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Die Pfarrei der nächsten Generation

Wie die katholische Kirche in den USA sich wandelt

von MATTHEW F. MANION

Unter den US-Amerikanern lateinamerikanischer Herkunft ist es ein verbreiteter Brauch, dass Mädchen ihren 15. Geburtstag besonders feiern. Die Latinos spielen im Katholizismus der Vereinigten Staaten eine große Rolle.
FOTO: WIKIMEDIA COMMONS/ALEJANDRO LINARES GARCIA

In den Vereinigten Staaten ist ein Modell des Lebens in Gemeinden und Diözesen an sein Ende gekommen. Es war konzipiert für eine Zeit, die es nicht mehr gibt, und beruhte auf einer Reihe von Annahmen in Bezug auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die nicht mehr gelten. Eine Pfarrei der kommenden Generation zu entwickeln ist heute daher eine der zentralen Herausforderungen für katholische Verantwortungsträger und Führungskräfte.

Viele Pfarreien in den Vereinigten Staaten wurden zu einer Zeit gegründet, in der es noch keine Autos und kein Fernsehen, geschweige denn Computer und das Internet gab. Die Menschen waren weniger mobil, und sie waren religiöser. Besonders für Katholiken im Nordosten und im »Rust Belt« (»Rostgürtel«) war das Kirchengebäude der Mittelpunkt der katholischen Gemeinde in jedem Wohnviertel und jeder Stadt und lag im Allgemeinen in Gehweite der meisten Menschen. Doch dieses Modell ist geografisch nicht mehr unbedingt nötig.

Die heutige Gesellschaft ist weit weniger religiös und weitaus säkularer. So waren beispielsweise 85 Prozent der zwischen 1928 und 1945 geborenen Amerikaner Christen, und nur 11 Prozent waren konfessionslos. Doch nur 56 Prozent der Millennials (Generation Y), also der zwischen 1981 und 1996 Geborenen, sind Christen, und 36 Prozent von ihnen sind konfessionslos.

Die Welt, in der die Kirche ihren Auftrag erfüllt, hat sich deutlich gewandelt, doch das Modell für das Leben in den Gemeinden und Diözesen nicht. Infolgedessen wird die Wachstumsphase in der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten, die zunächst durch die Geburtenraten und dann durch die Einwanderung der Hispanoamerikaner vorangetrieben wurde, bald vorüber sein. Die Anzahl der Menschen, die den katholischen Glauben praktizieren und leben, wird ohne neue Modelle für ein Leben in der Gemeinde und in der Diözese weiterhin zurückgehen. Ein künftiges Wachstum muss von neuen Modellen ausgehen, die sich auf Nachfolge (discipleship) und Evangelisierung konzentrieren.

Doch es gibt ganz reale Hindernisse, die die Leiter in unseren Diözesen und Gemeinden davon abhalten, missionarische Jünger auszubilden, die ihrerseits weitere missionarische Jünger ausbilden können. Im Juni 2016 versammelte das Catholic Leadership Institute eine Gruppe von Bischöfen, Priestern, Ordensleuten und Laien in Leitungspositionen aus acht Diözesen, um eine Diagnose der derzeitigen Situation zu stellen, die Hindernisse für das Wachstum zu benennen sowie mit der Ausarbeitung einer langfristigen Strategie zur Überwindung dieser Probleme zu beginnen. Ziel war es, Wege zu finden, mehr lokale Gemeinden der katholischen Kirche zu bekommen, die Menschen zu einer lebensverändernden Begegnung mit Jesus Christus führen und sie anzufeuern, damit sie die Welt verwandeln.

Die Fünf-Milliarden-Dollar-Frage

Die Baby-Boomer, die 51- bis 69-Jährigen, bilden den größten Teil der praktizierenden Katholiken in den Vereinigten Staaten. Und bis April 2016, als sie von den Millennials übertroffen wurden, waren sie die stärkste Generation der Nation. Im Laufe der nächsten 25 Jahre werden die »Boomer-Katholiken« zahlenmäßig schrumpfen. Wenn diese Generation durch eine kleinere Generation ersetzt wird, in der weniger Menschen den Glauben praktizieren und weniger Geld spenden, ist der Verlust an Kirchenmitgliedern und möglichen Einnahmen, die für den Auftrag der Kirche zur Verfügung stehen – wie die Tabelle auf der nächsten Seite zeigt –, alarmierend.

