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Religionsfreiheit nur auf dem Papier

Nordkorea: Einblicke in ein abgeschottetes Land

vonJAIHO CHUNG

Das Regime Nordkoreas verfolgt eine Doppelstrategie. Es instrumentalisiert Religion zu Propagandazwecken. Das, was den politischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Zielen des Landes dient, ist erlaubt. Gleichzeitig werden Gläubige auf brutale Weise verfolgt, um Religion in der Gesellschaft auszulöschen. Welche Auswirkungen die aktuellen Entwicklungen auf die Situation haben könnten, gilt es abzuwarten.

Im Dezember 2011 übernahm Kim Jong-un nach dem Tod seines Vaters Kim Jong-il das Amt des Staaatschefs in Nordkorea.
FOTO: CHEONGWADAE/BLUE HOUSE/WIKIMEDIA COMMONS

Die koreanische Halbinsel mit ihren Bewohnern, die eine gemeinsame Geschichte, Sprache und Kultur verbindet, ist infolge des Kalten Krieges in zwei Staaten geteilt: in die Republik Korea (Südkorea) und die Demokratische Volksrepublik Korea (Nordkorea). Südkorea ist von einer liberalen Demokratie und vom Kapitalismus geprägt, während in Nordkorea das System der sozialistischen Planwirtschaft herrscht. Im Nordteil Koreas hatte nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges – mit Unterstützung durch die Sowjetunion – Kim Il-sung die Macht ergriffen und ein System der Alleinherrschaft auf Basis einer monolithischen Ideologie etabliert, das bis heute über drei Erbgenerationen hinweg Bestand hat. Religiöse Aktivitäten werden nur dann geduldet, wenn sie die unfehlbare Autorität des nordkoreanischen Führers nicht in Frage stellen und für den Staat von Nutzen sind.

Die koreanische Teilung

Am 15. August 1945 endete die Herrschaft der japanischen Besatzer auf der koreanischen Halbinsel. An ihrer Stelle besetzten US-amerikanische und sowjetische Truppen die Süd- und Nordhälfte Koreas. In Nordkorea wurden im August 1948 die Vertreter der Obersten Volksversammlung gewählt. Am 9. September 1948 wurde durch Verabschiedung der sozialistischen Verfassung die Demokratische Volksrepublik Korea ausgerufen und Kim Il-sung übernahm das Amt des Ministerpräsidenten der neu gegründeten Republik.

Beim Abzug von US-Truppen, die in der Südhälfte Koreas stationiert waren, erhielt Kim Il-sung von Stalin die Erlaubnis, Südkorea mit militärischer Unterstützung durch die Sowjetunion und die Volksrepublik China anzugreifen. So wurde am 25. Juni 1950 Südkorea von Nordkorea überfallen. Nach wiederholten militärischen Niederlagen kurz nach Kriegsbeginn zogen sich die südkoreanische Regierung und Armee in die Nähe des Nakdong-Flusses im äußersten Süden Südkoreas zurück. Dank des Eingreifens von UN-Kräften sowie US-Militär konnten zwar verlorene Gebiete zurückerobert werden, der Krieg weitete sich jedoch aus. Der Koreakrieg forderte zahllose Opfer, riss Familien auseinander, zerstörte nahezu alle sozialen und wirtschaftlichen Grundlagen. Seit der Unterzeichnung des Waffenstillstands am 27. Juli 1953 stehen sich die beiden koreanischen Staaten in einer Art Burgfriede an der militärischen Demarkationslinie gegenüber.

In ihren Anfängen wurde die Demokratische Volksrepublik Korea von einer Koalitionsregierung geführt, die sich aus der Arbeiterpartei Südkoreas, der Kapsan- Fraktion, der prosowjetischen Fraktion und der Yan’an-Fraktion zusammensetzte. Im August 1956 revoltierten die Mitglieder der prosowjetischen und der Yan’an-Fraktion gegen Kim Il-sung und wurden daraufhin aus der Regierung gedrängt. Im Anschluss daran entledigte sich Kim Il-sung auch der moderaten Kräfte der Kapsan-Fraktion und etablierte ab 1967 das System der Ein-Parteien-Herrschaft.

