Der Dialog kommt allen zugute Der »Interreligiöse Rat von Äthiopien« corner

Der Dialog kommt allen zugute

Der »Interreligiöse Rat von Äthiopien«

von HULLUF WELDESILASSIE KAHSAY

Seit Jahrhunderten leben in Äthiopien verschiedene Religionen mit- und nebeneinander. Daraus ist eine Praxis des interreligiösen Dialogs besonders zwischen Christen und Muslimen erwachsen. In der Gegenwart haben sich Religionsvertreter im »Interreligiösen Rat von Äthiopien« organisiert, um die friedliche Koexistenz und Zusammenarbeit zwischen den Religionen in Äthiopien zu fördern.

Markttag in Bonga im Südwesten Äthiopiens. Die Bauern kommen aus den Bergdörfern, um ihre landwirtschaftlichen Produkte zu verkaufen: Getreide, Bohnen, Kaffee, Teff und Mangos. Die Vielfalt des Angebots zeigt, wie fruchtbar das Land hier ist.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Äthiopien liegt am Horn von Afrika, einem der globalen geopolitischen Brennpunkte mit einer sich rasch wandelnden Dynamik, wo Länder wie Äthiopien sowohl Akteure als auch Opfer sind. Die Region befindet sich in der Nähe des Nahen Ostens, aus dem Extremismus und Gewalt herüberschwappen. Die Konflikte am Horn von Afrika haben vielfältige Auswirkungen, und dies betrifft Äthiopien in politischer, ökonomischer, sozialer sowie religiöser Hinsicht.

Religionsgeschichtlich geht man davon aus, dass Äthiopien das Christentum im ersten Jahrhundert angenommen hat, lange Zeit, bevor es in der westlichen Welt verbreitet wurde. Der Geschichte zufolge ist Äthiopien außerdem das erste Land, das Anhänger des Islams außerhalb Saudi-Arabiens aufnahm, als die Anhänger des Propheten Mohammed um das Jahr 615 n. Chr. Zuflucht beim äthiopischen König suchten, was von manchen als die erste Hidschra betrachtet wurde. Das Ereignis kann als Vorläufer des interreligiösen Dialogs in Äthiopien angesehen werden. Dieses historische Geschehen stellt die erste Erfahrung eines praktischen interreligiösen Dialogs dar, der auf Vertrauen basierte. Seither lebten Christen und Muslime durch verschiedene Epochen der Geschichte des Landes in einer friedlichen Beziehung zusammen. Dennoch bedeutet dies nicht, dass es nicht auch Zeitabschnitte gab, in denen politische Führer – wie Könige – eine Religion bevorzugt behandelten, um von deren Anhängern Unterstützung zu bekommen. Trotzdem gab es zwischen Christen und Muslimen in Äthiopien stets eine tief verankerte Zusammenarbeit, was sich in dem widerspiegelt, was Wissenschaftler Dialog des Lebens, sozialer Dialog, den Dialog von Experten und Dialog der Erfahrung nennen. Diese Zusammenarbeit zeigte sich in vielerlei Hinsicht, beispielsweise wenn Christen und Muslime gemeinsam Moscheen und Kirchen bauten oder sich gegenseitig vor äußeren Mächten beschützten. Solche Verhaltensweisen unter örtlichen Gemeinschaften außerhalb politischer Kreise stärkten die Kultur der Kooperation, des gegenseitigen Respekts und des Vertrauens zwischen Christen und Muslimen in Äthiopien. Diese alltägliche Kooperation auf Gemeindeebene war – neben der Aufnahme der Gruppe der vom Propheten Mohammed gesandten Muslime – langfristig eine Grundlage für die spätere institutionelle Zusammenarbeit und für ein dialogisches Miteinander.

