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Schlechte Aussichten

Wenig Zukunftschancen für die Jugend in Benin

von RAYMOND BERNARD GOUDJO

Nachdem sich die Menschen in Benin 1991 von einer jahrzehntelangen marxistisch-leninistisch geprägten Militärdiktatur befreit hatten, entwickelte das Land durch kontinuierliche Reformprozesse eine relativ stabile Demokratie. Doch ein Drittel der Einwohner lebt in Armut, das Wirtschaftswachstum kann mit der wachsenden Bevölkerung nicht mithalten. Viele Jugendliche finden trotz Ausbildung keine Arbeit.

Selbst ein Diplom eröffnet oft keine Zukunftsaussichten. Viele Hochschulabsolventen sind arbeitslos, weil Stellen für junge, gut ausgebildete Menschen fehlen.
FOTO: RAYMOND BERNARD GOUDJO

Ursprünglich sollte mein Thema heißen: »Jugend ohne Zukunftsperspektiven«. Doch angesichts dessen, was ich von meinem Land Benin kenne, erschien mir diese Formulierung zu negativ. Denn Jugendliche, die ihr soziales Umfeld verlassen und auswandern, machen sich auf den Weg, um sich neue Perspektiven zu verschaffen und enttäuschte Erwartungen und Ideale zu korrigieren. Die einzige Sichtweise, die für jeden Mann und jede Frau gilt, ist die des menschlichen Wohlergehens, des Glücks, das darin besteht, sich selbst mit anderen und durch andere zu verwirklichen im Dienst am Gemeinwohl und in der Teilhabe daran.

Wenn ich einen Blick auf die heutige Welt werfe, frage ich mich, welches spirituelle und menschliche Erbe uns die Generation der letzten Jahrzehnte hinterlassen hat und welches Erbe die jetzige Generation der heutigen Jugend hinterlassen möchte. Wir beobachten heute eine Jugend mit kreativen selbstmörderischen Tendenzen. Ohne zu zögern, kämpft sie an allen Fronten des Tötens und der Selbstzerstörung – als Protest gegen eine immer stärkere Marginalisierung und Verschlechterung der Lebensumstände. Sind auch Hoffnungen enttäuscht und Perspektiven verstellt, so führt das doch nicht mehr dazu, dass diese Jugendlichen die Arme verschränken und sich in ihr Schicksal ergeben. Sie reagieren im Gegenteil mit Entschlossenheit und Aggressivität. Die Jugendlichen schließen sich der bewaffneten Rebellion an, sie scheuen nicht davor zurück, sich in die Luft zu sprengen, um möglichst viele Opfer und möglichst große Schäden zu verursachen. Töten wird zu einer Art Kinderspiel. Diese Jugendlichen haben auch keine Angst davor, in seeuntauglichen Booten gefährliche Meere zu überqueren – und das für ein überaus hypothetisches Glück. Kurz, sie führen einen »nihilistischen« Kampf und bringen damit die Dekadenz einer globalisierten und dabei sehr selektiven Zivilisation zum Ausdruck.

Die Jugend in Benin folgt vielleicht im Moment einem etwas weniger pessimistischen Muster, das sie dazu bringt, neue Horizonte zu suchen: zufällige Arbeitsmöglichkeiten, die Mitgliedschaft in Banden sowie innere und äußere Emigration. Ich werde zunächst eine Charakterisierung der jungen Leute zwischen zwölf und 35 Jahren in Benin versuchen, ohne jedoch statistische Angaben zu machen. Dann werde ich die universitäre Ausbildung schildern, die in eine gesellschaftliche Sackgasse geraten ist, und schließlich mögliche Perspektiven aufzeigen.

Komplexes Bild der Jugend

Die Jugend in Benin stellt ungefähr 70 Prozent der insgesamt rund elf Millionen Einwohner, die sich sehr ungleich auf eine Fläche von 114.763 qkm verteilen. Sie konzentrieren sich auf die großen Ballungsgebiete vorwiegend im Süden des Landes. In den drei Städten Cotonou, Abomey- Calavi, Porto-Novo und ihren Einzugsgebieten leben 60 Prozent der Bevölkerung, während sich der Rest auf mehrere Ballungsgebiete rund um Lokossa, Parakou, Bohicon, Abomey, Natitngou, Djougou, Bassila, Glazoué, Dassa-Zoumé, Savalou, Kandi, N’Dali und andere verteilt.

