Dialog des Lebens, Dialog des Glaubens Die interreligiöse Begegnung in Burkina Faso corner

Dialog des Lebens, Dialog des Glaubens

Die interreligiöse Begegnung in Burkina Faso

von ADRIEN SAWADOGO

Seit religiöser Extremismus und religiös motivierte Gewalt zunehmen und Argwohn zwischen den Anhängern der verschiedenen Weltreligionen hervorrufen, ist der Umgang mit religiöser Vielfalt zu einer weltweiten Herausforderung geworden. Angesichts dieses Phänomens der Gegenwart entstehen viele Initiativen, um den interreligiösen Dialog zu fördern – mit dem Ziel einer pluralistischen Gesellschaft, in der Anhänger verschiedener Religionen ihren jeweiligen Glauben zu gegenseitigem Nutzen leben.

Vor diesem Hintergrund möchte ich in diesem Artikel einige Erfahrungen mit dem interreligiösen Dialog in Burkina Faso mitteilen. Zuerst beschreibe ich die religiöse Landschaft des Landes und das Verhältnis zwischen den Anhängern der vorkommenden Religionen. Danach wende ich mich der Form des Dialogs zu, der in Burkina Faso gelebt wird, indem ich seine Grundlage und die Hindernisse, die ihm entgegenstehen, erläutere. Schließlich frage ich nach der Rolle, die das Institut de Formation Islamo-Chrétienne (I.F.I.C.) für die Förderung des interreligiösen Dialogs in Westafrika spielt.

Die Religionen und ihr Verhältnis untereinander

Die beiden dominierenden Gruppen in der religiösen Landschaft Burkina Fasos sind der Islam, dem etwa 60 Prozent der Bevölkerung anhängen, und das Christentum mit der zweitgrößten Zahl von Gläubigen, die etwa 25 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die drittgrößte, dabei recht kleine Gruppe sind die Anhänger der traditionellen afrikanischen Religion, wenngleich eine nicht bezifferte große Zahl von Christen und Muslimen weiterhin die traditionelle afrikanische Religion praktizieren. Einer meiner Onkel sagte mir einmal: »Mein lieber Sohn, du kannst die Traditionen nicht hinter dir lassen, sie sind unsere Säulen.«

In Burkina Faso leben die Anhänger dieser verschiedenen Religionen miteinander in Harmonie. Es kommt nicht selten vor, dass in einer Familie jede dieser Religionen vertreten ist. Während einer Weiterbildung zum interreligiösen Dialog sagte einmal ein Mann: »Ich bin ein Christ, mein Bruder ist ein Muslim, und unser Vater ist der Vorsteher (chief) des Dorfes, ›er hält das Messer‹. Dennoch gibt es zwischen uns seit jeher einen heiligen Bund.« Dies ist zweifellos die gelebte Realität in Burkina Faso; darin liegt ein kultureller Wert, der der traditionellen afrikanischen Religion heilig ist. Es ist ein Gefühl von Identität, einer sozialen Identität, die über die religiöse Identität hinausgeht. Bevor ich ein Christ oder ein Muslim bin, bin ich ein Mensch, der zu einem Dorf und einer sozialen Gruppe gehört. Diesen gesellschaftlich heiligen Wert haben die traditionellen Autoritäten im Land aufrechterhalten und geschützt. So haben sie die Atmosphäre einer zuverlässigen Gastfreundschaft für andere religiöse Gruppen geschaffen.

Das Ergebnis war und ist, dass diese religiösen Gruppen im Allgemeinen harmonisch zusammengelebt haben, mit allen Unterschieden in ihren Überzeugungen und ihrem Glauben. Religiöse Vielfalt ist so sehr eine gesellschaftliche Realität, dass sich der Staat auf politischer Ebene damit befassen musste.

Dieser natürliche Gesellschaftsvertrag über religiöse Vielfalt findet seinen Ausdruck auch in der burkinischen Verfassung. In der Verfassung von 1997 heißt es in Artikel 31, dass »Burkina Faso ein demokratischer, einheitlicher und säkularer Staat ist«. Außerdem heißt es, dass »Faso die republikanische Form des Staates ist«. Dieser letzte Teil des Artikels bringt kraftvoll zum Ausdruck, was Vorrang hat: »Faso« ist ein Wort, das sich auf die oben beschriebene soziale Identität bezieht; es hat seine Wurzeln in dem heiligen traditionellen Wert der Einheit unserer Menschheit, eine Einheit, die sich um ein gemeinsames Haus und um einen gemeinsamen Ursprung bildet.Deshalb bildet die Verfassung einen politischen Rahmen, der religiöse Vielfalt aufrechterhält und den interreligiösen Dialog begünstigt.

