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»Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt«

Kontext und historischer Hintergrund des Dokuments

von INDUNIL JANAKARATNE KODITHWUWAKKU KANKANAMALAGE

Im Hintergrund des Dokumentes »Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt. Empfehlungen für einen Verhaltenskodex« steht das Phänomen der Globalisierung. Auf die neu entstehende globale Kultur gibt es drei Reaktionen: Akzeptanz, militante Ablehnung und eine Kombination aus Akzeptanz und Ablehnung. Religiöse Fundamentalismen können als Reaktion auf moderne Kulturen auftreten, da sie diesen Kulturen Bedrohungen wie säkulare Rationalität, religiöse Toleranz mit einer Neigung zum Rationalismus sowie Individualismus zuschreiben. Fundamentalisten kämpfen für die Wiederherstellung ihrer Religion und gegen Konversion.

Jesus Christus nachahmen. In allen Lebensbereichen und besonders in ihrem Zeugnis sind Christen dazu berufen, dem Vorbild und der Lehre Jesu Christi zu folgen, seine Liebe weiterzugeben und Gott, den Vater, in der Kraft des Heiligen Geistes zu verherrlichen.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Wenn wir den Kontext und den historischen Hintergrund des Dokuments »Das christliche Zeugnis« betrachten, beziehe ich mich auf die interreligiösen Spannungen, die dadurch verursacht wurden, wie die Presse über sogenannte »unethische Konversionen «, hauptsächlich in Sri Lanka, aber auch in Indien, berichtete.

Die Konversions-Kontroverse in Sri Lanka

Zu Beginn der 1990er entstand in Sri Lanka vor allem in der Presse eine nationale Debatte hinsichtlich »unethischer oder erzwungener« Konversionen. Die folgenden Zitate nebst einigen Anmerkungen sollen helfen, die Ursprünge und die Entwicklung der Konversions-Kontroverse in Sri Lanka zu verstehen. »Einige christliche Organisationen entfalten in unserem Land Missionstätigkeiten […] Mit der Ausbreitung ihrer Religion soll ein unzulässiger Vorteil aus der Armut der Menschen gezogen werden.« »›Bekehren mit Geld ist eine Lüge‹, sagt der ehemalige Direktor der Kommunikationseinheit des Nationalen Christenrates und Vorstandsmitglied der Baptisten.« »Die Regierung würde ein Gesetz befürworten, das Menschen bestraft, die ›Anreize‹ für Konversionen einsetzen. Mehr als 7.000 Hindu-Familien sind in den vergangenen zehn Jahren in den nördlichen und zentralen Provinzen [Sri Lankas] zum Christentum konvertiert.«

Zur Problematik unethischer Konversionen äußerten sich auch die katholischen Bischöfe Sri Lankas. »Es ist festzustellen, dass die katholische Kirche mit keiner dieser Sekten in irgendeinerWeise in Verbindung steht.Wir unterstützen keinerlei Maßnahmen – wie etwa materielle Verlockungen oder unangemessenen Druck –, die angeblich durch diese Gruppen ausgeübt werden, um sogenannte unethische Konversionen durchzuführen. Sie verfolgen unsere Katholiken oftmals mit ihren eigenen Interpretationen der Bibel.«Katholische Kirchenführer sowie führende buddhistische Priester trafen sich, um die gegenseitigen Missverständnisse und Befürchtungen anzusprechen. Dennoch ist fraglich, ob es diesen offiziellen Treffen buddhistischer und katholischer Geistlicher tatsächlich gelungen ist, die Spannung und Feindseligkeit zwischen ihnen deutlich zu verringern. 2005 stellte die Katholische Bischofskonferenz von Sri Lanka (Catholic Bishops’ Conference of Sri Lanka, CBCSL) fest: »Wir verurteilen in jeder Hinsicht jeglichen Versuch unethischer Konversionen, da sie im krassen Gegensatz zur Lehre des Christentums stehen. […] Dennoch bekräftigen wir unmissverständlich, dass jeder die Freiheit hat, eine andere Religion nach seiner eigenenWahl anzunehmen. […] Jeglicher Versuch, diese fundamentale Freiheit zu beschneiden, ist eine grobe Verletzung eines grundlegenden Menschenrechts.«

