Die Pflicht des Erinnerns Zum Zusammenhang von Migration und Erinnerung aus theologisc corner

Die Pflicht des Erinnerns

Zum Zusammenhang von Migration und Erinnerung aus theologischer Perspektive

PETER C. PHAN

Noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht wie heute. Das zeigen die aktuellen Zahlen des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge 2018. Von den 68,5 Millionen Menschen auf der Flucht sind 25,4 Millionen Flüchtlinge, 40 Millionen Binnenvertriebene und 3,1 Millionen Asylsuchende. Das »Zeitalter der Migration« stellt die globale Gesellschaft vor zahlreiche Herausforderungen und verlangt nach neuen ethischen Antworten. Eine theologische Ethik der Migration sieht die Migranten in der Pflicht des Erinnerns und will sich an nichts Geringerem als dem Deus Migrator selbst messen lassen.

Illegale Migranten aus dem Sudan sind von Schleppern in einer Wüstenregion ausgesetzt worden. Mit Hilfe von LKW wollen sie die Grenze zu Libyen passieren. Die Spuren, die solche Erfahrungen hinterlassen, nimmt die »theologische Ethik der Migration« in den Blick.
FOTO: STRINGER/REUTERS

Das »Zeitalter der Migration«

Die bestürzenden Bilder vom ertrunkenen dreijährigen syrischen Jungen Alan Shenu, der mit seinem roten T-Shirt, seinen kurzen blauen Hosen und den schwarzen Schuhen mit dem Gesicht nach unten auf dem türkischen Strand lag, an den es ihn angeschwemmt hatte, gingen um die Welt. Sie führten den Menschen das Leid der Migranten und Flüchtlinge eindringlich vor Augen. Die neuzeitliche Migration hat zweifelsohne seismische Dimensionen. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sie sich zu einer weltweiten Erscheinung mit unvorstellbaren Ausmaßen und enormer Komplexität entwickelt. Es gibt praktisch keine Nation auf der Welt, die nicht einschneidend von ihr betroffen wäre, sei es als Herkunfts- oder als Zielland von Migranten.

Einem Statistikbericht zufolge lebten 2013 rund 232 Millionen Menschen – 3,2 Prozent der Weltbevölkerung – außerhalb ihres Herkunftslandes. Laut Prognosen wird die Migrationsrate künftig noch steigen. Die Kriege der jüngeren Zeit im Irak, in Afghanistan und zuletzt in Syrien sowie die Volksaufstände in mehreren Ländern des Nahen Ostens während des Arabischen Frühlings ließen die Zahl der Migranten und Flüchtlinge in die Höhe schnellen und das menschliche Leid ins Bewusstsein rücken. Laut des Berichts des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge gab es Ende 2017 weltweit rund 68,5 Millionen Vertriebene. Die Zahl der Menschen, die vor Krieg, Konflikten und Verfolgung fliehen, war noch nie so hoch wie heute. Im Vergleich dazu waren es ein Jahr zuvor 65,6 Millionen Menschen, vor zehn Jahren 37,5 Millionen Menschen. 85 Prozent der Flüchtlinge lebt in Entwicklungsländern. Rund die Hälfte aller Flüchtlinge sind Kinder.

Hinter diesen Zahlen verbergen sich menschliche Schicksale und Opfer von Tragödien riesigen Ausmaßes: Verlust von Land und Haus, auseinandergerissene Familien, körperliches Leid, Vergewaltigung und sexuelle Gewalt, Traumatisierung, fehlende Bildungschancen, unsichere Zukunft bis hin zum Verlust des Lebens. Die weltweiten Migrationsbewegungen sind heute so flächendeckend, häufig und massiv, dass man von unserer Zeit bereits als »Zeitalter der Migration« spricht.

Die Ethik der Migration und des Erinnerns

Im Mittelpunkt der meisten Debatten über die Ethik der Immigration stand – und das zu Recht – die Pflicht des Aufnahmelandes und der Ortskirche, die Fremden und Migranten in ihren Gemeinschaften willkommen zu heißen. Eine kurze Durchsicht der jüngsten Werke zur Ethik der Migration zeigt, dass sich die Forschenden in erster Linie mit der Tugend der Gastfreundschaft beschäftigten. Angesichts der heiligen Pflicht der Gastfreundschaft in antiken Gesellschaften und der biblischen Geschichte ist das keine Überraschung.