Die Jugend lässt sich in verschiedene Gruppen unterteilen: die städtische Jugend, die Jugend auf dem Land, die Jugend mit und die ohne Schulbildung (Letzteres ist nicht gleichbedeutend mit Analphabetismus), die Jugend mit abgebrochener Schulausbildung, die studierte Jugend mit Arbeit, die studierte arbeitslose Jugend, die arbeitende Jugend, die nicht arbeitende Jugend. Das Feld für die Forschung ist enorm, aber leider gibt es kaum Literatur dazu. Ich möchte mich hier auf zwei Gruppen beschränken: die Jugend in den Städten und die Jugend auf dem Land.

In einem städtischen Umfeld ist es schwierig, alle dort lebenden Jugendlichen zu beschreiben, denn sie begegnen einander ständig, und dadurch wächst die Komplexität der verschiedenen Gruppen. Da gibt es die Jugendlichen, die aus einem wohlhabenden Umfeld stammen und sich zumeist ohne größere Schwierigkeiten entfalten können, eine Arbeit finden oder für weitere Studien ins Ausland gehen. Ihr Leben kreist, ähnlich wie das der Jugend in Europa, vor allem um ihr Studium, um Fernsehen, Videospiele und Handys. Sie verfügen über ein Auto mit Chauffeur und ein Motorrad, um mit ihresgleichen abends unterwegs zu sein. Sie verfügen über viel Geld, Konsum steht im Mittelpunkt. Ihre Lebenswelt wird bedroht durch Drogendealer und den Verfall der Sitten, wenn ihre Eltern sie nicht streng erziehen.

Dieser wohlhabenden Jugend steht eine Jugend der Mittelklasse gegenüber. Sie verfügt über weniger Geld als die reichen Jugendlichen und träumt von Wohlstand, auch wenn sie dafür Verhaltensnormen missachten muss. Diesen beiden Gruppen wiederum stehen die Jugendlichen gegenüber, die aus wirklich armen Verhältnissen stammen. Diese verfügen über wenig Schulbildung und haben häufig die Schulausbildung abgebrochen, weil ihre Eltern ihnen keine weiteren Studien bezahlen konnten. Sie leben in einem ungesunden Umfeld. Wer es von ihnen schafft, aus diesem Milieu aufzusteigen, hat entweder großes Glück oder ist eine große Kämpfernatur. Diese armen Familien sind der vorwiegende Nährboden für Kinderarbeit, denn die Kinder werden sehr früh, teilweise schon mit fünf Jahren, für verschiedene Arbeiten angelernt und dann als kostenlose Arbeitskraft von ihren Chefs ausgebeutet. Viele dieser Jugendlichen aus armen Verhältnissen sind sich selbst überlassen und schlagen sich irgendwie durch, getreu der in Benin bekannten Redensart: »Sich durchschlagen ist etwas anderes als stehlen.« Die Folgen liegen auf der Hand: Korruption, Betrügereien, Prostitution und bewaffnete Raubüberfälle. Damit ist jedoch die Grenze des »Sich- Durchschlagens« überschritten.

Diese Jugendlichen haben Glück. Viele Kinder auf dem Land gehen nie zur Schule. Sie müssen auf den Feldern mitarbeiten oder Gelegenheitsjobs annehmen, um das Familieneinkommen aufzubessern.
FOTO: RAYMOND BERNARD GOUDJO

Jugend auf dem Land

Die Jugend auf dem Land teilt sich auf zwei Gruppen auf: diejenigen mit und die ohne Schulbildung. Die Jugendlichen mit Schulbildung folgen dem Weg der Schule, nach dem Abitur gehen sie in eine der Universitätsstädte Benins – Abomey-Calavi oder Parakou – und ziehen dort in die Studentenheime und -viertel. Wenn die Eltern die Kosten für diese Ausbildung in den Städten tragen können und wollen, weil in den Dörfern eine hochwertige Ausbildung nicht möglich ist, verlassen diese Jugendlichen sehr früh, manchmal schon ab der siebten Klasse ihr Dorf und besuchen das Internat oder leben bei Verwandten in oder nahe der Stadt.