Am 27. Dezember 1972 wurde die sozialistische Verfassung der Demokratischen Volksrepublik Korea verabschiedet. Der bemerkenswerteste Punkt war die verfassungsmäßige Festschreibung des Systems der Alleinherrschaft und der damit einhergehenden Konzentration der Macht auf den Staatschef und Führer Kim Il-sung. In diesem System ist der Führer ein absolutes Wesen mit bestechenden Ideenlehren, herausragenden Führungseigenschaften und untadeligem Charakter. Mit der Verfassungsänderung von 1977 wurde die monolithische Ideologie von Kim Il-sung in Chuch’e-Ideologie umbenannt und zur offiziellen Staatsdoktrin.

Schon in den 1980ern wurde bekannt gegeben, dass Kim Jong-il die Macht von seinem Vater Kim Il-sung übernehmen sollte. 1992 verlagerte Kim Jong-il die Macht in die Nationale Verteidigungskommission (seit Juni 2016 Komitee für Staatsangelegenheiten der Demokratischen Volksrepublik Korea), statt die Amtsgewalt von Kim Il-sung durch Änderung der Verfassung zu beschneiden und seine Herrschaft mit einem Neuanfang einzuleiten. Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1994 übernahm er dessen Stellung als faktischer Staatschef. 1998 schaffte Kim Jong-il durch Änderung der Verfassung den Titel des Ministerpräsidenten ab und stärkte die Macht des Vorsitzenden der Nationalen Verteidigungskommission. Damit verstetigte er das System der Alleinherrschaft.

Die 1990er Jahre waren – unter anderem ausgelöst durch den Zusammenbruch des Ostblocks und ein fast vollständiges Erliegen des Außenhandels – durch eine Energie- und Devisenkrise sowie eine schwere Hungersnot geprägt. Kim Jong-il stabilisierte das Regime durch Verschärfung der Yuhun-Regelung, die die Befolgung des Willens und der Lehren des früheren Führers KimIl-sung in den Mittelpunkt stellt. Da der Zusammenbruch des Ostblocks maßgeblich auf das Versagen des Militärs und somit auf den fehlenden Schutz des jeweiligen Regimes durch das Militär zurückgeführt wurde, konzentrierte sich Kim Jong-il darauf, seine Macht mittels der Songun- Politik zu festigen, die dem Militär höchste Priorität gab. Ein militärischer Geist, der Loyalität und Einheit befördern sollte, stand im Mittelpunkt, nicht der Einsatz für die notleidende Bevölkerung. Zudem setzte das nordkoreanische Regime mit stillschweigender Unterstützung durch China alles daran, zur Nuklearmacht zu werden und Langstreckenwaffen zu entwickeln. Mehrere Atombomben- und Raketentests erregten die Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft, die mit internationalen Sanktionen reagierte. Das nukleare Abschreckungspotenzial sollte dem Machterhalt des Regimes dienen.

Als Kim Jong-il am 17. Dezember 2011 starb, übernahm sein damals 30-jähriger Sohn Kim Jong-un das Amt des Staatschefs der Demokratischen Volksrepublik Korea. Vier Monate später, am 13. April 2012, setzte Kim Jong-un offiziell die neue Regierung ein. Es handelt sich um die erste, sich über drei Generationen erstreckende Erbfolge kommunistischer Staatschefs in der modernen Geschichte.

Religiöse Freiheit als Mittel zur Durchsetzung eigener Ziele

Die Verfassung der Demokratischen Volksrepublik (DVR) Nordkorea besagt, dass die Staatsführung eine partielle Glaubensfreiheit gewährt. Wörtlich (und unberührt von den Verfassungsänderungen im April 2013 und im Juni 2016) heißt es in der nordkoreanischen Verfassung vom April 2012 in Kapitel 5, Artikel 68:

»Die Bürger haben das Recht auf Glaubensfreiheit. Dieses Recht garantiert ihnen, religiöse Bauten zu errichten und religiöse Rituale abzuhalten, solange es nicht zur Infiltration durch äußere Kräfte oder zur Verletzung der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung missbraucht wird.«