Nun ist dieser Ansatz zwar legitim und auch notwendig, um die Rechte von Migranten auf gerechte Behandlung im Sinne der sozialen Gerechtigkeit zu verteidigen. Er birgt allerdings die Gefahr, Migranten in erster Linie auf passive Empfänger oder gar hilflose Opfer zu reduzieren, die auf die Barmherzigkeit der Bürger in den Aufnahmeländern angewiesen sind. Um dieser Gefahr aus dem Weg zu gehen, wird betont, dass die Migranten ihrerseits in der Pflicht seien, sich vollständig und letztlich als Staatsbürger in die Aufnahmeländer zu integrieren, ihre bürgerlichen Pflichten zu erfüllen und ihren Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten.

Mein Beitrag verfolgt eine etwas andere Richtung: Im Mittelpunkt sollen bei mir nicht die ethischen Pflichten der Bürger und Kirchen der Gastländer, sondern die ethischen Pflichten der Migranten stehen. Natürlich leben Migranten und insbesondere Flüchtlinge in extrem prekären Umständen und brauchen ein einladendes Zuhause, um ihre Menschenwürde wiederzuerlangen, sowie großzügige Unterstützung, um ihr Wohl zu garantieren. Sie sind jedoch keine Empfänger von Almosen und dürfen auch nicht so behandelt werden. In erster Linie sind sie Akteure mit moralischen Pflichten. Zu diesen Pflichten gehört meines Erachtens die Pflicht des Erinnerns.

Inspiriert zu diesen Überlegungen wurde ich von einer Fernsehwerbung für den Black History Month in den USA. Ein alter schwarzer Mann mit gefurchter Stirn, der dennoch Hoffnung und Stärke ausstrahlte, sprach mit tiefer, aber auch stolzer Stimme. Auf die Frage, welchen Rat er seinen schwarzen Mitbürgern geben würde, erklärte er: »Vergesst nie, woher ihr kommt.« Sendungen dieser Art können natürlich nur kurze O-Töne liefern. Der Mann hatte also gar nicht die Zeit, seinen Appell näher zu erläutern. Das war aber nicht nötig. Auch so assoziierte man mit den Worten »woher ihr kommt« sofort die Jahre des unaussprechlichen Leids, als schwarze Sklaven wie Vieh gehandelt wurden, ihren weißen Herren zu dienen hatten und gelyncht wurden, wenn sie aufbegehrten. Im Folgenden werde ich zunächst erläutern, warum Migranten nicht vergessen dürfen, »woher sie kommen «. Dann erkläre ich, welchen Teil ihrer Vergangenheit Migranten nicht vergessen dürfen. Und abschließend untersuche ich, wie Migranten sich ihrer Vergangenheit erinnern sollten – dem Gastland, der aufnehmenden Kirche und sich selbst zuliebe.

»Woher du kommst«: Warum müssen sich Migranten erinnern?

Auf den ersten Blick mutet es unlogisch an, dass Migranten nicht vergessen dürfen, »woher sie kommen«. Für die meisten Migranten, vor allem jene, die ihre Heimatländer aus wirtschaftlichen Gründen verließen, und jene, denen in den Zielländern die Eingliederung gelang, ist »Heimat« im schlimmsten Fall ein Ort, an dem Armut und Rückständigkeit herrschen, und im besten Fall ein Ziel für gelegentliche nostalgische Besuche, jedoch kein Ort, an den man mit Freude zurückdenkt. Das Interesse dieser Menschen, die aus eigenem Entschluss ausgewandert sind, gilt in erster Linie der möglichst schnellen und effektiven Integration, damit sie in der neuen Gesellschaft akzeptiert werden und beruflich erfolgreich sein können. Sie zu mahnen, ihre Wurzeln nicht zu vergessen, klingt wie ein geschmackloser Scherz.

Menschen, die zu ihrem Schutz aus ihren Heimatländern fliehen müssen, fehlt es hingegen meist an den nötigen Fähigkeiten, um sich im Aufnahmeland beruflich und gesellschaftlich zu etablieren. Sie neigen dazu, ihre Heimat und ihr früheres Leben zu vermissen. Aufgrund der äußerst schmerzhaften Umstände, die sie zum Auswandern zwangen und weil ihre Flucht in Sicherheit und Freiheit durchweg mit Leid und Tragik verknüpft ist, neigen die Flüchtlinge dazu, die Erinnerungen an ihre Flucht zu verdrängen. Wenn sie sich überhaupt an ihr früheres Leben erinnern, ist ihre Erinnerung von Trauer und Nostalgie getränkt. Ihren alten Lebensstandard im Herkunftsland malen sie in ihrer Erinnerung schön – als Kontrast zum niedrigen Lebensstandard, den sie jetzt haben.

