Friedensaufbau und Extremismusprävention in Nigeria Eine muslimische Perspektive corner

Friedensaufbau und Extremismusprävention in Nigeria

Eine muslimische Perspektive

VON NURUDDEEN LEMU

In den meisten Ländern Afrikas durchdringt die Religion jede Facette des Gemeinschaftslebens. Wenn Konflikte auftauchen, können auch diese daher leicht eine religiöse Färbung annehmen. Wie reagieren die Religionsgemeinschaften darauf? Das Da’wah Institute of Nigeria ist eine islamische Forschungs- und Bildungseinrichtung, die sich in der Prävention von gewalttätigem Extremismus und im Peacebuilding engagiert.

Freitagsgebet der Muslime vor der Moschee in Wase im Zentrum Nigerias. Etwa 50 Prozent der nigerianischen Bevölkerung gehören dem Islam an.
FOTO: FRIEDRICH STARK

In Gemeinschaften wie Nigeria, in denen der religiösen Identität mehr Bedeutung, Glaubwürdigkeit und Mobilisierungspotenzial zukommt als anderen Identitäten wie etwa der Ethnie, dem Nationalismus oder politischen Konzepten (»king and country«), wird sie zu einem wichtigen einigenden und mobilisierenden Instrument und zu einem Markenzeichen, um jegliches Anliegen zu unterstützen – sei es persönlicher, stammesbezogener, politischer, wirtschaftlicher Art oder eine Kombination verschiedener Aspekte. Gerade diese positive Kennzeichnung und tiefe Verbindung mit den Gläubigen wird von vielen ausgenutzt – von korrupten Regierungen, repressiven Institutionen und Personen sowie von religiösen Extremisten –, um mehr Zugkraft für ungerechte und nichtreligiöse Anliegen zu gewinnen.

Nordostnigeria ist in den letzten Jahren von den schändlichen Aktivitäten der gewalttätigen extremistischen Gruppe »Boko Haram« heimgesucht worden. Boko Haram hat auf das Mobilisierungspotenzial des Islam als der dominanten Religion in der Region gesetzt. Die Ideologie von Boko Haram war genügend durchtränkt mit etablierten Lehren über den Islam (Glaubensbekenntnis, Symbolik, Gebet), um als islamische Organisation in Erscheinung zu treten. Dennoch bot Boko Haram einige besondere extremistische Kombinationen von Lehren und Konzepten, die der Gruppe eine unverwechselbare Identität sowie eine exklusivistische Ideologie verliehen und die sie von allen anderen islamischen Gruppen und Bewegungen zumindest in Nigeria abgrenzte, ja sie ihnen feindlich gegenüberstellte.

Die verschiedenen sozioökonomischen und politischen Missstände, denen die Mehrheit der Menschen verschiedener Glaubensrichtungen und Ethnien in Nordostnigeria gegenübersteht, sind nicht allein in dieser Region oder in Nigeria anzutreffen. Viele Nigerianer, sowohl Muslime als auch Christen, sind durch das außergewöhnlich korrupte und missbrauchte politische und wirtschaftliche System des Landes und der Region – besonders an der gesellschaftlichen Basis – desillusioniert. Dennoch: »Klagen ohne Ideologie schaffen keine Bewegung«. Boko Haram glaubte nicht an die Rechtmäßigkeit oder die Fähigkeit der existierenden demokratischen Strukturen oder des Rechtssystems, die Situation zu verändern. Die Gruppierung glaubte auch nicht, dass irgendwelche friedlichen oder gewaltlosen Methoden, mit denen sie den Status quo in ihre Version eines »Islamischen Staates« umzuwandeln gedachte, von der derzeitigen Führungsriege oder der internationalen Gemeinschaft toleriert werden würde. Deshalb war die Gruppe der Überzeugung, dass es für die gesellschaftlichen Probleme und für ihre Klagen keine friedliche Lösung gebe und dass ihre gewalttätige Ideologie die einzige Möglichkeit sei, mit ihren Beschwerden umzugehen.