Die Jugendlichen der anderen Gruppe haben entweder nie einen Fuß in eine Schule gesetzt oder wurden aus ihrer Schulausbildung herausgerissen. Sie verrichten Arbeiten auf den Feldern oder lernen verschiedene andere Fertigkeiten: Reparatur von Fahrrädern, Motorrädern, Autos, Vulkanisierung, Schweißen, Co-Chauffeur oder sie handeln mit gepanschtem Benzin aus Nigeria oder anderem Diebesgut. Diese Jugendlichen erliegen schnell der Anziehungskraft der Städte und landen dort auf der Straße. Sie geben sich Träumen von Abenteuer und Glück hin und leben dabei in Promiskuität und bitterster Armut. Sie lungern herum und sind leicht zu Drogenkonsum und Drogenhandel zu verführen, bald dann auch zu kleineren Diebstählen und größerer Kriminalität. Und sie verfallen dem Trugbild von »jenseits der Grenze« und Übersee.

Akademiker ohne Arbeit

Unter den Begriff »Universität « möchte ich jedweden Unterricht und jede akademische Ausbildung mit dem Ziel einer gesellschaftlichen Eingliederung fassen.

In Benin gibt es zwei große staatliche Universitäten: die von Abomey-Calavi und die von Parakou mit mehreren Standorten für die verschiedenen Abteilungen. Ich beschränke mich hier auf den größten und ältesten Campus, den 1970 gegründeten Campus von Abomey- Calavi. Geplant ist er für maximal 15.000 Studierende. Die Universität von Abomey-Calavi zählte jedoch 2012 bereits 67.000 Studierende und heute schätzungsweise an die 100.000. Diese Studierenden sind ein kleiner, aber bedeutender Teil der Jugend in Benin. Am Ende ihrer universitären Laufbahn, die häufig aus Geldmangel unterbrochen werden muss, findet sich die große Mehrheit dieser Jugendlichen in der Arbeitslosigkeit wieder. Denn der Arbeitsmarkt in Benin kann nicht mehr als ein Fünftel dieser Absolventen pro Jahr aufnehmen. Hinzu kommt eine knallharte Konkurrenz von vielen privaten universitären Einrichtungen – sowohl was die Qualität der Ausbildung als auch was die Bemühungen um Eingliederung ihrer Studierenden in den Arbeitsmarkt angeht. Von diesen privaten Universitäten kommen jedes Jahr rund 10.000 Absolventen.

Viele von denen, die wir »Diplomierte ohne Abschluss « nennen, verdienen schließlich ihr Geld als Taxifahrer, auch auf dem Motorrad (die sogenannten Zémidjan), oder durch ein kleines Geschäft, sei es auf dem Markt, sei es vor der Haustür. Oder sie suchen sich ein Stipendium in Kanada, den USA, in China oder den Schwellenländern wie Brasilien, seltener in Ländern der Europäischen Union wie Deutschland oder Frankreich. Andere wiederum verlassen Benin auf dem Landweg und versuchen ihr Glück in Nigeria, Côte d’Ivoire oder Gabun. Manche versuchen auch im Losverfahren eine Einreisegenehmigung in die USA oder Kanada zu erhalten.

Ich möchte betonen, dass eine Politik der »ausgewählten Einwanderung« (diesen Ausdruck hat Frankreichs ehemaliger Präsident Nicolas Sarkozy verwendet) von Kanada aktiv vertreten wird. Gegen Ende der Schulzeit erhalten die besten Schüler der Privatschulen die Möglichkeit, in Kanada zu studieren, sowie die Garantie, sich dort niederlassen zu dürfen. Viele dieser jungen Leute kehren niemals wieder nach Benin zurück. Denn sie werden Teil eines Systems, das sie fordert, ihnen die Möglichkeit zum Studium verschafft hat und das erwartet, von ihnen zu profitieren, bevor sie daran denken können, in ihre Heimat zurückzukehren. Arbeit gibt es genug in Kanada, besonders in den Regionen mit sinkenden Bevölkerungszahlen.

