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Religiöse Konflikte in Indien

Ursachen, Verhütung und Bewältigung

von FRANCIS-VINCENT ANTHONY

Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt kann der heiklen Frage nach den religiösen Konflikten nicht ausweichen. Denn Religionen können Konflikte verursachen, aber auch helfen, Konflikte zu verhüten und zu bewältigen. Kann das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt unter bestimmten Bedingungen Konflikte hervorrufen? Kann das christliche Zeugnis zur Konfliktverhütung und -bewältigung beitragen? Bei der Beantwortung dieser Fragen greifen wir auf Ergebnisse zweier empirischer Forschungsarbeiten zurück, die im multireligiösen Umfeld Indiens durchgeführt wurden.

Respekt für alle Menschen. Christen sind sich bewusst, dass das Evangelium Kulturen sowohl hinterfragt als auch bereichert.
FOTO: FRIEDRICH STARK

Im Allgemeinen rufen konkurrierende Interessen Konflikte unter religiösen Gruppen hervor. In diesem Sinne beziehen sich die Ursachen religiöser Konflikte auf vier Bereiche, den sozioökonomischen, politischen, ethnisch-kulturellen und religiösen Bereich. In den beiden ersten Bereichen treten Konflikte beim Wettbewerb um knappe Ressourcen auf. Im ethnischkulturellen und im religiösen Bereich ist die Konkurrenz keine notwendige Voraussetzung für einen Konflikt; allein die Identifizierung mit der Gruppe an sich reicht aus, um eine gegensätzliche Haltung beziehungsweise ein gegensätzliches Verhalten auszulösen. Anders ausgedrückt, die Gruppenidentifikation reicht aus, um zu einer Bevorzugung der Ingroup und zur Diskriminierung der Outgroup zu führen. Derartige Haltungen […] treten normalerweise in den öffentlichen Bereichen des ökonomischen, politischen und soziokulturellen Lebens auf. Es ist die Verflechtung des Aufbaus von Identitäten und von Gruppeninteressen, an der sich interreligiöse Konflikte entzünden. Im indischen Kontext beispielsweise kann die enge Beziehung zwischen nationaler Identität und Hinduismus als eine Bedrohung für die Identität von Minderheiten (Muslime und Christen) empfunden werden. Im Gegensatz dazu könnten manche Hindus die Lockerung der Verbindung zwischen nationaler Identität und Religion als eine Bedrohung des Hindu- Seins verstehen.

Wenn eine bestimmte Gruppe (insbesondere eine Minderheit) im sozioökonomischen Bereich erfolgreich ist, wird dies voraussichtlich zu Intoleranz seitens der weniger erfolgreichen Gruppe (oftmals die Mehrheit) führen. Wenn solche Gruppen durch religiöse Grenzen abgesteckt sind, kann sich eine ökonomische Rivalität zwischen ihnen leicht in einen interreligiösen Konflikt verwandeln. Konfliktsituationen können auch dann entstehen, wenn wirtschaftlich benachteiligte Gruppen aus religiösen Gründen unterdrückt werden, wie etwa im Fall des hinduistischen Kastensystems. Andererseits können Religionen auch als Konfliktquelle erscheinen, wenn sie ihre Anhänger dazu veranlassen, sich für Umgestaltungsmaßnahmen zu engagieren, um sozioökonomische Zustände der Ungerechtigkeit zu verändern.

Im politischen Bereich kann der Hinduismus – obwohl er sich traditionell als eine tolerante Religion präsentiert – das Phänomen der Konversion zu einer anderen Religion zu einem heiklen Thema erklären. Als beispielsweise im Jahr 1981 eine Gruppe der Dalit, der am stärksten unterdrückten Kaste im traditionellen System, zum Buddhismus konvertierte, führte das zu einiger Aufregung unter nationalistischen Hindus. Appadurai zufolge kann eine abnehmende Gruppenzugehörigkeit eine »Sorge um Unvollkommenheit« der Mehrheit im politischen Leben des Landes hervorrufen. Mit anderen Worten: Minderheiten »erinnern diese Mehrheiten an den kleinen Abstand, der zwischen deren Mehrheitsposition und dem Horizont einer makellosen nationalen Gesamtheit liegt, eines reinen und unverdorbenen nationalen Ethos.« Gewalt kann dann ausbrechen, wenn die Ängste vor Unvollständigkeit von Gefühlen der Unsicherheit über den eigenen Status oder den Zugang zu Ressourcen begleitet werden.