Vor diesem Hintergrund wird die Existenz und das Fortbestehen von Missständen – ohne der Ideologie von Boko Haram und ihren wesentlichen Argumenten effektiv entgegenzuwirken – weiterhin als ein Motiv für Boko-Haram-Anwerber und -Ideologen funktionieren, um ihre Ideologie zu propagieren und aufrechtzuerhalten. Deshalb soll besondere Aufmerksamkeit darauf gerichtet werden, das Fundament der Ideologie und die Wurzeln ihrer Narrative argumentativ zu widerlegen, anstatt nur immer die endlosen, sich ständig wandelnden und verändernden Narrative ins Visier zu nehmen. Gleichwohl müssen sowohl die Ideologie als auch die Narrative thematisiert werden. Außerdem ist es wichtig, die verschiedenen Schub-und Sog-Faktoren zu behandeln, die hinter dem gewalttätigen Extremismus stehen, und Alternativen (»Gegenangebote«) zu gewalttätigen Methoden anzubieten.

Ansätze zur Verhütung von gewalttätigem Extremismus und zum Friedensaufbau

Die Pfade und Antreiber zum religiösen Extremismus sind zahlreich und vielfältig. Deshalb sind ganzheitliche und gemeinsame Bemühungen vieler Akteure sowohl im formellen als auch im informellen Sektor zur Verhütung von gewalttätigem Extremismus (Preventing Violent Extremism, PVE) nötig. Das Da’wah Institute of Nigeria (DIN), eine islamische Forschungs- und öffentliche Aufklärungseinrichtung, hat in Partnerschaft mit Development Initiatives of West Africa (DIWA), einer subregionalen humanitären Organisation, einige Projekte entwickelt und umgesetzt. Diese befassen sich mit gewalttätigem Extremismus, interreligiösen Beziehungen und Geschlechtergerechtigkeit, zum einen in glaubensbasierten Train-the-trainers-Konzepten, zum anderen durch die Verbreitung von Literatur und Multimediaformaten.

Das Hauptziel des Instituts in dieser Region ist es, die Kapazitäten von islamischen Organisationen, religiösen Anführern und Aktivisten zu erweitern, damit diese über bessere Methoden, Konzepte und Lehrprogramme verfügen, um dem religiösen Extremismus zu begegnen, die Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaft gegen extremistische Positionen aufzubauen und andere Menschen in effektiveren Strategien des Peacebuilding zu schulen. Im vergangenen Jahrzehnt oder auch darüber hinaus haben wir ziemlich viel Zeit und finanzielle Mittel darauf verwendet, verschiedene Ausprägungen des religiösen Extremismus, besonders unter Muslimen, zu verstehen und Wege zu finden, diesen entgegenzuwirken. Um innerhalb der Gemeinschaft die Widerstandsfähigkeit gegen jegliche Form von gewalttätigen extremistischen Ideologien effektiv aufzubauen, ist es unerlässlich, dass den Jugend- und Gemeindeführern, den Lehrern, Eltern, Studenten, Predigern, religiösen Anführern und anderen Institutionen (wie etwa Gefängnissen), die in verschiedener Art und Weise mit gewalttätigem Extremismus zu tun haben, erstklassige und schlagkräftige Gegenargumente sowie alternative Narrative zu Verfügung gestellt und zugänglich gemacht werden.

Daher geht es im DIN-DIWA-Lehrgang zu Extremismusprävention wesentlich um Ressourcenentwicklung, Schulung und multimediale Informationsverbreitung. Um zu garantieren, dass wir nicht ins Dunkel zielen, führen wir Interviews und Umfragen durch, um sicherzugehen, dass unsere Diskussionen und Methoden im Einklang mit der Realität vor Ort stehen. In diesem Sinne konnten wir Folgendes durchführen:

  • Wir haben mehr als 200 Narrative und Argumente genau untersucht, die von Boko Haram und anderen gewalttätigen extremistischen muslimischen Gruppen aus anderen Ländern verwendet wurden, sowie eine Vielzahl anderer glaubensbasierter Meinungen und »Argumentationshilfen«, die von verschiedenen gewaltlosen Extremisten benutzt wurden, um interreligiöse Beziehungen und intrareligiöse Beziehungen (»bridge-burning«-Ideen) sowie größere Gendergerechtigkeit zu untergraben. In Zusammenarbeit mit einem Netzwerk von Aktivisten, ehemaligen Extremisten, Wissenschaftlern und religiösen Anführern sind wir auf diese Argumente eingegangen, haben sie widerlegt und die meisten davon in unsere Schulungsunterlagen aufgenommen.
  • Wir haben Schulungsprogramme für Imame, Jugend- und Religionsführer (auch Frauen) entwickelt, die die Teilnehmer mit einem einzigartigen Set von Konzepten und Qualifikationen ausstatten. Mit Hilfe dieses Sets können sie: über Extremismus und Fehlinterpretationen religiöser Texte kritisch und systematisch nachdenken; auf extremistische Narrative reagieren und diese dekonstruieren; die persönliche Entwicklung der Teilnehmer begleiten und deren Kapazitäten zur Gemeinschaftsführung stärken; ihre Fähigkeiten beim Umgang mit Mitarbeitern und bei Konflikten verbessern; mehr Eigeninitiative zeigen beim Aufbau von interreligiösen Netzwerken für eine bessere Friedens- und Gemeindeentwicklung; ein effektiveres und strukturierteres Vorgehen für gewaltfreie Sozialreformen entwickeln; aktiv tätig sein für mehr Geschlechtergerechtigkeit und bei der Repräsentation eines ethischen, wertorientierten Islam.

Die Rolle der Imame beim Kampf gegen den gewalttätigen Extremismus und seiner Verhütung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Imame sind die Leiter von Moscheen und anderer islamischer religiöser Aktivitäten in verschiedenen Gemeinschaften. Sie stehen fast jeder geistlichen Veranstaltung vor, die es in den Städten, Dörfern und Organisationen gibt, für die sie ernannt werden. Tausende von Anhängern, insbesondere junge Leute, hören sich die Predigten an, die von den Imamen täglich und wöchentlich gehalten werden, und befolgen sie. Für viele dieser Anhänger ist ein religiöses Thema nur in dem Maße wichtig, in dem der Imam es für bedeutsam hält.

Leider schätzen viele dieser Imame – trotz ihrer strategischen Rolle – die Bedeutung von Glaubens- und Meinungsvielfalt nicht und sind folglich nicht bereit und/oder auch nicht imstande, wirkungsvoll auf extremistische Ideologien und weit verbreitete Missverständnisse zu reagieren. Durch die fehlende Einbindung von Imamen in das intra- und interreligiöse Engagement ist eine Kluft entstanden, die von gewalttätigen Extremisten ausgenutzt wurde, um ihre Ideologien zu propagieren und neue Mitglieder für ihr Anliegen zu rekrutieren. Außerdem ermöglicht es die Ausnutzung der religiösen Identität für politische Zwecke.

Die meisten Imame verfügen über eine geringe Schulbildung sowie über begrenzte finanzielle Mittel. Sie können nicht auf das grundlegende weltanschauliche und kritische Denken zurückgreifen und es auch nicht erwerben und verfügen auch nicht über Kommunikations-, Public Relations-, Führungs-, Management- und IT-Kompetenzen sowie über Kenntnisse, die sie für die positive Umsetzung des Islam benötigen, um im aktuellen Kontext gemeinschaftlichen Zusammenhalt aufzubauen. Außerdem engt die Beschränkung vieler Imame auf ihre jeweiligen religiösen Gemeinschaften ihre Erfahrung, ihre Wahrnehmung und ihr Verständnis von Menschen anderer religiöser – muslimischer oder christlicher – Gemeinschaften massiv ein. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, Imame mit Methoden und einem entsprechenden Wortschatz auszustatten, um den öffentlichen Diskurs von der Stammes- und der religiösen Identität zu allgemeingültigen, dennoch weltanschaulich fundierten Werten zu verschieben – deshalb bieten wir unser Schulungsprogramm für Imame an.