Angeregt durch gemeinsame religiöse Werte kamen die Führungspersönlichkeiten christlicher Kirchen und muslimischer Gemeinschaften zum ersten Mal zu einem gemeinschaftlichen Dialog über ein gesellschaftliches Problem zusammen, als sie während der berüchtigten Hungersnot in Äthiopien von 1984 gemeinsam handelten. Es war die Zeit, als die äthiopisch-orthodoxe Tewahedo-Kirche, der Äthiopische Oberste Rat für Islamische Angelegenheiten (Ethiopian Islamic Affairs Supreme Council), die äthiopisch-katholische Kirche und die äthiopische Evangelische Kirche Mekane Yesus (Ethiopian Evangelical Church Mekane Yesus) eine gemeinsame Hilfsaktion aufbauten. Diese zielte darauf ab, humanitäre Hilfe zu leisten, um Menschen vor der grassierenden Hungersnot in Nordäthiopien zu retten. Sowohl die Regierung als auch die Rebellen gestatteten ihr den freien Zugang zu den betroffenen Menschen. Die Glaubensführer in Äthiopien leisteten ebenfalls eine verdienstvolle Arbeit, um gemeinsam HIV/Aids zu bekämpfen. Generell kamen in vielen Teilen des Landes und zu vielen Gelegenheiten Christen und Muslime zu besonderen Gelegenheiten zusammen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Ein bemerkenswerter Anlass war das Requiem für den verstorbenen Papst Johannes Paul II. in der Diözese Adigrat in Nordäthiopien, als Vertreter der muslimischen Gemeinde fast die Hälfte der Kathedrale füllten und die Messe gemeinsam mit den Katholiken als einen Akt der Solidarität, verbunden durch gemeinsame Werte, besuchten. Diese gemeinsamen Handlungen sind einerseits erhaben, weil sie zeigen, wie der Glaube zur Tat wird, und beweisen andererseits, dass unterschiedliche Glaubensrichtungen sich gegenseitig vertrauen und zusammenarbeiten können, um soziale und politische Probleme zu bewältigen und Friedensthemen mit der Regierung und anderen Interessenvertretern zu verhandeln.

Nach all diesen Erfahrungen und ausgehend von globalen Entwicklungen, gemeinsamen religiösen Lehren und lokalen Herausforderungen starteten die Oberhäupter großer religiöser Institutionen im Jahr 2010 eine Initiative zur Gründung eines interreligiösen Rats, um dem aufkommenden religiösen Fundamentalismus entgegenzutreten und zur Förderung des Friedens zusammenzuarbeiten. In dieser Zeit wurde von Unruhen in mehreren Teilen des Landes berichtet, die durch Versäumnisse des Staates und durch islamischen Fundamentalismus noch verschärft wurden. Dies erforderte die Institutionalisierung der bereits bestehenden Zusammenarbeit. Daher wurde 2010 ein gemeinschaftliches Sekretariat aufgebaut, um die Kooperation, die gemeinsame Planung und Präsenz zu erleichtern, die von gemeinsamen Wertvorstellungen und Grundsätzen inspiriert sind.

Gottesdienstbesucherinnen entzünden Kerzen und verehren eine Ikone am Rande des Palmsonntagsgottesdienstes in Bonga.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Der Interreligiöse Rat von Äthiopien

Das gemeinschaftliche nationale Sekretariat, der Inter-Religious Council of Ethiopia (IRCE), entstand in vollem Einvernehmen und mit Zustimmung der religiösen Oberhäupter. Er verfolgt die Vision, dass die religiösen Gemeinschaften und ihre Institutionen in Äthiopien für Frieden, Gerechtigkeit, Menschenwürde, gegenseitigen Respekt, Toleranz, Religionsfreiheit und Entwicklung zusammenstehen, um eine friedliche Koexistenz und Zusammenarbeit zwischen religiösen Institutionen und Gemeinschaften in Äthiopien zu fördern.

