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Ohne Freundschaft hört das Geld auf

Problematik personengebundener Spenden

von THOMAS SUERMANN DE NOCKER

Deutsche Ordensleute, die in den Ländern des Südens in Ordenseinrichtungen tätig sind, haben durch ihre Verbindungen in die Heimat eine große Bedeutung für die Einwerbung von Spenden. Was aber passiert, wenn diese Personen die von ihnen geleiteten Projekte verlassen und die Spender damit auch das Interesse an der Einrichtung verlieren? Wie kann verhindert werden, dass ein Teil der Spenden gleichsam an einzelne Ordensleute aus dem Norden gebunden ist? Ausgehend von der Idee der »Self Reliance« (Eigenständigkeit) präsentiert der folgende Beitrag Überlegungen zur nachhaltigen Finanzierung von Orden und zur Stärkung lokaler Entwicklungen.

Eine von Vinzentinerinnen geleitete Schule in Rutshuru in der DR Kongo. Da öffentliche Mittel für den Unterhalt von Ordensschulen schwer zu bekommen sind, sind die Einrichtungen oft langfristig auf Unterstützung aus dem Ausland angewiesen.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

»Die Erlöse des diesjährigen Missionsbasars sind für das Wirken von Schwester Ursula in Tansania bestimmt, die aus unserer Gemeinde stammt.« – »Anstelle von Geschenken freue ich mich über eine Spende an meinen Onkel Pater Winfried und seine Schule in Bolivien.« Solche Sätze sind nicht selten in den Vermeldungen zu hören oder auf Einladungskarten zu lesen. Vor nicht allzu langer Zeit erreichte mich die Bitte eines Freundes, der als Missionar im bürgerkriegsgeplagten Zentralafrika tätig ist, die Arbeit in seiner Gemeinde finanziell zu unterstützen. Als Missionar auf Zeit war ich derjenige, der in meinen Rundbriefen auf die finanziellen Engpässe an meinem Arbeitsort, einer Behinderteneinrichtung in Südafrika, hinwies und in jenem Jahr auch etliche Spender motivieren konnte. Ähnliche Bitten lese ich auch heute in den Rundbriefen der kanadischen Schwester, die derzeit das Zentrum leitet. Dieses personengebundene Engagement in der Spendeneinwerbung soll Ausgangspunkt der weiteren Reflexion sein.

Seit vielen Jahren leisten deutsche Ordensleute durch ihre Arbeit in den Ländern des Südens sehr viel. In unzähligen Sozial-, Gesundheits- oder Bildungseinrichtungen in Afrika, Asien oder Lateinamerika wirken Ordensfrauen und Ordensmänner, die gebürtig aus Deutschland kommen. Laut dem Jahresbericht Weltkirche 2016 arbeiteten im Februar 2017 rund 1.500 deutsche Ordensleute im Ausland: 923 Ordensschwestern, 537 Ordenspriester und 148 Ordensbrüder, dazu kommen noch 164 Diözesanpriester deutscher Bistümer (»Fidei-Donum-Priester«) sowie 114 Laienmissionarinnen und -missionare. Die Ordensmänner sind eher in der Seelsorge tätig, während die Ordensfrauen stärker caritativ wirken. Die deutliche Mehrzahl der ordensgetragenen Sozial-, Gesundheits- oder Bildungseinrichtungen im Süden ist in Trägerschaft von Frauenorden.

Die Provinzen der meisten Ordensgemeinschaften in den Ländern des Südens werden heute mehrheitlich von einheimischen Mitbrüdern und -schwestern bestimmt. Nach Auskunft des Päpstlichen Jahrbuchs »Annuario Pontificio « steigt die Anzahl einheimischer Ordensleute in den Ländern des Südens seit Jahrzehnten stetig, während die Anzahl von Ordensleuten aus Deutschland, die in der Ferne arbeiten und leben, sinkt. Überdies werden die deutschen Missionarinnen und Missionare – natürlich – älter. Das führt auch dazu, dass die Verantwortung in der Leitung von Ordenseinrichtungen, die in der Vergangenheit oftmals bei europäischen Schwestern und Brüdern lag, zunehmend von einheimischen Mitgliedern des Ordens übernommen wird. Trotz dieser Entwicklung sind Schwestern mit europäischem Hintergrund auch aktuell noch in Leitungspositionen deutlich überrepräsentiert.