Das Da’wah Institute of Nigeria bietet Fortbildungen für Imame zu den Themen Interreligiöse Beziehungen und Friedensarbeit an.
FOTO: DA’WAH INSTITUTE OF NIGERIA

Shari’ah Intelligence

Eines unserer wichtigsten Schulungsprogramme ist der Kurs »Shari’ah Intelligence «. Bestehend aus kritischen Denkansätzen, analytischen Methoden und Konzepten, die den vertrauenswürdigen und klassischen Werken der islamischen Rechtsphilosophie und Rechtswissenschaft entstammen, stellt der Kurs eine sorgfältig entwickelte und zielgerichtete Einführung in die Prinzipien der islamischen Rechtswissenschaft (Usul al-Fiqh), der Rechtsphilosophie (Qawa’id al-Fiqhhiyyah) sowie der höheren Absichten und Zielsetzungen des Islam (Maqasid al-Shari’ah) dar. Dies gibt den Teilnehmern all die kritischen »Denkwerkzeuge« für die wissenschaftliche, am Islam ausgerichtete Arbeit im Bereich von PVE und CVE (Counter Violent Extremism) sowie für die Dekonstruktion der Argumente eines gewalttätigen Extremismus. Diese kritischen »Denkwerkzeuge « und Konzepte haben den Wissenschaftlern dabei geholfen, auf gesellschaftliche Realitäten und die verschiedenen Argumente und Methoden zu reagieren, die von religiösen Extremisten im Laufe der islamischen Geschichte eingesetzt wurden. Die Wissenschaftler haben sie ebenfalls genutzt, um sicherzustellen, dass orthodoxe Methoden der Interpretation von Texten und Kontexten Grenzen setzen, innerhalb derer die Hauptströmungen der Rechtsschulen sich frei entfalten können. Dies ermöglicht den Teilnehmern, zu erkennen, an welcher Stelle die Konstruktion des Narrativs der Extremisten einen Fehler hat und wie dies durch den Einsatz von Sätzen der islamischen Rechtswissenschaft zu korrigieren ist. Ohne ein ausreichendes Fundament in der »Shari’ah Intelligence« stehen viele wie gelähmt vor der Vielfalt von Meinungsäußerungen der unterschiedlichen Gelehrten oder vor jemandem, der sagt: »Aber dieser große Gelehrte äußerte ebenfalls dieses und jenes… (eine extremistische Sichtweise)« oder »Aber wir müssen alle Standpunkte von anderen Gelehrten, die größer als wir selbst sind, respektieren«, selbst dann, wenn solche Standpunkte Menschenleben und das friedliche Zusammenleben schädigen. Weil die Regeln der kontextsensiblen Textinterpretation in allen wichtigen islamischen Rechtsschulen eingeführt sind, ist es einfach – sobald diese einem Iman erst einmal bekannt sind –, zu wissen, wie die Schwäche in den Methoden und Schlussfolgerungen verschiedener Extremisten aufzuzeigen ist und wie alternative Interpretationen, Narrative und Schlussfolgerungen in Bezug auf die von den Extremisten verwendeten Texte darzustellen sind. Bei den alternativen Interpretationen handelt es sich um solche, die eher im Einklang mit dem Standpunkt der Mehrheit klassischer oder heutiger Juristen stehen, die den Positionen gewalttätiger Extremisten nicht zustimmen. Dies stattet Imame mit einem besseren gedanklichen und begrifflichen Instrumentarium aus, das aus dem Inneren der islamischen Tradition stammt. Dieses Wissen erlaubt es ihnen, extremistische, ungerechte, irrationale und schädliche Ansichten (fatwas) leichter und systematischer zu kritisieren. Dabei geht es um Positionen beispielsweise zu interreligiösen Beziehungen zu Nichtmuslimen, zu Frauenrechten sowie zur gegenwärtigen Anwendung des islamischen Rechts und zu Minderheitenrechten.

