Versöhnung ist der Anfang des Friedens Die Arbeit der Friedensbewegung Pax Christi corner

Versöhnung ist der Anfang des Friedens

Die Arbeit der internationalen katholischen Friedensbewegung Pax Christi

von MARIE DENNIS

In Frankreich gegründet, um die Versöhnung zwischen Franzosen und Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg voranzubringen, wurde Pax Christi wenige Jahre später von Papst Pius XII. als offizielle katholische Friedensbewegung anerkannt. Pax Christi glaubt, dass es keinen wahren Frieden ohne Versöhnung geben kann. Versöhnung ist ein entscheidendes Element der Spiritualität von Pax Christi und ein zentrales Instrument im Werkzeugkasten der Friedensförderung.

Deutschland. Pax Christi Deutschland beteiligt sich an der Aktion Aufschrei, die ein Ende des Waffenhandels fordert.
FOTO: PAX CHRISTI INTERNATIONAL

Bei Pax Christi arbeiten die kirchliche Hierarchie, Klerus und Laien auf einer gleichberechtigten und demokratischen Basis zusammen. Ein Bischof und eine Laiin, die beide gewählt wurden, teilen sich nun den Vorsitz. Pax Christi International verfügt durch den Wirtschafts- und Sozialrat (Economic and Social Council, ECOSOC) seit 1979 über einen Beraterstatus bei den Vereinten Nationen und arbeitet an UN-Zentren in Genf, New York, Wien und Paris. Die Organisation ist darüber hinaus offiziell bei der Afrikanischen Union und beim Europarat vertreten und hat regelmäßigen Zugang zum Europäischen Parlament, der Europäischen Kommission und der NATO.

Pax-Christi-Mitgliedsorganisationen und Pax- Christi-Partner sind heute auf fünf Kontinenten vertreten und beteiligen sich an Bemühungen, um

  • eine Kultur aktiver Gewaltlosigkeit zu fördern; örtliche gewaltfreie Friedensarbeit in einem bestimmten Zusammenhang von Krieg oder Gewalt zu unterstützen; zur Prävention oder Veränderung konkreter Gewaltkonflikte beizutragen; sowie die örtlichen, regionalen und internationalen eigentlichen Ursachen dieser Konflikte zu thematisieren;
  • Gemeinschaften zu begleiten, die unter der Einwirkung repressiver Gewalt oder von Krieg leiden, und um deutliche Zeichen internationaler Solidarität mit diesen Gemeinschaften zu organisieren;
  • eine weltweite Bühne zu schaffen, auf der ein dauerhafter Frieden möglich ist, beispielsweise indem Systeme und Denkweisen, die Krieg und Gewalt aufrechterhalten, hinterfragt werden; Programme zur Volksbildung zu unterstützen und Graswurzelbewegungen, die sich für das Leben, für Frieden und Menschenwürde einsetzen; die Militarisierung der internationalen Beziehungen abzubauen; die multinationale Zusammenarbeit zu stärken, um zur Lösung globaler Herausforderungen beizutragen; Waffeninvestitionen und -handel einzuschränken; der Achtung der Menschenrechte und dem Völkerrecht besondere Aufmerksamkeit zu schenken; der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse Vorrang zu geben; der Bewahrung der Schöpfung zu dienen.

Initiative zur Gewaltfreiheit

Pax Christis großes Engagement für die Gewaltfreiheit kommt gegenwärtig durch seine führende Rolle bei der katholischen Initiative zur Gewaltfreiheit (Catholic Nonviolence Initiative) zum Ausdruck. Im April 2016 versammelten sich 85 Menschen aus der ganzen Welt in Rom zu einer als »richtungsweisend« bezeichneten Konferenz über Gewaltfreiheit und gerechten Frieden. Eingeladen vom Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden (jetzt: Dikasterium für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen), von Pax Christi International und von weiteren Gemeinschaften und Organisationen, kamen die Teilnehmer zusammen, um ein neues Rahmenkonzept für die katholische Lehre über Krieg und Frieden zu entwerfen, die der Welt helfen könnte, sich aus dem anhaltenden Kreislauf von Gewalt und Krieg herauszubewegen.

