Schwerpunkt Spiritualität der Schöpfung Schöpfung in der afrikanischen Weltanschauung corner

Schöpfung in der afrikanischen Weltanschauung

Ist Laudato si’ ein Geschenk für Afrika?

von ANNE BÉATRICE FAYE

Vorab möchte ich betonen, dass es keine spontane Begriffsbildung gibt. Der Mensch bildet spezifische Begriffe nur im Hinblick auf sein konkretes Leben, das wiederum zwangsläufig vom physischen, gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld geprägt ist. So wird das Leben innerhalb der afrikanischen Weltanschauung als eine Wirklichkeit aufgefasst, die die Ahnen, die jetzt Lebenden, die noch nicht geborenen Kinder, die gesamte Schöpfung und alle Seinsformen umfasst und in sich begreift: die Sprechenden und die Stummen, die Denkenden und diejenigen, die über kein Denken verfügen. Das sichtbare und das unsichtbare Universum werden hier als Lebensraum des Menschen, aber auch als ein Raum der Gemeinschaft betrachtet, in dem die früheren Generationen unsichtbar mit der jetzigen Generation in Berührung kommen, die wiederum die Vorfahren der künftigen Generationen sind.

Rita Almeida da Costa, Brasilien: Dieses Foto habe ich in Tekoha Ocoy, einem Dorf mit indigener Bevölkerung, aufgenommen. Es steht für das Bemühen der brasilianischen Guaraní im Westen des Bundesstaates Paraná, Saatgut für eine bessere Welt zu schützen. Diese Reissamen sind viele Jahrhunderte aufbewahrt worden, sie sind nicht genmanipuliert. In ihren Pflanzungen verwenden die Guaraní keine Pestizide.
FOTO: RITA ALMEIDA DA COSTA/CIDSE

Diese Offenheit des Herzens und des Geistes der afrikanischen Tradition nimmt im alltäglichen Leben konkrete Gestalt an. Der Mensch begreift sich selbst als ein multidimensionales Wesen. Er unterhält Beziehungen zu seinesgleichen, zu seinen Ahnen, zu Gott und zu anderen kosmischen Kräften. Er befindet sich nicht nur in einer natürlichen Umgebung, sondern auch in einem gesellschaftlichen Milieu. Die Schöpfung umfasst das Leben der spontan wachsenden und der angebauten Pflanzen sowie die Tätigkeiten des Menschen und all das, was damit einhergeht, nämlich die Bäume und anderen grünen Gewächse.

Ich beziehe mich auf die Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus und werde unten drei Gründe benennen, die mich dazu veranlassen, diese Enzyklika als ein Geschenk für Afrika zu betrachten. Doch vorweg die Frage: Wie kann es der Schöpfungsbegriff in Afrika ermöglichen, die Beziehung zwischen dem Menschen und seiner natürlichen Umwelt und zugleich seinem wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und spirituellen Umfeld wiederherzustellen?

Mein Beitrag versucht, auf diese Frage eine Antwort zu geben. Hierfür schlage ich drei Etappen vor: In einem ersten Schritt werden wir innehalten, um Kontakt zu unseren Wurzeln aufzunehmen und das Verständnis von Schöpfung in Afrika und in Laudato si’ zu erfassen. In einem zweiten Schritt bestimmen wir den Ort des Menschen innerhalb dieser beiden Kontexte. Aus diesen ersten beiden Punkten ergibt sich, dass die Bedeutung von Schöpfung über das hinausgeht, was die Spezies Mensch umgibt. Sie ist in erster Linie ein kultureller Reichtum und ein kulturelles Erbe im lebendigen, dynamischen und partizipativen Sinne, das nicht ausgeklammert werden kann, wenn man die Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt neu überdenkt. Wenn dem aber so ist: Welche Botschaft für unsere Zeit kann daraus abgelesen werden?