Aufgrund tatsächlicher oder gefühlter schwerer Verluste – nicht selten der Tod von Angehörigen und Freunden – geben sich Flüchtlinge häufig Gefühlen der Verbitterung und des Hasses auf die Menschen hin, denen sie die Schuld für ihre Verluste und ihre jetzige Lage geben. Sie lassen sich nicht so einfach auf die Kultur des Gastlandes ein und bleiben dauerhaft Fremde in einem fremden Land. Sie träumen davon, in die Heimat zurückzukehren und dort begraben zu werden. Für diese Flüchtlinge ist die Aufforderung, ihre Wurzeln nicht zu vergessen, – vor allem, wenn damit die unmenschlichen Umstände gemeint sind, die sie zur Flucht zwangen – gleichbedeutend mit der Forderung, sie mögen erneut in die Hölle hinabsteigen. Wenn diese Mahnung für freiwillige Auswanderer wie ein geschmackloser Scherz klingt, so ist sie für Zwangsmigranten ein grausamer Scherz.

Warum dürfen Migranten ihre Wurzeln dann nicht vergessen, und was müssen sie konkret in ihrem Gedächtnis bewahren?

Der zweiten Frage werden wir uns im Folgenden widmen. Was die erste Frage betrifft, so lautet die direkteste und bestimmteste Antwort: Weil es ein göttliches Gebot ist. Immer wieder ermahnt Jahwe die Israeliten eindringlich, nicht zu vergessen, woher sie kommen: »Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen« (Ex 22,20). Und an anderer Stelle: »Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen.« (Ex 23,9) Die kursiv gestellten Wörter ziehen sich wie ein Refrain durch die Hebräische Schrift und dienen als ethische Unterfütterung der verschiedenen Pflichten Israels gegenüber den Fremden unter ihnen.

Jahwe erinnert die Israeliten daran, dass sie Empathie mit Migranten haben sollten, weil sie doch »wissen, wie es einem Fremden zumute ist«. Aber wie kann man wirklich wissen, »wie einem Fremden zumute ist«, wenn man im eigenen Herzen nicht die Erinnerung an das eigene Migrantentum aufrechterhält? Kann man ohne Erinnerung daran, selbst Migrant gewesen zu sein, sich mit anderen Migranten identifizieren und das Gebot des Herrn erfüllen, den Fremden zu lieben wie sich selbst? Das »Selbst« ist hier ein Migrant/Fremder, kein Bürger oder irgendein Mensch. Man selbst als Migrant ist der Maßstab für die eigene Liebe gegenüber anderen Migranten, auch wenn man rein rechtlich kein Migrant mehr ist. Vielleicht muss man das göttliche Gebot wie folgt umformulieren: »Du sollst den Migranten so lieben, wie du dich selbst als einen Migranten liebst.« Mit anderen Worten: Migrant zu sein, ist eine permanente Identität und kein Abschnitt des Lebens, der letztlich endet, sobald man einen besseren sozialen Status erreicht hat.

Demzufolge gibt es also mindestens zwei wichtige Gründe dafür, dass Migranten nicht vergessen dürfen, woher sie kommen. Zum einen den theologischen Grund, nämlich die Großtaten Gottes (die magnalia Dei) zu verkünden, zu jubeln und Gott zu danken für seine Taten für alle Migranten. Der Gott der Hebräer, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist ein Gott, der die Migranten liebt und mit Großtaten begleitet: Gott ist ein migrantischer Gott (Deus Migrator). Nicht zu vergessen, dass man einst selbst Migrant war, ist folglich ein Akt der imitatio Dei, der ethischen Nachahmung Gottes.

Und zweitens den ethischen Grund, nämlich für Migranten zu tun, was Gott für sie getan hat. Zwischen dem theologischen und dem ethischen Grund gibt es einen immanenten und untrennbaren Zusammenhang. Man beachte die Konjunktion »denn« in den Worten, die auf das Gebot, Migranten zu lieben, folgen: »denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen «. Dass wir Migranten nicht ausnützen oder ausbeuten dürfen, ist ganz einfach darin begründet, dass wir selbst Migranten waren oder genauer sind. Dem scheint folgende ethische Logik zugrunde zu liegen: 1. Selbst Migrant zu sein, lässt einen begreifen, »wie dem Migranten zumute ist«. 2. Die Kenntnis dessen wird veredelt durch die Erinnerung an die eigene Erfahrung, Migrant zu sein. 3. Die Erinnerung an die eigene migrantische Vergangenheit liefert die ethische Grundlage für die eigene gerechte und liebevolle Behandlung von Migranten. Nicht zu vergessen, »woher man kommt«, ist deshalb ein moralischer Imperativ in der Ethik der Migration.