Das Wirken der Ordensgemeinschaften im Süden wird nicht zuletzt durch Spenden aus dem Norden ermöglicht. Die Orden bauen darauf, dass Menschen in Deutschland ihre Arbeit in den Entwicklungsländern finanziell unterstützen. Einige Zahlen aus dem Jahresbericht Weltkirche 2016 veranschaulichen die Größenordnung der aus Deutschland stammenden Mittel. Die Frauenorden in Deutschland konnten für ihre weltkirchliche Arbeit im Jahr 2016 19,1 Millionen Euro einwerben. Mit 11,9 Millionen Euro waren fast zwei Drittel der Einnahmen zweckgebundene Spenden. Allgemeine Spenden und Beiträge beliefen sich auf 3,3 Millionen Euro, sonstige Zuschüsse auf 4 Millionen. Von den Gesamteinnahmen wurde die Hälfte in Afrika eingesetzt (9,3 Millionen Euro), ein Viertel in Lateinamerika (4,6 Millionen Euro). Ein wichtiges Pfund bei der Einwerbung von Spendengeldern sind die persönlichen Kontakte der Schwestern. Diese stehen in Verbindung zu ihrer Familie, zu ihrer Heimatpfarrei oder zu Freundeskreisen. Sie agieren als Vertrauensanker, denn sie können aus erster Hand berichten, wie Spendengelder verwendet werden.

Großer Andrang bei der Anmeldung zum Päpstlichen Werk der Glaubensverbreitung im Jahr 1935. Bis heute sind Spendengelder aus Europa eine wichtige Einnahmequelle für Missionseinrichtungen in Afrika, Lateinamerika und Asien.
FOTO: MISSIO BILDARCHIV

Spenderbindung ist wichtig für erfolgreiches Fundraising

Die Wissenschaft spricht hier vom »Relationship Fundraising«, das eine langfristige Beziehung zwischen einer Organisation und ihren Spendern anstrebt. Die damit verbundenen Kommunikationsmaßnahmen verfolgen zwei Ziele: Zum einen wird über die zweckbestimmte Verwendung der Spendengelder berichtet. Zum anderen soll gezeigt werden, dass auch zukünftige Unterstützung notwendig ist.

Wenn in der Kommunikation ein bekanntes Gesicht auftaucht, ist die Spenderbindung besonders hoch. Menschen empfinden Gewissheit, dass ihre Spenden ankommen und sinnvoll verwendet werden; sie fühlen sich verpflichtet, »ihre Schwester« zu unterstützen, und ziehen eine Spende für deren Wirkungsstätte anderen spendensammelnden Organisationen vor. In Briefen und bei Besuchen geben die konkreten Bezugspersonen regelmäßig Rückmeldung: Sie vermitteln den Dank der Spendenempfänger und berichten vom Fortschritt des Projekts oder erklären den weiteren Bedarf an Spenden. Die Verantwortung, die Spender gewöhnlich eher für den Nahraum übernehmen, wird über diese Person in einen Teil der Ferne übertragen, die durch sie nicht mehr fern ist: Obwohl mir – so die Wahrnehmung vieler Spender – der ganze afrikanische Kontinent fremd ist, ist dort eine mir bekannte Person, über die ich Bezug zu einem konkreten Ort aufbauen kann, wo meine Spende wirksam wird.

