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Partnerschaft mit der Erde

Indische Inspirationen zu einer Spiritualität der Schöpfung

von ROBERT ATHICKAL

Der vorliegende Beitrag versucht, das traditionelle Verständnis von Schöpfung und Verantwortung weiterzuentwickeln – hin zum Gedanken einer nicht abgeschlossenen Schöpfung und Kosmogenese (Ursprung und Entwicklung des Kosmos).

Arthur Roessle, Brasilien: Dies ist João. Er baut Biokaffee an ohne Agrochemikalien, die den Boden belasten. Es war schon immer sein Traum, Landwirtschaft zu betreiben und sich um seine Kaffeepflanzen zu kümmern. Heute, nach vielen Jahren, ist Joãos Kaffee einer der besten in der Region.
FOTO: ARTHUR ROESSLE/CIDSE

Es ist an der Zeit, mit einem grob vereinfachenden Schöpfungsbild aufzuräumen, in dem ein Gott als Zauberer alles mit einer Handbewegung in sieben Tagen geschaffen hat. Sämtliche Schöpfungsgeschichten aller Religionen sind im Grunde einfach. Gott oder ein ähnliches Wesen wird zum Zauberer und erschafft alles durch bloße Gesten mit seinen oder ihren Händen. Die Schöpfungsgeschichte in der Bibel bildet da keine Ausnahme. Nach dem jüdisch-christlichen Verständnis hat Gott alles in sechs Tagen erschaffen und am siebten Tag geruht. Gott sitzt auf seinem Thron und befiehlt: »Es werde!« Und jedes Mal findet etwas Großes statt.

Bei der Untersuchung verschiedener Schöpfungsmythen stellte der Religionshistoriker Mircea Eliade fest, dass es Hunderte ähnlicher dramatischer Geschichten mit magischen oder verzauberten Momenten gibt.Die Mythen entstanden in einer Zeit, in der die menschlichen Zivilisationen noch in ihren Kinderschuhen steckten, mit dem Zweck, die endgültige Bedeutung des Kosmos in einfachen, lebendigen Geschichten weiterzugeben.

Schöpfung kann auch gedacht werden als ein komplexes Ereignis, das noch fortdauert, das weder abgeschlossen ist noch auf seine Auflösung zusteuert. Heute wissen wir durch die Naturwissenschaften, dass die Schöpfung ein komplexes Ereignis ist und es Milliarden von Jahren gebraucht hat, um dort hinzukommen, wo wir jetzt sind. Seit Sir Edwin Hubble in den 1920er Jahren entdeckte, dass alle Sterne und Planeten auseinanderdriften, suchte die Wissenschaft dafür nach einer plausiblen Erklärung. Das Ergebnis war die Urknall- Theorie. Vor 13,7 Milliarden Jahren ereignete sich demnach eine gewaltige Explosion, die zur Entstehung der ersten Wasserstoff- und Heliumatome geführt hat, die später verschmolzen und Verbindungen eingingen, um die Schöpfung in all ihrer Komplexität hervorzubringen. Die Geburt der Erde erfolgte viel später durch andere komplexe Vorgänge im Inneren der Sonne. Vor 4,5 Milliarden Jahren entstanden die Erde und ihre Schwesterplaneten aus siedend heißen Materiemassen.

Der Wissenschaftler, Kosmologe und Jesuit Teilhard de Chardin sprach vom komplexen Schöpfungsprozess, indem er den neuen Begriff der Kosmogenese – das Entstehen des Kosmos – prägte. Kosmogenese ist ein komplexes Ereignis, und der Prozess ist keineswegs abgeschlossen: Der Kosmos ist im Werden.

