Mission im Dialog Grenzen des christlichen Zeugnisses in religiösen, kulturell corner

Mission im Dialog

Grenzen des christlichen Zeugnisses in religiösen, kulturellen und sozialen Kontexten

von KLAUS KRÄMER

Verantwortungsvoller Umgang mit Heilungsdiensten. Christen üben Heilungsdienste aus, um das Evangelium zu bezeugen. Sie sind dazu berufen, diese Dienste verantwortungsbewusst auszuführen und dabei die menschliche Würde uneingeschränkt zu achten.
FOTO: BETTINA FLITNER

Ausgangspunkt der gemeinsamen Bemühungen war der gemeinsame Kontext einer multireligiösen Welt, der die Wahrnehmung des christlichen Zeugnisses vor neue Herausforderungen stellt. Unausgesprochen stellt sich das Dokument aber auch der Tatsache, dass in diesem multireligiösen Kontext die christliche Stimme in einer Vielzahl unterschiedlicher Ausprägungen erklingt. Das Bewusstsein einer gemeinsamen Verantwortung für die Wahrnehmung der christlichen Botschaft in diesem pluralistischen Kontext bringt eine neue Dimension in den ökumenischen Dialog. Dieser richtet sich nun nämlich nicht mehr nur »nach innen«, auf das Verhältnis der christlichen Gemeinschaften untereinander, sondern hat auch die »Außenwirkung« der christlichen Botschaft als ein gemeinsames Anliegen und eine gemeinsame Verantwortung im Blick. Kontextualität bedeutet zugleich, dass das Anliegen des Dokuments auf den jeweiligen Lebenskontext mit seinen spezifischen Herausforderungen hin zu konkretisieren ist. Daher ist die Empfehlung eines umfassenden Rezeptionsprozesses der vielleicht wichtigste Impuls, der von dem Dokument ausgeht. Die an der Erarbeitung des Dokuments beteiligten Glaubensgemeinschaften werden ausdrücklich aufgefordert, die grundlegenden Themen des Dokuments zu studieren und durch Verhaltensrichtlinien zu konkretisieren, die ihrem spezifischen Kontext angemessen sind. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass die konkrete Gestalt des christlichen Zeugnisses dem sozialen, kulturellen und religiösen Kontext entsprechen muss und der Vielfalt dieser Kontexte entsprechend unterschiedlich und vielgestaltig sein muss. […]

Die unterschiedlichen Kontexte stellen zum einen stimulierende Herausforderungen für die konkrete Gestalt des christlichen Zeugnisses dar. Sie markieren zum anderen aber auch Grenzen, zu denen sich Christen bei der Wahrnehmung ihres Sendungsauftrags verantwortlich verhalten müssen.

Zum einen kann es sich dabei um Grenzen handeln, die den Raum einschränken, in dem sich das christliche Zeugnis entfalten kann. Dies ist dann der Fall, wenn Religionsfreiheit nicht oder nur in beschränktem Maße gewährleistet ist. Zu nennen sind hier vor allem die vielfältigen Formen von Diskriminierung oder von Gewalt, die von staatlichen Stellen, intoleranten gesellschaftlichen Gruppen oder gewaltbereiten religiösen Fundamentalisten ausgehen können. Von diesen »äußeren Grenzen« lassen sich eher »innere Grenzen« unterscheiden. Dabei geht es um die Einsicht, dass das christliche Zeugnis von seinem eigenen Wesen her auf bestimmte soziale, kulturelle und religiöse Kontexte in sensibler Weise Rücksicht nehmen muss. Wo dies nicht geschieht, werden Grenzen überschritten, die das Zeugnis selbst unglaubwürdig machen. Im Folgenden geht es vor allem um diese inneren Grenzen, die sich aus den jeweiligen Kontexten ergeben, und um die Frage, nach welchen Kriterien und mit welchen Methoden das christliche Zeugnis angesichts dieser kontextbedingt je unterschiedlichen Herausforderungen verantwortlich gegeben werden kann.