Entsprechend werden Spenden an Ordensgemeinschaften zumeist zweckgebunden vergeben. Spender haben ein konkretes Projekt vor Augen, das sie unterstützt wissen wollen. Noch günstiger ist es, wie bereits erwähnt, wenn sie damit auch eine ihnen bekannte Person verbinden. Fundraisingkonzepte bauen darauf, dass es eine starke Verbindung zwischen Spender und Empfänger gibt und dass diese Beziehung idealerweise langfristig Bestand hat. Dadurch ist zum einen gewährleistet, dass die finanzielle Unterstützung anhält. Zum anderen wächst beim Spender auf diese Weise ein Interesse für ein bestimmtes Land oder Problem, so dass er oder sie motiviert ist, sich auch auf anderem Wege dafür einzusetzen. Vorstellbar ist zum Beispiel, dass Interessierte sich organisieren, um politischen Druck auszuüben, oder entdecken, welche globalen (ökologischen) Folgen mit ihrem Handeln oder ihrem Konsum verbunden sind. Denn es geht nicht nur um die einzelne Einrichtung. Ordensgemeinschaften, aber auch kirchliche Hilfswerke sehen diesen Bildungsauftrag in Deutschland mit einem Impuls zu bewusster eigener Lebensführung und politischem Engagement als ein bedeutsames Ziel ihrer Arbeit an, da sich dahinter ein wirkmächtiger Hebel für Veränderungen von ungerecht empfundenen Rahmenbedingungen verbirgt.

Ordensschwestern bei ihrer Ausreise »in die Mission« im Jahre 1951. Über persönliche Verbindungen haben Missionarinnen und Missionare aus Europa über viele Jahre Spendengelder für Missionsprojekte gesammelt.
FOTO: MISSIO BILDARCHIV

Nachhaltigkeit und Eigenständigkeit

Ein Kerngedanke von Entwicklungspolitik ist die Betonung von Nachhaltigkeit bei aller Unterstützung. Erstmals in den 1970er Jahren wurde unter dem Stichwort »Self Reliance« die kollektive Eigenständigkeit der Entwicklungsländer als Weg und Ziel definiert. Kernpunkt einer solchen Strategie ist ein größeres Vertrauen in die eigenen Kräfte. Im Kontext der Entwicklungspolitik bedeutet »Self Reliance« nicht die Isolation vom Rest der Welt, sondern eine Konzentration auf die binnenorientierte Entwicklung. Es geht weder zuerst um einzelne Projektmaßnahmen noch darum, sich als Land vollständig in die Arbeitsteilung des Weltmarktes einzugliedern, sondern vorrangig darum, von Interventionen Dritter und von langfristiger Unterstützung unabhängig zu werden. Dazu gilt es, die vorhandenen Ressourcen und Kompetenzen in den einzelnen Ländern zu stärken und nachhaltig aufzubauen. Der Grundgedanke findet sich in einem weithin bekannten Konfuzius-Zitat: »Gib einem Mann einen Fisch, und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen, und du ernährst ihn für sein Leben.«

Diesen Anspruch verfolgen auch Ordensgemeinschaften. Die Hilfe, die sie durch den Aufbau und den Betrieb von Sozial-, Gesundheits- oder Bildungseinrichtungen leisten, soll den Menschen nicht nur heute, sondern auch zukünftig helfen. Eine Bedingung dafür ist, Leitungsverantwortung an einheimische Schwestern und Brüder zu übertragen, um unabhängig von Führungskräften aus dem Norden zu sein. Warum ist das notwendig, wenn doch ein Orden von der Idee her »eine große Gemeinschaft« ist und nationale Herkunft kein einschränkendes Kriterium für bestimmte Leitungsaufgaben sein sollte?

Die Gründe dafür sind vielfältig. Dass Frauen auf den Chefsesseln deutscher Konzerne unterrepräsentiert sind, wird unter anderem mit Ausbildungspräferenzen und einer größeren Verantwortung für die Kindererziehung erklärt (und zuweilen auch gerechtfertigt). Solche Argumente entfallen völlig bei der Antwort auf die Frage, was Ordensschwestern aus Deutschland zusätzlich an Kompetenzen mitbringen, die sie mehr zur Übernahme von Leitungsverantwortung in den Ordenseinrichtungen prädestinieren. Objektiv betrachtet gibt es keine.