Am Ursprung der Schöpfung in Afrika

Der Afrikaner beschreibt die Welt als lebendig. Er erfasst den dreidimensionalen Raum und fügt ihm eine vierte Dimension hinzu, die vom heiligen Raum gebildet wird. Dieser ist von großer Bedeutung, denn er kontrolliert den gesamten Kosmos. Es ist die Dimension der Eingeweihten, an denen der Initiationsritus vollzogen wurde. Der Sinn der Schöpfung fügt sich in diese Logik von Gesellschaft und Tradition, des Kollektivs und des Heiligen ein.

Die Mythen und Traditionen Afrikas belehren uns darüber, dass die Welt entweder aus dem Aufplatzen oder dem Aufblühen eines einzigartigen Wesens hervorgegangen ist. »Wir stellen uns vor, dass die Welt als aus einem unendlich kleinen und äußerst konzentrierten, in Spannung stehenden Zustand hervorgegangen ist, dem ersten Samenkorn oder dem ursprünglichen Ei, dessen Aufplatzen einen Riesen freigelassen hat: Unsere Welt ist in einem ewig fortwährenden Zustand des Entstehens.« Alles geht also aus einem einzigen Wesen hervor. Es stellt sich heraus, dass das erste Samenkorn oder das ursprüngliche Ei in keimhafter Gestalt und potenziell alle Wirklichkeiten in sich enthielt. Und da die Welt sich in einem Zustand ständigen Entstehens befindet, können wir sagen, dass sie nicht geboren ist, sondern seit den Anfängen geboren wird.

Das göttliche Prinzip enthält in sich das Wesen aller Dinge. Es ist am Ursprung aller Dinge und lässt alle Dinge leben. Es erfüllt das ganze Universum, indem es alle Seinsformen und alle Dinge jeden Tag in Schwingung versetzt und mit Leben erfüllt. Als Menschen sind wir nicht einfach Nutznießer, sondern Hüter der anderen Geschöpfe. Dies ist der Grund, warum die Tiere und Pflanzen im Totem-Glauben dazu verwendet werden, alles, was ist, zu symbolisieren. Wenn man die Verbindung mit den Ahnen im Sinne eines Totems oder im legendären Sinne herstellt, dann bewirkt man Harmonie der Seinsformen in der Tier- und Pflanzenwelt.

Auch die Erde ist göttlich und als solche mit einem Wert in sich selbst ausgestattet, dem Leben. Sie ist von Göttern, Genien, Ahnen, okkulten Kräften bevölkert, deren Wohlwollen sie erlangen muss, denn Letztere sind in der Lage, Missbräuche zu bestrafen. Daher spricht der große senegalesische Dichter Birago Diop die Empfehlung aus: »Höre öfter hin, höre auf die Dinge, die Wesen, die Stimme des Feuers lässt sich vernehmen, vernimm die Stimme des Wassers. Höre den Busch, der im Wind schluchzt: Es ist der Atem der Ahnen. Die gestorben sind, sind nicht für immer gegangen. Sie sind im Schatten, der sich auflöst, und im Schatten, der zunimmt. Die Toten sind nicht unter der Erde. Sie sind im Baum, der erzittert, sie sind im Holz, das weint, sie sind im Fließen des Wassers, sie sind in der Hütte, inmitten der Menge. Die Toten sind nicht tot.«Es gibt keinen profanen Begriff der Natur. Die verstorbenen Ahnen sind weiterhin Teil der Gemeinschaft der Lebenden, denn beide sind aufgrund der Notwendigkeit miteinander verbunden, sich gegenseitig zu helfen. Diese Betrachtungsweise der Schöpfung lässt uns in jedem Ding eine Lehre entdecken, die Gott uns zukommen lassen will, denn »die Schöpfung zu betrachten bedeutet für den Gläubigen auch, eine Botschaft zu hören, eine paradoxe und lautlose Stimme wahrzunehmen« (LS 85).

