Ein Versprechen für die Zukunft des Landes Die Situation der Jugend in Äthiopien corner

Ein Versprechen für die Zukunft des Landes

Die Situation der Jugend in Äthiopien

von MUSSIE DORY

Statistische Übersichten machen es sofort deutlich: Äthiopien ist ein Land mit einer sehr jungen Bevölkerung. Von der auf 105 Millionen Menschen geschätzten Bevölkerung sind 44 Prozent jünger als 15 Jahre. Rund 20 Prozent sind zwischen 15 und 24 Jahre. Weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung Äthiopiens ist also jünger als 25 Jahre – eine nicht geringe Herausforderung für ein Land im Umbruch.

Kinder in einem katholischen Kindergarten in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Unzählige Herausforderungen und Probleme, mit denen die Jugend in der heutigen Welt konfrontiert ist, sind nicht auf ein Land oder einen Kontinent oder auf eine ethnische oder religiöse Gruppe beschränkt. Sie betreffen die jungen Leute weltweit, und Afrika ist besonders stark betroffen.

Die Menschen in Äthiopien leben in einer sich rasch wandelnden Welt und sind zahlreichen Belastungen und Schwierigkeiten ausgesetzt. Zu den größten Herausforderungen, mit denen die Jugend in Äthiopien heute konfrontiert ist, gehören: Arbeitslosigkeit, illegale Migration, Gefährdung durch Aids und weitere sexuell übertragbare Krankheiten, unbegleitete Beziehungen, unkontrollierte Sexualpraktiken einschließlich Prostitution, Teenagerschwangerschaften und Schulabbrüche, Abtreibung, die zuweilen zu frühzeitigem Tod führt, und das Aussetzen von Kindern, die Kultur der Gewalt, Zuzug in die Städte, was die verschiedenen Formen von Missständen und Verbrechen noch verschlimmert hat, Substanzmissbrauch (insbesondere von Khat, Tabak, Alkohol und Drogen) sowie eine Kriminalität, die zu Vandalismus und Respektlosigkeit gegenüber Älteren und Autoritäten führt, geschlechtsspezifische Belästigung und Gewalt gegen junge Frauen, schädliche traditionelle Praktiken (weibliche Genitalverstümmelungen, Frühehen, Heirat durch Entführung, Zwangsehen und Polygamie), Gruppen- und Erfolgsdruck, die New-Age- Sekten und religiösen Bewegungen, der gesellschaftliche Druck, der Norm zu entsprechen, fehlende moralische Erziehung, Abhängigkeit von sozialen Medien, Anfälligkeit für Modernisierung und westliche Einflüsse (kultureller Neokolonialismus), was dazu beiträgt, traditionelle Werte zu schwächen, Identitätskrisen sowie die vielfältigen Erscheinungsformen der durch Armut ausgelösten Nähe zu Verbrechen.

Die Ursachen und Auslöser der Jugendprobleme müssen von ihrer Wurzel her angegangen und entsprechend behandelt werden, statt einfach nur die Symptome zu beklagen. Zu den wichtigsten Einflussfaktoren gehören sicherlich eine laxe Disziplin, gescheiterte Familien und Missstände in den Schulen, die abnehmende Autorität der Kirche und das Versagen der Regierung, Arbeitsplätze zu schaffen.

Probleme zuhause

Die Ursache Nummer eins für die Probleme der Jugend ist ihr Zuhause. Wo es Sicherheit, Liebe, Fürsorge, Orientierung, Regeln, Disziplin, Hoffnung und Vorbilder geben sollte, ist es oft genau umgekehrt. Die Ehrfurcht vor der göttlichen Institution der Familie ist von vielen untergraben worden. Die meisten Familien, insbesondere im städtischen Bereich der heutigen Gesellschaft, befinden sich jedoch im sogenannten »Hamsterrad« und widmen ihren Kindern nicht genügend Zeit, um mit ihnen die Themen des Lebens zu teilen, die wichtig für sie sind: geschichtliche, kulturelle, gesellschaftliche, politische, religiöse und moralische Themen. Irgendwie ist das »Haben« bedeutsamer als das »Sein« geworden. Die Vernachlässigung der elterlichen Verantwortung und ihre Pflichtvergessenheit ist der Nährboden für Jugendkriminalität. Doch weder Geld noch sozialer Status noch sonst irgendetwas kann ein adäquater Ersatz für ein gutes Zuhause sein, das von sittlicher Orientierung bestimmt ist, die Wert auf spirituelle Qualitäten legt.