»Woher du kommst«: Woran müssen sich Migranten erinnern?

Wenn wir den moralischen Imperativ als gegeben voraussetzen, dass Migranten nicht vergessen dürfen, woher sie kommen, was umfasst dann das »woher sie kommen« genau? Wie viel davon muss erinnert werden? Es ist bekannt, dass wir uns gut an Dinge erinnern, die uns Spaß und Freude bescheren; dank der allgegenwärtigen Präsenz digitaler Kameras können wir diese Erinnerungen festhalten und die Fotos an Freunde verschicken und sie so in Echtzeit an diesen Momenten des Glücks teilhaben lassen. Bekannt ist auch, dass wir einschneidende Ereignisse in unserem Leben im Gedächtnis abspeichern: ob glückliche Ereignisse wie Hochzeiten und die Geburt von Kindern oder schmerzvolle und tragische wie Scheidungen oder der Tod geliebter Menschen. Erinnerungen – gespeicherte und verdrängte gleichermaßen – sind das, was uns zu dem machen, was wir sind. Sie prägen unsere sich ständig wandelnde Identität.

Wie jeder andere auch speichern und vergessen Migranten freudige und schmerzhafte Ereignisse; und wie jeder andere auch neigen sie dazu, letztere zu verdrängen, in ihrem Fall vor allem die Umstände ihrer Flucht aus ihrer Heimat. Das »woher sie kommen« ist daher keine objektive Sammlung unumstößlicher Fakten und Ereignisse aus ihrer Vergangenheit, sondern eine hochgradig subjektive Mischung aus Erinnerungen – manche verklärt und andere abgewertet, manche real und andere der Vorstellung entsprungen. In der Summe bilden sie die psychologischen und spirituellen Bausteine, mit denen Migranten ihr Leben im neuen Land wieder aufbauen.

Ungeachtet dieses vermengenden und unvollständigen Wesens ihrer Erinnerungen gibt es bestimmte Realitäten des »woher sie kommen«, zu deren Bewahrung und Stärkung die Migranten ermutigt werden sollten, damit sie ihr Selbstverständnis wahren und eigene Beiträge für das Gemeinwohl ihres Gastlandes einbringen können.

Dazu zählt zuallererst ihre Kultur und alles, was unter diesen Oberbegriff fällt. Für Migranten ist es wichtig, die Sprache der aufnehmenden Gesellschaft zu erlernen und sich mit deren Geschichte und kulturellen Traditionen vertraut zu machen, um ihre bürgerlichen Pflichten erfüllen zu können. Gleichzeitig ist es ihr Recht und ihre Pflicht, die eigene Sprache, ihre kulturellen Traditionen und Werte zu bewahren und zu fördern und sie an ihre Kinder weiterzugeben. Leider schämen sich Migranten und vor allem deren Kinder mitunter ihrer kulturellen Bräuche und Praktiken. Im neuen Land können sie als verschroben, altmodisch oder gar abergläubisch anmuten und von den neuen Nachbarn falsch verstanden und belächelt werden. Im fehlgeleiteten Versuch, sich von ihrem ethnischen Hintergrund zu lösen, sind Migranten dann schnell versucht, ihr altes und reiches kulturelles Erbe aufzugeben. Auch kann es sein, dass Arbeitszeiten und kalendarische Differenzen Migranten daran hindern, ihre heimischen Bräuche und Feste zu begehen. Angesichts dieser sehr realen Gefahr, ihre Wurzeln zu vergessen, ist es für Migranten umso dringender geboten, im neuen Land Möglichkeiten der Aufrechterhaltung von Erinnerungen und für das Feiern ihrer kulturellen Traditionen zu finden.