Genevieve Thibault, Kanada: Lise und Carol haben einen landwirtschaftlichen Familienbetrieb und liefern mir alle drei Monate Biofleisch direkt nach Hause. Die kurze Strecke hat es mir möglich gemacht, eine direkte Verbindung zu meinen Fleischproduzenten aufzubauen, ohne jeglichen Zwischenhändler. Ich bin froh, in meiner Umgebung umweltbewusste Menschen, die sich um das Wohl ihrer Tiere sorgen, zu ermutigen.
FOTO: GENEVIEVE THIBAULT/CIDSE

Eine ganzheitliche Ökologie

Ich habe weiter oben gesagt, dass Laudato si’ ein Geschenk für Afrika ist, und zwar aus drei Gründen: Erstens, weil es eine Freude ist, diese Enzyklika zu lesen. Sie hilft uns, unsere Wurzeln, unsere wechselseitige Verbundenheit und Abhängigkeit wiederzuentdecken. Sie ist ganzheitlich und zugleich gut abgegrenzt, sie ist integrierend, konkret und prophetisch. Der Papst spricht vom »gemeinsamen Haus«, um einen Appell an die »gesamte Menschheitsfamilie« zu richten. Es ist kein Zufall, dass die Enzyklika am Pfingstfest unterzeichnet und im Vatikan von einem Orthodoxen, einem Naturwissenschaftler, einem afrikanischen Kardinal (Peter Kodwo Appiah Turkson als Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden) und einer Frau aus Asien vorgestellt wurde. Der Klimawandel ist ein übergreifendes Phänomen, das nicht nach Glaubenszugehörigkeit, Nationalität, Geschlecht oder Ideologie unterscheidet und die gesamte Menschheit betrifft: »[…] euer Vater im Himmel lässt die Sonne aufgehen über Böse und Gute, und er lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte« (Mt 5,45).

Der zweite Grund dafür, dass die Enzyklika ein Geschenk für Afrika darstellt, ist die Tatsache, dass der Papst das gemeinsame Haus vom globalen Süden der Menschheit aus in Augenschein nimmt, und er macht sich zum Sprachrohr des Südens. »Der Schrei der Erde ist auch der Schrei der Armen.« Tatsächlich ist unser gemeinsames Haus durch die Verschlechterung des Zustands der Umwelt geschwächt. Insbesondere in Afrika ist diese Verschlechterung zum Teil verantwortlich für die Verarmung einer wachsenden Zahl von Menschen. Und die Armut selbst ist zu einem Faktor der ökologischen Zerstörung geworden, denn die verzweifelten Menschen zehren die lebenswichtigen Ressourcen auf, von denen sie abhängig sind. Schließlich – und das ist der dritte Grund – lädt uns der Papst dazu ein, unsere Lebensweise infrage zu stellen und das Leben zu fördern.

Laudato si’ spricht von der ganzheitlichen Ökologie, die den ganzen Menschen in all seinen Dimensionen und die gesamte Natur in ihrer großen Vielfalt in den Blick nimmt. So ist alles miteinander verbunden, und als Menschen sind wir alle geschwisterlich auf einer wunderbaren Pilgerreise vereint und verknüpft durch die Liebe, die Gott für jedes seiner Geschöpfe hegt und die auch uns in einer zärtlichen Zuneigung mit Bruder Sonne, Schwester Mond, Schwester Fluss und Mutter Erde vereint. »[…] denn von der Größe und Schönheit der Geschöpfe lässt sich auf ihren Schöpfer schließen« (Weish 13,5). »Das ganze materielle Universum ist ein Ausdruck der Liebe Gottes, seiner grenzenlosen Zärtlichkeit uns gegenüber. Der Erdboden, das Wasser, die Berge – alles ist eine Liebkosung Gottes« (LS 84). Und: »Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit« (Röm 1,20). Anders gesagt: »Das Göttliche und das Menschliche begegnen einander selbst in den kleinsten Details des nahtlosen Gewandes der Schöpfung Gottes, bis hin zum winzigsten Staubkorn unseres Planeten.«

Der Papst erinnert uns daran, dass man die Welt nicht einfach analysieren kann, indem man nur einen ihrer Aspekte isoliert herausgreift, denn »das Buch der Natur ist ein einziges und unteilbar« und umfasst unter anderem die Umwelt, das Leben, die Sexualität, die Familie und die gesellschaftlichen Beziehungen. »Wenn man von ›Umwelt‹ spricht, weist man insbesondere auf die gegebene Beziehung zwischen der Natur und der Gesellschaft hin, die sie bewohnt. Das hindert uns daran, die Natur als etwas von uns Verschiedenes oder als einen schlichten Rahmen unseres Lebens zu verstehen. Wir sind in sie eingeschlossen, sind ein Teil von ihr und leben mit ihr in wechselseitiger Durchdringung« (LS 139).