Außerdem fehlt es vielen Eltern an Pflichtbewusstsein, wenn sie nicht wissen, wo sich ihre Kinder aufhalten oder was sie gerade tun. Die meisten Familien von heute wollen das wichtige Thema von Freiheit und Entscheidung über das eigene Schicksal im Laufe der Erziehung ihrer Kinder fördern. Jugendlichen werden Freiheiten eingeräumt, die normalerweise erst Erwachsenen gewährt werden, und die jungen Leute erweisen sich als unfähig, mit diesen Freiheiten umzugehen, weil sie weder die Reife besitzen noch darin unterwiesen sind, wie man sich zwischen richtig und falsch entscheidet. Daraus erwächst ein falsches Verständnis von Unabhängigkeit und Freiheit, was sich leider bei einer beträchtlichen Anzahl von Jugendlichen durchgesetzt hat, doch korrigiert werden muss. Heute hat die Familie auch viel von ihrer Verantwortung aufgegeben, die Jugend bei diesen Anliegen zu leiten. Ein Großteil dieser Aufgabe ist der schulischen Erziehung und dem Zufall überlassen worden.

In der örtlichen Kaffeeproduktion in Wush Wush arbeiten vorwiegend Frauen und junge Mädchen, die die Kaffeebohnen auf Qualität prüfen und sortieren. Schwester Askale Mariam von den Little Sisters of Jesus arbeitet mit Familien der Manja, einer ethnischen Minderheit im Vikariat Jimma-Bonga.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Zugang zur Bildung

Die äthiopische Regierung hat bereits seit langem anerkannt, dass eine grundlegende Ausbildung (basic education) ein Menschenrecht ist. Das Land hat Fortschritte bei der Verbesserung der Bildung Jugendlicher gemacht, insbesondere im Hinblick auf den Schulbesuch und die Alphabetisierungsquoten. Die Brutto- und Nettoeinschulungsraten im Grund- und Sekundar- sowie im Hochschulwesen zeigen, dass sich der Zugang zur Bildung massiv verbessert hat. Von 2005 bis 2014 stieg die Einschulungsrate in den Grundschulen von 60,5 Prozent auf 85,85 Prozent (UNESCO). Die Alphabetisierungsrate der 15- bis 24-Jährigen ist 2015 schätzungsweise auf 69,48 Prozent angestiegen. Derzeit gibt es mehr als 39.000 Grundschulen und 3.300 Sekundarschulen, 1.350 Fachhochschulen und Berufsschulen und 36 (sowie elf weitere, noch in Planung befindliche) staatliche Universitäten.

Die katholische Kirche hat ebenfalls zum Bildungswesen des Landes entscheidend beigetragen. Gegenwärtig ist sie Trägerin von 406 Grund- und Sekundarschulen, darunter Blindenschulen, Mädchenschulen, Colleges und seit 2005 einer Universität – die Ethiopean Catholic University de la Salle (ECUL).

Dennoch bleiben die geringe Qualität der Bildungseinrichtungen und hohe Studienabbruchsraten sowie geschlechtsbedingte Missverhältnisse und Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Bereichen weiterhin die wichtigsten Hürden, die dem Erreichen einer allgemeinen Grundausbildung und einem reibungslosen Übergang von der Schule zur Arbeit entgegenstehen. Die geringe Qualität der Einrichtungsangebote zeigt sich an unzureichenden technischen Ausstattungen, einem Mangel an gut ausgebildeten und erfahrenen Lehrern, einer Knappheit an Lernmaterial – um nur einiges zu nennen. Außerdem gibt es einen negativen Einfluss des Umfeldes, in dem sich ein exzessiver Materialismus und ein Verfall moralischer und spiritueller Werte bemerkbar macht. Dies zeigt sich an gesellschaftlichen Missständen wie der Flut von Gewalt, Vulgarität, Sittenlosigkeit sowie Mord und Totschlag – an Vorfällen, die in unserer Gesellschaft leider so alltäglich geworden sind. Das mangelhafte moralische Verhalten und die geringe Qualität der akademischen Leistung kann daher nicht komplett den jungen Leuten angelastet werden, da es im Umfeld viele Erwachsene gibt, die keine guten Vorbilder sind. Zudem sind die jungen Leute beunruhigt über das, was sie bei den Erwachsenen sehen und für Heuchelei halten.

