Länderbericht NIGERIA corner

Ist die Kirche verloren?

Die katholische Kirche Nigerias in den Wirren des Terrorismus

RAYMOND OLUSESAN AINA MSP

Kinder spielen in einer Häuserruine in Jos. In der Stadt in Zentralnigeria kommt es aufgrund politischer Spannungen immer wieder zu Unruhen.
FOTO: MISSIO

Im Ausland hört man dieser Tage viele Meldungen über terroristische Anschläge von Boko Haram in Nigeria. Gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Nomaden und Ackerbauern beherrschen die Schlagzeilen. Die Interpretation dieser Übergriffe läuft häufig auf die Annahme hinaus, die Christen und ihre Religion in Nigeria seien gefährdet. Aber wie ist es um die katholische Kirche in Nigeria wirklich bestellt? Sind die Christen im Land eine ›gefährdete Spezies‹?

Der Katholizismus in Nigeria ist gleichermaßen alt und neu. Alt ist er, weil die ersten katholischen Missionare bereits im 15. Jahrhundert (1472) ins Land kamen. Es waren portugiesische Priester im Schlepptau portugiesischer Händler, die ins Königreich Benin zogen, um Handel zu treiben. Es mag paradox klingen, aber als lebendiger Ausdruck des Glaubens ist der Katholizismus gleichzeitig neu, weil dieser lebendige Ausdruck auf die Missionstätigkeit im 19. Jahrhundert zurückgeht. Die Erstevangelisierung hinterließ keine Spuren in Nigeria.Die Entwicklung des Katholizismus in Nigeria in den vergangenen 100 Jahren ist jedoch wirklich beeindruckend. Trotz seiner relativ kurzen Präsenz gibt es in Afrika lediglich in der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) mehr Katholiken als in Nigeria. Bei einer Gesamtbevölkerung von rund 59,3 Millionen und 29,5 Millionen Katholiken machen die Katholiken dort knapp die Hälfte der Bevölkerung aus.In Nigeria leben 158.089.957 Menschen. 25.758.098 von ihnen und damit 16,29 Prozent der Gesamtbevölkerung sind römisch-katholisch.

Bezogen auf die Stärke und institutionelle Kapazität der katholischen Kirche in diesen Ländern – DR Kongo (relativ alt) und Nigeria (relativ jung) – ist der Unterschied gar nicht so groß. In der DR Kongo gibt es 47 Diözesen, in Nigeria 55. Die DR Kongo hat 2671 Diözesanpriester, Nigeria 5176. Was die Ordenspriester angeht, liegt die DR Kongo mit 1635 deutlich vor Nigeria mit seinen 983. Insgesamt dienen in der DR Kongo 4306 und in Nigeria 6159 Priester. In Nigeria gibt es vier ständige Diakone, in der DR Kongo gar keine. In der DR Kongo gibt es 3649 Ordensbrüder und 7883 Ordensschwestern. In Nigeria sind es 3058 Ordensbrüder und 5271 Ordensschwestern. Alle diese Geistlichen dienen dem Volk Gottes in der DR Kongo in 1258 Pfarrgemeinden und in Nigeria in 3244 Pfarrgemeinden. Diese statistischen Zahlen vermitteln einen Eindruck von der beeindruckenden Entwicklung des Katholizismus in Nigeria. Das gilt es zu berücksichtigen, wenn Außenstehende ihre Meinungen und Eindrücke bezüglich des Zustands der Kirche in Nigeria äußern.

Trotz des traurigen Zustands des Landes, der Folge einer komplexen Mischung aus Tragödien und Widersprüchen ist, gilt Nigeria als eines der Kraftzentren der katholischen Kirche im 21. Jahrhundert. 2015 prägte John Allen die Abkürzung »PINS« als Kurzbezeichnung für die vier katholischen Kraftzentren in der Englisch sprechenden Welt, in denen wohl über die Zukunft der Katholizismus entschieden wird: die Philippinen, Indien, Nigeria und Singapur. In diesen vier Ländern leben insgesamt 130 Millionen Katholiken – mehr als in den traditionellen Kraftzentren zusammen (USA, Vereinigtes Königreich, Australien, Kanada und Neuseeland). Innerhalb des PINS-Kraftzentrums kommt Nigeria eine strategische Stellung zu. Papst Paul VI. nannte Afrika einst die Nova Patria Christi, die »neue Heimat Christi«.Durch seine beeindruckende Entwicklung wird der Katholizismus in Nigeria eine strategische Rolle dabei spielen, was die katholische Kirche in Afrika in den kommenden Jahren in die Weltkirche einbringt. An diesem Punkt stellt sich folgende Frage: Wie stichhaltig ist die Behauptung, die nigerianischen Christen seien die am stärksten verfolgten Christen der Welt – vor dem Hintergrund der statistischen Zahlen und Prognosen für den Katholizismus in Nigeria?