Zahlreiche Teilnehmer kamen aus Ländern, die sich seit Jahrzehnten im Krieg befinden oder mit schwerer Gewalt zu tun haben: Irak, Sri Lanka, Kolumbien, Südsudan, Demokratische Republik Kongo, Mexiko, Afghanistan, Palästina, El Salvador, Philippinen, Nordirland, Libanon, Burundi, Guatemala, Uganda, Südafrika und weitere. Ihre Aussagen über die Kraft der Gewaltfreiheit und die dringende Notwendigkeit, Kriege zu beenden, waren besonders beeindruckend. Die Konferenzteilnehmer verfassten einen »Aufruf an die katholische Kirche zur Neuverpflichtung auf die zentrale Botschaft des Evangeliums zur Gewaltfreiheit« (Appeal to the Catholic Church to Re-commit to the Centrality of Gospel Nonviolence). Darin bitten sie die Kirche dringend, die Sprache des »gerechten Kriege zu überwinden, die für die katholische Theologie über Krieg und Frieden seit Jahrhunderten zentral war, und die Botschaft des Evangeliums über Gewaltfreiheit in das Leben der Kirche zu integrieren. Im Einzelnen rief die Konferenz die Institution Kirche dazu auf:

  • die katholische Soziallehre über Gewaltfreiheit weiterzuentwickeln; insbesondere bitten wir Papst Franziskus um eine Enzyklika über Gewaltfreiheit und gerechten Frieden für die Welt;
  • die Gewaltfreiheit des Evangeliums ausdrücklich ins Leben und Wirken der Kirche zu integrieren – durch die Diözesen, Pfarreien, Kommissionen, Schulen, Universitäten, Priesterseminare, Ordensgemeinschaften, gemeinnützige Organisationen und andere;
  • gewaltfreie Methoden und Strategien zu unterstützen (zum Beispiel gewaltfreier Widerstand, wiedergutmachende Gerechtigkeit, Traumaheilung, Schutz unbewaffneter Zivilisten, Konflikttransformation und Strategien für die aktive Friedensförderung);
  • einen weltweiten Dialog über Gewaltfreiheit zu initiieren – innerhalb der Kirche, mit Andersgläubigen und mit der Welt insgesamt –, um auf die gewaltigen Krisen unserer Zeit durch die Vision und die Strategien gewaltfreien Handelns und eines gerechten Friedens eine Antwort zu geben; –
  • der »Theorie des gerechten Krieges« eine Absage zu erteilen und weiterhin für eine Abschaffung von Kriegs- und Atomwaffen einzutreten;
  • die prophetische Stimme der Kirche zu erheben, um ungerechte Weltmächte herauszufordern und die gewaltfreien Aktivisten, die durch ihr Engagement für Frieden und Gerechtigkeit ihr Leben aufs Spiel setzen, zu unterstützen und zu verteidigen.

Unmittelbar nach der Konferenz sandte Pax Christi International einen Vorschlag an Papst Franziskus und bat ihn um eine Botschaft zum Weltfriedenstag sowie – für die Zukunft – eine Enzyklika zum Thema Gewaltfreiheit. Angehörige von Pax Christi waren hocherfreut, als er seine Botschaft für den Weltfriedenstag 2017 über »Gewaltfreiheit: Stil einer Politik für den Frieden« verfasste.

Die katholische Kirche verfügt über diplomatische Vertretungen in fast jedem Land und bei allen bedeutenden internationalen Organisationen und hat ein gut ausgebautes Netzwerk mit Universitäten, Priesterseminaren, Ordensgemeinschaften, Pfarreien und Medien. Hinter diesem institutionellen Netzwerk stehen mehr als eine Milliarde Gläubige. Darüber hinaus verfügt sie über wertvolle spirituelle und theologische Ressourcen, die einen enormen Beitrag zur Entwicklung und zur Akzeptanz gewaltfreier Konzepte für eine friedvollere Welt leisten könnten. In den vergangenen beiden Jahren hat die katholische Initiative zur Gewaltfreiheit, die aus der Konferenz in Rom im April 2016 als ein Projekt von Pax Christi International hervorgegangen ist, sehr ernsthafte Gespräche mit dem Vatikan und mit den Ortskirchen auf der ganzen Welt geführt – einschließlich vieler Kriegsgebiete – über den Umfang und das Potenzial aktiver Gewaltfreiheit, um den Frieden nachhaltig aufrechtzuerhalten. Ein ehrgeiziger internationaler Runder-Tisch-Prozess mit Diskussionen, an denen Theologen, Friedenspraktiker, Aktivisten und Akademiker beteiligt sind, schreitet gut voran und führt zu wichtigen Einsichten. Wir glauben, dass dieser Prozess in einer weiterentwickelten katholischen Lehre über aktive Gewaltfreiheit Früchte tragen wird.