Auch die Schulen sind leider nicht immer das, was sie sein sollten. Erziehung ist von Moral abgetrennt worden. In einer Zeit, in der die Bedeutung moralischer Werte drastisch abnimmt, ist es wichtig, der Jugend Moral beizubringen, um es ihr zu ermöglichen, fundierte und verantwortungsbewusste Urteile über schwierige Themen von moralischer Bedeutung zu fällen. Das derzeitige Bildungssystem Äthiopiens umfasst in der Tat das Fach Gesellschaftslehre und ethische Er- ziehung (Civic and Ethical Education, CEE), das für die Heranbildung von aktiven und partizipierenden Staatsbürgern entscheidend ist, die zur Entwicklung der demokratischen Staatsführung beitragen. Doch unter der Bezeichnung »moralische Erziehung« (in der Kaiserzeit) und »politische Bildung« (während der Zeit des sozialistischen Regimes) diente die CEE vor 1991 nicht dazu, aktive und partizipierende Staatsbürger heranzubilden. Das Fach wurde vielmehr dazu benutzt, die junge Generation im Sinne der jeweiligen Regierung zu beeinflussen. Seit dem Machtantritt der gegenwärtigen Regierung trägt die CEE dazu bei, ethisches Verhalten aufzubauen und aktive Staatsbürger heranzubilden, die ihre Rechte und Pflichten, die Pflichten der Regierung sowie das gesamte politische Leben genau kennen.

Dennoch konzentriert sich das Fach CEE mehr auf zivilgesellschaftliche und nicht auf ethische Themen. Das zentrale Element der Moral wird kaum angesprochen. Daher sind inhalts- und kontextbezogene Probleme, mangelndes Engagement der Zivilgesellschaft, unsachgemäße Lehrmethoden, der Druck des äußeren Umfelds, eine schwache Demokratie, eine begrenzte geografische Reichweite des Kurses sowie das Fehlen vorbildlicher Lehrer Faktoren, die den tatsächlichen Erfolg des Schulfaches einschränken. Deshalb sind die jungen Leute nicht ausreichend gerüstet, um den richtigen Weg einzuschlagen, wenn sie mit einem moralischen Dilemma konfrontiert werden.

Das Bildungssystem hat die jungen Menschen zudem nicht mit den maßgeblichen Kompetenzen, mit dem Fachwissen und entsprechenden starken kulturellen Wertvorstellungen ausgestattet, die nötig sind, um den Herausforderungen des Lebens nach der Schule zu begegnen. Infolgedessen finden junge Menschen nur sehr schwer einen Arbeitsplatz im Dienstleistungssektor. Auch gelingt es ihnen nicht, selbst Geschäftsmodelle für den informellen Sektor zu entwickeln. Obwohl es auf dem Arbeitsmarkt eine bemerkenswerte Verbesserung gegeben hat, bleibt dies doch eine der Hauptursachen für die Arbeitslosigkeit, die eine der größten und gravierendsten Herausforderungen für die jungen Menschen in Äthiopien ist.

Doch es gibt nicht nur keine Jobs – die Löhne sind oftmals nicht hoch genug, um die hohen Lebenskosten zu bestreiten. Diese Kluft zwischen Wunsch und wirtschaftlicher Wirklichkeit wird eindeutig zunehmend frustrierender. Ein Anzeichen dieser angestauten Frustration ist die zunehmende Zahl junger Menschen, die sich dafür entscheiden, das Risiko einer illegalen internationalen Migration auf sich zu nehmen, selbst dann, wenn sie vor den Gefahren gewarnt wurden. Jedes Jahr wandern Hunderttausende Jugendliche auf äußerst gefährlichen Routen nach Europa und in den Nahen Osten illegal aus. Sie werden mit vielen Herausforderungen konfrontiert, auch wenn sie ihre Zielländer erreicht haben. Die jungen Leute, insbesondere Schüler, die die Highschool abschließen, ihr Abitur aber nicht schaffen, erweisen sich als anfällig für illegale Migration und Menschenhandel.

Obwohl Äthiopien ein rasches wirtschaftliches Wachstum mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate des BIP von 10,9 Prozent erlebt und dem Internationalen Währungsfonds zufolge bis 2025 ein Land mit einem mittleren Einkommen werden kann, leben noch immer geschätzte 15 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze – bedingt durch das rasante Bevölkerungswachstum und eine niedrige Ausgangsbasis. Infolge der wirtschaftlichen Situation sind viele äthiopische Jugendliche bereit, ihr Glück anderswo zu suchen, das heißt, mit der Aussicht darauf, einen Job und ein besseres Einkommen zu finden. Für die Rückkehrer ist es nahezu unmöglich, sich wieder in ihre eigene Gesellschaft zu reintegrieren. Fortgesetzte soziale Stigmatisierung, fehlende ausreichende professionelle und nachhaltige Betreuung sowie begrenzte Möglichkeiten, einen Arbeitsplatz zu finden oder ein eigenes Geschäft aufzubauen, bringen sie leicht erneut in eine Opferrolle. Doch da das Unternehmen illegal ist und die Routen gefährlich sind, sollte den jungen Menschen in ihrem Heimatland Hilfe zur Selbsthilfe angeboten werden.