Ansätze und Hindernisse des interreligiösen Dialogs

Vor der Vollversammlung des Päpstlichen Rats für den Interreligiösen Dialog in Rom sagte Papst Johannes Paul II. 1992 über den interreligiösen Dialog: »Der interreligiöse Dialog ist auf tiefster Ebene immer ein Dialog über das Heil (dialogue of salvation). Denn er strebt danach, die Zeichen des jahrhundertelangen Dialogs, den Gott mit der Menschheit führt, zu entdecken, zu erklären und besser zu verstehen.« In Burkina Faso ist die vorrangige Form des interreligiösen Dialogs der Dialog des Lebens. In diesem Dialog vermischen sich die Anhänger der verschiedenen Religionen im Land, sie heiraten untereinander, arbeiten zusammen, feiern zusammen und teilen ihre Sorgen miteinander. Dies ist keine oberflächliche Art des Dialogs, sondern eine sehr persönliche Beziehung, die sich um ein tiefes Verstehen und um Respekt für den anderen bemüht. An einem christlichen Fest beispielsweise wird ein Christ einen muslimischen Verwandten, Nachbar oder Freund rufen, um die für das Fest vorgesehenen Tiere zu schlachten. Dabei handelt es sich ganz und gar nicht um einen leeren Kompromiss. Diese Praxis signalisiert Offenheit für die und Akzeptanz der religiösen Unterschiede. Allerdings wird dieser Dialog des Lebens, dieser sehr alte soziale und politische Rahmen religiöser Vielfalt, durch neue religiöse Ereignisse bedroht.

Das größte Hindernis für den interreligiösen Dialog ist der Aufstieg eines politischen und radikalen Islam und die Ausbreitung des Wahhabismus im Land seit 1999. Es handelt sich um eine Expansion, die von religiösen und politischen Gruppen aus dem arabischen Raum, Asien und Nordafrika gut organisiert und realisiert wird. Ein radikaler Islam und das Aufkommen eines sogenannten religiösen Dschihad haben dem Zusammenhalt der religiösen Vielfalt in Burkina Faso einen herben Schlag versetzt.

Hinter diesem radikalen Islam steht eine junge Generation von Muslimen, die in Ägypten, Algerien und Tunesien ausgebildet wurden. Im Jahr 2013 demonstrierten diese jungen Muslime in ernstzunehmender Weise gegen die etablierten muslimischen Ältesten, weil diese den katholischen Würdenträgern in Ouagadougou einen Höflichkeitsbesuch abgestattet hatten. Aufgrund dieser drohenden und gefährlichen neuen religiösen Verhaltensweisen drängte die Zivilgesellschaft im Jahr 2015 die Interimsregierung, eine klare Position zu beziehen, um die religiöse Vielfalt im Land zu schützen. Daher richtete die Regierung im Januar 2015 eine nationale Beobachtungsstelle für religiöse Handlungen ein. Sie hat die Aufgabe, Toleranz und den interreligiösen Dialog zu fördern. Derzeit gibt es Regierungskonsultationen im Hinblick auf die Errichtung eines Ministeriums für religiöse Angelegenheiten, wie es beispielsweise in Mali schon existiert.

Dieses neue Phänomen hat ans Licht gebracht, dass andere Formen des Dialogs nötig sind, weil religiöser Extremismus eine religiöse Identität in einem ausschließlichen Sinn verlangt. Deshalb ist es notwendig, sowohl den eigenen Glauben zu kennen als auch den Glauben des anderen, der nicht dieselbe religiöse Tradition teilt.

Der Autor des Artikels, Adrien Sawadogo, stammt aus Burkina Faso. Er gehört zur Gesellschaft der Missionare Afrikas und leitet das Institut de Formation Islamo-Chrétienne in Bamako, Mali.
FOTO: STEFAN VOGES

Ein Institut für islamisch-christliche Bildung – für einen tieferen Dialog der Glaubenden