Haiti. In einem Sportprogramm in Port-au-Prince lernen Kinder Respekt, Kooperation und Gewaltlosigkeit.
FOTO: PAX CHRISTI INTERNATIONAL

Konfliktverhütung, Konflikttransformation und Friedensförderung

Die Arbeit von Pax Christi in den Bereichen Konfliktverhütung, Konflikttransformation und Friedensförderung reagiert jeweils auf einen bestimmten Kontext und passt sich neuen Gegebenheiten und Erfordernissen an, sobald sich der Kontext ändert. Als globales Netzwerk glauben wir, dass unsere Arbeit dann am wirksamsten ist, wenn sie in vollem Umfang die Reichweite, die Tiefe sowie die vielfältigen Aktivitäten des Pax-Christi-Netzwerkes nutzt. Unser Ziel ist es, die Mitgliedsorganisationen von Pax Christi und ein starkes, gut funktionierendes weltweites Pax-Christi-Netzwerk in die Lage zu versetzen, lokale gewaltfreie Friedensarbeit in einem bestimmten Kontext eines Krieges oder eines Gewaltkonflikts zu unterstützen. So versuchen wir, auf konkrete Weise dazu beizutragen, den Krieg zu beenden, Konflikte zu transformieren, internationale Solidarität mit Gemeinschaften auszudrücken, die unter dem Einfluss von repressiver Gewalt oder Krieg leiden, sowie deren Hauptursachen in Angriff zu nehmen, einschließlich der internationalen Ursachen. Dafür einige Beispiele:

Syrien:

Seit Beginn des Arabischen Frühlings im Jahr 2011 hat Pax Christi den Handlungsmöglichkeiten zugunsten elementarer Menschenrechte, der Selbstbestimmung sowie der Befreiung von Unterdrückung starke Beachtung geschenkt. Als sich die Lage in Syrien verschlechterte, ermöglichte Pax Christi zahlreiche Maßnahmen des Austausches zwischen Mitgliedsorganisationen unseres Netzwerks im Nahen Osten und Partnern aus Ägypten, Palästina, Libanon, Jordanien, Syrien und Irak sowie Nahostexperten aus anderen Teilen der Pax-Christi-Welt. Ein Regionaltreffen in Amman befasste sich mit der Gewalt in Syrien und empfahl Pax Christi International folgende Ansätze: weiterhin nach Wegen zu suchen, um den gewaltlosen Widerstand gegen ein extrem gewalttätig gewordenes Regime zu unterstützen; die internationale Gemeinschaft zu ermutigen, humanitäre Hilfe durch kleine, lokale Organisationen zu leisten sowie eine Solidaritätskampagne zur Fastenzeit mit Gebet und Fasten zu starten, um dem syrischen Volk noch deutlicher zu machen, dass es in seinem Leiden nicht alleine ist.

Pax Christi schickte darüber hinaus Briefe an den UN-Generalsekretär, an europäische Entscheidungsträger und die Russische Föderation und forderte eine Beendigung der Waffenverkäufe an Syrien, Zugang für humanitäre Hilfe, eine Ächtung von Gewalt – unabhängig davon, woher sie stammt – sowie die Priorisierung von Dialog, Diplomatie und gewaltfreiem Widerstand. Wir gaben öffentliche Stellungnahmen heraus, in denen wir unsere Besorgnis über die massive Unterdrückung der friedlichen Proteste durch die syrische Regierung und die vorsätzlichen Angriffe auf die Zivilbevölkerung ausdrückten.