Ein Mangel an elterlicher Führung und moralischer Erziehung machen anfällig für eines der häufigsten Probleme, mit denen die Jugendlichen in dieser Lebensphase konfrontiert sind: das Problem des gesellschaftlichen Drucks, der auch als Gruppendruck (peer pressure) bezeichnet wird. Die äthiopische Jugend macht da keine Ausnahme. Es gibt einen gewaltigen Druck, das zu tun, was die Menschen, von denen man umgeben ist, tun. Dies ist eine der größten Schwierigkeiten, mit denen sich Eltern auseinandersetzen: Selbst, wenn man versucht, sein Kind richtig zu erziehen – sobald es das Haus verlässt, weiß man, dass es allerhand negativen – sogar gefährlichen – Einflüssen ausgesetzt sein wird.

Die bitterarme Familie Bulleto gehört zur ethnischen Minderheit der Manja. Auf dem Grundstück baut die Familie etwas Kaffee an. Schwestern der Kongregation Daughters of Charity unterstützen die Familien der Manja.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Das Problem von HIV/Aids

Obwohl Äthiopien bedeutende Fortschritte beim Zugang zu medizinischen Einrichtungen gemacht hat, begegnen junge Menschen noch immer einer Reihe von gesundheitlichen Herausforderungen, unter anderem der Verbreitung von HIV/Aids. HIV/Aids ist eine der zentralen Herausforderungen für die Gesamtentwicklung Äthiopiens, da dies zu einem Rückgang bei der Lebenserwartung um sieben Jahre sowie einem deutlich reduzierten Arbeitskräftepotenzial geführt hat. Die Verbreitung von HIV bei Erwachsenen (15– 49 Jahre) wurde 2016 auf 1,1 Prozent geschätzt. Dabei entfiel ein großer Anteil von Neuinfektionen auf die Gruppe derer, die jünger als 25 Jahre sind. Die Übertragung geschieht fast ausschließlich durch heterosexuelle Kontakte.

Die vorliegenden Belege zeigen, dass die wesentlichen Ursachen für die Verbreitung von HIV/Aids unter den Jugendlichen folgende sind: Unkenntnis über die Krankheit, negativer Einfluss der Peergroup, familiäre Instabilität, Konsum von Alkohol und Drogen, Armut und Anfälligkeit für sexuelle Ausbeutung und Nötigung, frühzeitige Aufnahme von sexuellen Beziehungen sowie riskantes Sexualverhalten, was mangelnde Enthaltsamkeit, Untreue seitens eines Partners mit einbezieht. Dies setzt die Jugendlichen einer Vielzahl von sexuell übertragbaren Krankheiten, einschließlich HIV, aus.

Eine gute akademische Ausbildung, eine moralische ebenso wie eine wissensbasierte HIV/Aids-Schulung sowie Präventionsprogramme unter den Jugendlichen, die es ihnen ermöglichen, positive Lebensentscheidungen zu treffen, sind noch immer das notwendige und wirksame Mittel, um die Verbreitung weiterer Infektionen zu verhindern. Es bleibt vordringlich, dem Thema HIV/Aids durch die politischen und die Glaubensführer des Landes Priorität einzuräumen. Die Förderung enger Beziehungen mit den Eltern und anderen erwachsenen Vorbildern, Öffentlichkeitsarbeit, Bildungsprogramme für Jugendliche, die Bereitstellung jugendfreundlicher Dienstleistungen und Empfehlungen für sexuell aktive Jugendliche sowie das Angebot von Beratung, Betreuung und Behandlung für Menschen mit dem HI-Virus sind verschiedene Möglichkeiten, die sicherlich helfen können, die Epidemie einzudämmen.

Die Rolle der Medien

Wache Zeitgenossen wissen um den Nutzen, aber auch um die schädlichen Auswirkungen von Radio und Fernsehen sowie des Internets und der sozialen Medien auf die Jugend. Die sozialen Medien sind zu einem integralen Bestandteil des Lebens junger Menschen geworden: 45 Prozent der Teenager sagen, dass sie Programme wie Facebook, Twitter und Instagram täglich nutzen. Leider gibt es darunter zahllose Beispiele junger Menschen, die soziale Medien in einer Weise nutzen, die ihren Mangel an emotionaler und psychischer Reife aufzeigt – zuweilen zu ihrem eigenen Schaden oder zum Schaden anderer. Einige unter ihnen leiden an einer Sucht nach sozialen Medien.