In unserer Zeit haben wir festgestellt, wie riesig das Universum ist, in dem wir leben. Wir können uns nicht einmal vorstellen, wie groß das Universum ist! Es gibt mehr als 100 Milliarden Galaxien und jede Galaxie besteht aus durchschnittlich 100 Milliarden Sternen. Wir messen die Entfernungen in Lichtjahren. Selbst mit einem unserer schnellsten Raumschiffe mit einer Geschwindigkeit von 60.000 Kilometer pro Stunde würde man 76.000 Jahre oder 2.500 Menschengenerationen brauchen, um zu dem der Sonne am nächsten gelegenen Stern, dem Proxima Centauri, zu gelangen. Dabei müsste man eine Entfernung von 4,33 Lichtjahren zurücklegen, um in unsere »unmittelbare« Nachbarschaft zu reisen. Und das Universum, das wir kennen, umfasst Entfernungen von Milliarden von Lichtjahren.

Das Leben auf der Erde entstand erst nach einer langen Zeit von vier Milliarden Jahren seit der Geburt der Erde. Aminosäuren trafen aufeinander und bildeten den ersten Funken Leben. Die Entstehung des Lebens und die Evolution fanden in intensiver Dichte in den letzten 500 Millionen Jahren statt. Das ist der komplizierte Prozess der Kosmogenese, der »Entstehung der Schöpfung«!

Der Kosmos steuert nicht unmittelbar auf seine Auflösung zu, wie einige christlich-evangelikale Bewegungen warnen. Nach 13,7 Milliarden Jahren befinden wir uns vielleicht erst in der frühen Kindheit oder in der Lebensmitte des Kosmos.

Fergal Anderson, Irland: Wir führen ein gemeinschaftliches Landwirtschaftsprojekt, wir verkaufen unsere Produkte auf dem lokalen Markt und beliefern ein Restaurant. Die Natur gibt in Hülle und Fülle, wenn man ihr Sorgfalt und Aufmerksamkeit schenkt. In Irland ist das Ende des Sommers immer eine tolle Zeit, da man so viel Arbeit ernten kann. Hier trocknen die Zwiebeln im Tunnel, und die Tomaten sind reif.
FOTO: FERGAL ANDERSON/CIDSE

Das Konzept des Pralaya

Während wir die Zeit nach dem Urknall auf 13,7 Milliarden Jahre berechnen, haben wir keinerlei Vorstellung davon, was vor dieser kosmischen Explosion passiert ist. Gab es davor viele Universen? Die indischen Philosophen, die darüber nachgedacht haben, entwickelten die Idee des Pralaya als »Auflösung« des Universums. Die Geschichte von Indra (einem der Götter) und der »Parade der Ameisen « im Brahma Vaivarta Purana der Hindu-Schriften weist auf die Idee der Zeitlosigkeit hin.

Die Zeitrechnung bei den Hindus erfolgt in Äonen. Vier Äonen sind ein Mahayuga (»Großes Äon«), das heißt 311.040.000.000.000 Jahre. Die Philosophen vermuten berechtigterweise die Möglichkeit vieler solcher Großen Äonen. Sie bilden gerade mal einen Tag für den Gott Brahma! Und es gab viele Brahmas, die jeweils mehr als hundert solcher Jahre lebten, wobei einer auf den anderen folgte. Dies führt uns direkt zum Geheimnis der Zeitlosigkeit. Die von Indra und den Ameisen handelnde Erzählung im Brahma Vaivarta Purana tilgt jeglichen menschlichen Stolz und jegliches Gefühl, die Geschichte beherrschen zu können.

Wir beziehen uns auf diese Idee der Zeitlosigkeit, um das richtige Verständnis für die Schöpfung zu bekommen. Schöpfung ist keine Sache von sechs Tagen oder ein paar tausend Jahren. Teilhard de Chardins Vorstellung von der Kosmogenese gibt uns einen realistischen Blick auf die Geburt des Kosmos, die kein historisch abgeschlossenes Ereignis ist. Vielmehr ist sie ein Prozess, in dem wir Menschen eine wichtige Rolle spielen.

Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955) war ein bedeutender Wissenschaftler, Paläontologe, Philosoph und Mystiker. Er hat sich mit dem Thema Schöpfung auseinandergesetzt und beschrieb seine Version in seinem Buch Le Phénomène humain (Der Mensch im Kosmos). Teilhard de Chardins Denken drehte sich um die Idee, Schöpfung sei ein Prozess und die Menschen entwickelten sich aus Atomen in einem langwierigen Prozess namens Orthogenese (»konvergente Evolution «). Er stimmte mit Charles Darwin in dessen These überein, der Mensch stamme von den Primaten ab. Die Evolution sei kein sinnloser Prozess, sondern eine zielgerichtete Entwicklung auf einen Punkt hin, den er Omega nannte.

Der Kulturhistoriker und Geologe Thomas Berry (1914–2009) übertrug zusammen mit dem Mathematiker Brian Swimme (geboren 1950) Teilhard de Chardins Gedanken in unsere heutige Zeit. Sie sprachen beide von der Geschichte des Universums und in diesem Zusammenhang auch oft vom Traum der Erde. Der Traum der Erde beginnt mit dem Urknall und verwirklicht sich immer weiter. Die Menschen sind so mächtig wie die Erde geworden und sollten daher, nach der Vorstellung von Berry und Swimme, partnerschaftlich mit der Erde an der Verwirklichung des gemeinsamen Traums arbeiten. Sie sprachen von einer gemeinsamen Zukunft und einem gemeinsamen Traum mit der Erde, bei dem die Menschen, Felsen, Bäume und Büffel in Harmonie und Frieden zusammenleben. Sie schlugen vor, die Menschen sollten die schwere Bürde der Verantwortung zum Schutz des Planeten in Richtung auf eine gemeinsame Zukunft übernehmen.Teilhard de Chardin, Berry und Swimme betonten die wichtige partnerschaftliche Rolle, die wir Menschen bei der fortdauernden Entwicklung der Schöpfung spielen.

Rabin Chakrabarti, Indien: Nach einem langen Tag auf dem Feld kehren die Bauern in ihre Häuser zurück.
FOTO: RABIN CHAKRABARTI/CIDSE

Partnerschaft mit der Schöpfung

Vor 1970 haben nur wenige Menschen das Wort »Ökologie« verwendet. Erst ab den 1970er Jahren wurde den Worten »Ökologie « und »Umwelt« Aufmerksamkeit zuteil. Die grüne Bewegung rund um den Globus ist erst in dieser Zeit entstanden. Vorläufer gab es allerdings schon früher: Die Chipko-Bewegung nahm vor fast 260 Jahren im frühen 18. Jahrhundert im indischen Bundesstaat Rajasthan ihren Anfang. Amrita Devi und 84 andere Dorfbewohner opferten ihr Leben, um die Rodung eines Waldes auf Geheiß des örtlichen Königs zu verhindern. Als 1730 im Dorf Khejarli 363 Bishnoi bei dem Versuch ums Leben kamen, die Khejri-Bäume zu schützen, die von dieser Religionsgemeinschaft als heilig angesehen werden, war dies der Beginn einer Umweltschutzbewegung in Indien.

Im Himalaya mussten sich die Menschen mit einer einschränkenden, aus der Kolonialzeit stammenden Forstpolitik und dem so genannten contractor system (Vertragspartnersystem) auseinandersetzen. In diesem System wurden Forstflächen wie Handelsware in Auktionen an große Vertragspartner vergeben, die in der Regel aus dem Flachland kamen und ihre eigenen ausgebildeten und angelernten Arbeiter mitbrachten, so dass für die Bergbewohner nur Handlangerarbeiten wie das Wegschleifen von Felsen übrigblieben, für die sie nahezu nichts bezahlt bekamen. Massive Abholzungen führten dazu, dass sich der Garhwal-Himalaya zum Zentrum eines steigenden ökologischen Bewusstseins für die Folgen einer rücksichtslosen Abholzung entwickelte: Durch die Zerstörung eines Großteils der Walddecke kam es im Juli 1970 zu verheerenden Überschwemmungen am Fluss Alaknanda, als ein gewaltiger Erdrutsch den Fluss blockierte. Eine große Fläche in der Region wurde in Mitleidenschaft gezogen, zahlreiche Dörfer, Brücken und Straßen wurden fortgespült.*- Danach gab es immer wieder Erdrutsche in der Region, in der Tiefbauprojekte rasant zunahmen.