Verfolgung der Kirche in Nigeria: Fakt oder Fiktion? Es gibt in der Kirche von Nigeria die verblüffende Auffassung von der flächendeckenden und systematischen Christenverfolgung, so dass die Christen als »am stärksten verfolgte Christen in der Welt« bezeichnet wurden. Doch was ist Verfolgung eigentlich? Passt das Bild von einer umfassenden Verfolgung zu der von statistischen Zahlen untermauerten realen Lage des Katholizismus in Nigeria?

Laut dem »Katechismus der Katholischen Kirche« ist Verfolgung die letzte Prüfung der Kirche und ihrer Jünger, die den Glauben vieler erschüttern wird (KKK 675). Verfolgung manifestiert sich als »Widerstand der Finsternis gegen das Licht« (KKK 530). In diesem Sinne bedeutet Verfolgung heftige, von Hass getragene Gegnerschaft. Dieser Hass bringt umfassendes Leid über die Christen und ihre Gemeinden; wegen ihres Glaubens an Christus als den Retter der Welt werden sie massiv gequält und komplett unterdrückt. Verfolgung ist in diesem Sinne und gestützt auf das Erleben der Urkirche und im Verlauf der gesamten Kirchengeschichte immer ein systematisches Handeln des Staates. Mit anderen Worten: Verfolgung ist institutionalisierte oder repressive Gewalt seitens der staatlichen Organe mit dem Ziel, den Widerstand der Gläubigen zu brechen und ihre zahlenmäßige Stärke zu beschneiden. In einer Phase der Verfolgung erkennt die herrschende Macht die Kirche nicht an; sie genießt keinerlei Sonderstatus.Daher kann es für die verfolgte Kirche nur um eines gehen – das bloße Überleben. Die Christen haben sehr begrenzte Möglichkeiten, sich in einen konstruktiven öffentlichen Diskurs über theologische, dogmatische oder sozio-politische Fragen einzubringen, weil sich die Kirche im Belagerungszustand befindet.

Folgt man der oben dargelegten Definition von Verfolgung, verbietet sich die Behauptung, die Kirche im heutigen Nigeria sei verfolgt. Zur Untermauerung meines Standpunkts werde ich Ignatius Kaigama, Erzbischof der Erzdiözese Jos und gleichzeitig Präsident der Katholischen Bischofskonferenz Nigerias, zitieren. Zudem werde ich eine statistische Aufschlüsselung der katholischen Bevölkerung in ganz Nigeria und im Epizentrum der gewaltsamen Übergriffe präsentieren, die von manchen als »religiöse Verfolgung« bezeichnet werden. Die Behauptung, in Nigeria gäbe es eine Christenverfolgung, kontert Erzbischof Kaigama mit folgender Warnung: »Mit dem Begriff der ›Christenverfolgung in Nigeria‹ operieren die Medien, Sozialexperten und sogar die Christen selbst. Es besteht kein Zweifel, dass Boko Haram mit seinen todbringenden Anschlägen die Christen verfolgt und zur Unterwerfung zwingen will. Dennoch darf man nicht den Fehler begehen, die Diskriminierung und Ausgrenzung in einigen Bundesstaaten im Norden als Verfolgung zu bezeichnen. So sind u. a. die Angriffe auf Christen im Zusammenhang mit den Wahlen zur Miss World und den Mohammed-Karikaturen sowie der Mord an einer christlichen Lehrerin in Gombe keine Verfolgung im eigentlichen Sinn, sondern verbrecherische Taten Einzelner, die nicht einmal den Islam verstehen.«