Im ethnisch-kulturellen Bereich – wenn die Religion als ein Mittel ethnischer Identitätsstiftung fungiert – kann dies Überlegenheitsgefühle unter den Mehrheitsgruppen sowie Unterlegenheitsgefühle unter Minderheiten verstärken. Außerdem kann die Religion bewusst die Rebellion gegen ein dominierendes kulturelles System – beispielsweise den modernen liberalen Staat – fördern. Soweit sie dabei jedoch von spezifischen sittlichen Normen Abstand nimmt, könnte dies als Ursache eines moralischen Vakuums oder sogar eines moralischen Verfalls betrachtet werden, was die Entfremdung einiger Gruppen von ihrer eigenen religiösen Identität auslöst.

Wenn Religion eine Reaktion auf die dialektische Erfahrung des Heiligen ist, das sowohl eine überwältigende Gegenwart (tremendum) als auch Faszination (fascinans) verkörpert, kann dies im religiösen Bereich der Ursprung sowohl von Liebe als auch von Hass sein – mit dem Potential, aufzubauen oder zu vernichten. Die Religion kann die Menschen dazu anspornen, im Namen Gottes für Gerechtigkeit zu kämpfen, aber Machtübernahme und Machterhalt können auch als Wahrheitsbeweis für die eigene Religion empfunden werden. Ebenso kann die Feindschaft oder Opposition anderer Menschen gegen die eigene Religion als ein Angriff auf das Heilige verstanden werden. In diesem Sinne können religiöse Vorschriften und Gleichnisse einen Machtkampf in einen »gerechten Krieg«, einen »heiligen Krieg«, einen »kosmischen Kampf« zwischen Gut und Böse verwandeln. Eine solche Sichtweise kann sogar zu einer Selbstaufopferung als einem extremen und höchsten Ausdruck der religiösen Identität ermutigen.

Unsere auf einem theoretischen Hintergrund basierenden – oben zusammenfassend dargestellten – Forschungsergebnissefügen den Ursachen interreligiöser Konflikte einige neue Merkmale hinzu. Eine Faktorenanalyse der die vier Konfliktbereiche repräsentierenden 15 Elemente lässt zwei Skalen erkennen, die wir einerseits als »kraftgesteuerte Motive« (forcedriven motives) und andererseits als »stärkegesteuerte Motive« (strength-driven motives) bezeichnet haben. Damit beziehen wir uns auf Hannah Arendts politische Theorie von Macht, Kraft und Stärke.Die durch die acht Punkte der ersten Skala repräsentierten Ursachen beziehen […] den Einsatz von irgendeiner Form von Gewalt (force) gegen Angehörige anderer religiöser Gruppen ein. Sie spielen auf Handlungen an, die anderen Menschen die Macht nehmen, zu handeln oder zu sprechen. […]

Die Skala »stärkegesteuerter Motive« besteht aus zwei Punkten, bei denen es nicht darauf hinausläuft, andere Gruppen zu entmachten; stattdessen konzentrieren sie sich darauf, die eigene Religion zu stärken, sowohl hinsichtlich des Menschenrechtsbewusstseins als auch in Bezug auf die Bestätigung der eigenen Religion in einem multireligiösen Umfeld. Obwohl die in diesen beiden Punkten formulierten Handlungen keine unmittelbaren Konfliktquellen darstellen, ist es doch möglich, die religiöse Identifikation als einen Beitrag zum Konflikt zu empfinden. Wenn das Bewusstsein für Menschenrechte in einem Umfeld gefördert wird, in dem diese Rechte verletzt werden, dann kann dies weitere Konflikte auslösen. Ebenfalls können sich, wenn die eigene Religion bestätigt wird, andere religiöse Gemeinschaften möglicherweise bedroht fühlen. […]

Unsere Auswertung hat ergeben, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen der Zustimmung christlicher, muslimischer und hinduistischer Studenten zu kraftgesteuerten Motiven für interreligiöse Konflikte gibt. Junge Menschen empfinden ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit kraftgesteuerte Motive zwischen religiösen Gruppen im multireligiösen indischen Kontext als Konfliktquellen. […]