Die Grundstruktur des Dokuments

Ein Blick auf die theologische Grundstruktur des Dokuments zeigt den Orientierungsrahmen für die Beantwortung unserer Frage auf. Das Dokument gliedert sich in drei Teile: Nach einigen Vorbemerkungen wendet es sich zunächst den Grundlagen für das christliche Zeugnis zu. Sodann werden Prinzipien für die Wahrnehmung des christlichen Zeugnisses entwickelt, um schließlich einige Empfehlungen für die praktische Umsetzung des Dokuments zu formulieren.

Im ersten Teil des Dokuments werden theologische Grundlagen benannt, aus denen Konsequenzen für die Praxis der Mission abgeleitet werden. Auch wenn das Dokument aus gutem Grund nicht den Anspruch erhebt, den Missionsbegriff in seiner ökumenischen Vielschichtigkeit theologisch zu klären, so wird an dieser Stelle doch ein gewisser missionstheologischer »Minimalkonsens« formuliert. Wichtig ist dabei die trinitätstheologische Grundlegung des Missionsverständnisses. Mission ergibt sich aus dem innersten Wesen Gottes: »So wie der Vater den Sohn in der Kraft des Heiligen Geistes gesandt hat, so sind die Gläubigen mit der Sendung beauftragt, in Wort und Tat die Liebe des dreieinigen Gottes zu bezeugen« (Grundlagen, Nr. 2). Das Dokument lässt keinen Zweifel daran, dass es eine konstitutive Pflicht eines jeden Christen zur aktiven Wahrnehmung der christlichen Sendung in der Welt gibt, die als solche nicht zur Disposition steht. Dieser Auftrag besteht auch dort, wo er auf Schwierigkeiten, Behinderungen oder Verbote stößt (Grundlagen, Nr. 5). Gleichwohl vermeidet das Dokument jeglichen autoritären Zug bei der Umschreibung dieses Missionsauftrags: Es spricht in Anlehnung an den ersten Petrusbrief davon, dass es das Vorrecht und die Freude der Christen ist, Rechenschaft von der Hoffnung abzulegen, die in ihnen ist, und dass dies mit Sanftmut und Respekt zu geschehen habe (vgl. 1 Petr 3,15; Grundlagen, Nr. 1). Unterstrichen wird dies durch die christologische Akzentsetzung des Dokuments. Jesus Christus ist der Zeuge schlechthin. Seine Botschaft vom Reich Gottes, seine liebende Hinwendung zum Nächsten und das Geheimnis seines Todes und seiner Auferstehung sind Inhalt der Verkündigung und zugleich normative Vorgabe und Vorbild für die konkrete Praxis der Mission. Aus dem normativen Vorbildcharakter der Verkündigungspraxis Jesu ergibt sich, dass Christen überall dort, wo sie zu unangemessenen Methoden greifen, das Evangelium selbst als frohe und befreiende Botschaft verdunkeln oder sogar »verraten«. Daraus ergibt sich wiederum die Notwendigkeit von Buße und Umkehr. Der Missionsauftrag ist somit kein Herrschaftsinstrument, über das die Christen frei verfügen könnten, sondern ein Auftrag und ein Anspruch, unter den sie sich selbst immer wieder stellen müssen. Eine weitere theologische Grundaussage besteht in der besonderen Hervorhebung des Dialogs mit Menschen, die anderen Religionen und Kulturen angehören, als Teil des christlichen Zeugnisses in einer pluralistischen Welt. Mission und Dialog können nicht gegeneinander ausgespielt werden, sie sind unverzichtbare Momente der Wahrnehmung des umfassenden Sendungsauftrags aller Christen (Grundlagen, Nr. 4).