Einen weiteren Bestandteil der Wurzeln von Migranten bildet ihr religiöses Erbe. Im Gegensatz zu den frühen europäischen Einwanderern bringen die USA-Migranten seit den 1960er Jahren ihre eigenen nichtchristlichen Traditionen mit – mehrheitlich den Hinduismus, Buddhismus, Sikhismus und Konfuzianismus aus Asien sowie den Islam aus Afrika und dem Nahen Osten. Sie sind nicht bereit, ihren Glauben abzulegen und zum Christentum zu konvertieren und machen die USA damit zum Land mit der größten religiösen Vielfalt der Welt, um den Titel eines viel gelesenen Buches von Diana Eck zu zitieren.Zuwanderer in europäische Länder wie Großbritannien, Frankreich und Deutschland bringen den Islam mit.

Dank der Ausbreitung nichtchristlicher Gebetsstätten und religiöser Organisationen können nichtchristliche Migranten im Westen (anders als christliche Migranten bislang in nichtchristlichen Ländern) glücklicherweise ihre Religion weiterhin ausüben und verbreiten. Diese wachsende und zunehmend stimmliche Präsenz nichtchristlicher Migranten in den Kernländern des westlichen Christentums bildet eine enorme Herausforderung für das bis dato dominierende Christentum. An dieser Stelle können Migranten einen wichtigen Beitrag zum religiösen Leben ihrer neuen Heimat leisten, jedoch nur unter der Voraussetzung, dass sie ihre eigenen nichtchristlichen religiösen Überzeugungen nicht vergessen. Die Koexistenz vieler verschiedenartiger und mitunter im Konflikt befindlicher religiöser Traditionen macht den interreligiösen Dialog zu einer realen Möglichkeit und dringenden Notwendigkeit – mit enormen Vorteilen für die Migranten und ihre neuen Mitgläubigen in den Aufnahmeländern, aber auch die religiösen Gemeinschaften in ihren Heimatländern, wo religiös motivierte Kriege und Gewalt häufig der wichtigste Auslöser für ihre Auswanderung war.

Ein drittes Element der Vergangenheit der Migranten, das nicht dem Vergessen anheimfallen darf, ist deren eigene Ausprägung des Christentums. Wenn Migranten am Leben der christlichen Kirchen im Westen teilnehmen, werden sie zwangsläufig von den Andachtsritualen, spirituellen Praktiken und organisatorischen Strukturen dieser Kirchen geprägt, die häufig von ergebnisorientierter Effizienz, rationalisierter Bürokratie, guter finanzieller Ausstattung und rechtlichem Schutz beherrscht sind. Das ist notwendig, um ein reibungsloses Funktionieren der kirchlichen Aktivitäten in einer komplexen Gesellschaft zu garantieren. Es hat jedoch auch eine »dunkle Seite«, nämlich die, dass christliche Gemeinden dazu neigen, statt wie die »Familie Gottes« wie Unternehmen zu arbeiten. Hier können christliche Migranten aus der sogenannten Dritten Welt ihre Erfahrungen aus den Ortskirchen einbringen, die häufig in Form Kleiner Christlicher Gemeinschaften oder comunidades de base organisiert sind, in denen Laienführerschaft, Volksfrömmigkeit, gemeinsames Beten, Solidarität in der Gruppe sowie persönliche Freundschaft eine große Rolle spielen.

Gut fünf Jahre ist es her, dass Papst Franziskus auf der Insel Lampedusa an das Elend der dort strandenden oder im Meer ertrunkenen Menschen erinnert hat. Vor etwa 10.000 Migranten und Inselbewohnern forderte er die Abkehr von der »Globalisierung der Gleichgültigkeit«.
FOTO: EIDON/OSSERVATORE ROANO

»Woher du kommst«: Wie müssen sich Migranten erinnern?

Wie müssen sich Migranten an ihre Wurzeln erinnern, vor allem an die Schmerzen und das Leid, verursacht von den politischen Feinden, die sie ins Exil trieben? In der neueren Literatur zur Spiritualität der Friedens- und Versöhnungsarbeit liegt ein Schwerpunkt darauf, erlittenes Unrecht und Gewalt nicht einfach zu »vergeben und zu vergessen«, sondern dem Opfer Wege zu eröffnen, auf Gott, seine Feinde und sich selbst zuzugehen. Diese Spiritualität geht über die Strategien und Methoden der Konfliktlösung hinaus und bezieht sich auf die Versöhnung zwischen Einzelpersonen, Gruppen und ganzen Ländern. Ich möchte einige der dabei gewonnenen Erkenntnisse, vor allem die von Miroslav Volf entwickelten Gedanken, für die Beantwortung der Frage nutzen, wie sich Migranten daran erinnern müssen, woher sie kommen.