Die Umweltkrise ist nicht auf eine bloß technische Dimension zu reduzieren. Es geht nicht einfach nur darum, technische Lösungen zu finden, sondern – so der Papst – um eine tiefe Bekehrung. Bekehrung ist keine Ansammlung von auferlegten Wahrheiten – kein Dogma. Bekehrung entsteht durch Beziehungen. Sie ist vielfältig. Wegen dieser Zusammenhänge, ihres umfassenden Charakters, ihrer Komplexität erschüttert sie die gängige Vorstellung vom Platz des Menschen innerhalb der Schöpfung. So wird das gemeinsame Haus durch Dialog und Zusammenarbeit aller gerettet: der Gläubigen und der Nichtglaubenden.

Wir brauchen eine neue, weltweite Solidarität, wie die Bischöfe Südafrikas betont haben. Tatsächlich sind »die Talente und das Engagement aller nötig, um die Schäden zu reparieren, die durch den Missbrauch des Menschen in der Begegnung mit der Schöpfung entstanden sind«. Wir alle können als Werkzeuge Gottes für die Bewahrung der Schöpfung zusammenarbeiten, ein jeder, wie es seiner Kultur, seiner Erfahrung, seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten entspricht. »Die Geschichte der eigenen Freundschaft mit Gott entwickelt sich immer in einem geografischen Raum, der sich in ein ganz persönliches Zeichen verwandelt, und jeder von uns bewahrt in seinem Gedächtnis Orte, deren Erinnerung ihm gut tut. Wer in den Bergen aufgewachsen ist oder wer sich als Kind zum Trinken am Bach niedergesetzt hat oder wer auf dem Platz in seinem Wohnviertel gespielt hat, fühlt sich, wenn er an diese Orte zurückkehrt, gerufen, seine eigene Identität wiederzuerlangen« (LS 84). Der Papst lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die wechselseitige Abhängigkeit von allem und aller in und durch Gott. Wir sind alle durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden und bilden zusammen eine Art weltweite Familie. Der Mensch ist dazu aufgerufen, die Schöpfung mit ihren ihr innewohnenden Gesetzen zu respektieren, denn »der Herr hat die Erde mit Weisheit gegründet« (Spr 3,19).

Micael Luz Amaral, Brasilien: Carlos zieht in seinem Garten in Ibicoara Kaffeepflanzen. In dieser Region Brasiliens gehören die Zucht von Kaffeesetzlingen und die Getreideernte zu den wichtigsten Zweigen der lokalen Wirtschaft. Es geht um eine handwerkliche, nachhaltige und gemeinsame Produktionsweise von Männern, Frauen und Kindern gleichermaßen, die die Umwelt nicht belastet und die landwirtschaftlichen Familienbetriebe stärkt.
FOTO: MICAEL LUZ AMARAL/CIDSE

