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LATEINAMERIKA

Papstreise lenkt Aufmerksamkeit auf indigene Bevölkerung und gefährdete Natur

Thomas Wieland, Leiter der Projektabteilung beim Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat.
FOTO: MARTIN STEFFEN/ADVENIAT

Papst Franziskus besuchte Chile und Peru

Vom 15. bis zum 22. Januar 2018 hat Papst Franziskus Chile und Peru besucht. Mit seinen Begegnungen mit dem Volk der Mapuche in Chile und den indigenen Völkern im peruanischen Amazonasgebiet hat er ein vielbeachtetes Zeichen gesetzt. Davon ist Thomas Wieland, Leiter der Projektabteilung beim Lateinamerika- Hilfswerk Adveniat, überzeugt. Im Gespräch mit Stephan Neumann hat er seine Einschätzung der Reise geschildert.

Herr Wieland, Sie haben die fünfte Reise des Papstes auf seinen Heimatkontinent intensiv beobachtet. Während seine Landsleute sehnsüchtig auf einen Argentinienbesuch warten, fährt er nach Chile, wo ihm die Menschen eher distanziert begegnen. Welches Ziel verfolgt Franziskus?

Wieland: Mit seiner Reise hat er ein weiteres Mal seinen Worten Taten folgen lassen. Papst Franziskus sucht nicht das Heimspiel. Er geht vielmehr selbst an die Ränder der Gesellschaft und stellt sich kompromisslos an die Seite der Armen und Ausgeschlossenen. Er besuchte Häftlinge im Gefängnis und Kinder, die in Heimen häufig erstmals so etwas wie ein Zuhause erleben. Er trifft sich mit Migranten, die auf der Suche nach Lebens- und Arbeitsperspektiven ihre Heimat verlassen haben. Mit dem Besuch im südchilenischen Temuco und des peruanischen Amazonasgebietes hat er die öffentliche Aufmerksamkeit auf die geschundene Umwelt und die indigenen Völker, deren Leben und Rechte massiv bedroht sind, gelenkt.

Im Mittelpunkt der Berichterstattung stand jedoch der Missbrauchsskandal in Chile. Dass Papst Franziskus die Vorwürfe gegen Bischof Juan Barros von Osorno, dieser habe den jahrelangen Kindesmissbrauch eines Priesters vertuscht, als »Verleumdungen« bezeichnet hatte, hat selbst nach Auffassung des Vatikansprachrohrs Vaticannews eine »verheerende « Wirkung.

Wieland: Das Thema sexueller Missbrauch steht in der chilenischen Kirche auf der Tagesordnung. Deswegen hat Papst Franziskus sich ja ganz bewusst zu Beginn seiner Reise mit Missbrauchsopfern getroffen. Er hatte das vorab nicht in der Presse bekannt gegeben; das ist für mich ein klares Zeichen dafür, dass er wirklich Nähe zeigen wollte. Das passt auch zur Linie der chilenischen Kirche, die nach dem Bekanntwerden von Fällen sexuellen Missbrauchs strukturelle Veränderungen in Angriff genommen hat – sowohl zur Prävention von sexuellem Missbrauch als auch zum Umgang mit den Tätern. Die Fälle werden vor die staatlichen Gerichte gebracht. Trotzdem: Die Wunden sind groß und die Aufarbeitung ist noch lange nicht zu Ende. Sich zu diesem Zeitpunkt so deutlich und heftig im Ton auf die Seite von Bischof Barros zu stellen, war unglücklich. Dafür hat sich Papst Franziskus dann auch auf dem Rückflug nach Rom ausdrücklich entschuldigt.

Sind dadurch die wesentlichen Themen verdrängt worden?

Wieland: Nur kurzfristig – langfristig werden die eindrücklichen Zeichen zugunsten der indigenen Völker des Kontinents ihre Wirkung entfalten. Im Konflikt zwischen dem Mapuche-Volk auf der einen Seite und dem chilenischen Staat und den Großgrundbesitzern auf der anderen hat der Papst sich eindeutig auf die Seite der Indigenen gestellt. Mit der Begegnung hat der Papst die Mapuche, ihre Traditionen und ihre Landrechte anerkannt.

In Peru hat Papst Franziskus die Gier auf Erdöl, Gas, Holz, Gold und industrielle landwirtschaftliche Monokulturen angeprangert, die Amazonien und seine Völker vernichte. Können solche Mahnungen überhaupt etwas verändern?

Wieland: Hier gibt es eine längere Entwicklung. Der Besuch des Amazonasgebietes war nur eine Station in einem langfristigen Prozess, der sich von der Gründung des panamazonischen kirchlichen Netzwerks Repam 2014 über die Sozial- und Umweltenzyklika Laudato si’ bis zur Amazonas-Synode 2019 in Rom erstreckt. Das Amazonas-Netzwerk, zu dem auch das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat gehört, schult systematisch die Vertreter der indigenen Völker, damit sie ihre Rechte einklagen können und nicht tatenlos zusehen müssen, wie ihre Lebensgrundlage und die der gesamten Menschheit vernichtet wird. Papst Franziskus hat darauf hingewiesen, dass die Indigenen mit ihrer Weisheit und mit ihrer Art zu leben die Welt verändern können. Mit seinem Besuch und mehr noch mit der Synode zeigt er, dass er selbst von ihnen lernen will, um auch in dieser Hinsicht ein Beispiel zu geben.

Ausgabe 02/2018

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