In dieser Tabelle ist die »Bezahlung des Zehnten« sehr weit ausgelegt, um jeden darin einzuschließen, der einen festen Betrag oder Prozentsatz seines Einkommens der Kirche spendet, selbst dann, wenn dieser Prozentsatz weniger als 10 Prozent beträgt. Die gegenwärtigen Modelle der diözesanen und Gemeindestrukturen können nicht aufrechterhalten werden, wenn die Anzahl der 50- bis 70-jährigen Kirchgänger um 8,3 Millionen Menschen sinkt und die Einnahmen um fast fünf Milliarden Dollar zurückgehen. Und selbst dann, wenn man die Annahmen bezüglich der Finanzen in dieser Tabelle etwas verändert, ist das Ausmaß des Wandels noch immer dramatisch.

Im Anschluss an die Generation X, die zwischen 1965 und 1980 Geborenen, gibt es heute 75,4 Millionen Millennials, die in den Vereinigten Staaten leben, und diese Zahl dürfte ihren Höchstwert im Jahr 2036 mit 81,6 Millionen erreichen. Sie sind jung, einflussreich und mit den digitalen Medien aufgewachsen (digital natives). Sie sind eher lateinamerikanischer (46 Prozent) als weißer Abstammung (43 Prozent). Die »Selfie- Generation« ist ständig mit mehreren Dingen gleichzeitig beschäftigt (multi-tasking) und sogar noch weniger religiös als ihre Vorgänger. Laut einer Längsschnittstudie zu Jugend und Religion besuchen von den Millennials, die sich als katholisch bezeichnen, nur 7 Prozent tatsächlich jede Woche die Messe; 27 Prozent von ihnen haben sich aktiv vom Glauben gelöst. Der Rest liegt irgendwo zwischen diesen beiden Extremen. Millennials sind ein gewaltiges potentielles Missionsfeld, doch bislang sind die Anstrengungen der Kirche weitgehend erfolglos geblieben. Ein Grund liegt darin, dass wir uns eines Kirchenmodells bedienen, das für eine andere Generation konzipiert war, und dass viele der Kirchenbräuche und Vorgehensweisen im Leben vieler junger Leute keine Bedeutung mehr haben.

Und jedes Gespräch über die Zukunft der Kirche in Amerika muss über die entscheidende Rolle reden, die die Latino-Community in ihr spielen wird. Die Geschichte der Immigration der Latinos ist weitgehend eine Geschichte einer Einwanderung von Katholiken. Das Pew Research Center berichtet, dass der Anteil der Latinos unter den US-Katholiken mit 34 Prozent mehr als doppelt so hoch ist wie der Anteil unter allen erwachsenen US-Amerikanern (15 Prozent). Doch je nachdem, wo man im Land lebt, ergibt sich ein ganz anderes Bild. So ist beispielsweise der nordöstliche Zipfel des Landes zu 75 Prozent weiß, während im Staat Texas 72 Prozent der Bevölkerung Latinos sind.

Die meisten jungen Latinos sind indes keine Immigranten mehr, denn sie sind in den Vereinigten Staaten geboren. 81 Prozent der Latinos in den Vereinigten Staaten unter 18 Jahren sind tatsächlich hier geboren. Sie stellen für den kirchlichen Dienst eine einzigartige Chance dar, da sie tief im Katholischen und im Lateinamerikanischen verwurzelt, doch zugleich in der westlichen Kultur Amerikas aufgewachsen sind. Ein Ansatz für viele Pfarreien, die Latinogemeinschaft seelsorgerisch zu betreuen, wäre es, einfach die Messe auf Spanisch anzubieten. Obwohl dieser Ansatz für die erste Generation der Immigranten hilfreich ist, ist die Sprache nicht der entscheidende Faktor für die Teilnahme der zweiten und dritten Generation der Einwanderer. Von größerer Bedeutung sind da kulturelle und lebensrelevante Fragen, die leider öfter unterschätzt werden. Die Gemeinde der nächsten Generation muss das in Ordnung bringen.