Bald begannen die Dorfbewohner und insbesondere die Dorfbewohnerinnen sich in kleineren Gruppen zu organisieren, Verhandlungen auf örtlicher Ebene mit den Behörden aufzunehmen und sich gegen den kommerziellen Holzeinschlag zu wehren, der ihre Existenzgrundlage bedrohte. Im Oktober 1971 veranstalteten die Frauen eine Demonstration, um gegen die Politik der Forstbehörde zu protestieren. Nach ihrer Ankunft im März 1973 sahen sich die Waldarbeiter am 24. April 1973 mit Dorfbewohnerinnen konfrontiert, die Trommeln schlagend und Parolen skandierend die Vertragspartner und ihre Arbeiter zum Rückzug zwangen. Schließlich wurde der Vertrag rückgängig gemacht und das Land stattdessen der Gemeinschaft zugeschlagen. Doch mittlerweile hat sich dieses Thema über die Auftragsvergabe hinaus entwickelt und äußert sich in der wachsenden Sorge über den kommerziellen Holzeinschlag und die Forstpolitik der Regierung, die von Dorfbewohnern als für sie äußerst nachteilig erachtet werden.

Unter der Führung von Chandilal Bhatt und Sunderlal Bahuguna gingen die Frauen dazu über, die Bäume zu umarmen, um so die Abholzung zu verhindern; dieses Mittel des gewaltlosen Protestes war sehr erfolgreich. Die Vertragspartner zogen sich zurück und die Chipko-Bewegung war geboren. […]

Ahmad Al-Bazz, Palästina: Ein palästinensischer Hirte beobachtet seine Schafe im Dorf Salem im Westjordanland. Hirten gelten als ein gutes Beispiel für Nahrungsnachhaltigkeit, da sie Schafe züchten, um ihr Fleisch und ihre Milch, ihren Kot als Dünger und ihre Wolle zu bekommen. Die Schafzucht gilt als wirtschaftliche Tätigkeit, die Landwirten hilft, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und die lokale Bevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgt.
FOTO: AHMAD AL-BAZZ/CIDSE

Die Rolle der Kirche in Indien

Schon seit den 1990er Jahren ist die indische Kirche in ökologischen Fragen aktiv. Es gibt verschiedene Gruppen, die unermüdlich an diesem Thema arbeiten. Die Conference of Religious India (CRI) mit ihrem Nationalbüro in der Hauptstadt Delhi hat dem Thema Auftrieb gegeben, indem sie zahlreiche Seminare auf nationaler und regionaler Ebene organisierte. In seiner Zeit als Nationalsekretär ergriff Bruder Mani Mekkunnel die Initiative, um das Anliegen im ganzen Land bekannt zu machen. 2012 verbrachten etwa sechzig Vertreter des CRI und Experten der zwölf Regionen Indiens vier Tage im Ashram von Tarumitra (Baumfreunde) in der Stadt Patna, um über die anstehenden Themen zu beraten. Am Ende stand eine Stellungnahme mit dem Titel »Walk Humbly und Live Joyfully on This Earth«, die bei den Katholiken im Land als Meilenstein gilt. Viele Kongregationen haben Belange des Umweltschutzes in ihre Ziele aufgenommen. Mehrere schickten Mitglieder zur 1988 gegründeten Studentenorganisation Tarumitra, um sich in der Kommunikation über ökologische Themen schulen zu lassen.