Sudan:

Im Sudan gab es vielfältigere Möglichkeiten als in Syrien. Mitglieder von Pax Christi – insbesondere PAX (die Pax-Christi-Organisation in den Niederlanden) und Pax Christi Italien – arbeiten seit vielen Jahren im Sudan und seit kurzem auch im Südsudan. Sie begannen ihre Arbeit auf der Basisebene, auf der sie oftmals auch verblieben, um sich den örtlichen sudanesischen Friedensbemühungen anzuschließen und diese zu unterstützen. Unser wichtigster Partner dort ist auf nationaler und lokaler Ebene die katholische Kirche.

Ein gutes Beispiel für die internationale Kooperation mit der lokalen katholischen Kirche war die Zusammenarbeit von Pax Christi mit Bischof Paride Taban, dem emeritierten Bischof der Diözese Torit, und seinem Friedensdorf Kuron, das heute selbst eine Mitgliedsorganisation von Pax Christi ist. Als vor einigen Jahren der traditionelle Viehdiebstahl äußerst gewalttätig und gefährlich wurde, bat Bischof Taban die Organisationen Pax Christi Niederlande (heute PAX) und Seeds of Peace Africa (SOPA), ein Programm zu entwickeln, das die jungen Kämpfer aus den Weidewirtschaft betreibenden Gemeinschaften zusammenbringen sollte, damit sie sich alternative friedliche Wege für ihre Beziehungen untereinander überlegten – zum Wohl ihrer Gemeinschaften. Nach erfolgreichen Konferenzen in Kuron und Narus (Sudan) mit jungen Kämpfern und den Ältesten aus benachbarten Hirtengemeinschaften in Uganda, Kenia und Sudan entwickelten die niederländische Sektion von Pax Christi, SOPA sowie lokale Organisationen ein Friedens- und Sportprogramm mit dem Titel »Spielen für den Frieden «, das äußerst effektiv war.

Vor den Parlamentswahlen von 2010 und dem Referendum von 2011 waren Pax-Christi-Teams – die zudem möglichst viele sudanesische Mitarbeiter umfassten – auch in mehreren Dörfern und Städten im Südsudan tätig, darunter in Nimule, Torit, Bor, Malakal und Juba, wobei sie in vollem Umfang bereits existierende Gemeinde- und diözesane Netzwerke nutzten, um Veranstaltungen und Aktionen zu organisieren oder Informationen zu verbreiten. Sie begleiteten und unterstützten lokale Friedensinitiativen und förderten Workshops, Gespräche und Schulungen – hauptsächlich für junge Leute – über Konfliktlösung und weitere friedensfördernde Fähigkeiten. In diesen Jahren unterstützte Pax Christi die Gründung des South Sudan Action Network on Small Arms, das einen waffenfreien Wahlprozess energisch vorantrieb. Angesichts der gewaltigen Herausforderungen der Abrüstung im Südsudan nach so vielen Jahren des Krieges war dies ein kleiner, aber bedeutender Schritt.

Philippinen. Eine von Studenten geführte Demonstration fordert Gerechtigkeit und Frieden für die Krisenregion Mindanao.
FOTO: PAX CHRISTI INTERNATIONAL

Demokratische Republik Kongo:

In Post-Konfliktsituationen treten Sicherheitsprobleme häufig dann auf, wenn ehemalige Kämpfer ohne Lebensunterhalt oder unterstützende Netzwerke während der wichtigen Übergangszeit vom Konflikt zu Frieden, Aufschwung und Weiterentwicklung zurückgelassen werden. Sicherheitsmaßnahmen, wie sie in den Konzepten DDR (Disarmament, Demobilization, Reintegration – Abrüstung, Demobilisierung, Wiedereingliederung), SSR (Security Sector Reform – Reform des Sicherheitssektors) und in Prozessen formuliert werden, um die Rechtsstaatlichkeit zu stärken, werden zunehmend als vorrangige Aufgaben des Peacebuilding anerkannt.