Heutzutage können Jugendliche in den Mainstreammedien viele Dinge finden, die früher dort nicht zu lesen und zu sehen waren. Diese Freizügigkeit und Toleranz haben bei vielen jungen Menschen zur Folge, dass sie sich selbst und damit ihre Herzen und ihr Leben entwürdigen. Die Jugendlichen werden dem Reißerischen, dem Anstößigen und dem Obszönen ausgesetzt, als ob es gesellschaftlich annehmbar wäre. Pornografie wütet gleichsam in unserer Gegenwart: Aus Liebe zum Geld verkaufen Geschäftsleute alles. Die

Filme appellieren an die jungen Leute mit allen möglichen abscheulichen und verdorbenen Aufnahmen, und die unvorbereiteten, moralisch und spirituell schwachen Jugendlichen kaufen das, sie saugen es in sich auf und praktizieren es.

Die sozialen Medien haben zudem negative Auswirkungen, da sie anfällig für Missbrauch unterschiedlichster Art sind, zum Beispiel die Verbreitung extremistischen Gedankenguts. Dies fordert die Fähigkeit junger Menschen und derjenigen mit geringerem Bildungsstand heraus, diese Vorstellungen auszusieben und mit Blick auf moralische Entscheidungen wahr und falsch zu unterscheiden.

Fehlende Kapazitäten

Während der vergangenen Jahre hat das Thema Jugend in Äthiopien größere Aufmerksamkeit erlangt, und die Regierung hat mit der Umsetzung politischer Strategien begonnen, um junge Menschen zu unterstützen. Die nationale Jugendpolitik in Äthiopien stellt einen entscheidenden Schritt zur Anerkennung und Förderung der Rechte junger Menschen im Land dar. Eingeführt im Jahr 2004, zielt diese Politik darauf ab, »die aktive Teilnahme der Jugendlichen beim Aufbau eines demokratischen Systems und einer guten Regierungsführung sowohl bei ökologischen und gesellschaftlichen als auch bei kulturellen Aktivitäten zu bewirken […] und es ihnen zu ermöglichen, angemessen von den Ergebnissen zu profitieren.« Sie stellt sich die Jugend als »eine junge Generation mit einer demokratischen Einstellung und Idealen« vor, »die mit Wissen und fachlicher Kompetenz ausgerüstet ist«. Es werden verschiedene vorrangige Handlungsfelder angeführt, darunter Demokratie und gute Regierungsführung, Gesundheit, Aus- und Fortbildung, wie auch Kultur, Sport und Unterhaltung.

Dennoch ist die Regierung bei der Umsetzung der nationalen Jugendpolitik noch immer mit Herausforderungen hinsichtlich der Kapazität und des Engagements konfrontiert – wie etwa mit den dürftigen Beobachtungs- und Bewertungsinstrumenten, einer mangelnden bereichsübergreifenden Kooperation, begrenzten finanziellen Ressourcen sowie dem Fehlen einer klaren Strategie auf den verschiedenen territorialen Ebenen.

Im Wohnprojekt Addis Hiwot in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba besuchen die Kinder tagsüber den katholischen Kindergarten. Schwester Askale Marikos unterrichtet sie.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Ansprüche an die Jugendpastoral

Wie Papst Johannes Paul II. 1995 auf dem Weltjugendtag in Manila zum wiederholten Male äußerte, erkennt die Kirche, dass ihre Mission tatsächlich darin besteht, »ein geistlicher Weggefährte der Jugend zu werden«. Damit die Kirche ein Weggefährte für die Jugend sein und sich wirklich selbst in den Jugendlichen erkennen kann, muss sie »die jungen Menschen erreichen« – durch »Relevanz«, sowohl in der Sache, die sie anbietet, als auch in der Art und Weise der Beziehung zu den jungen Menschen. Dazu ist es unerlässlich, dass die Kirche sich der Situation, der Probleme und der Herausforderungen der jungen Menschen bewusst ist.