Kein falsches Zeugnis geben. Christen müssen aufrichtig und respektvoll reden; sie müssen zuhören, um den Glauben und die Glaubenspraxis anderer kennenzulernen und zu verstehen, und sie werden dazu ermutigt, das anzuerkennen und wertzuschätzen, was darin gut und wahr ist.
FOTO: STEFAN VOGES

Religiöse Faktoren, die religiöse Konflikte beeinflussen

Es kann angenommen werden, dass präskriptive Überzeugungen (das heißt, Überzeugungen über Kontingenzen und Erwartungen in Bezug auf das Ich, die Welt und die Beziehung zwischen diesen beiden) und deskriptive Überzeugungen (das heißt, Überzeugungen über die Natur des Ichs und der Welt) das Ausmaß beeinflussen, in dem Menschen interreligiöse Konflikte kraftgesteuerten Motiven zuordnen. Unsere Ergebnisse beleuchten den Einfluss zweier präskriptiver Überzeugungen – der institutionellen Glaubenspraxis und des vertikalen Mystizismus – sowie zweier deskriptiver Überzeugungen – Erklärungsmodelle für religiöse Pluralität und Religionszentrismus.

Religiöse Einrichtungen neigen dazu, die Glaubenspraxis ihrer Gläubigen unter Kontrolle zu halten, um sich damit Veränderungen in ihrer Tradition zu erwehren. Von Studenten, die institutionell religiös praktizieren, kann erwartet werden, dass sie kraftgesteuerten religiösen Konflikten zustimmen. Unsere Ergebnisse zeigen, dass im Fall aller drei religiösen Gruppen, bei Christen, Muslimen und Hindus, interreligiöse Konflikte den kraftgesteuerten Motiven zugerechnet werden, wenn Studenten höhere Stufen einer institutionellen religiösen Praxis aufweisen.

Religionen können persönliche mystische Erfahrungen der Vereinigung mit einer höheren Wirklichkeit begünstigen. Derartige Erfahrungen sind für Gläubige aller religiöser Traditionen möglich, unabhängig von den jeweiligen religiösen Institutionen. Das bedeutet, dass sich ein vertikaler Mystizismus auf die Zuordnung interreligiöser Konflikte zu kraftgesteuerten Motiven negativ beziehen könnte. Anders ausgedrückt: Von Studenten, die einem vertikalen Mystizismus zustimmen, kann erwartet werden, weniger mit kraftgesteuerten religiösen Konflikten einverstanden zu sein. Unsere Untersuchung zeigt, dass dies insbesondere für hinduistische Studenten gilt: Diejenigen, die weniger von Erfahrungen einer mystischen Vereinigung mit der höchsten Realität berichten, befürworten kraftgesteuerte religiöse Konflikte stärker.

Faktorenanalysen bestätigen drei Erklärungsmodelle für religiöse Pluralität: Monismus, Kommunalitätspluralismus und Unterschiedspluralismus. Der Monismus bezieht sich auf den Glauben an die absolute Richtigkeit der eigenen Religion. Es ist davon auszugehen, dass der Monismus zu der Überzeugung führen kann, dass Zwangsgewalt der Ursprung religiöser Konflikte ist. Doch zeigen unsere Ergebnisse auch, dass hinduistische Studenten, die der Auffassung vehement widersprechen, ihre Tradition sei absolut wahr, eher dazu neigen, religiöse Konflikte kraftgesteuerten Motiven zuzuschreiben – vielleicht aufgrund des empfundenen Radikalismus anderer religiöser Gruppen. Der Kommunalitätspluralismus legt die Betonung auf die von allen Religionen geteilten und ihnen zugrundeliegenden allgemeinen Aspekte, wohingegen der Unterschiedspluralismus die Differenzen zwischen den Religionen als Chancen für Wachstum und Entwicklung in den Blick nimmt. Von Gläubigen, die mit einer dieser Pluralismusformen übereinstimmen, ist zu erwarten, dass sie wegen ihrer aufgeschlossenen Einstellung gegenüber anderen religiösen Traditionen weniger Zustimmung zu kraftgesteuerten religiösen Konflikten zeigen. Entgegen unserer Erwartung fanden wir heraus, dass muslimische Studenten, die dem Kommunalitätspluralismus zustimmen, ein größeres Einverständnis mit kraftgesteuerten religiösen Konflikten zeigen. Im Fall von Muslimen scheint die Kommunalität ihre religiöse Identität zu schwächen. Dafür stimmen christliche Studenten, die den Unterschiedspluralismus ablehnen, kraftgesteuerten religiösen Konflikten stärker zu. Dies bedeutet, dass der Unterschiedspluralismus Raum schafft für eine offenere Einstellung gegenüber anderen Religionen.

