Einzigartige Sammlung zur Missionsgeschichte Vor 100 Jahren Missionsbibliothek in Aachen gegründet corner

Einzigartige Sammlung zur Missionsgeschichte und zu jungen Theologien

Vor 100 Jahren wurde die Missionsbibliothek in Aachen gegründet

von MICHAEL DRUMMEN

Franz Baeumker baute die Missionsbibliothek in Aachen systematisch auf. Die von ihm angelegte Missionskartei ist ein wertvolles Hilfsmittel für die historische Missionswissenschaft.
FOTO: MIKADO

Im April 1917 wurde die Missionsbibliothek des Franziskus-Xaverius-Missionsvereins in Aachen gegründet. Heute, 100 Jahre später, ist aus der damaligen Missionsbibliothek unter dem Namen Mikado eine der größten deutschen Spezialbibliotheken für die Themen Weltkirche, Mission und Kontextuelle Theologien geworden. Mikado ist die Missionsbibliothek und katholische Dokumentationsstelle des Missionswissenschaftlichen Instituts Missio und des Internationalen katholischen Missionswerks missio in Aachen.

Trotz der durch den Weltkrieg bedrückenden Lage herrschte damals, vor 100 Jahren, Aufbruchsstimmung in der Aachener Zentrale des Franziskus-Xaverius- Missionsvereins. Der Missionsverein bedurfte dringend einer Neuorganisation. Die Zentrale in Aachen sollte gestärkt, aus dem reinen »Sammelverein« ein großer »Aktionsverein« werden. Erste wichtige Neuerungen waren ab Januar 1917 die Herausgabe einer neuen, eigenen Vereinszeitschrift unter dem Titel »Die Weltmission der katholischen Kirche« und die Einrichtung eines Generalsekretariats zum 15. April 1917. Erster hauptamtlicher Generalsekretär wurde Dr. Peter Josef Louis (1886 –1956). Gleichzeitig wurde die Einrichtung einer Missionsbibliothek an der Aachener Zentrale beschlossen. 1917 heißt es dazu in der Juli- Ausgabe der »Weltmission der katholischen Kirche«: »Als erste Notwendigkeit [für den gewünschten Ausbau der Zentrale in Aachen] erwies sich die Einrichtung einer Missionsbibliothek, die allen missionswissenschaftlichen und missionspraktischen Bedürfnissen der Mitglieder, insbesondere des hochw[ürdigen] Klerus entsprechen soll. Sie wird alle wichtigen Missionswerke und -zeitschriften enthalten.« Der Ankündigung folgt sogleich die Bitte um Unterstützung: »Die katholischen Verleger, die hochwürdige Geistlichkeit sowie alle, die sich für diese wichtige Abteilung unserer Zentrale interessieren, werden um gütige Spenden an Büchern oder Geld herzlichst gebeten«.

Dieser Aufruf war offensichtlich erfolgreich, wie Dr. Louis auf der Generalversammlung des Franziskus-Xaverius-Missionsvereins 1918 in Fulda berichtete: »Der Vorstand warf nur eine kleine Summe aus für die unbedingt notwendigen Handbücher, die Missionsorden und Genossenschaften sandten große Reihen ihrer Zeitschriften und Veröffentlichungen ein, weitere Anschaffungen erleichterte eine hochherzige Spende des Herrn Verlegers Oskar Kühlen, der für Bibliothekszwecke sämtliche noch notwendige Mittel zur Verfügung stellte.« Auch aus München gab es Unterstützung: »Der Direktor des Ludwig-Missionsvereins, Prälat Kirchberger, schenkte 64 Bände der bayerischen ›Annalen‹ «. Die Bände stehen noch heute in der Bibliothek in Aachen. Der Generalsekretär Louis schrieb bereits 1918: »Die Benutzung dieser Bibliothek seitens aller interessierten Kreise, vor allem des Pfarrklerus der verschiedensten Gegenden, rechtfertigt ihre Existenz.« Im Jahresbericht 1918 wird für die neu gegründete Missionsbibliothek ein Bestand von 2.000 Bänden angegeben. »Durch zahlreiche Schenkungen und systematische Einstellungen (nicht aus Mitgliedsbeiträgen) ist eine stattliche Bibliothek zustande gekommen, die Herr Dr. theol. Franz Baeumker verwaltet. Die Bibliothek enthält den größten Teil der katholischen Missionsliteratur der letzten Jahrzehnte und zahlreiche protestantische Missionswerke, ferner Bücher und Schriften der Grenzgebiete, wie Kolonialwissenschaft, Geografie und Ethnologie, sowie die Missionszeitschriften, darunter auch viele ausländische «, stellte Dr. Louis sieben Jahre später fest.