Aus der Sicht eines richtigen Verständnisses von Christenverfolgung sind der Standpunkt und die Logik von Erzbischof Kaigama nachvollziehbar. Verfolgung ist in der Regel ein institutionelles und öffentlichkeitswirksames Vorgehen, das sich durch die gesamte Politik eines Staates zieht. Mit anderen Worten: Verfolgte Christen haben keine Rückzugsorte. In dem geografischen Raum, in dem das Christentum gesetzlich verboten wurde, werden sie in den Untergrund gedrängt. Die Kirche darf dort keine Liegenschaften besitzen oder beanspruchen. Die verfolgte Kirche hat keine Stimme im öffentlichen Raum, in dem richtungsweisende Fragen der staatlichen Politik debattiert werden. In Bezug auf die katholische Kirche und alle christlichen Konfessionen in Nigeria ist das eindeutig nicht der Fall. Die Marginalisierung und Diskriminierung von Christen beschränkt sich auf zwei von sechs geopolitischen Regionen in Nigeria. An dieser Stelle möchte ich meine Behauptung untermauern, dass die Fundamente des katholischen Glaubens wie überhaupt des Christentums in Nigeria intakt sind – im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung, die von der ideologischen Presse und Sozialexperten innerhalb und außerhalb Nigerias befeuert wird.

Ein Polizist in der Stadt Madagali im Osten Nigerias. Die Polizeistation brannte nach einem Angriff von Boko-Haram-Kämpfern aus.
FOTO: MISSIO

Epizentrum der ethnisch-religiösen Gewalt

Nigeria gliedert sich in sechs geopolitische Regionen – drei im Norden (Nord-Ost, Nord-Mitte und Nord- West) und drei im Süden (Süd-Ost, Süd-Süd und Süd-West). Die gesamte katholische Bevölkerung in Nigeria (25.758.098) verteilt sich wie folgt auf diese sechs geopolitischen Regionen: In Nord-Ost gibt es 1.539.624 Katholiken in 8 Diözesen. In Nord-Mitte leben 3.135.330 Katholiken in 12 Diözesen. In Nord-West gibt es 932.598 Katholiken in 3 Diözesen. Insgesamt sind das 5.607.552 Katholiken in Nordnigeria. In Süd- Ost gibt es 10.441.815 in 13 Diözesen. In Süd-Süd leben 4.645.465 Katholiken in 11 Diözesen. In Süd-West leben mit 4.541.106 Katholiken in 8 Diözesen die wenigsten Katholiken im Süden. Auf Südnigeria entfallen demzufolge insgesamt 19.628.386 Katholiken. In Südnigeria gibt es also 14.020.834 Katholiken mehr als in Nordnigeria.

Schlüsselt man diese Zahlen weiter auf, ergibt sich folgendes Bild: Die Gemeinden mit dem höchsten katholischen Bevölkerungsanteil in Nigeria (das heißt 50 Prozent und mehr) befinden sich in der Region Süd- Ost (Awgu: 53,2 Prozent, Awka: 52,6 Prozent, Enugu: 52,6 Prozent, Nnewi: 65,5 Prozent, Nsukka: 79,1 Prozent, Onitsha: 66,7 Prozent, Orlu: 69,9 Prozent und Owerri: 50,6 Prozent). Sehr niedrige katholische Bevölkerungsanteile (das heißt 5 Prozent und weniger) finden sich in allen Regionen mit Ausnahme von Süd- Ost. In Nord-Ost sind es Bauchi mit 1,2 Prozent, Kano mit 1,8 Prozent, Maiduguri mit 3,3 Prozent und Sokoto mit 0,2 Prozent. In der Region Nord-Mitte sind es Ilorin mit 0,8 Prozent, Kotangora mit 2,3 Prozent und Minna mit 2,6 Prozent. In Nord-Ost hat nur die Diözese Zaria mit 2,2 Prozent einen Katholiken-Anteil von unter 5 Prozent.

Die katholischen Diözesen mit der höchsten Zahl an Katholiken in Nordnigeria (das heißt ab 300.000) sind Abuja mit 542.105 (Nord-Mitte), Gboko mit 708.641 (Nord-Mitte), Jalingo mit 456.293 (Nord-Ost), Jos mit 380.000 (Nord-Mitte), Katsina-Ala mit 346.000 (Nord- Mitte), Makurdi mit 457.070 (Nord-Mitte), Otukpo mit 590.840 (Nord-Mitte), Kaduna mit 569.898 (Nord- West) und Kafanchan mit 302.900 (Nord-West). Die nordnigerianischen Diözesen mit den meisten Katholiken habe ich deshalb gesondert aufgeführt, weil der Norden das Epizentrum der ethnisch-religiösen Gewalt im Land ist.

Nigeria auf einen Blick
Fläche: 923.768 km2
Bevölkerung: 182.202.000
Sprachen: Englisch, Yoruba, Igbo, Ful, Hausa, mehr als 500 weitere indigene Sprachen

Ist der Katholizismus in Nigeria gefährdet?