Die Gründung des Rates schuf eine gemeinsame Präsenz der religiösen Oberhäupter. Das Signal, das diese gemeinsame Präsenz an die Öffentlichkeit sandte, war, dass es – ungeachtet theologischer Differenzen – mehr Wege zu einer Einigung als zu einer Trennung gibt. Ein pluralistischer Dialog über – beispielsweise religiöse – Trennungslinien hinweg ist in Äthiopien von größter Bedeutung. Historisch ist Äthiopien für die friedliche Koexistenz seiner zahlreichen Glaubensrichtungen bekannt. Der IRCE ist insofern hilfreich, als dass er die bestehende Zusammenarbeit institutionalisierte. Er schuf damit für die Religionen eine offizielle Dialogplattform, die es ihnen ermöglicht, gemeinsame Anliegen zu bearbeiten, wie etwa den Friedensaufbau, die Entwicklung sowie soziale Themen mit religiösen Dimensionen. Die Veröffentlichung eines Schulungshandbuchs zum Friedensaufbau, das sich auf Unterweisungen unterschiedlicher Religionen stützt, ist vielleicht ein Meilenstein im interreligiösen Dialog des Landes. Die interreligiöse Kommunikation über religiöse Schranken hinweg hat sich verbessert. Anerkennenswerte Bemühungen sind unternommen worden, so dass die Religion nicht mehr als Hindernis für friedliche Koexistenz und sozialen Zusammenhalt betrachtet wird.

Der Rat setzt sich aus Mitgliedern von sieben religiösen Institutionen zusammen: die äthiopisch-orthodoxe Tewahedo-Kirche (Ethiopian Orthodox Tewahedo Church, EOTC), der Äthiopische Oberste Rat für Islamische Angelegenheiten (Ethiopian Islamic Affairs Supreme Council, EIASC), die äthiopisch-katholische Kirche (Ethiopian Catholic Church, ECC), die äthiopische Siebenten-Tags-Adventistische Kirche (Ethiopian Seventh Day Adventist Church, ESDAC), die Evangelical Churches Fellowship of Ethiopia (ECFE), die äthiopische Evangelische Kirche Mekane Yesus (Ethiopian Evangelical Church Mekane Yesus) und die Ethiopian Kale Hiwot Church (EKHC). Diese religiösen Institutionen repräsentieren schätzungsweise mehr als 96 Prozent der Gesamtbevölkerung, was dem IRCE eine solide Basis verschafft.

Die Werte und Grundsätze des IRCE ermutigen zum Dialog. Es sind vor allem folgende Werte: Liebe, gegenseitiger Respekt gemäß der goldenen Regel (Behandle andere bei allem so, wie du von ihnen behandelt werden willst), Erhaltung der äthiopischen Kultur und Identität, Achtung von Vielfalt, Toleranz, Menschenwürde, Mitgefühl, Moral und Vergebung. Diese Werte dienen als »Kleber«, die die Gemeinschaften im Rahmen des Dialogs, des Gemeinschaftslebens, der Hoffnung und des Vertrauensaufbaus zusammenhalten. In seiner Arbeit orientiert sich der IRCE an folgenden Grundsätzen: Unabhängigkeit, Neutralität, Unparteilichkeit und Konsensbildung, offenes Diskutieren der Themen, Respekt vor Ideen, Respekt vor Unterschieden, Inklusion und Partizipation, ganzheitlicher Ansatz beim Friedensaufbau und bei der menschlichen Entwicklung. Der IRCE glaubt auch an die Partnerschaft für den Friedensaufbau. Seit seiner Gründung sind erst wenige Jahre vergangen, doch hat sich der IRCE als eine Institution des Dialogs etabliert, die diese Werte und Grundsätze erfolgreich vertritt.

Der IRCE organisiert interreligiöse Dialogforen zu verschiedenen Themen, etwa zum interreligiösen Friedensaufbau und zum Thema Versöhnung, auf nationaler und lokaler Ebene. Diese Foren und Dialoge setzen verstärkt interaktive und partizipative Konzepte ein. Die Dialogforen werden durch Verantwortliche der Mitgliedsinstitutionen ermöglicht, die sich dabei auf gemeinsame Werte und Lehren aus beiden Glaubensbüchern stützen.