Die Sache mit den Sakramenten

Das Zentrum für angewandte Forschung im Apostolat (Center for Applied Research in the Apostolate, CARA) vermittelt einen ausgezeichneten Überblick über die immer wieder nachgefragten Kirchenstatistiken, und bei der Betrachtung der Entwicklung in den vergangenen 25 Jahren lassen sich einige besorgniserregende Tendenzen erkennen.Seit 1990 ist die Anzahl der katholischen Eheschließungen um 55 Prozent gesunken, was mehr als der Gesamtrückgang aller Eheschließungen in den USA ist.Katholische Eheschließungen gehen katholischen Taufen etwa fünf Jahre voraus, und so ist der 30-prozentige Rückgang bei den Taufen in den vergangenen 15 Jahren vorhersehbar. 20 Prozent der getauften Kinder empfangen nicht die erste heilige Kommunion, 40 Prozent werden niemals gefirmt, und 85 Prozent der Gefirmten beenden die Ausübung ihres Glaubens im Alter von 21 Jahren. Verbindet man diese statistischen Befunde miteinander, so ergibt sich daraus, dass vermutlich nur neun Prozent der Babys, die wir heute taufen, im Alter von 21 Jahren den katholischen Glauben noch praktizieren werden.

Viele unserer Kinder haben die Sakramente empfangen, ohne zuvor Religions- oder Katechismusunterricht bekommen zu haben. Das derzeitige Gemeindemodell legt den Akzent darauf, die Kinder durch die Sakramente zu schleusen – scheitert jedoch zu oft dabei, Kinder als Jünger Jesu zu formen, die ihr ganzes Leben lang ihre Beziehung zum Herrn und der Kirche weiterentwickeln werden. Das muss sich ändern, andernfalls werden in den kommenden 25 Jahren 50 Prozent weniger Menschen die Gnade der Sakramente empfangen.

Für diese Herausforderungen an die Führung der heutigen katholischen Kirche gibt es keine schnellen und einfachen Lösungen. Die Menschheitsgeschichte ist ein sich wiederholender Zyklus, in dem sich Menschen in Notzeiten Gott zuwenden und sich von ihm abkehren, wenn es ihnen wieder gut geht. Im Augenblick wenden sich die Vereinigten Staaten von Gott ab, und die katholische Kirche muss den Menschen dabei helfen, jede einzelne Person zu Gott zurückzuführen. Wir müssen von der einfachen Aufrechterhaltung veralteter Modelle des Gemeinde- und des Bistumslebens abrücken und damit anfangen, sie mit einem neuen missionarischen Impuls zu verwandeln.

Der Heilige Vater schreibt in Evangelii gaudium 27: »Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient.«

Eine Hochzeit in der Holy Name Cathedral in Chicago. Die Zahl der katholischen Trauungen in den Vereinigten Staaten ist seit 1990 stark rückläufig.
FOTO: WIKIMEDIA COMMONS/NHEYOB

Modelle für das 21. Jahrhundert

Der Bischof einer Diözese ist dafür verantwortlich, die Frohe Botschaft Jesu Christi zu allen Menschen seines Bistums zu bringen – zu denen, die katholisch sind, und zu denen, die es nicht sind. Der Bischof beruft Seelsorger, die ihn bei der Erfüllung der Mission der Kirche für einen bestimmten Anteil der ihm anvertrauten Menschen, nämlich in einer örtlichen Pfarrgemeinde (parish community) unterstützen. Darüber hinaus hat der Bischof Bistumsmitarbeiter, die ihm bei der Ausübung seines Amtes und der Wahrnehmung seiner Aufgaben behilflich sind. Das Kirchenrecht fordert von einem Bischof, in seiner Kirchenkanzlei vier Funktionen zu besetzen: die eines Generalvikars, eines Offizials, eines Kanzlers sowie die eines Finanzdirektors. Beim Aufbau eines Modells für das diözesane Leben für die nächste Generation muss der Bischof darauf achten, »dass die diözesanen Strukturen stets dem Seelenheil dienen müssen und dass die organisatorischen Erfordernisse die Sorge um den Menschen nicht überlagern dürfen. Von daher muss in einer Art und Weise verfahren werden, dass die Organisation beweglich und effizient ist, ohne jede unnötige Kompliziertheit und ohne Bürokratismus, und dass sie ihre Aufmerksamkeit stets dem übernatürlichen Ziel der Arbeit zuwendet.« (Direktorium für den Hirtendienst der Bischöfe Apostolorum successores 177)