Im Süden Nigerias gibt es keine ethnisch-religiöse Gewalt. Die katholische Kirche im Süden mit ihren knapp 20 Millionen Anhängern erfreut sich eines relativen Friedens und Wohlstands. Natürlich gibt es auch im Süden verschiedene Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen; auch institutionelle und strukturelle sowie revolutionäre Gewalt, Repressalien und allgemeine kriminelle Gewalt gibt es, vor allem Entführungen und bewaffnete Überfälle. Diese haben jedoch keine religiöse Färbung und werden von mir deshalb nicht als ›ethnisch-religiöse‹ Konflikte eingestuft. In der Region Nord-Ost hingegen kämpfen sieben Diözesen (Bauchi, Jalingo, Kano, Maiduguri, Pankshin, Shendam und Yola) gegen ethnisch-religiöse Gewalt, in der Hauptsache terroristische Übergriffe durch Boko Haram. In der Region Nord-Mitte gibt es mit Jos, Lafia und Minna drei Diözesen, die mit ähnlichen Problemen konfrontiert sind. In der Region Nord-West haben alle drei Diözesen (Kaduna, Kafanchan und Zaria) mit dieser Art von Gewalt zu kämpfen. Von der katholischen Kirche im Norden mit ihren 5,6 Millionen Gläubigen kann man also mit Fug und Recht behaupten, dass sie es mit ethnisch- religiösen Kräften zu tun hat, die Nordnigeria im Würgegriff haben.

In diesem Zusammenhang sei jedoch auch erwähnt, dass der religiöse Extremismus in Nigeria ein relativ junges Phänomen darstellt. Gewaltsame ethnische Konflikte gibt es schon seit den 1960er Jahren. Der erste dokumentierte Fall eines eindeutig religiösen Konflikts im Land ereignete sich im Oktober 1977 in Zaria in Nordwestnigeria. Vor dem Aufkommen des Boko- Haram-Terrorismus (ab 2009) kam es zwischen 1980 und 1984 in Nordost- und Nordwestnigeria zu den gewaltsamsten religiös motivierten Übergriffen. Diese Konflikte, die Vorläufer von Boko Haram, waren religionsinterne Konflikte.11 Mit anderen Worten: Muslime waren die ersten Opfer religiöser Gewalt in Nigeria. Der religiöse Extremismus ist seinem Wesen nach bestrebt, jede Gruppe oder Gemeinschaft von Menschen auszulöschen, die eine Abweichung von den eigenen metaphysischen Ansichten darstellt. Angesichts dessen ist es für den Kenner nicht überraschend, dass sich die meisten Opfer des Boko-Haram-Terrors unter den Muslimen finden. Muslimische Gruppen, die nicht der Ausprägung des Islams entsprechen, wie sie Boko Haram propagiert (fundamentalistisch, schriftgläubig, gewaltbejahend und sittenstreng), gelten als genauso gefährlich wie die kafir (Nichtmuslime). Daher verdienen sie nach deren Logik den Tod, sofern sie sich nicht zum Islam von Boko Haram bekennen. Besucht man eines der sich ausbreitenden Auffanglager für Binnenvertriebene (Internally Displaced Persons; IDP) im Norden Nigerias, findet man dort Muslime und Christen gleichermaßen, die den entsetzlichen religiösen Terror überlebten.

Nichtmuslime, vor allem die großen christlichen Gemeinden in Nordostnigeria, hatten zweifelsohne einen großen, mitunter übermäßig großen Teil der Gewalt in diesem Landesteil zu erleiden. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Ausbreitung und Eindämmung des Boko- Haram-Terrorismus eine ethnische Dimension hat. Boko Haram sympathisiert zwar mit der dschihadistischen Vision von Usman Dan Fodio, dem Fulani-Dschihadisten, der das Sokoto-Kalifat gründete, doch ist die terroristische Gruppe vorrangig im Nordosten Nigerias im Siedlungsgebiet der Kanuri, die seit ewigen Zeiten Rivalen oder Feinde der Fulani sind, angesiedelt. Dem scharfen Beobachter wird nicht entgehen, dass die Besessenheit, mit der in diesem Teil von Nordnigeria ein Kalifat errichtet werden soll, dem Wunsch der Kanuri- Muslime entspringt, ein Pendant zum Kalifat von Sokoto zu haben. So gesehen ist auch die ethnische Engstirnigkeit Katalysator für den religiösen Extremismus in Nordnigeria. Unglücklicherweise sind die christlich dominierten Gemeinden im Nordosten dabei zwischen die Fronten geraten.