In seinem Werk Exclusion and Embrace befasst sich Volf mit den Herausforderungen der Versöhnungsarbeit bei tiefer Verfeindung, bei der die Trennlinie zwischen Opfern und Tätern dünn ist und die Opfer von heute die Täter von morgen sein können.»Embrace « (frei übersetzt mit »Vergebung«) als spirituelle Haltung gegenüber dem Tyrann ist von zwei Standpunkten geprägt: Großzügigkeit gegenüber dem Verursacher des Unrechts und Bewahrung flexibler Identitäten mit durchlässigen Grenzen.

Eine der zentralen Überlegungen in Exclusion and Embrace, die für unsere Frage, wie sich Migranten ihrer Wurzeln erinnern sollen, eine große Relevanz hat, ist die Aufrichtigkeit im Kontext von Feindschaft und Konflikt, insbesondere die Aufrichtigkeit in Bezug auf die Vergangenheit. Mit diesem Thema befasst sich Volf in einem späteren Werk ausführlich: The End of Memory: Remembering Rightly in a Violent World. Zwischen Titel und Untertitel des Buches gibt es einen bewussten Widerspruch. Volf will einer Art des Erinnerns ein Ende setzen und an ihre Stelle eine andere treten lassen. Das signalisiert das Wort »rightly«, also das richtige Erinnern. Die Frage ist nicht, ob man sich erinnern soll, sondern wie.

Volf schlägt ein dreifaches Erinnern vor: »wahrheitsgetreues Erinnern«, »Erinnern, um geheilt zu werden« und »Erinnern, um zu lernen«.Auf diese Weise, so Volf, erinnern wir uns nicht einfach als Individuen, sondern auch als Angehörige einer Gemeinschaft, die uns das richtige Erinnern lehren kann: das heißt, »Erinnern, das wahrheitsgetreu und gerecht ist, das Personen heilt, ohne dabei andere zu verletzen, das aus der Vergangenheit Motivation für den Kampf für Gerechtigkeit und die gnadenreiche Arbeit der Versöhnung entstehen lässt«. Ich möchte im Folgenden Volfs Konzept aufgreifen und auf die Situation von Migranten übertragen.

Das Konzept des Erinnerns

Wahrheitsgetreues Erinnern

Wie oben erwähnt neigen Migranten dazu, sich tendenziös an ihre Vergangenheit zu erinnern, indem sie entweder ihr Leid überhöhen oder die traumatischsten Erinnerungen verdrängen oder ihr früheres Leben im alten Land verklären. Um ihre Menschenwürde wiederzuerlangen, müssen sich Migranten wahrheitsgetreu daran erinnern, woher sie kommen. Dieses wahrheitsgetreue Erinnern hat drei Aspekte: 1. Etablierung der Fakten des erlittenen Unrechts, 2. Offenlegung der Strukturen der Lüge und der Muster der Gewalt des unterdrückenden Regimes und 3. Schaffung von Öffentlichkeit für die Fälle von Unrecht durch Berichte und Würdigung der Erinnerungen der Opfer.Diese Wahrheitssuche ist einerseits notwendig, damit die Überlebenden und Angehörigen der Opfer die Möglichkeit haben, mit der Sache abzuschließen, und andererseits damit sich Aufrichtigkeitsmuster entwickeln, auf deren Grundlage eine Moral entstehen kann.

FLÜCHTLING

Ein Flüchtling ist eine Person, die sich »aus begründeter Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtung nicht in Anspruch nehmen wird.«

(Artikel 1A, Genfer Flüchtlingskonvention von 1951)

Verlorene Heimat: Viele Flüchtlinge müssen damit zurechtkommen, dass Ihre Häuser und Wohnungen – wie hier in Aleppo – völlig zerstört worden sind.
FOTO: ABDALRHMAN/REUTERS

Gerechtes Erinnern

Die Wahrheit zu kennen, führt aber nicht zwangsläufig zur Versöhnung der Migranten mit denen, die Leid über sie gebracht haben. Vielmehr können daraus auch Rachegefühle und Hass entstehen. Versöhnung ist nur möglich, wenn auf das Ermitteln der Wahrheit auch die Herstellung von Gerechtigkeit folgt. Ohne Gerechtigkeit ist Versöhnung unmoralisch. Aber welche Art von Gerechtigkeit? Mit Sicherheit keine Gerechtigkeit, bei der die Täter einfach festgenommen, vor Gericht gestellt, verurteilt und bestraft werden. Gerechtigkeit muss auch ein Korrektiv sein und den Tätern die Möglichkeit eines moralischen Wandels geben; in bestrafender Gerechtigkeit steckt zu stark der Aspekt der Rache.

