten sind. Trotz vieler Schulreformen entfremdet das Bildungssystem auch heute noch die Schulkinder von ihrer angestammten Lebensweise. Dies hat zu Spaltungen zwischen den Eltern und ihren Schulkindern geführt, zu Unsicherheiten und misslungener Integration in die Gesellschaft. Indirekte Folgen davon sind Landflucht, Auswanderungsströme in die Industrieländer in der Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen und Studienmöglichkeiten.

Darüber hinaus ist die Lage der Schulen in Burkina Faso allgemein sehr problematisch. Deswegen müssen sie als Hauptschlüssel der nachhaltigen Entwicklung berücksichtigt werden. Die Schulen sind von der desolaten Lage im Erziehungswesen der westafrikanischen Länder direkt betroffen: überfüllte Klassen, fehlende Lern- und Lehrmittel, alte Schulbänke, an denen sich teilweise vier Kinder drängen, überforderte Lehrer, zunehmende Schulabbrecherquote, schlechte Schulergebnisse, aussichtlose Zukunft nach dem Schulabschluss etc.

Die Schule als formeller Bildungsort ist aus historischen und sozioökonomischen Gründen trotz mehrerer Bildungsreformen nicht mehr in der Lage, die Bedürfnisse der Jugend in Burkina Faso zu befriedigen. Infolgedessen wenden sich viele Jugendlichen an die informelle Bildung als Alternative. Die informelle Bildung bezeichnet jene Bildungsprozesse, die in Lebenszusammenhängen außerhalb des formellen Bildungswesens stattfinden. Sie ergänzen die formelle Bildung. Im Gegensatz zu ihr ist die informelle Bildung nicht in Lehrpläne und Unterrichtsformen eingebunden. Dabei kommen die wenig spezifizierten und kaum organisierten erzieherischen Interaktionen an unterschiedlichen Orten ins Spiel: das alltägliche Leben, der Familienkreis, die Straßen, die Gruppe der gleichaltrigen Jugendlichen (Peergroup), das selbständige Lernen durch Beobachten und Ausprobieren, das selbstgesteuerte Lernen mit Hilfe von computergestützten und Selbstlernprogrammen, Medien (Internet, Handys, Radio) etc. Obwohl die informelle Bildung einen großen Teil der ungebildeten Jugend beschäftigt, ist sie keine gute und nachhaltige Entwicklungsperspektive.

Die Bildungskooperation von Staat und Kirche

Im Jahr 2000 haben der Staat Burkina Faso und die katholische Kirche eine Schulpartnerschaft beschlossen. Zwei Motive waren für die Gründung dieser Partnerschaft ausschlaggebend. Erstens ist es dem Staat trotz der verfassungsmäßigen Schulpflicht und trotz vieler Bemühungen seit der politischen Unabhängigkeit nie gelungen, alle Kinder einzuschulen. Deswegen zeigte der Staat die Bereitschaft zu einer Partnerschaft mit den Zivilakteuren beziehungsweise der Kirche.

Zweitens hat sich auch die Kirche dazu entschlossen, ein eigenes klares Bildungsprojekt zu veröffentlichen und ein neues Schulkonzept für die vielen Jugendlichen ohne Perspektive anzubieten. Dieser Bildungsbeitrag der Kirche hat zwei Hauptgründe.