Glücklicherweise haben diese konzeptionellen Methodologien auch die Zustimmung der frühesten und äußerst renommierten klassischen Gelehrten des Mittelalters und von Schulen der islamischen Rechtswissenschaft. Und ohne allzu vermessen klingen zu wollen, ist der »Shari’ah Intelligence«-Kurs mit seinen zugehörigen Modulen nach unserer bescheidenen Auffassung eines der mächtigsten Gegen- und Heilmittel für zahlreiche Formen des religiösen Extremismus, denen wir bislang begegnet sind. Und wir sind ausgesprochen erfreut über die Ergebnisse, insbesondere in Nigeria, doch auch über die Resonanz aus Malaysia, Australien, Sudan, Kenia, Tansania, Bahrain sowie aus weiteren Orten, wo wir unsere Kurse durchgeführt haben. Durch diese Arbeit mit dem Ziel, religiösen Extremismus zu verstehen und auf ihn zu reagieren, erkennen wir immer mehr, wie wichtig es ist, zu gewährleisten, dass es viele dezentrale und alternative Stimmen und Gesichter gibt, die mit der Bekämpfung des Extremismus in Verbindung gebracht werden, sowie die Notwendigkeit, die Unabhängigkeit der Imame und Wissenschaftler zu bewahren. In dem Maße, in dem ein Wissenschaftler als unabhängig von der Regierung und von einflussreichen Männern angesehen wird, ist er (oder sie) glaubwürdig in den Augen vieler an den Rand gedrängter junger Menschen.

In der nigerianischen Stadt Kuru trifft sich der Gemeindepfarrer nach der Sonntagsmesse mit Vertretern der benachbarten Moschee. Gute Beziehungen zwischen den
Religionsgruppen sind ein wichtiger Baustein für den Frieden.
FOTO: FRIEDRICH STARK

Die Rolle des interreligiösen Engagements

Der dauerhafte Dialog zwischen den Führern verschiedener Glaubensrichtungen hat eine wichtige symbolische Bedeutung. Denn er zeigt den meisten Menschen, dass die Verantwortlichen miteinander sprechen, zusammenarbeiten und einander freundlich gesinnt sind und dass sie interreligiöse Aggression oder Gewalt höchstwahrscheinlich nicht tolerieren oder unterstützen werden. Dies verändert die Art und Weise, wie Gläubige und Institutionen religiöse und andere Formen der Vielfalt wahrnehmen und akzeptieren. Und dies führt wiederum zu Formen der Zusammenarbeit, um ethnisch oder sogar religiös motivierte Vorurteile und Diskriminierungen und soziale Ausgrenzung zu bekämpfen.

Interreligiöses Engagement spielt zunehmend eine entscheidende Rolle bei einer Reihe von gemeinschaftlichen Bemühungen zum Friedensaufbau und zum »Brückenbau«, die dabei helfen, religiösen Extremismus zu bekämpfen; es hilft vor allem dabei, die wirklichen Ursachen von Missständen aufzudecken und Gewalttäter beim Namen zu nennen anstatt die Religion dafür verantwortlich zu machen. Dies hilft religiösen Organisationen, von der Polemik, sich gegenseitig die Misere der Gesellschaft vorzuwerfen, abzurücken und den Staat und seine Politiker für deren Fehler, Korruption und Instrumentalisierung der Religion verantwortlich zu machen. Zweifellos ist die Bedeutung interreligiöser Organisationen für Fragen von Frieden und Versöhnung sowie bei Wiederaufbaubemühungen nach Konflikten gewachsen. Der weitere Vorteil der interreligiösen Arbeit besteht darin, dass es durch sie möglich wurde, neue Fähigkeiten und Ausbildungen, die einer religiösen Gemeinschaft zur Verfügung stehen, mit anderen zu teilen. In Nigeria und anderswo haben etliche internationale und lokale interreligiöse Organisationen geholfen, die Kompetenzen vieler muslimischer und christlicher Sozialarbeiter durch Fähigkeiten zu erweitern, zu denen sie ansonsten keinen Zugang gehabt hätten. Ihre Zusammenarbeit hat sie darüber hinaus mit den jeweiligen intrareligiösen Strategien für den Umgang mit ihren eigenen religiösen gewaltsamen Extremisten in Kontakt gebracht. Dies hat jeder Gemeinschaft mehr Sicherheit gegeben, dass die jeweils »andere« Gemeinschaft nicht aus unbeteiligten Zuschauern besteht, die den Gräueltaten der Extremisten aus den eigenen Reihen unempfindlich gegenüberstehen.