Es gibt jedoch drei weitere Gerechtigkeitsebenen, die Berücksichtigung finden müssen. 1. Die restitutive oder restorative (opferorientierte) Gerechtigkeit, die mittels Entschädigung der Opfer nach Wiedergutmachung strebt. In diesem Sinne haben Migranten und insbesondere Flüchtlinge das Recht auf Rückerstattung dessen, was sie verloren haben. Auch wenn eine Entschädigung die den Opfern zugefügten Schäden und Schmerzen nur lindern und nie ungeschehen machen kann, ist sie dennoch nötig und ein wichtiges Signal für die Wiederherstellung der Würde der Opfer. 2. Die strukturelle Gerechtigkeit, die Disparitäten in der Gesellschaft beseitigt. 3. Die gesetzliche Gerechtigkeit, durch die ein gerechtes Rechtssystem etabliert und die Rechtsstaatlichkeit durchgesetzt wird. Auf diesen beiden Ebenen der Gerechtigkeit können Migranten eine wichtige Rolle spielen, indem sie alle ihnen in den neuen Ländern zur Verfügung stehenden Instrumente nutzen, darunter politische Organisationen und wirtschaftlichen Druck.

Vergebendes Erinnern

Der dritte und schwerste Teil der Versöhnung ist das Vergeben. Vergebung ist unter anderem deshalb so schwer, weil es auf den ersten Blick vorauszusetzen scheint, die erlittene Gewalt zu vergessen – ganz nach dem geflügelten Wort vom »vergeben und vergessen«. Die meisten Opfer von körperlicher Folter und politischer Unterdrückung können die ihnen zugefügten Wunden jedoch nicht vergessen, weil sie sich ihnen für immer in Fleisch und Psyche gebrannt haben, und die Opfer das Gefühl haben, sie seien zur Vergebung nicht imstande. Vergeben wirkt wie ein Verrat an der Vergangenheit, vor allem an den Toten. An dieser Stelle sei angemerkt, dass wir statt zu »vergeben und zu vergessen « vielmehr »erinnern und vergeben« sollten. Es ist möglich, sich auf andere Weise zu erinnern, weil sich im Vergeben das Kräfteverhältnis zugunsten des Opfers geneigt hat: Es ist das Opfer und nur das Opfer, das die Macht hat, zu vergeben. Im Vergeben befreit sich das Opfer aus dem Griff seines Peinigers, macht sich frei vom Kräfteverhältnis der Vergangenheit und ist in der Lage, Angst und Leid hinter sich zu lassen und ein neues Leben zu leben.

Vergeben ist noch aus einem anderen Grund schwer. Voraussetzung dafür, zu vergeben, ist normalerweise das Eingestehen der Schuld durch den Peiniger, das Zeigen von Reue und das Bitten um Vergebung durch die Opfer. Aber es gibt nur wenige Täter, die das aufrichtigen Herzens tun, selbst wenn sie mit ihren bösen Taten konfrontiert werden. Meist leugnen sie schamlos jede Schuld oder fliehen außer Landes, während ihre Opfer mit dem Gefühl des erlittenen Unrechts zurückbleiben. An diesem Punkt nimmt die menschliche Vergebung die Merkmale der göttlichen Vergebung an. Dem christlichen Glauben zufolge vergibt Gott den Menschen nicht wegen, sondern bereits vor ihrer Reue – aus seiner ungeschuldeten Liebe und Barmherzigkeit heraus. Es ist Gottes Vergebung, die den Sünder dazu bringt zu bereuen, und nicht umgekehrt. Reue ist nicht die Vorbedingung, sondern die Frucht der Vergebung Gottes. In Nachahmung der ungeschuldeten Gnade und Liebe Gottes und durch die Gnade und Kraft Gottes vergeben die Opfer ihren Peinigern und Unterdrückern vor ihrer Reue und Bitte um Vergebung und nicht als Reaktion auf sie – mit der Hoffnung, dass diese Vergebung sie zu Reue und Wandel bringt. Genau wie die Vergebung Gottes hat die Vergebung der Opfer den Charakter eines Geschenks und Wunders. Erst dann können die rechtlichen und gesellschaftlichen Prozesse der Amnestie und Begnadigung anlaufen.

