»Ungebahnte Wege« in Indien und darüber hinaus Die Autobiografie des indischen Priesters John Fernandes corner

»Ungebahnte Wege« in Indien und darüber hinaus

Die Autobiografie des indischen Priesters John Fernandes

von IRMGARD ICKING

Unter dem Titel »Unbeaten Paths« hat der indische Priester und Theologe John Fernandes im vergangenen Jahr seine Autobiografie veröffentlicht. Im kommenden Jahr wird das Buch auf Deutsch erscheinen. Damit erhalten Leserinnen und Leser auch hierzulande Zugang zu einem Werk, in dem der Autor keineswegs nur autobiografische Notizen präsentiert, sondern auch, wie es im Untertitel heißt, »theologische Reflexionen über Zeiten des Übergangs«.

Bei einem Besuch in Aachen präsentierte John Fernandes seine Autobiografie, die im kommenden Jahr auch auf Deutsch erscheinen wird.
FOTO: GABRIELE ZUMBE

Wer ist John Fernandes? Er wurde 1936 in armen Verhältnissen in einem kleinen Dorf im südindischen Bundesstaat Karnataka geboren. Sein Philosophiestudium absolvierte er in Pune, das Theologiestudium dann in Innsbruck während der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils. An der Universität Trier wurde er mit einer Arbeit zu »Initiationsriten im Hinduismus und die Liturgie der christlichen Initiation« promoviert. Er war und ist Priester und Lehrer, Aktivist und Netzwerker, engagiert in Fragen sozialer Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, Ökumene, Frieden und Verständigung zwischen den Religionen. Er gründete die Priestersolidaritätsgruppe »Catholic Priests’ Conference of India« und die Bewegung »Dharma Samanvaya« (Harmonie im Geist). Er wirkte als Professor für Christentum an der staatlichen Universität Mangalore im Südwesten Indiens. 2007 erhielt er den Preis der Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche. Das sind die Fakten. Die bewegte und bewegende Lebensgeschichte dazu hat John Fernandes in seiner Autobiografie mit dem Titel »Unbeaten Paths«, »Ungebahnte Wege« aufgeschrieben.

Das Buch nimmt den Leser mit in den Elan der theologischen Aufbrüche des Zweiten Vatikanums. Während seines Studiums in Innsbruck konnte John Fernandes durch seine Lehrer Karl Rahner und Josef Andreas Jungmann das große kirchengeschichtliche Ereignis intensiv miterleben. Er begnügt sich jedoch nicht damit, all das Neue mit Begeisterung zu rezipieren und theologisch zu durchdringen. Im Verlaufe seiner Priester- und Lehrtätigkeit hat er es schließlich konsequent in die Praxis gebracht. Es sind einschneidende Perspektivwechsel, die sich aus den Lehren des Zweiten Vatikanums für die Theologie und pastorale Praxis von John Fernandes ergeben haben. Sein Blickwinkel wird dabei zunehmend einer, der vom Rand der Gesellschaft her, aus der Sicht der Armen und Leidenden sieht, urteilt und handelt. Die Kontextualisierung theologischen Denkens und pastoralen Handelns in der Lebenswirklichkeit der Armen beschreibt er sehr konkret, wenn er seine Erfahrungen in den Pfarreien schildert. Dies sind Orte am Rande seiner Diözese, am Rande der Gesellschaft, abseits vom politischen Interesse – aber im Zentrum der Botschaft des Evangeliums, wie er sie versteht. Immer wieder geht er mit Mut und Zuversicht neue, bis dahin in dieser Art unbeschrittene Wege: theologisch, pastoral, gesellschaftspolitisch, ökumenisch, interreligiös.