Verfolgung im eingangs erläuterten Sinn ist hier nicht der Kern der Sache. Dennoch: Wenn Menschen aus ihrer angestammten Heimat vertrieben werden, leidet der Glaube in dieser Gegend. Die Vertreibung ist gleichzusetzen mit der der Urchristen in der Apostelgeschichte. Es mag viele Veränderungen darin geben, wie die Kirche lebt und wie der christliche Glaube vor allem im Norden gelebt wird. Fakt ist, dass sich die Gläubigen im Norden Nigerias zerstreuen oder gleich ganz in den Süden auswandern.

Religionen:
50 % Muslime, 40 % Christen, 10 % indigene Religionen
Human Development Index 2014: 152 von 188 Staaten
Quellen: Der neue Fischer Weltalmanach 2017; http://hdr.undp.org

Gewaltbereite Fulani-Nomaden und ortsansässige Ackerbauern

Nachdem die Armee die Boko Haram- Terroristen entscheidend geschwächt, wenn nicht handlungsunfähig gemacht hatte, hofften die Nigerianer, das Schlimmste sei vorerst überstanden. Doch die Gewalt erhob erneut ihr Haupt. Auslöser der Gewalt in verschiedenen Teilen des Landes waren diesmal in den meisten Fällen Fulani-Nomaden. Dieses traditionell nomadisch lebende Volk zieht auf der Suche nach Weideland für sein Vieh kreuz und quer durch das Land. Neben der politischen und religiösen Dimension, die der Gewalt zwischen Fulani-Nomaden und Ackerbauern üblicherweise zugeschrieben wird, gibt es einen ganz simplen Auslöser – die ökologischen Veränderungen. Der Klimawandel und der mit ihm einhergehende Anstieg der Durchschnittstemperatur im Land führten zu einer Verringerung der jährlichen Regenmenge. Das wiederum bewirkte eine sich schnell ausweitende Versteppung des nigerianischen Nordens, genauer der Regionen Nord-Ost und Nord-West, der traditionellen Heimat der Fulani. Das trieb die Nomaden auf der Suche nach Weideland in Richtung Süden. Im Süden mit seiner üppigen Vegetation treffen die Fulani jedoch auf eine andere Realität. Ein Großteil des Landes im Umkreis der Städte und Dörfer wurde von örtlichen Bauern kultiviert. Auf dem noch verfügbaren und unbebauten Grasland wächst Gras, das die Rinder der Fulani nicht vertragen. Daher grasen die Tiere auf dem Ackerland und zerstören die Lebensgrundlage der Ackerbauern. Diese wehren sich natürlich, aber die Fulani schlagen zurück und vertreiben die Ackerbauern mit Waffengewalt. An dieser Stelle fragt man sich, woher die Fulani eigentlich ihre modernen Waffen haben, die sie fast unbezwingbar machen. Sie greifen ungestraft an, löschen ganze Dörfer aus, lassen ihre Rinder auf dem vormaligen Ackerland grasen und hinterlassen eine unglaubliche Zerstörung. Und dennoch gelingt es ihnen, in der Nord-Ost- und Nord-West-Region, wo viel Militär konzentriert ist, spurlos zu verschwinden. Die Ackerbauern besorgen sich ihrerseits Waffen und führen Vergeltungsschläge. Und so versinkt Nigeria in einer neuerlichen Spirale der Gewalt. Die Gewalt zwischen den Fulani-Nomaden und den Bauerndörfern hat jedoch wenig mit der »gefühlten« Christenverfolgung und den Islamisierungsbestrebungen der Regierung unter Muhammadu Buhari zu tun.