Aus diesen theologischen Grundlagen werden im zweiten Teil des Dokuments zwölf Prinzipien für ein angemessenes christliches Zeugnis entwickelt. Sie nehmen die Praxis der Mission unter drei Perspektiven in den Blick: (1) Zum einen werden in grundlegender Weise aus der Botschaft des Evangeliums und dem Vorbild Jesu Grundhaltungen abgeleitet, die auf die Wahrung der unveräußerlichen Würde des Anderen und die Achtung seiner personalen Freiheit ausgerich- tet sind. Aus dem Gebot der Nächstenliebe, einer Grundhaltung des Mitfühlens und der liebenden Hingabe gegenüber dem anderen Menschen sowie einer persönlichen Haltung der Demut und der Aufrichtigkeit ergibt sich eine Haltung grundsätzlichen Respekts anderen Menschen gegenüber. (2) Eine zweite wichtige Perspektive ergibt sich daraus, dass das Dokument nicht nur die persönliche Würde und Freiheit der einzelnen Person in den Blick nimmt, sondern auch ihren konkreten Lebenskontext in die Überlegungen einbezieht. Bei der Wahrnehmung des christlichen Zeugnisses können wir dem Einzelnen nicht als einem isolierten Individuum begegnen, sondern müssen berücksichtigen, dass er in ein soziales, kulturelles und religiöses Gefüge eingebunden ist, dem wir uns mit Respekt und Sensibilität zu nähern haben. (3) Eine dritte Perspektive geht über die Haltung des Respekts gegenüber anderen Religionen und Kulturen dort einen deutlichen Schritt hinaus, wo im Dokument gefordert wird, dass die Vertreter der christlichen Kirchen mit allen Menschen und insbesondere auch mit den Vertretern anderer Religionen in gegenseitigem Respekt zusammenarbeiten sollen, um sich in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen und so das Gemeinwohl zu fördern (Prinzipien, Nr. 8). Ausdrücklich fordert das Dokument alle Christen und Christinnen auf, mit anderen auf eine gemeinsame Vision und Praxis interreligiöser Beziehungen hinzuarbeiten (Prinzipien, Nr. 12)

Im dritten Teil werden die an dem Dokument beteiligten Glaubensgemeinschaften aufgefordert, die dargelegten Themen zu studieren und gegebenenfalls Verhaltensrichtlinien für das christliche Zeugnis zu formulieren, die ihrem spezifischen Kontext angemessen sind (Empfehlungen, Nr. 1). Dieser Kontextbezug wird durch den Hinweis verstärkt, dass sich vor allem in Kontexten, die durch Spannungen und Konflikte geprägt sind, durch den interreligiösen Dialog neue Möglichkeiten ergeben können, um Konflikte zu bewältigen, Gerechtigkeit wiederherzustellen, Erinnerungen zu heilen, Versöhnung zu bringen und Frieden zu schaffen (Empfehlungen, Nr. 2).

Ablehnung von Gewalt. Christen sind aufgerufen, in ihrem Zeugnis alle Formen von Gewalt und Machtmissbrauch abzulehnen, auch deren psychologische und soziale Formen. Sie lehnen Gewalt, ungerechte Diskriminierung oder Unterdrückung durch religiöse oder säkulare Autoritäten ab.
FOTO: FRIEDRICH STARK

Kontexte als Herausforderungen und Grenzen

Eine zentrale Grundeinsicht des Dokumentes besteht darin, dass das christliche Zeugnis jeweils in einem konkreten Lebenskontext gegeben wird und dementsprechend verschieden und vielgestaltig ist. Daher gilt es, diese Kontexte als eine stimulierende Herausforderung zu erkennen und anzunehmen. Zugleich ist eine kontextspezifische Sensibilität gefordert, um zu erkennen, wo wir dem Anspruch des Evangeliums an eine angemessene Praxis der Verkündigung nicht mehr gerecht werden.

a) Soziale Kontexte

Das christliche Zeugnis kann seine Kraft nur dort entfalten, wo im jeweiligen Lebenskontext das Evangelium als frohe und befreiende Botschaft erfahren wird. Das geschieht zum einen dadurch, dass in prophetischer Weise unmenschliche und ungerechte Lebensbedingungen ebenso wie konkrete Verletzungen von Menschenrechten beim Namen genannt werden. Die befreiende Kraft der christlichen Botschaft wird zum anderen dort erfahrbar, wo sich durch konkrete Zuwendung und tatkräftige Hilfe die Lebenssituation der Menschen spürbar verbessert. Missionarisches Handeln hatte von Anfang an immer auch eine soziale Komponente. Die besondere soziale Sensibilität und die praktizierte Nächstenliebe waren […] maßgebende Faktoren für die missionarische Attraktivität des Christentums in der spätantiken Welt. In der Mission des 19. und des 20. Jahrhunderts ging der Aufbau von kirchlichen Strukturen mit sozialen Maßnahmen der Bildung, Gesundheitsförderung und Entwicklung im umfassenden Sinne Hand in Hand. Das humanitäre Potential christlicher Mission gründet nicht in taktischen Überlegungen einer erfolgreichen Missionsstrategie, sondern in der Botschaft Jesu vom umfassenden Heil des ganzen Menschen, das sich nicht auf ein isoliertes »Seelenheil« engführen lässt, sondern auf eine Welt zielt, in der alle Menschen unter menschenwürdigen Bedingungen leben können. Es setzt unmittelbar an am Vorbild Jesu und seiner Zuwendung zu armen, kranken und notleidenden Menschen, die in der Begegnung mit ihm den rettenden Gott erfahren, der das Heil aller Menschen will.