Das Kanzleipersonal hat sich im Lauf der vergangenen 50 Jahre in den meisten Diözesen der USA drastisch erhöht. Außer den vier vom Kirchenrecht geforderten Stellen haben viele Diözesen heute mehr als 100 Mitarbeiter. Dafür gibt es gute und schlechte Gründe – Tatsache ist jedoch, dass viele Bistümer derzeit »unnötige Kompliziertheit und Bürokratismus« aufweisen. Die organisatorischen Strukturen des Bistums sollten schlank sein und sich auf zwei Hauptfunktionen konzentrieren: Sie sollten den Bischof unmittelbar bei seiner Aufgabe und die Seelsorger und Pfarreien in der Diözese unterstützen. Daher sollte das Bistumspersonal – über die vom Kirchenrecht geforderten vier Stellen hinaus – zudem für die Betreuung und Ausbildung von Priestern sorgen und die Pfarreien bei der Evangelisierung, bei der Jüngerschaft (discipleship), im Kommunikationsbereich, in weltlichen Angelegenheiten, in der katholischen Erziehung und im karitativen Engagement unterstützen. Die Unterstützung des Gemeindelebens sollte sich auf Funktionen beschränken, die am besten auf Diözesanebene durchgeführt werden. Ansonsten sollte das Prinzip der Subsidiarität gelten, und alles, was auf Gemeindeebene getan werden kann, sollte auch dort erledigt werden. Solche schlanken Strukturen werden außerdem den Vorteil haben, die für die Diözese verwendeten Kirchensteuermittel zu senken, was weitere Mittel freisetzen würde für Anstrengungen zur Nachfolge auf lokaler Ebene.

Die richtige Anzahl der Pfarreien

Eine erhebliche Behinderung bei der Nachfolge ist die Schwierigkeit, Pfarrgemeinden und Kirchengebäude auf die gegenwärtigen Ballungsräume auszurichten. In einer mobiler werdenden Gesellschaft verliert der Gedanke einer Kirche in Gehweite immer mehr an Bedeutung. In vielen Teilen des Nordostens und des Mittleren Westens gibt es noch immer zu viele Pfarrgemeinden an Orten, die in den vergangenen 30 Jahren einen erheblichen Bevölkerungsanteil verloren. Im Süden und Westen gibt es hingegen oftmals zu wenige Pfarreien, um die wachsende Anzahl von Menschen zu betreuen.

Diözesane Verantwortungsträger und – vielleicht sogar noch mehr – die Menschen in den Kirchenbänken brauchen ein neues Bewusstsein, das zwischen der Pfarrei und dem Kirchengebäude unterscheidet. Für allzu viele Katholiken ist das ein und dasselbe, obwohl dies nicht das ist, was die Kirche lehrt. Wenn in Zukunft mehr Menschen eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus haben, die von ihrer Pfarrgemeinde gefördert wird, sollten sie weniger an ihren realen Gottesdienstsort gebunden sein. Bei der Betrachtung von Modellen des diözesanen Lebens für das 21. Jahrhundert sollte die Frage, wen wir anbeten, Vorrang haben vor der Frage, wo wir es tun. Leider empfinden viele Katholiken eine stärkere Bindung zu ihren Kirchengebäuden als zu ihrem Herrn, und dies wird sich erst dann ändern, wenn sie erfolgreich »zum Jünger geworden « (discipled) sind.