Wenn Regierungsangelegenheiten das Thema Religionsfreiheit berühren, kann dies zu Konflikten mit bestimmten Teilen der Gemeinschaft führen. In solchen Fällen untersucht der IRCE die von den Religionsvertretern zur Sprache gebrachten Anliegen und organisiert einen Dialog mit der Regierung. Der IRCE ergreift diese Chancen, um die Regierung über den Nutzen des interreligiösen Dialogs und über die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen religiösen Institutionen aufzuklären. Bei vielen Anlässen haben Regierungsbeamte zugegeben, dass ihnen das hohe Maß an Gemeinsamkeiten im Wertesystem der verschiedenen Glaubensrichtungen, insbesondere von Muslimen und Christen, nicht bewusst gewesen war. In der Zusammenarbeit mit der Regierung ist sich der IRCE stets der Notwendigkeit bewusst, unabhängig zu bleiben, während er gleichzeitig mit der Regierung angemessen zusammenarbeitet und ihre Reaktionen kritisch beobachtet, wenn die vorgebrachten Bedenken angesprochen werden. Sofern die Rechtsstaatlichkeit gewährleistet ist, stimmt sich der IRCE kontinuierlich mit der Regierung ab, wenn es darum geht, Probleme der guten Regierungsführung (good governance) hinsichtlich Religionsfreiheit und Peacebuilding zu lösen.

Zudem fördert der IRCE den interreligiösen Dialog, um schädliche traditionelle Praktiken (Harmful Traditional Practices, HTPs) wie Kinderehe, weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) sowie geschlechtsbezogene Gewalt (Gender-Based Violence, GBV) im Einklang mit globalen und nationalen Absichtserklärungen zu bekämpfen. In dieser Hinsicht waren sich die religiösen Führer in vielen Dialogforen einig und gaben in den Medien gemeinsame öffentliche Erklärungen ab. Diese Probleme, die die Gesellschaft im Allgemeinen und Mädchen und Mütter im Besonderen betreffen, werden als ernste moralische Probleme angesehen, die von religiösen Führern und Gemeinschaften in Angriff genommen werden müssen, um der nationalen und globalen Verpflichtung nachzukommen, diese Probleme gänzlich auszurotten.

Darüber hinaus sind der IRCE und seine Mitglieder daran beteiligt, dem illegalen Menschenhandel innerhalb Äthiopiens entgegenzuwirken. Sie sind einbezogen in die gesetzlich verankerte, nationale Taskforce gegen den Menschenhandel. Um gegen den unmenschlichen Menschenhandel vorzugehen, engagieren sich der IRCE und seine Mitglieder in etlichen Aktivitäten, angefangen bei der Bewusstseinsbildung über die Rehabilitierung von Rückkehrern bis zur Stärkung der Rolle von religiösen Führern, um die Stigmatisierung von Rückkehrern zu verringern.

Außerdem setzen sich die Mitgliedsinstitutionen für die Betreuung von Flüchtlingen ein. Einige der IRCE-Mitglieder, wie die äthiopisch-orthodoxe Tewahedo- Kirche und die äthiopisch-katholische Kirche, bieten Flüchtlingen aus Nachbarstaaten sozial-pastorale Fürsorge an. Äthiopien beherbergt eine enorme Anzahl von Flüchtlingen aus unterschiedlichen Ländern in der Region, die ihr Land hauptsächlich wegen der Konflikte in Somalia, Südsudan und Eritrea verlassen. Die diözesanen Pastoralstellen, das nationale Sekretariat und der Flüchtlingsdienst der Jesuiten (Jesuit Refugee Service, JRS) leisten in dieser Hinsicht lobenswerte Arbeit. Rückkehrern und Flüchtlingen Unterstützung zu bieten, ist eine religiöse Pflicht, sowohl im Christentum als auch im Islam.

Erfolge des interreligiösen Dialogs in Äthiopien

Äthiopien ist ein großes Land – das ganze Land organisatorisch zu erreichen, ist eine große Aufgabe. Deshalb hat der IRCE im ganzen Land auf verschiedenen Ebenen Niederlassungen aufgebaut; es gibt elf interreligiöse Räte auf regionaler und städtischer Ebene. In vielen Regionen reicht die Struktur bis auf die lokale Ebene hinunter, um die Gläubigen zu erreichen. Diese Organisation hat sich als sinnvoll erwiesen, um religiöse Führer von der nationalen bis zur lokalen Ebene zu mobilisieren, wenn es um gemeinsame Themen geht, um eine zügige Reaktion auf Konflikte sicherzustellen oder darum, für den Dialog und den Friedensaufbau auf allen Ebenen Orientierung anzubieten.