Das in diesen Situationen oftmals angelegte soziale Gefälle darf nicht in unredlicher Weise ausgenutzt werden. Das Dokument weist ausdrücklich darauf hin, dass es grundsätzlich abzulehnen ist, Menschen durch materielle Anreize und Belohnungen für den christlichen Glauben gewinnen zu wollen. Die Freiheit des Anderen ist gerade in diesen Situationen diakonischer Zuwendung in besonderer Weise zu wahren. Es erfordert eine hohe Sensibilität, um wahrzunehmen, wann solche Situationen eingeschränkter Freiheit entstehen. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn auf sehr subtile Weise ein sozialer Druck erzeugt wird, der die äußere Zuwendung zum christlichen Glauben zu einem Zeichen der Dankbarkeit für die empfangenen Wohltaten macht.

b) Kulturelle Kontexte

Von besonderer Bedeutung für die Wahrnehmung des christlichen Zeugnisses ist der jeweilige kulturelle Kontext. Es war von Anfang an ein zentrales Anliegen christlicher Mission, dem Glauben im Medium der jeweiligen Kultur eine authentische Ausdrucksgestalt zu verleihen. Das Bemühen um eine angemessene Inkulturation des christlichen Glaubens ist zuallererst ein Akt der Anerkennung und Wertschätzung der jeweiligen Kultur, ihres Reichtums und der religiösen Erfahrung, die sich in ihr über Generationen angereichert hat. Auf der anderen Seite stellt das Evangelium jede Kultur kritisch in Frage, will sie wie ein Sauerteig durchdringen, von allem reinigen, was den Menschen einengt und begrenzt, und die jeweilige Kultur so von innen heraus verändern und erneuern.

Das christliche Zeugnis muss also respektvoll und sensibel mit der jeweiligen Kultur umgehen. Es muss damit rechnen, dass der Inhalt der Botschaft im Medium der begegnenden Kultur anders und ungewohnt, aber eben doch authentisch ausgesagt werden kann. Selbstkritisch muss sich der Zeuge des Umstandes bewusst sein, dass sein eigener Glaube weit mehr durch die eigene Herkunftskultur geprägt ist, als er dies bislang selbst erkannt hatte. So kann die Begegnung mit dem Anderen zu einer tieferen Erkenntnis des eigenen Glaubens führen. Wo hingegen dieses selbstkritische Bewusstsein fehlt, besteht die Gefahr eines »Kulturimperialismus «, der mit der Botschaft des Glaubens die kulturelle Aussagegestalt, die dieser Glaube in der eigenen Kultur gefunden hat, in unreflektierter Weise dem anderen aufdrängt (Prinzipien, Nr. 9).

Ferner können die Werte der jeweiligen Kultur in unberechtigter Weise ins Feld geführt werden, um soziale und kulturelle Verhältnisse zu rechtfertigen, die zu Recht durch die Botschaft des Evangeliums kritisiert werden. Dies ist häufig dann der Fall, wenn Menschenrechtsverletzungen mit der jeweiligen Kultur gerechtfertigt werden (vgl. hierzu die Diskussion über die Rechte von Frauen oder sexuellen Minderheiten, aber auch über den kulturellen Einfluss des indischen Kastenwesens).