Der Religionszentrismus bezieht eine Kombination positiver Ingroup-Einstellungen sowie negativer Outgroup- Einstellungen ein. Positive Ingroup-Einstellungen bedeuten, dass positive Eigenschaften, wie Treue, Güte oder glaubhaft über Gott sprechen zu können, mit der jeweils eigenen religiösen Gruppe verbunden sind. Negative Outgroup-Einstellungen erkennen anderen Gläubigen deren moralische Qualitäten ab und stellen diese in ein schlechtes Licht, indem man sie beispielsweise als intolerant oder scheinheilig hinstellt. Unsere Erwartung, dass positive Ingroup-Einstellungen mit kraftgesteuerten religiösen Konflikten negativ korrelieren würden, wurde im Fall der christlichen und hinduistischen Studenten bestätigt. Auf der anderen Seite erwarteten wir, dass negative Outgroup-Einstellungen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, interreligiöse Konflikte kraftgesteuerten Motiven zuzurechnen. Dies wurde bei hinduistischen Studenten im konkreten Fall ihrer negativen Outgroup-Einstellungen gegenüber Muslimen bestätigt. Das bedeutet, dass Outgroup-Einstellungen in einem multireligiösen Umfeld nicht verallgemeinert werden können; ihr Einfluss muss mit Bezug auf bestimmte religiöse Traditionen überprüft werden.

Persönliche Ernsthaftigkeit sicherstellen. Christen müssen der Tatsache Rechnung tragen, dass der Wechsel der Religion ein entscheidender Schritt ist. Er muss von einem ausreichenden zeitlichen Freiraum begleitet sein, um angemessen darüber nachdenken und sich darauf vorbereiten zu können. Dieser Prozess muss in völliger persönlicher Freiheit erfolgen.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Konfliktprävention als christliches Zeugnis

Kennt man die Ursachen von religiösen Konflikten sowie die religiösen Faktoren, die einen vorhersagbaren Einfluss auf sie haben, dann kann das helfen, Konflikte zu verhüten. Auch wenn die Studie drei religiöse Gruppen umfasste, geht es uns hierbei darum zu untersuchen, ob das christliche Leben und Zeugnis in einer pluralistischen Welt zu Konflikten und zu ihrer Verhütung und Lösung beitragen kann. […]

Bei der Bestandsaufnahme der religiösen Faktoren, die die Zuordnung der kraftgesteuerten Motive zu religiösen Konflikten beeinflussen, können im Hinblick auf Konfliktverhütung unter anderem folgende Strategienim schulischen Bereich angewandt werden: aufmerksam sein bei Gewalt in den christlichen Traditionen, kritisches Denken unterstützen und eine kosmopolitische Staatsbürgerschaft fördern.

In erster Linie müssen wir aufmerksam für Gewalt in den christlichen Traditionen sein.Im Geschichtsunterricht darf es kein Leugnen geben, dass Christen mit anderen christlichen Konfessionen und anderen religiösen Traditionen in Konflikt geraten sind. Das Band zwischen christlicher Autorität und politischer Macht, insbesondere in Europa, hatte zu legitimierender Gewalt gegen vermeintliche Feinde sowohl innerhalb (Häretiker) als auch außerhalb (Heiden) der Religion geführt. Neben diesem Bewusstsein der Gewalt, die die Geschichte der Christen beschädigt hat, setzt eine Konfliktverhütung des Weiteren voraus, dass wir die symbolischen Darstellungen in der christlichen Tradition beachten sowie die Wirkung, die sie unbeabsichtigt auf die Haltung der Gläubigen gegenüber anderen religiösen Gemeinschaften haben könnten. Man denke da beispielsweise an die Statue Santiago Matamoros (St. Jakobus, der Maurentöter) in der Kathedrale von Santiago de Compostela in Spanien.