Gesellschaftspolitische Gründe
In einer demokratischen Gesellschaft kann die Aufgabe der Bildung der heranwachsenden Generation nicht allein dem Staat überlassen bleiben. Infolgedessen sind alle gesellschaftlichen Kräfte aufgerufen, an dieser wichtigen Aufgabe mitzuarbeiten: Parteien, Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Verbände und die Medien. Dieses Grundprinzip gilt für das gesamte Land Burkina Faso und gründet auf der schlechten Bildungslage. Denn 50 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 20 Jahre, und davon sind kaum 20 Prozent eingeschult. Als Teil der Gesellschaft und als einer der zentralen zivilgesellschaftlichen Akteure sollte die Kirche bei dieser Bildungspolitik des Landes nicht abseits stehen, übersteigt doch die Bildungsnachfrage bei weitem das staatliche Schulangebot. Trotz zahlreicher Bemühungen und hoher Geldinvestitionen ist es dem Staat Burkina Faso in seiner Geschichte bislang noch nicht gelungen, der steigenden Bildungsnachfrage nachzukommen. Aus diesem Grunde wurde im Jahr 2000 ein Bildungsvertrag zwischen Staat und katholischer Kirche unterschrieben. Mit dieser Kooperation geht es beiden Akteuren darum, die großen Herausforderungen des Landes im Bildungsbereich anzunehmen. In dieser kooperativen Führung verfolgt auch die Kirche das Ziel, den jungen Menschen des Landes eine breitere und bessere Bildung zu ermöglichen: Kindergärten, Grundschulen, weiterführende Schulen, Berufsschulen, Universitäten etc.

Spezifisch kirchlich-pastorale Gründe
Angesichts des Bildungsdefizits bei einer sehr großen Anzahl junger Menschen will die katholische Kirche in Burkina Faso die befreiende Botschaft des Evangeliums mittels einer guten Bildung erfahrbar machen, was sie als zentrale Aufgabe sieht. Damit übernimmt die katholische Kirche spezifische Aufgaben, die ihre Schulen in der freiheitlichen und pluralistischen Gesellschaft erst rechtfertigen. Daraus resultieren zwei Hauptaufgaben: zum einen, die 68 unterschiedlichen Kulturen des Landes und ihre positiven, aber »aussterbenden« Werte zu erhalten; und zum anderen, diese Werte ausdrücklich zum Gegenstand des Lernens zu machen. Dabei versucht die Kirche, ihren Glauben und die vorhandenen Kulturen durch gute Bildung zu verknüpfen. Das konkrete Ziel dabei ist es, die aussichtslose Situation der Jugend zu verbessern und ihr durch gute Bildung eine Zukunftsperspektive in ihrer Heimat zu geben. In dieser Hinsicht versucht die Kirche in ihrem für alle offenen Bildungsbeitrag eine kulturell verwurzelte Schulpädagogik anzubieten. Mit den offiziellen Lehrplänen hat die Kirche versucht, folgende Elemente in diesem offenen Bildungsbeitrag einzuführen: eine kollektive Erziehung, eine Erziehung zur Solidarität, eine lebens- und praxisorienterte Erziehung, eine subjektorientierte, lebenslange Erziehung etc. Dabei wurden die Bildungsmittel der traditionellen afrikanischen Erziehung und Bildung hinzugezogen: Fabeln und Gedichte, Rätsel, Sprichwörter, Spiele, Initiationsriten etc. Obwohl sie für die Identität der Schüler entscheidend sind, sind diese didaktischen Elemente nicht ausreichend. Der Kontext des Landes mit vielen unterschiedlichen Kulturen und Religionen, die Erwartungen und Bedürfnisse der heutigen Jugendlichen und Schüler müssen ins Spiel kommen. Infolgedessen hat sich die Kirche auf den Weg zu einem integrativen Schulmodell im pluralen Kontext gemacht. Dabei versuchen die offenen katholischen Schulen folgende Elemente zu vermitteln: interkulturelle Bildung und Erziehung, Kompetenzen und Standards interreligiösen Lernens. Damit haben die katholischen Schulen jedes Jahr neben den staatlichen offenen Schulen die besten Schulergebnisse des Landes erzielt.

Ein Junge als Lastenträger auf einem Markt in Fada N’Gourma im Osten von Burkina Faso.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Ausblick

In diesem Beitrag wurde versucht, die Situation der Jugend in Burkina Faso zu schildern. In dieser kurzen Vorstellung tauchten viele Probleme in Bezug auf die Situation der Jugend auf, so dass man versucht sein könnte, pessimistisch zu denken, da die Indikatoren schlecht aussehen. Die Situation der Jugend in Burkina Faso ist tatsächlich perspektivlos. Dabei darf man jedoch nicht pessimistisch, sondern sollte eher optimistisch sein. Denn das Hauptkapital in jedem nachhaltigen Entwicklungsprozess sind nicht die Rohstoffe, sondern das »Humankapital«, das heißt die Menschen selbst.