Tiefere Ursache ist der Wandel der Umwelt und die mit ihm einhergehende Versteppung, die in Migrationsdruck und einem Kampf um die knappen Ressourcen – nutzbares Land und Wasser – münden. Zudem leisten die ansässigen Bauern den Umweltmigranten Widerstand, weil diese die Versorgungssicherheit mit Nahrungsmitteln gefährden, wenn Ernten vernichtet werden und Märkte aufgrund der Angst vor marodierenden Fulani nicht erreichbar sind. Hier sei erwähnt, dass den Fulani das Vieh gar nicht selbst gehört. Die eigentlichen Besitzer sind Angehörige der reichen Elite im Norden. Die Fulani sind lediglich Hirten, genießen aber einen besonderen Schutz. Deshalb gab es auch noch keine Festnahmen, so dass die Fulani ihr Treiben ungestraft fortsetzen können. Mit dem Umweltproblem der Versteppung und der damit einhergehenden Verknappung von Weideland sowie dem Schutz von landwirtschaftlich nutzbaren Flächen für die Bauern hat sich die Politik aufgrund der instabilen Ein Fulani-Hirte vor seiner Herde. Die Fulani ziehen durch weite Teile Nigerias und verursachen immer wieder Landkonflikte, die auch gewaltsam ausgetragen werden. Lage im Land bisher nicht befasst. Die vernünftigste Lösung für die umweltbedingte Migration der Fulani- Nomaden wäre die Schaffung von Viehhöfen durch die Viehbesitzer. Dagegen gab es bisher Widerstand, weil der Vorschlag, der in der Hauptsache von Nigerianern aus dem Süden kommt, als verschwörerischer Plan ausgelegt wird, den Nordnigerianern das Recht auf Freizügigkeit zu verweigern. Im Gegenzug fordert die Elite des Nordens feste Weideflächen, die die Landesregierung im gesamten Land erwerben soll. Die Bewohner des Südens sehen darin ihrerseits den Versuch, die expansionistischen und imperialistischen Bestrebungen der Hausa und Fulani zu institutionalisieren. Statt sich mit Umweltfragen zu befassen, verlieren sich die politischen Akteure, Menschenrechtsaktivisten und Gemeindeverwalter in einem end- und ergebnislosen Geplänkel darüber, wie mit den Fulani- Nomaden umzugehen ist. Unterm Strich lässt sich festhalten, dass der Mangel an politischem Willen, Scharfsinn, politischer Führungskraft und Tugenden wie vorausschauender und praktischer Klugheit die Folgen von Umweltproblemen verschärft, die sich in Nordnigeria getarnt als ethnisch-religiöse Gewalt Bahn brechen.

Ein Fulani-Hirte vor seiner Herde. Die Fulani ziehen durch weite Teile Nigerias und verursachen immer wieder Landkonflikte, die auch gewaltsam ausgetragen werden.
FOTO: MISSIO

Was die Kirche angesichts der ethno-religiösen Gewalt braucht

1. Einsatz für Verfassungstreue

Nigeria muss auf den Weg zu einer strengen Auslegung und Befolgung von Artikel 10 der Landesverfassung zurückkehren: »Die Regierung des Bundes oder eines Bundestaates darf keine Religion als Staatsreligion einführen. «12 Es ist höchste Zeit, dass Nigeria mit der Ausnutzung unklarer Formulierungen in der Verfassung Schluss macht, die gegen Artikel 10 und den Geist der Verfassung verstoßen.13 Demgemäß muss der Islam seinen Status als »eine Religion unter mehreren im Land« akzeptieren.14 Er muss damit aufhören, nach einem Sonderstatus zu streben, wie er in Nordnigeria bereits besteht.

Freunde der nigerianischen Christen und der katholischen Kirche außerhalb des Landes können dieses Anliegen unterstützen, indem sie mehr Druck auf internationale Organisationen ausüben, um dies zur Voraussetzung für die Gewährung von Auslands- und technischer Hilfe zu machen. Das ist Bestandteil dessen, was die Vereinten Nationen als ›sanfte Diplomatie‹ anerkennen. Die internationale Gemeinschaft hat bezüglich der ambivalenten Rolle des Islam vor dem Hintergrund der in der Verfassung verankerten Laizität in Nigeria zu lange auf andere Instrumente gesetzt. Die mangelnde Kenntnis und Anerkennung der verfassungsmäßigen Trennung von Kirche und Staat und deren Bedeutung für die Praxis der Religionsfreiheit gefährden den Frieden in Nigeria. Letztlich lassen sich die religiösen Konflikte und die Gewalt in verschiedenen Teilen Nigerias auf diese fehlende Anerkennung der ›Säkularität‹ Nigerias zurückführen.