Wenn dann die unterschiedlichen Kulturen ins Feld geführt werden, so sei – neben dem damit verbundenen Rassismusverdacht – auf die Verantwortung der Orden für die Gesellschaften in ihren Wirkungsorten im Süden hingewiesen: Wie wirkt das Eingeständnis, dass anscheinend nur weiße, europäische Schwestern Chefinnen sein können? Welche globalen Abhängigkeiten werden dabei ungewollt gefestigt? Was bedeutet das im Kontext von »Self Reliance«?

Zuweilen trauen auch die einheimischen Mitschwestern und die Menschen vor Ort den europäischen Missionarinnen fast grundsätzlich mehr Fähigkeiten in der Leitung zu. Hier gilt es, Möglichkeiten zu schaffen, dass die Menschen dieses Vorurteil in Zukunft ablegen können.

Europäische Missionarinnen und Missionare sollten sich in ihrem Selbstverständnis und ihrer Vorgehensweise in diesem Kontext an Entwicklungshelfern und -helferinnen aus den Ländern des Nordens orientieren: Impulse setzen, Projekte anstoßen und dann möglichst rasch in die Verantwortung Einheimischer übertragen. Gefördert werden soll eben Entwicklung, die sich nach der ersten konkreten (materiellen) Unterstützung weiterentwickelt. Auch missionarische Orden leisten Entwicklungshilfe in unterschiedlichen Facetten: in der akuten Nothilfe und beim Aufbau einer Bildungs- und Gesundheitsinfrastruktur, der in den langfristigen Betrieb der Einrichtungen mündet.

Kirchliche Sozial-, Gesundheits- oder Bildungseinrichtungen werden in Deutschland zum größten Teil staatlich refinanziert und sind in ihrem Budget nur zu einem geringen Teil auf Spenden angewiesen. Grundsätzlich ist das auch in den Ländern des Südens erstrebenswert. In vielen Entwicklungsländern machen staatliche Investitionen im Sozial- und Gesundheitsbereich einen deutlich geringeren Teil des Bruttoinlandsprodukts aus als in Industriestaaten; bei den Bildungsausgaben ist dieses Gefälle übrigens nicht so ausgeprägt (vgl. CIA-Factbook). Entwicklungshilfe zielt nicht nur darauf ab, solche Strukturen zu stärken, sondern zu erreichen, dass deren Finanzierung durch den Staat verbessert wird und dass die Angebote alle Regionen und alle Volksgruppen eines Landes erfassen.

Gerade in Schwellenländern wären staatlicherseits die nötigen Finanzmittel dafür grundsätzlich vorhanden. Aber sie werden freien Trägern von Sozial-, Gesundheits- oder Bildungseinrichtungen nicht auf dem Silbertablett serviert, gerade wenn diese über (scheinbar) finanzstarke Verbindungen zu Industrieländern verfügen. Dennoch öffentliche Mittel zu bekommen, ist anstrengend und zeitaufwändig – ein zähes Unterfangen. Es bedarf langwieriger Verhandlungen, einer guten Kontaktpflege, Lobbyaktivitäten und einer Vernetzung mit der örtlichen Gemeinschaft. Darauf zu pochen, dass Staaten ihrer Verantwortung in den genannten Sektoren gerecht werden, ist aber wichtig und richtig, um ein leistungsfähiges Sozial-, Gesundheits- und Bildungssystem für die Menschen aufzubauen. Hier zeigen sich Parallelen zum Ziel der »Self Reliance«.