In der Realität gibt es in Nordkorea praktisch allerdings keine Religionsfreiheit. Weil Religion in Nordkorea im Grunde als zu überwindendes Relikt gilt, wird eine umfassende Freiheit im herkömmlichen Sinne des Wortes »Religionsfreiheit« nicht toleriert, sondern nur einige Aspekte von »Glaubensfreiheit«. Die in der nordkoreanischen Verfassung verbriefte »Glaubensfreiheit« garantiert zwar, dass das Regime die Freiheit gewährt, die eigene Religion zu wählen, auszuüben sowie Stätten für die Religionsausübung zu errichten. Diese eingeschränkte und nur auf dem Papier existierende Freiheit wird jedoch nur denen gewährt, die die sozialistische Revolution aktiv unterstützen – und auch nur dann, wenn das Regime der Meinung ist, diese gewährte Freiheit sei als politisches Instrument nötig. Das deckt sich mit der nordkoreanischen Haltung zu den Menschenrechten: Wer die führende Rolle des Proletariats nicht anerkennt, büßt seine Freiheiten und Rechte ein.

Demokratische Volksrepublik Korea auf einen Blick
Fläche: 122.762 km²
Bevölkerung: 24,7 Millionen (Schätzung von 2013)
Landessprache: Koreanisch
Religionen: traditionell Buddhismus; in der Sozialethik Konfuzianismus, Christentum
Hauptstadt: Pjöngjang, etwa 2,5 Millionen Einwohner
Regierungsform: Sozialistische Volksrepublik (unter Führung der Kim-Dynastie und bei starker Stellung des Militärs und der inneren Sicherheitskräfte)
Quelle: Auswärtiges Amt

Religion als Hindernis für die Festigung der Macht

Obwohl die Verfassung des Landes Glaubensfreiheit garantiert, betrachtet der nordkoreanische Staat jegliche religiöse Freiheit lediglich als Mittel zur Durchsetzung seiner politischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Ziele. In Pjöngjang finden religiöse Aktivitäten für Ausländer statt; in anderen Landesteilen hingegen werden Menschen wegen des Besitzes der Bibel oder des Kontakts mit einem Missionar sozial isoliert, in Lager für politische Gefangene gebracht oder gar hingerichtet. 2004 wurde das nordkoreanische Strafrecht dahingehend revidiert, dass auf die Planung eines Staatsstreiches, Landesverrat, Hochverrat, terroristische Umtriebe und vorsätzlichen Mord die Todesstrafe steht. Mit der Strafrechtsnovelle von 2007 verschärfte das nordkoreanische Regime die Bestimmungen für Bürger Nordkoreas, indem sie die Liste der mit Todesstrafe bewehrten Tatbestände noch erweiterte. Jetzt gelten bereits der Besitz einer Bibel, das Beten und der ungenehmigte Kontakt mit einem Missionar als Planung eines Staatsstreiches beziehungsweise Landes- oder Hochverrat. Diese Maßnahmen dienen dem Erhalt des diktatorischen Systems.

Für das nordkoreanische Regime sind religiöse Aktivitäten Teil des imperialistischen Weges. Dieser Logik folgend bilden sie die »Speerspitze der bösen Absichten« imperialistischer Staaten gegen Nordkorea und ein Einfallstor für eine »imperialistische Invasion«. Mit anderen Worten: Der Glaube an eine Religion leistet der Infiltration äußerer Kräfte mit dem Ziel des Sturzes des nordkoreanischen Regimes Vorschub. An der Spitze dieser Kräfte sieht das nordkoreanische Regime die USA als Hort des Imperialismus. Daher muss dieser imperialistische Einfluss zum Schutz des Regimes mit der Wurzel ausgerottet werden. Noch ist unklar, ob diese Überzeugung im Zuge der aktuellen politischen Entwicklungen revidiert werden wird.