Notwendig ist hier die Entwicklung einer differenzierten Kriteriologie, um genau differenzieren zu können zwischen berechtigten kulturellen Verschiedenheiten und einer missbräuchlichen Instrumentalisierung der Kultur zur Rechtfertigung ungerechter Strukturen.

c) Religiöse Kontexte

Eine herausgehobene Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem jeweiligen religiösen Kontext zu. […] Mit Blick auf das Zueinander der verschiedenen Religionen besteht eine Vielzahl verschiedenster kontextueller Situationen. Sie reichen von einer friedlichen bis freundschaftlichen Koexistenz verschiedener Religionen in einem Lebensraum bis zu einem Vorherrschaftsanspruch einer Religion, die das Existenzrecht der anderen Religionen nur bedingt anerkennt und ihren Entfaltungsraum stark einschränkt (deutlich wird dies zumeist in Missions- und Konversionsverboten beziehungsweise in der Bestrafung von Apostasiedelikten). Mit Blick auf die konkrete Wahrnehmung des christlichen Zeugnisses stehen hier vor allem aggressive Missionsstrategien und -methoden auf dem Prüfstand, die sich anderen Religionen gegenüber konfrontativ verhalten, sich von ihren religiösen Überzeugungen oder Praktiken in despektierlicher Weise abgrenzen oder diese in verfälschender Weise wiedergeben.

Da jedoch die Religionszugehörigkeit und das religiöse Bekenntnis in besonderer Weise Teil der personalen Identität eines Menschen sind, kommt dem Respekt vor der Freiheit des Anderen hier eine herausgehobene Bedeutung zu. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass das Grundrecht der Religionsfreiheit nicht nur im Sinne eines staatlichen Freiheitsrechts zu verstehen ist, das einen grundsätzlichen Freiheitsraum für die Ausübung der eigenen religiösen Überzeugung garantiert. Die Grenze der eigenen Religionsfreiheit wird auch nicht allein durch die Religionsfreiheit der Anhänger anderer Religionen bestimmt. Es ist darüber hinaus von zentraler Bedeutung, dass die Religionsfreiheit auch aus dem eigenen Selbstverständnis der Religionsgemeinschaften heraus bejaht wird und bis in den Bereich des eigenen missionarischen Wirkens hinein ausstrahlt. Konkret bedeutet dies, dass wir bei der Wahrnehmung unseres christlichen Zeugnisses die Religionsfreiheit des Angesprochenen respektieren. Dies zeigt sich vor allem in uneingeschränktem Respekt vor der Freiheit des anderen – insbesondere im Hinblick auf eine mögliche Konversion (vgl. Prinzipien, Nr. 11). Mit Blick auf die anderen Religionen zeigt sich diese positive Anerkennung der Religionsfreiheit in der Anerkennung des Existenzrechts der anderen Religionen und dem Bemühen, diese von ihrem eigenen Selbstverständnis her kennenzulernen. Dazu sind intensive Kontakte notwendig, die dem Aufbau freundschaftlicher Beziehungen dienen, »um gegenseitiges Verständnis, Versöhnung und Zusammenarbeit für das Allgemeinwohl zu fördern« (Prinzipien, Nr. 12).

Religions- und Glaubensfreiheit. Religionsfreiheit beinhaltet das Recht, seine Religion öffentlich zu bekennen, auszuüben, zu verbreiten und zu wechseln. Diese Freiheit entspringt unmittelbar aus der Würde des Menschen, die ihre Grundlage in der Erschaffung aller Menschen als Ebenbild Gottes hat.
FOTO: FRIEDRICH STARK

Mission und Dialog

Wenn wir bisher von Grenzen des christlichen Zeugnisses gesprochen haben, die sich aus sozialen, kulturellen und religiösen Kontexten ergeben, dann ist damit nicht gemeint, dass der Christ aus Rücksichtnahme auf äußere Hindernisse oder die Überzeugungen anderer ganz oder teilweise von dem im Sendungsauftrag Jesu gründenden Auftrag, von der Wahrheit Zeugnis zu geben, Abstand nehmen sollte. Es geht nicht um ein Aufgeben oder eine Relativierung des Missionsauftrags. Es geht vielmehr um die Frage, wie dieser Missionsauftrag in angemessener Weise wahrgenommen wird.

Der Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage liegt meines Erachtens in einem dialogischen Verständnis von Mission. […] Das Dialog-Paradigma folgt der Art und Weise, wie Gott selbst den Menschen gegenübertritt: So kann die ganze Heilsgeschichte als Heilsdialog Gottes mit den Menschen verstanden werden, die vom Exodusgeschehen ihren Ausgang nimmt und im heilvollen und rettenden Handeln Gottes in Jesus Christus ihren Höhepunkt findet.