Seit 2010 kooperierten Pax Christi International und Pax Christi Flandern bei einem Gemeinschaftsprojekt, um die Wiedereingliederung ehemaliger Kämpfer in Burundi und der DR Kongo zu erleichtern. Vor Ort angesiedelte »Zuhörende Gemeinschaften« trafen sich regelmäßig an verschiedenen Orten, um ihre Geschichten zu erzählen und um sich gegenseitig bei ihren Bemühungen zu unterstützen, ins Zivilleben zurückzukehren. Geschulte Moderatoren leiteten Gruppendiskussionen und stellten Verbindungen zu lokalen Behörden her. Während der Wahlen von 2011 organisierten lokale Pax-Christi-Gruppen in Bukavu und Uvira (DR Kongo) Fußballspiele zwischen ehemaligen Mitgliedern bewaffneter Gruppen; so konnten sie zeigen, dass Konkurrenz nicht unbedingt Gewalt bedeuten muss. Momentan gründen Pax-Christi-Mitgliedsorganisationen in der Region der Großen Seen in Afrika eine regionale Pax-Christi-Gruppe und konzentrieren sich darauf, jungen Menschen die Macht gewaltloser Strategien zur Konfliktlösung zu vermitteln.

Lobby- und Kampagnenarbeit

Zu den wichtigsten Strategien für die Friedensarbeit von Pax Christi gehören die Lobby- und die Kampagnenarbeit. Diese Strategien bauen auf der Erfahrung unserer Mitgliedsorganisationen auf der ganzen Welt auf und thematisieren regelmäßig strukturelle und systemische Probleme, die Gewaltkonflikte verursachen oder aufrechterhalten. Die Lobby- und Kampagnenarbeit von Pax Christi vollzieht sich normalerweise in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen und Organisationen, die unseren Standpunkt in Bezug auf ein bestimmtes Thema teilen. Wir arbeiten mit dem Heiligen Stuhl, mit Bischofskonferenzen, mit anderen katholischen Organisationen, mit Menschen anderer Glaubensrichtungen und einer Vielzahl zivilgesellschaftlicher Organisationen zusammen. Gegenwärtig stehen vier Themen im Mittelpunkt der Lobbyarbeit von Pax Christi International: Gewaltfreiheit als eine Art der Friedenspolitik, die Verhandlungen über den UN-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen, ein neuer Friedensprozess für Israel und Palästina sowie die gewaltfreie Verteidigung lokaler Gemeinschaften in Lateinamerika, die von den negativen Folgen der Rohstoffförderung betroffen sind.

Gewaltfreiheit als Friedenspolitik

Pax Christi International glaubt, dass Regierungen die moralische und rechtliche Verpflichtung haben, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, gewaltfreie Strategien ausfindig zu machen (sozialpolitische Maßnahmen, friedensfördernde Aktivitäten, Dialog, Verhandlungen, Mediation usw.), um die Ursachen von Gewalt weltweit auszurotten und um schutzbedürftige Gemeinschaften vor Genozid, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ethnischen Säuberungen zu beschützen. Wie der Konflikt in Syrien jedoch zeigt, verlegen sich Regierungen eher auf militärische Konzepte, anstatt dass sie alle diplomatischen, humanitären oder andere friedlichen Mittel einsetzen.

Der jüngste Bericht einer hochrangigen unabhängigen Sachverständigengruppe der Vereinten Nationen (High Level Independent Panel on UN Peace Operations) hob mit Blick auf Friedenssicherungseinsätze die Bedeutung folgender Punkte hervor: die Verhütung bewaffneter Konflikte sowie die Mobilisierung von Partnerschaften, um politische Lösungen zu unterstützen; waffenlose und zivile Methoden zum Schutz von Zivilpersonen; Integration, Heilung und Versöhnung; Thematisierung der zugrundeliegenden Konfliktursachen; Wiederbelebung von Einkommensmöglichkeiten in von Konflikten betroffenen Volkswirtschaften; Wiederaufbau von Vertrauen in politische Prozesse und die zuständigen staatlichen Strukturen; Reform der Polizei; Förderung der Rechtsstaatlichkeit; Wahrung der Menschenrechte. UN-Mitgliedsstaaten setzen sich mit dem Konzept der »Friedenserhaltung« (sustaining peace) auseinander, das die Notwendigkeit unterstreicht, Frieden an sich und nicht nur in Post-Konfliktsituationen aufzubauen. Pax Christi International veranstaltete 2017 zwei offizielle Diskussionsforen zu dieser Thematik – eines in New York mit Maryknoll und der Vertretung des Heiligen Stuhls, das andere in Brüssel mit Vertretern der Europäischen Union.