Durch die South Asia Assistancy mit mehr als 4.000 Mitarbeitern halfen die Jesuiten, dem Umweltschutzgedanken Auftrieb zu geben, indem sie in mehreren Provinzen das Interesse dafür weckten. Zweimal organisierten sie Seminare auf Assistancy-Ebene, an denen Menschen aus Sri Lanka, Nepal, Bhutan und Indien teilnahmen. Nach einem wiederum bei Tarumitra abgehaltenen Seminar hielten die mehr als 50 Delegierten aus allen Landesteilen im Abschlussdokument fest:

»Wir haben erkannt, dass die Umweltkrise ein dringliches und kritisches Ausmaß angenommen hat, und sehen darin eine Chance für die gesamteMenschheit, zu einem neuen Bewusstsein ihrer Rolle und ihrer Verantwortung zu gelangen, die göttlich getriebene Bewegung der Evolution zu ihrer ganzen Fülle zu führen. Wir erkennen die alarmierende Situation des verschmutzten Wassers, der Luft und der Erde und ihre Auswirkungen insbesondere auf Frauen und Kinder als eine Entwicklung an, die zu einer Vertreibung der Armen und der Zerstörung ihres Lebensraums durch die rücksichtslose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen in den Stammesgebieten geführt hat. Der Schrei der Erde ist der Schrei der Armen. Das vorherrschende Entwicklungsmodell und der konsumorientierte Lebensstil, der durch technologiegetriebene Globalisierung beschleunigt und von Unternehmen gefördert wird, sind heute selbstzerstörerisch und selbstmörderisch, was verstörend und herausfordernd zugleich ist.«

Auch wenn sich diese Äußerung der Jesuiten kaum vom Tenor der sonstigen Gespräche über Umweltschutz unterscheidet, so gibt sie doch eine neue Richtung vor. Mit der Formulierung »Der Schrei der Erde ist der Schrei der Armen« assoziieren wir eine Partnerschaft mit Gott für einen gemeinsamen Traum.

Andrea Hinterleitner, Österreich: Selbst gezogenes Gemüse und Obst auf meiner Terrasse. Auf diese Weise vermeide ich es, tropische Früchte zu kaufen oder Produkte, die mit dem Schiff oder mit dem Flugzeug transportiert wurden.
FOTO: ANDREA HINTERLEITNER/CIDSE

Vom Kopf zum Herzen

Die Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus ist vielleicht das am positivsten aufgenommene Dokument aus dem Vatikan in der Geschichte der katholischen Kirche. Menschen in aller Welt haben das Dokument als eine von großer Weisheit erfüllte Antwort auf den Klimawandel unserer Zeit begrüßt. Die Akademikerin und UN-Aktivistin Mary Evelyn Tucker, Mitbegründerin des Forum on Religion and Ecology und Beiratsmitglied von Gray Is Green, meinte, Papst Franziskus sei sicherlich eine der beliebtesten Persönlichkeiten weltweit; mit seiner Liebe zu den Armen, seiner Bereitschaft, die Ausgestoßenen zu umarmen, und seiner echten Demut habe er das Herz von Millionen von Menschen – Christen und Nichtchristen gleichermaßen – erobert.

Die Lehren des Papstes sind ziemlich komplex. Sein Verständnis für Umweltschutz richtet sich an Herz und Verstand. Auf der rationalen Ebene beschreibt er die Umweltkrise als ein wirtschaftliches Problem. Tucker schreibt dazu: »Indem er die Natur in den Vordergrund stellt, ermutigt der Papst uns, die menschliche Wirtschaft als Subsystem der Wirtschaft der Natur zu sehen, nämlich als dynamische Interaktion des Lebens in Ökosystemen. Ohne eine gesunde natürliche Umwelt gibt es keine nachhaltige Wirtschaft und umgekehrt. Sie sind zwangsläufig voneinander abhängig. Außerdem können wir Verschmutzung und Treibhausgase nicht als externe Effekte betrachten, die nicht in die Vollkostenrechnung eingehen. Daher ist Profit zu Lasten von Menschen oder auf Kosten des Planeten für Papst Franziskus kein echter Profit. Das ist mit den fossilen Brennstoffen passiert, die den Klimawandel ausgelöst haben.«