An diesem Punkt setzt das Institut de Formation Islamo- Chrétienne (I.F.I.C.) an.3 Wir bieten ein neunmonatiges Schulungsprogramm für Multiplikatoren im Bereich des interreligiösen Dialogs an. Das Programm hat zwei Schwerpunkte, zum einen den Islam, zum andern die christliche Reflexion der muslimischen Realitäten. Ziel des Programms ist es, Menschen, die in der Pastoral arbeiten – Katholiken und Nichtkatholiken –, grundlegende Informationen über den Islam zu geben und aus christlicher Perspektive über die Wirklichkeit unserer muslimischen Nachbarn nachzudenken. Dadurch soll eine pastorale Haltung entwickelt werden, die hilft, den interreligiösen Dialog in der Region zu fördern und das Böse der Trennung, des Hasses und der Gewalt einzudämmen. Denn ohne Zweifel ist der interreligiöse Dialog in der Region eine dringende Mission geworden. Ich leite Tagungen für verschiedene Gruppen über die drei Religionen, und das positive Ergebnis dieser Kurse drängt die Teilnehmer zu einem langfristigen Engagement im interreligiösen Dialog. Während einer Tagung erzählte ein Mann, der von einer wahhabitischen Gemeinschaft in Ouagadougou isoliert worden war und den diese Erfahrung der Ausgrenzung und Verachtung tief verletzt hatte, dass er geheilt nach Hause zurückkehre und nun gerüstet sei, zwischen seiner Familie und den wahhabitischen Familien in seiner Umgebung Brücken zu bauen. Und – er hat es geschafft. Etwas Ähnliches habe ich in Mali erlebt. Während einer Ausbildungstagung, an der 294 Menschen teilnahmen, stand ein junger Mann auf, um unserem Team zu danken, dass es gerade rechtzeitig gekommen sei, bevor er ein großes Unheil angerichtet habe. Ein Wahhabi, der seine Schwester geheiratet hatte, hatte ihn verletzt. Deshalb konnte er seine Schwester nicht länger besuchen, obwohl er wusste, dass sie unter einer Behandlung litt, die er versklavend nannte. Er sagte, dass die Tagung ihm ein Wissen vermittelt habe, das ihm wiederum ein Gefühl gegeben habe, die Gewohnheit des anderen zu verstehen, und dies habe ihn geheilt. Viele fruchtbare Erfahrungen haben mich dazu gebracht, mich dem interreligiösen Dialog zu verschreiben. Und die Nachfrage nach Tagungen und Kursen wächst. Gerade denken wir darüber nach, Ausbilder und Förderer des interreligiösen Dialogs mit denen zu vernetzen, die am I.F.I.C. ausgebildet wurden.

Wir werden derzeit Zeugen eines neuen, wachsenden Phänomens, das Pascal Verbèke in einem seiner Artikel heraufbeschworen hat, wenn er vom Dialog zwischen Glaubenden und nicht zwischen Religionen gesprochen hat.4 Ich habe gelernt, dass ein wahrer und tiefer Dialog aus einer aufrichtigen und respektvollen Begegnung zwischen Glaubenden entsteht. Er geschieht in jenem Geist der Loslösung (detachment), der unseren Glauben freisetzt, lebendig und beweglich macht, ganz so, wie es Jesus getan hat, woran uns Paulus im Brief an die Philipper (2,7) erinnert: »Er entäußerte sich« (Kenosis), damit wir an seiner Göttlichkeit Anteil haben. Ich habe gelernt, die von Papst Franziskus erwähnte Einstellung anzunehmen, dass wir von der Wahrheit gehalten werden sollen und nicht anders herum. Dann werden wir alle als Glaubende Gott Gott sein lassen und uns vom ihm zum Licht des Lebens führen lassen. Ich weiß, dass dies das tiefste Verlangen der Menschen in Burkina Faso ist, eine friedliche Welt, errichtet auf der Gemeinschaft der Glaubenden.

ADRIEN SAWADOGO MAFR
Direktor des Institut de Formation Islamo-Chrétienne in Bamako, Mali

Ausgabe 3/2017

ANMERKUNGEN

1 Die Formulierung »Er hält das Messer« (»He holds the knife«) bringt zum Ausdruck, dass die Person ein Priester (minister) der traditionellen Religion ist.
2 Das Wort »Faso« stammt aus der Sprache Dioula und bedeutet »Land der Väter«, »Mutterland«, »Heimat«. »Burkina« stammt aus der Sprache Moore und bedeutet »ehrenhaft« oder »aufrecht«. (Anm. d. Red.)
3 Das Institut de Formation Islamo-Chrétienne ist eine Einrichtung der Gesellschaft der Missionare von Afrika mit Sitz in Bamako. (Anm. d. Red.)
4 François-Xavier Guiblin, «Vivre en pays musulman, défi de la rencontre de l’autre», Cahiers de l’Atelier 531 (2011) 118.

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