Leider hat sie das in vielen Fällen nicht getan. Das hat dazu geführt, dass sie in die eine oder andere Falle geriet, die jede Kirche und eigentlich auch jede Gesellschaft im Umgang mit Jugendlichen umgehen sollte. Sie hat einerseits versucht, die jungen Menschen zu bändigen und zu zähmen, anstatt sie zu befähigen, sich in Richtung auf die Fülle des Lebens hin zu entwickeln, indem sie in persönlicher Freiheit und Verantwortung handeln und eine aktive Rolle für die Mission der Kirche übernehmen. Die Kirche hat andererseits die Jugend als zu lösendes Problem betrachtet anstatt als eine Herausforderung und als ein Versprechen, als Menschen, die verstanden, die beim Reifen unterstützt und geliebt werden sollen – besonders dann, wenn sie derzeit vor große Probleme und Herausforderungen auf globaler, kontinentaler, regionaler und nationaler Ebene gestellt sind. Die große Mehrheit der Jugendlichen ist noch immer nicht ausreichend ausgebildet und daher nicht genügend und aktiv in die Entscheidungsfindung bei Fragestellungen eingebunden, die sie selbst und ihre Aufgabe in der Gesellschaft und der Kirche der modernen Welt betreffen.

Die Probleme zu benennen, ist recht einfach und von geringem Wert, sofern wir nicht nach konstruktiven Wegen suchen und diese verfolgen, um unsere jungen Menschen ganzheitlich zu stärken. Deswegen sollte die Lösung der Probleme, mit denen die Jugend in Äthiopien konfrontiert ist, oberste Priorität sowohl für die Regierung als auch für die Nichtregierungsorganisationen, für religiöse Organisationen und die breite Öffentlichkeit bleiben. Die Aufgabe jedoch, die Jugend zu stärken, kann weder in einem einzelnen Prozess noch allein durch eine einzelne Einrichtung oder eine Reihe von zusammenhanglosen Programmen zur Jugendförderung gelöst werden.

Bei diesen Lösungskonzepten geht es im Grunde darum, die jungen Menschen durch eine ganzheitliche praktische Ausbildung zu stärken, sie zu beraten und positive Vorbilder zur Nachahmung zu sein, damit sie dynamisch, objektiv und kreativ in ihrer Lebenseinstellung und -bewältigung werden.

Die Rolle der Familie

Die Rolle der Familie sollte neu bedacht und betont werden. Die Eltern müssen eine aktive Rolle nicht nur bei der schulischen, sondern auch bei der moralischen Entwicklung ihrer Kinder übernehmen. Sie müssen in jeder Phase der (intellektuellen, zwischenmenschlichen, körperlichen und geistigen) Entwicklung des Kindes (zuhause und in der Schule) vollständig einbezogen werden, bis es zur Reife gelangt ist. Wie gut ein junger Mensch hinterher sein Leben meistert, hängt davon ab, wie fest sein Fundament auf der Wahrheit errichtet wurde – errichtet und ihm eingeprägt durch seine Familie. Die Familie ist in der Tat ein Fundament der Gesellschaft. Sie stellt eine Plattform für junge Menschen dar, auf der sie sich entwickeln und gute Eigenschaften und Moralvorstellungen annehmen, die ihnen helfen, richtige Entscheidungen zu treffen. Für die Bischöfe der afrikanischen Synode ist die Familie tatsächlich ein bevorzugter Ort, um das Evangelium zu bezeugen – eine wahre »Hauskirche «, eine Gemeinschaft, die glaubt und evangelisiert, eine Gemeinschaft im Dialog mit Gott, die erste Zelle der lebendigen christlichen Gemeinschaft und Gesellschaft, eine Schule des Evangeliums und der sozialen Tugend (Ecclesia in Africa, Nr. 80, 85, 92). Die Familie spielt eine unschätzbare Rolle bei der sozialen, seelischen, körperlichen, vor allem aber moralischen und spirituellen Entwicklung der Kinder.

Es ist wichtig, dass die Eltern ihren Kindern den Rücken stärken, damit diese souverän mit dem Druck ihrer Altersgenossen umgehen können. Besser als andere sind Eltern in der Lage, ihre Kinder zu beraten. Ihre Weisheit ist wie eine Fackel, die sie auf den verschiedenen Etappen ihres Lebenswegs begleitet. Auch wenn sie möglicherweise arm oder ungebildet sind, so verfügen sie doch über reiche Erfahrungen, und ihre Weisheit schließt oftmals die der Großeltern mit ein.