Die Lehre: Chancen und Fallen

»In einem Land wie Benin mit wachsender Arbeitslosigkeit, in dem die Politik nur sehr wenig gegen die Krise auf dem Arbeitsmarkt unternimmt, wächst naturgemäß das Interesse an einer Lehre in einem praktischen Beruf. Dieser Berufsweg, der ein Weg par excellence zu einer selbstständigen Tätigkeit ist, hat im Hinblick auf Ausbildungsstätten und die Anzahl an Lehrlingen eine enorme Entwicklung erlebt. Von 36.000 Auszubildenden im Jahr 1979 ist die Zahl bis 1992 auf 144.414 gestiegen, bis zum Jahr 2001 auf 150.000.

Viele Kinder im Schulalter müssen den Schulbesuch aufgrund fehlender Mittel abbrechen. Den Eltern bleibt dann oft keine andere Wahl, als ihre Kinder in die Lehre zu schicken. Die Lehre, die lange als Zuflucht der intellektuell weniger Begabten, der Analphabeten und der ärmeren Schichten galt, wird heute zum Weg der Wahl vieler Eltern, die so ihren Kindern eine sichere Zukunft gewährleisten wollen. In Benin ist jedoch dieser Ausbildungsweg »Lehre« weit davon entfernt, in gesetzlich geregelten, gut organisierten und strukturierten Bahnen zu verlaufen. Bis auf den heutigen Tag gibt es Unwägbarkeiten wie der seltene Rekurs auf Text und Vorschriften, fehlende Kontrolle und Probleme institutioneller Art. Diese an Anarchie grenzenden Zustände sind eine Herausforderung nicht nur für die öffentliche Hand, sondern für jeden Bürger, jede Bürgerin Benins.

Mit der demografischen Entwicklung wird die Zahl der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die eine Lehre absolvieren, im Jahr 2016 auf 500.000 anwachsen. Diese Entwicklung kann man als Glücksfall werten, denn sie reduziert erheblich die Zahl der Kinder, die auf der Straße stehen, sowie die der Arbeitslosen im arbeitsfähigen Alter. Die Familien sind sehr zielstrebig und zwingen ihre Kinder, die die Schulausbildung abgebrochen haben, regelrecht zu dieser Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen. Ich bin manchen Erwachsenen begegnet, die in ihrer Jugend eine Lehre absolviert haben. Sie geben alle an, dass diese Zeit sehr hart gewesen sei, je nach dem Chef des Betriebs und der Ausbildung sogar unmenschlich. Aber dann fügen sie sofort hinzu, dass sie ihren späteren Erfolg genau dieser Härte zu verdanken haben. Denn als einzigen Weg für sie, nicht länger unter dem Joch eines solchen Chefs zu leiden, mussten sie alles daransetzen, sich durch die Qualität ihrer Arbeit davon zu befreien.

Ein Maurer, der einen zehnjährigen Lehrling in Vollzeit zehn Stunden am Tag beschäftigte, sagte mir, als ich ihn darauf ansprach: »Er ist ein Kind, das ich auf der Straße herumlungern sah. Um ihm eine Ausbildung für seine Zukunft zu ermöglichen, habe ich ihn gefragt, ob er mit mir arbeiten wolle. Aber wenn Sie mir jetzt mit Kinderrechten kommen, dann schicke ich ihn wieder auf der Straße zurück. Es ist Aufgabe des Staates, sich um seine Zukunft zu kümmern. Glauben Sie etwa daran?« Es ist nicht zu leugnen, dass dieser Maurer eine billige Arbeitskraft suchte. Indem er das Kind ausbeutet, sichert er ihm zugleich die Zukunft. Dieser Junge hat akzeptiert, einen Beruf auf diese harte Art und Weise zu lernen. Andere geben auf und laufen weg. Menschen wie dieser Maurer verkleinern die Zahl der Kinder auf der Straße, die ein soziales Pulverfass darstellen. Der Staat kann sich kaum darum kümmern, und die mit vielen versteckten Fallen verbundene Wahl, ein Kind entweder auf der Straße herumlungern zu lassen oder es bei der Arbeit auszubeuten, wird schnell getroffen und führt zu einer Art Sklaverei – im Namen des zukünftigen Berufs.