Palästina. Eine internationale Delegation besucht ein palästinensisches Flüchtlingslager.
FOTO: PAX CHRISTI INTERNATIONAL

Ein Vertrag zum Verbot von Atomwaffen

Seit Jahrzehnten ist Pax Christi International aktiv bei den weltweiten Bemühungen um die Abschaffung von Kernwaffen. Seit 2011 ist die Diplomatie und die Lobbyarbeit zur Abschaffung der Kernwaffen zunehmend durch einen humanitären Ansatz bestimmt, und im Jahr 2017 führte die UN in New York Verhandlungen, die zu einem gesetzlichen Verbot von Kernwaffen führten. Das Team von Pax Christi nahm während der beiden Verhandlungsrunden aktiv an Aktionen der Zivilgesellschaft teil, veröffentlichte Kommentare zum Vertragsentwurf und organisierte eine Begleitveranstaltung während der letzten Tage der Beratungen. Pax-Christi- Mitgliedsorganisationen weltweit ermutigen ihre Regierungen, den Vertrag zu unterzeichnen und zu ratifizieren.

Unsere Arbeit zur Unterstützung des Vertrags zum Verbot von Atomwaffen stand im Einklang mit unserem Schwerpunkt, den wir seit vielen Jahren auf die Abrüstung gelegt haben. Seit den Anfangstagen des kalten Krieges hat sich Pax Christi für Abrüstung und Entmilitarisierung engagiert – durch Lobbyarbeit im Hinblick auf nationale und regionale Sicherheitsstrategien, doch insbesondere durch die Schaffung von verbindlichen und durchsetzbaren multilateralen Verträgen mit Blick auf sämtliche Aspekte der Entwicklung, des Gebrauchs und des Einsatzes von Waffen. So setzte sich Pax Christi beispielsweise für ein stabiles Waffenhandelsabkommen ein, das den illegalen Waffenhandel beenden und damit Leben retten würde. Wir nahmen aktiv an der interreligiösen Kampagne zur Waffenkontrolle (Control Arms Interfaith Campaign) und an einer ökumenischen Aktion für ein Waffenhandelsabkommen (Ecumenical Campaign for a Strong and Robust Arms Trade Treaty) teil. Pax Christi forderte einen Vertrag, der die Kriterien der Menschenrechte und des Internationalen humanitären Rechts erfüllen sollte, für Kleinwaffen und leichte Waffen, für Munition und entsprechende Teile dieser Waffen gelten sollte, Waffentransfers, die eine nachhaltige Entwicklung gefährden oder geschlechtsbezogene Gewalt aufrechterhalten, verweigern sowie die Notwendigkeit von Hilfeleistungen für Überlebende thematisieren sollte.

Ein neuer Friedensprozess für Israel und Palästina

Pax-Christi-Mitgliedsorganisationen engagieren sich seit vielen Jahren, um einen gerechten Frieden zwischen Palästina und Israel zu fördern. Pax-Christi- Mitglieder arbeiten mit palästinensischen und israelischen Organisationen zusammen, um die Besetzung zu beenden und ihre Unterstützung derjenigen aus- zudrücken, deren fundamentale Menschenrechte immer wieder verletzt werden. Viele Sektionen von Pax Christi senden regelmäßig Delegationen nach Israel und Palästina und nutzen ihre Erfahrungen, um mit ihrer eigenen Regierung für eine gerechte Politik in der Region einzutreten. Abgesehen von dem Aufruf zu einer politischen Lösung entwickeln wir Materialien, die auf den Erfahrungen der einheimischen Bevölkerung basieren, um die Öffentlichkeit auf die Situation in den besetzten palästinensischen Territorien und in Ostjerusalem aufmerksam zu machen. 2015 fand unsere Hauptversammlung zum 70. Jahrestag der Gründung von Pax Christi International in Bethlehem statt – als kollektiver Ausdruck der Solidarität und Unterstützung. Einige Jahre zuvor hatte sich der Vorstand von Pax Christi International zu Exerzitien in Warschau und Auschwitz getroffen, um so die schmerzlichen Erinnerungen an den Holocaust zu ehren und dem jüdischen Volk seinen Respekt zu bezeugen.