Reform des Lehrplans

Die Schulen können die moralische Erziehung nicht ignorieren – es ist eine ihrer wichtigsten Zuständigkeiten. Daher sollte der Lehrplan so reformiert werden, dass auf allen Ebenen allgemein erstrebenswerte moralische Wertvorstellungen einbezogen werden, um die Jugendlichen auf unterschiedliche Weise zu fördern und sie zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen. Wir empfehlen, dass die Schulen klare Erwartungshaltungen für Lehrer in Bezug auf ihre Rolle als Vermittler moralischer Werte formulieren. Darüber hinaus empfehlen wir, dass ihr Verhalten und ihre Leistung als Pädagogen in diesem Bereich zu einem festen Bestandteil ihrer Bewertung werden. Sie sollten ihren Schülerinnen und Schülern ein leuchtendes Vorbild sein.

Sport und Erholung bauen stärkere, gesündere, glücklichere und sicherere Gemeinschaften im ganzen Land auf. Daher setzen wir uns nachdrücklich für Sport und Erholung ein, nicht nur wegen der körperlichen Fitness, sondern auch, weil sie sich positiv auf die Einstellung der jungen Generation, ihre Kompetenz, ihre Beziehungen und ihren Charakter auswirken. Davon profitiert die ganze Gesellschaft.

Das Angebot einer maßgeschneiderten guten Ausbildung für die Jugend, besonders in Berufsbildungszentren auf der mittleren Bildungsebene und an Universitäten, ist ebenfalls entscheidend – nicht nur für die jungen Menschen, sondern auch für die Geschwindigkeit, mit der sich unser Land entwickeln wird. Darüber hinaus wird empfohlen, Programme für Jungunternehmer schon ab der Sekundarschule verbindlich vorzuschreiben. Die Lehrpläne in den höheren Schulen sollten so konzipiert werden, dass sie der Realität Rechnung tragen. Es geht darum, »Arbeitsplatzschaffende « heranzubilden und nicht »Arbeitsplatzsuchende «! Daher sollten Programme, die Jugendliche in puncto Selbständigkeit und Eigenverantwortung fördern, für die staatlichen Stellen auf den verschiedenen Ebenen höchste Priorität haben.

Knackpunkt Koordination

Sowohl die äthiopische Regierung als auch Nichtregierungsorganisationen haben inzwischen erkannt, dass eine erfolgreiche ganzheitliche und nachhaltige Jugendentwicklung größtenteils von folgenden Maßnahmen abhängt:

  • Förderung sozialer Maßnahmen, die das körperliche und geistige Wohlbefinden der jungen Menschen steigern, bevor und nachdem sie Teil der erwerbstätigen Bevölkerung geworden sind;
  • Bereitstellung von Einrichtungen für die erforderliche Grundausbildung und die Vermittlung von Qualifikationen;
  • Schaffung wirtschaftlicher Rahmenbedingungen, in denen Produktivität und lohnende Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Menschen vorhanden sind.

Die Regierung hat bereits Strategien entwickelt, um Jugendliche zu fördern, und entsprechende Maßnahmen aufgelegt. Die Tatsache, dass die Regierung mehr als 10 Milliarden äthiopische Birr (etwa 300 Millionen Euro) für die wirtschaftliche Unterstützung der jungen Menschen zur Verfügung gestellt hat, zeigt die Dimension der staatlichen Jugendförderung. Doch trotz dieser Anstrengungen sind die Programme und Strategien, die den wirtschaftlichen Erfolg der Jugend sicherstellen sollen, auf föderaler und regionaler Ebene nicht im gewünschten Tempo umgesetzt worden. Es gibt beträchtliche Hindernisse, die die reibungslose Durchführung dieser Programme behindern, etwa bürokratische Hürden oder mangelndes Vertrauen, um angemessene und rechtlich verbindliche Entscheidungen treffen zu können.

Zwar kommt der äthiopischen Regierung der Löwenanteil bei der Lösung der oben erwähnten Entwicklungsfragen zu. Doch es gibt darüber hinaus auch Interessenvertreter, von denen erwartet wird, bei der Stärkung der Jugend eine zentrale Rolle zu spielen. Religiöse und zivilgesellschaftliche Organisationen, Berufsverbände sowie öffentliche und private Institute für höhere Bildung müssen mehr Verantwortung für die Förderung der Jugend übernehmen. Die Arbeit der Interessenvertreter und die Rolle der Gesellschaft sind zwar entscheidend und sollten hoch geschätzt werden, aber ich bin der festen Überzeugung, dass auch die jungen Menschen dazu beitragen können, Lösungen zu finden – schließlich sind sie die Betroffenen. Wenn sie deutlich äußern können, wo und auf welche Weise sie sich Unterstützung wünschen, sind alle Interessenvertreter und Partner besser in der Lage, sie zu fördern.