Im Lehrstellensystem der handwerklichen Berufe bestehen die Unzulänglichkeiten vor allem darin, dass gesetzliche Bestimmungen und Regelungen nicht beachtet werden. Die Kinder haben keinerlei Schutz gegen die verschiedenen Formen von Ausbeutung, denen sie an der Arbeitsstelle ausgesetzt sind. Diese Kinder in der Lehre, an die niemand denkt, sind an ihren Arbeitsstellen trotz verschiedener Vorschriften und Konventionen, die sie schützen sollen, mit Arbeit überlastet, sie kennen keinen Urlaub und keine Freizeit. Die grundlegenden Bedürfnisse dieser Kinder werden nicht befriedigt, sie können weder ihre Gefühle äußern noch Kreativität entwickeln. Sie leben unter menschenunwürdigen Bedingungen. Dabei verbietet doch das Zusatzabkommen zur Abschaffung der Sklaverei von 1956 genau solche Bedingungen.

Einerseits war das politische und wirtschaftliche System Benins lange Zeit von einem marxistisch- leninistischen Politikverständnis geprägt, in dem der Staat der einzige Arbeitgeber ist und die Macht hat auszubeuten. Infolgedessen erwartet man in Benin zunächst, dass der Staat Arbeitsplätze schafft. Diese Mentalität setzt sich in verschiedener Weise fort. Und in Benin ist der Staat der erste, der das Arbeitsrecht aushöhlt, indem er Praktikanten und Vertragsarbeiter über Jahre hinweg ohne soziale Absicherung ausbeutet.

Andererseits wird Kreativität nicht gerade durch finanzpolitische Maßnahmen gefördert, die etwa die nachhaltige Gründung privater Unternehmen für einen längeren Zeitraum absichern würden. Die hohen Steuern und die Auswirkungen der Korruption lasten schwer auf den Unternehmen, was es schwierig macht, kleine und mittlere Unternehmen auf Dauer rentabel zu führen. Meistens beuten diese dann ihrerseits ihre Angestellten, darunter Kinder und Jugendliche, aus.

Benin ist ein junges Land: Jugendliche stellen knapp drei Viertel der rund elf Millionen Einwohner.
FOTO: AFOLABI SOTUNDE/REUTERS

Perspektiven trotz verstellter Perspektiven

Wenn man mit einem »Diplomierten ohne Arbeit« spricht, der sich mit kleinen Gelegenheitsjobs über Wasser hält, stellt man eine gewisse Bitterkeit, aber auch ein Sich-Abfinden mit der Situation fest. Denn die moralische Stärke und die finanziellen Mittel fehlen, um sich im Privatsektor eine Zukunft aufzubauen. Gleichzeitig orientieren sich nicht wenige arbeitslose Akademiker beruflich um und probieren Berufe aus, für die sie nicht die nötige Ausbildung mitbringen. Es gibt Nichtregierungsorganisationen, die Unterstützung bei dem Versuch anbieten, sich selbstständig zu machen. Ein solcher Weg bedarf einer festen Überzeugung und eines hohen Engagements, bei dem man die Beamtenmentalität mit festgesetzten Arbeitszeiten und einem regelmäßigen Gehalt unbedingt hinter sich lassen muss.

Man kann sagen: Der Beniner liebt es auszuwandern, aber er verweigert sich zumeist dem Abenteuer, dabei sein Leben zu riskieren. Er träumt und wartet auf die am wenigsten riskante Möglichkeit, das Land zu verlassen. Im Allgemeinen meidet der Beniner das Risiko, denn er lebt in einem Land mit sehr günstigen geophysischen Bedingungen. Im Alltag gibt es kein größeres natürliches Risiko. Deshalb ist das Volk friedlich veranlagt und neigt nicht zu übertriebener Aggressivität. Die Auswanderer verfügen zum großen Teil über eine höhere Bildung und entsprechen dem, was man die »ausgewählte« Emigration nennen kann.