Es wurden Statuten und ein strategischer Plan für fünf Jahre ausgearbeitet. Dieser Plan wurde evaluiert, jetzt wird ein zweiter strategischer Plan im Hinblick auf lokale und globale Entwicklungen aufgestellt mit der Absicht, ein Eigeninitiative zeigendes Haus des Dialoges, des Friedens und der Versöhnung zu sein.

Der IRCE hat ein Schulungshandbuch für den Friedensaufbau erarbeitet. Dieses Handbuch wurde von Wissenschaftlern entwickelt, die offiziell die sieben religiösen Mitgliedsinstitutionen repräsentieren. Die Wissenschaftler ermittelten gemeinsame Werte und Lehren. Für jede Thematik finden sich in dem Handbuch Quellen aus der Bibel, dem Koran und dem Hadith. Das Handbuch ist inzwischen ein Grundlagenwerk, das der Rat verwendet, wenn er Schulungen oder Dialogforen veranstaltet. Die Entwicklung des Handbuchs wurde durch das Sekretariat des IRCE ermöglicht und stellte einen Lernprozess dar. Das Handbuch wird an die Regionalvertretungen sowie an alle Mitgliedsinstitutionen des IRCE verteilt. Auch die »Ausbildung von Ausbildern« (Training of Trainers) geschieht auf der Grundlage des Handbuchs. Die Teile und Kapitel des Buches sind über lokale Radiosender in den Regionalsprachen gesendet worden, um eine größere Öffentlichkeit zu erreichen.

Der Interreligiöse Rat von Äthiopien hat in den sieben Jahren seines Bestehens bedeutende Erfolge erzielt. Auch wenn es schwer ist, diese Leistungen ganz konkret zu messen, so ist es doch bereits eine Leistung an sich, einen Dialogs auf eine strukturierte, regelmäßige und organisierte Weise zu führen. Dies ist das erste Mal, dass ein auf gemeinsamen Werten beruhender interreligiöser Dialog über den Friedensaufbau stattgefunden hat. Mehrere Dialogforen sind auf regionaler, Distrikts-und nationaler Ebene durchgeführt worden, denen die Herausgabe gemeinsamer Stellungnahmen, gemeinsamer Verpflichtungen sowie gemeinsame Planungsbemühungen folgten.

Um den Wohlstand zu sichern und den sozialen Zusammenhalt in Äthiopien zu fördern, müssen die Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen friedlich zusammenleben. Friedensaufbau und Versöhnung sind zentrale Ziele des IRCE-Engagements. Seit seiner Gründung hat der Rat selbst Funktionen in der Konflikttransformation übernommen. Der Friedensaufbau und die Schlichtungsinterventionen in Jimma, Dilla und Gambella sowie an anderen Orten in Äthiopien können als Beispiele dienen. Darüber hinaus führt es zu einer frühzeitigen Reaktion auf Konflikte, wenn institutionelle Netzwerke und Telefongespräche genutzt werden, um religiöse Führer und Gemeindevorsteher zu mobilisieren, damit sie in Konfliktsituationen eingreifen, um zu besänftigen, zu versöhnen, Frieden zu predigen und Probleme zu lösen, indem sie diese den betreffenden Stellen auf lokaler Ebene zur Kenntnis bringen. Besonders hilfreich war das, als ein ethnischer Konflikt unter Universitätsstudenten während der letzten Monate des Jahres 2017 das Land überraschte. Der IRCE wurde mit dem Problem konfrontiert, das zu eskalieren drohte. Es war klar: Wenn das Problem nicht rasch und effizient gelöst werden wird, könnte ein ethnischer Konflikt mit unabsehbaren Folgen entstehen. Die Nutzung von Kommunikationsmitteln und der Rückgriff auf ein institutionelles Netzwerk sind Voraussetzungen, um solche Situationen durch frühes Ein- greifen entschärfen und den gesellschaftlichen Frieden erhalten zu können. So halfen die lokalen Strukturen des IRCE und das Eingreifen der religiösen Führer und der Gemeindevorsteher dabei, die Studenten zur Vernunft zu bringen – auch indem die örtlichen Behörden sowie die Gemeinde- und Universitätsleitung eingeschaltet wurden. Diese und weitere Aktivitäten religiöser Führungspersonen demonstrieren die Bedeutung der religiösen und der Leitungsverantwortung, die ihrer individuellen und kollektiven Verantwortung in Übereinstimmung mit ihrem Glauben als Friedensstifter gerecht werden.