Südafrika. Am Ende einer Versammlung aller afrikanischen Pax-Christi-Mitgliedsorganisationen bilden die Teilnehmer einen Gebetskreis für den Frieden.
FOTO: PAX CHRISTI INTERNATIONAL

Gewaltfreie Verteidigung lokaler Gemeinschaften

Die Aktivitäten der Rohstoffindustrie in Lateinamerika haben in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen und sich negativ und unwiderruflich auf die Ökosysteme und lokale Gemeinschaften ausgewirkt, was oftmals zu Konflikten führte. Häufig fördern die Regierungen in der Region das Vorgehen dieser multinationalen Unternehmen durch Gesetzesänderungen, Steuervorteile und aufgeweichte ökologische Sicherheitsmaßnahmen, und indem sie Polizei und Armee in deren Dienst stellen. Menschen, die ihr Land und ihre Rechte verteidigen, werden häufig kriminalisiert und ermordet. Pax Christi International arbeitet mit Mitgliedsorganisationen in Mexiko, Guatemala, Kolumbien, Peru, Chile und Paraguay zusammen, die Gemeinschaften begleiten, die sich wehren und ihr Land gegen eine zerstörerische Rohstoffförderung verteidigen. Pax Christi will in der internationalen Gemeinschaft das Bewusstsein für die Pflicht der Regierungen und multinationalen Unternehmen schaffen, die Menschenrechte dieser gefährdeten Gemeinschaften zu schützen. Wir haben Gemeinschaften beim Erlernen von gewaltfreien Methoden und von Techniken der Lobbyarbeit unterstützt, damit sie diese zur Verteidigung ihrer Rechte einsetzen können.

Mit Blick auf entscheidende Menschenrechtsfragen setzt Pax Christi die Lobbyarbeit fort. Zuletzt galt dies für das Menschenrecht auf Frieden, die Abschaffung der Folter, die Spirale der Gewalt sowie die Verschlechterung der Menschenrechtssituation auf den Philippinen und in Pakistan. Regelmäßige schriftliche und mündliche Interventionen vor dem UN-Menschenrechtsrat in Genf, öffentliche Stellungnahmen und Kampagnen, bei denen Pax-Christi-Mitglieder in verschiedenen Ländern miteinbezogen sind, sind nur einige der Instrumente, die für die Menschenrechts- Lobbyarbeit auf verschiedenen Ebenen und an verschiedenen Orten eingesetzt werden.

Versöhnung – Identität von Pax Christi

Versöhnung war die Gründungsmotivation für Pax Christi als Bewegung, und unser Engagement bleibt unverändert stark, um praktische Schritte zu unterstützen, die der Heilung von durch Krieg und Ungerechtigkeit zerbrochenen Beziehungen dienen. Die Arbeit einer Pax- Christi-Mitgliedsorganisation, des »Zentrums für Frieden, Gewaltfreiheit und Menschenrechte Osejik« in Kroatien, ist dafür ein gutes Beispiel. Während des Balkankriegs ebnete das Friedenszentrum den Weg für die friedvolle Rückkehr von Vertriebenen und Flüchtlingen, indem es Vertrauen über ethnische Grenzen hinweg aufbaute und eine interethnische Zusammenarbeit anstieß, um die vom Krieg gezeichneten multiethnischen Gemeinschaften wiederherzustellen. Fast 20 Jahre später setzten Pax-Christi-Treffen im kroatischen Vukovar diese Dynamik zur Versöhnung fort und hoben den Stellenwert des öffentlichen Bekenntnisses zur Wahrheit und der Erinnerung im Prozess der Versöhnung hervor. Von den serbischen Streitkräften 20 Jahre zuvor vollständig zerstört, sind die Wunden von Vukovar zwar noch nicht verheilt, doch viele Bürger und die Kommunalverwaltung stärken das interethnische Vertrauen. Um ihren Weg zur Versöhnung zu begleiten, besuchten Teilnehmer der Pax-Christi-Veranstaltungen die Gedenkstätte Ovcˇara, die während des Krieges als Konzentrationslager für nichtserbische Häftlinge diente: 200 in dem Lager inhaftierte Zivilisten und Soldaten wurden getötet und in Massengräbern verscharrt, 62 Menschen verschwanden. Um der Opfer ehrend zu gedenken, hielt die Pax-Christi-Gruppe am Ort der Hinrichtung einen Gedenkgottesdienst ab. Wir beteten unter anderem mit folgenden Worten: »Gott aller Güte, du hast uns in diesen Tagen zusammengerufen, um der Opfer einer schrecklichen Gewalttat zu gedenken. Wir gedenken ihrer – jedes Einzelnen. Wir haben ihre Geschichten zum wiederholten Male gehört. Wir haben sorgfältig zugehört und diesen Geschichten erlaubt, unsere Herzen zu öffnen, um uns mit Mitgefühl zu erfüllen. Wir stehen auf heiligem Boden …«