Um der Prekarität zu begegnen, haben manche Beniner das traditionelle System des sogenannten »Vidomégan« zu einem System lukrativer Ausbeutung entwickelt. In der traditionellen Kultur wird der oder die Heranwachsende von einer Tante, einem Onkel, einem wohlhabenden Familienmitglied erzogen und ausgebildet. Dieses traditionelle System hat in der Vergangenheit vielen armen und kinderreichen Familien geholfen, ihren Kindern eine schulische und berufliche Ausbildung zu garantieren. Leider haben heutzutage, da Geld und schneller Gewinn regieren, Personen mit üblen Absichten die Lukrativität eines solchen Systems entdeckt. So werden Kinder unter dem Vorwand, in der Stadt eine gute Ausbildung zu erhalten, von den Dörfern nach Nigeria verschickt, um Steine zu klopfen, für verschiedene Jobs nach Côte d’Ivoire oder in die städtischen Zentren Benins gebracht, um dort in einer Art Fronarbeit der Gnade ihrer Chefs ausgeliefert zu sein. Diese Form des Menschenhandels wird heute streng geahndet. Aber die Formen sind so vielfältig, dass die Polizei nicht nachkommt, zumal deren Mittel und Interventionsmöglichkeiten bei weitem nicht ausreichen.

Bei der Landjugend aus Benin sind die landwirtschaftlichen Betriebe in Nigeria gefragte Arbeitgeber, die gut bezahlen. Die Folge ist, dass die Dörfer entvölkert werden und der Mangel an starken Arbeitern zu einem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion in Benin führt. Der Gewinn war zuvor durch den hohen Kurs des nigerianischen Naira gewährleistet. Aber mit der aktuellen Krise in diesem Land und der drastischen Abwertung des Naira ist mit der Rückkehr einiger Arbeiter nach Benin zu rechnen. Diese werden aber nicht wieder auf den Feldern arbeiten, sondern die Masse der Arbeitslosen in den Randzonen der Städte vergrößern.

Was zur Zeit mit gemischtem Erfolg versucht wird, ist die Ausbildung zur beruflichen Selbstständigkeit in verschiedenen landwirtschaftlichen und kaufmännischen Berufszweigen wie der Weiterverarbeitung lokaler Produkte. Diese Perspektive, im eigenen Interesse im Heimatland zu investieren, wird für immer mehr Jugendliche interessant. Hier ein optimistisch stimmendes Beispiel:

Rodrigue gehört zu den 500 Jugendlichen, die im landwirtschaftlichen Unternehmertum ausgebildet wurden – im Rahmen des Projekts »Promotion de l’Entrepreneuriat Agricole pour la transformation des zones rurales« (PPEA), das von der Regierung Benins mit 51 Millionen US-Dollar gefördert wird und zu dem das Programm der Vereinten Nationen für Entwicklung (PNUD) weitere 1,5 Millionen US-Dollar beisteuert. Dieses Projekt zielt darauf ab, wirksame Lösungen für die Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung der Jugendlichen zu finden, indem das Unternehmertum und der Aufbau neuer landwirtschaftlicher Geschäftszweige gefördert sowie angemessene Arbeitsplätze geschaffen werden und man den Zugang zu Finanzdienstleistungen, Märkten und geeigneten Technologien erleichtert.

Diesen Optimismus gilt es zu stärken, auch wenn es weniger als der Hälfte der Jugendlichen gelingt, ihren Lebensunterhalt selbstständig zu verdienen. Es ist besser, ein Tropfen Wasser fällt in den Eimer als gar nichts. Denn, so sagt ein Sprichwort aus Benin: »Tropfen für Tropfen füllt der Palmwein die Kalebasse.« Die Schwierigkeiten, vor denen die Jugendlichen stehen, sind nicht nur finanzieller Natur, wie die folgenden Ausführungen belegen:

Von den 500 jungen Männern und Frauen, die im Programm PPEA ausgebildet worden sind, ist 163 die Selbstständigkeit im Beruf gelungen. Aber der schwierige Zugang zu Finanzquellen ist ein großes Hindernis für den Erfolg ihrer Unternehmen. Die Unterstützung im Wert von 500.000 CFA-Francs (das entspricht rund 760 Euro, Anm. der Red.) – 400.000 CFA-Francs für technische Ausrüstung und 100.000 CFA-Francs für die laufenden Kosten –, die sie im Rahmen des Projekts bekommen haben, hat ihnen den Start ihres Unternehmens und die ersten Aktivitäten ermöglicht.

