Die meisten leben nicht im Paradies Der gesellschaftliche Wandel in Indonesien corner

Die meisten leben nicht im Paradies

Der gesellschaftliche Wandel in Indonesien

von KRISTINA GROSSMANN

Seit 2014 ist Joko Widodo, kurz Jokowi genannt, Staatspräsident Indonesiens.
FOTO: PROVINCIAL GOVERNMENT OF JAKARTA/WIKIMEDIA COMMONS

Fast 20 Jahre nach dem Ende der autoritären Suharto-Ära (1967–1998) bestimmen noch immer reaktionäre Machteliten die gesellschaftliche und politische Entwicklung Indonesiens. Gestärkt durch globale Islamisierungsprozesse und nationale konservative Gruppen nehmen islamische Kräfte vermehrt Einfluss auf politische Entscheidungen und gesellschaftliche Diskurse. Die Wirtschaft beutet – mit Unterstützung des Staates – die natürlichen Ressourcen aus und zerstört so die Umwelt und die Lebensgrundlage vieler Menschen. Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Wandel geben die zahlreichen zivilgesellschaftlichen Gruppen, die in manchen Bereichen Veränderungen anstoßen konnten.

Eisenerzabbau auf der kleinen, Sulawesi vorgelagerten Insel Bangka. Gewinne aus dem Bergbau machen rund 17 Prozent der Exporteinnahmen Indonesiens aus.
FOTO: KRISTINA GROßMANN

Indonesien ist gesellschaftlich und politisch tief gespalten. Der Kampf zwischen reaktionären Kräften, die oftmals mit Islamisten kooperieren, und dem demokratischen, pluralistischen Lager zeigte sich sehr deutlich in den Präsidentschaftswahlen von 2014. Joko Widodo (Jokowi) gewann als »Indonesiens Obama« gegen den militärnahen Kandidaten Prabowo Subianto und ist heute Präsident Indonesiens. Der Sieg war mit 53 Prozent jedoch knapp, was ihn vermehrt zu Kompromissen mit dem konservativen Establishment zwingt. Dadurch schwindet zunehmend sein Ruf als Hoffnungsträger für Demokratie und Pluralismus im Land. International erntete Jokowi 2015 harsche Kritik, da bereits in den ersten Monaten seiner Regierungszeit gegen 14 Menschen die Todesstrafe, meist wegen Drogenschmuggels, vollstreckt wurde. Menschenrechtsorganisationen kritisierten diesen Schritt und warfen Jokowi vor, er wolle damit hauptsächlich Stärke beweisen.

Der große Einfluss der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Suharto-Elite zeigt sich auch in der Weigerung, die Massenmorde an Kommunisten und linken Aktivistinnen und Aktivisten in den Jahren 1965/66 aufzuarbeiten. 1965 hatte Indonesien die drittgrößte kommunistische Partei der Welt. Damals wurde den Kommunisten ein konstruierter Putschversuch in die Schuhe geschoben und lieferte den Anlass für einen Massenmord an politischen Gegnern. Die genaue Zahl der Opfer dieses Massakers ist unklar, sie liegt zwischen einer halben und 3,5 Millionen. Der international beachtete und in Indonesien heiß diskutierte Film von Joshua Oppenheimer »The Act of Killing« enthüllt die schrecklichen Gräueltaten während dieser Zeit und macht deutlich, dass Gewalt ein fester Bestandteil politischer und gesellschaftlicher Konfliktlösungsstrategien in Indonesien war und immer noch ist.

Religiöse Vielfalt in Gefahr?

Indonesien, das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung, wird oftmals als Vorbild für die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie gepriesen. Das Staatsmotto »Einheit in Vielfalt« steht auch für ein multireligiöses Indonesien, und die Verfassung des Landes garantiert Religionsfreiheit. Die Dominanz des Islam zeigt sich im pluralen zivilen Rechtssystem Indonesiens, das Muslimen eine besondere Stellung einräumt. Das islamische zivile Rechtssystem wird parallel zum positiven nationalen Zivilrecht angewendet. Nur in der Provinz Aceh werden – verstärkt nach der Tsunami-Katastrophe 2004 – Teile des islamischen Strafrechtssystems (Scharia) angewendet, was in manchen Fällen zu erheblichen Konflikten zwischen dem nationalen und dem islamischen Recht führt.