Auch die Schulungsunterlagen und -bücher, eine weitere wichtige Komponente des Lehrgangs für Imame und anderer Trainings, setzen den Akzent auf interreligiöse Beziehungen und Peacebuilding. Ziel ist es, das gegenseitige Verständnis und den Respekt zwischen Muslimen und Menschen anderer Glaubensrichtungen für ein friedliches Zusammenleben und eine friedliche Entwicklung der Gesellschaft zu fördern. Die Unterlagen verdeutlichen die Bedeutung und die Potenziale des »Interreligiösen Dialogs« (IRD) und heben die vielen falschen Vorstellungen und Realitäten hervor, denen die interreligiösen Beziehungen in Nigeria gegenüberstehen. Ferner werden die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen Islam und Christentum ausführlich dargelegt – mit Blick darauf, größeren Respekt und mehr Verständnis für die Unterschiede zu schaffen, bei gleichzeitiger Wertschätzung der enormen Gemeinsamkeiten zwischen den beiden großen Glaubensrichtungen. Außerdem wird angeregt, dass die Gemeinschaften Aktionspläne für ein interreligiöses Engagement entwickeln und dafür eintreten.

Eines unserer Materialangebote – »Muslimische Beziehungen mit Nichtmuslimen: Gemeinschaft, Abgrenzung, Freundlichkeit, Gerechtigkeit und Mitgefühl …« – ist ein Kompendium von mehr als 45 der häufigsten »glaubensgestützten« Argumente, die von verschiedenen Richtungen muslimischer, auch gewaltbereiter Extremisten eingesetzt werden, um interreligiöses »bridgeburning «, das Einreißen von Brücken zwischen den Religionen, Feindschaft und den Zusammenbruch oder die Auflösung von Gemeinschaftsbeziehungen zwischen Muslimen und Menschen anderer Glaubensrichtungen zu rechtfertigen. Die Argumente werden auch verwendet, um die Aktivitäten von Friedensstiftern und Konfliktmediatoren in Gemeinschaften sowie von Förderern des interreligiösen Engagements und der interreligiösen Zusammenarbeit zu unterminieren.

Extremisten haben diese Argumente verwendet, um das Ansehen von Muslimen, die an interreligiösen friedensfördernden Maßnahmen mitwirken, zu beschmutzen und um ihre religiöse Glaubwürdigkeit und Autorität in Frage zu stellen. Solche Muslime werden mit verschiedenen abfälligen Bezeichnungen als »lax«, »liberal«, »säkular«, »westlich«, »heuchlerisch« oder als »Verräter« abqualifiziert. Unser Material geht gegen diese verschiedenen Argumente an und zieht dazu die höchsten Autoritäten heran – den Koran, die tatsächlichen Gepflogenheiten des Propheten Mohammed und seiner Gefährten sowie die Meinungen einiger der angesehensten frühen und mittelalterlichen muslimischen Gelehrten und Juristen. Den Imamen, den »Gatekeepern« der muslimischen Gemeinden, diese Antworten auf die extremistischen Argumente an die Hand zu geben, hilft, die Widerstandsfähigkeit gegen Rekrutierungsstrategien gewalttätiger Extremisten zu stärken. Diese Antworten unterstreichen die religiöse Legitimität der Friedensarbeit der Gemeinden und verleihen den Bemühungen um interreligiösen Dialog und dem Einsatz der Beteiligten eine größere Gültigkeit und Vertrauenswürdigkeit. Die Antworten und alternativen Narrative tragen darüber hinaus zur Vorbeugung gegen gewalttätigen Extremismus und zum Aufbau der Widerstandsfähigkeit der Gemeinde bei und fördern ein friedliches Zusammenleben. Unsere Schulungen befassen sich zudem mit weiteren Themen wie Geschlechterbeziehungen und Geschlechtergerechtigkeit im Islam. Weiter statten sie die Teilnehmer mit Managementkenntnissen aus, die sie benötigen, um die personellen, finanziellen und materiellen Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen, für eine bessere öffentliche Aufklärung zum Friedensaufbau zu nutzen.