Papst Franziskus akzentuiert den Aspekt der Gerechtigkeit in der Umweltkrise. Tucker schreibt weiter: »Der Papst betont Gleichheit. Aus dieser Perspektive kann die Beachtung der Grenzen der Wirtschaft der Natur zu blühenden menschlichen Gesellschaften führen. Im Gegensatz dazu haben die Ausbeutung der Erde und der grenzenlose Verbrauch von Öl und Gas menschliche Ungleichheiten hervorgerufen. Die Ökosysteme werden durch den Klimawandel zersetzt und die Wohlhabenden profitieren am häufigsten davon. Der Papst erkennt, dass ein ausbeuterisches Wirtschaftssystem in verarmte und ungerechte Sozialsysteme mündet. In seinen Augen muss man sich daher um die Armen kümmern, weil sie vom Klimawandel am stärksten betroffen sind.«

So weit, so gut. Diese Perspektiven werden bereits auf UN-Ebene und in den Nichtregierungsorganisationen weltweit diskutiert. Was ist also neu an der Enzyklika des Papstes? Zunächst führt der Papst alle oben erwähnten Anliegen in der Person und dem Symbol des heiligen Franziskus von Assisi zusammen: »An ihm wird man gewahr, bis zu welchem Punkt die Sorge um die Natur, die Gerechtigkeit gegenüber den Armen, das Engagement für die Gesellschaft und der innere Friede untrennbar miteinander verbunden sind« (LS 10). In seinen weiteren Ausführungen zum heiligen Franziskus weist der Papst auf die Notwendigkeit für uns alle hin, unsere Herzen für die Schöpfung zu öffnen. Hier entdecken wir die innovativen, an das Herz gerichteten Gedanken und eine spirituelle Dimension, die in anderen Erklärungen fehlte.

Der Papst verweist auf die Erfahrungen von Franz von Assisi und stimmt mit ihm in dessen Lied Laudato si’, »Sei gepriesen«, ein, das an das Herz appelliert. Der Gedankengang des Papstes kann nur vom Herzen her verstanden werden. Er nennt die Erde natürlich und spontan Mutter und wendet sich der Erde mit Staunen in den Augen zu. Er sieht in der Schöpfung Brüder und Schwestern. Sein Herz springt ihnen in der Begeisterung der Verbundenheit entgegen.

Traditionell ist für Christen, die der kartesianischen Logik folgen, die Schöpfung vollständig vom Schöpfer getrennt. Die Schöpfung ist etwas, das man ausbeuten und benutzen kann. Tucker meint: »Die Verbundenheit mit der gesamten Schöpfung, die der heilige Franziskus intuitiv begriff, verstehen wir nun als komplexe ökologische Zusammenhänge, die sich über Milliarden von Jahren entwickelt haben. Für Papst Franziskus haben diese Beziehungen eine natürliche Ordnung oder ›Grammatik‹, die verstanden, respektiert und wertgeschätzt werden muss.«