Leben an der Peripherie, Grenzen überschreiten, Brücken bauen: Drei Untertitel dienen als thematische Leitmotive, die sich durch die zehn Kapitel des Buches ziehen. Leben an der Peripherie: Eigene Kindheits- und Jugenderfahrungen, insbesondere aber die Zwangsversetzung als Priester in das bitterarme Dorf Hosabettu konfrontieren John Fernandes zunehmend mit drängenden Fragen sozialer Gerechtigkeit. Die Option für die Armen, die sich ihm aus dem Studium der lateinamerikanischen Befreiungstheologie erschließt, wird für ihn zur pastoralen Leitschnur und Grundlage seines politischen Engagements zugunsten der Ausgeschlossenen, der Menschen am Rande der Gesellschaft. Dabei setzt er konsequent auf ihre Teilhabe und Selbstbestimmung, ob es um konkrete Aktionen der Verbesserung ihrer Lebensumstände geht oder ihre Teilhabe an der Verkündigung und der Praxis der befreienden Botschaft des Evangeliums. Eindrücklich beschreibt er, wie das Leben an der Peripherie, das Leben mit den Armen und Ausgegrenzten, für ihn zur Lebensschule wird, wie sehr dies seine Spiritualität, seine theologische Reflexion und sein pastorales Handeln prägt. Und wie sehr ihn diese Erfahrungen die Zusammenarbeit mit verschiedensten Akteuren gesellschaftlichen Engagements suchen und finden lassen.

Grenzen überschreiten: Bei diesem Motiv geht es ihm nicht nur um die Abenteuer der Überschreitung geografischer Grenzen, von seinem Heimatdorf nach Pune ins Priesterseminar, von dort als Student der Theologie nach Innsbruck und zurück in sein Bistum Mangalore. Später pflegt er Beziehungen, die ihn immer wieder nach Europa, aber auch nach Afrika bringen. Es sind vor allem inhaltliche Fragestellungen, Themen, die er als brennende pastorale und gesellschaftliche Herausforderung erlebt, die ihn zum Grenzgänger werden lassen – zu einem, der nach neuen Wegen, nach Koalitionen, nach Lösungen sucht, die jenseits der vertrauten Sichtweisen oder des bisher praktizierten Vorgehens liegen. Das sind neue Methoden des Lehrens ebenso wie die Öffnung pastoraler Räume für Partizipation und verantwortliche Mitgestaltung. Das ist die offene und Türen öffnende Zusammenarbeit mit Vertretern anderer Konfessionen und Religionen ebenso wie die Vernetzung mit Akteuren, die sich für Menschenrechte einsetzen oder sich entwicklungspolitischer oder ökologischer Herausforderungen annehmen.

Brücken bauen: Mit diesem Untertitel spricht Fernandes vorrangig das große Thema der Inkulturation an, das ihn seit seiner Studienzeit intensiv beschäftigt. Fernandes versteht sich als weltkirchlicher Brückenbauer, als Mittler zwischen einer europäisch geprägten Kirche und einer Kirche, die verwurzelt ist in der eigenen Kultur. Entschieden fördert er die Wahrnehmung und die Wertschätzung der vielfältigen kulturellen Facetten seines Landes. Wie kann ein Glaube so gelebt, gefeiert und weitergegeben werden, dass er Ausdruck findet in der eigenen Sprache, Musik, Kunst, den Formen und Regeln, die das Zusammenleben prägen? Wie kann die Brücke geschlagen werden zu vertrauten Ritualen und Traditionen? Die Kultur, die die Menschen prägt und die von ihnen geprägt wird – in sie hinein und aus ihr heraus gilt es, die christliche Botschaft neu zu buchstabieren. Dieser Anspruch der Inkulturation wird zu einem unverzichtbaren Teil seines Selbstverständnisses als Priester und Lehrer. Darüber hinaus sucht er im Sinne einer komparativen Theologie den Austausch mit Vertretern anderer Religionen, forscht nach Verbindendem, einer gemeinsamen Spiritualität, fördert gegenseitigen Respekt und Anerkennung für das Unterscheidende. So wird er zu einem anerkannten Anwalt für Frieden und Versöhnung.

John Fernandes’ Buch präsentiert praxiserprobte kontextuelle Theologie, Methodik und Zeugnisse gelingender Inkulturation und befreiender Pastoral, innovative Ansätze im Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. All das wird erzählt vor dem Hintergrund einer Spiritualität, der Vertrauen und Empathie, Mut und Demut eingeschrieben sind. Wenn der Jesuit Francis D’Sa in seinem Vorwort schreibt, das Buch von John Fernandes eigne sich hervorragend als pastoraltheologisches Lehrbuch, so wird man dem mit Nachdruck zustimmen.

IRMGARD ICKING,
Theologin, von 2003 bis 2009 im Vorstand und Leiterin der Auslandsabteilung des Internationalen Katholischen Missionswerks missio e.V.

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