Wenn nun unser Verhältnis zu Gott dialogisch strukturiert ist, dann geben wir folgerichtig auch das Zeugnis dieses Glaubens in dialogischer Weise. Darin liegt keine Aufgabe des Wahrheitsanspruchs, den der christliche Glaube an die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus erhebt. Dieser Anspruch wird jedoch nicht in autoritärer Weise geltend gemacht, sondern im Modus des Zeugnisses in den Dialog eingebracht. Das Charakteristische des Zeugnisses besteht gerade darin, dass der Zeuge nicht seine eigene Position zur Geltung bringt, sondern den Anspruch eines anderen. Im Zeugnis macht der Sprechende transparent, was er selbst erfahren hat, was ihn im Innersten seiner Identität bestimmt, was ihn berührt hat und woraus er lebt, was seine Sendung ist und worin er den Sinn seines Lebens erkennt. Zeugnis geben heißt Standort beziehen, den Anspruch aufdecken, an den der Zeuge sich selbst in Freiheit gebunden hat, die Gründe transparent machen, die ihn dazu bewogen haben und so dem Gesprächspartner – in aller Freiheit – einen Raum öffnen, den er betreten kann, um zu erspüren, ob er sich selbst diese Gründe zu eigen machen kann und will. Entscheidend ist hier der Raum der Freiheit, der durch das Zeugnis zwischen den beiden Dialogpartnern geöffnet wird: Der Adressat darf in seiner Freiheit nicht eingeschränkt sein; die Botschaft ist reines Angebot. Nur in der Offenheit dieses Zwischenraums der Freiheit kann es zu eigentlicher Gottesbegegnung kommen. Diese Offenheit ist eine Haltung, die zwar die eigenen Grundentscheidungen nicht zur Disposition stellt, aber doch zu Korrekturen – auch wesentlichen und tiefgreifenden – bereit ist. Eine Haltung, die damit rechnet, dass im Dialog mit dem Anderen neue, tiefere Einsichten möglich werden können. […]

Eine dialogisch wahrgenommene Mission muss sich von daher gegen jede Form des religiösen Fundamentalismus wenden. Feindselige Abgrenzung gegenüber Andersdenkenden ist mit einer dialogischen Grundhaltung ebenso wenig vereinbar wie aggressive Missionsmethoden oder gar die Anwendung von Gewalt, um andere zur Konversion zu nötigen. Auf der anderen Seite besteht kein Widerspruch zwischen einem aufrichtigen Dialog und einer werbenden Grundhaltung hinsichtlich der eigenen Glaubensüberzeugung. Von daher hat das christliche Zeugnis auch dort einen Platz, wo es nicht in erster Linie darum geht, den anderen von der eigenen Position zu überzeugen, sondern wo andere, gemeinsame Ziele verfolgt werden.

Wir haben in diesen Überlegungen von den Grenzen des christlichen Zeugnisses in sozialen, kulturellen und religiösen Kontexten gesprochen. Für die Wahrnehmung des Zeugnisses ist ein sensibles Erkennen dieser Grenzen von entscheidender Bedeutung. Im Dialog kann es gelingen, diese Grenzen immer wieder zu überschreiten und so Beziehungen zu stiften, durch die positive und verändernde Prozesse in Gang gesetzt werden können. Durch die Verständigung über die konkrete Praxis missionarischen Handelns bekommen die ökumenischen Beziehungen von Christen verschiedener Glaubensgemeinschaften eine neue Qualität. Wichtig ist, dass wir auf dieser Stufe nicht stehen bleiben, sondern nun den Schritt zum Dialog mit den anderen Religionsgemeinschaften gehen, um so einen Beitrag zu leisten für ein friedvolles Miteinander von Menschen verschiedener Religionen und Kulturen in unserer multireligiösen Welt.

PRÄLAT DR. KLAUS KRÄMER
Präsident des Internationalen Katholischen Missionswerks missio e.V.

Ausgabe 6/2017

Gegenseitiger Respekt und Solidarität. Christen sind aufgerufen, sich zu verpflichten, mit allen Menschen in gegenseitigem Respekt zusammenzuarbeiten und mit ihnen gemeinsam Gerechtigkeit, Frieden und Gemeinwohl voranzutreiben.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

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