Nach gewaltsamen Auseinandersetzungen bauen die Menschen in Jos, der Hauptstadt des Plateau State im Zentrum Nigerias, ihre Häuser wieder auf. Das wichtigste Fundament für die Zukunft ist ein dauerhafter Friede.
FOTO: FRIEDRICH STARK

Erfolg von Präventionsmaßnahmen

Der religiösen Ideologie gewalttätiger Extremisten entgegenzuwirken, die Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaft zu erhöhen und eine »Immunität« gegen die von den extremistischen Anwerbern verwendeten Argumente oder Narrative aufzubauen – das steht eher in Zusammenhang mit der religiösen Erziehung, der Sozialarbeit, dem Friedensaufbau und der Verhütung des gewalttätigen Extremismus (Preventing Violent Extremism, PVE) als mit der spezielleren Bekämpfung des gewalttätigen Extremismus (Countering Violent Extremism, CVE) oder der Terrorismusbekämpfung. Im Gegensatz zur Terrorismusbekämpfung, die normalerweise Sache der Sicherheitsbehörden ist, ist die Prävention des gewalttätigen Extremismus eine permanente Arbeit, um das Verhalten einer Person zu ändern, bevor diese Person radikalisiert wird oder sich an Gewalttätigkeiten beteiligt. PVE-Initiativen besitzen ein gemeinsames Merkmal und eine gemeinsame Herausforderung: Sie sollen etwas verhindern, bevor es geschieht. Das bedeutet, dass das Ziel der PVE-Arbeit oftmals schwer zu ermitteln und der Erfolg einer solchen Arbeit fast nicht zu messen ist. Während die Terrorismusbekämpfung vergleichbar mit der Effizienz einer ärztlichen Medikation messbar ist, kann der Erfolg von PVE-Projekten nur schwer gemessen werden – vergleichbar etwa mit besserer Umwelthygiene, Gesundheitserziehung und Ernährung.

Wer PVE mit CVE verwechselt, fördert das Missverständnis, dass alle Arbeit, die darauf abzielt, den gewalttätigen Extremismus zu beseitigen oder zu reduzieren, hochgradig speziell ist – ein Nischenbereich mit spezialisierten Tätigkeiten wie beispielsweise Entradikalisierung von Fundamentalisten, Grenzsicherung, Sicherheitsüberprüfungsverfahren. Das ist vielleicht eines der schädlichsten Missverständnisse für das Wachstum und die Förderung nachhaltiger und effektiver PVE-Projekte und ganz besonders für eine religiöse Erziehung, die sich mit der Dekonstruktion extremistischer Ideologien und Paradigmen befasst. Vor diesem Hintergrund sollte berücksichtigt werden, dass gewalttätiger religiöser oder ideologischer Extremismus nicht neu ist für den Islam (oder für irgendeine andere der großen Weltreligionen). Die Leistungsfähigkeit und die Erfolge kompetenter etablierter muslimischer Wissenschaftler bei der Dekonstruktion der Argumente und Narrative gewalttätiger Extremisten sowie bei der Verhinderung des Wachstums und der Ausbreitung ihrer Ideologien in der Vergangenheit ist von Wissenschaftlern der islamischen Theologie und Geschichte erfasst und aufgezeichnet worden. In jüngster Zeit konnten angesehene traditionelle muslimische Wissenschaftler, die mit gewalttätigen Extremisten in Gefängnissen, insbesondere in Mauretanien und Libyen, arbeiten, große Erfolge verzeichnen. Dies zeigt, dass der Ansatz, die Ideologie gewalttätiger Extremisten mittels einer besseren religiösen Erziehung durch kompetente und glaubwürdige religiöse Autoritäten zu bekämpfen, durchaus erfolgreich ist – auch wenn dieser Erfolg sich nur schwer messen lässt.

Wovon wir allerdings ausgehen können, ist, dass es keinen Königsweg gibt. Die ganzheitliche Vorgehensweise des PVE ist eine schrittweise vorgehende Methode des In-den-Dienst-Nehmens, der Unterstützung und der Ermutigung einzelner Personen, damit sie besser gerüstet sind, um mit ihrer Außenwelt in positiver Weise zu interagieren. Die Verhütung von gewalttätigem Extremismus ist eine Kampagne für bessere Bildung, Bürgerrechte, Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Friedensaufbau und Toleranz.

NURUDDEEN LEMU
Forschungs- und Ausbildungleiter am Da’wah Institue of Nigeria des Islamic Education Trust in Minna, Nigeria Aus dem Englischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt

Ausgabe 1/2018

Gratis-Ausgaben

Ich möchte Forum Weltkirche mit 2 Gratis-Ausgaben kennen lernen.

/ Bestellen bei HerderShop24