Der Islam in Indonesien ist äußerst heterogen. Auf Java sind islamische Elemente oftmals mit der lokalen Glaubenstradition kebatinan vermischt, was zu einem synkretistischen Mystizismus, der hindu-buddhistische und sufistisch-islamische Aspekte beinhaltet, führt. In Aceh dominieren konservative islamische Kräfte, die einen »reinen« Islam stärken wollen. Im Zuge der Einführung der Scharia finden dort seit 2005 Auspeitschungen statt. Auch die verschiedenen Organisationen bilden die Vielgestaltigkeit des Islam in Indonesien ab. So kann man das Netzwerk Liberaler Islam (Jaringan Islam Liberal, JIL) am liberalen Ende des ideologischen Spektrums einordnen, während die Organisation Hizb ut-Tahrir, die sich für ein panislamisches Kalifat einsetzt und im Juli 2017 verboten wurde, das konservative, radikale Ende markiert.

Die christliche Minderheit spielt politisch und sozial eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Dominikaner, Jesuiten und einige protestantische Missionsgemeinden erreichten Indonesien im 16. Jahrhundert und begannen, den christlichen Glauben unter den Anhängerinnen und Anhängern autochthoner (ursprünglicher, traditioneller) Glaubenssysteme zu verbreiten. Während der Kolonialzeit stellten Missionare und christliche Gemeinden wichtige Verbündete für die Kolonialherren dar, da sie die Akzeptanz der Fremdherrschaft stärkten. In einigen Teilen Indonesiens lösten die monotheistischen Religionen die lokalen religiösen Traditionen fast vollständig ab. In anderen Teilen vermischten sich lokale und christliche Glaubenssysteme, so dass synkretistische Formen des Christentums entstanden. Es waren nicht zuletzt Christen, die den Widerstand gegen das autoritäre Suharto-Regime organisierten. Christen üben großen Einfluss im wirtschaftlichen und militärischen Bereich aus und stellen die Mehrheit der Bevölkerung in einigen Teilen des Archipels dar, zum Beispiel auf den Inseln Flores, Sumba oder Timor.

Die synkretistische und moderate Ausprägung des Islam in Indonesien schwindet seit einigen Jahrzehnten, dagegen wächst die Einflussnahme von konservativen islamischen Kräften. Ein Beispiel ist die Wahl des Gouverneurs der indonesischen Hauptstadt Jakarta im Jahr 2017. Basuki Tjahaja Purnama, genannt »Ahok«, ein chinesischstämmiger Christ, stellte sich erfolgversprechend zur Wiederwahl. Seine Gegner spielten jedoch die religiöse Karte und warfen ihm vor, den Islam beleidigt zu haben. Massenproteste in Jakarta und eine Hasskampagne gegen ihn in den sozialen Medien führten schlussendlich zu seiner Niederlage. Überdies wurde er im Mai 2017 wegen Blasphemie zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt (siehe Forum Weltkirche 5/2017).

Zudem gibt es immer mehr religiös motivierte Konflikte. Seit dem Sturz Suhartos kam es in vielen Orten zu Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen. In einigen Gegenden mit muslimischer Mehrheit gab es gewalttätige Übergriffe von islamistischen Gruppen auf Christen, sogar Kirchen wurden angezündet. Eine rechtliche Basis für die Übergriffe sahen die Angreifer in den islamischen Rechtsgutachten (fatwa) des einflussreichen Rats Indonesischer Religionsgelehrter (Majelis Ulema Indonesia, MUI) aus dem Jahr 2005. Fatwas sind rechtlich zwar nicht bindend, haben jedoch großen politischen und gesellschaftlichen Einfluss. In diesen wurden Liberalismus, Säkularismus und religiöser Pluralismus als unislamisch verurteilt. Musliminnen und Muslimen wurde verboten, mit Angehörigen anderer Religionen zu beten sowie Christinnen und Christen zu heiraten. Die führenden moderaten muslimischen Organisationen Indonesiens, die Muhammadiyah und die Nahdlatul Ulama (NU), haben immer noch Einfluss im Bereich der Bildungsdienstleistungen und setzen sich aktiv für den Schutz von Minderheiten ein. Jedoch scheinen ihnen fundamentalistische Gruppen immer mehr Konkurrenz zu machen und ihre Einflussbereiche zu schmälern. Militante islamistische Gruppen wie die Front zur Verteidigung des Islam (Front Pembela Islam, FPI) sorgten diesbezüglich für besonders negative Schlagzeilen, da Vertreter dieser Gruppe sich unter anderem als »Schlägertruppe« islamistischer Organisationen verstehen. Übergriffe dieser Bewegung gegen Andersgläubige und Andersdenkende häufen sich. Allerdings ist es schwierig, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, da die Gruppe Rückendeckung in Militär- und Regierungskreisen genießt. Die Beziehungen zwischen Muslimen und Christen sind vor allem in politischer Hinsicht angespannt. Die vielgepriesene religiöse Toleranz in Indonesien wird aktuell auf eine harte Probe gestellt.