Respekt vor der Natur

In Afrika definiert man den Menschen in enger Beziehung zum Kosmos. An der Verwandtschaft zwischen Mensch und Pflanze gibt es keinen Zweifel. So hat beispielsweise der Baum in Afrika einen hohen Stellenwert. Unter seinen vielfachen Bedeutungen ist er auch Ausdruck des Verhältnisses einer Gesellschaft zu ihrer Umwelt. Er tritt als der vorzügliche Repräsentant der Pflanzenwelt in Erscheinung und wird oft als menschenähnlich behandelt. Der Baum, dessen Art nicht näher bestimmt wird, repräsentiert alle Bäume, aber im Kontext von Hunger auch alle Pflanzen »des Buschs«. Sein Schatten, seine Blätter, seine Rinde machen auf recht konkrete Weise den vielfachen Nutzen der Bäume in Afrika deutlich. Er kann ein wunderbares, der Sprache fähiges Lebewesen sein, das den Tieren »begegnet«. Der ernährende Baum ist es, der unerschöpfliche Ressourcen enthält, wenn man es versteht, davon in Maßen Gebrauch zu machen. Er ist deshalb heilig, man kann ihn nicht fällen, ohne vorher die Ahnen angerufen und sie um Verzeihung gebeten zu haben. Die gesamte Natur ist göttlich und heilig.

Wir haben den heiligen Wald. Er ist im Allgemeinen der Ort für Zeremonien, für religiöse Riten, für Initiationsriten, ein Ort des Gedenkens oder eines Gründers einer Gemeinschaft. Er ist auch ein symbolischer Ort. Wenn man nach Mar Lodj kommt, einem Dorf im Senegal, dann sieht man, dass der heilige Wald ganz einfach aus drei miteinander verschränkten Bäumen besteht. Sie repräsentieren die Verbindung zwischen Katholiken, Muslimen und Animisten. Die heiligen Wälder werden von der Bevölkerung, die sie beschützt, als Ort oder Zufluchtsstätte der Geister oder der Götter betrachtet. Man muss sie also respektieren.

Glücklicherweise erleben wir heute, dass ein Bewusstsein der Notwendigkeit entsteht, diese kulturellen und natürlichen Orte zu schützen und zu bewahren. So wurde die Achtung heiliger Stätten in die ethischen Prinzipien aufgenommen, die anlässlich der Weltkonferenz über die Artenvielfalt im Jahr 2010 in Nagoya festgelegt wurden. Die heiligen Wälder werden seither als Heiligtümer betrachtet, die einer tierischen und pflanzlichen Artenvielfalt Schutz bieten. Dies gilt besonders für den heiligen Wald des Volkes der Yoruba von Osun-Oshogbo in Nigeria. Von der UNESCO wurde dieser Wald zum Weltkulturerbe erklärt. Er repräsentiert ein natürliches und kulturelles Interesse gleichermaßen. Einerseits befindet er sich in einem ursprünglichen, noch unberührten Waldgebiet; andererseits ist er ein Symbol der Identität, ein Ausdruck der traditionellen Praxis heiliger Wälder und bezeugt durch Kunstwerke die Auffassung der Yoruba von der Weltentstehung. In dieser umfassenden Sichtweise vom Menschen, der sich in einen Lebensfluss einfügt, der größer ist als er selbst, wird der Begriff der Schöpfung geprägt. Wenn dem so ist, dann lautet die Botschaft, die uns diese Symbole übermitteln: Den Lebensraum gestalten, indem man auf die Schöpfung Rücksicht nimmt.

Eine Botschaft für unsere Zeit

Sicherlich, im großen Maßstab geht es nicht darum, eine mythische Natur zu erhalten, sondern sie zu nutzen, ohne ihre Fähigkeiten zur Regeneration zu zerstören. Es geht darum, unsere Verantwortung für unser gemeinsames Haus zu übernehmen, denn die Sorgfalt gegenüber unserer Umwelt beeinflusst die Qualität unserer Beziehungen zu den anderen. Es gibt eine tiefe Verbundenheit zwischen den Lebenden, denen, die vor uns gegangen sind, denen, die noch geboren werden, und der Erde selbst, auf der wir leben. Dieses »Geheimnis der vielfältigen Beziehungen, die zwischen den Dingen bestehen « (LS 20), ist ein Aufruf zu einer Bekehrung, die jeden Einzelnen meint, denn die Verschlechterung der Umweltbedingungen ist eng mit der Armut und der Mobilität der Menschen verknüpft.