Auch Verschwörungstheorien fanden Eingang in die Konversionsthematik. »Ein geheimes Programm ist im Gang, um Buddhisten aus Sri Lanka zum Christentum zu bekehren. Der katholischen und den christlichen Kirchen kann das nicht zum Vorwurf gemacht werden. Es ist eine Verschwörung der C.I.A. und der vom amerikanischen Staat geförderten Organisationen. Die katholische Kirche ist absolut gegen dieses Programm.«6 »Von Missionaren geförderte Montessori-Schulen führen eine unheilvolle Tätigkeit durch, um den Geist des Kindes zu verwirren und dadurch buddhistische Empfindungen zu entwurzeln.«7 […]

Im Jahr 1994 führten Buddhisten eine inselweite Kampagne durch, die von prominenten buddhistischen Priestern angeführt wurde, um der sogenannten »unethischen Konversion« von Buddhisten Einhalt zu gebieten. Ich besuchte zwei Seminare im Sri-Saranankara-Tempel; die von den beiden buddhistischen Mönchen gehaltenen Vorträge können wie folgt zusammengefasst werden: Derzeit ist eine Verschwörung im Gang, den Buddhismus von dieser Insel zu verdrängen; christliche Sekten bekehren arme Buddhisten, indem sie ihnen materielle Belohnungen geben; viele dieser Sekten täuschen die Armen und Unwissenden durch ihre sogenannte Heilkraft. Wenn Krankheiten durch Gebete geheilt werden können, warum sollten wir dann Krankenhäuser und Ärzte haben? Glauben Sie nicht an ihren Hokuspokus; was wir zum jetzigen Zeitpunkt tun müssen: uns um den Tempel scharen, diesen antibuddhistischen Mächten widerstehen und den Buddhismus, der seit 2.500 Jahren besteht, sowie seine Kultur bewahren; Politiker interessieren sich nicht für den Buddhismus oder seine Kultur; erstellen Sie ein Programm, um die Armen in Ihrem Dorf zu betreuen, die leicht zu Opfern dieser christlichen Sekten werden.Fr. Aloysius Pieris SJ zufolge war »die triumphalistische und aggressive Weise, in der die Neuevangelisierung der katholischen Kirche in Bewegung gesetzt wurde, um den 2000. Geburtstag Christi zu feiern«, eine der Ursachen dafür, dass das Misstrauen gegen die katholische Kirche erneut aufkam.

Gegen den Vorwurf »unethischer Konversionen« können folgende Argumente angeführt werden.

  • Die gewaltsame Bekehrung eines erwachsenen Menschen ist faktisch unmöglich. Das höchste, das von ihm erzwungen werden kann, ist eine unaufrichtige äußerliche Anpassung.
  • Evangelikale christliche Führungspersönlichkeiten lehnen materielle Anreize zur Konversion ab. Sie streben keine äußerliche Anpassung an, sondern vielmehr eine innere Überzeugung.
  • Die unglückliche und untragbare Begleiterscheinung hysterischer Vorwürfe unethischer Konversionen hat dazu geführt, dass Angriffe auf Christen und christliche Gebetsstätten organisiert wurden. Derartige Aktionen bewegen sich aus dem Bereich des Unethischen hin in den Bereich des Illegalen.
  • Die unlogischen, unbegründeten und nicht belegten Vorwürfe mangelnder Ethik im Hinblick auf die Konversion müssen aufhören.
  • »Die Kreuzigung Jesu Christi hat das Christentum nicht aufgehalten, das Römische Reich versuchte, es zu vernichten, bevor es das Christentum schließlich annahm, der kommunistische eiserne Vorhang versuchte, es zu beseitigen, und die Geschichte zeigt, dass Gewalt die Verbreitung der christlichen Botschaft nicht verhindert.« […]

Handeln in Gottes Liebe. Christen glauben, dass Gott der Ursprung aller Liebe ist. Sie sind in ihrem Zeugnis dazu berufen, ein Leben der Liebe zu führen und ihren Nächsten so zu lieben wie sich selbst.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Papst Johannes Paul II. und der Buddhismus