Vor der Teilung der koreanischen Halbinsel gab es in den nördlichen Regionen Koreas ein lebendiges religiöses Leben. Nach der Machtübernahme durch das nordkoreanische Regime im Jahr 1948 wurden religiöse Aktivitäten brutal unterdrückt. Kim Il-sung hielt bereits im Jahr 1962 eine Rede im Ministerium für Volkssicherheit, in der er erläuterte, wie er gegen die Religionen vorging:

»Gottesgläubige stellen ein Hindernis auf dem Weg zu einer kommunistischen Gesellschaft dar. Deshalb mussten wir alle, die in protestantischen oder katholischen Kirchen das Amt eines Dekans oder ein höheres Amt bekleideten, verurteilen und ihrer Strafe zuführen. Auch anderen unerwünschten Personen unter den einfachen Gläubigen wurde der Prozess gemacht. Dabei haben wir diesen Gläubigen die Wahl gelassen, sich von der Religion abzuwenden und mit Strafarbeit davonzukommen, oder bei Weigerung in ein Gefangenenlager zu kommen.«

Gläubige und ihre Familienangehörigen wurden in dieser Ideologie als Konterrevolutionäre gebrandmarkt und verfolgt. Zudem wurden die Nachkommen von Gläubigen permanent überwacht, verfolgt und als »zu eliminierende Elemente« klassifiziert.

Nach 1970 lockerte das nordkoreanische Regime seine harte Haltung etwas, um der internationalen Kritik die Grundlage zu entziehen und weil man sich wirtschaftliche Unterstützung – insbesondere durch Südkorea – versprach. Im Zuge dessen entstand eine Zentralstelle für die Kontrolle der Religionen, von der man die Förderung des Austauschs mit Südkorea und der internationalen Gemeinschaft erwartete. Insbesondere ab Mitte der 1990er Jahre war es – weiterhin vor dem Hintergrund der desaströsen finanziellen Lage des Nordens – das Ziel, Unterstützung durch südkoreanische und andere ausländische religiöse Organisationen zu erhalten. So verfolgte das nordkoreanische Regime durchgehend eine doppelte Strategie: Religion wurde zu Propagandazwecken instrumentalisiert, um nach außen eine gewisse religiöse Freiheit zu demonstrieren und finanzielle Unterstützung zu erlangen, gleichzeitig wurden und werden Gläubige auf brutalste Weise verfolgt, um Religion in der Gesellschaft auszulöschen.

Bedingt durch die schwere Wirtschaftskrise stieg ab den 1990er Jahren die Zahl der nordkoreanischen Flüchtlinge. Die Weltgemeinschaft erfuhr durch die Flüchtlinge vom Wirken der Untergrundkirche und von den religiösen Aktivitäten. Es wurde deutlich, dass die religiösen Wurzeln in Nordkorea trotz der umfassenden Verfolgung noch nicht komplett verschwunden waren. In vielen Zeugenberichten über die religiösen Aktivitäten im Land ging es in erster Linie um das allgegenwärtige gegenseitige Misstrauen, die Angst vor Unterdrückung sowie Fälle von Lagerhaft und Hinrichtung.

Nach der Machtergreifung Kim Jong-uns verstärkte das nordkoreanische Regime die Überwachung der freiwilligen Rückkehrer nach Nordkorea sowie der aus China zwangsabgeschobenen Flüchtlinge, weil man fürchtete, sie seien mit der Religion in Kontakt gekommen. Werden Flüchtlinge von China nach Nordkorea zurückgeschickt, verhört man sie zunächst, um herauszufinden, ob sie dort den christlichen Glauben angenommen oder Kontakt zu Christen in Südkorea hatten. Werden sie für schuldig befunden, drohen ihnen lange Haftstrafen oder die Internierung in einem Lager für politische Gefangene. Vor allem in jüngster Zeit schickt Nordkorea Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes nach China, um Nordkoreaner gefangen zu nehmen, die Kontakt mit religiösen Gruppen hatten. Die Pläne der staatlichen Stellen gehen jedoch nicht vollständig auf, da sich die Religion in Nordkorea im Geheimen etabliert.