Es ist allgemein anerkannt, dass die Armen am stärksten von Trockenheit, Überschwemmungen und Orkanen betroffen sind. Die Armen sind am wenigsten geschützt und verlieren am meisten. Die Zahl der Armen wird immer stärker zunehmen, wenn man den Anstieg der Temperatur nicht aufhält. Dies zeigen uns die Folgen des Klimawandels in bestimmten Gebieten Afrikas. So schmilzt die Schneedecke des Kilimandscharo, des Wahrzeichens und höchsten Berges des Kontinents, bereits weg und liefert das Jahr über dann nicht mehr genügend Wasser für die Dörfer am Fuß des Berges. In dem Maße, in dem sich diese Probleme verschlimmern, besteht die Gefahr eines Anwachsens der Migration innerhalb des Kontinents und über seine Grenzen hinaus, was zu sozialer Instabilität und zu Konflikten führt, die dramatischer sein werden als die aktuelle Flüchtlingskrise.

Die wachsende Zahl von Migranten, die aus dem Elend fliehen, das sich aufgrund der Verschlechterung der Umweltbedingungen verschärft, ist eine Tragödie. Diese Migranten werden von den internationalen Konventionen nicht als Flüchtlinge anerkannt, sie tragen die Last ihres Lebens im Niedergang ohne jeglichen Schutz durch das Gesetz. Leider muss man eine allgemeine Gleichgültigkeit angesichts dieser Tragödien feststellen, die sich zurzeit in verschiedenen Ländern der Welt abspielen.

Priscilla Rodrigues, Brasilien: Diese schwimmende Insel überlebt, indem sie Solarenergie »einfängt«. Die Energie wird in den Aluminiumgehäusen gespeichert und an die ganze Insel verteilt.
FOTO: PRISCILLA RODRIGUES/CIDSE

Anstatt eines Schlussworts

Wir Afrikaner sehen eine enge Verbindung zwischen der Erde, dem Baum, dem Wasser und dem Leben. Die gesamte Biosphäre – ob vom Menschen genutzt oder nicht – wird als fast göttliche Größe betrachtet. Sie umgibt den Menschen und kann äußerstenfalls als deren wahres schöpferisches Prinzip betrachtet werden. Wenn es darum geht, unsere Umwelt zu schützen, sie auch für die künftigen Generationen zu bewahren, dann im Grunde deshalb, weil das Leben »Ja« zum Leben sagt. Dieses Leben herrscht in uns und außerhalb von uns im Reich der Tiere und Pflanzen. Diese afrikanische Sichtweise der Schöpfung bedeutet:

– ein stärkeres Bewusstsein unserer Verbindung zu unserem Ökosystem als Ort und Quelle der Fruchtbarkeit, der Einheit und des Zusammenhalts; – eine Gesellschaft, in der nicht nur unter den Menschen Frieden herrscht, sondern zwischen allen Lebensformen; – das Gleichgewicht, das die Kraft, die Reinheit und die Einfachheit unserer afrikanischen Kultur gleichermaßen ausmacht; – den Kampf gegen jede Art von Hegemonie, von Herrschaft, von Macht, von (physischer oder moralischer) Vergiftung; – Respekt gegenüber der Natur und vor allem ein harmonisches Zusammenleben mit ihr, damit Glück und Frieden herrschen können.

Der mögliche Beitrag des Schöpfungsverständnisses in Afrika zur ökologischen Frage betrifft zwei Bereiche. Auf praktischer Ebene kann es uns helfen, die Auswirkungen des menschlichen Handelns auf die Ökosysteme zu bewerten. Das Wohlbefinden und die Entfaltung des menschlichen und außermenschlichen Lebens sind tatsächlich Werte in sich. Mehr noch: Die reiche Vielfalt der Lebensformen trägt zur Verwirklichung dieser Werte bei. Es ist interessant zu beobachten, wie wir oftmals Subjekt und Objekt, Ursache und Wirkung voneinander trennen. So führen wir uns beispielsweise so auf, als hätten wir eine Generalvollmacht, die Ressourcen der Erde auszuplündern, ohne dass der Planet darauf reagiert. Wir handeln so, als hätte unser Tun keine Folgen. Diese verkürzte Sicht der Wirklichkeit führt uns zu einer Kultur der Verantwortungslosigkeit.