Wenn die Aufnahme von Darlehen nötig ist, stellt sich heraus, dass viele sich nicht zum Unternehmer eignen, entweder, weil sie nicht fleißig sind, oder weil ihnen trotz ihrer Ausbildung der Unternehmergeist fremd bleibt. Es bedarf einer langfristigen Begleitung, um ihnen den Geist des Engagements im eigenen Land im Sinne der Brüderlichkeit, der Gerechtigkeit und der Arbeit zu vermitteln. Die Devise in Benin, die da lautet: »Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Arbeit«, bedarf in der Tat einer Überprüfung und erneuten Umsetzung.

Schlussfolgerung

Unsere Jugend wird sich in ihrem Heimatland verwirklichen und sich leicht in anderen Gesellschaften einfügen können, wenn sich Männer und Frauen mit politischer Verantwortung, mit einer Vision, großer Offenheit, gereift im Glauben und mit einer festen Überzeugung aufmachen und Schritt für Schritt umsetzen, was ich auf einem internationalen Symposium in Cotonou, Benin, 2008 wie folgt formuliert habe:

Die günstigen Bedingungen, die die Bürgerinnen und Bürger im Land halten, dürfen nicht von einer von außen kommenden Initiative abhängen, sondern hängen von unserer inneren Überzeugung ab. Die gute Führung des Staates, der Menschen und Güter lässt sich nicht von außen aufsetzen. Die fünf Bedingungen, um eine Freiheit und Sicherheit bietende Gesellschaft aufzubauen, sind:

1. das Blut, das heißt, die feste Überzeugung, dass wir ein Volk sind und ein gemeinsames Schicksal teilen,
2. ein gemeinsames Territorium – gemeint ist das Bewusstsein, dass es unser Land ist und dass niemand außer uns es richtig bebauen und die Grundlage schaffen kann, die uns alle ernährt,
3. eine gemeinsame Kultur, das heißt das erhaltene Erbe, das wir bewahren und an unsere Nachkommen weitergeben: das ist die Heimat,
4. ein Gesetz, eine Verfassung, also der Staat als Ort der aktiven Teilhabe in einem geordneten und subsidiären Rahmen des gesellschaftlichen Aufbaus, und schließlich
5. eine gemeinsame Zukunft, das heißt die volle kollektive und individuelle Überzeugung, dass wir unsere Fähigkeiten für den Aufbau der Nation einzusetzen haben. Der Staat kann nur funktionieren, wenn seine Bürgerinnen und Bürger davon überzeugt sind, eine Nation zu bilden.

Im Moment zweifele ich leider daran, dass die Männer und Frauen in politischer Verantwortung, aber auch die einfachen Bürgerinnen und Bürger über diese klare Überzeugung verfügen, dass sie einem Volk angehören – mit einem gemeinsamen Schicksal und einem gemeinsamen Vater namens »Benin«, einer Mutter »Afrika«. Deshalb glaube ich nicht, dass die Maßnahmen finanzieller Anreize des Westens, die den afrikanischen Staaten helfen sollen, ihre Bürgerinnen und Bürger im Land zu behalten, eine gute Sache sind. Um sich vor dem Armen zu schützen, unterstützt der Westen auf heimtückische Art und Weise Diktatur und Despotismus in den afrikanischen Staaten. Joseph Stieglitz hat ganz recht, wenn er all die Projekte und Wirtschaftsprogramme, die von außen auferlegt werden, wie folgt kommentiert: »Damit ein solches Programm funktioniert, bedarf es zunächst einer im Grunde ehrlichen Regierung, der es darum zu tun ist, das Gemeinwohl zu stärken. Und vor diesem Hintergrund müssen wir Europäer einsehen, dass wir nicht viel ausrichten können.«1

RAYMOND BERNARD GOUDJO
Sekretär der Kommission »Justitia et Pax« der Regionalen Bischofskonferenz Westafrikas (CERAO)
Aus dem Französischen übersetzt von Marco Moerschbacher

Ausgabe 04/2018

Ein Migrant aus Benin hofft auf eine bessere Zukunft in Deutschland. Die jungen Leute entfliehen Armut und Arbeitslosigkeit in ihrer Heimat.
FOTO: STEFANIE LOOS/REUTERS

ANMERKUNG
1 Joseph Stieglitz, La grande désillusion, Paris 2002, 250.

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