Bischof Markos Gebremedhin CM, der Apostolische Vikar von Jimma-Bonga, mit einer Kaffeepflanze. Kaffee und die Kaffeezeremonie sind elementare Bestandteile der äthiopischen Kultur.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Die Vorteile des IRCE als Zentrum des Interreligiösen Dialogs

Im IRCE ermittelten Christen und Muslime gemeinsame Wertvorstellungen, die die gemeinsamen Bemühungen für die Gemeinschaft und für Mitgliedsinstitutionen sinnvoll und akzeptabel machen. Diese geteilten Werte sind Grundlage für die Zusammenarbeit und das Vertrauen; in ihnen bündeln sich die Kräfte, die die Gläubigen mit dem Wesen desselben Schöpfers verbinden.

Religion ist für die meisten Äthiopier eine Lebensart. Sie ist die Art und Weise, wie sie sich begrüßen, wie sie mit der lebenden und mit der unbelebten Welt interagieren. Sie regelt den ganzen Tag, das ganze Jahr hindurch jede einzelne Dimension des persönlichen und des gemeinschaftlichen Lebens. Man kann sagen, dass für die Äthiopier alles eine religiöse Dimension hat. Das kann ein Vorteil sein, wenn religiöse Führer zusammen für den Friedensaufbau auf der Grundlage religiöser Werte stehen. Die Religion erhöht die Aufnahmefähigkeit der Gemeinschaft für die Botschaft des Friedens.

Die Zusammenarbeit im IRCE bietet weitere Vorteile. Die einzelnen Glaubensgemeinschaften erlangen eine größere Reichweite und können gemeinsam Einfluss ausüben. So bieten sich ihnen Möglichkeiten, die jenseits dessen liegen, was ein Mitglied alleine schaffen kann. Durch das gemeinsame Auftreten gewinnen die Gemeinschaften an Glaubwürdigkeit und Präsenz. Viele Feedbacks zeigen: Wenn die religiösen Führer zusammenstehen und gemeinsam ihre Botschaft übermitteln, werden die Gläubigen ermutigt, das Gleiche zu tun. Die Botschaften werden geschätzt und gut aufgenommen. Der IRCE betrachtet Friedensthemen aus einem Blickwinkel, der sich auf gemeinsame Wertvorstellungen stützt. Daher genießt er eine breite Akzeptanz über alle Glaubensrichtungen hinweg. Die gemeinsame und kollektive Entscheidung schafft ein Klima des Vertrauens, das für den interreligiösen Dialog und den Friedensaufbau entscheidend ist.

Darüber hinaus fördert der Rat die Zusammenarbeit unter den Basisgemeinden in organisierter Art und Weise. Schließlich bietet der IRCE den einzigartigen Vorteil, gemeinsam Spendenmittel einwerben und zur Verfügung stellen zu können. Die Mitgliedsinstitutionen entrichten jährliche Beiträge und bringen weitere Mittel durch Projekte und Spenden ein, um das Anliegen des interreligiösen Dialogs zu unterstützen.

Herausforderungen für den interreligiösen Dialog

Es gibt deutliche theologische Unterschiede zwischen dem Christentum und dem Islam und zwischen unterschiedlichen christlichen Konfessionen. Der IRCE respektiert diese Unterschiede. Aber gerade diese Unterschiede machen die Glaubensrichtungen verwundbar für Manipulationen durch extreme christliche und muslimische Gruppen. In einer Situation steigender Intoleranz auf lokaler und regionaler Ebene gefährden diese radikalen Gruppen die Friedensbemühungen, indem sie – um ihre Ziele zu erreichen – die Differenzen zwischen den Religionen weiter befördern.