Aus einer theoretischen Perspektive ermöglicht es uns das Verständnis der Schöpfung in Afrika zu analysieren, in welchem Maße das Verhältnis zwischen dem Menschen und seiner Umwelt dem »normalen« Funktionieren der Natur entspricht. Dieser Schritt kann uns helfen, unser Verhältnis zur Erde neu zu definieren und die herrschenden Paradigmen auf den Kopf zu stellen, wenn wir uns ihr gegenüber positionieren. Anders gesagt: Der Mensch muss vom Parasiten, der das Verhältnis zur Natur in nur einer Richtung und deshalb asymmetrisch bestimmt, zum symbiotisch mit der Natur zusammenlebenden Wesen werden, der die Austauschbeziehung akzeptiert, welche darin besteht, dass er das wieder zurückerstattet, was er von ihr leiht. »Also zurück zur Natur! Was bedeutet: den ausschließlichen Gesellschaftsvertrag durch einen Naturvertrag der Symbiose und Wechselseitigkeit ergänzen, bei dessen Abschluss unsere Beziehung zu den Dingen sich ihrer Herrschaft und ihres Besitzrechts begibt zugunsten von bewunderndem Zuhören […]. Das Herrschafts- und Eigentumsrecht reduziert sich auf den Parasitismus. Das Symbiose-Recht dagegen ist durch Wechselseitigkeit ausgezeichnet: So viel die Natur dem Menschen gibt, so viel muss der Mensch ihr, die jetzt Rechtssubjekt geworden ist, zurückerstatten.«

Der Mensch muss die Natur behüten, das heißt sie schützen, bewahren, pflegen und über sie wachen. Dies setzt eine verantwortliche Beziehung der Reziprozität zwischen Mensch und Natur voraus. Jede Gemeinschaft kann der Schönheit der Natur das entnehmen, was sie zum Überleben braucht, doch sie hat auch die Pflicht, sie zu bewahren und den Fortbestand ihrer Fruchtbarkeit für die künftigen Generationen zu gewährleisten. Denn es steht fest: »Dem Herrn der Erde« (Ps 24,2) gehört »die Erde und alles, was sie enthält« (Dtn 10,14).

ANNE BÉATRICE FAYE
Ordensschwester, Theologin und Philosophin aus dem Senegal
Übersetzung: Dr. Bruno Kern M.A.

Ausgabe 5/2017

Alexandre Degaki, Japan: Sonnenaufgang in Shamane-Ken, Japan.
FOTO: ALEXANDRE DEGAKI/CIDSE

ANMERKUNGEN

1 Ndebi Biya, L’être comme génération. Essai critique d’une ontologie d’inspiration africaine, Straßburg 1995, S. 50.
2 Birago Diop, Le souffle des ancêtres (aus der Sammlung »Leurres et lueurs«), hrsg. von Présence Africaine, 1960.
3 Rede beim ersten Gipfel von Haki, Global Responsibility and Ecological Sustainability. Closing remarks, Istanbul 2012.
4 Katholische Bischofskonferenz Südafrikas, Pastoral Statement on the Environmental Crisis, 5. September 1999.
5 Vgl. Geneviève Calame-Griaule (Hrsg.), Le thème de l’arbre dans les contes africains, Paris 1969–1971, S. 16, 20, 42–43.
6 Vgl. die offizielle Website der Konferenz Convention on Biological Diversity, www.cbd.int/cop10/ (05.08.2016).
7 Michel Serres, Der Naturvertrag, Frankfurt a. M. 1994, S. 68f.

Der Artikel ist eine gekürzte Fassung eines Beitrags in Klaus Krämer/Klaus Vellguth (Hrsg.), Schöpfung – Miteinander leben im gemeinsamen Haus (ThEW 11), Freiburg i. Br. 2017.

Gratis-Ausgaben

Ich möchte Forum Weltkirche mit 2 Gratis-Ausgaben kennen lernen.

/ Bestellen bei HerderShop24