Mit der Einstellung von Dr. theol. Franz Baeumker (1884–1975) am1. April 1920 als Bibliothekar und Archivar des Franziskus-Xaverius-Missionsvereins wurde der Grundstein für den systematischen Auf- und Ausbau der Missionsbibliothek gelegt. Baeumker war vorher zwölf Jahre lang als Bibliothekar am Erzbischöflichen Priesterseminar in Köln tätig gewesen. Ein erster Katalog der Bibliothek wurde »in den fünf Monaten nach der Novemberrevolution 1918« erstellt, von Baeumker aber komplett überarbeitet und erweitert. So gab es in Form von Zettelkatalogen mehrere Zugänge zu den Buchbeständen: Autorenverzeichnis, Standortverzeichnis, Schlagwortverzeichnis und ein Zeitschriftenverzeichnis. Unter dem Bibliothekar Baeumker wuchs die Bibliothek stetig. Im Januar 1937 umfasste sie etwa 7.500 Bände, 1946, dank geringer Kriegsverluste, 10.500 und 1967, 50 Jahre nach ihrer Gründung, etwa 16.500 Bände. 1998 übernahm Mikado die Missionsbibliothek der Jesuiten als Dauerleihgabe; diese Bibliothek war vor allem für die Publikation der Zeitschrift »Die Katholischen Missionen « – heute »Forum Weltkirche« – genutzt worden. Der Bestand der Missionsbibliothek und katholischen Dokumentationsstelle Mikado umfasst inzwischen etwa 170.000Medieneinheiten.

Neben dem Autorenverzeichnis legte Franz Baeumker eine umfangreiche Missionskartei an; auf mehr als 10.000 Karteikarten sammelte er Informationen wie Geburtsort, Profess, Priesterweihe, Entsendedatum und Einsatzland von Priestern und Ordensleuten, die in der Mission tätig waren. Noch heute finden Besucher der Bibliothek über diese Kartei Daten und weitere Hinweise auf ihre (Ur-)Großtante oder ihren (Ur-)Großonkel, die in der Mission tätig waren. Seit April 1927 erweiterte ein umfangreiches Zeitungsausschnittarchiv, das wie die Bibliothek zum »Schrifttumsreferat « gehörte, die Sammlung und das Angebot des Päpstlichen Werkes der Glaubensverbreitung (wie der Missionsverein seit 1922 hieß). Die Sammlung von relevanten Zeitungsartikeln und vor allem sogenannter »Grauer Literatur« wird bis heute fortgeführt.

Die Benutzung der Bibliothek war nur an Ort und Stelle in Aachen möglich. Nur in »seltenen Ausnahmefällen « wurde ein Werk für kurze Zeit nach auswärts ausgeliehen, »damit die an der Zentrale schriftstellerisch tätigen Herren in der Benutzung der Bibliothek nicht gehindert werden«, so Dr. Louis 1925 im »Handbuch der päpstlichen Missionsvereine«. Dem Bibliothekar Baeumker bereitete diese Ausleihpraxis jedoch Sorgen, wie er 1937 schrieb: »Freilich ist auch die häusliche Ausleihe mir immer ein Problem geblieben, indem zwar bei weitem nicht alle Benutzer, aber doch einige recht sehr zum eigenen, manchmal vielleicht nicht einmal zum eigenen Nutzen entliehene Bücher über Gebühr zurückbehielten«.

Neben der Missionsbibliothek wurde bereits 1917 auch eine »Lichtbilderei« eingerichtet, »den Wünschen zahlreicher Pfarrer« entsprechend, wie es in der »Weltmission « im August 1917 heißt. Auch sie fand binnen kurzer Zeit regen Zuspruch, und in der gleichen Ausgabe wird empfohlen: »Bei der großen Nachfrage nach Missionslichtbildern bittet die Zentrale in Aachen […] die hochwürdigen Herren Pfarrer und Vereinsleiter dringend, sich die gewünschten Serien schon jetzt zu sichern«. Zur Ausleihe standen Lichtbildserien von meist 60 bis 90 Bildern mit Begleittext, die für den Einsatz auf Missionsveranstaltungen in den Pfarreien gedacht waren. Es gab Lichtbildserien zu einzelnen Missionsländern Afrikas, Asiens, Ozeaniens und Amerikas sowie zu Themen, etwa »Mission und Caritas«, »Die Schule in der Mission« oder auch »Das weibliche Apostolat in der Mission« und »Frauenleben im Missionsland «. In der Tradition der »Lichtbilderei« umfasst das missio-Bildarchiv heute eine Sammlung von etwa 400.000 Fotografien vor allem aus Afrika, Asien und Ozeanien. Über die Bild- und Mediendatenbank lassen sich Bilder und Videos zu Projekten in Afrika, Asien und Ozeanien und zu Schwerpunktthemen finden.

Mikado fühlt sich dieser langen Tradition als Missionsbibliothek verpflichtet. Mit dem Wandel zu einem dialogischen Missionsverständnis und der Entwicklung eigenständiger, kontextueller Theologien in den Ortskirchen hat sich aber auch der Charakter der Sammlung verändert. Wurden in der Gründungszeit vor allem die Berichte von Missionaren und Missionswissenschaftlern aus Europa und Nordamerika gesammelt und verzeichnet, sind in der Bibliothek nun Bücher und Zeitschriften aus Afrika, Asien, Ozeanien und Lateinamerika zu finden. Dort reflektieren Theologinnen und Theologen aus der Sicht ihrer Kontexte und Erfahrungen den christlichen Glauben und beziehen Stellung zum Thema Mission und Missionsgeschichte. Die Bibliothek ermöglicht damit die Auseinandersetzung mit neuen, vielleicht ungewohnten Blicken auf den Glauben und gibt die Möglichkeit, neue Theologien aus anderen kulturellen und geschichtlichen Kontexten kennenzulernen.

MICHAEL DRUMMEN
Leiter von Mikado

Ausgabe 4/2017

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