Zweitens verlangt die Verhütung interreligiöser Konflikte, dass wir kritisches Denken unterstützen. Selbst dann, wenn es offenbar zahlreiche Belege hinsichtlich der Ursachen von interreligiösen Konflikten gibt, sollte man kritisch untersuchen, ob die zugeschriebenen Motive im Einzelfall zutreffen. Das bedeutet, dass Zuschreibungen anhand der Fakten überprüft werden sollten. Außerdem sollten junge Leute aufgefordert werden, kritisch zu sein in Bezug auf den Einsatz von Zwangsgewalt durch religiöse Gruppen […] Sie sollten darin unterstützt werden, kraftgesteuerte Motive gegen das normative Kriterium der menschlichen Würde abzuschätzen, was voraussetzt, dass unterschiedliche Menschen als freie Individuen zusammenleben, die die Kraft haben, einvernehmlich zu sprechen und zu handeln.

Drittens gibt es heute die dringende Notwendigkeit einer kosmopolitischen Staatsbürgerschaft. Der Zweck von Erziehung ist im weitesten Sinne, Menschen zu ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens und seiner Fülle für die ganze Menschheit zu befähigen. Aus christlicher Perspektive entsprechen und ergänzen sich menschliche und christliche, soziale und kirchliche Aspekte des Bildungsziels. […] Die jüngste Entwicklung im Bildungs- und Pastoralbereich legt nahe, dass ein solches Ziel heute formuliert werden kann als »produktive und verantwortliche kosmopolitische Staatsbürger ausbilden«. […] Ein Kosmopolit ist ein Weltbürger; jemand, der sich in allen Teilen der Welt zuhause fühlt; jemand, der nationale Zugehörigkeitsgefühle oder Vorurteile überschreiten kann. Bei den verschiedenen Möglichkeiten, wie der Kosmopolitismus zu verstehen ist, gibt es ein gewisses Einvernehmen über die ethischen und moralischen Pflichten, die er für die eigene Gemeinschaft und für die gesamte Welt voraussetzt. Konfliktverhütung erfordert, dass das christliche Zeugnis auf derartigen ethischen und moralischen Pflichten basiert und authentische Menschenrechte fördert. […]

Aufbau interreligiöser Beziehungen. Christen sollten weiterhin von Respekt und Vertrauen geprägte Beziehungen mit Angehörigen anderer Religionen aufbauen, um gegenseitiges Verständnis, Versöhnung und Zusammenarbeit für das Allgemeinwohl zu fördern.
FOTO: FRIEDRICH STARK

Konfliktprävention als christliches Zeugnis

Kennt man die Ursachen von religiösen Konflikten sowie die religiösen Faktoren, die einen vorhersagbaren Einfluss auf sie haben, dann kann das helfen, Konflikte zu verhüten. Auch wenn die Studie drei religiöse Gruppen umfasste, geht es uns hierbei darum zu untersuchen, ob das christliche Leben und Zeugnis in einer pluralistischen Welt zu Konflikten und zu ihrer Verhütung und Lösung beitragen kann. […]

Bei der Bestandsaufnahme der religiösen Faktoren, die die Zuordnung der kraftgesteuerten Motive zu religiösen Konflikten beeinflussen, können im Hinblick auf Konfliktverhütung unter anderem folgende Strategien im schulischen Bereich angewandt werden: aufmerksam sein bei Gewalt in den christlichen Traditionen, kritisches Denken unterstützen und eine kosmopolitische Staatsbürgerschaft fördern.

In erster Linie müssen wir aufmerksam für Gewalt in den christlichen Traditionen sein. Im Geschichtsunterricht darf es kein Leugnen geben, dass Christen mit anderen christlichen Konfessionen und anderen religiösen Traditionen in Konflikt geraten sind. Das Band zwischen christlicher Autorität und politischer Macht, insbesondere in Europa, hatte zu legitimierender Gewalt gegen vermeintliche Feinde sowohl innerhalb (Häretiker) als auch außerhalb (Heiden) der Religion geführt. Neben diesem Bewusstsein der Gewalt, die die Geschichte der Christen beschädigt hat, setzt eine Konfliktverhütung des Weiteren voraus, dass wir die symbolischen Darstellungen in der christlichen Tradition beachten sowie die Wirkung, die sie unbeabsichtigt auf die Haltung der Gläubigen gegenüber anderen religiösen Gemeinschaften haben könnten. Man denke da beispielsweise an die Statue Santiago Matamoros (St. Jakobus, der Maurentöter) in der Kathedrale von Santiago de Compostela in Spanien.