Indonesien auf einen Blick
Fläche 1.904.569 km²
Bevölkerung 260.580.739 (Schätzung Juli 2017)
Rund 55 % der Einwohner leben in Städten.
Ethnien
Javaner 40,1 %
Sundanesen 15,5 %
Malaien 3,7 %
Batak 3,6 %
Maduresen 3 %
weitere Ethnien 34,1 %
(Stand: 2010)
Sprachen
Indonesisch (Bahasa Indonesia), lokale Sprachen, Englisch, Niederländisch
Religionen
Muslime 87,2 %, Protestanten 7 %, Katholiken 2,9 %, Hindus 1,7 %, weitere Religionen 0,9 % (inkl. Buddhisten und Konfuzianisten) (Stand: 2010)
Human Development
Index 2016 Rang 113 von 188 Staaten
Quelle: The World Factbook

Mehr Baustelle als Paradies

Zum indonesischen Archipel gehören paradiesische Inseln mit weißen Sandstränden und türkisblauem Wasser, ausgedehnte tropische Regenwälder mit hoher Biodiversität, Hunderte von Vulkanen, gewaltige Flüsse und kilometerlange Korallenriffe. Das Land hat – nach Brasilien – den zweitgrößten in Wäldern gespeicherten Kohlenstoffvorrat, ist jedoch zugleich für eine der höchsten Abholzungsquoten verantwortlich. 2015 nahm Indonesien weltweit einen der ersten Ränge beim Ausstoß von Emissionen ein, was hauptsächlich auf Waldbrände in Kalimantan und Sulawesi zurückzuführen ist. Das Suharto- Regime verfolgte eine wirtschaftliche Wachstumsstrategie, die auf die Ausbeutung natürlicher Ressourcen setzte. Dieser Ansatz hat sich bis heute nicht groß verändert. Infolgedessen schrumpfen die bewaldeten Flächen, Arten sterben, Meere werden überfischt und Flüsse verseucht. Leider leben die meisten Menschen in Indonesien nicht im Paradies. Denn die Ausbeutung der Natur bedeutet für die ländliche Bevölkerung oftmals, dass sie ihr Land und damit ihre Lebensgrundlage verlieren.

Indonesien ist einer der führenden Exporteure von Kupfer, Nickel, Kohle, Gold, Gas und Bauxit. Die Gewinne aus dem Bergbau steuern zirka sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts bei und machen zirka 17 Prozent der Exporteinnahmen aus. Vor allem der Kohleabbau entwickelt sich zu einem wichtigen Wirtschaftszweig: Indonesien ist weltweit der zweitgrößte Kohleproduzent. Dies zeigt sich auch in den Entwicklungsplänen der Nationalregierung, nach denen der Bergbau, vor allem der Kohleabbau, zu den wichtigsten Faktoren der wirtschaftlichen Entwicklung gehört und maßgeblich zum sozialen Wohlstand und zur Energieversorgung des Landes beitragen soll. Die teilweise unumkehrbare Zerstörung der Umwelt und die massiven negativen Folgen des Bergbaus für Teile der Bevölkerung werden oftmals ignoriert und verdrängt. Dies führt zu Konflikten zwischen lokaler Bevölkerung, staatlichen Stellen und Firmen. Neben den Nachteilen gibt es hier und da jedoch auch Vorteile für die lokale Bevölkerung. Oftmals ist die Arbeit in den Minen eine der wenigen Einkommensmöglichkeiten – und zudem die lukrativste. Darüber hinaus wird die Infrastruktur in den Bergbauregionen – von staatlicher Seite oftmals vernachlässigt – durch die Ausgleichszahlungen von Firmen verbessert.