Es ist eine altbekannte Feststellung, dass in einem rohrstoffarmen Land wie Burkina Faso das Kapital in den Köpfen liegt. Investitionen in die Erziehung und Bildung des gesellschaftlichen Nachwuchses sind für ein Land wie Burkina Faso Investitionen in die eigene Zukunft. Insbesondere die vielen jungen Menschen des Landes bilden die Voraussetzung und die Goldressource für eine gelingende Zukunft.

Dabei ist der Erfolg der katholischen Schulen in Burkina Faso aber nicht an Kriterien kurzfristiger Effizienz zu messen, denn Bildung ist ein komplexer und langer Weg. Eine der wichtigsten Aufgaben der Schule besteht darin, einen relevanten Bildungsbeitrag immer wieder neu zu leisten und dabei mitzuhelfen, dass die vielen Kulturen und Religionen des Landes ohne Auseinandersetzungen koexistieren können.

Dabei spielt die Jugend eine Schlüsselrolle. Trotz der vielen Probleme, die im Laufe dieses Artikels skizziert wurden, darf man die Jugend nicht als Hindernis, sondern eher als einen wichtigen Bestandteil zur Entwicklung des Landes sehen. Trotz aller Herausforderungen steht die Jugend doch für die Gegenwart und die Zukunft des Landes Burkina Faso. Die Jugendlichen in Burkina Faso haben bewiesen, dass man mit ihnen rechnen kann. Ihre Rolle im aktuellen politischen Kontext ist spürbar. Im Oktober 2014 gab es einen Volksaufstand mit einer Übergangsregierung. Danach folgte eine entscheidende Wahl im November 2015. Es ist festzustellen, dass der Einfluss der Jugend, insbesondere im Bereich der soziopolitischen Fragen, deutlich gestiegen ist. Die Jugend in Burkina Faso ist trotz allem die Zukunft des Landes.

EMANUEL SAWADOGO
Direktor des Katholischen Schulwerks in der Diözese Kaya, Burkina Faso

Ausgabe 3/2017

ANMERKUNGEN

1 Ich greife hier unter anderem auf einige Ergebnisse und die Statistik der Studie zurück, mit der ich mich selber als Diözesanschulleiter beschäftigt habe: Emanuel Sawadogo, Der Beitrag der Kirche zur schulischen Bildung in Burkina Faso. Entwicklung eines kirchlichen Schulkonzeptes unter den Bedingungen kultureller Pluralität, Berlin 2016.
2 Organisation Internationale du Tavail (OIT), Tendances mondiales de l’emploi des jeunes 2013. Une génération menacée, Génève 2013, 1.
3 Ministère de la Jeunesse et de l’Emploi, Politique nationale de la jeunesse, Ouagadougou, Août 2008, 19 –25.
4 Ministère des Enseignements Secondaire, Supérieur et de la Recherche Scientifique (MESSRS), Loi d’Orientation de l’Education, Ouagadougou, Juillet 1996, article 2.
5 Ministère des Enseignements Secondaire, Supérieur et de la Recherche Scientifique (MESSRS)/Ministère de l’Enseignement de Base et de l’Alphabétisation de Masse (MEBA) (Hrsg.), Actes des états généraux de l’éducation, 5 –10 Septembre 1994, Ouagadougou 1994, 4.
6 Ministère de la Jeunesse et de l’Emploi, Politique nationale de la jeunesse, Ouagadougou, Août 2008, 21.
7 Vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.), Die bildende Kraft des Religionsunterrichts. Zur Konfessionalität des katholischen Religionsunterrichts, Bonn 27. September 1996, 5. Auflage 2009, 26.
8 Vgl. Stephan Leimgruber, Interreligiöses Lernen, München 2012, 90.

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