Konstruktives Erinnern

Ziel von Wahrheitsfindung, Wiederherstellung der Gerechtigkeit und Vergebung ist es letztlich, eine Gesellschaft zu schaffen, in der alle Bürger in Freiheit, Gleichheit und Harmonie leben können, und in der zumindest die Menschenrechte nicht mehr verletzt werden. Eine solche auf Wandel abzielende Praxis erfordert die Etablierung struktureller Gerechtigkeit im Zuge verschiedener gesellschaftlicher Reformen und gesetzlicher Gerechtigkeit durch Rechts- und Justizreformen. Mehr noch: Es bedarf eines demokratischen Staatswesens, in dem alle Bürger ihre bürgerlichen Rechte und Pflichten ausüben können. Zudem bedarf es eines Wirtschaftssystems, in dem alle die gleiche Chance haben, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, und in dem die Grundbedürfnisse der Armen und Schwachen befriedigt werden. Und nicht zuletzt müssen auch die kulturellen und religiösen Aspekte des Lebens berücksichtigt und entwickelt werden – durch Bildung, die Massenmedien und andere Mittel –, damit sich der Mensch ganzheitlich entfalten kann. Der Beitrag von Migranten zu diesem vierten Aspekt des Erinnerns mag häufig indirekt sein, ist jedoch nicht weniger wirkungsvoll: Er vollzieht sich mittels individueller und kollektiver Aktivitäten zur Förderung von Gerechtigkeit, Frieden, Bildung, Sozialleistungen und wirtschaftlicher Entwicklung während ihrer Diaspora. Ihre Rolle gewinnt stark an Bedeutung, wenn sie oder ihre Nachkommen eines Tages in die alte Heimat zurückkehren und sich dort am Wiederaufbau beteiligen können.

»Vergesst nie, woher ihr kommt!«

Die Worte des alten schwarzen Mannes hallen auch weiterhin in den Korridoren der Geschichte der – alten und neuen – Migrationsbewegungen. Nur wenn Migranten wissen, warum sie ihre Vergangenheit nicht vergessen dürfen, welche Elemente dieser Vergangenheit sie nicht vergessen dürfen und wie sie sich erinnern müssen, werden sie die Herausforderungen meistern und die einzigartigen Chancen nutzen, die der Deus Migrator ihnen gegeben hat.

PETER C. PHAN
Dr. theol., Dr. hum., ist Vorsitzender der Catholic Social Thought und Geschäftsführer des Graduiertenprogramms in Theologie und Religionswissenschaft an der Georgetown University, Washington D.C. (USA)

Ausgabe 5/2018

ANMERKUNGEN

1 Vgl. http://www.unhcr.org/figures-at-a-glance.html (Zugriff am 26.06.2018).
2 Das ist der Titel der besten einbändigen Studie zum Thema internationale Migration von Stephen Castles/Hein De Haas/Mark J. Miller, The Age of Migration. International Population Movements in the Modern World, New York 52014.
3 Vgl. Diana Eck, A New Religious Americirca. How A »Christian Country« Has Now Become the Most Religiously Diverse Nation on Earth, San Francisco 2001.
4 Miroslav Volf, Exclusion and Embrace. A Theological Exploration of Identity, Otherness, and Reconciliation, Nashville 1996.
5 Vgl. Miroslav Volf, The End of Memory. Remembering Rightly in a Violent World, Grand Rapids 2006.
6 Vgl. Miroslav Volf, »Memory of Reconciliation – Reconciliation of Memory«, in: Proceedings of the Fifty-ninth Annual Convention. The Catholic Theological Society of America, Bd. 59 (2004) 1.
7 Ebenda, S. 128.
8 Diese Wahrheitsfindung in Bezug auf die Verletzung von Menschenrechten war eine der drei Aufgaben der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika – neben der Festlegung von Entschädigungen für die Opfer der massenhaften menschenrechtsverletzungen und dem Gewähren von Amnestie für die Täter, die ihre Vergehen vollumfänglich und ehrlich zugegeben hatten.
9 Vgl. Donald W. Shriver, An Ethic for Enemies: Forgiveness in Politics, New York 1995, S. 6– 9.

Der Artikel ist eine gekürzte Fassung des Beitrags in: Klaus Krämer/Klaus Vellguth (Hrsg.), Migration und Flucht. Zwischen Heimatlosigkeit und Gastfreundschaft (ThEW 13), Freiburg i. Br. 2018.

Gratis-Ausgaben

Ich möchte Forum Weltkirche mit 2 Gratis-Ausgaben kennen lernen.

/ Bestellen bei HerderShop24