Zwischen manchen Gruppen herrschen Missverständnisse und Vorurteile. Trotz der Tatsache, dass in vielen Teilen des Landes die Menschen mit gegenseitigem Respekt in Frieden zusammenleben, gibt es über den Glauben ihres Nachbarn nur ein begrenztes Wissen. Das setzt die Religionsgemeinschaften Missverständnissen und Vorurteilen aus. Diese Art von Missverständnissen zusammen mit einer weltweit ansteigenden Intoleranz, gekoppelt mit dem unverantwortlichen Gebrauch der sozialen Medien, stellt eine Herausforderung für den interreligiösen Dialog und den Friedensaufbau in Äthiopien dar. Um diesem Problem wirksam zu begegnen, gibt es – trotz der jüngsten Anstrengungen des IRCE – nichts Besseres, als dass die unterschiedlichen Glaubensgruppen den Glauben der jeweils anderen kennenlernen.

Die Welle des Extremismus und der Radikalisierung im Nahen Osten kann auch bei uns junge Muslime verlocken, da sie sich über die sozialen Medien ausbreitet. Der Anstieg radikaler Gruppen, die sich auf das Christentum berufen, ihren Glauben jedoch mit Methoden verbreiten, die andere Gläubige vor den Kopf stoßen, da sie das Recht auf Religionsfreiheit und die freie Glaubensentscheidung sowie die Privatsphäre nicht respektieren, kann zu Konflikten führen.

Wenn Menschen zu einem anderen Glauben konvertieren, dann empfindet das die religiöse Ursprungsgemeinschaft so, als ob man ihnen »ihr Schaf« geraubt habe. Der Vorgang, Menschen davon zu überzeugen, einen neuen Glauben anzunehmen, ist bisweilen mit der Missionierung von Anhängern anderer Glaubensrichtungen verbunden. Diese Handlung wird von manchen Glaubensführern als »Schafe-Stehlen« (sheep stealing) bezeichnet. Sowohl auf lokaler als auch auf nationaler Ebene hat man sich darüber besorgt ge äußert, da es sich auf das Vertrauensverhältnis zwischen den religiösen Institutionen negativ auswirkt. Es wird damit ein Klima der Konkurrenz erzeugt, und in manchen Gegenden wird die Religionsfreiheit so wahrgenommen, als breite man seinen eigenen Glauben auf Kosten der anderen aus. Auch wenn es Gesetze im Land gibt, so gibt es doch keine gemeinsamen Verhaltensrichtlinien für die religiösen Institutionen in Äthiopien. Diese könnten bei der Verkündigung und weiteren religiösen Aktivitäten helfen, um zu gewährleisten, dass man nicht gegen das Recht anderer Glaubensrichtungen verstößt.

Die Rolle der äthiopisch-katholischen Kirche

Selbst wenn die Anhänger der äthiopisch-katholischen Kirche nur einen kleinen Teil der Gesamtbevölkerung (etwa ein Prozent) ausmachen, so ist die Kirche doch aktiv in den Bereichen der Gesundheit, der Bildung und der Sozialdienste tätig. Infolgedessen genießt die Kirche das Vertrauen vieler Menschen und den Respekt in der Öffentlichkeit. Die ECC arbeitet darüber hinaus vertrauensvoll mit anderen religiösen Institutionen zusammen. Ihre Aktivitäten im Bereich der Pastoral und der Entwicklung sind von einem Geist der Zusammenarbeit und der Versöhnung geprägt. Die Kirche bietet ihre sozialen Dienstleistungen all denen an, die sie benötigen, ungeachtet ihrer Religion – einschließlich der Beschäftigung in ihren Programmen, Schulen und Institutionen, mit Ausnahme ihrer pastoralen Tätigkeiten. Die Mitwirkung der katholischen Kirche an der Gründung des IRCE und ihre Teilnahme am interreligiösen Dialog bedeuten, dass sie alle Lehren der katholischen Kirche und die Erfahrungen des Dialogs, seine Bedeutung sowie seine zeitgemäßen Konsequenzen aus der Glaubensperspektive für das heutige Äthiopien einbringt. Außerdem hat die Kirche besonders zur institutionellen Kapazität des IRCE beigetragen, um ihn »missionsfähiger« zu machen, also um seine Sendung zu unterstützen.