Zweitens verlangt die Verhütung interreligiöser Konflikte, dass wir kritisches Denken unterstützen. Selbst dann, wenn es offenbar zahlreiche Belege hinsichtlich der Ursachen von interreligiösen Konflikten gibt, sollte man kritisch untersuchen, ob die zugeschriebenen Motive im Einzelfall zutreffen. Das bedeutet, dass Zuschreibungen anhand der Fakten überprüft werden sollten. Außerdem sollten junge Leute aufgefordert werden, kritisch zu sein in Bezug auf den Einsatz von Zwangsgewalt durch religiöse Gruppen […] Sie sollten darin unterstützt werden, kraftgesteuerte Motive gegen das normative Kriterium der menschlichen Würde abzuschätzen, was voraussetzt, dass unterschiedliche Menschen als freie Individuen zusammenleben, die die Kraft haben, einvernehmlich zu sprechen und zu handeln.

Drittens gibt es heute die dringende Notwendigkeit einer kosmopolitischen Staatsbürgerschaft. Der Zweck von Erziehung ist im weitesten Sinne, Menschen zu ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens und seiner Fülle für die ganze Menschheit zu befähigen. Aus christlicher Perspektive entsprechen und ergänzen sich menschliche und christliche, soziale und kirchliche Aspekte des Bildungsziels. […] Die jüngste Entwicklung im Bildungs- und Pastoralbereich legt nahe, dass ein solches Ziel heute formuliert werden kann als »produktive und verantwortliche kosmopolitische Staatsbürger ausbilden«. […] Ein Kosmopolit ist ein Weltbürger; jemand, der sich in allen Teilen der Welt zuhause fühlt; jemand, der nationale Zugehörigkeitsgefühle oder Vorurteile überschreiten kann. Bei den verschiedenen Möglichkeiten, wie der Kosmopolitismus zu verstehen ist, gibt es ein gewisses Einvernehmen über die ethischen und moralischen Pflichten, die er für die eigene Gemeinschaft und für die gesamte Welt voraussetzt. Konfliktverhütung erfordert, dass das christliche Zeugnis auf derartigen ethischen und moralischen Pflichten basiert und authentische Menschenrechte fördert. […]

Konfliktbewältigung als christliches Zeugnis

Insoweit, als religiöse Konflikte aus kraftgesteuerten und stärkegesteuerten Motiven in den sozioökonomischen, politischen, ethnisch-kulturellen und religiösen Bereichen – neben der historischen Erinnerung und der Medienmacht – entspringen, muss die Konfliktbewältigung auf all diesen Ebenen »durch unterschiedliche Akteure und geeignete Methoden, aber in kooperativer und kumulativer Weise« ansetzen. Dabei geht es uns hier darum, genau zu beschreiben, wie das christliche Zeugnis auf all diesen Ebenen zur Konfliktbewältigung beitragen kann. Unter Bezugnahme auf das von M. Amaladoss herausgegebene Werk Narratives of conflict resolutions möchten wir die folgenden Strategien hervorheben: subjektives Bewusstsein, objektive Aufmerksamkeit, Umgang mit Wut, Artikulation der erlittenen Gewalt und Friedensaufbau.

In erster Linie erfordert die Überwindung des Teufelskreises der Gewalt, dass wir die Schatten und die Energie im Unbewussten auf der persönlichen, der gemeinschaftlichen und der menschlichen Ebene erkennen. Ambrose Jeyarajkonkretisiert das noch weiter, wenn er schreibt, dass die Dynamik der Gewalt in der Projektion, im Sündenbockverhalten, in einem vorurteilsbehafteten Verhalten, in erlittenen Kränkungen, verzerrten Vorstellungen sowie irrationalen Ideen verankert ist. Eine Konfliktbewältigung bringt mit sich, dass wir uns der oftmals mit den religiösen Traditionen selbst verbundenen projizierten und kollektiven Schatten bewusst sind.