Europa als Spendenreservoir

Selbstverständlich ist Fundraising für Ordensgemeinschaften trotzdem wichtig, um ihr Engagement in den Ländern des Südens zu finanzieren. Für die einzelnen Einrichtungen wird dadurch vieles einfacher oder überhaupt erst möglich. Das heißt natürlich auch, dass die Personen, die Spendengelder einwerben, wichtige Personen sind. Um für die eigene Einrichtung gezielt Spenden einwerben zu können, ist der Kontakt zu potenziellen Spendern in reicheren Ländern unerlässlich. Und über solche Kontakte verfügen naturgemäß vor allem die europäischen Schwestern.

Bis heute haben viele europäische Schwestern trotz ihres Alters noch Leitungspositionen in Sozial-, Gesundheits- oder Bildungseinrichtungen inne. Damit sind sie auch für die Finanzierung zuständig. Ihr Spendernetzwerk in ihren Heimatländern wird als wichtige Voraussetzung für die Zukunft der jeweiligen Einrichtung angesehen – sie sind der Garant für einen steten Zufluss von Spenden. Wenn sie die Einrichtung verlassen und nach Deutschland zurückkehren, vertrocknet der Spendenfluss; denn die Entscheidung der Spenderinnen und Spender war an diese konkrete Person geknüpft, die als Vertrauensanker eine sinnvolle Mittelverwendung garantierte. Die Verbundenheit beruhte auf Freundschaft, Verwandtschaft, regionaler Nachbarschaft oder ähnlichen Verbindungen. Das ist auch völlig verständlich, ist die persönliche Beziehung doch die stärkste und tragfähigste Verbindung im »Relationship Fundraising«. Die Einrichtung, der Orden, das Land – all das stand im Hintergrund.

Es wurde versäumt, die Spenderinnen und Spender dazu zu bewegen, eine Beziehung zum Orden allgemein oder zu der konkreten Einrichtung aufzubauen. Denn hierzu sind andere Kommunikationsmaßnahmen nötig als Dankesbriefe, Besuche oder Rundmails, die alle von einer einzigen Person ausgehen. Wenn nun diese Person eine bestimmte Einrichtung verlässt, die von dem Spendernetzwerk profitiert hat, so ist es für die Einrichtung und die neuen Verantwortlichen ausgesprochen schwierig, die Spender zu halten. Gegebenenfalls bringen sie einen eigenen, neuen Spenderkreis mit. Vielleicht haben sie aber auch keinen.

Hier können einheimische Schwestern nicht mithalten: Sie haben kein Netzwerk von Spendern, sie können nicht so eng den Kontakt in andere Länder halten, oft allein sprachlich nicht. Der geringere Mittelzufluss durch Spenden wird nicht selten als Leitungsdefizit wahrgenommen. Europäische Herkunft und weiße Haut werden mit Geld und auch mit Macht und Führungsstärke in Verbindung gesetzt – gerade von Einheimischen, die die einheimischen Schwestern damit ungewollt abwerten.

In Wasso, Tansania, unterhalten die Oblatenschwestern Sisters Oblates of the Assumption das in der abgelegenen Region einzige Krankenhaus. In vielen Entwicklungsländern machen staatliche Investitionen im Sozial- und Gesundheitsbereich einen deutlich geringeren Teil des Bruttoinlandsprodukts aus als in Industriestaaten.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Gefahren für eine nachhaltige Finanzierung

Mittelfristig entstehen dadurch große Gefahren für die jeweiligen Einrichtungen, denn man glaubt, für den Moment finanziell abgesichert zu sein, ignoriert aber die fehlende Nachhaltigkeit und die Abhängigkeit vom europäischen Spendentropf:

  • Da sich die Einrichtungen maßgeblich über Spenden finanzieren, vernachlässigen es die Verantwortlichen, inländische Finanzierungsmöglichkeiten zu erschließen und sich für eine bessere Finanzierung der Sozial-, Gesundheits- oder Bildungssysteme einzusetzen. Das gilt sowohl für die eigene Einrichtung als auch für die gesamten Systeme.
  • Da die verbleibenden europäischen Schwestern vergleichsweise alt und wenige sind, werden über sie perspektivisch immer weniger Spenden eingeworben werden können. Die Anzahl der Ordensschwestern in Europa und insbesondere in Deutschland sinkt rapide, die der Missionarinnen entsprechend auch. Diese Finanzierungsquelle ist also überhaupt nicht nachhaltig.
  • Dazu kommt, dass katholische Ordensgemeinschaften es auf dem deutschen Spendermarkt tendenziell schwer haben, da sie schrumpfende Milieus ansprechen. Der Gesamterlös aller Missionsbasare in Deutschland, um das eingangs erwähnte Beispiel aufzugreifen, wird sich mit dem rückläufigen kirchlichen Leben weiter verringern.
  • Jenseits der genannten klassischen Methoden der Spendeneinwerbung, wie beispielsweise Spenderkreise und Rundbriefe, gibt es im professionellen Fundraising noch viele weitere Strategien. Dadurch können zum Beispiel potenzielle Neuspender besser angesprochen werden, die sich von den herkömmlichen Mitteln überhaupt nicht ansprechen lassen. Solange es aber auf ausgetretenen Wegen noch weitergeht, fehlt der Anreiz, über andere, innovative Ansätze nachzudenken.

Lösungsvorschläge

Keineswegs soll hier suggeriert werden, dass Spenden für Ordenseinrichtungen in Übersee nicht sinnvoll wären! Es geht darum, auf die Nebenwirkungen hinzuweisen, wenn Spender sich an einzelne, ihnen bekannte Ordensleute aus Europa »hängen« und diese auf ihren einzelnen Einsatzstationen begleiten und unterstützen.

Zum einen erhalten einzelne Schwestern eine Macht, mit der einheimische Mitschwestern nicht mithalten können. Zum anderen besteht die Gefahr, dass Einrichtungen über die eigentliche Notwendigkeit hinaus von Spenden abhängig werden.

  • Als Spender sollte man darauf verzichten, konkrete Personen zu unterstützen, und stattdessen die ganze Einrichtung im Blick haben – ganz gleich, wer aktuell die Leitung innehat. Noch günstiger wäre es natürlich, Spenden ganz ohne Zweckbindung zu leisten und dem Orden Freiheit in der Mittelverwendung zu geben: Während das Kinderheim für Aids-Waisen mit der charismatischen Leiterin vielleicht bei Spendern sehr beliebt ist, fehlt es im Obdachlosenasyl für Drogenabhängige am Allernötigsten…
  • Schwestern, die einen Kreis von Spendern betreuen, sollten aktiv versuchen, diesen Kreis an ihre Nachfolgerinnen im Amt weiterzugeben und diese Kontakte zu »Einrichtungspartnerschaften« umzuwandeln. Aus der Wirtschaft lässt sich lernen: Erfolgreiche Vertriebsmitarbeiter, die in den Ruhestand gehen, sehen es in ähnlicher Weise als ihre Aufgabe an, ihr Kundennetzwerk mit ihrem Nachfolger zu teilen und aufzuteilen, so dass die Kundenanliegen auch bei den Neuen in guten Händen sind.
  • Erfolgreiche Vertriebsunternehmen achten zudem darauf, dass die Bindung der Kunden zum ganzen Unternehmen stark ist und nicht (nur) zum jeweiligen Mitarbeiter. Andernfalls verlören sie alle Kunden, wenn der Vertriebsmitarbeiter zur Konkurrenz wechselt. Ein wichtiger Schritt ist hierbei für Orden eine systematische Erfassung und Gruppierung aller Spenderinnen und Spender. Auch zur Entlastung der Schwestern vor Ort zahlt sich eine Professionalisierung hier aus. Ganz besonders gilt dies für einheimische Schwestern, die Spendernetzwerke »geerbt « haben, aber wenig Erfahrung mit Fundraising haben und die Erwartungen der Spender nicht kennen.
  • Dieser Übergang von einer Spenderkontaktperson zu einer anderen muss bewusst und am besten frühzeitig gestaltet werden. Dies ist in der Praxis keine geringe Herausforderung. Wenn beispielsweise in der Vergangenheit eine deutsche Schwester diese Rolle übernommen hat, muss nun eine Schwester aus einem Land des Südens den Kontakt pflegen.
  • Um Bindungen nicht zu verlieren, wird es nicht reichen, nur einmal einen gemeinsamen Brief zu schreiben. Es wird vielmehr notwendig sein, den Kontakt stetig zu pflegen und zu vertiefen. In der Vergangenheit wurden Heimaturlaube zur Spenderkontaktpflege genutzt; das wird zukünftig so nicht mehr gehen. In einer globalisierten Welt wachsen die Ordensgemeinschaften immer stärker zusammen, die Kontakte zwischen den Provinzen und Kontinenten werden enger – unterstützt durch einfachere Möglichkeiten des Reisens und moderne Kommunikationstechnologien. Es gilt, nicht nur das Netz der Provinzen und Ordensmitglieder untereinander enger zu knüpfen, sondern auch die Verbindungen zu Spendern auf anderen Kontinenten im Blick zu haben. Persönliche Besuche sind hier das eine; das andere ist, die Möglichkeiten moderner Medien wie E-Mails, Blogs, Facebook, Instagramm, Whatsapp und Skype für die Kontaktpflege zu nutzen.
  • Bei der Besetzung von Leitungsämtern sollten Entscheidungsträger die jeweiligen Möglichkeiten, Spenden einzuwerben und somit die Einrichtungsfinanzierung zu unterstützen, möglichst ausblenden.