Ein äußerst kontroverses Vorzeigeunternehmen in dieser Entwicklungsstrategie war Freeport (heute Freeport- McMoRan), das die berüchtigten Gold- und Kupferminen Ertsberg und Grasberg in Westpapua eröffnete. Freeport bekam gleich nach Suhartos Machtübernahme eine Lizenz für hundert Jahre für die inzwischen größte Gold- und viertgrößte Kupfermine der Welt. Die Mine erwirtschaftete riesige Gewinne für den Konzern und für Jakarta, vergiftete jedoch Flusslandschaften und machte das Wasser für die in dem Gebiet lebende indigene Bevölkerung unbrauchbar. Die Abschöpfung von Milliarden auf Kosten der lokalen Bevölkerung und der Umwelt heizte die Stimmung für ein unabhängiges Papua an, und die Mine wurde mehrmals zur Zielscheibe bewaffneter Angriffe seitens der separatistischen Befreiungsund Unabhängigkeitsbewegung in Westpapua (Organisasi Papua Merdeka, OPM). Letztendlich war das Militär die entscheidende Kraft, um die Mine gegen den Willen der Bevölkerung durchzusetzen und zu verteidigen.

Anders lief es glücklicherweise im Fall Bangka, einer kleinen Insel im Norden von Sulawesi, die als Taucherparadies bekannt ist. Seit 2008 baute die chinesische Mienenfirma PT Mikgro Metal Perdana (PT MMP) ihren Eisenerzabbau auf der Insel aus. Unter Missachtung der Rechtslage, die den Ressourcenabbau auf der kleinen Inseln verbietet, konnte die Firma durch Korruption auf lokaler und nationaler Ebene die Genehmigung für den Bergbau erwerben. Einer Anti-Bergbau-Allianz aus Dorfbewohnern, lokalen, nationalen und internationalen Aktivistinnen und Aktivisten, Tauchressortbesitzerinnen und Tauchern gelang es jedoch, 2013 beim indonesischen obersten Verwaltungsgericht einen Stopp der Bergbauaktivitäten zu erwirken. Die Firma musste von Bangka abziehen.

Die indonesische Regierung bemüht sich seit den 1990er Jahren, durch entsprechende Gesetze die negativen Folgen, die Mensch und Natur aus der kommerziellen Nutzung der natürlichen Ressourcen erwachsen, einzudämmen und den Umweltschutz zu verbessern. Jedoch werden Umweltverträglichkeitsprüfungen von vielen Seiten sehr kritisch gesehen, da es sich in erster Linie um eine Formalität innerhalb der Lizenzvergabe handelt; die negativen Auswirkungen und dementsprechende Rehabilitationsmaßnahmen für Mensch und Umwelt werden nicht ernst genommen. Beispielsweise sind Kompensationszahlungen oftmals sehr gering oder werden versprochen, aber nicht gezahlt.

Palmöl ist eine der am meisten umstrittenen Boom- Ressourcen in Indonesien und Deutschland. Die Anbaufläche für Ölpalmen wuchs in den vergangenen Jahren immens – von weniger als einer Million Hektar im Jahr 1995 auf mehr als acht Millionen Hektar im Jahr 2017. Dabei sind Ölpalmmonokulturen eine ökologische und soziale Katastrophe! Denn es kommt zu einem enormen Verlust an biologischer Vielfalt, so dass zum Beispiel Orang-Utans, das Sumatra-Nashorn und der Nasenaffe vom Aussterben bedroht sind. Darüber hinaus werden indigene Einwohner durch Umsiedlung oftmals ihrer Lebensgrundlage beraubt und müssen sich dann als Tagelöhner auf Plantagen verdingen, die auf landwirtschaftlichen Flächen errichtet wurden, die sie zuvor selbst bewirtschaftet haben. Gegen diesen Raubbau vorzugehen, ist schwierig. Denn hinter der Palmölindustrie stehen mächtige Konglomerate. International agierende Umweltorganisationen haben Teilerfolge erzielt, indem sie zu einem konsumkritischen Verhalten ermutigt und bekannte Markenfirmen und Palmölendverbraucher wie Nestlé oder Unilever unter Druck gesetzt haben. Die Industrie ihrerseits hat auf die Kritik reagiert, indem sie einen Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl (Roundtable on Sustainable Palm Oil, RSPO) eingerichtet hat. Das Ziel von Palmölproduzenten, Großverbrauchern und einigen Nichtregierungsorganisationen ist es, Kriterien zu entwickeln, um sogenanntes nachhaltiges Palmöl zu zertifizieren. Jedoch sehen viele Umweltschutzgruppen und die meisten indonesischen Organisationen den RSPO sehr kritisch, da das Zertifikat eine geschickte Strategie des »Greenwashing«, also einer umweltfreundlichen Außendarstellung, zu sein scheint.