Die Sicht auf den Buddhismus, wie sie Papst Johannes Paul II. in seinem Buch »Die Schwelle der Hoffnung überschreiten«, herausgegeben 1994 von Vittorio Messori, zum Ausdruck brachte, führte zu Spannungen zwischen Buddhisten und der katholischen Kirche. Die Kontroverse erreichte im Vorfeld des Papstbesuches in Sri Lanka 1995 ihren Höhepunkt. Der Bund der buddhistischen Organisationen forderte, dass sich der Papst persönlich dafür entschuldige, eine entstellte Darstellung des Buddhismus gegeben zu haben. Wenn er dies versäume, so beabsichtige man, eine Kampagne zu organisieren, um gegen seinen Besuch zu protestieren.

Im November 1999 hielt Papst Johannes Paul II. anlässlich der Herausgabe des Apostolischen Schreibens Ecclesia in Asia in Neu-Delhi eine Predigt, die die Aufmerksamkeit der Anhänger anderer Religionen in Asien auf sich zog. Folgende Äußerungen waren in Asien umstritten: »Wie das erste Jahrtausend das Kreuz fest in den Boden Europas eingepflanzt sah, das zweite Jahrtausend ebenso in den Boden Amerikas und Afrikas, so möge das dritte christliche Jahrtausend Zeuge einer reichen Glaubensernte auf diesem weit ausgedehnten, lebensvollen Kontinent sein.«Tatsächlich war diese kontroverse Passage der Predigt des Papstes ein Auszug aus seinem Vortrag vor der Vereinigung der asiatischen Bischofskonferenzen (FABC) aus dem Jahr 1995.Die Herausgeber des Indian Express äußerten ihren Unmut über die päpstlichen Ansichten und sagten, dass »Konversionen das wichtigste Ziel der Kirche bleiben«.Rama Jois zufolge »engagiert sich der Papst dafür, Asien zu bekehren «.Eine Gruppe von 20 namhaften Persönlichkeiten veröffentlichte einen offenen Brief an den Papst, in dem sie schrieben, dass der Ausdruck »die Erlösung kommt nur durch Christus« bedeute, dass die Erlösung durch keinen anderen Glauben erlangt werden könne und dass der Begriff »Evangelisierung« nichts anderes als ein »würdiger Stellvertreter« für seinen weniger würdevollen Vetter »Konversion« sei.Eine ähnliche Publicity bekam die Predigt des Papstes in Sri Lanka. Der Bericht der Sinhala Commission zitierte die oben angeführte Passage aus der päpstlichen Predigt und nahm dazu wie folgt kritisch Stellung: »Sie zeigen damit eine völlige Missachtung sowie einen Mangel an Sensibilität gegenüber den Gefühlen einer erheblichen Anzahl von Asiaten, die Anhänger der drei größten Weltreligionen sind: des Buddhismus, des Hinduismus und des Islams.«

Religiöse Konversionen in Indien

In seinem Buch In Search of Identity – Debates on Conversion in India gliedert Sebastian C. H. Kim die Geschichte der christlichen Konversionen in Indien in die folgenden Zeitabschnitte: Debatten über Konversionen unter dem »British Raj« in der indischen konstituierenden Versammlung (1947–1949); Debatten über die Missionstätigkeit und die Religionsfreiheit im unabhängigen Indien (1954–1979); die Debatte über die Konversionen unter protestantischen Theologen in Indien (1966–1971); die katholische Debatte über Konversionen in den 1980er Jahren; Weltevangelisierung, Hindutva und die von Arun Shourie ausgelöste Debatte (1994/95); die von den Sangh Parivar [nationalistische Hindu-Organisationen] eröffnete Debatte über Konversionen (1998/99). Die Debatte von 1998/99 entwickelte sich hauptsächlich aufgrund der Konversionen von Stammesgemeinschaften. »Es gab einen zunehmenden Wettbewerb zwischen christlichen Organisationen und hinduistischen Verbänden um die Konversion beziehungsweise um die Rekonversion.«Die Sangh Parivar führten ein Programm zur »Heimkehr « ein, um christlichen Missionstätigkeiten entgegenzuarbeiten, und starteten darüber hinaus in den Stammesgebieten schulische und weitere soziale Aktivitäten. Mit dem Anstieg systematischer Angriffe auf Christen schlug die Auseinandersetzung in Gewalt um. Am 10. Januar 1999 kam es zu einer weiterenWende, als der ehemalige Premierminister und Anführer der Bharatiya Janata Party, der hinduistisch-fundamentalistischen Partei, eine »nationale Debatte über Konversionen « forderte. Damit wurden Konversionen bis zum heutigen Tag zu einem wichtigen gesellschaftlich-religiösen und politischen Thema. […]