2. Kapazitäten für die Vertriebenenseelsorge15

Nach Syrien und Kolumbien belegt Nigeria den dritten Platz im IDP-Index, der die Zahl der Binnenvertriebenen erfasst. Bis dato ist die katholische Kirche noch dabei, institutionelle Kapazitäten für die seelsorgerische Betreuung von Binnenvertriebenen aufzubauen, von denen viele Katholiken sind. Dafür muss im Katholischen Sekretariat von Nigeria ein Migrations- und Vertriebenenbeauftragter eingesetzt werden. Nur so kann die Kirche zusammen mit ihren ausländischen Helfern mehr als nur interventionistische und sporadische humanitäre Aktionen durchführen und nachhaltig seelsorgerisch tätig werden. Auffanglager für Binnenvertriebene gelten als Orte für die Mission ad gentes, weil hier Christen und Andersgläubige zusammenleben. Damit werden sie zu Orten für die Evangelisierung. Es ist höchste Zeit, dass Teile der Kirche die Seelsorge für Binnenvertriebene als ein gesondertes Apostolat begreifen. Die Vertriebenen benötigen Nothilfe, Schutz und Existenzhilfe, Sicherheit, soziale Leistungen (Bildung, Gesundheit, Gemeinschaftsunterstützung), psychologische Betreuung und Trauma- Behandlung (hier kann die Kirche eine führende Rolle spielen) sowie die Befriedigung spiritueller Bedürfnisse. Wenn die katholische Kirche in Nigeria auf den Bedarf dieser vertriebenen Kinder Gottes reagieren will, muss sie massiv in Hilfsprogramme für die Vertriebenen investieren und ihnen spirituelle und seelsorgerische Dienste anbieten. Außerdem werden Förderprogramme benötigt. Zu den weiteren realisierbaren Zielen zählt die Unterstützung Umsiedlungswilliger aus den Lagern. Und natürlich bedarf es nachhaltiger Kampagnen zur Verbesserung der Verständigung zwischen Muslimen und Christen – auch in den Lagern – und zur Abkehr von alten Feindbildern. All dies kostet viel Geld. Ausländische Unterstützer des nigerianischen Katholizismus müssen mit der Kirche zusammenarbeiten und technische Unterstützung beim Aufbau einer nachhaltigen seelsorgerischen Betreuung für binnenvertriebene Nigerianer leisten.

3. Förderung des interreligiösen Dialogs

Für die Zukunft eines wahrhaft versöhnten Landes ist es wichtig, den interreligiösen Dialog und die Zusammenarbeit zwischen Christen und Muslimen in Nigeria zu fördern. Es gibt verschiedene Programme und Initiativen für die Annäherung zwischen Muslimen und Christen in Nigeria, die sich ein friedliches Miteinander wünschen. Viele dieser Initiativen werden jedoch durch Mittelknappheit und fehlende technische Unterstützung durch Fachleute gelähmt. Helfer aus dem Ausland können Mittel und Freiwillige für diese Initiativen mobilisieren – innerhalb und außerhalb von Nigeria. Wenn Muslime und Christen kooperieren und den gemeinsamen Dialog suchen, werden sie die Gräben überbrücken, die ethnische und religiöse Eliten künstlich erzeugen, um die Menschen zu spalten.

4. Beschaffung von Informationen aus erster Hand

Wer sich für Gegenwart und Zukunft der Kirche in Nigeria interessiert, muss sich Informationen aus erster Hand über den Zustand des Landes beschaffen, weil die Presse zunehmend ideologisch und parteiisch berichtet. Es mag zu begrüßen sein, dass die Presse und verschiedene Interessengruppen auf die Übel des religiösen Terrorismus aufmerksam machen, vor allem das Übel des politischen Islam. Dennoch muss man auch die Wahrheit hinter den Schlagwörtern kennen, die im Westen die Angst vor dem Islam schüren. Wenn unsere ausländischen Partner und Freunde nicht wissen, wie komplex die Fragen und die Wurzeln unserer Probleme in Nigeria sind, tragen sie unwissentlich dazu bei, einen größeren Keil zwischen die Christen und die Muslime zu treiben, die gewöhnlich offen für eine Annäherung der Religionen sind. Wenn die Muslime merken, dass man sie pauschal dämonisiert, verschließen sie sich dieser Annäherung. Ähnlich ist es bei den Christen: Diejenigen, die eigentlich bereit und willens sind, den interreligiösen Dialog zu suchen, könnten den Glauben an einen fruchtbringenden Dialog mit den Muslimen verlieren.