Kaum verlässliche Angaben zu Religionsgemeinschaften

Nordkorea ist ein abgeschottetes Land. Das macht es unmöglich, sich einen umfassenden und präzisen Überblick über die Lage innerhalb seiner Grenzen zu verschaffen. Die meisten vorliegenden Daten stammen vom nordkoreanischen Regime und religiösen Organisationen aus Südkorea, die Nordkorea besucht haben. Aus diesen Daten geht hervor, dass die maßgeblichen Religionen in Nordkorea gegenwärtig der Protestantismus, der Katholizismus, der Chondoismus, der Buddhismus, die koreanische orthodoxe Kirche (Ableger der russisch-orthodoxen Kirche) und der Schamanismus sind. Aktuell wird die Bevölkerungszahl Nordkoreas nach Angaben des südkoreanischen Einheitsministeriums auf etwa 24,7 Millionen Menschen geschätzt.

Im zweiten Menschenrechtsbericht, der dem UN-Menschenrechtsrat im Juli 2001 von der nordkoreanischen Delegation vorgelegt wurde, ist die Zahl der Gläubigen in Nordkorea mit rund 38.000 angegeben, darunter 10.000 Protestanten, 3.000 Katholiken, 10.000 Buddhisten und 15.000 Chondoisten. Einige missionarische Gruppen, die mit der Missionsarbeit in Nordkorea betraut sind, gehen jedoch von höheren Zahlen aus. Laut ihnen gibt es 200.000 bis 300.000 Gläubige. Minority Rights Group International (MRG), eine nichtstaatliche britische Menschenrechtsorganisation, gab in einem ihrer jüngsten Berichte an, dass die eigentliche Zahl der Gläubigen höher wäre, würde man heimliche Angehörige der Religionen einbeziehen, die unter Verfolgung leiden.

Berichten zufolge gab es mit Stand 2015 keine katholischen Priester im Land, jedoch 300 amtierende protestantische Pfarrer, 300 buddhistische Mönche und 250 chondoistische Geistliche. Die Zahl der Kirchenmitarbeiter in Nordkorea beträgt einschließlich der fünf Priester der russisch-orthodoxen Kirche etwa 855. Laut einer Schätzung der südkoreanischen Regierung gab es 2015 in Nordkorea 121 religiöse Einrichtungen, darunter die katholische Jangchung-Kathedrale, drei protestantische Kirchen (Pongsu, Chilgol und Jeil), 64 buddhistische Tempel, 52 chondoistische Tempel und eine russisch-orthodoxe Kirche. Die genannten religiösen Einrichtungen wurden vom nordkoreanischen Regime gebaut und werden von ihm auch streng überwacht. Dies gilt insbesondere für die Kathedrale von Jangchung in Pjöngjang, die vom nordkoreanischen Regime im Jahr 1988 fertiggestellt wurde. Es wird vermutet, dass es sich hierbei lediglich um einen Propaganda- Bau für ausländische Besucher handelt.

Die Christen in Nordkorea können von einem Papstbesuch nur träumen. Franziskus besuchte Südkorea 2014 und posierte für ein »Selfie« mit Jugendlichen im Priesterseminar von Daejeon.
FOTO: KNA-BILD

Christen werden unterdrückt und instrumentalisiert

Nach Gründung der Demokratischen Volksrepublik Korea versuchte das Land die Christen für politische Zwecke zu instrumentalisieren, unterdrückte sie aber gleichzeitig. Infolgedessen wurde im November 1946 die North Korean Christians’ Union (NKCU) gegründet. Wie die anderen religiösen Gruppen im Land blieb aber auch die NKCU bis in die späten 1960er Jahre inaktiv. Im Februar 1974 benannte sie sich in Korean Christian Union (KCU) um und nahm ihre Arbeit unter Führung von Kang Yang-wook wieder auf. Anschließend besuchten KCU-Delegierte Länder in Südostasien und Afrika und bewarben sich um Aufnahme in den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK). Die protestantische Gruppe machte ihre Existenz außerhalb Nordkoreas bekannt und brachte sich schon früher als offizielle Organisationen anderer Religionen in verschiedene Aktivitäten ein. 1988 wurde die Kirche Pongsu ihrer Bestimmung übergeben, später dann die Kirchen Chilgol (Banseok) und Jeil (1989 beziehungsweise 2005). Es gibt also drei offiziell anerkannte protestantische Kirchen, die sich alle in der Hauptstadt Pjöngjang befinden.