Insgesamt gibt es viele Beispiele für gute Beziehungen zwischen dem Christentum und dem Islam in Äthiopien. In der Geschichte des Landes gab es allerdings auch Perioden, in denen die Politik jeweils eine Religion begünstigte und die andere dagegen ausschloss. Doch es gab keinen – auf dem Glauben basierenden – Krieg. Menschen verschiedener Glaubensrichtungen lebten und arbeiteten gemeinsam und verstanden sich – das ist der Dialog des Lebens.

Durch das Übereinkommen und die Leitung der Vorsteher der religiösen Mitgliedsinstitutionen und in enger Zusammenarbeit mit den örtlichen Gemeinden und anderen Interessenvertretern hat der IRCE verschiedene Aktivitäten des interreligiösen Dialogs umgesetzt, mit dem Ziel, die Öffentlichkeit zu religiöser Toleranz zu erziehen und positive Veränderungen hin zu einer Kultur des Friedens herbeizuführen.

Die Religionsvertreter in Äthiopien wissen, dass der Dialog zwischen religiösen Führern und Anhängern der einzige Weg ist, der den Frieden unter den Gläubigen aufbauen und aufrechterhalten kann. Diese Dialogforen haben ein deutlich besseres gegenseitiges Verständnis füreinander geschaffen. Gemeinsame religiöse Vorstellungen sind ermittelt und in Form eines Schulungshandbuchs festgehalten worden, das die wichtigen Gemeinsamkeiten darlegt.

Das Jewi Refugee Camp im Vikariat Gambella im Westen Äthiopiens. Die katholische Kirche engagiert sich hier in der Flüchtlingspastoral.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Unterschiede werden anerkannt und respektiert

Gemeinsame und individuelle Zuständigkeiten für den sozialen Frieden – indem die Menschen auf der Basis gemeinsamer Werte zusammengebracht anstatt dass Gemeinschaften durch Unterschiede gespalten werden – sind heute allgemein akzeptierte Positionen. Zumindest auf der organisatorischen und auf der Führungsebene haben alle erkannt, dass spaltende und beleidigende Einstellungen im Zusammenleben dem Glauben selbst sowie dem Land viel Unheil bescheren können. In voller Erkenntnis eines derartigen Bedarfs und der wachsenden Intoleranz unter dem Deckmantel religiöser Rechtfertigungen wurde der IRCE gegründet, um zum Haus des Dialogs, des Friedens und der Versöhnung zu werden.

In Äthiopien besteht allgemeines Einvernehmen, dass der interreligiöse Dialog als die Zukunft des Zusammenlebens unserer Religionen auf sinnvollere Weise wahrgenommen wird, wenn man für den anderen nicht eine Gefährdung darstellt, sondern vielmehr als Beschützer wahrgenommen wird. Anders gesagt: Es wird nun weithin anerkannt, dass der Dialog allen zugutekommt. Wir glauben, dass unsere interreligiöse Harmonie und friedliche Koexistenz vom Grad unserer Zusammenarbeit und des gegenseitigen Verständnisses abhängt, was uns zu gegenseitigem Respekt und Umsicht führt.

In diesem Sinne demonstriert der IRCE, dass die Religion – statt zu spalten – durch den interreligiösen Dialog als wirksames Instrument des Friedensaufbaus dient. Trotz erfolgreicher Dialogprojekte des IRCE gibt es die Anforderung an den Rat, seine Kompetenz weiter zu verbessern, um auf neue Herausforderungen zu reagieren und das Land zu schützen.

Darüber hinaus sind wir davon überzeugt, dass Islam und Christentum nicht das Problem sind, sondern dass manche ihrer Anhänger aus unterschiedlichen Gründen die Religionen missbrauchen und dem Frieden Schaden zufügen und grobe Missverständnisse und Angst hervorrufen können. Daher ist das eigentliche Problem der Missbrauch der Religion durch deren Anhänger, und der interreligiöse Dialog ist unerlässlich, um diesen Tendenzen entgegenzuwirken.

HULLUF WELDESILASSIE KAHSAY
Stellvertretender Generalsekretär des Inter-Religious Council of Ethiopia Aus dem Englischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt

Ausgabe 3/2018

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