Größer ist möglicherweise besser

Wo es möglich ist, kann es sein, dass weniger, aber dafür große Pfarreien mehr Menschen erreichen. Eine volle Kirche erweckt einen lebendigeren Eindruck, als wenn 80 Prozent ihrer Sitzplätze leer bleiben. Wenn die Zahl der Pfarreien besser auf die Bevölkerung abgestimmt ist, werden mehr Menschen eine dynamische und ansprechende Feier der Messe erleben und vielleicht auch andere dazu einladen, sich ihnen anzuschließen.

Eine Pfarrei mit 2.500–10.000 Menschen, die jede Woche die Messe besuchen, verfügt übermehrMenschen und finanzielle Mittel, die sie in den Dienst der Kirche investieren kann, als eine Pfarrei, in der 250Menschen die Messe besuchen. Auch wenn dies zu komplexeren Organisationen führt, kann man doch auch mehr im Namen des Herrn tun. Viele evangelikale Großkirchen können das, was sie tun, leisten, weil viele Menschen dem Gottesdienst beiwohnen und den Zehnten bezahlen.

Nicht jeder Priester ist zum Seelsorger berufen, doch viele sind dazu aufgefordert, diese Aufgabe einfach deshalb zu erfüllen, weil eine Pfarrei eine offene Stelle hat und sie die Einzigen sind, die dafür zur Verfügung stehen. Eine Diözese mit weniger, aber großen Pfarreien würde es der Kirche ermöglichen, die Gaben und Charismen von Priestern besser einzusetzen und nicht alle dazu zu zwingen, Seelsorger zu werden.

In einer mobileren Gesellschaft muss ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen der Größe der Pfarrei und der realistischen Zeit bestehen, die man für den Weg zur Kirche benötigt. Wenn die Leute jede Woche 45 Minuten zum Einkaufen fahren, dann sollte eine 45-minütige Fahrt zur Kirche akzeptabel sein, doch eine viel längere Fahrzeit wäre nicht angemessen. Die Fahrzeit für kleine Gruppen oder für andere Aktivitäten während der Woche sollte geringer sein, um eine stärkere Teilnahme von mehr Menschen zu fördern, doch die Pendelzeit könnte für die Sonntagsmesse höher bemessen sein.

Eine Möglichkeit, das zu erreichen, besteht darin, ein Kirchengebäude für die Feier der Messe zu haben, das sich im geografischen Zentrum der Pfarrei befindet, und weitere kirchliche Dienste und Standorte in den umliegenden Gebieten anzubieten, die individuellen Bedürfnissen entsprechen. Das Kirchengebäude wäre der zentrale Knotenpunkt der Pfarrei mit mehreren Satelliten. Es könnte Treffpunkte für den Religionsunterricht geben, die sich näher an der Mehrheit von Familien mit kleinen Kindern befänden. Es könnte Treffpunkte für Senioren an gut erreichbaren Standorten geben. Es könnte eine Betreuung für Bedürftige an Standorten geben, die nah bei denen sind, die die größte Not leiden. Es könnte einen mobilen Dienst geben, der die jungen Leute dort aufsucht, wo sie sich üblicherweise versammeln. Eine Pfarrei verwandelte beispielsweise einen alten Krankenwagen in einen mobilen Beichtstuhl und fuhr damit zu Einkaufszentren, Konzerten und Sportveranstaltungen, um den Menschen dort zu begegnen, wo sie sich aufhalten.

Diese Art von missionarischer Kreativität ist für die Pfarrei der nächsten Generation entscheidend, damit sie wachsen kann. So erinnert uns Papst Franziskus in Evangelii gaudium 28: »Die Pfarrei ist keine hinfällige Struktur; gerade weil sie eine große Formbarkeit besitzt, kann sie ganz verschiedene Formen annehmen, die die innere Beweglichkeit und die missionarische Kreativität des Pfarrers und der Gemeinde erfordern.« Trotz der allgegenwärtigen Entwicklungen gibt es zahlreiche Beispiele von Pfarreien, die wachsen und gedeihen – in denen aktive Katholiken andere Katholiken zur Nachfolge bewegen, in die abgefallene Katholiken wieder zurückkehren und in denen sich Nichtkatholiken bekehren.