»Die meisten leben nicht im Paradies«. Viele Menschen in Indonesien leben von den Erträgen kleinbäuerlicher Landwirtschaft.
FOTO: KRISTINA GROßMANN

Mehr Landrechte für Indigene

Großangelegte Ressourcenausbeutung findet oftmals in Gebieten statt, in denen indigene Bevölkerungsgruppen leben. Für die meist in Subsistenz lebenden Nomaden, Halbnomaden oder Schwendwirtschaft betreibenden Bauern und Bäuerinnen ist es lebensnotwendig, die sie umgebenden Wald- und Brachlandflächen zu nutzen. Diese Flächen werden jedoch durch vorrückende Kohleminen oder Ölpalmplantagen verringert, was oftmals zu gewalttätigen Konflikten führt. Während der Suharto-Ära wurde versucht, diese als »wild« und »unzivilisiert« geltenden ethnischen Minderheiten im Zuge von staatlichen Programmen zu »entwickeln« und sesshaft zu machen; ein Ziel war dabei, sie dem nationalstaatlichen Steuersystem zu unterwerfen. Suhartos autoritäres Regime folgte einem strikten Entwicklungsparadigma. Zwar erhob es das Motto »Einheit in Vielfalt« zur Staatsdoktrin. Daraus sollten aber keine durch ethnische oder kulturelle Unterschiede begründeten politischen Rechte resultieren. Denn die Angst war groß, dass die herrschende Elite herausgefordert werden und Indonesien durch Abspaltung von peripheren Regionen auseinanderbrechen würde. Dabei zeigt sich Indonesiens Vielfalt gerade in den 1.072 ethnischen Gruppen (Stand 2000), und die mehr als 700 Sprachen geben ein beredtes Zeugnis des Vielvölkerstaats ab. Adat (Tradition) wurde jedoch vielmehr zum Werkzeug, um die nationale Einheit und die Unterwerfung unter das autoritäre System zu fördern, und entwickelte sich zu einem Begriff für staatliche Unterdrückung und Gleichschaltung.

Als sich das Land nach dem Sturz Suhartos öffnete, wurde die ethnische Vielfalt wiederbelebt, was stark mit Forderungen nach mehr politischen und kulturellen Rechten für ethnische Gruppen und nach stärkerer Kontrolle von natürlichen Ressourcen durch ethnische Gruppen verbunden ist. Im Jahr 1999 gründete sich die Allianz der Indigenen Gruppen des Archipels (Aliansi Masyarakat Adat Nusatengara, AMAN). Sie fordert unter anderem, die Rechte jener indigenen Gruppen zu stärken, die unter der nationalen Entwicklungspolitik Suhartos gelitten haben, wie zum Beispiel die Sakai und Orang Rimba auf Sumatra, Punan-Gruppen in Kalimantan sowie ethnische Gruppen in Westpapua. Des Weiteren fordert AMAN die Rückgabe von Land und dessen eigenständige Verwaltung durch indigene Gruppen. Die Allianz reichte Klage beim Obersten Verfassungsgericht Indonesiens ein. Traditionelles Land, das gemäß dem Forstwirtschaftsgesetz in staatlichem Besitz und unter staatlicher Kontrolle ist, sollte an indigene Gruppen zurückgegeben werden. Das Verfassungsgericht ließ die Klage auf Gesetzesänderung 2012 zu und entschied, dass indigene Gruppen als rechtskräftige Institutionen anerkannt werden und ihr Recht auf Land geltend machen können. Die Entscheidung des Obersten Verfassungsgerichts muss nun in nationales Gesetz und lokale Regelungen umgesetzt werden. Dies geschieht indes nur sehr schleppend. Immerhin hat Präsident Jokowi bereits die Landrechte von 15 indigenen Gruppen anerkannt.