Zu Beginn des neuen Jahrtausends fügten Vorlagen für Anti-Konversionsgesetze der Debatte eine neue Dimension hinzu. 2004 und 2005 wurden dem Parlament von Sri Lanka Anti-Konversionsgesetzesvorlagen unterbreitet. Der indische Bundesstaat Tamil Nadu hob das am 5. Oktober 2002 erlassene Anti-Konversionsgesetz am 18. Mai 2004 wieder auf. Der Hauptgrund für die Aufhebung dieses Gesetzes lag darin, dass es weit ausgelegt worden war, um persönliche Rachefeldzüge zu ermöglichen. In Kraft bleiben Anti-Konversionsgesetze in den indischen Bundesstaaten Gujarat, Madhya Pradesh, Arunachal Pradesh und Orissa.

Die »Zwangskonversion« – eine kritische Analyse

– Einige neue christliche Gruppen sind verantwortlich dafür, dass Buddhisten und Hindus wie auch andere Christen durch aggressive Evangelisierung und durch das »Schafe-Stehlen« provoziert wurden, womit sie mühsam aufgebaute ökumenische und interreligiöse Beziehungen zerstört haben. – Die sogenannten »unethischen Konversionen« tragen dazu bei, schmerzhafte Erinnerungen an die Kolonialzeit wachzurufen, was zu Misstrauen und Angst führt. – Die ganze Konversionsdebatte beruhte oftmals auf rein emotionalen Argumenten, wobei seriöse Untersuchungen und eine Analyse der Fakten außer Acht gelassen wurden. – Buddhisten und Hindus bezeichnen häufig alle Christen als die Schuldigen. Infolgedessen erschweren falsche Anschuldigungen des Proselytismus eine authentische christliche Mission. – Alle neuen christlichen Gruppen sind auf vielfältige Weise beschuldigt worden, und alle Konversionen werden als Taten des Proselytismus etikettiert, die mit unmoralischen und arglistigen Methoden durchgeführt würden.

Ursprung und Entwicklung des Dokuments »Das christliche Zeugnis«

Gemeinsame Treffen zwischen dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog (Pontifical Council for Interreligious Dialogue, PCID) und dem Programm für Interreligiösen Dialog und Zusammenarbeit des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) gibt es seit 1977. Bei diesen jährlichen Zusammenkünften tauschen sich die Mitglieder beider Institutionen über ihre Aktivitäten aus und prüfen die Chancen gemeinsamer Projekte. Bei der am 27./28. Juni 2003 in Rom veranstalteten Konferenz lautete einer der Tagesordnungspunkte »Hinduistisch-christlicher Dialog/ das Problem der Konversion/Proselytismus«. Die Diskussion über dieses Thema führte zu dem Vorschlag, ein dreiphasiges Projekt zu starten – eine »Gemeinsame Betrachtung über die Darstellung der christlichen Botschaft heute«. Es wurde vereinbart, dass die erste Konferenz 2004 oder 2005 stattfinden sollte.