Eine Messe während des Dublin Irish Festival in Dublin, Ohio. Die Frage, wen wir anbeten, muss wichtiger werden als die Frage, wo wir Gottesdienst feiern.
FOTO: WIKIMEDIA COMMONS/NHEYOB

Die Pfarrei der nächsten Generation

Die katholische Pfarrei des 21. Jahrhunderts sollte drei hervorstechende Eigenschaften besitzen. Erstens muss ein missionarischer Elan zur Evangelisierung alle Pfarreibeschlüsse vorantreiben. Der Seelsorger und alle Leiter verstehen, dass sie für alle Menschen in ihrer Pfarrei verantwortlich sind – so dass sie, wenn sie nach der Anzahl von Menschen in ihrer Pfarrei gefragt werden, die Gesamtzahl der Menschen angeben, und nicht nur der Leute, die zur Messe gehen, oder die Anzahl der registrierten Katholiken. Sie nehmen den Ruf an, die Frohe Botschaft Jesu allen Menschen zu bringen (den praktizierenden Katholiken, den abgefallenen Katholiken, den praktizierenden Gläubigen eines anderen Glaubens sowie den Nichtgläubigen), und sie organisieren ihre Aktivitäten und verteilen ihre finanziellen Mittel dementsprechend.

Die Pfarrei der nächsten Generation setzt neue Mittel, Technologien und Methoden ein, um die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, und sie zur Fülle des Glaubens einzuladen. Im besten Sinne ist dies eine Mentalität des »Kundenservices«, die sich auf den Anderen, die Andere konzentriert und so dem Vorbild Jesu folgt. Wenn die Menschen in der Gemeinde beispielsweise alle spanisch oder vietnamesisch oder haitianisch-kreolisch sprechen, müssen die Leiter deren Sprache und Kultur erlernen, um mit Ihnen zu kommunizieren. Wenn jüngere Leute in der Pfarrei nur mit der Bezahl-App Venmo Zahlungen leisten und kein Bargeld oder keine Schecks mehr benutzen, um für irgendetwas zu bezahlen, wird das Weiterreichen eines Sammelkorbes ihre Beiträge für den Auftrag der Kirche unterbinden, und so müssen alternative Möglichkeiten zum Spenden entwickelt werden.

Das zweite hervorstechende Kennzeichen einer Pfarrei der nächsten Generation ist die Art und Weise, wie sie eine persönliche Begegnung mit Jesus Christus fördert. Dies geschieht im Gottesdienst – bei der Feier der Eucharistie, der Anbetung und bei Erfahrungen mit Exerzitien. Die Eucharistie ist »Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens« (Lumen gentium 11), und die Sonntagsmesse sollte für die Menschen ein grundlegender Weg sein, Jesus Christus zu begegnen. Die Messe sollte etwas sein, zu dem die Menschen Nachbarn und Freunde einladen möchten, damit sie eine ähnliche lebensverändernde Begegnung mit Jesus erfahren können.

Viele Pfarreien haben entdeckt, dass die Anbetung des Allerheiligsten eine ruhige Umgebung in einer äußerst lauten und geschäftigen Welt schafft, damit die Menschen Jesus in der Eucharistie begegnen können. Und spirituelle Auszeiten, wie jene von ACTS (Adoration. Community. Theology. Service), Emmaus, Christ Renews His Parish, Cursillo und viele weiteren, geben den Menschen die Gelegenheit, sich einmal zurückzuziehen, Jesus zu begegnen und sich dazu zu entscheiden, ein Jünger zu werden.

Darüber hinaus fördert die Pfarrei auch eine Begegnung mit Jesus in der Gemeinschaft – durch kleine Gruppen, die in der Heiligen Schrift verwurzelt sind und die sich für Menschen in ihren verschiedenen Lebensphasen einsetzen. Die Bibel ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, Menschen dazu einzuladen, Jesus kennenzulernen und die Botschaft des Evangeliums ihr Leben verändern zu lassen. Um Menschen zu helfen, zu erkennen, wie Jesus in ihrem Leben wirkt, können diese kleinen Gruppen nach Lebensabschnitten organisiert werden (zum Beispiel Schüler, junge Eltern, Männer mittleren Alters, Großmütter).