Die Spiritualität von Pax Christi erwächst aus dieser Verpflichtung zur Versöhnung und reflektiert von daher auch eine tiefe Wertschätzung der Vielfalt. Obgleich wir eine katholische Friedensbewegung sind, teilen und fördern Menschen vieler unterschiedlicher Glaubens- und Kulturtraditionen unseren Weg zum Frieden. In Neuseeland haben Pax-Christi-Mitglieder zum Beispiel von der Maori-Kultur gelernt, dass der Schlüssel zum Frieden die Achtsamkeit ist: eine Sensibilität dafür, wer wir sind und wo wir stehen, was einen fortdauernden Dialog mit uns selbst, mit dem Nachbarn, den Gemeinschaften, mit den Nationen, der Erde und ihren Geschöpfen beinhaltet. Die Maori glauben, dass sich versöhnen heißt, richtige Beziehungen wieder herzustellen, die Wirklichkeit der Verletzung und des Schadens für Opfer und Täter offenzulegen und die Wahrheit und Integrität zu gewährleisten, indem man den Schaden repariert und Mitgefühl, Opfer und Großzügigkeit in den Heilungsprozess einbringt.

Wir erkennen auch, dass »Verschiedenheit« oftmals dazu benutzt wird, um Ängste wachzurufen sowie als Grundlage für gewalttätige Unterdrückung, Verletzung von Menschenrechten, soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeit und Krieg. In vielen Teilen der Welt reagiert Pax Christi auf die Verteufelung des Islam, indem es zu größerer Toleranz ermutigt sowie durch einen verstärkten Austausch und Zusammenarbeit mit muslimischen Gemeinschaften und Organisationen. Da Pax Christi Österreich die Bedeutung von Symbolen erkannt hat, um die Achtung der Vielfalt zu fördern, ist es einer Protestwelle im eigenen Land gegen den Bau von sogar sehr bescheidenen Minaretten im »Land der katholischen Glockentürme« entgegengetreten, indem es eine Pro-Minarett-Erklärung veröffentlichte, die die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zog. In den Vereinigten Staaten hat Pax Christi eine 20-jährige Verpflichtung abgegeben, sich in »eine antirassistische, multikulturelle Bewegung für Frieden mit Gerechtigkeit umzuwandeln. Weil Rassismus den Farbigen Gewalt zufügt, weil Gewalt, egal wo, überall Ungerechtigkeit ist, und weil Ungerechtigkeit eine Sünde gegen die Menschlichkeit und gegen den Gott ist, der uns erschafft, erlöst und heiligt – deshalb steht Rassismus dem entgegen, wozu wir alle berufen sind: Brüder und Schwestern zu sein.«

Seit seinen Anfängen hat Pax Christi die Aufmerksamkeit für die Spiritualität, die unsere Bewegung nährt und die sich auf die Prioritäten und die Wirksamkeit unserer Friedensarbeit auswirkt, gestärkt. Nahezu jede Mitgliedsorganisation von Pax Christi International bringt kulturell und kontextuell angemessene Mittel für das persönliche und das gemeinschaftliche Gebet hervor und baut regelmäßig Gebet, Reflexion und sakramentale Vollzüge in ihre Programme ein. Diese Spiritualität ist in hohem Maße von der katholischen Tradition, aus der heraus unsere Bewegung erwachsen ist, geprägt, doch sie ist auch in vielfältiger Weise durch die reichen interreligiösen und interkulturellen Erfahrungen positiv beeinflusst, die die Bahn unserer Bewegung bestimmt haben.

MARIE DENNIS
Co-Präsidentin von Pax Christi International Aus dem Englischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt

Ausgabe 1/2018

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