Eine vom ÖRK im Jahr 2004 organisierte Konsultation zwischen Theravada-Buddhisten und Christen brachte die Frage nach der Konversion auf folgende Weise zur Sprache: »Die Konversion ist zu einer Bedrohung und Gefahr für die religiöse Vielfalt und Harmonie geworden. Wir müssen verstehen, dass Konversionen in unterschiedlichen sozio-ökonomischpolitischen Kontexten aus verschiedenen Gründen stattfinden. Eine Konversion kann erfolgen aufgrund der Unzufriedenheit mit der eigenen Religion, aufgrund einschneidender Erlebnisse, aber auch durch die Anwendung von Gewalt und Aggression. […] Während manche Konversionen aufrichtig und spiritueller Art sein können, sind es manche andere möglicherweise nicht. […] Wir äußern unsere Besorgnis über zunehmende Spannungen sowie Bekundungen der Intoleranz zwischen Buddhisten und Christen in einigen Theravada-buddhistischen Ländern.«

Auf der ÖRK-Konferenz »Die Gegenwart umgestalten, träumen vor der Zukunft – Ein entscheidender Moment im interreligiösen Dialog« im Juni 2005 in Genf tauchte das Thema der Konversion ebenfalls auf.Am 9. März 2006 reiste ÖRK-Mitarbeiter Dr. Hans Ucko nach Rom, um die Planungen für die erste Phase des gemeinsamen Projekts »Interreligiöse Reflexion über die Konversion: Von der Kontroverse zu einem gemeinsamen Verhaltenskodex« abzuschließen. Auf dem Treffen wurden die folgenden Punkte beschlossen:

– Mehr Gewicht darauf zu legen, »sich gegenseitig zuzuhören und voneinander zu lernen«, statt zu diskutieren und zu streiten, um seinen eigenen Standpunkt zu beweisen. – Das einzige Ziel des Gesprächs soll sein, zu einem genaueren Verständnis der jeweiligen Erfahrungen/ Vorstellungen von Konversion zu gelangen. – Den Teilnehmern muss bewusst gemacht werden, dass der Zweck der Tagung nicht ist, andere zu »meinem« Standpunkt oder »meiner« Vorstellung über die Konversion zu bekehren. – Die Teilnehmer müssen berücksichtigen, dass sie nicht eingeladen sind, um »den anderen zu korrigieren «, sondern »um zu hören, was andere möglicherweise zu sagen haben«. – Es ist wichtig zu betonen, dass die Tagung in Velletri (Lariano) nur die »erste Phase« des gesamten Projekts darstellt.

Christliche Tugenden. Christen sind dazu berufen, ihr Verhalten von Integrität, Nächstenliebe, Mitgefühl und Demut bestimmen zu lassen und alle Arroganz,
Herablassung und Herabsetzung anderer abzulegen.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

»Konversion – Eine Bestandsaufnahme der Realität «

Bei der interreligiösen Konsultation zum Thema Konversion in italienischen Lariano vom 12. bis zum 16. Mai 2006 waren 27 Teilnehmer verschiedener Glaubensrichtungen anwesend. Dazu gehörten Mitarbeiter sowohl vom ÖRK als auch vom PCID. Außerdem waren die folgenden Religionen vertreten: Buddhismus, Christentum, Hinduismus, Islam, Judentum sowie die indigene Religion der Yoruba. […] In dem Bericht über das Treffen in Lariano wurde unter anderem festgehalten:

1. Wir alle glauben, dass Religionen eine Quelle der Vereinigung und der Veredelung der Menschen sein sollten. Verstanden und praktiziert im Licht der Grundprinzipien und -ideale unserer jeweiligen Glaubensüberzeugungen kann die Religion ein zuverlässiger Wegweiser bei der Bewältigung der vielen Herausforderungen sein, mit denen die Menschheit konfrontiert ist.

2. Die Religionsfreiheit ist ein unantastbares, nicht verhandelbares Grundrecht jedes Menschen in jedem Land der Welt. Religionsfreiheit bedeutet die Freiheit, seinen eigenen Glauben ohne jegliche Einschränkung zu praktizieren, die Freiheit, die Lehren seines Glaubens unter den Angehörigen der eigenen und anderer Glaubensgemeinschaften zu verbreiten, und auch die Freiheit, aus seiner eigenen freien Entscheidung heraus einen anderen Glauben anzunehmen.