Transzendenzerfahrungen ermöglichen

Für Papst Franziskus ist all das, was die Kirche im Hinblick auf die Jugend tun muss, in Folgendem zusammengefasst: »Zwei Worte: zuhören und bewegen. Das ist wichtig – nicht nur die Jugend aufzufordern, zuzuhören, sondern ihnen, den Jugendlichen selbst, zuhören. Das ist die oberste Pflicht der Kirche: der Jugend zuzuhören « (Treffen mit den Generaloberen der männlichen Ordensgemeinschaften und Kongregationen, 26. November 2016). Zuhören bedeutet, das Konzept der Kirche als Familie Gottes und als Weggefährte der Jugend umzusetzen. Dies kann geschehen durch die Bildung von Jugendgruppen; Vermeidung von Konfrontationen; Beratung; »Peer education«, also Aufklärung durch Gleichaltrige; Förderung einer guten Kommunikation zwischen jungen Menschen und ihren Eltern; Erfüllung der Vorbildfunktion. Dabei gilt: Jugendpastoral anzubieten, ist eine Sache, sie gut durchzuführen, eine ganz andere.

Die Jugendlichen befinden sich in einem Lebensabschnitt, in dem sie die Wahrheit über Gott wissen möchten, sie möchten wissen, wie sie ein Leben leben sollen, das ihm gefällt, und zu welcher Aufgabe er sie berufen hat. Als Weggefährte der Jugend muss die Kirche den Jugendlichen daher gerade den Zugang zum Transzendenten, zum Wahren, Guten und Schönen eröffnen. Eine Ahnung vom Wahren, Guten und Schönen zu bekommen, ist nicht so unmittelbar nützlich wie Popmusik, Flashmobs, Facebook, Computerspiele und T-Shirts, die Teil unserer Kultur sind. Nein, Transzendenzerfahrungen haben einen Nutzen, einen Wert in sich selbst, da sie uns die natürlichen Zwecke all dessen, was wir tun, vor Augen führen. Wahrheit ist das, was von unserem Verstand, das Gute das, was von unserem Willen, und Schönheit das, was von unserem Gefühl angestrebt wird. Deswegen sollten der Jugend die Transzendentalien durch die Familie und durch die Jugendkatechese in den Pfarreien sowie durch Unterricht in unseren Bildungseinrichtungen vermittelt werden.

Die Leiter, also Erwachsene, Betreuer, Pfarrer, Jugendleiter, Ausbilder, sind da, um als Vorbilder nachgeahmt zu werden. Denn wenn die jungen Menschen das, was sie lernen, nicht von einer Person verkörpert sehen, die sie bewundern und nachahmen können, dann zeigen sie sich nur sehr wenig an abstrakten Vorstellungen interessiert und werden sie aller Voraussicht nach ignorieren. In der Enzyklika Evangelii Nuntiandi schrieb Papst Paul VI.: »Der heutige Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind.«

Die Phase des Jungseins ist dennoch ein »Phänomen «, das gemeinsam von der Jugend selbst, von Eltern, Pfarreien, Diözesen, den nationalen Bischofskonferenzen, der Weltkirche, den Nationen und ihren jeweiligen Regierungen untersucht, analysiert und interpretiert werden muss. Dieses Phänomen sollte keineswegs als negativer Faktor betrachtet werden, sondern vielmehr positiv verstanden werden: als ein Zeichen der Zeit, das eine geeignete Aktualisierung des Inhalts und der Methoden beansprucht, mit denen unsere menschliche und christliche Berufung und Mission in der Welt von heute umgesetzt werden können. Die heutige Gesellschaft braucht ihre jungen Menschen, damit sie zu zeitgemäßen Problemlösern und Zukunftsgestaltern werden. Was die Kirche betrifft: Um in der Jugendpastoral erfolgreich zu bleiben oder erfolgreicher zu werden, ist nicht nur die Ausbildung weiterer Jugendpfarrer und -kapläne (besonders an Hochschulinstituten) dringend notwendig, sondern auch die ständige Fortbildung derjenigen, die bereits in der Pastoral tätig sind. Das Gleiche gilt für Katechisten. Solange unsere Motivation, unser Engagement, unsere Botschaft und unser Vorgehen mit Christus übereinstimmen, ist unsere Pastoral für die Jugend nicht nur biblisch, sondern auch unerlässlich und auf jeden Fall erfolgreich.

ABBA MUSSIE DORY
Adigrat Major Seminary
Aus dem Englischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt

Ausgabe 3/2018

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