Der heilige Franz von Assisi überbrückte die Distanz und schaute die Schöpfung mit einem »Wir-Gefühl« an! Papst Franziskus bittet uns, in die Fußstapfen des ärmsten Mönches seit Menschengedenken zu treten: »Andererseits legt der heilige Franziskus uns in Treue zur Heiligen Schrift nahe, die Natur als ein prächtiges Buch zu erkennen, in dem Gott zu uns spricht und einen Abglanz seiner Schönheit und Güte aufscheinen lässt: ›Von der Größe und Schönheit der Geschöpfe lässt sich auf ihren Schöpfer schließen‹ (Weish 13,5), und ›seine unsichtbare Wirklichkeit [wird] an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit‹ (Röm 1,20). Deshalb forderte Franziskus, im Konvent immer einen Teil des Gartens unbebaut zu lassen, damit dort die wilden Kräuter wüchsen und die, welche sie bewunderten, ihren Blick zu Gott, dem Schöpfer solcher Schönheit erheben könnten. Die Welt ist mehr als ein zu lösendes Problem, sie ist ein freudiges Geheimnis, das wir mit frohem Lob betrachten« (LS 12). […]

Die Schöpfung spiegelt Gottes Anwesenheit wider, und wir müssen uns daher der Schöpfung mit Respekt nähern. Das ist keine Angelegenheit des Kopfes, sondern eine Aufgabe des Herzens, Gott in der Natur zu fühlen. Nach Ansicht vieler Mystiker wie Teilhard de Chardin oder Thomas Berry und Wissenschaftler wie Albert Einstein kann unser Herz die Anwesenheit Gottes in der Schöpfung fühlen. Die ganze Schöpfung kann zu Moses’ brennendem Dornbusch werden, wenn das Herz Gott in der Schöpfung fühlt. Wenn wir in dieses Stadium der Gemeinschaft mit Mutter Erde gekommen sind, kann kein Individuum den Weg der Zerstörung einschlagen, sondern sie oder er wird ihr/ sein Bestes geben, um die Schöpfung zu schützen und zu nähren.

Es ist Zeit, den eigentlichen Begriff der Schöpfung in den Blick zu nehmen. Von der vereinfachenden Geschichte der Schöpfung in sechs Tagen müssen wir weg, um dem komplizierten Weg von Teilhard de Chardin und anderen mystischen Wissenschaftlern unserer Zeit zu folgen. Überall in der Welt werden Menschen aktiv, um die Schöpfung zu schützen und zu bewahren. Die Bemühungen der christlichen Welt sind beharrlich und nehmen zu. Das beste Beispiel für die Verfestigung der christlichen Sorge ist die Enzyklika Laudato si’, die uns über das hinausführt, was im Allgemeinen »sich um die Welt kümmern« bedeutet. Papst Franziskus hebt die menschliche Sorge, das Engagement für unsere gemeinsame Zukunft von der Ebene des Kopfes auf jene des Herzens.

ROBERT ATHICKAL SJ
Dozent für Ökotheologie und Ökospiritualität, Leiter der 1988 gegründeten Studentenorganisation Tarumitra Übersetzung: Josephine Hörl

Ausgabe 5/2017

ANMERKUNGEN

1 Vgl. Mircea Eliade, Cosmos und History. The Myth of the Eternal Return, übersetzt von Willard R. Trask, Princeton 1954.
2 Vgl. Pierre Teilhard de Chardin, Der Mensch im Kosmos, München 1959.
3 Vgl. Thomas Berry, The Dream of the Earth, San Francisco 1988.
4 Vgl. Brian Swimme, Introduction to The Human Phenomenon by Teilhard de Chardin, übersetzt von Sarah Appleton-Webber, Brighton/Portland 1999.
5 http://www.ecojesuit.com/south-asian-ecojesuit-meet-2012–a-report/2442/ (20. Juli 2017).
6 Vgl. Mary Evelyn Tucker, Climate Change Brings Moral Change, Yale Global, 14. Juli 2015, http://yaleglobal.yale.edu/content/our-common-homeclimate-change-brings-moral-change (20. Juli 2016); dort auch die folgenden Zitate.

Der Artikel ist eine gekürzte Fassung eines Beitrags in Klaus Krämer/Klaus Vellguth (Hrsg.), Schöpfung – Miteinander leben im gemeinsamen Haus (ThEW 11), Freiburg i. Br. 2017.

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