Zweitens unterstreicht Cedric Prakash, Bezug nehmend auf das Massaker von Gujarat, dass Konfliktbewältigungen Aufmerksamkeit einfordern. Im Allgemeinen besteht die Tendenz, die kommunale Gewalt zu ignorieren, zu leugnen oder zu negieren. Von der ausgelösten Gewalt Kenntnis zu haben, hilft den Tätern, einen Schritt in Richtung auf ein Bekenntnis des Verbrechens zu machen, während zugleich den Opfern ermöglicht wird, allmählich den schwierigen Schritt der Vergebung und der Versöhnung auf sich zu nehmen. Für eine erhebliche Anzahl von Menschen war es schwer einzugestehen, dass das Massaker von Gujarat tatsächlich stattgefunden hat. Zu bekennen, was geschehen ist, und für die Wahrheit einzutreten, ist nicht einfach, da es die Menschen erneut der Gnade des Machtspiels aussetzen könnte. Von den Tätern empfundene Reue und Schuldgefühle sollten ihnen bei der Suche nach Gerechtigkeit, insbesondere für die Opfer, helfen. Dies könnte eine Möglichkeit sein, Vertrauen in einer zerrütteten Gemeinschaft wieder aufzubauen.

Eine dritte, von Emmanuel Arockiamempfohlene Strategie, spürt dem Wesen von wutgesteuerten Konflikten nach und untersucht, wie Wut verwandelt werden kann. In Angst und Arroganz verwurzelte Wut verspricht beim Problemlösen weniger Erfolg, da sie zu Sinnestäuschungen und falschen Zuordnungen führen kann. Die Gewalttäter, die Opfer sowie die Retter können alle in einem hohen Maße von Wut betroffen sein, die die Gewalt möglicherweise immer wieder aufflammen lässt. Dann ist es notwendig zu untersuchen, wie Wut kanalisiert werden kann, damit sie zur Umwandlung und zum Aufbau der Gesellschaft beiträgt. Konfliktmanagement ist im Wesentlichen Wutmanagement. Als langfristiges Ziel sollten junge Menschen und Kinder darin unterstützt werden, ihre Wut zu kontrollieren und diese ihrem Alter und ihrer Entwicklung entsprechend zum Ausdruck zu bringen.

Bella Daskonzentriert sich auf die Situation von Frauen, die in kommunaler Gewalt gefangen sind. Sie empfiehlt eine vierte Strategie zur Konfliktbewältigung. Während körperliche und wirtschaftliche Schäden Teil des Konflikts sind, treten emotionale Schäden während des Konflikts auf und dauern nach diesem fort. Dies erfordert – während des Konflikts und nach dem Konflikt – einen auf das Opfer bezogenen Heilungsprozess. Auf Rollenspiele, Rollentausch, Psychotherapie und Gruppenberatung basierende Workshops können helfen, die Gewalterfahrung zu artikulieren – ein notwendiger Schritt zur Heilung und zur Konfliktbewältigung.

Michael Amaladoss fasst die Diskussion über Konfliktbewältigungen zusammen, indem er einige Wege zum Friedensaufbau auf der Grundlage von Wahrheit und Gerechtigkeit verfolgt. Friedensaufbau oder Versöhnung kann durch symbolische Handlungen der Gewalttäter und ihrer Opfer gefeiert werden. Frieden ist nur dann realisierbar, wenn Konflikte durch gewaltlose Mittel des Dialogs, Protests und Widerstands innerhalb eines ethischen Rahmens beigelegt werden. Friedensaufbau setzt voraus, sich in den sozioökonomischen, politischen, ethnisch-kulturellen und kulturellen Bereichen aufrichtig mit den kraftgesteuerten und stärkegesteuerten Motiven auseinanderzusetzen, die den interreligiösen Konflikten zugrunde liegen.