Theologisch gesprochen liegt das Ziel der Ordensgemeinschaften darin, einen Beitrag im Sozial-, Gesundheits- oder Bildungssektor zu leisten und in diesem und durch dieses Wirken Gott sichtbar zu machen. Das bedeutet, mehr im Blick zu haben als die Qualität der eigenen Schule oder die Ausstattung des eigenen Krankenhauses, sondern ganz im Sinne von »Self Reliance« einen Beitrag zur Entwicklung eines ganzen Landes und zum Zusammenwachsen der Völker zu leisten.

THOMAS SUERMANN DE NOCKER
Professor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere strategisches Management und Nachhaltigkeit, an der FOMHochschule für Oekonomie & Management in Essen, Geschäftsführer des Beratungsinstituts 2denare, das kirchliche Institutionen bei Fragen an der Schnittstelle von Theologie und Wirtschaft berät

Ausgabe 2/2018

LITERATURHINWEISE

– Lars Binckebanck/Ann-Kristin Hölter/Alexander Tiffert (Hrsg.), Führung von Vertriebsorganisationen: Strategie – Koordination – Umsetzung, Wiesbaden 2013.
– Maria Brinkschmidt, Politisches Handeln als weltkirchliche Aufgabe: Eine Analyse der Inlandsarbeit katholischer Hilfswerke, Paderborn 2015.
– Giancarlo Collet, … bis an die Grenzen der Erde. Grundfragen heutiger Missionswissenschaft, Freiburg i. Br. 2002.
– Fundraising Akademie (Hrsg.), Fundraising: Handbuch für Grundlagen, Strategien und Methoden, Wiesbaden 2016.
– Hartmut Ihne/Jürgen Wilhelm (Hrsg.), Einführung in die Entwicklungspolitik, Hamburg/Bonn 2013.
– Jahresbericht Weltkirche 2016, hrsg. von der Konferenz Weltkirche, Bonn 2017.
– Björn Lampe/Kathleen Ziemann/Angela Ullrich, Praxishandbuch Online-Fundraising. Wie man im Internet und mit Social Media erfolgreich Spenden sammelt, Bielefeld 2015.
– Klaus Vellguth, Fundraising als gemeinschaftsorientierter Marketingansatz. Eine Analyse am Beispiel des Internationalen Katholischen Missionswerkes missio, Berlin 2008.

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