Schlusswort

Der Katholizismus in Nigeria ist seinen Kinderschuhen entwachsen. Trotz des Minderheitenstatus im Land ist Nigeria eines von vier Ländern, die als Kraftzentren des Katholizismus der Zukunft gelten. Der nigerianische Katholizismus leistet seinen Beitrag für die missionarische Familie Gottes, sowohl ad intra als auch ad extra. Dennoch hat er mit Kräften zu kämpfen, die seine Zukunft zu gefährden scheinen. Eine zentrale Aussage dieses Beitrags ist, dass die instabile Lage Nigerias komplexe Ursachen hat; sie darf nicht nur durch das Schauglas der ›religiösen Verfolgung‹ gesehen werden. Dementsprechend lässt sich der Zustands des Katholizismus in Nigeria auf der Grundlage der eingangs genannten statistischen Zahlen so bewerten, dass seine Fundamente stark sind und Mut machen. Es gibt überzeugende Argumente dafür, in Nigeria eines der vier Kraftzentren des heutigen und zukünftigen Katholizismus zu sehen. Dennoch kann die Kirche finanzielle, fachliche und personelle Unterstützung gebrauchen, weil sie sich im Zusammenhang mit den Binnenvertriebenen im Land – die drittgrößte Zahl weltweit – mit seelsorgerischen und ekklesiologischen Fragen konfrontiert sieht.

RAYMOND OLUSESAN AINA MSP
The National Missionary Seminary of St Paul, Gwagwalada, Abuja

Ausgabe 4/2017

ANMERKUNGEN

1 C. A. Imokhai, The Evolution of the Catholic Church in Nigeria, in: A. O. Makozi & A. Ojo (Hrsg.), The History of the Catholic Church in Nigeria, Lagos: Macmillan Nigeria 1982, S. 1–14, hier S. 3.
2 History of the Catholic Church in Nigeria, in: Catholic Church in Nigeria: Official Directory 2011–2015, Abuja: Catholic Secretariat of Nigeria 2011, S. xiii–xvii.
3 Statistics by Country: By General Population. Abgerufen am 30.03.2017 von http://www.catholic-hierarchy.org/country/sc2.html .
4 Nigeria: All Dioceses. Abgerufen am 31.01.2017 von http://www.catholic-hierarchy.org/country/dng.html .
5 J. Allen Jr., Nigeria is a laboratory for testing solutions to persecution, in: CruxNow, 23. August 2015. Abgerufen am 27.08.2015 von Link
6 R. Cardinal Sarah, What Sort of Pastoral Mercy in Response to the New Challenges to the Family? A Reading of the Lineamenta, in: M. J. Miller (Hrsg.), Christ’s New Homeland – Africa: Contribution to the Synod on the Family by African Pastors, San Francisco: Ignatius Press 2015, S. 13–33, hier S. 31.
7 R. Ryan, Persecution, in: C. Stuhlmueller (Hrsg.), The Collegeville Pastoral Dictionary of biblical Theology, Collegeville, MN: Liturgical Press 1996, S. 727–730.
8 A. McGrath, Christian Theology: An Introduction (4. Aufl.), Malden, MA; Oxford: Blackwell Publishing 2008, S. 118.
9 Ebd., S. 8.
10 I. Kaigama, Living the Christian Faith in the Face of Islamic Extremism in Nigeria, in: Abuja Journal of Philosophy and Theology 3 (Juni 2013), S. 1–19, hier S. 10.
11 J. Paden, Muslim Civic Cultures and Conflict Resolution: The Challenges of Democratic Federalism in Nigeria. Washington, D.C.: Brookings Institution Press 2005, Tabelle 1–2.
12 1999 Constitution of the Federal Republic of Nigeria and Fundamental Rights Enforcement Procedure) Rules with Amendments, 2011, Artikel 10.
13 Catholic Bishops’ Conference of Nigeria (CBCN), Religion and State in Nigeria: A Statement of the Catholic Bishops’ Conference of Nigeria on the National Dialogue Conference. [Abuja]: Catholic Secretariat of Nigeria, 4. April 2014, Nr. 6.
14 Ebd., Nr. 9.
15 Bei einigen der erläuterten Punkte gebührt mein Dank den folgenden Personen und ihren Beiträgen auf dem Jahresseminar der Landesvereinigung der katholischen Studenten (National Association of Catholic Theology Students, NACATHS) des National Missionary seminary of St Paul, Gwagwalada-Abuja, am 11. März 2017. A. Falola, Internally Displaced Persons: Theological and Pastoral Responses; F. Ikhianosime, Internally Displaced Persons: Theological and Pastoral Responses.

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