Ein Schönheitswettbewerb in der konservativen indonesischen Provinz Aceh. Weibliche Schönheit wird hier »islamisch « zur Schau gestellt, mit Kopftuch und möglichst viel bedeckter Haut. Das Problem solcher Wettbewerbe ist hier dasselbe wie in anderen Teilen der Welt: Der weibliche Körper wird auf seine äußeren Reize reduziert.
FOTO: KRISTINA GROßMANN

Gender als umkämpfte Kategorie

Nicht nur Ethnizität, auch Gender – das Geschlecht als soziale Kategorie – ist eine umkämpfte Kategorie im heutigen Indonesien. Unter Suharto wurden genderspezifische Identitäten und Rollenzuschreibungen konstruiert, die dazu dienten, seine Macht zu untermauern und die Bevölkerung ideologisch an das Regime zu binden. Der Staat definierte die Rolle der Frau als Mutter der Nation, umsorgende Familienmutter im Haushalt und liebende Ehefrau. Der vormalige Präsident Suharto wurde zum Vater der Entwicklung stilisiert und trug paternalistische Züge.

Seit dem Sturz Suhartos ist die hegemonial-patriarchale, an den Islam gebundene Genderordnung noch in vielen Bereichen vorherrschend. Im Zuge der Reformbewegung (reformasi) wird sie jedoch vielfach herausgefordert. Zum einen etablieren sich vor allem in urbanen Zentren Subkulturen, die traditionelle Genderordnungen medienwirksam kritisieren und überschreiten. Dort treten Menschen für die Rechte und die Anerkennung von Homosexualität ein – mit gemischtem Erfolg. So wurde zum Beispiel im Jahr 2010 eine internationale Konferenz von LSBT (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender) in Surabaya von wütenden konservativ-islamischen Gruppen mit Schlagwaffen bedroht und aufgefordert, die Versammlung aufzulösen. Denn alles, was nicht dem normativen heterosexuellen Lebensentwurf entspricht, wird diskriminiert oder bestenfalls tabuisiert. Dies führt wiederum dazu, dass zum Beispiel Lesben und Schwule ihre Sexualität verstecken und nicht selten neben ihrem homosexuellen Leben auch eine heterosexuelle Ehe eingehen. Auf der anderen Seite wird die im Suharto-Regime entworfene Genderordnung in den letzten Jahren durch islamistische Gruppen, islamische Parteien und konservative islamische Autoritäten fortgesetzt und verstärkt. Im Zuge der religiösen Revitalisierung nach dem Sturz Suhartos setzen sich islamische Kräfte für die sukzessive Einführung der Scharia ein, wie in der Provinz Aceh. Gesellschaftliche, politische und rechtliche Bereiche sollen nach islamischen Prinzipien umgeformt werden. Gefordert werden islamische Kleiderordnungen und Verhaltensnormen, der Ausschluss von Frauen aus öffentlichen Räumen und auch die Vielehe/ Polygamie. Islamische Kräfte rechtfertigen die Durchsetzung ihrer Genderideologie, die Frauen wiederum als gute Mütter und hörige Ehefrauen definiert, nicht nur biologisch, sondern zudem mit Versen aus dem Koran und der Sunna. Innerhalb der Umsetzung dieser Hyper-Moral gilt der weibliche Körper als Quelle der Versuchung, der öffentlichkeitswirksam reguliert – verschleiert – werden muss.

Zivilgesellschaftliche Organisationen

Nach dem Sturz Suhartos konnten sich zivilgesellschaftliche Kräfte in Indonesien neu formieren. Es entstand eine Vielzahl von Nichtregierungsorganisationen, wodurch die zivilgesellschaftliche Landschaft an Reichtum und Vielfalt gewann. Die Arbeit der zivilgesellschaftlichen Organisationen wird mit großen Hoffnungen verbunden. In der Tat konnten sie bereits Erfolge in den Bereichen Umweltschutz, Menschenrechte, Rechte der indigenen Bevölkerung, Korruptionsbekämpfung und Vergangenheitsbewältigung erzielen. Jedoch sollten diese Erfolge und die Vielzahl zivilgesellschaftlicher Gruppen in Indonesien heute nicht den Anschein erwecken, Indonesien sei eine gefestigte Demokratie. Denn vor allem steigende religiöse Intoleranz und die Diskriminierung von Minderheiten stellen Indonesiens Einheit in Vielfalt tagtäglich auf die Probe.

KRISTINA GROSSMANN
Stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Südostasien Informationsstelle im Asienhaus in Köln und Akademische Rätin an der Universität Passau

Ausgabe 2/2018

LITERATUR
– Gunnar Stange/Rolf Jordan/Kristina Großmann (Hrsg.), Handbuch Indonesien, Angermünde 2015.

Gratis-Ausgaben

Ich möchte Forum Weltkirche mit 2 Gratis-Ausgaben kennen lernen.

/ Bestellen bei HerderShop24