3. Wir bekräftigen, dass jeder Mensch das Recht hat, andere zum Verstehen des eigenen Glaubens einzuladen, die Ausübung dieses Rechts jedoch nicht auf Kosten der Rechte und religiösen Empfindungen anderer gehen darf. Zugleich sollte sich jeder von der fixen Idee befreien, andere zu bekehren.

4. Religionsfreiheit legt uns allen die nicht verhandelbare Verantwortung auf, andere Glaubensrichtungen zu respektieren und sie niemals zu diffamieren, herabzuwürdigen oder falsch darzustellen, um dadurch die Überlegenheit unseres eigenen Glaubens zu betonen.

5. Wir räumen ein, dass von den Anhängern jedes Glaubens Fehler und Unrecht begangen wurden. Daher obliegt es jeder Gemeinschaft, ihr Verhalten in der Geschichte wie auch ihre theologischen Vorschriften und Lehren aufrichtig und selbstkritisch zu prüfen. Eine solche Selbstkritik und Reue sollten zu notwendigen Reformen – einschließlich einer Reform im Hinblick auf die Konversionsfrage – führen.

6. Eine besondere Reform, die wir praktizierenden Gläubigen und Einrichtungen aller Glaubensüberzeugungen empfehlen möchten, ist es, sicherzustellen, dass die Konversion durch »unethische« Maßnahmen von allen verhindert und abgelehnt wird. Bei der Vorgehensweise, andere Menschen für seinen Glauben zu werben, sollte Transparenz herrschen.

7. Bei gleichzeitiger höchster Würdigung der humanitären Arbeit von Glaubensgemeinschaften meinen wir, dass sie ohne jegliche Hintergedanken geleistet werden sollte. Was wir im Bereich der humanitären Dienste in Notzeiten gemeinsam machen können, sollten wir nicht getrennt voneinander tun.

8. Keine Glaubensorganisation sollte schwache Gesellschaftsgruppen, wie etwa Kinder oder Behinderte, ausnutzen.

9. Im Laufe unseres Dialogs erkannten wir die Notwendigkeit, sensibel für die religiöse Sprache und die theologischen Konzepte anderer Glaubensüberzeugungen zu sein. Die Angehörigen jedes Glaubens sollten darauf hören, wie die Menschen anderer Glaubensüberzeugungen sie wahrnehmen. Das ist nötig, um Missverständnisse zu vermeiden und auszuräumen und um ein besseres Verständnis der jeweils anderen Glaubensüberzeugung zu fördern.

10. Wir sehen die Notwendigkeit und den Nutzen eines beständigen und gemeinsamen Einübens, um einen »Verhaltenskodex« zur Konversion zu entwickeln, dem alle Glaubensüberzeugungen folgen sollten. Daher meinen wir, dass interreligiöse Dialoge zur Frage der Konversion auf verschiedenen Ebenen fortgesetzt werden sollten.

»Ein ethischer Ansatz im Hinblick auf die Konversion «

Die zweite Konsultation (8.–12. August 2007 in Toulouse) war ökumenisch ausgerichtet. An ihr wirkten 24 Teilnehmer aus protestantischen, orthodoxen, Pfingst- und evangelikalen Kirchen sowie 15 Teilnehmer aus der katholischen Kirche mit. Die Diskussion konzentrierte sich auf einige Themen, die auch für die dritte und letzte Konsultation von Bedeutung werden sollten: Familie und Gemeinschaft, Respekt, Transparenz und Offenheit, Wirtschaft, Marketing und Wettbewerb, Gewalt, Politik, Zwang und Manipulation.

In seiner Begrüßung legte Dr. Hans Ucko das Motiv für das gemeinsame Projekt vom PCID und vom ÖRK kurz dar und gab außerdem einen Überblick über den aktuellen Kontext. Er betonte, dass für einige der Mitgliedskirchen des ÖRK die Thematik der Konversion die interreligiösen Beziehungen zunehmend belaste. Anschließend führte er aus, dass Konversion zu einem gesellschaftlichen Problem geworden ist. »Es hat Angriffe gegeben. Es gab Gesetzgebungsvorschläge gegen Konversionen oder strenge Maßnahmen, wenn jemand von einer anderen Religion zum Christentum konvertieren will. In einigen Ländern gab es Initiativen, um Christen zur Landesreligion »zurück zu konvertieren«. […] Oftmals sind wir versucht zu sagen, dass es ›diese‹ Pfingstler und Evangelikalen sind, die dafür verantwortlich gemacht werden sollen. Wir sind nur die unschuldigen Opfer. Doch das wäre nicht dieWahrheit.«[…]