Inmitten des fortdauernden Teufelskreises der Gewalt sollte das christliche Zeugnis den Weg der Vergebung aufrechterhalten, denn die Mission der Kirche ist eine Mission der Versöhnung.Die von Bischof Desmond Tutu geleitete Wahrheits-und Versöhnungskommission gab der Möglichkeit zur Vergebung während der dramatischen Zeit der Apartheid eine afrikanische Ausdrucksform, indem sie Ubuntu anerkannte – das heißt, die Menschlichkeit des Gewalttäters. Ebenso präsentieren Master Charles Cannon und Will Wilkinson in dem Buch Forgiving the Unforgivable die wahre Geschichte darüber, wie Überlebende des Terroranschlags von Mumbai Hass mit Mitgefühl beantworteten.Mit einer zutiefst asiatischen Sensibilität legen sie offen, wie ein bestimmter Bewusstseinszustand natürlich und ohne Anstrengung zu Vergebung führt. Normalerweise haben Menschen keinen Zugang zu diesem tieferen Weg der Erkenntnis: »Sie sind sozusagen innerhalb ihrer beschränkten gedanklichen Realität eingesperrt, die durch die Vergangenheit bedingt ist. Daher beziehen sich die Worte Jesu ›denn sie wissen nicht, was sie tun‹ auf das Nichtvorhandensein jener tieferen Dimension der Erkenntnis, in der wir uns selbst im anderen sehen, in der wir uns der Heiligkeit allen Lebens, des Einsseins aller Dinge, bewusst sind. Hier entspringen Empathie, Mitgefühl und Liebe.

DR. FRANCIS-VINCENT ANTHONY
Professor für Praktische Theologie an der Università Pontificia Salesiana in Rom Aus dem Englischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt

Ausgabe 6/2017

ANMERKUNGEN

1 F. V. Anthony/C. Hermans/C. Sterkens, Religion and conflict attribution. An empirical study of the religious meaning system of Christian, Muslim and Hindu students in Tamil Nadu, India, Brill, Leiden/Boston 2014. Open access: http://booksandjournals.brillonline.com/content/books/9789004270862; M. Amaladoss (Hrsg.), Taming the violent. Narratives of conflict resolutions, IDCR Publications, Chennai 2010.
2 Anthony/Hermans/Sterkens, Religion and conflict attribution, 25–27, 168–173.
3 A. Appadurai, Fear of small numbers. An essay on the geography of anger, Duke University Press, Durham 2006, 8.
4 M. Juergensmeyer, Terror in the mind of God. The global rise of religious violence, University of California Press, London 2003; E. Darmaputera, Pancasila and the search for identity and modernity in Indonesian society. A cultural and ethical analysis, Brill, Leiden/Boston 1997.
5 Vgl. M. Juergensmeyer, Terror in the mind of God; L. Steffen, The demonic turn. The power of religion to inspire or restrain violence, The Pilgrim Press, Cleveland 2007.
6 Vgl. Anthony/Hermans/Sterkens, Religion and conflict attribution, 179–193, 233f.
7 H. Arendt, The human condition, University of Chicago Press (Original 1958), Chicago 19982, 203.
8 Vgl. Anthony/Hermans/Sterkens, Religion and conflict attribution, 27–29, 211–214, 222–230.
9 Vgl. Anthony/Hermans/Sterkens, Religion and conflict attribution, 237–250.
10 L. Steffen, Religion and violence in Christian traditions, in: M. Juergensmeyer/M. Kitts/M. Jerryson (Hrsg.), Violence and the world’s religious traditions. An Introduction, Oxford University Press, New York 2017, S. 108–139.
11 M. Amaladoss, Hindu-Muslim conflict in Coimbatore: 1997–1998. An analytical look, in Ders., (Hrsg.), Taming the violent, 27.
12 A. Jeyaraj, From shadows to light: Getting out of the cycle of violence, in: M. Amaladoss (Hrsg.), Taming the violent, 76 – 91.
13 C. Prakash, Communal violence and social healing, in: M. Amaladoss (Hrsg.), Taming the violent, 45– 49.
14 E. Arockiam, Handling anger in the context of social violence, in: M. Amaladoss (Hrsg.), Taming the violent, 66–75.
15 B. Das, Violence of victims of communal violence: A feminist perspective, in: M. Amaladoss (Hrsg.), Taming the violent, 34–37.
16 M. Amaladoss, Building peace in Coimbatore, in: Ders. (Hrsg.), Taming the violent, 145–170.
17 S. Arokiasamy, Forgiveness, reconciliation and healing in the Christian perspective: Relational and societal dimensions, in: M. Amaladoss (Hrsg.), Taming the violent, 128–144.
18 J. Dreyer u. a. (Hrsg.), Practicing Ubuntu. Practical theological perspectives on injustice, personhood and human dignity, LIT Verlag, Zürich 2017.
19 M. C. Cannon, Forgiving the unforgivable, Yogi Impressions, Mumbai 2011.
20 Eckhart Tolle, Vorwort zu M. C. Cannon, Forgiving the unforgivable, xii.

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