Darüber hinaus gibt es eine missionarische Gruppe, die mit ihrem Wirken in der Grenzregion von Nordkorea und China Einfluss hat. Ihr Ziel ist es, Missionsarbeit in Nordkorea zu betreiben. Laut ihr gibt es im Land drei Arten von Untergrundkirchen. Die erste wurde von Gläubigen gegründet, die in China ausgebildet wurden und nach Nordkorea zurückgekehrt sind. Bei der zweiten handelt es sich um Untergrundkirchen, die von Gläubigen gegründet wurden, die bereits vor der Befreiung Koreas im Jahr 1945 Christen waren. Und die dritte besteht aus Gemeinschaften, die sich selbst gründeten, nachdem sie über südkoreanische Radiosender wie Far East Broadcasting (FEBC) von der christlichen Heilsbotschaft gehört hatten.

Gegenüber dem Katholizismus nahm das Regime nach der nationalen Befreiung im Jahr 1945 – gemessen an der Politik im Hinblick auf andere Religionen – eine besonders feindselige Haltung ein. Der Buddhismus und der Protestantismus wurden zu Propagandazwecken instrumentalisiert – durch Schaffung staatlich gelenkter Organisationen und Manipulation der Anhänger. Bei der katholischen Kirche lagen die Dinge anders. Von Beginn an unternahm das Regime keinerlei Versuche, die Katholiken auf seine Seite zu bringen, weil ihre Zahl kleiner war und die Gläubigen den Kommunismus ablehnten. Mehr noch: Das kommunistische Regime empfand den Umgang mit der katholischen Kirche aufgrund ihrer hierarchischen Struktur mit dem Vatikan an der Spitze sowie der Präsenz ausländischer Geistlicher als schwierig. Die katholische Kirche in Nordkorea legt großen Wert auf religiöse Traditionen und ihre Rolle als religiöse Organisation. In der Realität wird sie jedoch genau wie andere religiöse Gruppen im Land als politisches Instrument missbraucht.

Verstärkte Aktivitäten der Untergrundkirchen

Das nordkoreanische Regime fährt eine zweigleisige Religionspolitik. Einerseits betreibt es in Pjöngjang religiöse Einrichtungen, um den Anschein zu erwecken, es garantiere zumindest Ausländern Religionsfreiheit, andererseits überwacht und steuert es das religiöse Leben der Nordkoreaner. Weil religiöse Aktivitäten als staatsfeindlich gelten, werden die Betroffenen als politische Gefangene behandelt und hart bestraft.

Hunderte Akten mit Fällen von religiöser Verfolgung in der Demokratischen Volksrepublik Korea werden jedes Jahr in den Archiven der Menschenrechtsdatenbank des Database Center for North Korean Human Rights (NKDB) in Südkorea erfasst. Die meisten Opfer religiöser Verfolgung verbüßen Haftstrafen in Gefängnissen oder Gefangenenlagern. Was aus Nordkorea herausdringt, lässt vermuten, dass die Verfolgung üblicherweise in Hinrichtung, Verschleppung oder Zwangsdeportation mündet. Es ist zu befürchten, dass die meisten religiös Verfolgten nur geringe Chancen auf ein Überleben haben.

Nach der schweren Wirtschaftskrise hat es den Anschein, als hätten die Bürger Nordkoreas inzwischen etwas mehr Möglichkeiten, mit Religion in Kontakt zu kommen. Dafür sprechen die Aktivitäten der Untergrundkirchen. Allerdings riskieren die Menschen ihr Leben, wenn sie sich an solchen Aktivitäten beteiligen wollen.

JAIHO CHUNG
Direktor des Database Center for North Korean Human Rights (NKDB) in Südkorea

Der Text stellt eine gekürzte und leicht veränderte Fassung des missio-Länderberichts zur Religionsfreiheit in Nordkorea dar. Vgl. Chung, Jaiho, Religionsfreiheit: Nordkorea, in: Internationales Katholisches Missionswerk missio e. V. (Hrsg.), Länderberichte Religionsfreiheit (Heft 38), Aachen 2017.

Ausgabe 04/2018

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