Vom 25. bis zum 28. Januar 2011 fand in Bangkok die dritte Konsultation statt, auf der das Dokument »Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt: Empfehlungen für einen Verhaltenskodex« verabschiedet werden konnte. Am 4. April 2011 antwortete der vatikanische Staatssekretär auf den Brief im Hinblick auf »Das christliche Zeugnis« (4. März 2011) und sagte: »Nach Anhörung der Stellungnahme der Kongregation für die Glaubenslehre wäre es im Blick auf die Publikation besser, den Ausdruck ›Verhaltenskodex‹ zu vermeiden, dem in einigen Fällen eine rechtliche Bedeutung beigemessen werden könnte. Es reicht, einfach von ›Empfehlungen‹ zu sprechen.« Das Dokument wurde am 28. Juni 2011 als Gemeinschaftsprojekt des PCID, des ÖRK und der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) veröffentlicht.

Taten des Dienens und der Gerechtigkeit. Christen sind dazu berufen, gerecht zu handeln und mitfühlend zu lieben. Sie sind darüber hinaus dazu berufen, anderen zu dienen und dabei Christus in den Geringsten ihrer Schwestern und Brüder zu erkennen.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Fazit

Es ist das erste Mal, dass der Vatikan, die Weltweite Evangelische Allianz und der Ökumenische Rat der Kirchen sich über ein Dokument einigten. Es dauerte mehr als fünf Jahre, um es abzuschließen. Das Dokument hat die christliche Mission auf der ganzen Welt maßgeblich beeinflusst. Die mit dem christlichen Zeugnis verbundenen Bedenken und Probleme sind ökumenisch und interreligiös diskutiert worden.

Haben sich die Kontexte, in denen das Dokument entstanden ist, im Laufe der Zeit verbessert? Unsere täglichen Erfahrungen bestätigen genau das Gegenteil. Die Beziehungen zwischen Christen verschiedener Konfessionen sind noch immer von Uneinigkeit geprägt, und die Beziehungen zwischen Christen und den Anhängern anderer Religionen sind weit davon entfernt, die Einheit der Menschheitsfamilie deutlich werden zu lassen. Einige Beispiele dafür:

  • Einige Religionen befürworten einen Religionswechsel »hin« zu ihrer Religion, lehnen im Gegensatz dazu einen Wechsel »weg« von ihrer Religion aber ab. – Noch immer gibt es Unterschiede zwischen den Religionen hinsichtlich der Freiheit, die Religion zu verbreiten, und der Freiheit, seine Religion ohne Beeinträchtigung durch die jeweils andere zu praktizieren.
  • Nicht alle Menschen sind sich einig über den Unterschied zwischen dem Ablegen eines christlichen Zeugnisses und dem unzulässigen Proselytismus.

Die Kontroverse über die Konversion ist nicht nur eine religiöse Frage – der Wechsel von einer Religion zu einer anderen oder von einer Denomination in eine andere. Damit verbunden sind gesellschaftspolitische, kulturelle und wirtschaftliche Faktoren. Demzufolge bringt das Thema der Konversion für Buddhisten und Hindus, die in Sri Lanka beziehungsweise in Indien die Mehrheitsreligionen darstellen, schmerzliche Erinnerungen an koloniale Unterdrückung, kirchliche Expansion, politische Manipulation wie auch Verschwörungstheorien über die Auslöschung des örtlichen kulturellen Erbes zurück. Für Christen erleichtert eine Konversion den sozialen Aufstieg, die Mobilität innerhalb der Kasten sowie eine gerechte Behandlung. Für Christen, Buddhisten und für Muslime hat sich ebenso wie für Hindus die Diskussion über die Konversion verschärft.