Die Pfarrei der nächsten Generation fördert zudem eine Begegnung mit Jesus durch ein soziales Engagement für andere Menschen. Die Verbindung von theologischer Betrachtung und Dienst am Nächsten wird den Menschen helfen, das Angesicht Christi in denen zu erkennen, denen sie dienen. Alle regelmäßigen Dienste der Pfarrei sollten Gebet und Betrachtung einschließen, um sie von anderen Serviceorganisationen zu unterscheiden.

Das dritte Merkmal einer Pfarrei der nächsten Generation ist, dass sie in finanzieller Hinsicht erfolgreich ist und nicht nur über die Runden kommt. Die Jünger Jesu geben ihre ersten Früchte dem Herrn in Dankbarkeit mit Bedacht und bewusst zurück. Die Pfarrei der nächsten Generation nutzt das Evangelium, um den Menschen ein angemessenes Verhältnis zum Geld beizubringen. Gemeindemitglieder entwickeln ein Bedürfnis, der Kirche etwas zu geben, und nicht nur in Reaktion auf einen Bedarf. Diese Gemeinden sind nicht durch Schulden belastet und warten, bis sie die eingenommenen Mittel haben, bevor sie neue finanzielle Verpflichtungen eingehen. In einer Pfarrei der nächsten Generation wird ein Teil der Gemeindeeinnahmen zur Unterstützung der karitativen Arbeit der Kirche in anderen Regionen der Welt bereitgestellt.

Die Heiligen der nächsten Generation

Die Lebensgeschichten der Heiligen enthalten eine Fülle von Erzählungen über Menschen, die den Ruf Jesu hörten, beherzt darauf antworteten und dazu beitrugen, die Welt zu verwandeln. Vor 800 Jahren bat Jesus den heiligen Franz von Assisi, seine Kirche zu erneuern. Der heilige Franziskus hatte den Ruf zunächst falsch verstanden und machte sich daran, das Kirchengebäude in Ordnung zu bringen. Erst später begriff er, dass sein Ruf darin bestand, die Menschen der Kirche zu erneuern, und er machte sich nun an seine tatsächliche Mission.

Viele Herausforderungen der Kirche im 21. Jahrhundert können bewältigt werden, wenn katholische Verantwortungsträger heute mit der gleichen Leidenschaft die Frohe Botschaft Jesu Christi teilen, die die Heiligen, die uns vorangegangen sind, an den Tag legten. Wir brauchen Führungskräfte mit dem Mut, die notwendigen Entscheidungen zu treffen, damit die Ressourcen der Kirche »ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient«.

Bereits jetzt gibt es in den Vereinigten Staaten Beispiele dafür auf Pfarrei- und diözesaner Ebene. Mehrere haben sich dazu entschieden, dem Herrn zu vertrauen und haben ihre finanziellen Mittel für die Evangelisierung und Nachfolge eingesetzt. Hier haben kirchliche Verantwortungsträger ihre Gemeinden und Mitarbeiter durch einen kulturellen Wandlungsprozess geführt, an dessen Ende sich das Interesse nicht mehr auf die Beibehaltung des Status quo, sondern auf eine missionarische Nachfolge richtet. Sie haben es trotz des unvermeidbaren Rückschlags, der bei jedem Wandel auftritt, gemeistert. Sie haben die Früchte ihrer Bemühungen erlebt: Menschen, die in ihrem Glauben wachsen und hinausgehen und anderen helfen, um Jesus zu begegnen, und die als Jünger wachsen.

Die Chance besteht, dass solche Beispiele zur Regel werden und nicht die Ausnahme bleiben. Man sagt, dass es zwei Generationen dauert, bis ein Land seine Seele verliert. Wenn das der Fall ist, dann glaube ich, dass ein Land seine Seele auch in zwei Generationen wiedergewinnen kann. Die katholische Pfarrei der nächsten Generation kann die Richtung weisen, um dies in die Realität umzusetzen. Jetzt ist die Zeit gekommen, damit anzufangen.

MATTHEW F. MANION
Senior Fellow, The Catholic Leadership Institute, Wayne, Pennsylvania Aus dem Englischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt

Ausgabe 4/2017

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