Die meisten dieser Fragen sind zu Dauerthemen geworden. Religionsfreiheit, gegenseitiger Respekt, Proselytismus, Religion und Gewalt, Fundamentalismus, die Notwendigkeit, sensibel auf die religiöse Sprache und die theologischen Konzepte anderer Glaubensrichtungen zu reagieren – all das sind noch immer hochaktuelle Probleme, die unsere beständige Aufmerksamkeit und unser Engagement erfordern.

DR. INDUNIL JANAKARATNE KODITHUWAKKU KANKANAMALAGE
Untersekretär des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog Aus dem Englischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt

Ausgabe 6/2017

ANMERKUNGEN

1 The Island, 24. Juni 1993.
2 Felix Premawardena, »Converting with money is a lie«, Lankadipa Paper, 13. September 1993.
3 Daily News, 29. Dezember 2003.
4 Catholic Bishops’ Conference in Sri Lanka, »Our Catholic Stance on So-Called ›Unethical Conversions‹«, 15. Dezember 2003.
5 Catholic Bishops’ Conference in Sri Lanka, »Anti-Conversion Bill«, 16. April 2005.
6 Kotugoda Dammawas Thera, »Catholic and Christian churches are opposed to the conversion of Buddhists«, Übersetzung aus dem Sinhala, Divaina, 18. September 1993.
7 Dr. C. D. S. Wijesundara, »An educational programme to uproot Buddhist feelings is operative in some Montessori schools«, Übersetzung aus dem Sinhala, Divaina, 27. September 1993.
8 Cfr. Kodithuwakku K. Indunil, Attraction of Catholics to Christian Fundamentalist Sects: A Sociological Study on Sect Formation, (Unpublished BA Dissertation), Department of Sociology, University of Colombo, 1994, 103.
9 Aloysius Pieris, »Dialogue and Distrust between Buddhists and Christians, A report on the Catholic Church’s experience in Sri Lanka«, in: Dialogue (NS) XXII (1995), 118.
10 Cfr. Harim Peiris, »Christian Conversion – an Ethical Judgement «, Daily News, 31. Juli 1999.
11 Johannes Paul II., »At the concluding Mass of the Asian Synod (Nov. 07, 1999)«, Insegnamenti XXI, 2 (1999), 830, n. 04. Johannes Paul II., Nachsynodales Schreiben »Ecclesia in Asia«, 6. November 1999, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 146, Bonn 2000.
12 Johannes Paul II., Ansprache an die sechste Vollversammlung der FABC, Manila, 15. Januar 1995, Insegnamenti XVIII, 1 (1995), 159. Es ist angebracht, hier die Ansichten von Papst Johannes Paul II. zu Evangelisierung und Proselytismus zu erwähnen: »Evangelisierung darf niemals aufgezwungen werden. Sie schließt Liebe und Respekt für jene ein, die evangelisiert werden. […] Katholiken müssen sorgfältig jeglichen Verdacht von Zwang oder unaufrichtiger Überredung vermeiden. Auf der anderen Seite sollten Beschuldigungen wegen Proselytismus, der mit dem ursprünglichen missionarischen Geist der Kirche nichts zu tun hat, und ein einseitiges Verständnis von religiösem Pluralismus und Toleranz eure Sendung zu den Völkern Asiens nicht unterdrücken. « Ebd., 157f.
13 Indian Express, 9. November 1999.
14 Indian Express, 25. November 1999.
15 Indian Express, 8. November 1999.
16 The Report of the Sinhala Commission (Part II), 148.
17 Sebastian C. H. Kim, In Search of Identity. Debates on Religious Conversion in India, Oxford University Press, New Delhi 2003, 156.
18 Parichart Suwanbubbha, A Theravada Buddhist-Christian consultation. Towards a culture of religious diversity and communal harmony, Hong Kong, 2–6 July 2004 (Internetlink ).
19 Current Dialogue 50 (2008), 16.
20 Vgl. Nota d’Ufficio, 10. März 2006, Archiv des PCID.
21 Hans Ucko, Welcoming Words to the Participants of the Conference »Towards An Ethical Approach to Conversion«, in: Current Dialogue 50 (2008), 40

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